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Dienstag, 28. Dezember 2010

lvz kultur vom 28.12.10: Lindenberg, Banksy, Liszt & MuKo

Unter Udo Lindenbergs Tarnkappe wird jedes romantische Gefühl so jung und lebendig, dass Leute unter 25 garantiert wenig Probleme haben, einfach "Hey" zu ihm zu sagen. "Hey", wie "Manu", das junge Mädchen aus Pankow, in das sich Lindenberg unter Schmerzen verliebte, bei ihrer ersten Begegnung. Diese autobiografische (Liebes-)Geschichte ist Thema des Musicals "Hinterm Horizont", das Stage Entertainment und St.Pauli Theater im Berliner Theater am Potsdamer Platz uraufführen. Mit Hits von Udo Lindenberg und Texten von Thomas Brussig. Rolf Richter sprach mit den beiden Hauptdarstellern Josephin Busch und Serkan Kaya. Während Busch das sagt, was man von einem gut 20-jährigen Mädchen erwartet (von "super, mit solchen Profis zu arbeiten" bis "will das natürlich gut machen"), bangt Serkan Kaya um "seine eigene Figur", die kein Doppelgänger Lindenbergs sein soll. Er weiß, dass er da nur baden gehen könnte. Der ehemalige Folkwang-Schüler weiß auch um das Geschenk, "mit solchen Großen" wie Lindenberg und Regisseur Udo Waller zusammenarbeiten zu können. Eine kleine Verbeugung hier ("Der Capitano lebt und hat mehr Energie als wir alle zusammen"), ein Kompliment von Lindenberg dort: "Frische Leute, Top-Besetzung, sehr gute Band, gute Songs", das alles einfach "schön straight" statt "musicalmäßig". Lindenbergs Resümee: "Das kann nur der totale Hammer werden." Auf die Frage: "Ist es ihr Leben?" rückt Lindenberg die Romantik mal kurz grade: "Es ist ein Musical."

Im Jahresrückblick in Sachen Kultur stellt Nada Weigelt eine Top Ten auf, die wenig überrascht: Christoph Schlingensiefs Tod und auch der von Wolfgang Wagner, den Oscar für Christoph Waltz und die Theater heute-Kür des Kölner Schauspielhauses und ihrer Intendantin Karin Beier, die Sandro Botticelli-Ausstellung im Frankfurter Städel noch vor der Kirchner-Retrospektive (ebenfalls Frankfurt/Städel), den Neo Rauch-Schauen in Leipzig und München und Frieda Kahlo in Berlin (Kriterium waren Besucherzahlen und "stundenlanges Schlangestehen", peinlich). Immerhin: Melinda Nadj Abonjis Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis ist vermerkt, Helene Hegemanns zweispältige Feuilleton-Furore aber ebenfalls. Oskar Pastiors Zusammenarbeit mit der Securitate, weit über die in Diktaturen erpressbare Form hinaus, erschreckt weiterhin nicht nur Herta Müller, Christian Thielemanns Wechsel von München nach Dresden schlägt aus Sachsens Sicht ebenfalls bemerkenswerte Wellen, auch weil Kent Nagano München ebenfalls den Rücken kehrt. Und da ist noch die Sparpolitik in Bund und Ländern. Und deren Opfer. Zwar sind vor allem regionale Einrichtungen betroffen, aber die Substanz der Kulturnation Deutschland beruht gerade auf ihnen. Auf der Antistaatswelle surfende Neoliberale betreiben kannibalistischen Raubbau an Kultur, Demokratie und zivilisatorischem Miteinander. Herrschende Leitkultur ist die Frage nach der Verwertbarkeit.

Apropos Verwertung. Jürgen Kleindienst hat sich - selbstverständlich unter Tarnkürzel jkl - in ausgepresst klammheimlicher Freude schuldig bekannt. Die Gesellschaft zur Eindämmung des musikalischen Anarchismus (GEMA) hat dessen letzte widerständige Bastion in Kitas ausgemacht. (Raub-)Kopierte und verteilte Liederzettel standen ja bereits schon einmal am Beginn einer friedlichen Revolution, so billig soll es nun nicht mehr abgehen. Doch die Maßnahme erschreckt bereits neben Kristina Schröder weitere konservative und aufrechte Stützen der Gesellschaft. Selbst im bislang systemtreuen Pinneberger Tageblatt gärt es ob der Verhinderungsbataillone aktueller Popmelodien. Erste Aufrufe, Kindern die Noten der GEMA-freien Lieder "Völker, hört die Signale" oder ökolibertärer Songs á la "Auf einem Baum ein Kuckuck..." zu verteilen, werden allerdings noch als Simsalabim bezeichnet. Da Jürgen laut gut informierten Kreisen ebenfalls ein Signal vernommen hat, überlegt er bereits ernsthaft, in den Untergrund zu gehen und Erzieher zu werden.

Nina May huldigt in ihrem heutigen Artikel ebenfalls einer Ikone "konsumkritischer" Rebellion, dem Street-Art-Künstler Banksy. Banksy, von dem May nicht recht weiß, ob er bereits Teil des Problems geworden ist, erntet allerdings die Sympathie und große Hochachtung Mays angesichts seines selbstironischen Ouevres. Gerade, dass er die Spielregeln des Systems gleichzeitig bedient und verletzt, indem er aus dem Stand neue Künstler hypt (Thierry Guetta) und zu Ausschlägen auf dem Kunstmarkt führt wie sie vordem nur bei Hochrisikopapieren üblich waren, verwirrt Freund und Feind. Wenn nicht der Markt selbst, sondern seine Objekte und Aktien am Börsenrad drehen, scheinen sich die Feldlinien des Kapitalismus möglicherweise unkontrolliert umzupolen ähnlich dem Magnetfeld der Erde selbst.
Naja, mal weg von dem metaphorischen Analysequark will ich einfach nur sagen, dass es diese Groupies des Kunstbetriebs sind, die sich immer mehr ins Zentrum setzen. Im Vergleich zu ihnen ist der Künstler selbst natürlich ein hoffnungslos anachronistischer Typ. Dass der Kunstbetrieb also zwangsläufig auch in Kategorien der Prostitution beschrieben werden kann, in dem wir selbst gleichzeitig Freier und Nutten sind, machts nicht besser, aber fördert den Kollaps. Auch schön.

Zum 200. Geburtstag wird tatsächlich Franz Liszt wieder herausgekramt. Und Thomas Bickelhaupts interessanten Text lesend, glaubt man sofort, dass er direkt an der Wiege der modernen Kunstvermarktung stand, was seine Zeitgenossen vor lauter Glaube an Originalgenies einfach noch nicht wahrnehmen wollten. Er baute auch an einer Strategie für einen "Masterplan 'Neu-Weimar' als ein geistiges und kulturpolitisches Zentrum in Europa". Und wie Banksy protegierte der Meister - ebenfalls kostenlos - begabte Talente. Liszt sah nicht nur kompositorisch über den historischen Horizont, auch in der Nachwuchsförderung war der Vater Cosima Wagners Trendsetter.

Klaus Staeubert fragt sich zu recht, warum die Musikalische Komödie einen schleichenden Tod sterben soll, wo doch Potential und Akzeptanz in der Zuschauerschaft dermaßen hoch seien. Ähnlich dem Naturkundemuseum werden Instandhaltungen, geschweige denn Sanierung und Ausbau (zwecks Effizienzsteigerung) bewusst hintertrieben. Warum kann es für diese künstlerisch wie baulich in Spinnweben gefangene Institution nicht einen "Masterplan" geben, bevor(!) die Einrichtung wie jenes Vorbild den Bach herunter geht? Ob der nun die öffentliche oder private Karte ziehen wird oder eine "public private partnership" darstellt, soll an dieser Stelle mal egal sein. Die Kulturpolitiker Leipzigs sind in Punkto MuKo bequeme und gleichzeitig feige Opportunisten, die sofort hinter den Bäumen verschwinden, wo sie Präsenz und Intelligenz zeigen sollten.

Dienstag, 26. Oktober 2010

lvz kultur vom 26.10.10: Lachmesse zum Letzten, Schlingensiefs 50. & Lanzmann

Ich war schon drauf und dran, Mark Daniel Abbitte zu leisten. Ist das Kabarett etwa doch nicht passé? Georg Schramm, von Daniel zu der "Kabarett-Instanz überhaupt" erhoben, stelle auf der Lachmesse seine Extraklasse unter Beweis, indem sich "in seine berüchtigte Schärfe Düsternis geschlichen hat, die zu einer vorempfundenen Wehmut passt". Dazu gehört dann ein abgedrucktes Schramm-Zitat über Banken als Verursacher der Wirtschaftskrise: "Wenn sich im Casino einer verzockt, erschießt er sich wenigstens ab und zu." Das ist weder düster, noch tragisch, das ist einfach ein Witz, wie man ihn rund um einen Fußballplatz regelmäßig zu hören bekommt, und den Schramm nun der feineren Gesellschaft im Theater vor den Latz knallt. Der Rest der abgedruckten 17 Lachmesse-Zitate sind ebenfalls, z.T. arg platte, Witze. Lachmesse als Witzmesse? Wenn nicht tatsächlich an zu vielen Ecken der Distinktionsgewinn hervorlugte. Am deutlichsten bei Bruno Jonas und dessen heiterer Publikumsbecircung: "Liebe Zuschauer, Sie lachen aus der seligen Distanz des unvollständigen Wissens!"
Bleibt noch Anarchist Leo Bassi, der beweise, dass Kabarett gefährlich und "hochpolitisch" sein könne. Das gelinge ihm, indem er dem Publikum seine eigene Verführbarkeit vor Augen halte. Dass der diesjährige "Geburtstagsjahrgang" der 20. Lachmesse als ein ganz besonderer "in Erinnerung bleibe", hat für Daniel mit den 15 Preisträgern zu tun. Darin Gleichstand mit der Dokfilmwoche, jedoch Vorteil Lachmesse, weil alle Preisträger bei ihrer Ehrung tatsächlich anwesend waren.

Die 2009 am Wiener Burgtheater herausgekommene ReadyMadeOper "Mea Culpa" von Christoph Schlingensief war zu Gast beim Hamburger Theaterfestival. Just an Schlingensiefs 50. Geburtstag, hätte er ihn noch erlebt. So wurde es eine Selbst-Feier der Nachwelt, voll öffentlicher Wehmut und Tränen (Burgtheater-Geschäftsführerin Silvia Stantejsky). Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit "seinem drohenden Tod" stünde die Frage nach "Heilung und Erlösung". Ulrike Cordes sah in der Aufführung vor allem "schnöden Sex und weitere kunstvolle Blödeleien", die jedoch den "existenziellen Ernst der Aufführung" selbstverständlich "nicht mindern" könnten. Na ja, vielleicht noch mal schnell im Hohelied oder bei Tabori nachlesen, wie Heiliges, profaner Sex und Erotik zusammenpasst? Schön ist Cordes' Schlusssatz, Zitat Joachim Meyerhoff, in einer Rolle, die Schlingensief selbst hätte darstellen wollen: "Ich will einfach noch nicht. Es ist einfach noch zu früh."

Spaßvogel Korfmacher darf heute eine Gershwin-CD-Kritik veröffentlichen und tut so, als sei das Ereignis das wahre Geburtstagsgeschenk für das 50-jährige Opernhaus. Es geht also um eine Chailly-Aufnahme, zwar bereits Anfang des Jahres mit dem Gewandhausorchester aufgenommen, aber was solls. Erscheint eher ungeplant in Deutschland, weil sie sich in Italien überraschenderweise über Wochen in den Pop-Charts gehalten hatte. Neben all den üblichen Gespreiztheiten ("Pianist Bollani gibt Gershwin den Groove zurück, indem er seine Melodien, Umspielungen, Akkorde, Rhythmen lasziv zwischen die Gerüststreben kantet, die Chailly und das Gewandhausorchester um ihn herum aufschichten.") Eindrucksvoll aber Korfmachers Plädoyer dafür, bei der Arbeit auch Spaß haben zu dürfen - in Deutschland ja immernoch ein Sakrileg. Mit Chailly und Jazz-Pianist Stefano Bollani ginge am Schluss sogar "der Schalk durch, wenn sie sich mit nachgerade (!) anarchischem Witz aus der Rialto-Ripples-Music-Hall in den Feierabend verabschieden." Die Einspielung jedenfalls wird bei Jazz- wie Klassikexperten als "Referenz" gelobt und sogar als "musikalisches Wunder" bezeichnet.

Eine beeindruckende Autobiografie stellt Steffen Georgi vor, Claude Lanzmanns "Der patagonische Hase". Die Gewalttätigkeit des Lebens und die Techniken des Mordens stehen bei Lanzmann neben der "Zärtlichkeit", mit der er "den Mut und die Kraft ehemaligen KZ-Insassen" schildert, die vor laufender Kamera "in die Hölle ihrer Erinnerungen hinabstiegen" und der Professionalität, Gespräche beim Kaffee mit ehemaligen SS-Schlächtern zu führen. Und dann ist da - natürlich - Israel. Und - nicht zuletzt - die existenzielle "Wiederinbesitznahme der Gewalt durch die Juden" (Lanzmann). Sein Hunger nach Leben, von dem der 85-jährige der "Abschied bevorsteht", werde "kraftvoll beschworen", nicht ohne einen Satz des befreundeten Philosophen Vladimir Jankélévitch zu zitieren: "Wer einmal gewesen ist, kann nicht mehr nicht gewesen sein; fortan ist die geheimnisvolle und zutiefst dunkle Tatsache, gelebt zu haben, seine Wegzehrung für die Ewigkeit." Bewunderung, aber auch Zweifel hege Lanzmann für diesen Satz, seine unstillbare Neugier gelte, so Georgi, vielleicht sogar der Ewigkeit.

Altenburgs Oberbürgermeister Michael Wolf befürchtet die Insolvenz des Theaters Gera-Altenburg, wenn die abzusehenden 1,8 Mio € Defizit nicht vom Land übernommen würden. Er habe, will er sich reinwaschen, von einem Passus im Haustarifvertrag nichts gewusst, wonach Steigerungen im Flächentarifvertrag zumindest teilweise berücksichtigt werden müssten. Nun hält er, laut Ellen Paul, Generalintendant Matthias Oldag vor, als Geschäftsführer das Controlling nicht mit der notwendigen Qualität durchgeführt zu haben. Das könne unter Umständen sogar zu Haftungsansprüchen gegenüber Oldag führen.

Dienstag, 24. August 2010

lvz kultur vom 24.08.10: Ingrid Noll, Schlingensief, Mendelssohn

Einer geht noch, einer geht noch rein... Irgendwer hat Armin Görtz die Absolution erteilt, auch mal seine Sommerlesefrüchte auf der Kulturseite abzusondern. Aber irgendwie scheint Armin Görtz sich noch weiterhin im geistigen Urlaub zu befinden. Ach wärst du doch in Düsseldorf geblieben.
Schon über den ersten Absatz seiner Buchbesprechung von Ingrid Nolls neuem Roman "Ehrenwort" ist kaum hinwegzukommen. Eine Armada fadenscheinig gewordener Redewendungen und Floskeln segelt aufgetakelt wie eine Windjammerparade durch seichtes Textgewässer. Da "attackiert" jemand "das Zwerchfell des Lesers", lässt dem "schwarzen Humor freien Lauf", der wiederum an anderer Stelle doch nur noch "vereinzelt aufblitzt", "freier Lauf" wird keine drei Zeilen weiter auch Nolls "Lust am Grotesken" gelassen, natürlich darf auch der Kalauer "ein Mordsspaß" nicht fehlen. Ihre Buchklassiker seien "bitterböse", die Autorin eine "große alte Dame der Kriminalliteratur", nur der Titel "jener brillanten Kriminalkomödie" werde dieser - alles in allem - kaum gerecht. Ehrenwort! Das alles in den ersten zehn Zeitungszeilen. Und es folgen noch mehr als sechzig. Da kann der Roman der Ingrid Noll sein, wie er will. Man mag es einfach nicht glauben, dass man ihn lesen müsse. Görtz' Text bleibt auch im Folgenden eine journalistische Bankrotterklärung. Nur dass Ingrid Noll erst als Mittfünfzigerin "mit der Schriftstellerei" begonnen habe, lässt hoffen, dass das Leben ein Geben und Nehmen ist.
Der Folgetag der Schlingensief-Nachrufe wird von der Sorge erfüllt, was denn aus den vielen Projekten werde, die von der Unruhe des deutschen Kulturbetriebs in den letzten Monaten noch in Bewegung gesetzt worden sind. Nada Weigelt versucht zu erklären, wie die "große Lücke" gefüllt werden solle. Doch nichts genaues weiß sie nicht, weder, was die Gestaltung des Deutschen Pavillons 2011 in Venedig betrifft, noch wer die Proben für die Uraufführung von Jens Joneleits "Metanoia" an der Staatsoper Berlin übernimmt. Auch hinsichtlich Schlingensiefs "Herzensprojekt", dem Operndorf in Ougadougou, Burkina Faso, bleiben die Informationen unkonkret. Allein die "Memoiren des Künstlers" werden mit großer Gewissheit baldigst in Buchform erscheinen, wie die K&W-Sprecherin mitteilte. Das Manuskript liege vor.
Peter Korfmacher schreibt von einer "gut besuchten Pressekonferenz" in der Hochschule für Musik und Theater, in der vom Ankauf zweier Mendelssohn-Autographen, Briefentwürfen des Gewandhauskapellmeisters, berichtet werden konnte. Um deren Bedeutung dem Leser etwas näherzubringen, versucht's der Schreiber erst mit deren Aktualität: "Nein, so viel hat sich nicht geändert", seit Mendelssohn 1839/40 in einem der Briefe an den Rat der Stadt Leipzig die erbärmliche soziale Situation der Gewandhausmusiker anprangerte. Das ist schlicht gelogen. Wenn es im Kulturleben irgendwelche Künstler gibt, die garantiert nicht klagen können, dann sind es die - selten mit anderen Künstlern solidarischen - Orchestermusiker. Dass sein Beginn eher rhetorischer Natur war, gibt Korfmacher keine zehn Zeilen später zwar zu ("Nun gut, das hat sich doch geändert"), im Folgenden will er seine Bemerkung nun dahingehend verstanden wissen, dass - wie damals - auch heutzutage öffentliche Gelder nicht ausreichten, wo es um die Zukunft der Kunst in der Stadt Leipzig gehe, also ohne private Stiftungsgelder und große Summen aus privaten Händen. Aber diese Feststellung wird ebenfalls wieder zurückgenommen. Denn auch der Kulturchef der lvz kann sich nicht wirklich erklären, warum es bei der eigentlich geringen Summe von 32.000 Euro außer der Kulturstiftung der Länder auch der Hieronymus-Lotter-Gesellschaft, der Sparkasse Leipzig und vieler weiterer privater Geldgeber (u.a. Verfassungsrichterin Monika Harms) bedurft habe, diese Autografen, die so wichtig für die Stadtgeschichte und die heimische Forschung seien, zu erwerben. Stadtgeschichtsmuseumschef Rodekamp habe "die Freude über die Autografen" mental so sehr "mitgenommen", dass er die PK gleich zur erbaulichen "Feierstunde" mit Konzertcharakter erklärte. Das erspart natürlich lästige Fragen, die Herr Korfmacher anscheinend auch nicht stellen wollte. Wer will schon gerne Spaßverderber sein auf einer Festveranstaltung, die Mendelssohns Gattung der "Lieder ohne Worte" aufzugreifen schien.

Montag, 23. August 2010

lvz kultur vom 23.08.10: Sebastian Hartmann, Highfield-Festival, Schlingensief & Ancient Trance

Unter der Überschrift Kabale und Hiebe versuchte Martin Eich in einer lvz der vergangenen Woche Sebastian Hartmanns Intendanz sturmreif zu schießen bzw. schreiben, gelungen war ihm nur eine Polemik, die der schmutzigen Wäsche bedurfte statt Argumente zu gebrauchen. In ausgewählten Leserbriefen gibt die lvz nun neue Stichworte für das Hartmann-Bashing, ohne doch unterdrücken zu können, dass etliche Leserbriefe von Leuten ohne Schaum vor dem Mund die "Hartmannbeschimpfungen" als viel zu durchsichtig empfanden. Das Publikum scheint längst differenzierter zu urteilen. Anders läßt sich der Mangel an druckfähigen Pro-Eich-Leserbriefen kaum deuten.
"Schwachsinniges Experimentiertheater", wie sie eine Dr. Brita Will dem Centraltheaterintendanten vorwerfen möchte, ist einfach keine Kategorie, mit der Hartmanns Theater kritisiert werden kann, jedenfalls nicht, falls man ernstgenommen werden möchte. Andere Leserbriefe benutzen unverblümt den Begriff "Hasspredigt" oder "Hassartikel" für Martin Eichs Artikel. Alexander Sense spricht demgegenüber von Hartmanns Theater als "spannend, berührend, intensiv, kritisch und suchend nach den Fragen unserer Zeit", ohne "Reibungen innerhalb dieses Prozesses" unter den Teppich kehren zu wollen, allerdings wertet er diese nicht wie Marina Claus, für die Hartmanns "Mischung von Selbstüberschätzung, Eitelkeit, Ignoranz und Arrroganz gegenüber seinem Publikum" alles andere überstrahlt.
"Ostdeutschlands größtes Indie- und Rockfestival", das Highfield-Festival, hat seine Premiere am Störmthaler See bestanden, auch wenn sich "noch nicht das intensivste Liebesverhältnis zwischen dem neuen Areal und den Fans der Gitarrenklänge entwickelt" habe, schreibt André Hoffmann. Die lange Reihe von Promi-Bands überzeugte nicht allein den komplett anwesenden Großpösnaer Gemeinderat; Placebo, Billy Talent, Blink 182 oder die deutschen Bands Wir sind Helden, Fettes Brot oder Unheilig zogen die "Zuschauer mit großer Präsenz in den Bann", die Atmosphäre blieb derweil großartig bis entspannt-positiv.
Jürgen Kleindienst verfasste einen Nachruf auf den 49-jährig an Lungenkrebs gestorbenen Christoph Schlingensief, sein Resümee: "Er wird fehlen, allen". Denn trotz allen medialen Rummels um die Werke des "zur Weisheit gezwungenen" "Romantikers", die eine Interpretation zwischen "Bockmist und Großkunst" möglich machten, reagierten die Menschen auf Schlingensiefs Tod mit einem "Mitgefühl, das über Routine hinausgeht", weil "man tief im Innersten spürte, dass er Recht hatte mit seinen Breitseiten auf den organisierten Politik- und Medienbetrieb, den er virtuos selbst nutzte".
Dem Spielzeitbeginn des Gewandhausorchesters, live dargeboten auf dem Augustusplatz und dirigiert von Maestro Chailly, konnte Peter Korfmacher manches abgewinnen. Aber nicht alles. Die Ruhe auf dem Platz habe zwar eindeutig für das anwesende Publikum gesprochen, er selbst hätte sich das Konzert "gern auch drinnen, wo gewiss noch mehr Details zu hören wären" gewünscht. Was denn nun?
Das "Maultrommel-und-Weltmusik-Festival" Ancient Trance in Taucha hat viele seiner Zuhörer schier überwältigt und "grenzenlos begeistert". Bert Hähne hebt besonders die Band The Art of Fusion ("Weltraummusik") hervor und schwärmt schließlich von "Watcha Clan" aus Marseille mit ihrem Stil des Live Electro World'n'Bass und Sister K: "Wer hier nicht tanzt, ist selber schuld".

Freitag, 6. August 2010

lvz kultur vom 06.08.10: Robert Schumann, Janelle Monáe und der Deutsche Pavillon in Venedig

Es klingt, als hätten sich Museums- und Musikpädagogen abgesprochen. In den Zwickauer Kunstsammlungen hat die Video- und Performancekünstlerin Janet Grau eine auf Mitwirkung zielende Ausstellung zum Komponisten Schumann konzipiert: "Seit ich ihn gesehen - Reflexionen zu Robert Schumann in der Kunst". Claudia Drescher hat sie besucht und fand sich in einem Jugendzimmer wieder, in dem man über 100 YouTube-Clips ansehen kann, darunter auch acht neue Musikvideos der in Amerika geborenen Künstlerin, für die sie von Schülern gesungene Schumann-Lieder inszenierte. Jugendliche zum Mitmachen zu bewegen und die strengen E- und U-Grenzen zu ignorieren, schien überhaupt das Motto zu sein, dafür wurden sogar folkloristische Schumann-Devotionalien bis hin zu Tellern und Bierkrügen aufgetischt. Na dann, Prost Mahlzeit!
Eine neue Popdiva gibt es zu bestaunen: Janelle Monáe. Glamour und Glitter versprüht die stilbewusste, chamäleonhafte Extravaganz in Person, die der Soulmusik mit einem Schlag eine neue Präsenz verpasst habe. Auch das machohafte Posing des einfallslos gewordenen R'n'B habe sie nicht nur "entlarvt", wie Uwe Janssen schreibt, sondern spreche bewusst dessen Publikum an. Doch ihre Kunst sei Konzeptkunst vom Feinsten, genreübergreifend und voller Ideen, auch in ihren Live-Auftritten. Prince, der Janelle Monáe überschwenglich lobt, kehrte in seiner eigenen neuen Platte, so Janssen, back to the 80ies, doch ihm fehle dabei "der Schritt über den Rückschritt hinaus".
Es scheint zum Selbstzweck zu werden: Die Aufregung über den Deutschen Pavillon in Venedig. Der schon seit 1909 als Ausstellungshalle für die im Wechsel stattfindendenden Kunst- und Architekturbiennale dienende Bau im neoklassizistischen Stil scheint für die Künstler, aber auch die Medien der eigentliche Reibungspunkt zu sein. Im Zentrum der Kritik und der Aufmerksamkeit steht insbesondere die 1938 von den Nazis durchgeführte radikale Veränderung des Giebels und der Eingangssäulen hin zu deren bekanntem Stil des Monumentalpomps. Christian Huther berichtet nun voller "Hoffnung auf neue Aufregung" durch die für 2011 geplante Bespielung durch Christoph Schlingensief, behält allerdings einen Teil Skepsis, weil eine neue Krebsdiagnose den Tausendsassa des Kulturbetriebs zur Zeit "aus der Bahn" geworfen habe.