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Montag, 3. Januar 2011

lvz kultur vom 3.1.11: Dschungelcamp & Langhans, Märkl, Leonardo & Caravaggio

AngstLust ist ein bekanntes Phänomen. EkelLust spätestens seit dem rtl Dschungelcamp auch. "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" spielt seit Beginn aber auch mit der Lust an der Selbstverstümmelung. Otto Mühl, Hermann Nitsch, Chris Burden, Günter Brus oder Marina Abramovic stehen für Künstler, deren Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, dem Ekel und dem Schmerz immer extremere, auch lebensgefährliche Züge annahm, mit denen sie Gewaltverhältnisse deutlich machten, sich auf rituelle Kulthandlungen bezogen oder in den Extremerfahrungen auch kathartische Erfahrungen bei den Zuschauern auslösen wollten. Rainald Goetz machte 1983 seine Rasierklinge-schlitzt-Schädel-Lesung bei den Bachmann-Tagen in Klagenfurt zur performativen Erweiterung "toter Literatur". Hin zum wirklichen Leben, das blutet. Zum Beispiel. Insofern sind rtl, Dirk Bach und Sonja Zietlow Epigonen der Künstler hin zu einem Massengeschmack. Übrigens setzten von der Straße eingeladene Beteiligte an einer ihrer Kunstaktionen Marina Abramovic eine geladene Pistole an die Stirn und forderten sie auf abzudrücken. Ob dieses - aktiv aggressive - Publikum eine Wahlverwandtschaft mit den Dschungelcampzuschauern bildet, die immerhin Ekelaufgaben vergeben können, steht auf einem anderen Blatt. Rainer Langhans, einziger bisher feststehender Teilnehmer am Dschungelcamp, hat im Gegensatz dazu den potentiell persönlichkeitssteigernden Charakter der Sendung betont: "Genau genommen ist das Dschungelcamp die Urszene der Kommune - und unserer damaligen Bewegung. Es geht darum, in sich zu gehen, sich neu zu erfinden und zu entwickeln."
"Da sprach der alte Häuptling der Indianer, wild ist der Westen, schwer ist der Beruf. Uff."
Christina Zimmermann hat von diesem bewusstseinserweiternden Aspekt der Sendung offenkundig nicht so viel gehalten und schreibt in ihrem Vorbericht für die lvz kultur zur fünften Auflage der Live-Show, "In der rtl Show präsentieren sich die Möchtegern-Stars und Sternchen von ihrer natürlichsten, wohl aber auch würdelosesten Seite." Die Zuschauer auch: "Das Publikum will schließlich nur eines: Sie leiden sehen."

In ausgepresst erkennt Nina May den subversiv solidarischen Charakter der momentanen Schneekatastrophe, erkennt den wahren utopischen Gehalt von "Deutschland. Ein Wintermärchen" und fragt ganz lieb bei chefredakteur Bernd Hilder an, ob der nicht in den Büros der lvz die Heizung ausstellen lassen kann. "Das sorge für kuscheliges Kollegenmiteinander."

Mit zwei Dingen kann Peter Korfmacher nicht gut umgehen: Mit leidenschaftslosem orchestralem Präzisionsspiel und mit Veranstaltungen für Kinder. Da weiß er einfach nicht recht einzuschätzen, ob die lieben Kinderlein denn wirklich Spaß an der Freud haben (dürfen) während unser Peter vor lauter Qual von einer Arschbacke auf die andere rutscht. So wie jüngst bei der Zauberflöte im Centraltheater, bei der er heitere Miene zum bösen Spiel machen wollte(?). Beim mdr Neujahrskonzert unter Leitung von Jun Märkl läßt er zumindest durchscheinen, dass Kritik nicht nur an der Spielweise und der "unbändigen Freude" der Musiker und ihres Chefs Märkl am "virtuosen Fischen im flachen Wasser" angesagt sei, sondern auch, dass "dem langen Abend ein roter Faden" fehle, eine "Dramaturgie in der Kombination von Musik mit Tanz und Puppenspiel" ohnehin nicht zu erkennen sei. Und setzt eine kleine hämische Spitze darin, dass er der Veranstaltung für Kinder einen "außermusikalischen Mehrwert" unterstellt, nämlich, das "Funkorchester und sein Publikum wirklich wieder zueinander" zu führen. Hätte aber nicht so gut geklappt: Das Konzert sei vom "Befund ausverkauft noch ein gutes Stück entfernt."
Am Ende freut sich Korfmacher dafür auf Penderecki, der in der Reiheins des mdr am 15. Januar auftische. Eher seine Kragenweite.

Christoph Driessen nennt die angesagtesten Ausstellungen in 2011: "Das Kunst-Ereignis des kommenden Jahres" sei die Leonardo-da-Vinci-Ausstellung in Londons National Gallery, mit so gut wie allen Originalen, nur die Mona Lisa fehle. In Deutschland finde ebenfalls eine spektakuläre Renaissance-Ausstellung im Bode-Museum mit über 150 Porträts von da Messina bis Botticelli statt. Das Frankfurter Städel wartet zur Wiederöffnung mit "Beckmann und Amerika" auf, die Kunsthallen Hamburg und Bonn mit einer gemeinsamen Liebermann-Ausstellung. Wichtigste Ausstellung zu einem deutschen Künstler der Gegenwart sei eine Retrospektive zu Gerhard Richter in Londons Tate Modern, passenderweise zeigen auch das Bucerius Kunstforum und die Kunsthalle in Hamburg in 2011 zwei Ausstellungen zu Gerhard Richter.

Gerald Felber wiederum berichtet von der "Hommage an Caravaggio 1610/2010" in der Berliner Gemäldegalerie, in der vier Originalen des Dramatikers "des menschlichen Fleisches zwischen Rausch und Ekel, Himmelsekstase und Gosse, Kraft und Hinfälligkeit" eine Fülle von Nachfolgern, Epigonen und Widersachern zur Seite gestellt werden. Bei allen von Felber konzedierten Unterschieden träfen sich diese doch immer wieder darin, dass "sie sich am runzligen Verfall mürben Greisenfleisches delektierten." Ob da Frank Schirrmachers Methusalem-Komplott bereits vorgezeichnet wurde?

Dienstag, 28. Dezember 2010

lvz kultur vom 28.12.10: Lindenberg, Banksy, Liszt & MuKo

Unter Udo Lindenbergs Tarnkappe wird jedes romantische Gefühl so jung und lebendig, dass Leute unter 25 garantiert wenig Probleme haben, einfach "Hey" zu ihm zu sagen. "Hey", wie "Manu", das junge Mädchen aus Pankow, in das sich Lindenberg unter Schmerzen verliebte, bei ihrer ersten Begegnung. Diese autobiografische (Liebes-)Geschichte ist Thema des Musicals "Hinterm Horizont", das Stage Entertainment und St.Pauli Theater im Berliner Theater am Potsdamer Platz uraufführen. Mit Hits von Udo Lindenberg und Texten von Thomas Brussig. Rolf Richter sprach mit den beiden Hauptdarstellern Josephin Busch und Serkan Kaya. Während Busch das sagt, was man von einem gut 20-jährigen Mädchen erwartet (von "super, mit solchen Profis zu arbeiten" bis "will das natürlich gut machen"), bangt Serkan Kaya um "seine eigene Figur", die kein Doppelgänger Lindenbergs sein soll. Er weiß, dass er da nur baden gehen könnte. Der ehemalige Folkwang-Schüler weiß auch um das Geschenk, "mit solchen Großen" wie Lindenberg und Regisseur Udo Waller zusammenarbeiten zu können. Eine kleine Verbeugung hier ("Der Capitano lebt und hat mehr Energie als wir alle zusammen"), ein Kompliment von Lindenberg dort: "Frische Leute, Top-Besetzung, sehr gute Band, gute Songs", das alles einfach "schön straight" statt "musicalmäßig". Lindenbergs Resümee: "Das kann nur der totale Hammer werden." Auf die Frage: "Ist es ihr Leben?" rückt Lindenberg die Romantik mal kurz grade: "Es ist ein Musical."

Im Jahresrückblick in Sachen Kultur stellt Nada Weigelt eine Top Ten auf, die wenig überrascht: Christoph Schlingensiefs Tod und auch der von Wolfgang Wagner, den Oscar für Christoph Waltz und die Theater heute-Kür des Kölner Schauspielhauses und ihrer Intendantin Karin Beier, die Sandro Botticelli-Ausstellung im Frankfurter Städel noch vor der Kirchner-Retrospektive (ebenfalls Frankfurt/Städel), den Neo Rauch-Schauen in Leipzig und München und Frieda Kahlo in Berlin (Kriterium waren Besucherzahlen und "stundenlanges Schlangestehen", peinlich). Immerhin: Melinda Nadj Abonjis Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis ist vermerkt, Helene Hegemanns zweispältige Feuilleton-Furore aber ebenfalls. Oskar Pastiors Zusammenarbeit mit der Securitate, weit über die in Diktaturen erpressbare Form hinaus, erschreckt weiterhin nicht nur Herta Müller, Christian Thielemanns Wechsel von München nach Dresden schlägt aus Sachsens Sicht ebenfalls bemerkenswerte Wellen, auch weil Kent Nagano München ebenfalls den Rücken kehrt. Und da ist noch die Sparpolitik in Bund und Ländern. Und deren Opfer. Zwar sind vor allem regionale Einrichtungen betroffen, aber die Substanz der Kulturnation Deutschland beruht gerade auf ihnen. Auf der Antistaatswelle surfende Neoliberale betreiben kannibalistischen Raubbau an Kultur, Demokratie und zivilisatorischem Miteinander. Herrschende Leitkultur ist die Frage nach der Verwertbarkeit.

Apropos Verwertung. Jürgen Kleindienst hat sich - selbstverständlich unter Tarnkürzel jkl - in ausgepresst klammheimlicher Freude schuldig bekannt. Die Gesellschaft zur Eindämmung des musikalischen Anarchismus (GEMA) hat dessen letzte widerständige Bastion in Kitas ausgemacht. (Raub-)Kopierte und verteilte Liederzettel standen ja bereits schon einmal am Beginn einer friedlichen Revolution, so billig soll es nun nicht mehr abgehen. Doch die Maßnahme erschreckt bereits neben Kristina Schröder weitere konservative und aufrechte Stützen der Gesellschaft. Selbst im bislang systemtreuen Pinneberger Tageblatt gärt es ob der Verhinderungsbataillone aktueller Popmelodien. Erste Aufrufe, Kindern die Noten der GEMA-freien Lieder "Völker, hört die Signale" oder ökolibertärer Songs á la "Auf einem Baum ein Kuckuck..." zu verteilen, werden allerdings noch als Simsalabim bezeichnet. Da Jürgen laut gut informierten Kreisen ebenfalls ein Signal vernommen hat, überlegt er bereits ernsthaft, in den Untergrund zu gehen und Erzieher zu werden.

Nina May huldigt in ihrem heutigen Artikel ebenfalls einer Ikone "konsumkritischer" Rebellion, dem Street-Art-Künstler Banksy. Banksy, von dem May nicht recht weiß, ob er bereits Teil des Problems geworden ist, erntet allerdings die Sympathie und große Hochachtung Mays angesichts seines selbstironischen Ouevres. Gerade, dass er die Spielregeln des Systems gleichzeitig bedient und verletzt, indem er aus dem Stand neue Künstler hypt (Thierry Guetta) und zu Ausschlägen auf dem Kunstmarkt führt wie sie vordem nur bei Hochrisikopapieren üblich waren, verwirrt Freund und Feind. Wenn nicht der Markt selbst, sondern seine Objekte und Aktien am Börsenrad drehen, scheinen sich die Feldlinien des Kapitalismus möglicherweise unkontrolliert umzupolen ähnlich dem Magnetfeld der Erde selbst.
Naja, mal weg von dem metaphorischen Analysequark will ich einfach nur sagen, dass es diese Groupies des Kunstbetriebs sind, die sich immer mehr ins Zentrum setzen. Im Vergleich zu ihnen ist der Künstler selbst natürlich ein hoffnungslos anachronistischer Typ. Dass der Kunstbetrieb also zwangsläufig auch in Kategorien der Prostitution beschrieben werden kann, in dem wir selbst gleichzeitig Freier und Nutten sind, machts nicht besser, aber fördert den Kollaps. Auch schön.

Zum 200. Geburtstag wird tatsächlich Franz Liszt wieder herausgekramt. Und Thomas Bickelhaupts interessanten Text lesend, glaubt man sofort, dass er direkt an der Wiege der modernen Kunstvermarktung stand, was seine Zeitgenossen vor lauter Glaube an Originalgenies einfach noch nicht wahrnehmen wollten. Er baute auch an einer Strategie für einen "Masterplan 'Neu-Weimar' als ein geistiges und kulturpolitisches Zentrum in Europa". Und wie Banksy protegierte der Meister - ebenfalls kostenlos - begabte Talente. Liszt sah nicht nur kompositorisch über den historischen Horizont, auch in der Nachwuchsförderung war der Vater Cosima Wagners Trendsetter.

Klaus Staeubert fragt sich zu recht, warum die Musikalische Komödie einen schleichenden Tod sterben soll, wo doch Potential und Akzeptanz in der Zuschauerschaft dermaßen hoch seien. Ähnlich dem Naturkundemuseum werden Instandhaltungen, geschweige denn Sanierung und Ausbau (zwecks Effizienzsteigerung) bewusst hintertrieben. Warum kann es für diese künstlerisch wie baulich in Spinnweben gefangene Institution nicht einen "Masterplan" geben, bevor(!) die Einrichtung wie jenes Vorbild den Bach herunter geht? Ob der nun die öffentliche oder private Karte ziehen wird oder eine "public private partnership" darstellt, soll an dieser Stelle mal egal sein. Die Kulturpolitiker Leipzigs sind in Punkto MuKo bequeme und gleichzeitig feige Opportunisten, die sofort hinter den Bäumen verschwinden, wo sie Präsenz und Intelligenz zeigen sollten.

Montag, 20. Dezember 2010

lvz kultur vom 20.12.10: Lena und Raab, Dieter Bohlen, Streusalz & Romero & Klein

Die lvz kultur fährt eine interessante Doppelstrategie. Auf der einen Seite geriert sie immer stärker zum Boulevard der medialen Quotenhits. Auf der anderen arbeitet sie an ihrer journalistischen Ehrenrettung durch vermehrten Einsatz von Scherz, Satire, Ironie und gelegentlicher Bedeutungssuche. Mark Daniel sprüht geradezu vor Spott und Sprachspielen in seinem Aufmacher über Stephan Raabs Vermarktung der Grand-Prix-Lena und die altehrwürdige Tante dpa schafft es, allein durch Zitate der Moderatoren von "Supertalent 2010" die RTL-Show der Lächerlichkeit preiszugeben. Da will selbst kultur chef Peter Korfmacher nicht nachstehen und schafft es via "ausgepresst", der Straßenreinigung der Stadt die Weisheit von Zen-Buddhisten anzudichten, an die Streusalzhersteller das Gütesiegel der DDR-Planwirtschaft zu vergeben und sich zudem zum Rächer der geschundenen Leipziger Kinderseele aufzuschwingen.

Mit der 28 Jahre währenden musikalischen Bedeutungslosigkeit Deutschlands läßt sich laut Mark Daniel das lustvolle mediale Stöhnen vor und nach Oslo kaum hinlänglich erklären. Da braucht es auch einen magischen Müller-Meister namens Stephan Raab, der sein Lehrmädchen, eine "kesse, zauberhafte Hannoveranerin", in den "Orbit der Unsterblichkeit" zu befördern weiß. Im "Vollrausch" ließ sich der NDR dazu hinreißen, "Lena nazionale" ohne Konkurrenz eines Vorentscheids die Titelverteidigung 2011 zu ermöglichen. Was die Fernsehdirektoren und Rundfunkchefs nicht so witzig fanden, immerhin kostet das quotenträchtige Vorauswahlsendungen. Als Kompromiss fand man nun die salomonische Formel, dass nun doch drei (!) Vorentscheide stattfinden sollen. Sie sollen allerdings nur darüber entscheiden, mit welchem Song Lena beim Contest in Düsseldorf antreten solle.
Am Ende seines wie ein frischer Landregen über giftige Bleiwüsten niedergehenden Artikels setzt sich Daniel noch schnell dem Volkszorn aus, indem er an der Bedeutung zweifelt, mit der sich über eine "durchschnittliche Sängerin" in einem "mittelprächtigen Wettbewerb" auch nur aufzuregen lohne, obwohl er das "Prozedere" für den Wettstreit als "an Absurdität nicht zu überbieten" anmarkert.

Bei der Freakparade von "Supertalent 2010" gewann RTL-Freddy, dessen Doppelname Sahin-Scholl wie auch seine Doppelstimmlagen tiefer Bassbariton und Knaben-Sopran erst Dieter Bohlen und dann das deutsche Volk ergriffen. Im dpa-Bericht werden die hingestammelten Juroren zitiert (In Klammern die wissenschaftlichen Bezeichnungen der Sprachstörungen). Bruce Darnell: "Du bist mehr als ein Talent. Du biss von eine andere Plonet fur müsch" (Amnestische Aphasie verbunden mit Mangel an Sprachkursen im Rahmen der Integrationsbemühungen). Sylvie van der Vaart gab bekannt, dass sie "immer wieder fasziniert mit dieses Wechseln von die beide Stimmen" gewesen sei (Wernicke-Aphasie, ebenfalls verbunden mit Des-Integrationstendenzen), schließlich Dieter Bohlen: "Das ist also Supertalent. Das ist das, was wir hier genau suchen" (Broca-Aphasie auf dem Weg zur Globalen Aphasie). RTL-Deutschland-Chefin Anke Schäferkordt wurde mitgeteilt, dass ihr Antrag auf Verlängerung des Förderschul-Zertifikats Deutsch für die Sprach-Vorschule überdacht werden müsse. Erwogen werden laut Alt-Ministerpräsident Stoiber, neuentwickelte Sprachtests für Inländer, lebenslanges Lernen dürfe nicht zur puren Floskel verkommen, man wolle aber dem Grundsatz "fördern und fordern" nachkommen und hoffe, bis zur nächsten Staffel von "Supertalent 2011" bla...blub...usw.

Peter Korfmacher lobt die Stadtreinigung Leipzigs, die in weiser Voraussicht möglichen mentalen Schockzuständen vorgebeugt habe, indem sie die Bevölkerung sukzessive an ein Leben ohne Streusalz und Split auf Leipzigs Straßen gewöhnt habe, zeichnet darüber hinaus den namhaften Kasseler Streugut-Hersteller K+S dafür aus, unbeirrbar an den 5-Jahres-Planvorgaben des DDR-Staatsrats von 2006 festzuhalten, die eine gleichbleibende Produktionsmenge des Jahresendzeitartikels vorschreibt und sich auch nicht von Bagatellen wie Vorjahreserfahrungen von 4 Quartale alten Lieferengpässen desselben Konsumguts beeinflussen lasse. Leicht überfrachtet wirkt das korfmachersche "ausgepresst", wenn es in den letzten drei Zeilen noch eine Lobeshymne auf konfuzianische Gelassenheit ausspricht, indem die Platzanweiser der Märchen-Eisenbahn auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt erst an den Unfreundlichkeitspranger gestellt werden, dieselbe "erlesene" Eisenbahner-Lerneinheit allerdings im Fortgang als unkonventionelle Integrationsmaßnahme in den Kinder-Alltag verstanden wissen will. Was denn nun, Meister Korfmacher?

"Einstimmigen Applaus" gibt Nina May der Komödie "Offene Zweierbeziehung" von "Dario Fo und Ehefrau Franca" am Theater der Jungen Welt. Die Inszenierung Jürgen Zielinskis zeige, dass "derlei Geschlechterkämpfe nicht zwangsläufig im sattsam bekannten Klischee steckenbleiben" müssten (stattdessen in Wunden gelegte Finger; keine Versöhnung am Ende!), könne vielmehr einem "ausgelutschten Thema" noch manchen Witz entlocken. "Der Charme des Abends besteht vor allem im Spiel von Romero und Roland Klein", die Zielinski "um die Gunst des Publikums buhlen" lässt, während "für ein bisschen Spannung" Susann Fiedler und "der Kurzauftritt eines mysteriösen Atomforschers" sorgen. Auch Bühnenbildner Fabian Gold wird für seine Realisierung des "trauten Heims als gefängnisartige Zelle" in die Lobeshymne einbezogen. Einzig die Überschrift des Artikels ("Im Einheitsbrei des Paarlebens") klingt merkwürdig deplatziert zu Nina Mays Text.

Samstag, 18. Dezember 2010

lvz kultur vom 18.12.10: Stuckrad-Barre und Sarrazin, Wikileaks, Kulturraumgesetz & Dario Fo

Late-Nighter Benjamin von Stuckrad-Barre, der ehemals "Spaßliteratur" schrieb und verkaufte, bis das fliegentötende Feuilleton sein Gehirn weich geknetet hatte, sitzt nun da vor seinem Gast Thilo Sarrazin und schwitzt vor Angst. An einer derart wunderbaren, mit dem Modewort authentisch kaum zu fassenden Situation, interessiert Kirsten Baukhake für die lvz einzig und allein, dass Sarrazin mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" Geld verdient hat, viel Geld. Ist das denn verwunderlich? Eine Meldung? Skandalös? Spekuliert die lvz auf die Neidwelle, die die "Musste ja mal gesagt werden"-Welle ablösen soll? Für eine Zeitung, die nicht hauptsächlich mit fetten Schlagzeilen, sondern mit Nachrichten Geld verdienen will, verdammt wenig.

Nina May behelligt den Inhaber der Domain wikileaks.de, Theodor Reppe, mit Hausfrauenfragen, horcht ihn über das Prinzip Petzen aus, will wissen, ob nicht doch wieder nur die Mächtigen..., weiß, dass Wikileaks bösen Fälschern aufgesess..., das Magazin Rolling Stones Julian Assange zum "Rockstar des Jahres" gewählt hat und die WAZ-Gruppe ebenfalls auf das Wiki-Prinzip aufspringen (und bald wie der Spiegel von der US-amerikanischen Luftwaffe durch Sperrung ihrer Website geehrt werden) will. Naja, wie so oft also. Es sind die Fragen, die jedes goldene Blatt auch stellen würde, ohne seine Leser mit irgendwelchen politischen Fragen und Kommentaren zu nerven, die rein beschäftigungsmäßig über die Zeit hinausginge, die ein Chai Latte-Tee zum Ziehen braucht.
Theodor Reppe antwortet in bester Schülersprecher-Manier, dass Politiker, die "realisieren, dass die Bürger mitbekommen können, was sie so treiben, sich deshalb in Zukunft auch eher in deren Interesse verhalten" würden und ähnlichen Schmonzes mehr. Das Idealismus-Groupie befürwortet daher "natürlich" die Freilassung des Julian Assange.

Hallo? Herr Leßmann? Hat Tschaikowski und die Nussknacker-Suite bei ihnen 1,5 Promille ihres Gehirns weich gemacht? Das Konzert des Gewandhausorchesters unter Leitung von Dmitrij Kitajenko, das sie so über den goldenen Klee loben, wenn auch nicht als "mutig", so doch als "groß", charakterisieren Sie mit: "Präzision ist ohnehin das Stichwort für dieses Große Concert" und entblöden sich nicht, wenige Zeilen später zu schreiben, dass "der russische Tanz maßlos über die Stränge schlägt" und "zum Höhepunkt" ausgerechnet den "vielstrapazierten" Blumenwalzer erklären, "bei dem die Geigen so viel zauberisch morbides Parfum in die Phrasen legen, dass man schon arg abgebrüht sein muss, um nicht davon berührt zu werden".

Der "Sparhaushalt" der Landesregierung (u.a. Novellierung des Kulturraumgesetzes), der der Dresdner Semperoper allerdings allein für 2011 mehr als 4,0 Mio € Subvenstions-Erhöhung (!) gewährt, um die anfallenden Tarifsteigerungen bezahlen zu können, beschert der Oper Leipzig 640.000 € geringere Zuschüsse, dem Schauspiel 217.000 €, dem Gewandhaus 246.000 €. Neben den direkten Einbußen fallen die Tarifsteigerungen zusätzlich ins Gewicht. Für das Centraltheater hat Verwaltungsdirektor Ballweg bereits eine Finanzierungslücke von 500.000 € prognostiziert. Das entspricht schnell mal 2-4 Neu-Produktionen. In einem Haus, das kaum "Renner" hat, die häufig angesetzt werden können, ist das nicht auszugleichen, nicht mal durch vermehrte Weihnachtsmärchen oder Konzerte.

Die Wunderwaffe der Gesprächsführung Nina May hat mit den Protagonisten der "Offenen Zweierbeziehung" von Franca Rame und Dario Fo am Theater der Jungen Welt gesprochen und fand kongeniale Partner. Witzig die Vorstellung Mays, Paare mit kriselnder Beziehung würden sich das Stück ansehen, verbunden mit ihrer Frage, wie die "Prognose für die Beziehung" wohl aussähe? Abril-Romero/Kleins Einschätzung: entweder kommt der Standesbeamte ins Spiel, weil das Paar "gemeinsam lachend" einen Neustart wagt, oder der Scheidungsrichter, weil das Paar sich für den Schlussstrich entscheidet. Ansonsten wird viel von "Beziehungsmustern", "allgemeinen Verhaltensmustern" und "Verhalten in Konfliktsituationen" geredet. Einen Geschlechterkampf sieht niemand am oder unterm Horizont, nur Frauen, "die es noch nicht so richtig drauf haben, dem eigenen Verlangen nachzugehen" und Männer, die "etwas Trauriges" an sich haben, "wenn sie partout jüngere Frauen abschleppen" müssten. Und natürlich würde auch "mit Klischees gespielt", wenn "zum Beispiel die Mutti, die zu Hause sitzt" gezeigt würde. Trotzdem: das Foto der glücklich verheirateten SchauspielerInnen (aber nicht miteinander!) ist schön!

Zum 100sten Geburtstag von Jean Genet fällt dem lvz redakteur Ulf Heise nichts anderes ein als die alte Leier des "skandalumwitterten" Schriftstellers, der an der Grenze zum Pathologischen sich selbst stilisiert ("Die Legende Genets, an der zu stricken er sich ziemlich Mühe gab, ist die eines erfolgreichen Verbrechers, eines Außenseiters, der Dieb, Strichjunge und Landstreicher gewesen war") und berühmte Fans (Georges Pompidou, Francois Mitterand, Pierre Boulez, Igor Strawinsky, Jacques Foucault, Michel Derrida) und Widersacher (Albert Camus, Francois Mauriac, Andre Gide) hatte. Warum eigentlich? Statt den zeitlichen Abstand zu nutzen, um den Provokationsgehalt seiner Werke wenigstens halbwegs den realen Fantasien seiner Zeitgenossen gegenüberzustellen, voyeurisiert, skandalisiert und übergeht der redakteur die eigentlichen Leistungen und Werke des ungewöhnlichen Schriftstellers.

Einhundertfünfzig (150!) Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen einer der weltweit wichtigsten Sammlungen surrealistischer Kunst bekommt die Stadt Berlin geschenkt. Das Unternehmerpaar Ulla und Heiner Pietzsch will ihre in 50 Jahren zusammengetragene Sammlung komplett abgeben (wenn ein "signifikanter" Teil davon öffentlich gezeigt würde), um "sicherzugehen, dass die Sammlung nicht wieder auseinandergeht und in alle Welt verteilt wird". Für diesen Fall müsste Berlin, schreibt Nada Weigelt, ein bisher nicht vorhandenes Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts schaffen. Cool ("schmunzelnd") beschreibt der Unternehmer, dass, "wenn die Schenkung den Durchbruch bringt, dass Berlin endlich das bekommt, was es schon so lange braucht, ich recht zufrieden in die Kiste steigen könnte."

Donnerstag, 9. Dezember 2010

lvz kultur vom 9.12.10: Friedensnobelpreis, Neo Rauch, Marina Frenk & Kulturräume

Die Angst der chinesischen Führung vor ihren Bürgern und die Angst vor einem Gesichtsverlust in der Weltöffentlichkeit bestimmt deren Handeln nicht erst, seit der Friedensnobelpreis an den inhaftierten Intellektuellen Liu Xiaobo vergeben wurde. Der Gegensatz aber kann kaum größer sein zwischen der Haltung Xiaobos, der als den größten Beitrag der Demokratie zum Wohl der Menschen bezeichnet, "Probleme unter Vermeidung von Gewalt und Blutvergießen zu lösen", und der Intoleranz der chinesischen Regierung gegenüber individueller Meinungsäußerung. Zu diesem Zweck, konkret, um die Teilnahme an der Nobelpreisverleihung zu verhindern, greift China vehement in die Freiheit und Rechte ihrer Bürger ein (Inhaftierung, Einschüchterung, unter Hausarrest stellen, an der Ausreise hindern u.a.). Die Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu und Václav Havel formulieren laut Andreas Landwehr und Thomas Borchert: "China verletzt nicht nur die Menschenrechte seiner Bürger, sondern verhätschelt und unterstützt auch brutale Diktaturen rund um die Welt."



Der großen Neugier der Weltöffentlichkeit auf einen einflussreichen Denker und noch wenig bekannten chinesischen Inellektuellen willen, aber wohl auch dem Geschäftssinn des Bei Ling ist die Biografie über seinen über Nacht berühmt gewordenen Freund Liu Xiaobo zu verdanken, die er in nur zwei Monaten recheriert, geschrieben und hat drucken lassen. Er beschreibt ihn als "eigensinnigen und mutigen Intellektuellen", den Schuldgefühle plagten, weil er die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 im Gegensatz zu vielen seiner Mitstreiter überlebt hat. Er vermittelte seinerzeit zwischen Regierung und Studenten und organisierte aus Angst vor einem Blutbad den friedlichen Abzug der Studenten. Nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens kam auch Xiaobo in Haft, nicht zuletzt wegen eines Geständnisses auf Druck der Familie. Doch kam er bereits 1991 wieder frei, anders als viele andere Anführer der Bewegung. Auch dieses Schuldeingeständnis hat Xiaobo später als innere Schwäche bereut. Wie Andreas Landwehr schreibt, verschweigt Bei Ling aber auch in Schilderungen über Xiaobos Privatleben nicht, dass der heutige Nobelpreisträger eine "zügellose Person, schlechter Vater seines Sohnes und treuloser Ehemann seiner damaligen Frau" gewesen sei. Seine jetzige Frau, eine Künstlerin, die sich zu den politischen Aktivitäten ihres Mannes nicht äußern wollte, steht zur Zeit trotzdem unter Hausarrest und ist ohne jeden Kontakt zur Außenwelt.



Nach der Kurzmeldung gestern nun der ausführliche Bericht. Magdalena Fröhlich schreibt über die Eröffnung der "Schau" dreier Bilder Neo Rauchs im Pariser Palais Beauharnais (Rauch: "dem wohl schönsten Gebäude der Bundesrepublik"), der Residenz des Deutschen Botschafters. Rauch, der den Auftrag für ein großformatiges Bild anfangs eher als Beitrag zu einer neuen Dekoration des Gebäudes verstanden hatte, ist das Aufsehen um seine Bilder (Leihgaben der Galerie eigen+art) angeblich "nicht ganz geheuer". Doch die Veranstaltung und der mediale Wirbel stehen zweifellos in toller Kosten-Nutzen-Relation. Dem Deutschen Botschafter gelingt eine große Aufmerksamkeit auf "das Bild von Deutschland im Ausland", Außenminister Guido Westerwelle, der zur Eröffnung sprach, kann sich glücklich schätzen, als Kunstfreund und vor allem mal wieder mit positiven Meldungen in die (Medien-)Öffentlichkeit zu kommen, Neo Rauch selbst, indem er - gemessen am Aufwand, den er eher als "vorweihnachtliches Intermezzo" bezeichnete - maximale Beachtung in Deutschland, aber auch in Frankreich gefunden hat, sein Galerist kann sich ebenfalls über diesen Türöffner zu einem bisher verschlossenen Kunstmarkt freuen, die Botschaftsreferentin über eine Aufwertung des Deutschlandbildes in Frankreich via Kunst, der ehemalige Direktor des Centre Pompidou und Berater des Projekts im Palais, Werner Spies, über eine gute Vorarbeit für seine kommende Kuratorentätigkeit zu einer bevorstehenden Rauch-Ausstellung in Baden-Baden, die Botschafts-Gäste natürlich, indem sie einem einmaligen Event beiwohnen durften, bei dem sie sich als Kunstkenner erweisen konnten (ließen sich zitieren mit der Aussage über die Rauch-Bilder: "eine fremde Art des scheinbar Bekannten, keinesfalls (!) jedoch eine befremdende"), und nicht zuletzt Magdalena Fröhlich für ein bildungsreisendes Vergnügen und journalistischen Arbeitsurlaub und die lvz für eine nette Story. Wie schließt Magdalena Fröhlich: "Ein Bild sagt mehr als Worte."



"Ausgepresst" beginnt mit Janina Fleischers schönem Bonmot "Nicht nur Unglück kommt selten allein, auch das Glück hat es drauf, paarweise aufzutreten" - und meint die Ehe bzw. die steigende Zahl dieser privaten Geschäftsabschlüsse. Es gehe um eine sensationelle Entwicklung von Berliner Neurowissenschaftlern, die demnächst befähigt sei, ungesagte Gedanken für Außenstehende in Texte umzuwandeln. Ihr Fazit: "Die Welt wäre ehrlicher", wenn man auf diesem Wege vom Ungesagten des Gegenüber erführe. Na wenn das mal nicht zu ebensolchen diplomatischen Verwicklungen führen wird, wie Wikileaks sie derzeit verursacht.



Nina May führte anlässlich der kommenden Premiere des Solostücks "Schlafes Schwester" in der Skala ein Interview mit dem neuen Leipziger Ensemblemitglied des Centraltheaters Marina Frenk. Rolle und Person etwas vorschnell in Zusammenhang zu bringen (hie "Derwisch voller Energie", da "stakkatohafte Antworten wie bereits auf dem Sprung"), kommt May zu dem wenig schmeichelhaften Urteil, dass "selbst wenn Marina Frenk über Persönliches spricht, klingt sie irgendwie abstrakt, als erzählte sie von einer anderen Person." Wer aber auch nur einmal die - zurückhaltend ausgedrückt - hölzerne Art der Gesprächsführung der lvz redakteurin kennt, ahnt, dass an diesem Eindruck vielleicht zwei Seiten beteiligt waren. Interessant sind die Bekenntnisse der jungen Schauspielerin, einerseits als Performerin eine größere Bedeutung zu haben denn als ausführendes Organ einer Regiearbeit, andererseits beim konsequenten Auf die Spitze-treiben des sogenannten Regietheaters, gleich gänzlich auf den Regisseur zu verzichten und stattdessen Dramaturgin und Schauspielerin mit dem Text (Robert Schneiders "Schlafes Bruder") einfach mal wegzusperren und zu sehen, was dabei herauskommt. Und dass Marina Frenk - verständlicherweise - auch weiterhin Angst davor habe, dass das nicht funktioniere.



In der Interviewreihe Mathias Wöbkings' zur Novellierung des Kulturraumgesetzes ist heute Karl-Heinz Gerstenberg (GRÜNE) aus Dresden Gesprächspartner. Gerstenberg lehnt die Novelle ab, für ihn bedeutet der Eingriff, dass künftig mit den Summen der Kulturraumgelder nach Belieben der Regierung verfahren werden könne, die Verlässlichkeit dahin sei, die zu den wichtigsten Merkmalen des Gesetzes zählte. Allerdings sieht er auch in den real erfolgenden Kürzungen eine Gefahr für Leipzigs Kultur, Ort der "Erbepflege und kulturellen Avantgarde" zu bleiben, "der Ausbau der dringend notwendigen kulturellen Bildung" bliebe sogar wohl ganz auf der Strecke. Gerstenberg sieht das Vorhaben der Landesregierung schlicht darin, "dass der Freistaat seine Landesbühnen gegen den Protest der Kulturräume von diesen mit bezahlen lassen will". Die Grünen hätten iherseits Änderungsanträge zum Haushalt eingebracht, um ohne Neuverschuldung und ohne den Schuldenabbau zu bremsen, Kürzungen der Kulturraumgelder zu vermeiden.



Einige zehntausend Unterschriften gegen die geplanten Kürzungen hat Landtagspräsident Matthias Rößler erhalten, die er umgehend an den Petitionsausschuss übergeben wolle, der diese frühestens am 6. Januar entgegennehmen könne. Leider drei Wochen zu spät, um noch Einfluss auf die Abstimmung am 15. Dezember zu nehmen.



Stefan Reisner berichtet über ein Fastfood-Konzert des Forums Zeitgenössische Musik Leipzig beim Bürger-König Burger-King. "Fast Food" war das Thema des Kompositionswettbewerbs, die Beiträge durften jeweils nicht länger als ein Popsong sein. Obwohl die Burger-Kette in den Musikwerken auch reichlich Kritik einstecken muss, scheint sich die Aufmerksamkeit auf dieses Projekt für sie trotzdem zu lohnen, ebenso wie für das FZML, das bereits mehrfach mit ungewöhnlichen Locations und Themen ihrer Konzerte aufgefallen ist. Mit Michael Flatleys "Lord of the Dance" war in der Arena Leipzig wieder ein internationales Großevent zu erleben. Stehende Ovationen für die Stepp- und Showkünstler, doch Fragen an Julia Samt, die in ihrer Kritik weder Kritisches anmerken will, noch sich überhaupt einer Wertung hingibt. Nur als Beispiel: Wenn sich die Stepp-Damenformation in Strings of Fire zunehmend entblößt, "sicher, weil das Feuer so heiß ist", endet sie: Stepptanz als Werbung für ein Unterwäschelabel. Liegt in der Ironie Distanz? Wirkte der Auftritt peinlich? Lächerlich? Abgezockt? Charmant? Kokett? Geschäftstüchtig? Es ist wie es ist? Der in der Türkei wegen Raubüberfalls und Umsturzversuch angeklagte deutsche Autor Dogan Akhanli ist zu Beginn des Gerichtsverfahrens auf freien Fuß gesetzt worden. Der Prozess wird im März 2011 fortgesetzt. Eine wertvolle Privat-Sammlung aus etwa tausend Stücken ist auf dem Weg nach Leipzig, wo sie im Bach-Archiv untersucht werden kann. Das Material dient vor allem der Forschung über die Bachsöhne Carl Philipp Emanuel, Wilhelm Friedemann und Johann Christian, darunter der Autograph der Oper "Zanaide", die im Rahmen des Bachfests 2011 erstmals seit 1763 wieder aufgeführt werden wird.

Dienstag, 30. November 2010

lvz kultur vom 30.11.10: Faber, Neuber, Benzin & Timm Thaler

An der steilen Bergab-Fahrt des Michael Faber kann diese angezogene Handbremse wohl nichts mehr ändern. Rettung ist von der Petition Leipziger Autoren, Schauspieler, Maler, Verleger und anderer Kulturarbeiter gegen ein Abwahlverfahren des Kulturbürgermeisters nicht zu erwarten. Es ist mehr eine Art Ehrenrettung, auch vor sich selbst.
Nina May sprach mit Jonas Plöttner, einem der Erstunterzeichner der Petition. Nicht nur Plöttner sitzt zwischen den Stühlen. Der Verleger und Chef des Schauspiel-Freundeskreises setzt sich für Faber ein, der Intendant Hartmann vehement kritisiert. Aber Plöttner kritisiert auch Faber und dessen "Versäumnis, in eineinhalb Jahren im Rathaus anzukommen". Doch Plöttner mag nicht wirklich Position beziehen. Er mag nur die Art nicht, in der Faber "abserviert" wird. Er weiß, dass Faber bei einem Verbleib im Amt "niemand mehr ernst nehmen würde" und kann dennoch nicht akzeptieren, dass sich die Politiker "von der allgemeinen Stimmung leiten" lassen. In seinen Augen machen die Intendanten der Kulturbetriebe ihre Häuser selbst kaputt, sind selbst schuld daran, dass sich das Publikum verweigere. Plöttner möchte sich gerne "einbringen" und "Faber beim Politikmachen beraten". Diese gefühlte Besserwisserei ist leider gar keine Hilfe. Ein Schöngeist kritisiert einen Schöngeist. Aber strikt solidarisch, schließlich "leidet die Kultur unter den politischen Machtspielchen". Diese Petition macht das Vakuum in der Kulturpolitik Leipzigs erst richtig deutlich. Vielleicht ist Fabers Vorschlag, 2014 zum großen Revirement zu nutzen, so schlecht nicht. Bis dahin bliebe Zeit, Strukturen zu hinterfragen, ohne Schnellschüsse zu produzieren, Zeit, zu klären, in welcher Liga Leipzigs Oper spielen soll, Zeit, einen Künstler-Intendanten zu finden, der mit seinem GMD und einem Verwaltungsleiter ein Team bildet. Aber wie dichtete Wilhelm Busch: Eins zwei drei im Sauseschritt, eilt die Zeit, wir eilen mit.

Dem lvz redakteur Jürgen Kleindienst ist Frau Holle und die weiße Pracht aufs Gemüt geschlagen, die Rubrik "ausgepresst" hat sich Kleindienst heute nur so aus den Rippen pressen können. Witzlos. In Kleindiensts wehen Augen ist ganz Sachsen, zumindest der sächsische Kulturraum, eingeschneit. Um dem "Weihnachtsmann" unfallfreies Fahren zu ermöglichen, muss der (Kultur-)Raum "leider etwas" (be-)räumt werden. In ihrem (oder Kleindiensts?) Wahn greifen die "Bühnenarbeiter, Marionettenschnitzer, Schauspieler, Sänger und Regisseure", nun zum Schneeschieber und - räumen sich selbst hinweg, lieber Jürgen Kleindienst, oder was? Ein-Euro-Jobber, die sich selbst auf die Schippe nehmen? Danach bleibt wirklich nur noch das Ehrenamt. Oder der Totengräber. Am besten als Showdown aus Hamlet, an dessen Finale alle reihenweise in die Gräber hüpfen? So, Herr Kleindienst? Oder wars doch zuviel Glühwein?

Der vor 250 Jahren verstorbenen Friederike Caroline Neuber gedenkt Nina May in einem längeren Artikel und zitiert dabei auch brav das Henschel-Theaterlexikon, das der Neuberin "Impulse für eine Professionalisierung und Anerkennung des Schauspielerstandes" zugute hält. Seitdem bewegt sich das deutsche Theater nur zu gerne munter zwischen den Extremen eines "literarisch-lehrhaften", heute hochsubventionierten Theaters und der ins Fernsehen und ins Comedyfach verbannten Hanswurstiade für das Volk. Goethe selbst hatte für die Neuberin und ihren "durch höhere sittliche Ansichten gereinigten Geschmack" auf dem Theater nicht viel übrig. Er bedauerte, dass sie damit "Bestrebungen eines deutschen Nationaltheaters nach dem Vorbild der italienischen Commedia dell'Arte zunichte" gemacht habe. Er war halt doch ein frivoler Anarchist, unser faustischer Volksdichter.

Das Theater Chemnitz hat eine Oper ausgegraben und zur Uraufführung gebracht, von der Peter Korfmacher nicht weiß, ob sie vielleicht besser unter der Erde geblieben wäre. "Benzin" heißt das Werk aus der Feder Emil Nikolaus von Rezniceks und sammelt irgendwo "zwischen Romantik und Moderne" Spielarten des Modetanzes der Zwanziger Jahre. "Professoral und lendenlahm" sei die Musik, gleichwohl "unverbraucht", sie finde zwar "neue Töne", doch nie eine "neue Musiktheaterform". Der durchgeknallten Handlung des Librettos hätte eine ebensolche Regiehandschrift gutgetan, findet Korfmacher, doch Martin Duncan inszenierte "kreuzbrav". Trotzdem: Am Ende erheblicher Jubel im Publikum.

Theresa Wiedemann vermisst an der jüngsten Premiere von "Timm Thaler" im Theater der Jungen Welt "Emotionen" und "Intensität", im "Zick-Zack-Kurs" ruckele sich die Inszenierung durch das ganze Buch. Text (Marion Firlus) und Inszenierung (Katja Lehmann) verknappten an den falschen Stellen (z.B. der Schweigepflicht des Barons Lefuet gegenüber Timm), statt an manchem Schlenker bei der teuflischen Figur selbst. Statt um Timms Lachen gehe es viel zu sehr um Aktienmärkte, maximalen Kapitalertrag und "Heuschrecken-Kritik". Da helfe auch der Slapstick von Susanne Krämer und Gösta Bornschein wenig, der "die Geschichte kaum voran, aber die jüngeren Zuschauer durcheinander" bringe.

Montag, 22. November 2010

lvz kultur vom 22.11.10: Konwitschny, Fritz Kater, BMW & Bach

Überraschung an der Oper. Chefregisseur und -denker Peter Konwitschny hat aus Glucks Oper "Iphigenie in Aulis" eine Comic Strip Version gemacht, die Benedikt Leßmann an Asterix-Verfilmungen, nur ohne Witz, erinnert. Leßmann legt sich anfangs nicht fest, ob der "schwerste Mythenstoff" auf diese Art erzählt werden könne. Schließlich bedauert er aber, dass die Inszenierung auf halber Strecke zur "Popcorn-Oper" stehenbliebe, und bezeichnet ein "von Bedeutung unbelastetes Spaßtheater" als "legitim". Nur - das liefere Konwitschnys "ironisches Inszenierungskonzept" eben nicht. Für Leßmann ist der Comic Strip zwar erst der Ansatz einer Deutung. Aber dann fragt er sich, ob Glucks Oper - über die fragwürdige Konstruktion Konwitschnys hinaus - uns heute überhaupt noch etwas zu sagen habe. Er schreibt, "Göttin Diana, die dea ex machina, erscheint am Ende als Freiheitsstatue", doch scheint er der Erzählung, dass aus der Göttin der Weisheit eine Götzin von heute geworden ist, die Kriege unter dem Label der Freiheit führen lässt, und zu diesem Zweck sinnlos Menschenopfer fordere, nicht zu trauen. Dass Medien den ideologischen Überbau der modernen Kriege wie die alltäglichen Schrecken lieber als bunten Karneval gestalten, die den unterhaltungsgewohnten Konsumenten auf den Opernsesseln wie in einer Drohne über das zum Disneyland umgepolte Kriegsgebiet sitzen lassen, erscheint ja nicht einmal halbgar. Für Leßmann ist die Leipziger Inszenierung der Oper, die 1774 noch Furore machte, trotz des hohen musikalischen Niveaus aber "kein großer Wurf".

"Großartig" sei aber Sascha Hawemanns Inszenierung von Fritz Katers "We are blood" in der Skala. Am Ende sogar reine Poesie. Aus einer soziologischen Versuchsanordnung heraus fangen erstklassige Schauspieler mittels einer "Erzähl-Melodie, die nicht tönt, sondern ohne Hast von Szene zu Szene fließt" den Zuschauer regelrecht ein. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die liebeshungrige Lisa, die zwischen einem hochmoralischen, aber emotional gestörten Naturschützer und einem moralfreien, aber empathischen Immobilienspekulanten schwankt. Hawemann habe ein "feines Gespür für subtile Interaktionen, für das Inszenieren von Spannungen" und eine "Genauigkeit, die so oft verdammt fehlt am Theater". "Ein wunderbarer Theaterabend", sagt Steffen Georgi.

Eine Statistik, die die unterschiedlich hohen Eigeneinnahmen von deutschen Opernhäusern auflistet, wird von der lvz zitiert. Die Dresdner Semperoper erreiche den unerreichten Wert von 43% Kostendeckungsgrad, das Opernhaus Halle nur einen von 6,6%. Verglichen werden wegen vollkommen unterschiedlicher Voraussetzungen Äpfel und Birnen, das wird ausdrücklich gesagt, und wohl von interessierter Seite sofort wieder vergessen, bzw. als Argument für oder besser gegen die Kosten sämtlicher anderer Opernhäuser genutzt.

Eine weitere Benefizaktion vor Weihnachten wird von der lvz promoted, es handelt sich um den Adventskalender zugunsten der Jose-Carreras-Stiftung, Hauptsponsor ist BMW. Nina May beschreibt rührend bemüht das making of des Kalenders, dessen Partner für das 24. "Türchen" die lvz ist. Die Auftaktveranstaltung finde am 1. Dezember am Leipziger Gewandhaus statt.

Über den 300. Geburtstag eines "sperrigen Charakters", der einerseits der "Zeitgeist-Prägung des Originalgenies" entsprach, das seinerzeit aber nur verbal beschworen wurde, während es andererseits im realen Leben genauso wenig geschätzt geschweige in Dienst genommen würde wie heutzutage schwierige Menschen, schreibt Gerald Felber. Es ist Wilhelm Friedemann Bach, ältester Sohn des Johann Sebastian. Dessen "harter und sonderbarer Charakter" vereinigte "Altgewohntes und umstürzend Innovatives, sperrig-rigorose Kantigkeit und weiche Empfindsamkeit, virtuose Brillanz, sarkastischen Humor und schwermütige Innerlichkeit." Hätte es ihn damals gegeben, würde Felber den Komponisten und Orgelvirtuosen dem "Expressionismus" zugeordnet. Das Ende seines Lebens, vom 54. bis zum 74. Lebensjahr, verbrachte der Bachsohn als "freier Künstler" in bitterer Armut.

Ein großes Lob noch von Peter Korfmacher für das MDR-Sinfonieorchester, das im Gewandhaus Dvoráks Stabat Mater, "Töne von großer emotionaler Wucht" aufführte. Der fantastische Chor unter Leitung von Nikolas Fink "leuchtete", "vom gehauchten Beginn bis zu den markerschütternden a-cappella-Blöcken des Finales."

Dienstag, 9. November 2010

lvz kultur vom 9.11.10: d'Albert, Kehlmann, Tapetenwerk & ein neuer Kulturdezernent

Eine packende Opernpremiere in Görlitz ist Hauptaufmacher der Dienstagskultur. Boris Michael Gruhl schreibt einen ebenso packenden Bericht der Premiere "Tiefland" von Eugene d'Albert, als sei sie ein Filmereignis. Mindestens aber ist sie großes Gefühl plus schneeweißer Gletscher plus Himmelblau. So kitschig das klingt, so gegenwärtig inszeniert Klaus Arauner die Geschichte über knallharte Firmenmanager, Arbeitskräfte mit der Sehnsucht nach einem kleinen Glück und verzweifelten Frauen zwischen allen Stühlen. Reinheit der Seele und Verderbtheit des Geldes sind die konstruierten Gegensätze, aber nicht die zwischen gestern und heute. Natürlich gibt es kein Entkommen aus dem Tiefland in die Reinheit. Doch dass es kein richtiges Leben im falschen gebe, stimmt halt nicht. Das ist einfach zu evangelisch gedacht plus katholischem Schuldgefühl. Dass der Prozess der Loslösung scheitern wird, ist kein gültiges Argument. Es geht nicht um Ergebnisse. Das Leben ist keine Schule.

Auch am Theater Döbeln ist gutes Theater zu sehen. "Die Vermessung der Welt" nach Daniel Kehlmann. Aber was heißt schon gut. Das Gute wird gleich drei Nummern besser gemacht, so klingt jedenfalls die Besprechung von René Weinhold und Henriette Wemme. Der fanatische Theoretiker Gauß und der feinsinnige, abenteuerlustige Humboldt stellen aufgeklärte Freigeister dar, ohne die eine moderne Staatsform wie unsere Demokratie niemals existieren würde. Mit allen individuellen Abgründen, als "intelligente Humoreske" aufgeführt, bei Kehlmann wie bei Regisseur Lutz Hillmann.

Die Ausstellung eines Kunst- und Forschungsprojekts mit Namen "Zerreißprobe" findet derzeit im Tapetenwerk in der Lütznerstraße statt. Werke von 14 Künstlern sind zu sehen. Hendrik Schäfer schreibt, das Spannungsfeld von Wissenschaft und Kunst sei zugleich eines von Einheit und Trennung. Soll heißen: Es gebe keine reine Dokumentation, sprich: Wissenschaft, denn allein die getroffene Auswahl belege schon eine an der Fiktion, sprich: Kunst, orientierte Vorstellung (Jana Seehusen). Auch in Andrea Pichls Rauminstallation wird die Grenze von Kunst (hier: als Utopie gedachte Bauhausarchitektur) und Wissenschaft/Technik (hier: Das Scheitern der Plattenbauarchitektur) fließend und doch ändert sich der Aggregatzustand.

Nina May verwechselt in der Randspalte "ausgepresst" wieder Selbstmitleid und Humor. Muss sie wirklich Neid empfinden, verbunden mit Berührungsängsten vor Landluft in Zeitschriftenformat? Konstatieren diese doch eine Realitätsflucht geradezu "biedermeierlichen Ausmaßes". Obgleich laut Spiegel Online in der Verbindung von Intellektuellem mit Rustikalem (á la Bratenrezepte) die Zukunft des Journalismus läge. Funktioniert diese Sehnsucht nach geistiger Bohéme, möchte man mit Nina May fragen, eigentlich auch umgekehrt? Kann es Entspannung in grillgeschwärzten, niemals erigierten Kopfzonen geben? Ein LETTRE-Abonnement in der Kleingartenkolonie? Oder heißt es dann nur anders und hat andere Themen?

Im jährlich stattfindenden Konzert des Sinfonieorchesters der Hochschule für Musik und Thaeter, Leitung: Ulrich Windfuhr, herrscht noch "Sommernachtstraum-Stimmung", schreibt Heike Bronn. Was die jungen Musiker als "Grundlage für gefühlvolles und brennendes Musizieren mitbringen", verstehe Windfuhr "nicht zu bündeln" und bleibe ohne jeglichen "emotionalen Gehalt".

Die Galerien Koenitz und Irrgang stellen derzeit Malerinnen aus, die zu den "Gründungsmüttern der Leipziger Schule" zählen können: Gudrun Brüne und Doris Ziegler. In realistischer Manier malt Brüne "Masken, Puppen, Totenköpfe", denen man mehr Lebendigkeit zutraut als den dargestellten Personen, bei aller "Ferne von Individualität und Liebe". Doris Ziegler malt insbesondere Leipziger Stadtbilder mal mit, mal ohne Menschen. Deren Masken entlarven, so Christine Dorothea Hölzig, den manulierten Menschen. Auch der Rest sei Kulisse, die Stille nur da, "um gebrochen zu werden".

Steffen Georgi will über den Abschluss der euro-scene, die Choreographie "Empty Moves" von Angelin Preijocaj, schreiben und unterderhand ein neues Kapitel seiner Diplomarbeit. Georgi sah den Abend als "Reduzierung auf das Grundlegende" und war fasziniert von den "schönen Ruinen des Lautmalerischen". "Empty Moves" zelebriere die "Emanzipation der Form von der Doktrin der Sinngebung", die "Schönheit der Abstraktion". Sekundenbilder entstünden, wenn "einer dem anderen für Augenblicke die Nase zuhält, den Mund öffnet, einen Finger ins Ohr steckt." Wow. "Eine Kunst, wahrhaft frei".

Damit war zu rechnen. OBM Burkhard Jung entzieht dem Kulturdezernenten die Zuständigkeit für die Eigenbetriebe der Stadt Leipzig. Dem ungeschickten, unkommunikativen und seltsam unwilligen Michael Faber wird kaum mehr übrigbleiben als der Rücktritt. Wolfram Leuze, der opportunistische, auf zeitgemäß autoritär setzende Grünen-Fraktionschef souffliert, "ein OBM kann es nicht auf Dauer hinnehmen, wenn einer der Dezernenten seinen Vorgaben öffentlich widerspricht". So? Ein OBM - so unsouverän? Schlimmer ist doch, dass es bei Faber kein Interesse, kein Konzept, kein Engagement für Leipzigs Theater-Kultur gab. Ob Jung mehr Zeit erübrigen wird, wenn die Kultur sich als ebenso renitent erweist wie sein Dezernent? Oder lässt er sie dann ebenfalls gekränkt fallen?
Zumindest herrscht jetzt nicht nur in der Oper, sondern auch in der Kulturpolitik Führungsvakuum und Chaos, verbunden mit der Selbstherrlichkeit eitler Narzissten.

Montag, 1. November 2010

lvz kultur vom 2.11.10: Harry Rowohlt, Joe Cocker, der Ring & Cornelia Funke

Zählt Harry Rowohlt zur deutschen Leitkultur? Ein solches Deutschland wäre Heimat. Der Humor jedenfalls würde gewinnen, die Literatur, die Kunst ganz allgemein. All das liegt an dem Läusekamm, den Rowohlt penibel durch alles Gesagte und Geschriebene zieht und Unrhythmisches und anderes Störende herauskämmt. Andere würden Rowohlt wohl am liebsten selbst einer solchen Prozedur aussetzen.
In seiner Leipziger Poetikvorlesung hadert der Übersetzer aus dem Englischen mit der Langatmigkeit der deutschen Sprache, die er permanent zum Schwingen bringen will. Klang ersetzt Bedeutung, nichts bleibt, wie es scheint. "Die Gans ist heute eine Pute, und Uli heißt aus Quatsch mal Ute." Übrig bleibt Gesang. Und der Tanz der Synapsen. Das Publikum, schreibt Janina Fleischer, lachte herzlich.

Der Sheffielder Straßenjunge und Altrocker Joe Cocker stellt in der Leipziger Arena seine neue CD "Hard Knocks" vor. Im Gespräch mit Dagmar Leischow soll er sich vor allem rechtfertigen. Für den poppigen Sound. Für die Mitarbeit von anderen. Für seine Coverversionen. Ansonsten fragt sie ihn, ob es ihn ärgere, dass... langweile, dass... leid tue, dass... störe, dass... und ob er gerne an Woodstocke zurückdenke, nicht lieber vor kleinerem Publikum spiele, Blumen züchten wolle, Drogen nehmen, verfetten, vom Dach stürzen oder wenigstens - ans Aufhören denkt.
Cocker tut ihr den Gefallen nicht. Solange seine Stimme o.k. sei und er die Kraft habe, zwei Stunden auf der Bühne zu stehen, mache er weiter. Warum auch nicht?

Christian Rupp stellt sich die Frage, ob sich Vera Nemirova mit ihrem "Ring"-Zyklus an der Oper Frankfurt wohl in die Phalanx der Vorgänger einreihen könne, die aus Gielen/Berghaus/Manthey und aus Wernicke bestehe. Fraglich, befindet Rupp, ohne irgend ein Argument zu nennen; das Publikum möge noch so jubeln. Vielleicht liegts an Wotan (Terje Stensvold), der "gramgebeugt", ein "hemdsärmeliges Etwas", für den "Niedergang göttlicher Macht" stehe? Vielleicht auch nicht. Rupp sagt es nicht.

Von der heute beginnenden 20. euro-scene Leipzig vermisst Nina May die Reibung, die von ihr ausgeht, ein Zeichen, das erkennbar würde, Staub, der aufwirbelt. Etabliert und anerkannt, dafür eingefahren und überraschungsarm sei die euro-scene Leipzig geworden. Der Schwerpunkt Osteuropa, den sie als Eigenes pflege, bleibt gewollt, steril. "Das Licht kommt aus dem Osten", titelt die Festschrift zum 20. Jubiläum des Festivals. Kein Polarlicht. Kein Meeresleuchten. Der Strom kommt aus der gleichen Steckdose wie im Westen.

Hat Cornelia Funke ihren Höhepunkt überschritten? Bedient sie sich nur noch eklektisch bei den Großen der Märchen- und Fantasyliteratur? Ihr neuester Roman "Reckless. Steinernes Fleisch" ist im Dresdner Staatsschauspiel auf der Bühne zu erleben, noch vor der Filmpremiere. Dramaturg Robert Koall, der auch Tintenherz für die Bühne bearbeitete, hat wieder das Vorrecht der ersten und aller folgenden Nächte. Frank Panhans, umtriebiger Kinder- und Jugendtheaterregisseur, macht aus der Vorlage "Familientheater", wie Bistra Klunker berichtet. Mehr nicht. Das Potpourri Grimmscher und anderer Motive wird von "geheimnisvollem Märchensound" der Dresdner Band Polarkreis 18 begleitet. Irgendwo im Text steht wohl auch, dass das Publikum begeistert gewesen sei.

Freitag, 29. Oktober 2010

lvz kultur vom 29.10.10: Grassi-Messe, Kultur Hamburg, Christa Wolf & Alain Platel,

Selbst das Bauhaus kannte die Grassi-Messe und stellte dort aus. Sie ist die älteste deutsche Museumsmesse Deutschlands, Kunsthandwerk von Mode, Geschirr bis zu Möbeln gibt es dort zu kaufen. Auf ihre alten Tage hat sie tatsächlich noch Kinder bekommen: Die Designers Open zum Beispiel.
Im Gespräch mit Juliane Streich sieht Eva-Maria Hoyer, Direktorin des Leipziger Grassi-Museums, den Bedarf an der Messe darin, dass "heutzutage doch alles gleich aussieht". Die Suche nach dem Individuellen und Schönen werde daher immer stärker. Eine Jury hat bereits "in enthusiastischem Kampf" vier Preisträger der Grassi Messe ausgewählt: Hiawatha Seiffert (Preis der Sparkasse), Beate Eismann (Total Leipzig-Preis), Sebastian Scheid (Preis Carl und Anneliese Goerdeler Stiftung) und Silke Spitzer (Preis der Galerie Slavek, Wien). Neben diesen vier stellen viele weitere Künstler auf der heute beginnenden Messe aus. Hoyer freut insbesondere, dass sich die Tradition der Messe verzweige, so sei die Designers Open eine Tochter, die selbstständig wurde, auch wenn sie nun parallel zur Grassi-Messe stattfinde. "Das wird ein wunderbares Design-Wochenende."

Es ist eine skurrile Form der Meinungsumfrage: Bei Katastrophenszenarios wenden Politiker gerne das Try-and-error-Prinzip an. Wo bei den angekündigten Einsparungen der größte Aufschrei, die größte Massenmobilisierung oder der größte Medienprotest erfolgt, da zieht man seine ursprünglichen Pläne zurück, reduziert sie auf die Hälfte oder setzt sie auf Wiedervorlage. So geschieht es derzeit in Hamburg. Kultursenator Stuth, berichtet Ulrike Cordes, will nun doch nicht das Altonaer Museum schließen, die Kürzungssumme von 3,4 Mio € werde erst 2014 fällig. Auch das Junge Schauspielhaus werde zunächst (!) nicht geschlossen. Die vom Hamburger Schauspielhaus geforderte Einsparsumme von 1,2 Mio € werde nun auf mehrere Jahre verteilt. Bürgermeister Ahlhaus wolle "angesichts der wochenlangen Proteste" einen "Imageschaden" von Hamburg fernhalten. Der Schaden, den eine Museums- oder Theaterlandschaft bei der Umsetzung der geäußerten Pläne unwiderruflich erfahren würde, und damit die Hamburger Bevölkerung, interessiert die CDU-Politiker offensichtlich weniger.

Janina Fleischer berichtet über eine Lesung (samt Gespräch) von Christa Wolf, die sie im Haus des Buches aus ihrem jüngsten Roman "Stadt der Engel" abhält. Fleischer läuft zu großer Form auf, Gedanken verwandeln sich bei ihr zu schönen und verblüffenden Sätzen. Die Zuhörer wollen "einer Schriftstellerin nah kommen, die sich selbst manchmal fremd war". Wolf, die in Los Angeles lebt, sei eine Emigrantin auf Zeit. Zu sehr habe ihre "schmale Akte", die sie als IM Margarete in Diensten der Stasi abgeliefert hatte, in der Öffentlichkeit die 42 Bände überwogen, die dieStasi über sie selbst sammelte, "wehren könne man sich schwer". So sei auch ihr Roman weder "Rechtfertigungsschrift noch Verdrängungsprosa", sondern ein Gewebe aus "Erfundenem, Erlebtem, Dokumentiertem". Wolf zitiert Freud: "Ohne Vergessen könne man nicht leben." Doch, so Fleischer, die Gegenwart lasse sich ohne die Möbel der Vergangenheit nur spärlich einrichten. Und "ohne Literatur, der von Christa Wolf zumal, lebten wir aus leeren Koffern."
So sehr sich Christa Wolf und ihre über 300 Zuhörer anhand der gemeinsamen (DDR-)Geschichte einer vergangenen Zeit vergewisserten, so sehr empfindet Alain Platel angesichts der großen Veränderungen, die es in den Neunziger Jahren im Stadtbild Leipzigs gegeben hat, eine große Melancholie, wie er Nina May anvertraut. Es seien Westimporte wie die riesigen Shopping-Center, die Platel dabei vor Augen hat. Seit 1996 ist Platel regelmäßiger Gast der euro-scene, "immer wieder glücklich, eingeladen zu werden", die wachsende "Nähe des Publikums" spüren zu können. Gerade Leipzig schätze er sehr, nicht zuletzt Johann Sebastian Bachs wegen. Manche seiner Ideen, so der Wettbewerb Bestes Tanz-Solo, das von der euro-scene aufgegriffen wurde, würden hier erheblich professioneller, aber im Gegenzug dafür viel weniger entspannt und komisch als in Gent stattfinden. Der ausgebildete Heilpädagoge, der zu den herausragenden Choreografen der Gegenwart gehört, habe sich erst spät getraut, seine Inspirations-Quellen, die sich auch aus Behinderungen und Krankheiten speisen, offen in die künstlerische Arbeit einfließen zu lassen. Eigentlich erst seit "vsprs" (2006) habe er keine Angst mehr, mit diesem "Material "zu arbeiten.

Samstag, 16. Oktober 2010

lvz kultur vom 16.10.10:Thalia Theater, Mario Barth, Franzen & Der blaue Engel

Hoffentlich wird das Verbot neonazistischer Demonstrationen in Leipzig kein Pyrrhussieg, der den vielen vielen Gegnern zwar ein gutes Gefühl, aber auch mehr als nur sportliche Rangeleien einhandeln wird, wenn frustrierte Polithooligans die Sau rauslassen.

Ein Meilenstein auf dem Weg zu noch mehr Rechtsradikalismus ist die beabsichtigte Schließung des Thalia Theaters Halle. In ihrem Interview mit Nina May redet Intendantin Annegret Hahn offen, ehrlich und durchaus emotional über die Situation ihrer Mitarbeiter wie über ihre ernst gemeinten Versuche, verkrustete Theaterstrukturen zu überwinden. Das einzige erkennbare Konzept der Geschäftsführung der Theater GmbH wie der politischen Spitze Halles ist es, ein unbequemes, um Inhalte statt um Repräsentation bemühtes Theater schließen zu wollen. Die Heuchelei von OBM Szabados wie von Geschäftsführer Stiska sind da nur zu durchsichtig. "Tatsachen schaffen", ohne erst Diskussionen zuzulassen. Vielleicht täuschen sie sich ja tatsächlich und die betroffene Bevölkerung - und das sind mehr, als es den Anschein hat - lassen sich das in ihrem eigenen Interesse nicht gefallen.
Auf die Frage, ob die erfolgte Fusion und beabsichtigte Schließung zu einer "Verwischung der Profile" der einzelnen Sparten führt, antwortet Annegret Hahn ganz klar: "Ja." Auch die Scheinalternative, mehr Kindertheater an den anderen Sparten (Schauspiel, Puppentheater, Oper) anzubieten, beantwortet sie deutlich mit "Mir stehen die Haare zu Berge" und "Unverfrorenheit". Das Schlimme ist, dass sie auf die folgenden Argumente und Beispiele, wie am Thalia Zielgruppenarbeit gemacht und (!) "andere Formen von Theaterarbeit" ausprobiert wurden, kaum je eine sachliche Antwort, sondern einsame administrative Entscheidungen ernten wird.
Zentral ist Hahns Haltung, dass das "Stadttheaterprinzip an sich zur Disposition steht". Vielleicht argumentiert sie aus anderer Position als Sebastian Hartmann, der in Leipzig zum nämlichen Befund gerade eine Operation ohne Narkose durchführt und vermutlich von der weiterhin dominanten bürgerlichen Schicht geschasst werden wird. Aber mit ähnlichem Background, ähnlicher Konsequenz und ähnlicher Verbohrtheit arbeitet, die mitunter an selbstherrliche Don Quichotterie erinnert. Und dennoch keinen echten Einwand gegen die verschiedenen Versuche, neue Wege zu gehen, darstellt.
In einem Kommentar benennt Nina May das Problem mit den Worten, "Kürzungsdebatten zeigen, dass die erkämpfte Wertschätzung von Kinder- und Jugendtheater in Zeiten der Krise schnell passé ist. Was absurd ist angesichts all der Debatten über frühkindliche Bildung oder Kulturmüdigkeit nachwachsender Generationen." All das darf keinen Freifahrtschein für das Genre bedeuten, aber die Verpflichtung, dessen Leistungen, die künstlerischen und gesamtgesellschaftlichen, zu registrieren und tatsächlich ernstzunehmen.

Ganz andere Probleme hat da Mario Barth. Wohin bloß mit all den Zuschauern? Jürgen Kleindienst rechnet schnell mal im Kopf zusammen und - kommt allein für 2010 bei den drei Shows von "Männer sind peinlich, Frauen manchmal auch" in der Arena Leipzig auf eine Summe, die die Zuschauerzahl der gesamten Lachmesse 2010 übertreffen wird. Das formuliert Kleindienst mehr mit horrortrainiertem Schauder in der Stimme als positiv beeindruckt. Etwas selbstquälerisch befindet er jedoch, "Mario Barth ist die verdiente Rache für das Projekt der Emanzipation, die aus Männern Weicheier gemacht und Frauen Hosen angezogen hat." Ob der kulturelle Fortschritt von ohne Not tiefergelegten männlichen Hirnzellen, über sich selbst lachen zu können, wirklich aufwiegt, dass sie über anderes gar nicht mehr lachen können? Perfide und ebenfalls mit einem Hauch von Rache versehen, endet Kleindienst damit, Männern leuchtende Augen nachzusagen, wenn Barth den Flaschenöffner zum unverzichtbaren Gebrauchsgegenstand erklärt, während Frauen als solchen eher ihren Partner selbst sehen - und dies möglichst ohne allzu deutlichen Triumph in der Stimme.

Laut dpa kritisiert der Historiker Wolfgang Wippermann die neue Hitler-Ausstellung in Berlin. Er verstehe überhaupt nicht, warum man bei der Konzeption erkennbar so viel Angst vor einer möglichen Hitlerverehrung hatte, der sei tot und insofern ungefährlich. Stattdessen gehörten die Opfer des Nationalsozialismus, insbesondere die der Rom, thematisiert und beachtet, ebenso wie heutige rechtsradikale Erscheinungen.
Norbert Wehrstedts Besprechung der Revue "Der blaue Engel" im Spiegelzelt auf dem Burgplatz gehört in die Rubrik "Die lvz präsentiert jeden Scheiß und jazzt ihn dementsprechend hoch". Folgerichtig spricht Wehrstedt lieber über Filme als über die Revue und begnügt sich mit der demaskierenden Sottise, "Anästhesistin Globisch aus der Sachsenklinik (In aller Freundschaft) tanzt, singt und verführt als fesche Lola im Spiegelzelt auf dem Leipziger Burgplatz." Den finden die amüsierwilligen Sachsen wenigstens im Schlaf.
Dass Jonathan Franzen im wiederbelebten Literarischen Herbst im Haus des Buches aus seinem neuen Roman "Freiheit" liest - sogar auf Deutsch! -, gehört sicher zu den bemerkenswerten Ereignissen in der Buchmessestadt. Theresa Wiedemann beschreibt die Lesung etwas zu hölzern vor lauter Ehrfurcht. Allerdings macht die lapidare wie schöne Bemerkung "Die Linie, die Grausamkeit eigentlich von Alltäglichem trennt, hebt Jonathan Franzen einfach auf" zumindest Lust auf das Buch.
"Die begeisternde Lachmesse-Eröffnung" mit dem Düsseldorfer Kommödchen, die Mark Daniel besuchte und bei der es im Anschluss keine Sushigelage sondern Bemmen gab, soll zumindest nicht nichterwähnt werden.

Mittwoch, 13. Oktober 2010

lvz kultur vom 13.10.10: Lachmesse, Droste, Ai Weiwei & Birgit Brenner

Noch fünf Jahre bis zur Rente. Dennoch lebt Arnulf Eichhorn, Chef der Lachmesse, mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart. Er denkt an den Aufbruch im Kabarett, den es in den 90ern gegeben hat, mit größerer Freude als an das diesjährige Festival. In seinem entspannten Gespräch mit Mark Daniel, das aus Anlass des 20. Jubiläums stark retrospektive Züge trägt, kann sich Eichhorn tatsächlich daran hochziehen, dass jemand, der 1991 noch Straßenkünstler war, heute Säle füllt. Als ob das Kabarett ein Hobby wäre. Schade, dass es keine Skandale gegeben habe, meint Eichhorn, eigentlich überhaupt wenig Bemerkenswertes. Es herrsche das "gesunde Maß", mit dem wiederum problemlos die Spalten der lvz gefüllt werden können. In der ein Komiker wie Wiglaf Droste dann mit Nichtbeachtung gestraft wird, sei es, dass er im Centraltheater bei Paoli auftritt oder in Horns Erben den Altrocker der Neuen Frankfurter Schule, F. W. Bernstein, begleitet. Dieweil Leipzig weiterhin der Mittelstand fehlt, versinkt die lvz gemeinsam mit der Stadt Leipzig im Mittelmaß. Der geistige Frührentner Eichhorn versucht, das sogar zu rechtfertigen. Wenn "Martha Müller aus Markkleeberg" im Zuschauerraum säße, könne schließlich keine Politsatire mehr geboten werden, da habe halt harmloser Schabernack die Bühne erobert. Darauf, dass der nicht überbordet, müsse allerdings und wirklich geachtet werden. Die Komikkontrolleure der lvz stehen bereit, jawoll! Mark Daniels zarte Entgegnung, dass Martha Müller vielleicht doch unterschätzt würde, verlängert Eichhorns Lamento an diesem Tag nur bis in alle Ewigkeit, zumindest bis die Guillotine des Artikelschlusses herabsaust.

Für diejenigen, die bei Theater der Welt in Stuttgart (und übrigens auch bei den 15. Werkstatt-Tagen 2006 in Leipzig) die Birminghamer Installationskünstler Stan's Cafe mit ihrer 150 Mio Reiskörner bespielenden Performance erleben durften, macht sich Ai Weiweis Installation "Sunflower Seeds" von 100 Mio gebrannten und angemalten Porzellan-Sonnenblumenkernen in der Londoner Kunsthalle Tate Modern fast wie ein harmloses Plagiat aus. Zehn Zentimeter hoch bedecken sie den Boden der Turbinenhalle - und weisen auf das wichtigste Nahrungsmittel in China hin. Dafür, dass Sponsor Unilever noch vor zwei Jahren Kekse mit Melamin verseuchter Bbabymilch in China produziert hatte, reagierte der Nahrungsmulti verhältnismäßig schnell und effektiv, indem es dem Regimekriker Ai Weiwei (bekannt aus Film, Fernsehen und Documenta) den Auftrag für die Londoner Installation gab.

In der ausgepresst-Glosse beschäftigt sich Nina May mit fremden Kulturen, der dpa, Lena und dem Eurovision Song Contest. Warum die führende deutsche Nachrichtenagentur nicht eine Düsseldorfer Theaterpremiere über ein Nazimassaker anstatt der Wahl des Austragungsortes für das finale Lena-Revival mit einer Eilmeldung bedachten, will der lvz Kulturredakteurin einfach nicht in den Sinn. Humor? Rheinisches Fremdwort. Allein das Wort Kleinzschocher (haben sich laut May auch um die Austragung beworben;) birgt noch nicht für karnevaleske Umtriebe, zumal nach Udo Ulfkottes Listung des Leipziger Stadtteils als zukünftigen Terrorbrennpunkt, Stichwort "Atlas der Wut". Darauf, dass in der Seehofernachfolge dessen Forderung nach einem Veröffentlichungsstopp für ironiefreie Texte in Glossen aufgegriffen wird, wartet man in der lvz allerdings vergebens. Wie lange kann der verpflichtende Humorunterricht für integrationsunwillige Redakteure just zu Lachmessezeiten denn noch hinausgeschoben werden? Stirbt der Humornachwuchs der lvz gar aus, fragt sich der geängstigte Leser und wartet auf die nächste TED-Unfrage, bevor aus seinem Herzen gar eine Mörder-Grube wird. Fragen über Fragen. Vielleicht bietet die Szähne mal ein Schülerpraktikum an? Frau May, was sagen Sie?

Humor, das ist für Meinhard Michael ebenfalls keine Kategorie, die satisfaktionsfähig wäre. Dennoch birst sein Text über eine Installation von Birgit Brenner in der Galerie Eigen + Art regelrecht vor Pointen. Herrlich sein Intro, in dem "gerade ein schuldloses Reh von brutalem Schwarz in Wandhöhe überwältigt" wird. Später schießen schalenwildjagende Ehemänner sich einfach in die Luft und behaupten: "Ist nur ein Film." Schön auch seine Erkenntnis, dass, wo nicht einmal Sehnsucht mehr wachse, zwangsläufig Unfall und Mord gedeihe. Michaels Sehnsucht nach Unglück und Scheitern ist jedenfalls mit Händen zu greifen, wohingegen er selbst im äußersten Versagen noch die Latte hochlegen will: "Allerdings ist der müde Verlierer kein Gegner. Sein Scheitern ist zu schwach, als dass 'unlebbare Verhältnisse' schuldig gesprochen werden dürften." Dann also lieber "Samstag, Sonntag trink ich durch. Ich mag es gern geregelt." Das war übrigens ein Zitat von Birgit Brenner. Phänomenal die Frau. Wer die Ausstellung, z.B. auf dem letzten Spinnerei-Rundgang, erlebt hat, weiß um die Komik von deren "Antihelden". Und doch: "Die Zeit lief einfach weiter." Verdammt klug, die Frau Brenner. Und voller - tragischem - Witz.

Samstag, 9. Oktober 2010

lvz kultur vom 09.10.10: Jedermann, Blomstedt & Thalia Halle

Wie hält man die Debatte über das Centraltheater am Köcheln? Indem Nina May die Inszenierungen, heute Jürgen Kruses "Jedermann", heftig lobt ("zunehmend packender Rausch"), während die lvz Zuschauer, (Kultur-)Politiker und Gastschreiber gezielt auf Hartmanns Untergang aus schreiben lässt. Nina May wird nicht sehr oft ernst genommen, das verleiht voreingenommenen Schreibern wie Martin Eich umso größere Durchschlagskraft. Schaden können Hartmann aber besonders die ehemaligen Schauspieler, Regisseure und vor allem er sich selbst als einsamer Potentat.
Doch Nina May soll zu Wort kommen. "Mit langem Applaus" ende der Krusesche "Jedermann", Manuel Harder sei "das Beste am Abend", wegen seiner "dämonischen Aura" gar die Idealbesetzung des Jedermann. Hat Harder sie? Kann er was dafür? Ist sie sogar sein Verdienst? Nichts genaues weiß man nicht. "Ironisch" sei die Inszenierung, insbesondere Kruses "Witz", nur die Anspielungen auf Tagesaktualitäten eher "rührend", jedenfalls dann, wenn sie nicht gar zu durchsichtigem Kalkül gehorchten á la "Wir müssen auch mal was zum ... sagen". Aller "düsterer Atmo" mit Witz zum Trotz, May entdeckt statt Kruse "Pollesch-Imitate". Möchte sie mehr von Rosalind Baffoe sehen? Von ihrer "imposanten Erscheinung"? Ihren "Modelschritten"? Oder bleibt die zurecht "sehr im Hintergrund"? Nina May sieht etwas, freut sich dran, aber wertet nicht, bezieht nicht mal deutlich Stellung. Nur dass Hofmannsthals Verse "unfreiwillig aufgesagt" seien, findet sie nicht so gut. Ansonsten hat sie Spaß an der "Party", der "Jahrmarktsposse" als Mysterienspiel, dem (Gothic-)Schauer-Drama mit "Tänzchen und Singspielchen". Schade nur, dass die Schauspieler unentwegt "saufen und rauchen" müssen. Der Jedermann - Hartmanns Goldener Schuss?
Peter Korfmacher haut mal wieder in dreißig Minuten eine Musikkritik in die Tasten. Unnachahmlich vermag er in Blomstedts Version von Bruckners Vierter herauszuhören, dass "die Tutti-Ballungen subtil ausbalanciert und die gewaltigen Steigerungen auch formal in Bezug zueinander" stünden. Ja, alles ist gut. Blomstedt lädt "die Herrlichkeiten von Bruckners Partitur" mit "Wahrheit" und "Bedeutung" auf. "Besser" gehts "kaum", sogar das Blech "rechts" ist "markanter", "links verlässlicher". Als? Umgekehrt? Das Publikum jubelt, laut Korfmacher schwebt zwar über allem Blomstedt-Genialischen "eine Ahnung von Gefährdung", doch schreibt sich Korfmacher lieber in einen Hölderlinschen Rausch. Denn wo der Gefahr sieht, wächst das Rettende bekanntlich auch.
Zu einer regelrecht erpresserischen Formulierung hat sich der Aufsichtsrat der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle aufgeschwungen. Das Thalia Theater Halle solle geschlossen werden, sofern der Abschluss von Haustarifverträgen scheitert. Und die Gefahr ist durchaus groß, die Vertretungen der Kollektive wie Ballett oder Chor neigen nicht zu freiwilligen Einschränkungen, solange nicht ihre eigenen Stellen gefährdet scheinen. Das Orchester hat bereits ganz separat einen abgeschlossen. Solidarität im 5-Sparten-Haus? Nicht einfach. Bei der Reise nach Jerusalem wird das Thalia Theater womöglich die schlechtesten Karten haben. Selbst Halles OBM Szabados spricht mit gespaltener Zunge, wenn sie bekennt, ein "Haustarifvertrag" habe absoluten Vorrang vor einer Thalia-Schließung. Wieso bei Abschluss des GmbH-Vertrages eigentlich das drohende strukturelle Defizit nicht längst erkannt und thematisiert wurde, wissen wohl nur Herr Stiska und Konsorten, die sonst nichts zu verlieren haben. Außer einer unbequemen (und ungeschickten) Annegret Hahn und der einer musiktheaterverliebten Leitung nur wenig Prestige bringenden Sparte. Dass die Geschäftsführerin des Dachverbands der Kinder- und Jugendtheatertheater Deutschlands, Meike Fechner, bisher als einzige den drohenden Verlust beklagt, stellt für Halle und sein Theater ein krasses Armutszeugnis dar. Leipzigs OBM Jung hat übrigens in vergleichbarer Situation genau gegenteilig reagiert, als er dem Theater der Jungen Welt die Garantie gab, bei demnächst drohenden Sparrunden ungeschoren zu bleiben - im Gegensatz zu Oper, Gewandhaus und Centraltheater.

Montag, 27. September 2010

lvz kultur vom 27.09.10: Tellkamp, Rostock-Lichtenhagen, Titanick & Pressefreiheit

Soll das die Alternative zu Sebastian Hartmanns Centraltheater sein? Wolfgang Engels Inszenierung von Uwe Tellkampfs "Der Turm" hatte am Staatsschauspiel Dresden Premiere. Nina May war dabei. Und bescheinigt Engel Entscheidungsfaulheit, als ob er zur bürgerlichen Personage des Romans selbst gehörte, die der "Krankheit Gestern" verfallen sind. Engel illustriere die radikal kondensierte Romanhandlung, ohne eine Haltung zu dem zu finden, was sich im Roman nicht in Dialogen ausdrückt. Der Rest sei redseliges Deklamationstheater. Drei Stunden lang, mit deutlichen Längen. Das einzige Lob, das Nina May äußert, gilt dem Bühnenbild - und der Tatsache, dass "man froh ist, auf der Bühne überhaupt mal wieder Handlung zu sehen".
Und sonst? Burhan Qurbani, Regisseur des Films "Shahada", plant einen Film über die Ereignisse, die sich 1992 in Rostock-Lichtenhagen ereigneten, als ein Asylantenheim in Flammen aufging unter dem Jubel vieler Schaulustiger. Qurbani, der zu diesem Zeitpunkt 12 Jahre alt war und sich damals erstmals "als Ausländer fühlte", findet für den geplanten Film den merkwürdig veralteten Begriff eines "Sittenbildes" der Zeit der Ernüchterung nach der Wende.
Offene Münder, wie sie so gerne beim Kindertheater gesehen werden, gab es am Freitag beim 20. Geburtstag des Theater Titanick. Auf der Open-Air-Bühne auf der Alten Messe machten sie viel kreatives "Kling Klong Zisch", sagt Carolin Baetge. Wenigstens kein "schnödes Theaterstück", sondern "Eine Sinfonie für drei Hochöfen". Was die "Musiker", von Schauspiel ist bei dem "Theater" anscheinend keine Rede, aufführten, klingt bei Baetge allerdings wie der verspätete Soundtrack zu Silvester 1999. Caroline Baetge wünschte zumindest "Happy Birthday".
Ulrich Steinmetzger war anlässlich der Jazztage im UT Connewitz bei Burnt Friedman und Jaki Liebezeit, Der 1965 geborene Elektronikbastler Friedman und der Schamane der Trommeln, der 72-jährige Liebezeit, zauberten eine Musik "rauschhafter Entrückung": "Das ist archaisch und genau deswegen auf der Höhe der Zeit", befindet Steinmetzger hingerissen, und raunt zudem von "Verteidigung der Individualität", aber auch von einer Vitalisierung des Genres, die sich in "neuen Techniken, Grenzüberschreitungen und Kreuz- und Querverbindungen" jenseits der reinen Lehre des Jazz ausdrücke.
Einer tragikomischen Realitätsverblendung hinsichtlich von Meinungs- und Pressefreiheit huldigten lvz Chefredakteur Bernd Hilder und Autorin Brigitte Klump ("Das rote Kloster") im Zeitgeschichtlichen Forum. Hilder konzedierte den lvz Redakteuren nach 1990, dass sie sich "schnell einem freien Journalismus verpflichtet" fühlten und sich "auf die neuen Anforderungen einstellten". Das klingt nach Opportunismus, aber nicht nach gelebter Wahrheitssuche. Stichwortgeber Armin Görtz wollte folgerichtig mehr über "politische Korrektheit" erfahren, Klump sah wegen dieser "das Volk" von den "Volksparteien" entfremdet (und führt natürlich Sarrazin als Beispiel an!), Hilder schwafelte derweil etwas von Erfüllung des "Traums der Pressefreiheit" (für wen?), worauf Görtz wiederum das Stichwort der "Meinungsdiktatur der 68er" in die Bütt warf. Zum Glück konterte Hilder geistesgegenwärtig mit dem Diktum, dass "die meisten Zuhörer, Zuschauer und Leser Kampagnen ziemlich schnell" durchschauten. Wo er recht hat, hat er recht.

Freitag, 24. September 2010

lvz kultur vom 24.09.10: F/Stop, Museumsschließung

Mit stupendem Wissen, leider gewohnt insiderhaft schreibt der Peter Korfmacher der Bildenden Kunst, Meinhard Michael, über das F/Stop-Fotofestival "Im Verborgenen: 5pm-5am". Nicht ohne gleich zu Beginn auf "hämische Kritik" am vorjährigen Selbstlob hinzuzweisen, mit dem Kristin Dittrich die eigene Ausstellung als "bedeutend, hochqualitativ und international" bezeichnet hatte. Aber eben nur hinzuweisen, nicht zu bestätigen oder zu widerlegen. Ob die diesjährige Foto-Schau qualitativ gelungen sei, wird über die skizzenhafte 'Nacherzählung' vieler einzelner Bilder oder Serien nicht deutlich. Interessant erscheinen sie schon, was vielleicht auch an Wörtern wie "traumhafte, jugendgefährdende Momente" der Fotos Arja Hyytiäinen, "hinterlistige Performances" von Thomas Xaver Dachs, die "tragische Exklusivität" der Bilder Thomas Kerns oder wenn auf Peter Bialobrzeskis Langzeitbelichtungen asiatischer Megastädte "das Licht grell jede Quelle umwölkt" liegen mag, die so wunderhübsch zu raunen vermögen. Von allem gebe es was, von "künstlerischer Fotografie" und von "fotografischer Fotografie", aus "traditionellen" oder auch "angesagten" Richtungen. Also nichts wie hinaus in die "Lange Nacht der Fotografie", morgen im Tapetenwerk, in die Zeit, in der "die Dummheit schlafe", wie Michael Karl Kraus zitiert.
Was in Leipzig das Naturkundemuseum, ist den Hamburgern das Altonaer Museum. Es soll schließen. Um Geld zu sparen. Jenny Tobien zitiert dessen Leiter, Torkild Hinrichsen: "Das geistige Herz von Altona wird herausgerissen" und "Das Gefährliche ist, dass die Schließung eine Kettenreaktion auslösen wird." Der Präsident des Deutschen Museumsbundes, der Leipziger Volker Rodekamp, lässt sich im DLR Kultur nur zu den Worten hinreissen: "Diese Nachricht erfüllt mich mit großer Sorge". Ein Schelm, der Arges dabei denkt. Der Leiter des hiesigen Stadtgeschichtlichen Museums denkt hier wohl eher an sich selbst. So unverblümt wie die Hamburger Opernintendantin Simone Young, die die Einsparforderung von 1,2 Mio Euro an das Hamburger Schauspielhaus als erstes mit der "Erleichterung" kommentiert, dass ihr eigenes Haus noch mal davongekommen sei, macht er das zwar nicht. Aber die trendige Aufkündigung des Solidargedankens steckt hinter manchem Schweigem oder mancher Krokodilsträne, die von Intendanten und Leitern öffentlich gerade vergossen wird. Solange, bis sie selbst an der Reihe sind. "Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus/ zünd andre an."

Nina May ist ganz verzückt über das Frauen-Duo am Theater Gera-Altenburg, Amina Gusner und Anne-Sylvie König. Die Schauspieldirektorin und die Chefdramaturgin werden - anlässlich ihrer bevorstehenden "Faust"-Inszenierung - als erstes mit ihren bei "Kaffeeklatsch und konzentrierter Schöpfung" ausgeheckten "Plänen" zitiert, "wie sie das Theater noch weiter aufmischen könnten". Sie plädieren für "das Zulassen von Emotionen" in der Kunst wie im Leben, und kritisieren Männer in Führungspositionen, die "sich sehr ernst nehmen". Ganz im Stile patriarchaler Unterordnung postuliert May, dass die Geraer Frauen doch "Glück hätten", weil Intendant Matthias Oldag "seine (!) Frauen schätze". Anarchischer und gleichzeitig nüchtern klingen Gusner/König, wenn sie sagen, wie anstrengend der tägliche Kampf in der Männerdomäne Theater und wie verletzlich sie weiterhin seien, bevor sie in raschem Schwenk ihre Sympathien für die mephistophelische Seite des Lebens bekennen: "Unfug braucht das Land". Sympathisch. Hoffentlich auch gut.
Anlässlich der bevorstehenden Premiere von Wolfgang Engels "Der Turm" nach Uwe Tellkamp am Schauspiel Dresden sprach Adina Rieckmann mit dem Autor. Dass sie Tellkamp ständig notwendige "Substanzverluste" bei der Umsetzung auf die Bühne in den Mund legen will, kontert Tellkamp halbwegs charmant, ohne auszuschließen, dass er das Ergebnis eventuell nicht gut finden wird. Die Aktualität der Themen "Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch" sieht der Dresdner Tellkamp allerdings weit über die sächsische Residenzstadt selbst gegeben. In unserer "Biedermeierzeit" finde sich das Bildungsbürgertum auch an vielen anderen Orten in West und Ost. Weg sei es ohnehin nie gewesen, "auch wenn uns die mediale Welt das mitunter glauben machen" wolle. Hoffentlich wird das Schauspielhaus nicht der neue "Turm" des Konservatismus in diesem unseren Lande. Auch ein interessantes Fernduell der beiden (naja, z.T. vormaligen) Leipziger Intendanten um zeitgemäße Konzeptionen aktueller Schauspielkunst.

Mittwoch, 22. September 2010

lvz kultur vom 22.09.10: Grass, Osang, F/Stop & Dokfilmwoche

Über eine Lesung aus Günter Grass' jüngstem Werk "Grimms Wörter", die im Gewandhaus stattfand, berichtet Jürgen Kleindienst. Der 83-jährige habe soo einen Bart, doch den lobt Kleindienst ganz brav: "so schön" sei er. Ansonsten wollte Grass nicht reden, nur lesen und seine"geradezu erotische Umkreisung der Quelle aller Dichtung, der Sprache" auf offener Bühne vorführen. Sein Hilfsmittel: Die "satte volle Stimme" mit dem überzeugenden Klang. Das Handikap: Die Grass-typische, antiquierte, von "Barock und Bäuerlichem inspirierte" Sprache. Er sei nun "wirklich auf der Schwelle in den Ruhestand", befindet Kleindienst. Und so ziehen manche Wörter seiner Lesung an ihm "ungehört vorüber".
Janina Fleischer scheint Alexander Osangs neuer Roman "Königstorkinder", den er im Figaro Lesecafé in der Moritzbastei präsentieren wird, nicht besonders inspiriert zu haben. Brav rekapituliert sie die Stationen und Inhalte der Geschichte eines ehemaligen Ost-Journalisten, der auf eine aus dem Westen stammende Mitarbeiterin einer Werbeagentur trifft. Beide nehmen Antidepressiva und halten es vor allem deshalb zusammen aus, weil sie "nicht in ihren langweiligen Leben ertrinken wollen". "Manchmal bitter, oft komisch" sei der Roman, der ebenso das politische Ost-West-Dings meinen soll, und dessen Qualitäten jedenfalls nicht im Aufputschen liegen. Fast wie im richtigen Leben.
Morgen startet unter dem Motto "Im Verborgenen - From 5 to 5" das F/Stop Fotofestival und nutzt dafür unter anderem das leerstehende Ring-Messehaus. Hier sollten zwar, so berichtet Nina May, am Montag bereits die Fotos von Peter Bialobrzeski hängen. Doch seine Bilder von asiatischen Megacities, die "eine Aura aus glühendem Licht" verströmen würden, lägen zum Teil noch beim Zoll. Daher schreibt May mehr über die Aura des derzeit ungenutzen ehemaligen Messehauses, als über die "Wahrnehmungsgesetze dieser anderen Tageshälfte", blickt ansonsten melancholisch aus dem Fenster und fühlt sich "weit weg".
Von kleineren Konflikten zwischen Leipziger Dokwoche und Bundesarchiv/Filmarchiv berichtet Norbert Wehrstedt. Für eine Retrospektive über das Militär in Dokfilmen arbeitete das Archiv mit dem Militärhistorischen Museum Dresden und seinem Leiter Jan Kindler zusammen. Für Claas Danielsen ein Stein des Anstosses. Krieg sei kein Mittel, den Frieden zu erzwingen, meint er, unter dem Logo der Dokfilmwoche, der Friedenstaube, wolle er nicht - offiziell zumindest - gemeinsam mit der Bundeswehr arbeiten.

Sonntag, 19. September 2010

lvz kultur vom 18.09.10: Deutschland im Centraltheater, Ögüt, Pynchon & Kulturetat in LE

Wie sich die Geschmäcker unterscheiden. Wo Tobias Prüwer auf Nachtkritik.de in Martin Laberenz' Inszenierung der "Räuber" nur ein "laues Amalgam" sah, empfand Nina May den ersten Teil des Eröffnungsabends im Centraltheater als deutlich "gelungen". Getreu dem Spielzeitmotto "Deutschland" wähle Laberenz eine Sicht auf die "Räuber", die die "Beziehung der Deutschen zu ihrem Land im Verhältnis von Vater und Sohn spiegeln" möchte. Zwar könne sich die Regie zwischen Slapstick und Pathos nicht recht entscheiden, doch weder hätte sich Regie-Sohn Laberenz vor Autor-Vater Friedrich Schiller "im Staub gesuhlt", noch sich lediglich "an ihm abgearbeitet". "Laberenz bewegt sich irgendwo in der Mitte" der beiden Haltungen, schreibt May. "Frech, aber nicht dreist" sei er, und legt damit ihre persönliche Werteskala sympathisch deutlich offen.
"Frech" sei auch die Verkörperung des Räuberhauptmanns Spiegelberg durch eine Frau. Und dies, wo doch die Zeichnung der Frauenrollen der einzige "Makel" des Vater-Sohn-Konzepts darstelle. Wo unter Männern Wichtiges verhandelt wird, geraten Frauen zwangsläufig zum Beiwerk. Gemeint ist: Lustobjekt. Übrigens hat selbst Schiller, als er anonym sein eigenes Werk rezensierte, über die Figur der Amalie geschrieben: "Ich habe mehr als die Hälfte des Stückes gelesen, und weiß nicht, was das Mädchen will, oder was der Dichter mit dem Mädchen gewollt hat...". Sehr viel weiter sind wir also nicht. Wo Liebe "nur darin besteht, vögeln zu wollen und gevögelt zu werden", und Frauen, die was zu sagen haben wollen, die Männerrolle adaptieren, gehört Eva Herman (bürgerlicher Name: Eva Herrmann) wohl endgültig zum neuen role model.
Überzeugender noch als "Die Räuber" beschreibt May Robert Borgmanns Inszenierung von Bronnens "Vatermord". Er "schaffe krasse, aber sehr poetisch-symbolische Bilder", am Ende etwas viel davon, "aber sei's drum" wie die Kritikerin formuliert, diesen Theater-Sohn "will man jedenfalls wieder sehen".
Über eine Ausstellung von Werken Ahmet Ögüts in der Galerie für Zeitgenössische Kunst schreibt Anna Kaleri. Der jüngst mit dem Preis "Europas Zukunft" ausgezeichnete Künstler versehe seine Objekte "mit Beherztheit und schwebender Ironie", gleichwohl ließen sie sich nicht "im Vorbeigehen" erschließen. Wohl auch von ihr selbst nicht, denn die Berichterstattung surft eher auf der Oberfläche des Dargestellten und Gesehenen. Allein in der Beschreibung des Werks "Puzzle (Rätsel)" gibt sie Hinweise auf den gedanklichen Kosmos der Kunst Ögüts, wenn sie schreibt, er mache die "täglich wachsende Paranoia unserer Zeit" und die Veränderungen, die aus zunehmender Überwachung erwachsen, deutlich. Aber ob "Namen, Zahlen, Buchstaben als Symbol für komplexere Zusammenhänge" benutzt würden oder wenn Kaleri schreibt, "die ausgestellten Werke bleiben dabei Symbole von performativen Akten, von Ideen und Geschichten, die im Hintergrund schweben", ist man so klug als wie zuvor.

Und dann: Wieder eine der wundervollen Buchbesprechungen Janina Fleischers, diesmal schreibt sie über den neuesten Pynchon. Da, wo er bisher "dicke, meist unlesbare Romane" geschrieben habe, überrasche er in "Natürliche Mängel" mit einer Hippie-Detektiv-Komödie. Zwar surfe die Story ein bisschen hierhin, ein bisschen dahin. Doch die liebenswert verschrobenen bis paranoiden Figuren sind in eine wundervoll komplexe und unterhaltsam lesbare Story verwoben, was Fleischer mit dem Zitat "Sie waren alle nur Werkzeuge im Geräteschuppen eines anderen gewesen" versieht. Schwierigkeiten bei der Suche nach einer grundsätzlichen Moral lassen den stets bekifften Detektiv und Helden Doc Sportello in halluzinatorischer Sicherheit zwischen allen Stühlen herumirren. Thomas Pynchons "Leichtigkeit der Ironie" fügt sich im Laufe der 480 Seiten schließlich über einen Blick auf die "latente Bedrohung durch politische Interessen zu einem Blick auf die USA" der ausgehenden 60er Jahre. Die Utopien der damaligen Zeit (eine Figur aus dem Roman, eine Heroin-Braut, heißt 'Hope') enden - ähnlich wie die Energien laut zweitem thermodynamischen Gesetz - im kleinstmöglichen Ausschlag: "Das Verstreichen der Zeit selbst zu leugnen" (Pynchon). Oder wie der Physiker sagen würde: Im ordnungslosen Chaos.
Peter Korfmacher hat in seiner Analyse der geforderten Kultureinsparungen endlich den Finger auf die Wunde gelegt. Zum einen auf die Schwierigkeit, überhaupt ohne Schließungsdebatten realistische Sparressourcen zu benennen. (Was übrigens allen Kulturentwicklungsplänen zum Trotz einem Manko an Kenntnis und formulierten Absichten von Verwaltung, Stadtrat und Dezernat entspricht) Und dann die Reaktion auf die Ankündigungen Dresdens, Gelder für sämtliche Kulturräume um die 7 Mio EUR für die Landesbühnen Sachsen zu kürzen, als arg verspätet zu bezeichnen. Ja, auch Herr Korfmacher ist - wie OBM Jung - spät auf diesen Zug aufgestiegen, obwohl klar war, dass die unterschiedlichen Brandherde in den Städten und Kreisen einen gewaltigen Flächenbrand ergeben werden, wenn sie denn umgesetzt werden. Der kleinste gemeinsame Nenner aller Politiker scheint der zu sein, lieber getrieben zu werden als - in Verantwortung für das Bestehende - selbst zu treiben, oder wenigstens, wenn die Konsequenz der Dinge klar ist, sofort und deutlich zu reagieren. Vielleicht sind die 94% der Stimmen aus der lvz TED-Umfrage, die sich gegen Einsparungen an Leipzigs Kultur aussprechen, ja ein deutlicher Hinweis, sich um eine gemeinsame Interessenvertretung zu kümmmern. Vielleicht sogar in eine Richtung, wie sie ausgerechnet Volker Külow von Seiten der LINKEN in den Raum stellt: Verfassungsrechtlichkeit der Kostenabwälzung zu prüfen, diese verhindern zu wollen, dafür interfraktionelle Absprachen zu treffen. Aber redet nicht nur!

Freitag, 17. September 2010

lvz kultur vom 17.09.10: Krug, Franzen, Plumpsack & Skala

Es brauchte 27 Jahre, bis Werke des1983 gestorbenen Malers und Radierers Karl Krug erstmals für die Öffentlichkeit in einer Ausstellung zu sehen sind. Die Galerie am Sachsenplatz präsentiert 40 Bilder des weitestgehend unbekannten Künstlers, der viele Jahre technischer Leiter der Werkstatt für Radierung und Kupferstich an der HGB war. Rolf Richter stellt den stillen, peniblen, von seinen Studenten gefürchteten und gleichzeitig verehrten Lehrer vor. Sein "kompromissloses Ablehnen von politischer Käuflichkeit in der Kunst" (Michael Morgner) hat den wortkargen Mann zu DDR-Zeiten zum Sonderling werden lassen. Mit der Ausstellung veröffentlicht der Freundeskreis Karl Krug e.V. eine Werkübersicht. Richter, der dem toten Krug gleichwohl Worte von den Lippen lesen kann, meint, der stille Mann hätte zu der doch noch erfolgten "Ehrung" bloß gesagt: "Viel zu viel Gewese", bevor er schalkhaft hinzugefügt hätte: "War doch nicht alles umsonst".
Wenige Tage nach der Ankündigung einer Lesung von Jonathan Franzen im Haus des Buches (14.10.) schreibt Maja Zehrt über dessen jüngst erschienenen Roman "Freiheit". Sie beschreibt Franzen als Meister der leisen Töne und krachenden Explosionen, der sämtliche Gefühlslagen zwischen Komik und Tragik beherrsche. Das Porträt einer missverstandenen, schier katastrophalen Ehe wachse unter Franzens Feder zur Bestandsaufnahme der ideologischen Gräben des Bush-Amerika. Den Begriff der Freiheit, einer Freiheit, die von den Protagonisten eher als Bedrohung denn Chance gesehen würde, sei von ihm im ironischen Sinn gebraucht worden. Das Wort sei in Wahrheit schlicht vergiftet, durch Missbrauch zum Krüppel geworden. Ob die realistische Beschreibung eines (Ehe-)Scheiterns, in all seiner Differenziertheit und Meisterschaft, wirklich eine Ahnung hinterlassen kann, wie entfremdet und unbegreifbar der Selbstbetrug der Menschen in diesem nur scheinbar postideologischen Zeitalter eigentlich funktioniert? Dafür müsste die Unterhaltsamkeit des Werks ein Unbehagen hinterlassen, von dem bei Maja Zehrt an keiner Stelle die Rede ist. Im Gegenteil.
Kaum spielt einer nicht mehr mit, wird er gehänselt und verhöhnt. Friedrich Schirmer, bislang Intendant des Hamburger Schauspielhauses, ergeht es zur Zeit so. Der Plumpsack, fast sämtliche Medien, schüttet nach dessen Rücktritt Häme aus über den angeblich gescheiterten Theaterchef, Intendanten-Kollegen kritisieren das unsolidarische Alleinlassen seiner Mitarbeiter. "Dreh dich nicht um/Wer sich umdreht oder lacht/Kriegt die Hucke vollgekracht". Eben, der Plumpsack geht um und dpa geht mit - mit denen im Strom. Hoffentlich ist Schirmer wenigstens das Lachen nicht vergangen.
Nach den "Räubern" und "Vatermord" kündigt Nina May die Skala-Inszenierung "Deutschland tanzt nicht" an. Mirko Borscht, der immer noch mit dem Theater zu fremdeln vorgibt, bringe bisher krasse, alptraumhafte Bilder auf die Bühne, "Wie im Drogenrausch", so zitiert May den Regisseur. Doch jetzt habe er die Notwendigkeit gesehen, sich weiterzuentwickeln. Wow. Und irgendwie scheint er den Zugang zu seinem gesetzten "großen Thema", dem Spielzeitmotto "Deutschland", dann doch gefunden zu haben. Es gehe in seinem Stück um den Minderwertigkeitskomplex und die Verklemmtheit der Deutschen. Dazu passt, dass gestern eine - bestimmt amerikanische - Untersuchung ergeben habe, dass Frauen Männer ganz brutal nach ihrem tänzerischen Vermögen beurteilten und auswählten. Da kann mann sich ja nur verkrampft an die Theke flüchten, klar. Naja, Borscht meint es aber doch nicht so. Alles sei nur eine Metapher. Wofür nur?

Freitag, 10. September 2010

lvz kultur vom 10.09.10: elektrisch orthodox, Grisham, Collins und Shanghai

"elektrisch orthodox", so schreibt Jürgen Kleindienst, sei eines der überraschenden Ateliers auf dem diesjährigen Herbstrundgang in Tapetenwerk und Spinnerei. Sechs Künstlerinnen lassen viel erwarten, wenn man denn den Weg über manche Treppenstufe und entlang manchen Ganges geschafft habe: Sogar "Alles". Hauptsache, es gehe nicht trocken und clean zu wie in anderen Ateliers. Es geht ums Wohlfühlen, um die Überwindung der Distanz zwischen Werk und Betrachter, zwischen Betrachter und Betrachter. "Alles" heißt auch, "man solle sich nicht davor fürchten, ad hoc verheiratet zu werden". Nicht schlimm. Die Ehe halte gegenwärtig eh nicht länger als bis zum nächsten Händewaschen.
Der strenggläubige Baptist, ehemalige Anwalt, gewesene Abgeordnete des US-Bundesstaats Mississippi und heutige Autor John Grisham ("Das Gesetz") meint, sich gegen einen Glaubensfreund und Friedensfeind zu Wort melden zu müssen: Am 11.9. den Koran verbrennen zu wollen, wie es der "christliche" Fanatiker Terry Jones vorhabe, bedeute nur, Hass zu verbreiten. Für diese Absicht sollte er doch nicht soviel Publicity bekommen. Glaubwürdig, seine Haltung, wenn Grisham nicht von dem Rummel auch Publicity abbekommen würde. Es bleibt vertrackt. Man kann sagen, was man will. Hauptsache prominent. Unmöglich, kein Spielball der Medien zu werden.
Phil Collins hat - ähnlich wie Exkollege Peter Gabriel - ein Cover-Album ausschließlich mit fremden Kompositionen rausgebracht. Wo Gabriel den Songs bedeutungsschwanger mit Orchester zu Leibe rücke, meint Mathias Wöbking, nähert sich Collins dem Motown-Studio-Sound der Sixties so weit an, dass der augenzwinkernde Versuch zu entstehen scheine, Collins selbst sei einer der unbekannten Motown-Sänger gewesen. Dazu schnipsen und stampfen die Collinssöhne Nicholas und Matthew mal mit den Fingern, mal den Füßen. Das sei doch mal ne Aufsehen erregende Haltung zur Musik - findet der witzbegabte lvz Redakteur.
In Shanghai zeige sich die rasante Entwicklung derzeit insbesondere an der Architektur, schreibt Nina May. Die immer dichter an die Wolken kratzenden Hochhäuser stünden für diese Entwicklung. Eine Ausstellung des Goethe-Instituts, "Updating China", sieht diese Entwicklung im Update eines Computers simuliert. Dass dabei auch mal alte Programmierungen stehenbleiben können, entdeckte der hallenser Künstler Michael Krenz, der an der Ausstellung teilhat, in einer im Schatten der Türme gelegenen Bibliothek aus dem 18. Jahrhundert, in der es neben alten Kalligraphie-Tischen auch geschmierte Maoparolen an den Säulen zu entdecken gäbe. Gleichwohl hätte der durch nichts zu irritierende Zukunftsoptimismus der Chinesen Elemente des alten "Amerikanischen Traums" kopiert - oder eben upgedated.

Samstag, 4. September 2010

lvz kultur vom 04.09.10: Invisible Empire, Der Schutzraum, Kiwi und Faber & Faber

Im Weißen Haus des Centraltheaters müssen sich zehn "weiße" Menschen wie in einem Zoo von den Besuchern begaffen lassen. Was sich unter dem Titel "Invisible Empire" als heutiger Selbsterfahrungstrip in Sachen Voyeurismus mit Hinweis auf kolonialistische Vorbilder verkauft, erzeugt bei Nina May unangenehme Gefühle (ja, was denn sonst?) und wird für die lvz Redakteurin zum Spießrutenlauf, bei dem sie sich trennende Wände und Gitter wie im echten Zoo herbeiwünscht. Aber über den Augenblick hinaus scheint diese Erfahrung keinerlei nennenswerte analytische Konsequenzen bei ihr hervorzurufen. Außer, dass sie nicht beurteilen möchte, ob das ganze nun als naiver Unfug oder spielerisch-leichte Ouvertüre einzuschätzen sei. Leider etwas banal, weil ohne jegliche Erläuterung, geschweige Begründung.
Meinungsfreudiger entpuppt sich Jürgen Kleindienst in seinem Artikel über eine Film-Klang-Licht-Collage namens "Der Schutzraum". Sie sorge nicht allein für "ästhetische Unruhe" auf dem Richard-Wagner-Platz, sie inszeniere sogar einen "überraschenden Angriff" auf die Stadt. Ins Bewusstsein gerückt werden soll ein ehemaliger Bunker, der in einem oberirdischen, temporären Kubus nachempfunden werde. Der Bezug der einzelnen Beiträge zum Bunker und der umgebenden Großstadt erscheint nicht immer gleich plausibel. Wagners Lohengrin-Vorspiel, wiedergegeben durch "angekratztes Grammophonspiel" als Verweis auf das Geburtshaus des Komponisten nebenan? Oder auch auf den Einfluss Wagners auf den nationalsozialistischen Furor? Ein Fragment Kafkas, projizierte Bunker-Bilder und -Videos, unter der Bezeichnung "Betonfragmente" Bilder des (Luft-)Gegenangriffs auf Deutschland, ein Teppich aus Beats und Wassertropfen. Der Tenor der Collage: Stadt, Angst, Schutt. Schließlich der Bombenangriff von 1943 in Bezug gesetzt zur geplanten städtebaulichen Zerstörung der Gegenwart: Angriff auf den Brühl - Angriff auf die Stadt. Diese "verstörende Collage" der Leipziger KunstRäume e.V. reflektiert und verbindet Stadtgeschichte mit subjektiver und kollektiver Wahrnehmung. Eine scheinbar so subtile wie herausfordernde Arbeit der Künstler René Blümel, Hein-Godehart Petschulat und Manuel G. Richter.
Theresa Wiedemann schreibt über den Spielzeitauftakt am Theater der Jungen Welt, Daniel Danis' Stück "Kiwi" in der Inszenierung von Jürgen Zielinski. Leider deckt die Sprache ihres Textes mehr zu, als Worte oder Bilder zu finden für das, was ihr die Inszenierung gesagt hat. Auch positiv gemeinte Adjektive wie "beklemmend", "stark", "auffällig", "dicht", "eindrucksvoll", "bewegend", "eindringlich" bleiben hilflose Instrumente der eigenen Wahrnehmung. Dass gerade mal zwei Schauspielernamen und der Regisseur selbst erwähnt werden, geschweige denn deren Arbeit/Leistung bewertet wird und nicht einmal die auffälligsten der weiteren Künstler, darunter die für die Ausstattung, die Musik und die Videoprojektionen verantwortlichen, ist ein Armutszeugnis für den Kulturteil der lvz. Dass diese Zeitung gar nicht erst im Zeitungspool enthalten ist, aus dem z.B. der Deutsche Bühnenverein seine Pressemappe zusammenstellt, ist wieder einmal nur zu verständlich. Seitdem sich die lvz auch dem gezielten Hartmannbashing verschrieben hat und sich zudem das Stadtmagazin Kreuzer aus der ernstzunehmenden Premieren-Berichterstattung nahezu verabschiedet hat, hat Leipzig Dresden wohl endgültig den Rang abgelaufen als "Tal der Ahnungslosen". Wann erscheint bloß in der tageszeitung taz ein eigener Leipzig/Dresden-Regionalteil?
Hohe Aufmerksamkeit findet indes eines der seltenen Gastspiele hochrangiger internationaler Orchester in Leipzig. Neben dem sich in ihrem Klang eindrucksvoll vom Gewandhausorchester absetzenden "London Symphony Orchestra" macht Peter Korfmacher insbesondere die Tatsache zu einem Thema seines Artikels, dass der Besucherraum abermals nur mau gefüllt war, und allein "zweitklassige Muggenbataillone" zum Jahresende Preise von 50 € aufwärts verlangen können, nicht jedoch Qualität.
In einem langen Interview Janina Fleischers mit Michael Faber, Inhaber des Verlags Faber & Faber, darf dieser den - nun ja - hundertsten Niedergang des Buch- und Verlagswesens in Deutschland und speziell Leipzig beschreiben und darüber jammern ("sein Weggang war für mich, als würde ich der Hölle ausgeliefert"), dass sein Sohn nun lieber Kulturbürgermeister geworden ist, statt in ihrem gemeinsamen "Traumteam" weiter die Fahne des Verlages hochzuhalten. Statt - wie Faber & Faber - die Nische vornehm illustrierter, bibliophiler Bücher zu pflegen, hat der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf Erfolg mit der Veröffentlichung des Werkes einer 15-jährigen Autorin (nein, heute nicht H. Hegemann!), die eine neue Jugend-Generation, die "Generation Geil", ausgerufen habe. Und die lvz veröffentlicht munter mit, auch wenn Silke Katenkamp befindet:"Keine Analyse, keine Einordnung des Gesagten. Keine Muss-Lektüre". Gilt auch für die lvz.