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Montag, 7. Februar 2011

lvz kultur vom 7.2.11: Keine Party ohne Alte. Philip Roth. Warhol. Sasportas

In Philip Roths neuem Roman „Nemesis“ geht es um Gott und Gerechtigkeit. Es geht um Bucky Cantor, einen Sportlehrer, es geht um Polio, Kinderlähmung, die 1944 die Stadt Newark erfasst. Cantor schämt sich, wegen seiner schwachen Augen für den Krieg als untauglich erklärt zu werden. Er schämt sich mehr noch und fühlt sich als Deserteur, weil er angesichts der Seuche zwei Tage zu früh seinen Dienst auf den Sportplätzen Newarks verlassen hat. Als er schließlich selbst an Polio erkrankt, „kann Cantor nicht anders, als die Tragödie in Schuld zu verwandeln.“ Er gibt sich auf und rechnet mit Gott ab. In seinem selbstgerechten Zorn zerstört er, was ihm etwas bedeutet hat. Janina Fleischer schildert den inneren Kampf des jungen Juden als ein Verhängnis, das dieser nicht als göttliches annehmen kann.Über das vertretbare Maß göttlicher Gerechtigkeit will dieser Mensch immer noch selbst entscheiden. Ein Hiob ohne Antwort von oben.

Ulrike Hofsähs berichtet über eine Fotoausstellung im Düsseldorfer NRW-Forum. Mehr als 30 Fotografen, darunter Mapplethorpe, Avedon und Warhol, werden mit rund 400 schwarz-weiß-Fotos aus der Sammlung Nicola Erni erstmals präsentiert. Sujet ist der Jet Set der 60er und 70er Jahre, von Warhol selbst bis Brigitte Bardot, von Romy Schneider bis Onassis und Uschi Obermeier. Bemerkenswert ist scheinbar der Versuch, ungewollte (und unerwartete) Paparazzifotos von den selbst gewollten Zurschaustellungen der Stars zu scheiden – oder eben fließende Übergänge zu dokumentieren.

Peter Korfmacher formuliert in der Glosse „ausgepresst“ eine interessante mediale Wahrnehmung. Die Ausweitung der politischen Talkzone in der ARD (An künftig fünf Abenden statt vier) erscheint dem chef der lvz kultur gefühlt weniger als bisher. Wo vorher die vier Abende als Dauergequatsche erschienen, glaubt kfm, dass die Unterschiedlichkeit der Formate/Talkmaster nun stärker ins Auge fallen – und dadurch das „Laber-Continuum“ verringert, sprich, individualisiert wird. Laut einer ARD-Umfrage scheint kfm damit in Widerspruch zur Mehrheit aller Deutschen mit Abitur zu stehen. Was man so genau auch wieder nicht wissen wollte.

Mit einer „Meditation über die deutsche Seelenlandschaft“ in Form von Video-Installationen der israelischen Künstlerin Yehudit Sasportas wartet die Galerie Eigen + Art auf. Der 1969 geborenen Künstlerin gehe es um „die Sichtbarmachung der Schichten des Unbewussten.“ Verborgene Gefühle und nur von Zeit zu Zeit an die Oberfläche kommende Erinnerungen sind laut Anna Kaleri das Material für ihre mitunter „unheimlichen Parallelwelten, die an Tarkowski-Filme erinnern.“ Nicht besonders überraschend, sieht Sasportas im Wald und der nordwestdeutschen (Sumpf-)Landschaft den zentralen – romantischen - Topos der deutschen Seele. Sie selbst sieht sich intellektuell in der Nähe von Benjamin, Heidegger und Beckett. „Ihr analytischer, Zeiten durchdringender Blick“ mache wie der ihrer Vorbilder optisch erfahrbar, was mit Sprache kaum auszudrücken sei. Der fließende Übergang der Bilder in grafische Elemente und Abstraktionen legt psychologische Strukturen offen, die so zuerst ästhetisch erfahrbar werden.

Ein „Sachstandsbericht“ des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Hamburger Elbland-Philharmonie bestätigt nicht nur den Eindruck eines Millionengrabs, sondern belegt auch noch detailliert, an welchen Stellen die Auftraggeber sogar gegen ausdrückliche Warnungen (u.a. der Architekten selbst) und trotz krass zu Tage tretender Risiken (dem Hochtief-Konzern war das Risiko des integrierten Hotels zu hoch, die Stadt sprang daraufhin auch für die Luxusherberge in die Bresche) dieses Unternehmen durchgepeitscht haben. Von „Skandal“ wird am Mittwoch, wenn der Bericht im Hamburger Senat diskutiert wird, wohl nicht mehr nur der Bund der Steuerzahler sprechen. Wie Christoph Forsthoff schreibt, soll der Bau statt ursprünglich berechneter 186,7 Mio. Euro unterdessen „mindestens 531,2 Mio. Euro kosten.

Dürfen Thirty- oder sogar Fourtysomethings noch cool sein? Irgendwann muss das eigentlich mal vorbei sein, wenn es nach der Band 1000 Robota geht, die sich beim Buback-Labelabend im Centraltheater vorkam, als würden sie mit ihren Eltern Party feiern. Doch die „Alten“ ließen sich davon in keinster Weise beeindrucken, beendeten das Fremdeln gegenüber der Bühne, kaum dass es angefangen hatte, legten alle Reserviertheiten ab und wollten nichts als Feiern und Tanzen. Bis sogar F.S.K., die „wohl größte unbekannte deutsche Band“, arg verwundert war, dass ihr Publikum den gecoverten Song bereits als Original kannte – und jubelte. Jörg Augsburg jedenfalls fand zunehmend Gefallen am Auftritt der zornigen Jungen vor „immer jungen“ (Goldene Zitronen) Alten. Und stellte fest: „Der Infizierungsgrad dieser bösen Tanzmusik ist enorm.“

Alt kam sich auch Steffen Georgi bei der Jörg-Fauser-Show „Versilberte Rebellen“ in der Skala vor. Selbstverständlich war auch er früher „hungrig“ nach dem Fauser-Ton. Doch das Original, Charles Buklowski, fand auch er „bald besser als seine westdeutsche Miniaturausgabe.“ Von Kerouac und Burroughs zu schweigen. Jetzt saß er bei einem Flashback in der Skala, erlebte suff und Siff, deutsche Enge und weite Welt von Neuem. Wenigstens „erinnerten“ ihn die 'Versilberten Rebellen' (Steve Binetti, Günther Harder, Guido Lambrecht und Cordelia Wege) daran, „warum man Fauser mal liebte.“ Obs einen Grund für Spätgeborene gibt, den Abend zu besuchen, ließ Georgi offen.

Montag, 13. Dezember 2010

lvz kultur vom 13.12.10: Abwahl Faber, Chemnitz, Skala & Kultur(räume)

Die Zusammenarbeit Michael Fabers mit OBM Jung sei "eng und vertrauensvoll" gewesen, gegen die Novellierung des Kulturraumgesetzes habe er bereits im März 2010 seine Position in Dresden deutlich gemacht und hoffe auch jetzt noch auf dessen Ablehnung, hätte man ihn auf seinem Kurztrip nach Paris, wo er während der Veröffentlichung des Rechtsgutachtens von Prof. Ossenbühl weilte, erreichen wollen, wäre dies ohne Problem möglich gewesen usw.
In seinem Interview mit Peter Korfmacher konstatiert Noch-Kulturdezernent Michael Faber, dass "man für seine Anschauungen bezahlen muss, auch wenn einen das möglicherweise das Amt kostet." Doch welche seiner Anschauungen ihn das Amt kosten könnte, wird nach seinen Aussagen nicht deutlich. Verfehlungen könne man ihm nicht vorweisen. Auch akzeptierte er jede OBM-Anweisung, die aus Gründen übergeordneter Stadtinteressen auch gegen die Position des Kulturbürgermeisters hätte getroffen werden müssen, anstandslos.
Widerhaken gegen den OBM sind allein in seiner Eigeneinschätzung, er sei "zu wenig homo politicus" und in der Frage der Feierlichkeiten zum 9. Oktober erkennbar, es sei allerdings ein Unterschied, ob er als seinerzeit aktiver Streiter für die "Wiedererlangung der Demokratie" und heute leidenschaftlicher Verfechter des Lichtfestes seine Meinung kundtäte oder jemand - wie der OBM? -, der "das historische Ereignis nur als Event feiert."
Faber ist erkennbar verletzt darüber, dass "interne Vorgänge und Kritik medial vorgetragen" worden seien, statt im Rathaus ausgetragen und dass er selbst zu seiner Abwahl nicht einmal angehört würde, zumal die Vorwürfe gegen ihn widerlegt werden könnten. Also geht er erhobenen Hauptes zur Schlachtbank, im Glauben, dass unterschiedliche Auffassungen über Leipzigs Kultur der Zukunft zu seiner Abwahl führen.

Die Stadt Chemnitz müsse in den kommenden fünf Jahren 50 Mio € einsparen, darunter wird auch die Kultur massiv leiden. Allein das Theater Chemnitz müsse in dieser Zeit 10 Mio € einsparen, betroffen seien auch das Kulturzentrum DAStietz (1,5 Mio € bis 2015), die Chemnitzer Kunstsammlungen (keine Sonderausstellungen mehr im Museum Gunzenhauser ab 2012) und Einsparungen in der freien Kulturförderung, die ohnehin schon seit Jahren sträflich vernachlässigt werde.
Theaterintendant Bernd Hellmich spitzte die Situation für sein Theater auf die Frage zu, bereits bis 2015 werde bei Umsetzung der geplanten Kürzungen eine Entscheidung fallen müssen, ob Oper und Orchester wegfallen oder alles andere zusammen (Schauspiel, Figurentheater und Ballett). Kristin Seelbach, Svenja Vennemann, Dominik Bath, Sören Harder und Ulrike Sauer, die den Bericht verfassten, merkten an, dass die Novellierung des Kulturraumgesetzes der Kultur der Stadt Chemnitz zusätzlich 400.000 € pro Jahr nehmen würde.

In seinen Antworten auf Mathias Wöbkings Fragen zur Novellierung des Kulturraumgesetzes steht heute der CDU-Politiker Sebastian Gemkow Rede und Antwort. Das heißt, wie auch die anderen CDU und teilweise FDP-Vertreter gibt er nichts weiter als gestanzte Antworten, auf die wegen der vorher feststehenden Fragen nicht mehr nachgehakt werden kann, ein großer Nachteil der Interviewreihe, wie man konstatieren muss. Dies erleichtert natürlich den Politikern, Behauptungen in die Welt zu setzen, die man nur schlichtweg als gelogen bezeichnen kann. Der eigentliche Schwachpunkt der Novelle ist: Muss Leipzig, wie die anderen Kulturräume auch, sparen, damit es Dresdens Einrichtungen besser gehen kann?
Wiederkehrendes Muster in den Antworten von Schwarz-Gelb war bisher die Zurückweisung der Behauptung mit der Feststellung, dass Leipzig bei einem Vergleich der Zuwendungen aus den Kulturräumen den bei weitem größten Anteil erhielte, nämlich ca. 30 Mio €, ca. ein Drittel aller Mittel. Dies ist allerdings nicht einmal die Hälfte der Wahrheit.
Aus den Kulturraumgeldern erhält die Stadt Dresden tatsächlich kaum etwas. Das braucht sie aber auch nicht. Denn: Allein für die laufenden Kosten von Staatsoper und Staatsschauspiel, die in Dresden Landesbetriebe sind und keine städtischen, zahlt das Land Sachsen in 2011 insgesamt 58 Mio €, das Doppelte des Anteils, den Dresden via Kulturraumgelder an Leipzig zahlen wird. Die Semperoper wird 2010 mit 40,53 Mio € unterstützt, für 2011 sind 44,57 Mio € geplant (+ 4,0 Mio €) und für 2012 45,700 Mio € (+1,1 Mio €) geplant. Das Staatsschauspiel erhielt vom Land für 2010 insgesamt 17,19 Mio €, für 2011 sollen es 17,05 Mio € und für 2012 17,45 Mio € sein, abzüglich der Überweisungen von 4,0 Mio €, die die Stadt Dresden jährlich (2010/2011/2012) ans Land zahlt, sind das immer noch mehr als 13 Mio €. Alle Zahlen sind nachzulesen im Haushaltsplan des SMWK (Haushaltsplan 12) für 2011/2012. Diese Tatsachen waren allen Abgeordneten des Landes bekannt, die in ihren Antworten bewusst falsche Tatsachen in den Raum stellten und so tun, als sei Leipzig der Schmarotzer.

Steffen Georgi hat in der Skala den Abend "Schlafes Bruder" mit Marina Frenk als "Elias, oder besser - ein Medium, durch das Textfragmente des Romans strömen" gesehen. Nun mag Georgi schon die Vorlage, den Roman von Robert Schneider nicht, eine Mischung aus "Passionsgeschichte voller Mysterien-Raunen, bäuerlichem Archaik-Kunstgewerbe und der Folklore vom sich an schnöder Welt aufreibendem sensiblem Genie." Anfänglich durchaus fesselnd, danach fade ("man mag das süß finden") Interaktionen als Klischees attitüdenhafter experimenteller Inszenierungen der 80er-Jahre ("Delirium"), bevor ein Film die Frenk bei einem Verhör zeigt, das zunehmend irrsinniger und komischer wird, bevor sie endlich "Schlafes Bruder" als 120-strophiges russisches Volkslied auf Rollschuhen zum besten gibt und dabei Salami verteilt. Georgi ertappt sich dabei, als Nörgler an dieser Stelle durch die selbstironische Volte der Performance (Dramaturgie: Anja Nioduschewski) den Stinkefinger gezeigt zu bekommen.

Montag, 22. November 2010

lvz kultur vom 22.11.10: Konwitschny, Fritz Kater, BMW & Bach

Überraschung an der Oper. Chefregisseur und -denker Peter Konwitschny hat aus Glucks Oper "Iphigenie in Aulis" eine Comic Strip Version gemacht, die Benedikt Leßmann an Asterix-Verfilmungen, nur ohne Witz, erinnert. Leßmann legt sich anfangs nicht fest, ob der "schwerste Mythenstoff" auf diese Art erzählt werden könne. Schließlich bedauert er aber, dass die Inszenierung auf halber Strecke zur "Popcorn-Oper" stehenbliebe, und bezeichnet ein "von Bedeutung unbelastetes Spaßtheater" als "legitim". Nur - das liefere Konwitschnys "ironisches Inszenierungskonzept" eben nicht. Für Leßmann ist der Comic Strip zwar erst der Ansatz einer Deutung. Aber dann fragt er sich, ob Glucks Oper - über die fragwürdige Konstruktion Konwitschnys hinaus - uns heute überhaupt noch etwas zu sagen habe. Er schreibt, "Göttin Diana, die dea ex machina, erscheint am Ende als Freiheitsstatue", doch scheint er der Erzählung, dass aus der Göttin der Weisheit eine Götzin von heute geworden ist, die Kriege unter dem Label der Freiheit führen lässt, und zu diesem Zweck sinnlos Menschenopfer fordere, nicht zu trauen. Dass Medien den ideologischen Überbau der modernen Kriege wie die alltäglichen Schrecken lieber als bunten Karneval gestalten, die den unterhaltungsgewohnten Konsumenten auf den Opernsesseln wie in einer Drohne über das zum Disneyland umgepolte Kriegsgebiet sitzen lassen, erscheint ja nicht einmal halbgar. Für Leßmann ist die Leipziger Inszenierung der Oper, die 1774 noch Furore machte, trotz des hohen musikalischen Niveaus aber "kein großer Wurf".

"Großartig" sei aber Sascha Hawemanns Inszenierung von Fritz Katers "We are blood" in der Skala. Am Ende sogar reine Poesie. Aus einer soziologischen Versuchsanordnung heraus fangen erstklassige Schauspieler mittels einer "Erzähl-Melodie, die nicht tönt, sondern ohne Hast von Szene zu Szene fließt" den Zuschauer regelrecht ein. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die liebeshungrige Lisa, die zwischen einem hochmoralischen, aber emotional gestörten Naturschützer und einem moralfreien, aber empathischen Immobilienspekulanten schwankt. Hawemann habe ein "feines Gespür für subtile Interaktionen, für das Inszenieren von Spannungen" und eine "Genauigkeit, die so oft verdammt fehlt am Theater". "Ein wunderbarer Theaterabend", sagt Steffen Georgi.

Eine Statistik, die die unterschiedlich hohen Eigeneinnahmen von deutschen Opernhäusern auflistet, wird von der lvz zitiert. Die Dresdner Semperoper erreiche den unerreichten Wert von 43% Kostendeckungsgrad, das Opernhaus Halle nur einen von 6,6%. Verglichen werden wegen vollkommen unterschiedlicher Voraussetzungen Äpfel und Birnen, das wird ausdrücklich gesagt, und wohl von interessierter Seite sofort wieder vergessen, bzw. als Argument für oder besser gegen die Kosten sämtlicher anderer Opernhäuser genutzt.

Eine weitere Benefizaktion vor Weihnachten wird von der lvz promoted, es handelt sich um den Adventskalender zugunsten der Jose-Carreras-Stiftung, Hauptsponsor ist BMW. Nina May beschreibt rührend bemüht das making of des Kalenders, dessen Partner für das 24. "Türchen" die lvz ist. Die Auftaktveranstaltung finde am 1. Dezember am Leipziger Gewandhaus statt.

Über den 300. Geburtstag eines "sperrigen Charakters", der einerseits der "Zeitgeist-Prägung des Originalgenies" entsprach, das seinerzeit aber nur verbal beschworen wurde, während es andererseits im realen Leben genauso wenig geschätzt geschweige in Dienst genommen würde wie heutzutage schwierige Menschen, schreibt Gerald Felber. Es ist Wilhelm Friedemann Bach, ältester Sohn des Johann Sebastian. Dessen "harter und sonderbarer Charakter" vereinigte "Altgewohntes und umstürzend Innovatives, sperrig-rigorose Kantigkeit und weiche Empfindsamkeit, virtuose Brillanz, sarkastischen Humor und schwermütige Innerlichkeit." Hätte es ihn damals gegeben, würde Felber den Komponisten und Orgelvirtuosen dem "Expressionismus" zugeordnet. Das Ende seines Lebens, vom 54. bis zum 74. Lebensjahr, verbrachte der Bachsohn als "freier Künstler" in bitterer Armut.

Ein großes Lob noch von Peter Korfmacher für das MDR-Sinfonieorchester, das im Gewandhaus Dvoráks Stabat Mater, "Töne von großer emotionaler Wucht" aufführte. Der fantastische Chor unter Leitung von Nikolas Fink "leuchtete", "vom gehauchten Beginn bis zu den markerschütternden a-cappella-Blöcken des Finales."

Montag, 1. November 2010

lvz kultur vom 1.11.10: Mario Schröder, Peter Licht, Soneb El Masrar & Puppenvarieté

Wasser im Wein. Das Publikum jubelt Leipzigs neuem Ballettchef Mario Schröder zu, Peter Korfmacher bleibt betont freundlich und mischt in die Lobeshymnen auf dessen Einstand "Chaplin" diskret einige schwurbelige wenns und abers und "zugegeben". Korfmacher schwelgt, es werde "so virtuos gebaut, so berührend choreographiert, so poetisch getanzt, so gekonnt musikalisiert, dass...", ja, dass all dies "weit über das Leben Chaplins hinausweist". Und gibt gleichzeitig zu, dass es Rhythmusprobleme gibt, dass Synchronizität und Geschmeidigkeit zu wünschen übrig lassen, eine Akrobatik-Truppe sich angeberisch präsentiere und Fremdkörper bleibt, auch aus dem Graben soll es bisweilen klappern. All dies gebe sich mit Verlauf des eineinhalbstündigen Abends und offenbare schließlich ein "Theater aus Emotionen und Geschichten". Das reicht für sein Urteil, Schröder bringe mit seinem Erstling "dem Leipziger Ballett die Menschlichkeit zurück."
Hinter dieser glanzvollen, ein wenig hohlen Fassade seines Lobes legt Korfmacher aber erkennbar die künstlerische Latte höher. Schröder "führe das Ballett behutsam in eine neue Moderne, die, hält er das Niveau, perspektivisch (!) das Zeug hat, Publikum und Ambition auch auf dieser Seite des Augustusplatzes zu versöhnen." Endlich zwar ein "Schlussstrich unter das Tanzmuseum", aber etwas Substanz dürfe man schon noch erwarten.


Mareike Mikat inszenierte in der Skala ein neues Stück von Peter Licht, das Nina May leider nicht versteht. Die Bezeichnung Theaterstück wäre im Fall von "Das Abhandenkommen der Staaten" ohnehin übertrieben, "Text" wäre angemessener. Poetische Schnipsel, rätselhafte Allegorien, abgenutzte Symbole, unklare Form, wenig verspielt - wirklich überzeugt ist Nina May nicht. Doch ihr Resümee lautet: Eine sympathische und inspirierende Annäherung an die Einheit, die "jüngeren Generationen" mehr sagen dürfte als Sonntagsreden. Wow. Licht und Regisseurin Mikat schaffen "eine ironische Allegorie auf die untergehende DDR". In Ansätzen zumindest. Außerdem behagt May die Mischung aus "Ernst und Jux" nicht, zumal sich ihr die szenischen Rätsel nicht lösen wollen. Leider offenbart die lvz theaterredakteurin ihr Unverständnis deutlicher, als ihr gut tut, z.B. wenn sie betont, "der ungebrochene Optimismus der Personen stört, etwa wenn Zenzi Huber mit großen Augen und Kerze in der Hand vor einem Plakat der Montagsdemo steht und sich freut." Wirklich ungebrochen?

Die Deutsch-Marokkanerin Soneb El Masrar hat mit "Muslim Girls" ein Buch geschrieben, das sich wie eine "Gegendarstellung" zu Thilo Sarrazins polemischen Schmähungen lese, schreibt Nadine Hummel. Sie wolle darin zeigen, dass "muslimische Frauen die gleichen Gedanken, Ängste und Wünsche haben wie ihre 'deutsch-deutschen' Mitbürger auch", dass muslimische Frauen vielfältig seien, dass es "kaum Unterschiede zwischen dem Leben deutscher und türkischer Jugendlicher gebe", aber auch, dass muslimische Männer ihren schlechten Ruf zu Unrecht hätten. Es seien gerade "Mütter, Tanten oder Großmütter", die die jungen Mädchen "einer alten, vorislamischen Tradition opfern". Soneb El Masrar ist Herausgeberin der einzigen deutschen Frauenzeitschrift für Migrantinnen, "Gazelle".

Yüksel Yolcu hat am Berliner Grips-Theater die Uraufführung von Jörg Isermeyers "Ohne Moos nix los" inszeniert, Elke Vogel berichtet von der Premiere. Das Stück über Kinderarmut spiele geschickt mit Klischees und Vorurteilen, "und kommt so der tatsächlichen Lebensrealität der Jugendlichen heute sehr nahe." Sicherlich eine gewagte Folgerung. Dass Yolcu einen "Blick hinter die Posen" werfe, wie Vogel schreibt, ist zumindest sehr zu hoffen, dass die Hauptdarsteller "mit enormer Energie" spielen und "die Gefühlswelten der Kinder ganz scharf herausarbeiten, ohne sie dabei zu karikieren" hat die Kritikerin endgültig überzeugt. Nicht nur sie. Für November seien bereits alle Schulvorstellungen ausgebucht.

Ulrich Fischer hat den Auftakt der neuen Saison im Kölner Schauspielhaus gesehen. Das von Kritikern zum Theater des Jahres gewählte Schauspiel unter der Intendanz von Karin Beier hatte mit einem Werk von Elfriede Jelinek begonnen: "Das Werk. Im Bus. Ein Sturz". Die drei Teile seien von unterschiedlicher Qualität, allein der letzte Teil, der den Einsturz des Kölner Stadtarchivs zur Grundlage hat, als Farce inszeniert, "hätte gereicht für den Abend".

Eine etwas langweilige Show, "aber auf die angenehme, weil nostalgische Art", sah Steffen Georgi bei der Premiere des Puppenvarieté "Herzklopfen kostenlos" vom Theater der Jungen Welt auf der Kellerbühne des Café Telegraph. Marion Firlus' Inszenierung sei "mitunter zauberhaft , gern mal schrullig, immer liebevoll." Aber: "Eine Harmlosigkeit mit wenig doppeltem Boden und gänzlich ohne Biss". Erst im Applaus entstünde unerwartet ein "Bild der Unterschwelligkeiten", die diese Kunstform ebenso beinhalte, wenn "Nummerngirl" Paul Kuhn seine Travestie-Perücke lupfe - und ein kahler Schädel "mit blutrotem Lippenstift" zum Vorschein komme.

Einmal im Jahr, bei der Audio Invasion, häutet sich das Gewandhaus zum Club. 2500 zumeist junge Menschen hören ein Großes Concert, bevor sie auf den vielen verschiedenen Floors Clubathmosphäre erleben. Live-Bands (z.B. Die Sterne, WhoMadeWho) und DJs, u.a. André Galluzzi aus dem Berghain im Prenzlauer Berg, lassen das gesamte Gewandhaus zu einem einzigen großen Partyevent werden. Theresa Wiedemann lobt hingerissen, alle Beteiligten hätten gewonnen, "dem Gewandhaus ist mit bemerkenswertem Booking ein beachtlicher Marketing-Wurf gelungen."

Dienstag, 28. September 2010

lvz kultur vom 28.09.10: Cornelia Funke, Mareike Mikat & Faust

Cornelia Funke war in der Oper. Dort, wo häufig mal Fantasiegestalten zum Leben erweckt werden, hat sie aus ihrem neuen Fantasy-Roman "Reckless - Steinernes Fleisch" gelesen. Und sich selbst dabei als Kindertraum mit Elfenkleid inszeniert. Gut, in Tintenherz verwandeln sich Romanfiguren zu echten Menschen, warum also nicht umgekehrt? Weils banal ist, weils einfach dekorativ und durchsichtig inszeniert ist, darum. Ebenso banal beschreibt Funke zugleich den Ursprung des Bösen der gruseligsten ihrer Figuren, der des Schneiders im Wald, der sich aus der Haut seiner Opfer Kleidung näht, in dessen, ja, Eingebildetsein. Was Caroline Baetge zu der etwas abseitigen Frage veranlasst, ob das "nicht gefährlich für die jugendlichen Leser" sei. Aber die konnten augenscheinlich zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Nüchterne Realität war dann, dass die "Kinder aus dem Publikum" anschließend nicht nur "Fragen stellen", sondern sich gar das Buch Funkes signieren lassen "durften". Nur Caroline Baetge konnte darin "feierliche Atmosphäre" erkennen. Marketing wars.
Toll! Peter Korfmacher muss, weil in lvz kultur über das neue Label "Accentus" geschrieben worden ist, und möglicherweise der fälschliche Eindruck erweckt wurde, dass "EuroArts Music International" nicht mehr aktiv DVD-Produktionen betreiben würde, einen Artikel zur Wiedergutmachung drucken. Nun weiß also wieder mal jeder, dass ein Anruf bei Bernd Hilder Wunder wirken kann. Nur nicht bei Herrn Korfmacher. Denn der schreibt halt langweilig, wenn nichts Interessantes zu berichten ist außer der Tatsache, dass 20 EuroArts Mitarbeiter von Berlin aus für Entwicklung, Umsetzung und nicht zuletzt den Vertrieb sorgen. Was in etwa dem entspricht, was in dem ursprünglichen Artikel auch stand. Tageszeitungsalltag.

Nina May hat mit Mareike Mikat ein Gespräch anlässlich ihrer neuen Inszenierung "Fünftes Imperium" an der Skala geführt. Es geht um Russenvampire, die nur ein Motto kennen: "Haben wollen". Gruselig. Doch Mikat kontert die Russenmatchos einfach aus. Sie lässt sie sich nackt ausziehen. Wow. Doch damit nicht genug. Mikat hat noch eine Idee. Sie will ein "eigenes Haus" haben(!). Damit sie nicht nur "von unten blöd quatschen" kann. Wird wirklich Zeit. Doch sie meint es ernst. "Mal sehen, ob ich's selbst kann". Jugend forscht. Viel Erfolg!
Herrje. Schon wieder Nina May. Der Wirbelwind kommt vor lauter Gucken und Schreiben kaum noch zum Schlafen. Nach Dresden (Der Turm), und Leipzig (Mareike Mikat, s.o.) hat sie auch in Gera/Altenburg was gesehen. Den "Faust" des Herrn Goethe. Zwei Frauen (Amina Gusner und Anne-Sylvie König) haben ihn sich zur Brust genommen, woraufhin sich beim besagten Mann und Sinnsucher vollkommen "berauscht" alles nur noch ums Bett und den Sex mit Gretchen dreht. Komisch sei es gewesen, dämonisch, hin und wieder kreischig und vor allem sehr heutig. Nach knapp vier Stunden Dresdner Deklamationstheater war das augenscheinlich die fällige Entschlackungskur für Frau May. Man gönnt es ihr.

Sonntag, 19. September 2010

lvz kultur vom 20.09.10: Ballett, Skala & Off Europa

Mit warmen Worten begrüßt Heike Bronn den neuen Ballettchef Mario Schröder in Leipzig. Das ist nett von ihr. Sein "Warm up!" auf dem Augustusplatz überzeugte das anwesende Publikum ebenso wie die Ausschnitte aus neuen Choreographien in der Oper. Deutlich wird: Der neue Ballettchef will sich zeigen, will "Teil von Leipzig sein", "die Stadt reflektieren", geht auf die Menschen zu. Und was er zu bieten hat, ist "starkes, emotionales und zeitgemäßes Ballett". Es ist nett - und werbewirksam -, das Publikum ein auf sie zugeschnittenes "warm up" mittrainieren zu lassen, es kommt gut an, Fragen zu beantworten, er stellt jeden einzelnen seines multikulturellen Ensembles vor. Schröder wolle in seinen Balletten "Wesentliches erzählen", Vorstellungen zeigen, "die ein ganzes Leben nachwirken". Sein "leistungsfähiges" Ensemble habe, so Bronn, bereits "in drei Wochen" ein Programm auf die Bühne gestellt, "das mit ästhetisch-bewegenden Bildern, tiefen Emotionen und fulminanter Körperkunst operiert". "Höchstes Niveau", "spannungsreich", "hervorragende Soli", "beste Einzelleistungen", "witzig-originell", "großartig", "temporeich". Die Skala des Lobes wird rauf und runter gebetet. Bronns Darstellung des "Halbstarken"-Stückes "Daf" spricht von "jungen Männern, die voller Kraft und Gehabe strotzen", die "beim Anblick einer Frau zahm dahinschmelzen", später kontrastiert von ihre "Haare schwingenden Tänzerinnen". Solches Ballett bedeutet, auf das Publikum zuzugehen. Folgerichtig: Die Stimmung im Saal ähnelt anscheinend der auf dem Oktoberfest, von begeistertem Johlen und Pfeifen ist die Rede. Und noch einmal von "starken Bildern, aufrichtigen Gefühlen und einem bestens disponierten Ensemble". Heike Bronn hat Mario Schröder bereits gewonnen. Und glaubt man der Spontanumfrage Katharina Heymanns, dann ist das "junge Publikum" ebenfalls auf dem besten Wege dazu.
Der Auftakt in der Skala mit Mirko Borschts Inszenierung "Deutschland tanzt nicht" ist für Steffen Georgi nichts als eine ärgerliche Schnarchnummer. Gar manches kritische Urteil gegenüber der Psychoanalyse, u.a. das, "ideologisch, autistisch und trivial" zu sein und "die Eier zu finden, die sie vorher versteckt habe", träfe auf Borschts Inszenierung jedenfalls selbst zu. Ein Abend zum Deutschland-Motto der Spielzeit war geplant, heraus komme nichts als "deutscher Eiersalat" vor Videowand. Standardsymbole, "pennälerhaft kurze Assoziationsketten", "schlicht gedachte und wacklig gezimmerte" Szenen eines "Klischeeonkels", alles in allem "Fantasie- und Ideenarmut". Das alles liest sich interessanter, als es die Inszenierung im Verlauf ihrer zwei Stunden je zu erreichen scheint. Wenn in der Skala einmal Witz aufblitze, sei dies das Verdienst der drei Schauspielerinnen. "Der Rest", so Georgi, sei "Gähnen."
Einer der Solitäre in Leipzigs Theaterlandschaft ist Knut Geissler und sein bereits seit 18 Jahren existierendes Festival "Off Europa", früher "Manöver". Stefan Kanis' Interview mit Geissler liefert erwartungsgemäß ungestanzte Einschätzungen, durchaus über das diesjährige Festival-Thema Tschechien hinaus. Etwa die, dass sich Deutschland in den 18 bzw. gut 18 Jahren, seit die DDR "dem Westen beigetreten" sei und er das Festival organisiere, im Gegensatz zu Osteuropa "nicht bewegt habe". Dass in Leipzig Off-Theater als Kunst zweiter Klasse wahrgenommen würde, dass die Arbeiten vieler Tänzer und Performer in Tschechien vielleicht unabgerundeter, dafür witziger, sanfter, alltagsnäher seien als viele der "lackierten, auf Erfolg hin inszenierten Produktionen" des Westens. Früher habe er jedes zweite Jahr deutsches Off-Theater zeigen wollen. Heute sei dies unbezahlbar für ihn. Die Szene für einen einzelnen längst unüberschaubar. Aber: "Bei allen Problemen, die es im LOFFT gibt (...) wird dort mittlerweile einiges aus Deutschland abgebildet", soll heißen, die "Fehlstelle" und also die Notwendigkeit für diese Seite des Festivals sei nicht mehr so groß. Und im regelmäßigen Blick auf die ungesicherte Theaterszene Osteuropas im Vergleich zum gegenwärtigen Theater etwa Sebastian Hartmanns, der noch 1998 bei ihm gastierte, kann er dennoch keine Sehnsucht nach der "Wärme der Institutionen" hierzulande entwickeln. Im Gegenteil. Abgesehen davon, dass er sie ohnehin für überschätzt hält.
Vielleicht sollte sich Herr Faber mal nach den Erfahrungen des Herrn Geissler erkundigen. Nicht, dass man sämtliche Errungenschaften des Repertoiretheaters über Bord schmeißen müsste, aber ob es eine so harsche Trennung zwischen Hoch- und Off-Kultur wie hierzulande geben muss, scheint doch sehr fraglich.

Freitag, 17. September 2010

lvz kultur vom 17.09.10: Krug, Franzen, Plumpsack & Skala

Es brauchte 27 Jahre, bis Werke des1983 gestorbenen Malers und Radierers Karl Krug erstmals für die Öffentlichkeit in einer Ausstellung zu sehen sind. Die Galerie am Sachsenplatz präsentiert 40 Bilder des weitestgehend unbekannten Künstlers, der viele Jahre technischer Leiter der Werkstatt für Radierung und Kupferstich an der HGB war. Rolf Richter stellt den stillen, peniblen, von seinen Studenten gefürchteten und gleichzeitig verehrten Lehrer vor. Sein "kompromissloses Ablehnen von politischer Käuflichkeit in der Kunst" (Michael Morgner) hat den wortkargen Mann zu DDR-Zeiten zum Sonderling werden lassen. Mit der Ausstellung veröffentlicht der Freundeskreis Karl Krug e.V. eine Werkübersicht. Richter, der dem toten Krug gleichwohl Worte von den Lippen lesen kann, meint, der stille Mann hätte zu der doch noch erfolgten "Ehrung" bloß gesagt: "Viel zu viel Gewese", bevor er schalkhaft hinzugefügt hätte: "War doch nicht alles umsonst".
Wenige Tage nach der Ankündigung einer Lesung von Jonathan Franzen im Haus des Buches (14.10.) schreibt Maja Zehrt über dessen jüngst erschienenen Roman "Freiheit". Sie beschreibt Franzen als Meister der leisen Töne und krachenden Explosionen, der sämtliche Gefühlslagen zwischen Komik und Tragik beherrsche. Das Porträt einer missverstandenen, schier katastrophalen Ehe wachse unter Franzens Feder zur Bestandsaufnahme der ideologischen Gräben des Bush-Amerika. Den Begriff der Freiheit, einer Freiheit, die von den Protagonisten eher als Bedrohung denn Chance gesehen würde, sei von ihm im ironischen Sinn gebraucht worden. Das Wort sei in Wahrheit schlicht vergiftet, durch Missbrauch zum Krüppel geworden. Ob die realistische Beschreibung eines (Ehe-)Scheiterns, in all seiner Differenziertheit und Meisterschaft, wirklich eine Ahnung hinterlassen kann, wie entfremdet und unbegreifbar der Selbstbetrug der Menschen in diesem nur scheinbar postideologischen Zeitalter eigentlich funktioniert? Dafür müsste die Unterhaltsamkeit des Werks ein Unbehagen hinterlassen, von dem bei Maja Zehrt an keiner Stelle die Rede ist. Im Gegenteil.
Kaum spielt einer nicht mehr mit, wird er gehänselt und verhöhnt. Friedrich Schirmer, bislang Intendant des Hamburger Schauspielhauses, ergeht es zur Zeit so. Der Plumpsack, fast sämtliche Medien, schüttet nach dessen Rücktritt Häme aus über den angeblich gescheiterten Theaterchef, Intendanten-Kollegen kritisieren das unsolidarische Alleinlassen seiner Mitarbeiter. "Dreh dich nicht um/Wer sich umdreht oder lacht/Kriegt die Hucke vollgekracht". Eben, der Plumpsack geht um und dpa geht mit - mit denen im Strom. Hoffentlich ist Schirmer wenigstens das Lachen nicht vergangen.
Nach den "Räubern" und "Vatermord" kündigt Nina May die Skala-Inszenierung "Deutschland tanzt nicht" an. Mirko Borscht, der immer noch mit dem Theater zu fremdeln vorgibt, bringe bisher krasse, alptraumhafte Bilder auf die Bühne, "Wie im Drogenrausch", so zitiert May den Regisseur. Doch jetzt habe er die Notwendigkeit gesehen, sich weiterzuentwickeln. Wow. Und irgendwie scheint er den Zugang zu seinem gesetzten "großen Thema", dem Spielzeitmotto "Deutschland", dann doch gefunden zu haben. Es gehe in seinem Stück um den Minderwertigkeitskomplex und die Verklemmtheit der Deutschen. Dazu passt, dass gestern eine - bestimmt amerikanische - Untersuchung ergeben habe, dass Frauen Männer ganz brutal nach ihrem tänzerischen Vermögen beurteilten und auswählten. Da kann mann sich ja nur verkrampft an die Theke flüchten, klar. Naja, Borscht meint es aber doch nicht so. Alles sei nur eine Metapher. Wofür nur?