Posts mit dem Label Sebastian Hartmann werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sebastian Hartmann werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 12. Februar 2011

Lvz kultur vom 11.2.11: Ich bin die Revolution! Gianna Nannini, Berlinale, Pension Schöller

Eine oxytocinüberdosierte Gianna Nannini lallt ihr Mutterglück in die Welt – und hält sich prompt für die fleischgewordene (Frauen-)Revolution. Ist das nichts als Werbung für ihre neue Platte „Io e te“? Seit dreißig Jahren kämpfe die nunmehr 54-jährige frischgebackene Mutter für das Selbstbestimmungsrecht der Frau darüber, wann sie schwanger werden wolle. Ob diese Revolution bedeuten soll, dass künftig Frauen mit 50+ schwanger werden sollten, bleibt besser unbeantwortet. Aber gönnen wir Frau Nannini ihr häusliches Glück, auf welchem Wege auch immer dies zustandegekommen ist. Im Interview mit Sebastian Weber bezeichnet Nannini die Mutterschaft als eine Art Droge, die ihre Gesangsfähigkeiten enorm verbessert hätten, und stellt die Liebe zum Neugeborenen („Einheit, Person und Energie“) der Liebe in einer Partnerschaft („seltsam“, „immer mit Ängsten, Problemen oder sogar Krisen verbunden“) entgegen. In der Partnerschaft fühle sie sich in der Regel “nicht wirklich eins“ mit dem Beziehungspartner. „Anders die Geburt. In diesem Moment schenkst du die Liebe. Es ist die Geburt der Liebe..., die Geburt einer Einheit, einer Energie“.
Diese durchaus eitle und überhebliche Sichtweise, die das Werk bestimmter chemischer Hormone wie Oxytocin, die Liebe und Bindungen fördern, in  metaphysische Sphären heben will, macht sich selbst zum Muster statt zum Einzelfall, erhöht damit noch den Liebeszwang der Mütter, und schließt Personen aus, für die dieses Erlebnis - ohne eigene Schuld - nicht gilt. Nannini mystifiziert, wie es zu ihrer eigenen, späten Mutterschaft gekommen ist („Es war ein Engel, der mir das sagte“). Ihre Geschichte klingt tatsächlich wie eine neue jungfräuliche Mariengeburt. Männer waren scheinbar in keiner Phase im Spiel. Dazu kommt, dass sie selbst klingt wie die Erlöserin höchstpersönlich („Ich bin die Revolution“). Was viele 50-Jährige neugierig, wenn nicht neidisch werden lässt, wie sie z.B. zu dieser Schwangerschaft gekommen ist, von all dem kein Wort. Stattdessen Mystifikationen. Wie sagte Sebastian Weber anfangs: „Herzlichen Glückwunsch.“

Norbert Wehrstedt ist noch regelrecht trunken von seinem Erlebnis der Coen-Brüder auf der Berlinale, schon möchte er sich am liebsten zum Schlafen niederlegen. Doch zuvor muss er noch „Der Preis“ von Paula Markovitch sehen, der den müden Wehrstedt scheinbar nicht vom Schlafen abhalten konnte. So kommen dann – ich kann das gut nachvollziehen – Sätze heraus wie einer seiner Eingangssätze: „Die 42-jährige Argentinierin Paula Markovitch traf eine Krux, die auch andere Filmemacher jenseits der Filmindustrien trifft.“ Abgesehen davon, dass eine Krux nicht „trifft“, sie liegt möglicherweise irgendwo. Bei Wehrstedt  liegt sie darin, dass sein Satz weder verständlich ist,  noch überhaupt einen Sinn ergibt. Zudem muss man auch wegen dessen Unverständlichkeit geradezu raten, ob der Satz transitiv oder intransitiv gemeint ist. All das ermuntert nicht zum Weiterlesen. Wenn man überhaupt bis dorthin gelangt ist. Wehrstedt, dem Markovitch' Satz „Kino ist die Kunst, in Bildern zu erzählen“, so sehr gefällt, leistet dies selbst kaum. Schon das erste Bild in seinem ersten Satz, „Die Berlinale probt im Wettbewerb das Wechselbad“, ist so schief, dass es Wehrstedt gleich auf die Füße fällt.
Den Film „Margin Call“ von JC Chandor beschreibt Wehrstedt als „energiegeladenes Kammerspiel“ über die Gier der Menschen. Allein schon Demi Moore („unheimlich streng und sexy“) hat Wehrstedt diesmal wachgehalten. Außerdem scheint er Chandor gern darin übereinzustimmen, „dass wir eine neue Moral brauchen“. Und als drittes, möglicherweise entscheidendes Plus des Films nennt er das „menschlich aufwühlende“ Bild, wie einer der Banker im Film „seinen toten Hund begräbt“. Von den ganzen Finanztransaktionen im Film hat Wehrstedt daraufhin ruhigen Gewissens nichts verstanden.

Lesbarer und bezügereicher ist Maja Zehrts Artikel über „Leerstellen“ auf der Berlinale, die es eigentlich garnicht geben dürfte. Tut es aber doch. Die kalkulierte Leerstelle auf der Eröffnungsgala für den inhaftierten iranischen Regisseur Jafar Panahi ist nicht das einzige Beispiel. Ein schmerzender und gleichzeitig visionärer Brief Panahis wurde verlesen, den er aus dem Gefängnis schmuggeln konnte. „Niemand weiß, welchen Preis der Regisseur für seinen Mut bezahlen wird.“ Im Vergleich dazu sind die anderen Leerstellen, von denen Zehrt spricht, eher anekdotischer Natur. Das Fernbleiben des Coen-Teams bei ihrem eigenen Film etwa oder auch die Meldung, dass Madonna sich auf einen dreiminütigen Ausschnitt aus ihrem Film begrenzen wird. „Davo und danach gibt es: Leere.“

In einem so bissigen wie witzigen Beitrag für „ausgepresst“ stellt Jürgen Kleindienst den Antrag, dass die Schule erst um 9 Uhr beginnen, stattdessen Kinderarbeit in Theater und Fußball bis mindestens Mitternacht erlaubt werden solle.Nicht zuletzt unter dem Hinweis, dass „die jungen Menschen“ in der Zeit, in der sie auf der Bühne oder dem Platz stünden, sich nicht mit Nintendo oder Super RTL beschäftigen können.

Nina May hat ihren Besuch der "Pension Schöller" im Centraltheater wie gewohnt nicht mit einer einheitlichen Meinung abschließen können. „Ärger, Genervtheit und Langeweile“ empfindet sie im ersten, noch schwankhaften Teil der Inszenierung. Ihr missfällt die Masche, die Schauspieler „herumzappeln“ zu lassen (Maximilian Brauer), „abgehackt quäkend schreien“ zu lassen (Peter René Lüdicke) oder dem Text alle Leichtigkeit zu nehmen, indem es „mit allerlei Zusatzszenen aufgebläht“ werde. Da bricht sie schon mal den Stab über die Hartmann-Kunst („Künstler gerieren sich auf der Bühne in ihrem von Kirschgarten bis Prozess überstrapazierten Leerlauf – in der Annahme, innovatives Theater zu machen“), um ihn gleich anschließend wieder zusammenzuleimen. Die Figuren der vorgeblichen Irrenanstalt seien schlicht „großartig“: Birgit Unterweger, Ingolf Müller-Beck, Barbara Trommer, Hagen Oechel, Holger Stockhaus und auch Matthias Hummitzsch. Kehrtwende nach der Pause: Zwischen Thriller und Mafiosi-Film changiert das Genre nun, das auf der Bühne anzusehen sei. Einige aktuelle Anspielungen bis hin zu „Agit-Prop“ bleiben selbstverständlich nicht aus. Das einzige, was der May fehlt, worauf sie sich wohl gefreut hatte, ist der im Programmheft versprochene „Kommentar über das nervöse Zeitalter“. Scheint fast wieder vergessen, als Linda Pöppel nach annähernd vier Stunden in einem furiosen Schlussmonolog das Publikum zum Ab- oder Ausklatschen herausfordert, allerdings erst bei deftigeren Zitaten aus den Rängen sich wirklich zum Aufhören überreden lassen kann.

Mit ein wenig Etikettenschwindel, oder besser, typisch Leipziger Großmannssucht wurde mal wieder der Leipziger Theaterpreis vergeben. Nicht, dass die ausgezeichneten Schauspieler Guido Lambrecht und Hagen Oechel den Preis nicht verdienen würden. Das tun sie allerdings. Es wird nur wie schon in den Vorjahren der Eindruck erweckt, als seien die einzigen, in Frage kommenden  Schauspieler, Tänzer, Sänger etc. für den „Leipziger Theaterpreis“ am Centraltheater beschäftigt. Die Freunde des Schauspiel Leipzig e.V. haben sich allerdings in anderen Spielstätten der Stadt bisher nicht umgesehen. Leipziger Centraltheaterpreis wäre also bis auf weiteres die korrektere Bezeichnung. Nichtsdestotrotz, mit Sebastian Weber zu sprechen, „Herzlichen Glückwunsch.“

Samstag, 22. Januar 2011

lvz kultur vom 22.1.11: Buddhismus im Ballett. Dieter Nuhr. Hilary Hahn. David Wedel.

Der Gipfel war höchstens ein Hügel. Weitblick dementsprechend begrenzt. Dieter Nuhr, Gastgeber des ARD-"Satire-Gipfels", halfen auch die Sherpas Teubner und Knop an seiner Seite nicht. Janina Fleischer moniert, dem "Scheibenwischer"-Nachfolger fehle es an Mut und Wut. Ohne klare Konzeption, "zwischen allen Stühlen ist Ruh'." Und die "birgt die Gefahr der Müdigkeit".
Nuhrs "Verachtung für billig gekauftes Lachen" kehrt sich gegen ihn, wenn er selbst auf die Billigschiene einschwenkt ("Gesine Lötzsch als Thilo Sarrazin der Linken" oder Namenswitze), auf der keine "Fortführung, gar Zuspitzung eines Gedankens" erfolge. Seine ablehnende Haltung gegenüber dem Kabarett, das er für "überholt" hält, richtet sich scheinbar nur gegen sein eigenes Publikum, die "Wutbürger", und deren "Empörung" als Grundhaltung. Janina Fleischer kann nicht erkennen, warum sich der vielfach preisgekrönte Comedian und Kabarettist auf das "Terrain traditionell gesellschaftskritischer Unterhaltung" begebe, wenn er dessen "Kunstjammern" gleichzeitig verachte. In ihrem Leitartikel auf Seite Eins urteilt sie, "auf dem für den ersten Abend programmatischen Weg zur Lebensfreude wird das einst Maßstäbe setzende TV-Format unscharf", Fleischer hätte gerne, dass "der Schuster bei seinem Leisten bleibt."

Es war wieder Zeit für ein Großes Concert in der lvz, diemal schreibt Charlotte Schrimpff über das Debüt der amerikanischen Violinistin Hilary Hahn im Gewandhaus. Während die Zuschauer sich kaum auf den Sitzen halten vor lauter Begeisterung und "Bravi" für die Solistin, verzeichnet Schrimpff zwar "maklellos sauberes, technisch einwandfreies, niemals steriles" Spiel, lässt aber durchblicken, dass es ohne jeden Hauch einer "interpretatorischen Kühnheit", geschweige "überbordenden Exzentrizität" war, was klingt, als sei sie ein wenig gelangweilt gewesen. Zumal das Programm (Vieuxtemps' Viertes Violinkonzert, César Francks erste Sinfonie und Leó Weiners Serenade) nicht begeistern kann und Jiri Belohlávek am Pult zwar "keinesfalls grob", aber am Schluss doch etwas zu selbstzufrieden mit seiner eigenen Leistung schien.

In dem Umfeld wundert es nicht, dass Jürgen Kleindienst in seiner "ausgepresst"-Glosse ebenfalls etwas müde und uninspiriert wirkt. Macht sich über den "Anachronismus" der soldatischen Ausbildung auf einem vergrößerten "Buddelschiff" lustig, das ja eigentlich eher für "Traumschiff"-Reisen geeignet scheine. Dass er den Unfall, der Ausgangspunkt für eine Beinahe-"Meuterei" wurde, als "tragisch" benennt, ist aber schon ein Missgriff. Denn der scheint eher mutwillig herbeigeführt zu sein, zumindest von den Vorgestzten an Bord als eine Art Kollateralschaden einkalkuliert. Anachronistisch scheint eher die "Stell dich nicht so an!"-Pädagogik bzw. Menschenführung der Offiziere gewesen zu sein, die hier ein Opfer gefordert hatte. Auch der Korpsgeist der Mannschaft ("Hier hält jeder Neue seinen Arsch hin"), für die Vergewaltigung und Mobbing zum Ritus dazugehört, wirkt anachronistischer als das Schiff selbst. Und statt der "Anarchie", die Kleindienst etwas verschämt ins Spiel bringt, wenigstens im Text einen Ort zu geben, kneift er in dem Fall und mündet zum wiederholten Mal in die Verniedlichung des Anachronismus, die der vorindustriellen Welt des Seglers geschuldet ist. Dabei wäre Anarchie, Gesetzlosigkeit, für das Verhalten der Besatzung bzw. der Schiffsführung sogar der adäquate Begriff gewesen. Im Wissen um die Vorfälle wirkt Kleindiensts Text verharmlosend.

Der neue Ballettchef an der Oper, Mario Schröder, kündigt in einem Gespräch mit Claudia Panzner zwei Choreographien nach der Carmina Burana von Orff (die die lvz redakteurin zurecht wenig interessiert) und nach einem aufsehenserregenden neuen Musikstück des 28-jährigen John Adams, "Dharma at Big Sur", an. Mit diesem Werk, das für Orchester und E-Geige geschrieben wurde, hätte das Gewandhaus bei jungem Publikum endlich mal punkten können. Dies unternimmt nun das Ballett. David Wedel, am Gewandhaus Erster Kapellmeister der Zweiten Violinen (was es nicht alles gibt), hat sich in die E-Geige eingearbeitet, sogar noch in das geforderte, erheblich ungewöhnlichere 6-seitige Instrument. Mit der E-Geige, die vornehmlich für Freestyle genutzt werde, müsse er hier einerseits "klassisch" spielen, was schon ungewöhnlich sei. Zusätzlich erwarte Komponist Adams aber, dass die Noten "leicht animprovisiert, angejazzt" werden. Darin liege sogar die "wahre Bedeutung" dieser Musik "zwischen den Noten". Auch die Musik selbst, die Paraphrase einer Fahrt entlang der kalifornischen Steilküste als spirituelle Erfahrung, macht neugierig.

Sonst die üblichen Geburtstags-/Jubiläumsberichte. Hie 25 Jahre Todestag von Beuys (Dorothea Hülsmeier zitiert den ehemaligen Meisterschüler Beuys', Johannes Stüttgen: "Jahrhundertfigur") und schreibt: "Beuys boomt". Naja.
Und Jens Wonneberger schreibt über den 450. Geburtstag des Philosophen und Wissenschaftlers Francis Bacon ("Wissen ist Macht"), der als Vorläufer der Aufklärung gilt. Welche Aktualität seine Forderung einer "praktischen Nutzanwendung der Naturwissenschaft" heute, einige industrielle Revolutionen und Weltkriege später, haben oder bedeuten könne, klingt allerdings an keiner Stelle an. Allein totes Allgemeinwissen.
Sebastian Hartmann zur misslungenen Abwahl Michael Fabers: "Der Kampf geht weiter." Allerdings: Hartmann (Dramaturg Johannes Kirsten: "Der Mystiker") drückt es vieldeutiger aus: "Der nächste Sommer kommt bestimmt."
Wolfram "Schleimspur" Leuze ist mit Hartmann und Jung einer Meinung: Dass "die Hochkultur Chefsache ist, halte ich nicht für falsch." Ausserdem will Leuze ein Fleißkärtchen erhalten, schließlich seien die Grünen neben der CDU die einzigen, die bereits ein Konzept zur Neuordnung der Kulturszene "entwickelt" (wow) hätten. Die anderen Parteien sollten nun "rasch" ebenso fleißig sein. Leuze möchte über eine Kooperation der Oper Leipzig mit der Oper Halle nachdenken lassen.

Donnerstag, 30. Dezember 2010

lvz kultur vom 30.12.10: Hartmann & Girardet, Hoentjes & Hennig und die Leipziger Schule

Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Sebastian Hartmann hat wie jedes Jahr die Zähne zusammengebissen und und Georg Girardet die Treppen zum Kulturdezernat hochgeholfen. Hartmann und Girardet sind in Jürgen Kleindiensts Jahresrückblick Kultur aus dem Jahr 2020 die letzten Mohikaner, die das Kulturraumgemetzel überlebt haben, da können sich die übrigen Kultureinrichtungen noch so sehr in einer Wagenburg verschanzt haben. Die Leuchtmunitions- und Wasserpistolen der sächsischen Finanzbeamten hat die wasserscheue, lichtempfindliche Kulturschickeria zermürbt, bis die rathengestählte Todesschwadron der Landesbühnen Sachsen ihr den endgültigen Garaus gemacht hat. Sie ist es jetzt, die alle Stadttheater außerhalb der Schlossbühnen Dresdens bespielt, streng rationiert mittels Kulturgutscheinen, die Dresden an willfährige Stadtoberhäupter verteilen lässt. Einen Intendanten ersparen sich die Bühnen ohnehin. Gespielt wird nur, was sich in der Top 30 der aktuellen Statistik des Deutschen Bühnenvereins wiederfindet. "Reclam mit Beleuchtung" heißt das Stichwort im Aufführungsvertrag, mit dem Werktreue und Abtragen alter Funduskostüme gewährleistet werden. Die Rehamaßnahme des Münchner Künstlersozialfonds, aus dem die - laut Kleindienst 250 - Schauspieler der Landesbühnen bezahlt werden, hat die Eigeneinnahmequote der Bühnen auf satte 170% schießen lassen. Was waren das noch Zeiten, als Theater zu den Kostgängern der Kultur gehörte. Heute zahlen sie, wie weiland die Deutsche Bundesbank, die Überschüsse an den Landeshaushalt. Könnte ja sein, dass mal ein Prozess droht, den ein Zuschauer anstrengt, der bei der Uraufführung 1897 doch ein anderes Kostüm auf der Bühne gesehen hat als in der Neuinszenierung 2018.
Und was machen Neualtneualtneudezernent Georg Girardet und Sebastian Hartmann den ganzen lieben langen Tag? Wenn man Jürgen Kleindienst glaubt, ist Georg Girardet der einzige Abonnent, den Hartmanns Ein-Mann-Theater noch hat. Der Blinde hilft dem Lahmen (schließlich hatte Girardet Hartmann nach Leipzig geholt), getreu diesem Motto, das Hartmann erst akzeptieren konnte, als er sich in vollgekifftem Zustand nicht mehr an seine Nietzschelektüre erinnern konnte und versehentlich bei Schopenhauer geblättert hat, was einen energetischen Kollaps erzeugte, für den Neurologen erst anhand des 2. Thermodynamischen Gesetzes eine Erklärung fanden, und von dem sich Hartmann im Nebenjob als Chef seiner eigenen idellen Nachfolgeorganisation der Leipziger Bahnhofsmission gerade mühsam aufpäppelt. Dort wartet er wie stets auf Peter-René Lüdicke, dem, wie Kleindienst formuliert: "Einmannensemble, weil er auch Frauenrollen solide hinbekommt." Lüdecke, der wöchentlich für zwei Vorstellungen nach Leipzig reist, schafft es trotzdem, Girardet stets aufs Neue zu der begeisterten Äußerung hinzureißen, woher er, Hartmann, bloß diese ständigen Neuengagements an Leipzigs Allerneuestem Schauspielhaus herbekäme. Schließlich sei sein Etat ja längst nicht mehr so üppig, seit die Tarifaufwüchse für den einzigen Beschäftigten von der Stiftung 'Lebensrettung für Nachwendewaise' seit 2019 nur noch je zur Hälfte übernommen werden.
Das Lüdickesche Einmannensemble bespielt übrigens den Spielplatz des seinerzeitigen Centraltheaters, das Weiße Haus samt Auslaufgelände des ehemaligen Parkplatzes. Außer Girardet schauen wenigstens auch manche Studenten der benachbarten Hochschule für Musik und Theater aus den Fenstern, um einen Blick auf die letzten lebenden Dinosaurier der Stadt zu werfen, während ihre Kollegen des Fachbereichs Instrumentalmusik abends ab 19:30 Uhr heimlich Abschriften der Noten des Kanons "Freude schöner Götterfunke" für die benachbarten Kitaerzieher malen, um nicht von der Gema erwischt zu werden.

Die niederländische Performance-Künstlerin Anna Hoentjes plant in Reminiszens an die Turn- und Sportfeste im Leipziger Zentralstadion und unter Mitarbeit von Heike Hennig eine Massenchoreografie in der umbenannten Red Bull Arena. "Es soll eine Mischung aus Popkultur, zeitgenössischem Tanz und Elementen sozialistischer Sportveranstaltungen" werden. Anders als zu DDR-Zeiten soll nicht allein das Kollektiv im Vordergrund stehen, sondern eine Individualisierung möglichst vieler der Teilnehmer. Wie Magdalena Fröhlich für lvz berichtet, werden 2000 Teilnehmer gesucht, die sich an dem Projekt "Turn!" beteilign wollen. Die Aufführung soll am 4. Juni 2011 stattfinden. Ein Videoclip mit den Anforderungen kann von der Homepage turn-leipzigdotde heruntergeladen werden.

Einen etwas merkwürdigen Rückblick 2010 samt Ausblick auf 2011 für den Bereich Bildende Kunst in Leipzig, gemeint ist vielmehr die "(Neue) Leipziger Schule" aus dem - heutigen und ehemaligen - Umfeld der Hochschule für Grafik und Buchkunst, schreibt Meinhard Michael. Was sich anfangs liest wie eine witzige Glosse auf den Leipziger Größenwahn, der sich in Form von wiederkehrender "Quartalsdämlichkeit" äußere, wird der Artikel mehr und mehr zu einem who's who der Leipziger Kunstszene und dem Lamento, dass die Halbmillionenstadt ihre Künstler nicht ernähren könne, so dass diese zwangsläufig "für den Export" arbeiten müssten. Als ob nicht das Arbeitszimmer eines Unternehmers aus Sao Paulo oder die Jurte eines Mongolischen Stammesfürsten durch ein Bild Matthias Weischers geadelt werden würde. Freuen tut sich Michael auf die kommende Großausstellung zu 150 Jahren Fotografie in Leipzig, die im Grassimuseum, Stadtgeschichtlichen Museum und Bildermuseum gleichzeitig laufen solle.

Montag, 8. November 2010

lvz kultur com 8.11.10: Zauberberg, Osteuropa & Streit Faber vs. Jung

Eine Ode an die Langeweile hat Nina May befürchtet - und wurde angenehm überrascht. Sebastian Hartmanns "Zauberberg"-Bearbeitung im Centraltheater dauerte zwar fünf Stunden, sei aber trotz einiger Schwächen seine "vielleicht bisher stärkste Leipziger Inszenierung". Aus Thomas Manns Stoff, angesiedelt in einem im Schweizer Davos gelegenen Sanatorium, einer "romantischen Todessehnsucht und ihrer Überwindung", mache Hartmann eine zunehmend "gespenstische Séance". Mit etwas zu derbem Jux und Actionszenen zu Beginn und Schauspielerinnen, die "mal wieder" nur als "Beiwerk fürs Auge" fungieren, aber alles in allem sinnlich (statt "geistig"), surrealistisch (statt komödiantisch), komisch (statt nur "beredt") und schwülstig (statt "geschwätzig"). Gar "eindrucksvoll" das sich "wild gebärdende Medium" Birgit Unterweger als Geist des Todes und Matthias Hummitzsch als "grotesker Hofrat". Mit diesen Charakterisierungen hat Nina May den gesamten Kanon ihrer Kriterien auch schon abgehandelt. Alles in allem eine pure Entscheidung zwischen gut (sinnlich, komisch, eindrucksvoll) und schlecht (langweilig). An diesem formulierten Anspruch würde ihr eigener Text allerdings durchfallen. Langweiliger als erhofft und unsinnlich, humorfreie Sachlichkeit an Stelle "geistiger Erfahrung".

Weil Cottbus "nicht am Rand der Welt", sondern "mittendrin" liege, reiste Norbert Wehrstedt bis ans östlichste Mittendrin Deutschlands, um dort das Festival des osteuropäischen Films zu sehen. Es hat sich gelohnt. Er hat Filme gesehen, die zu den "fantasievollsten der Welt" zählen und "Perlen" seien im Vergleich zu den "stark geschminkten Billignutten" aus Hollywood. Und zwar, weil sie "mit großer Entdeckerlust soziale Alltags-Geschichten" erzählten. Auch wenn osteuropäische Filme hierzulande aus den Kinos verschwunden seien. Den Hauptpreis erlang der serbische Film "White White World" (Regie: Oleg Novkovic), in dem ein ehemaliger Boxer unwissentlich seine Tochter zur Geliebten nimmt. Bis auf zwei weniger gelungene Filme ("Kajinek" aus Tschechien und "Tilvar Ros" aus Serbien) war Wehrstedt ein ums andere Mal hingerissen: Bei "Pal Adrienne" aus Ungarn ("still-zerquälte Selbstsuche. Ohne Lächeln. Ohne Befreiung"), "Ein anderer Himmel" aus Georgien ("lakonisch, sozial sehr genau"), "Der Dieb des Lichts" aus Kirgisien ("bezaubernd"); "überragend": "Ein Krieg" ("archaische Wucht"), "Mein Glück" ("beklemmend suggestiv") und "Krai" ("großartige Bilder") aus Russland; ein "Ausrufezeichen": "Zirkus Columbia" des Oscar-Preisträgers Danis Tanovics ("einfach wunderbar"). Leider sei ein deutscher Verleih nicht in Sicht, Ministerpräsident Platzeck und OBM Schimansky versprechen trotzdem "weitere Festivalunterstützung". Gratulation!

In der "Langen Nacht des Tanzes" im Rahmen der euro-scene Leipzig sah Steffen Georgi sieben Choreographien, "keine atemberaubend, keine langweilig". Die Kombination mit Mitschnitten alter "Tanzsoli-Gewinner" raubte Georgi allerdings den letzten Nerv. Der starre, allzu vorhersehbare Ablauf der einfachen, plausiblen Konzeption war nur noch eintönig.
Nina Mays Resümee der diesjährigen 20. euro-scene Leipzig fällt hinsichtlich der Zahlen gut aus (7.500 Besucher; 97,8% Auslastung), sie bescheinigt dem Festival zudem, nicht nur aus "Alibigründen" an einem Austausch mit dem östlichen Europa interessiert zu sein. Den Titel der Festschrift "Das Kicht kommt aus dem Osten" sah May schon in Alvis Hermanis' Inszenierung "Sonja" des Neuen Theater Riga eingelöst: "Großes Theater, sehr komisch und unheimlich traurig zugleich". Als "schräge Nummer abseits des Festival-Alltags bezeichnete sie Romeo Castelluccis nur 17-minütige Performance in der Hauptpost: "Geschichte des zeitgenössischen Afrikas, Teil III., von der sie sich allerdings fragt, ob "man bereits ein Star sein muss, um sie sich leisten zu können". Ein skurriles Ritual, das "das Gefühl auslöst, einer religiösen Handlung beigewohnt zu haben."

Aus Anlass ihrer Autobiographie "Und außerdem war es mein Leben" besuchte Rolf Richter die 100 Jahre alt gewordene Berliner Schriftstellerin Elfriede Brüning. In einem Offenen Brief hatte sie Edda Ziegler, Autorin des Bandes "Schriftstellerinnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus" vorgeworfen, darin Mitglieder des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller unterschlagen zu haben. "Wäre es nicht endlich an der Zeit, ehrlich und unverkrampft auf unsere gemeinsame Vergangenheit zurückzublicken"? Die in ihrer Jugend vom Sozialismus träumende Autorin sei nun wieder "in den Kapitalismus zurückgeworfen". Verbittert darüber sein sie allerdings nicht. Sie glaube, dass Menschen immer wieder "nach Veränderungen" strebten, um die Güter der Erde gerecht zu verteilen". Jungen Leuten wolle sie auf den Weg mitgeben, dass eine Arbeit, die Freude und Befriedigung bringt, glücklicher machen kann als die Liebe, beständiger sei als die Leidenschaft und niemals so quälend sei wie die Eifersucht.

Benedikt Leßmann notiert eine "schöne, höchst repräsentative Feierstunde" zum 50. Geburtstag der Oper Leipzig, bei der nicht nur Blümchen an treue Abonnenten verteilt wurden, sondern die auch "vorrangig an der Vergangenheit interessiert" gewesen sei. Er schließt mit der Bemerkung, "Bleibt eine Frage offen: Wo soll es in Zukunft hingehen mit der Oper Leipzig?"
Diese Frage hat sich Kulturdezernent Michael Faber bisher eher weniger gestellt. Weil der nach den jüngsten Signalen, dass der Freistaat Sachsen nur noch rund eine Million € Einsparungen für Leipzig vorsehe, hat durchblicken lassen, dass er "mit diesem Kompromiss durchaus leben könne", drohte ihm der "stinksaure" OBM Jung "Konsequenzen" an. Ob die bis zu einer Abwahl gehen, ist noch fraglich. Doch auch die SPD, die Faber 2009 neben den Linken ebenfalls gewählt haben, seien laut Fraktionschef Axel Dyck nicht mehr geschlossen für ihn. Dyck sei zumindest jetzt "enttäuscht", berichtet Ulrich Milde.

Mathias Wöbking hat im Spinnwerk ein "schlechtes Stück" gesehen, in dem die Schauspieler in anderthalb Stunden "im Minutentakt schreien und flüstern, pathetisch proklamieren und hysterisch lachen, gleichzeitig und abwechselnd". Gerade weil sich in der Jugendspielstätte des Centraltheaters eigentlich schon zu Beginn ihrer Arbeit über das Klischee des Jugendtheaters als "problemüberladen" lustig gemacht wurde, sei es besonders enttäuschend, wenn Ricardo Gehn als Regisseur seines Stücks "Kein Ort" gezeigt hat, wie man es nicht machen sollte. Wöbking schließt seinen Text: "Fast hielt man die Standardkritik an Centraltheater-Intendant Sebastian Hartmann - viel Effekte um wenig Botschaft - für ein Klischee. Aber wenn das nun sogar aufs hauseigene Jugendtheater passt?"

Montag, 23. August 2010

lvz kultur vom 23.08.10: Sebastian Hartmann, Highfield-Festival, Schlingensief & Ancient Trance

Unter der Überschrift Kabale und Hiebe versuchte Martin Eich in einer lvz der vergangenen Woche Sebastian Hartmanns Intendanz sturmreif zu schießen bzw. schreiben, gelungen war ihm nur eine Polemik, die der schmutzigen Wäsche bedurfte statt Argumente zu gebrauchen. In ausgewählten Leserbriefen gibt die lvz nun neue Stichworte für das Hartmann-Bashing, ohne doch unterdrücken zu können, dass etliche Leserbriefe von Leuten ohne Schaum vor dem Mund die "Hartmannbeschimpfungen" als viel zu durchsichtig empfanden. Das Publikum scheint längst differenzierter zu urteilen. Anders läßt sich der Mangel an druckfähigen Pro-Eich-Leserbriefen kaum deuten.
"Schwachsinniges Experimentiertheater", wie sie eine Dr. Brita Will dem Centraltheaterintendanten vorwerfen möchte, ist einfach keine Kategorie, mit der Hartmanns Theater kritisiert werden kann, jedenfalls nicht, falls man ernstgenommen werden möchte. Andere Leserbriefe benutzen unverblümt den Begriff "Hasspredigt" oder "Hassartikel" für Martin Eichs Artikel. Alexander Sense spricht demgegenüber von Hartmanns Theater als "spannend, berührend, intensiv, kritisch und suchend nach den Fragen unserer Zeit", ohne "Reibungen innerhalb dieses Prozesses" unter den Teppich kehren zu wollen, allerdings wertet er diese nicht wie Marina Claus, für die Hartmanns "Mischung von Selbstüberschätzung, Eitelkeit, Ignoranz und Arrroganz gegenüber seinem Publikum" alles andere überstrahlt.
"Ostdeutschlands größtes Indie- und Rockfestival", das Highfield-Festival, hat seine Premiere am Störmthaler See bestanden, auch wenn sich "noch nicht das intensivste Liebesverhältnis zwischen dem neuen Areal und den Fans der Gitarrenklänge entwickelt" habe, schreibt André Hoffmann. Die lange Reihe von Promi-Bands überzeugte nicht allein den komplett anwesenden Großpösnaer Gemeinderat; Placebo, Billy Talent, Blink 182 oder die deutschen Bands Wir sind Helden, Fettes Brot oder Unheilig zogen die "Zuschauer mit großer Präsenz in den Bann", die Atmosphäre blieb derweil großartig bis entspannt-positiv.
Jürgen Kleindienst verfasste einen Nachruf auf den 49-jährig an Lungenkrebs gestorbenen Christoph Schlingensief, sein Resümee: "Er wird fehlen, allen". Denn trotz allen medialen Rummels um die Werke des "zur Weisheit gezwungenen" "Romantikers", die eine Interpretation zwischen "Bockmist und Großkunst" möglich machten, reagierten die Menschen auf Schlingensiefs Tod mit einem "Mitgefühl, das über Routine hinausgeht", weil "man tief im Innersten spürte, dass er Recht hatte mit seinen Breitseiten auf den organisierten Politik- und Medienbetrieb, den er virtuos selbst nutzte".
Dem Spielzeitbeginn des Gewandhausorchesters, live dargeboten auf dem Augustusplatz und dirigiert von Maestro Chailly, konnte Peter Korfmacher manches abgewinnen. Aber nicht alles. Die Ruhe auf dem Platz habe zwar eindeutig für das anwesende Publikum gesprochen, er selbst hätte sich das Konzert "gern auch drinnen, wo gewiss noch mehr Details zu hören wären" gewünscht. Was denn nun?
Das "Maultrommel-und-Weltmusik-Festival" Ancient Trance in Taucha hat viele seiner Zuhörer schier überwältigt und "grenzenlos begeistert". Bert Hähne hebt besonders die Band The Art of Fusion ("Weltraummusik") hervor und schwärmt schließlich von "Watcha Clan" aus Marseille mit ihrem Stil des Live Electro World'n'Bass und Sister K: "Wer hier nicht tanzt, ist selber schuld".

Montag, 16. August 2010

lvz kultur vom 16.08.10: Centraltheater und die Luther-Zwerge

Der Sturm im Wasserglas behält Unterhaltungswert: Die umstrittene Installation von Ottmar Hörl, der 800 bunte Lutherfiguren auf den Wittenberger Rathausplatz stellte, ruft nun - nach Friedrich Schorlemmers Verdikt vom "geschmacklosen Ablasshandel" - lokalpolitisch inspirierte Befürworter auf den Plan. Die Diskussion darüber, ob die Luther-Zwerge "Kunst" seien oder nicht, sei "gut und richtig", befindet Wittenbergs OBM Naumann. "Luther kommt zu uns, bleibt nicht oben auf dem Sockel" hat jemand die gegenwärtige umfassendere Kunstdebatte virtuos auf den Punkt gebracht.
Sturm im Wasserglas trifft auch auf den Aufmacher der lvz kultur zu. Hier schreibt Martin Eich über des "Regisseur des ästhetisch-dramaturgischen One-Night-Stands", Sebastian Hartmann, Intendant des Centraltheater Leipzig. Nachdem jemand gleich zu Beginn vom Sockel geholt wird, lässt er sich natürlich entsprechend einfacher angepinkeln. Martin Eich wirft Hartmann als erstes Allmachtsphantasien vor, und dass er nicht davor zurückschrecke, Kritiker zu bekämpfen statt sie zu widerlegen und sie im Zweifel auch zu verleumden. Eich stellt sein Kritikerlicht auch nicht gerade unter den Scheffel, indem er sich anmaßt, Antonin Artaud, Vorbild Hartmanns, als "Totengräber aller Werte der Aufklärung" zu denunzieren und dessen Gedanken gleichsam zur "Ideologie des Misserfolgs" erklärt, schließlich sei die einzige Umsetzung in die Praxis, die zu Lebzeiten Artauds vorgenommen wurde, ein "Reinfall" geworden. Weiter zitiert er genüsslich aus Verrissen ("Castorf im Rosinenformat", "präpotentes Jungenkonzept von Theater") und "widerlegt" weniger den Regisseur als dass er ihn mit Zitaten Dritter "bekämpft". Was Hartmann künstlerisch vorgeworfen werden soll, bleibt unklar, dass sich Chef Hartmann die "Welt als Wille und Vorstellung" nach eigenem Gusto stricke, ist dabei nicht einmal als abwegig anzusehen. Nur steht er damit nicht allein in der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins.