Der Sturm im Wasserglas behält Unterhaltungswert: Die umstrittene Installation von Ottmar Hörl, der 800 bunte Lutherfiguren auf den Wittenberger Rathausplatz stellte, ruft nun - nach Friedrich Schorlemmers Verdikt vom "geschmacklosen Ablasshandel" - lokalpolitisch inspirierte Befürworter auf den Plan. Die Diskussion darüber, ob die Luther-Zwerge "Kunst" seien oder nicht, sei "gut und richtig", befindet Wittenbergs OBM Naumann. "Luther kommt zu uns, bleibt nicht oben auf dem Sockel" hat jemand die gegenwärtige umfassendere Kunstdebatte virtuos auf den Punkt gebracht.
Sturm im Wasserglas trifft auch auf den Aufmacher der lvz kultur zu. Hier schreibt Martin Eich über des "Regisseur des ästhetisch-dramaturgischen One-Night-Stands", Sebastian Hartmann, Intendant des Centraltheater Leipzig. Nachdem jemand gleich zu Beginn vom Sockel geholt wird, lässt er sich natürlich entsprechend einfacher angepinkeln. Martin Eich wirft Hartmann als erstes Allmachtsphantasien vor, und dass er nicht davor zurückschrecke, Kritiker zu bekämpfen statt sie zu widerlegen und sie im Zweifel auch zu verleumden. Eich stellt sein Kritikerlicht auch nicht gerade unter den Scheffel, indem er sich anmaßt, Antonin Artaud, Vorbild Hartmanns, als "Totengräber aller Werte der Aufklärung" zu denunzieren und dessen Gedanken gleichsam zur "Ideologie des Misserfolgs" erklärt, schließlich sei die einzige Umsetzung in die Praxis, die zu Lebzeiten Artauds vorgenommen wurde, ein "Reinfall" geworden. Weiter zitiert er genüsslich aus Verrissen ("Castorf im Rosinenformat", "präpotentes Jungenkonzept von Theater") und "widerlegt" weniger den Regisseur als dass er ihn mit Zitaten Dritter "bekämpft". Was Hartmann künstlerisch vorgeworfen werden soll, bleibt unklar, dass sich Chef Hartmann die "Welt als Wille und Vorstellung" nach eigenem Gusto stricke, ist dabei nicht einmal als abwegig anzusehen. Nur steht er damit nicht allein in der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins.
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Montag, 16. August 2010
Sonntag, 15. August 2010
lvz kultur vom 13.08.10: Luther-Botschafter und Thomas Freitag
Der 13. ist zwar schon ein paar Tage her, aber auf zwei Dinge soll doch noch kurz eingegangen werden: Das Wittenberger Sommerevent der 800 bunten Luther-Botschafter vor dem Rathaus, die auf das Reformationsjubiläum 2017 hinweisen sollen, hat erwartungsgemäß Kritiker gefunden. Die im Volksmund Plaste-Luther genannten, 1 Meter großen Figuren, werden etwa vom vom Theologen und Hobby-Kunstkritiker Friedrich Schorlemmer als "einfach nur peinlich" befunden. Bestimmt macht die LVZ demnächst eine ihrer geschmackssicheren Telefonumfragen zur brennenden Luther-Zwerge-Frage, und das Volk darf sich in ihrer Zeitung zwischen "ist doch süß" und "dieser Künstler will doch nur auffallen" entscheiden. The Show must go on.
Ähnlich amüsant liest sich die Premierenbesprechung über Thomas Freitags neues altes Kabarett-Programm "Best of" bei den Academixern. Mark Daniel kommt abschließend zum Eindruck, dass Freitag "Publikumserwartungen nur bedingt" bediene. Soll heißen, auch flaue Witze und Rückgriffe auf Polit- und andere Entertainer, die unter 35-Jährige nur noch aus Jahrhundertsrückblicken kennen (Strauß, Brandt, Wehner, Kohl, Jupp Derwall) kämen vor, allerdings auch scharfe satirische Paukenschläge (Kindstod, Landminen). Freitag könne sich allerdings nicht recht zwischen "Klamaukigem" (aber ohne seine Botschaft zu verraten) und "Intellektuellem" (selbst wenn er poltere), "Populärem" (ohne Ismus) und "Feingeistigem" ("Kleist"!, "Reich-Ranicki"!) entscheiden, sicher aber kämpfe er gegen langweiliges Spießertum, was den Abend immerhin zu einem "fabelhaften" und zudem ausverkauften mache, jedenfalls, wenn er sich denn noch etwas vom "profilschwächelnden (!)Wischiwaschi" abgrenzte usw.
Ähnlich amüsant liest sich die Premierenbesprechung über Thomas Freitags neues altes Kabarett-Programm "Best of" bei den Academixern. Mark Daniel kommt abschließend zum Eindruck, dass Freitag "Publikumserwartungen nur bedingt" bediene. Soll heißen, auch flaue Witze und Rückgriffe auf Polit- und andere Entertainer, die unter 35-Jährige nur noch aus Jahrhundertsrückblicken kennen (Strauß, Brandt, Wehner, Kohl, Jupp Derwall) kämen vor, allerdings auch scharfe satirische Paukenschläge (Kindstod, Landminen). Freitag könne sich allerdings nicht recht zwischen "Klamaukigem" (aber ohne seine Botschaft zu verraten) und "Intellektuellem" (selbst wenn er poltere), "Populärem" (ohne Ismus) und "Feingeistigem" ("Kleist"!, "Reich-Ranicki"!) entscheiden, sicher aber kämpfe er gegen langweiliges Spießertum, was den Abend immerhin zu einem "fabelhaften" und zudem ausverkauften mache, jedenfalls, wenn er sich denn noch etwas vom "profilschwächelnden (!)Wischiwaschi" abgrenzte usw.
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