Nachdem mir gestern der Schlaf ein Schnippchen geschlagen hat, wenigstens noch ein paar Sätze zum 10.12.
Das Gespräch von Peter Korfmacher mit dem GDBA*-Chef Hans-Joachim Kliebes (*Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger) über die Situation an deutschen Theatern ist überfällig, auch wenns ein Interessenvertreter wie die Politiker ist. Politiker haben leider den x-fachen Platz für ihre Meinungen in den Medien. Die GDBA vertritt die Theaterkünstler. Also Sänger, Schauspieler, Tänzer, Dramaturgen, Regieassisten, Kostüm- und Bühnenbildner und andere mehr. Kliebes ist ein ruhiger, moderater Mensch. Kein lauter Ton ist seinen Statements zu entnehmen. Nur beinahe resignative Sachlichkeit. Er redet über die Unart der Haustarifverträge, die längst zum Usus geworden sind. Also Streichen der Zuwendungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Die Theater sind ohnehin eine Zeitarbeitsbranche. Festanstellungen gibt es nicht für Künstler, es sei denn sie sind 15 Jahre ununterbrochen an einem Haus beschäftigt. Und selbst das gilt mit dem neuen (seit 2002) Tarifvertrag nicht mehr ohne weiteres. Die Künstler sind in aller Regel studierte Leute, haben jahrelange Ausbildungen hinter sich. Und verdienen oft als Anfangsgehalt 1.600 €. Nicht netto. Brutto! Auch zwanzig Berufsjahre später verdienen viele Schauspieler nicht mal 2.500 €. Ganz selten 3000 €. Alles brutto! Samt erheblich mehr Abgaben als Normalverdiener, weil es eine zusätzliche Pflichtversicherung in Höhe von 4,5% des Bruttolohns (Arbeitnehmeranteil), abgezogen vom Nettolohn gibt. Also 90 € weniger bei 2.000 € Gehalt.
Zugegeben, Orchester und Chormitglieder verdienen mehr. Sie werden als "Kollektive" von einer anderen Gewerkschaft vertreten, "verhandeln" nicht individuell, im persönlichen Gespräch, mit dem Chef. ber auch diese Kollekte werden, wie Kliebes betont, immer häufiger aus finanziellen Motiven heraus zu Solisten umdefiniert.
Normale Gehaltssteigerungen überfordern bereits die allermeisten Theater, d.h. in aller Regel die Kommunen. Der Personalkostenanteil, im Grunde die eigentliche Investition der Theater, liegt ja bei 75% plus minus. Ideen, wie damit umzugehen ist, sind Mangelware. Rezepte (Kürzungen, Zusammenlegungen, GmbH-Bildungen) haben längst ihre Unschuld verloren, sind leerlaufender Aktionismus unter dem Label der Zukunftssicherung.
Ein grundsätzliches Manko liegt in der Betrachtung, dass sich Kunst im ökonomischen Sinne rechnen muss. Selbst, wenn vorausgesetzt wird, dass Kultur eine Umwegrentabilität besitzt (warum nur braucht die Semperoper Dresden eine statistisch so niedrige pro-Platz-Subvention?), ist der gesellschaftliche Reichtum (und Nutzen, jawohl!), den Kultur zur Folge hat, einfach nicht in seiner eigentlichen Dimension (an-)erkannt. Kultur trägt erheblich mehr zur Zivilisierung und Befriedung einer Gesellschaft bei als Sicherheitsorgane oder Militär. Nicht mehr das Schöne, Wahre, Gute als Zierat einer überholten Gesellschaftsschicht ist Inhalt von Theaterkunst, sondern z.B. die geistvolle Entschleunigung einer immer besinnungsloseren Lebens- und Arbeitswelt, mitunter stellen die Theater auch Strohhalme dar für die Vergewisserung einer Restwürde, die selbst ökonomisch nutzlosen Menschen nicht genommen werden darf.
Theater haben gesellschaftspolitischen Wert, hierin Schulen durchaus ähnlich. Sie besitzen nicht nur ökonomischen-, touristischen- oder Wohlfühl-Wert. Ein Anfang, dies anzuerkennen, wäre:
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt jede Theaterkarte (oder die einer anderen kulturellen Einrichtung) für Schüler oder Auszubildende mit einem bestimmten Satz. Als Beitrag zur kulturellen Bildung junger Menschen. Das würde nicht nur bestehenden Institutionen wie auch Kommunen oder Ländern eine Entlastung bringen, sondern auch die Anstrengungen der Theater, junge Zuschauer zu gewinnen, erheblich steigern. Und sollte auch die Kultur- und Bildungshoheit der Länder nicht negativ tangieren. Vor allem sollte es von der unseligen Ökonomie-Fixiertheit beim Blick auf die Kosten für Kultur wenigstens etwas freimachen.
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Freitag, 10. Dezember 2010
Montag, 18. Oktober 2010
lvz kultur vom 18.10.10: Dokfilmwoche, Folkwang Museum & Doktor Mabuse
Claas Danielsen sieht im Gespräch mit Norbert Wehrstedt das Dokfilmfestival zwar gur finanziert, besonders die Stadt Leipzig erhöhte den Etat um 100.000 €. Andererseits braucht Danielsen mehr Geld, um das Festival wirklich zukunftstauglich zu machen: Web 2.0, Datenbank, zentrales Ticketsystem sind Problemfelder. Ansonsten fehlen ihm zwei Säle für je 300-400 Personen, weil die Kapazität an ihre Grenze kommt. Auch wären aus demselben Grund 1-2 Tage mehr gut. Bleiben aber vorerst ein Traum. In der Konkurrenz mit Amsterdam sieht man sich gewappnet, Leipzig sei familiärer, außerdem sei die Kombi mit den Animationsfilmen ein eindeutiges Alleinstellungsmerkmal. Obwohl gerade dort der Frust wächst. Jacqueline Zeitz, bisher Chefin dieser Sektion, geht, sieht keine Weiterentwicklung, keine Chance auf größeres Gewicht dieser Sparte. Im politischen Dokfilm sei allerdings eine wachsende stilistische Vielfalt zu bewundern, die sich wenig um alte Dogmen scheren. Alte Dogmen scheinen allerdings für Danielsen selbst eine Rolle zu spielen, die "Retro", das Festival über Militär im deutschen Dokfilm, steht seines Erachtens im Gegensatz zur pazifistischen Tradition der Friedenstaube im Dokfilmlabel, weil es vom Militärhistorischen Museum unterstützt wurde. Zwar seien viele militärkritische Filme zu sehen, aber die political correctness siegt. Alte Dogmen frisch aufpoliert?
Eines der faszinierenden Sonderprogramme auf der 53. Festival für Dokumentar- und Animationsfilme trägt das Thema Kaukasische Lektionen. Eine der derzeit gefährlichsten, aber auch vielschichtigsten gegenden der Erde mit ihren "Vielzahl von Ethnien, Kulturen und Religionen" und Menschen, die in mindestens 38 verschiedenen Sprachen sprechen, steht im Zentrum der Reihe, die lvz titelt mit "Seiltänzer, Dichter, Nomaden". Obwohl auch das Schicksal armenischer Bullen und das von tschetschenischen Selbstmordattentäterinnen in Filmen im Mittelpunkt stehen.
Eine eindrucksvolle Schau von Bildern impressionistischer Maler und Fotografen steht im Mittelpunkt der Ausstellung "Bilder einer Metropole - Die Impressionisten in Paris", die im Rahmen des Programms der diesjährigen Kulturhauptstadt Ruhrgebiet im Folkwang Museum Essen gezeigt wird. Ulrich Traub meint, die Maler haben eindeutig stärker zur schwärmerischen Verklärung Paris' beigetragen. Die Dramatik der gravierenden Veränderungen in der industriellen Epoche des 19. Jahrhunderts abzubilden, wäre die dokumentarische Kunst der Fotografie erheblich besser geeignet.
Im Vergleich zum legendären Stummfilm von Fritz-Lang über den Verbrecher "Doktor Mabuse" kann die Inszenierung des Dessauer Intendanten André Bücker laut Nina May nicht wirklich mithalten. Obwohl das Spiel mit Masken und Wahrnehmung doch ein originäres Sujet für das Theater abgeben müsste. Das mit vielen Facetten aus der freudianischen Psychoanalyse versehene Thema zeigt die unheimliche kriminelle Zwischenwelt, "in der sich die Zuschauer nicht auf ihre Sinne verlassen können", im Anhaltinischen Theater in einem Vexierspiel von Spiegeln und Videoprojektionen durchaus eindrucksvoll . Allerdings beschreibt Nina May die Handschrift der Inszenierung doch als eher "krakelig". Das Dessauer Publikum feierte sie gleichwohl.
Eines der faszinierenden Sonderprogramme auf der 53. Festival für Dokumentar- und Animationsfilme trägt das Thema Kaukasische Lektionen. Eine der derzeit gefährlichsten, aber auch vielschichtigsten gegenden der Erde mit ihren "Vielzahl von Ethnien, Kulturen und Religionen" und Menschen, die in mindestens 38 verschiedenen Sprachen sprechen, steht im Zentrum der Reihe, die lvz titelt mit "Seiltänzer, Dichter, Nomaden". Obwohl auch das Schicksal armenischer Bullen und das von tschetschenischen Selbstmordattentäterinnen in Filmen im Mittelpunkt stehen.
Eine eindrucksvolle Schau von Bildern impressionistischer Maler und Fotografen steht im Mittelpunkt der Ausstellung "Bilder einer Metropole - Die Impressionisten in Paris", die im Rahmen des Programms der diesjährigen Kulturhauptstadt Ruhrgebiet im Folkwang Museum Essen gezeigt wird. Ulrich Traub meint, die Maler haben eindeutig stärker zur schwärmerischen Verklärung Paris' beigetragen. Die Dramatik der gravierenden Veränderungen in der industriellen Epoche des 19. Jahrhunderts abzubilden, wäre die dokumentarische Kunst der Fotografie erheblich besser geeignet.
Im Vergleich zum legendären Stummfilm von Fritz-Lang über den Verbrecher "Doktor Mabuse" kann die Inszenierung des Dessauer Intendanten André Bücker laut Nina May nicht wirklich mithalten. Obwohl das Spiel mit Masken und Wahrnehmung doch ein originäres Sujet für das Theater abgeben müsste. Das mit vielen Facetten aus der freudianischen Psychoanalyse versehene Thema zeigt die unheimliche kriminelle Zwischenwelt, "in der sich die Zuschauer nicht auf ihre Sinne verlassen können", im Anhaltinischen Theater in einem Vexierspiel von Spiegeln und Videoprojektionen durchaus eindrucksvoll . Allerdings beschreibt Nina May die Handschrift der Inszenierung doch als eher "krakelig". Das Dessauer Publikum feierte sie gleichwohl.
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