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Mittwoch, 16. Februar 2011

Lvz kultur vom 16.2.11: Kerouacs „On the Road“ again. Jamel. Chailly. Globish.

Niemand weiß, wann die Neonaziszene auf dem Laufsteg der Medien Aufmerksamkeit erhält und wann nicht. Jetzt ist mal wieder die neue Kollektion einer rechten Geschichte im Umlauf. Nach Spiegel, ap, indymedia, und Stern hat sie auch Marcus Stöcklin für die lvz aufgegriffen. Immerhin: Die lvz bringt ein Porträt eines Dorfes in Meck-Pomm: Jamel. Fast glaubte man, der Name wäre der ihrer eigenen ägyptischen Partnerstadt. Doch er ist er selbst. Die erschreckende Geschichte: In Jamel entsteht Schritt für Schritt eine rechte Enklave. Haus für Haus werden von Rechten übernommen, bald ist niemand mehr da, der nicht der Neonaziszene angehört. Die Methoden sind brutal, gebrochene Nasenbeine, am Gartenzaun aufgespießte Hühner, tote Ratten im Briefkasten, patrouillierende Pick-Ups mit Scheinwerfern auf dem Dach entlang der Dorfstraße machen Jagd auf die paar verbliebenen Bürger. Dass ein ganzes Dorf weggemobbt werden kann, ist neu. Aber vielleicht wächst auch nur zusammen, was zusammengehört. Die neu hinzugezogenen Rechten und die Resignation der Arbeitslosen im Ort, ein aus Steuergeldern finanziertes Wahlkreisbüro der NPD und das, was man andernorts als Strukturschwäche bezeichnet: Die verkümmerten Reste eines staatlichen Gemeinwesens, eines auch ohne Braunkohleabbau oder Truppenübungsgelände einfach verlassenen Ortes. Ohne Überlebensperspektive. Wenn da nicht die jungen (oder alten) Rechten wären. Ob in Naschendorf, in Gägelow oder sonstwo – Jamel ist nicht allein.
Birthdayparty in der lvz: diesmal ists Agnes Kraus, Volksschauspielerin mit Charme, Chuzpe und Charakter, die heute 100 Jahre alt geworden wäre. An den Theatern hatte sie keinen Erfolg.Erst das Fernsehen der 70er Jahre entdeckte in der herben Mütterlichen die begnadete Alltags-Komödiantin. Ende der 80er Jahre zog sie sich zurück, vor 15 Jahren starb Agnes Kraus.
Riccardo Chailly stellte die Pläne des Gewandhauses 2011/12 vor. Benedikt Leßmann berichtet von acht Symphonien Beethovens in zwei Wochen, plus der Neunten zu Silvester. Jeweils kombiniert mit einer Neukomposition mit Rückbezug auf eine Beethoven-Symphonie. Was für Leßmann nur mäßig originell ist, dennoch, er erwartet dadurch eine Heranführung des Publikums an die Moderne, von der es bisher beharrlich wenig hält. Auch in der Repertoirepflege soll die gemäßigte Moderne ihren Platz haben: Riehm, Strawinsky, Berg, Schnittke und Saariaho sind einige Namen. Als Dirigenten werden neben Blomstedt und Masur auch Thielemann, Schirmer und Biller genannt. Was im Programm die Rückkoppelung des Neuen ans Alte darstellt, ist bei den Namen die Beruhigungspille des Alten bei der Präsentation des Neuen. Klingt alles in allem zu mutlos.
Jürgen Kleindienst beteiligt sich in „ausgepresst“ an der Nachfolgediskussion für Thomas Gottschalk. Nachdem Kulenkampff und Alexander ausgeschieden sind, bleiben nur die ewigen Kandidaten Pilawa, Kerkeling, Opdenhövel und Müller. Müller? „Selbstverständlich Zählkandidaten“, wie jkl meint. Nachdem er lange genug in Vorzimmern, Kantinen und Hallenser Messehallen zugebracht hat, kennt er nun die zwei aussichtsreichsten Kandidaten: Ein Moderatorencasting, selbstverständlich mit Raab, der aber nur Lena zulassen will. Und Maffay. Natürlich! Der kennt als Stammgast bereits Laufwege, Kantinenpersonal und Hunziker. Wer Maffay kennt, weiß, dass er zu radikalen Imagewechseln neigt: Wetten dass übernimmt er nur, wenn – von seiner Finca auf Malle gesendet wird.
Ein bisschen Spiegelfechterei wird derweil in Radebeul, dem Stammsitz der gefährdeten Landesbühnen Sachsen betrieben. Die Stadt erwartet Klarheit über die künftige Struktur der Bühnen. Soll heißen, wie häufig solle sie noch in Radebeul selbst spielen dürfen. Davon will OBM Wendsche abhängig machen, ob die Stadt die vom Land erpresste Summe von zunächst 300.000 Euro, später (2012) 600.000 Euro, zahlen will. Ob sie es kann, steht ohnehin auf einem anderen Blatt. Aber so sehen Opfer aus.
Jetzt ist sie tatsächlich auch auf Deutsch erschienen: Die unredigierte Originalfassung von Jack Kerouacs Roman „On the Road“. Nachdem bereits mit dem Comic „The Beats“ erste Tendenzen einer „Kindertauglichkeit“, einer Verharmlosung dieses Symbols für einen nicht nur literarischen Aufbruch des jungen „aufregenden, sympathischen“ Amerika einsetzten, ist die ungeglättete Version der Urfassung eine Rückkehr zur Radikalität der ursprünglichen, ruhelosen Suche nach sich selbst, wenn man Roland Mischkes Text folgt. Eines gelebten Traums, der auch den Alptraum mit umfasste, Grenzen ignorierte. Es ging nicht nur um das Coming-Out eines Schwulen, sondern um das Coming-Out einer ungebändigten Seele.
Noch in diesem Jahr soll es eine Verfilmung von „On the Road“ geben.

Norbert Wehrstedt hat auf der Berlinale endlich den ersten Favoriten für den Goldenen Bären erlebt: „Nader und Simin, eine Trennung“ von Asghar Farhadi (Iran). „Ein Drama um brüchige Moral und gestörte Beziehungen, Wahrheit und Lüge, mit vielen überraschenden Wendungen, psychologisch sehr behutsam und sozial sehr genau erzählt. Der Innen-Blick auf eine in Schichten gespaltene iranische Gesellschaft.“ Zwei weitere Filme wurden – wie Wehrstedt traurig feststellt – „von Herrn Langweiler (Béla Tarr) und Frau Peinlichkeit (Miranda July)“ inszeniert.

Maja Zehrt hat ein ein Festival im Festival beobachtet: Das Kinderfilmfestival „Generation“ im Rahmen der Berlinale. Arthouse für Vierjährige, ohne Berührungsängste. Themen wie Krieg in Iran, Terror in Peru, Superhelden, erste Liebe und Straßenkinder in Südafrika werden angeschnitten, auch eine filmpädagogisch betreute Vorstellung von Ingmar Bergmanns „Fanny und Alexander“ gezeigt. Zehrt beeindruckt: „Früh übt sich, wer ein echter Filmnarr werden will.“

Abermals Roland Mischke berichtet über das Phänomen des Globish. Einer radikal redizierten Variante der englischen Sprache. Die ohne Drumrum, fast ohne Grammatik auskommt. In Ägypten hat sich die Jugend überraschend als Globish-sprachige Generation entpuppt. „Mubarak must go!“ und „We want a democratic constitution“ sind Beispiele für das zur Einfachheit gewandelte Englisch. Auch typische Mail-Kürzel gehören zum Globish: „n1“ etwa steht für „nice one“, soll heißen „gut gemacht“. Mischke: „Globish hat die Welt erobert. Friedlich, aber in Befreiungskämpfen überdeutlich. Globish organisiert Menschenmassen.

Samstag, 5. Februar 2011

lvz kultur vom 5.2.11: Zwischen Partyhütchen und Wischmob. Lena. Krystallpalast. Hilbig.

Gegen die Katholische Kirche ist Hosni Mubarak ein Jungfossil. Versteinert sind sie beide. Parallel zu den Massendemonstrationen in Ägypten gibt es in der Kirche nun einen an Aufruhr erinnernden theologischen Massenprotest. „Die Kirche muss die Zeichen verstehen und selbst aus verknöcherten Strukturen ausziehen, um neue Lebenskraft und Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen“, schreiben 144 katholische Theologieprofessoren in einem Memorandum. Sie protestieren gegen das Zölibat, die erzwungene Ehelosigkeit der Priester, und auch gegen das Verbot weiblicher Priester.

Man darf gespannt sein, ob das orthodoxe Vatikan statt mit Steinen, Gewehren und Schlagstöcken nun mit fürsorglichen Gesprächen und Exkommunikationen auf den Protest reagieren wird oder ob sie bis zum Besuch des Papstes in Deutschland schweigen werden.

Lena Meyer-Landrut gewährte Imre Grimm ein gar nicht mal kurzes Interview. Ob es nun gehalten worden wäre oder nicht, den Unterschied können wohl nur die Erbsenzähler der veröffentlichten Peinlichkeiten ermessen. Der investigative Teil des Interviews endet bei der Frage nach einem Stimmtraining. Ja, schon, meint Lena, bisschen Unterricht, was Stimmeaufwärmen und Abklingenlassen betrifft, hätte sie, aber „bloß leider nicht so viel Bock“ darauf. Lena verweist gefühlte siebzehnmal darauf, dass sie sich – anders als Britney Spears - schließlich weiterentwickle, älter, reifer werde. Das wirkt sich zwar nicht erkennbar aus. Also muss sie noch einen Grund zum Älterwerden nachschieben: Sie hätte ebenso „einfach keinen Bock darauf, jahrelang 18 zu sein“. Deshalb hat sie nun beschlossen, 20 zu werden. Das übrigens auch, weil sie Geburtstage „immer toll finde“, ja, „ich liebe Geburtstage über alles, wirklich“. Auch in Oslo mussten schon alle Leute an ihrem Geburtstag Partyhütchen tragen, das war einfach geil. Ansonsten muss Lena aufpassen, dass Stefan Raab sie künftig nicht an Kehrblech und Wischmob fesselt, denn Lena gibt zu, dass ihr während der Hausarbeit „eine Melodie eingefallen sei und sie sich daraufhin irgendwelche Worthülsen überlegt habe.“ Die hat sie sogleich auf ihr iPhone aufgenommen, hat in einem Akt schieren Wagemuts ihren „inneren Schweinehund überwunden“ und das Lied Stefan Raab vorgespielt. Nun will sie weitermachen mit dem Liederschreiben. Das haben wir nun davon. Eine Hoffnung: Vielleicht muss sie ja noch nebenbei putzen gehen.
Herzlichen Glückwunsch, Frau Grimm, zum Zeilenhonorar!

Tatjana Böhmer-Meine hat ein Großes Concert im Gewandhaus erlebt, und einen „angenehm kurzweiligen“ und zugleich „angenehm fassbaren“ Abend erlebt. Die Musik von Schönberg, Strauss und Mendelssohn hätte sie unter dem Stichwort ‚Traum, Nacht, Tod, Todessehnsucht, Verklärung, Romantisch und postromantisch gesehen und gedeutet. Dirigent Sinaisky trug „glücklicherweise“ nicht „zu dick“ auf, er habe vielmehr „Opulenz ohne Lärm“ erlebt, danach klingt nun das Intro im Theaterhaus „gediegen und gesetzt“.

Spiegel TV ist auf dem besten Weg, die Geschmacklosigkeit des Jahres in den eigenen Reihen zu halten. Es geht um den fleischlosen Führer, dessen Reizdarm, vegetarische Essgewohnheiten und Blähungen Adolf Hitlers, die einfach nicht verschwänden. Jürgen Kleindienst wollte fast schon einen Diätplan nach neusten Errungenschaften für die heutigen Stars und Sternchen kreieren. Bis jkl noch mit halbem Ohr am Fernseher hängend die Schlussspointe mitbekam, dass nach dem vegetarischen Mahl „die Inkarnation des Bösen sich ohne Reue eine Kugel in den Kopf geschossen habe.“ Also lieber doch noch mal abwarten, Nicht, dass der lvz die Promis ausgehen!

Das Krystallpalast Varieté hat nach dem Vorbild der Zaubershow nun ein Konzertvarieté voller singenden, klingender Varietékünstler engagiert. Bernd Locker beurteilt den musikalischen Part als „ganz anständig“, immerhin sei „das Gewandhaus gleich um die Ecke.“ Der Rest, insbesondere „das Szenische, klappert gewaltig“, kein aufregender Rhythmus, kein „flüssiger Handlungsablauf“, Gesichter hinter „italienischen Karnevalsmasken“ gemeinsam mit den artistischen und solistischen Minus-Programmpunkten (…).

Aus Anlass einer Veranstaltung zur Editionsgeschichte von Wolfgang Hilbigs „StimmeStimme“, wird Wolfgang Hilbigs Tod von 2007 Gegenstand eines Gedichts von Thomas Böhme, ein Schriftsteller-Kollege Hilbigs: „Die Finsternis/ hat ihre zärtlichste Stimme verloren“ heißt es in „Wolfgang Hilbig ist tot“. Der Rest der Veranstaltung blieb einigermaßen kryptisch. Claudia Panzner meint, „ein Gesamtüberblick, eine Einführung in den ‚StimmeStimme-Band’ fehlt, Kenntnisse der Zeit und der Zensurvorgänge, der Namen und Ereignisse werden vorausgesetzt. Transparenz fehlt oder geht durch die hohe Erwartungshaltung an das Publikum verloren.“ Nur Referent (und Hilbig-Lektor) Hubert Witt ist überrascht: „Ich konnte nicht ahnen, wie viele genauer Bescheid wissen als ich.“

Elfriede Jelineks „Winterreise“, ein 77-seitiger wortgewaltiger Monolog, hat unter der Regie von Johan Simon Premiere an den Münchner Kammerspielen gefeiert. Von Empörung, der bevorzugten Währung bei Jelinek-Uraufführungen, keine Spur. Tragisch wurde die Komödie wie von Simon versprochen immer dann, wenn Jelinek „persönlich wird“. Also durchaus häufig, wie Britta Schultejans meint, denn die Winterreise „gilt als sehr stark autobiografisch beeinflusst.“

Steffen Georgi hat im Westflügel das Gastspiel von Thalias Kompagnons mit „Kafkas Schloss“ gesehen. Und war nicht nur vom Text hingerissen. „Die schöne, weil dem Stoff bestens angemessene Doppelbödigkeit dieser Inszenierung nun ist, dass Vogt, hinfort der Puppenspieler, seine Performance selbst so anzulegen vermag, als würde er gespielt werden.“ Und: „Vogt beherrscht das so gut, dass er seinen Figuren mitunter fast ein wenig die Show stiehlt.“ Aber nur fast.

Donnerstag, 3. Februar 2011

lvz kultur vom 3.2.11: Faber im Haifischbecken. Hindenburg. Sondheim. DJ Ralph D.

Ein reines Prestige-Projekt sei der Fernseh-Zweiteiler „Hindenburg“, zitieren die redakteure Eric Leimann und Carsten Rave (dpa) Barbara Thielen von RTL. Geld könne mit keinem „fiktionalen Film erwirtschaftet“ werden. Das ist sicher etwas eng gedacht. Denn wie die Zeitungen immer auch Redaktionelles für das Anzeigenumfeld produzieren, braucht ein Fernsehsender wie RTL natürlich außer einer Imageauffrischung auch Quotenbringer für das Werbeumfeld. Dafür eignet sich ein Katastrophenfilm wie „Hindenburg“ allemal. Gut 10 Mio. Euro Produktionskosten gönne sich RTL allerdings auch nur etwa alle zwei Jahre. Für eine ebenfalls produzierte Doku zum Thema hat der Sender den Zuschauern ebenfalls ein Leckerli hingehalten: Ein Interview mit dem letzten Überlebenden des Absturzes der „Hindenburg“ im Mai 1937.

Für den Spielfilm selbst haben Produzent Sascha Schwingel und Regisseur Philipp Kadelbach eine Shoppingtour durch die B-Movie-Genres unternommen. Ein bisschen Katastrophe hier, etwas Agenten- und Verschwörungsthriller dort, von Nazi-Glamour und Agatha Christie zu schweigen. Und die „Hindenburg“ als „alles überstrahlender Star“. Dazu eine kurzweilige und professionelle Inszenierung ohne Tiefe. Handlung und ein paar Schauspieler gehören natürlich ebenfalls dazu.

Vier attraktive Damen (im kleinen Schwarzen; mit High-Heels) sorgten im Gewandhaus für Aufmerksamkeit. Das „Hingucker“-Quartett Salut Salon vermengte Klassik, Folklore, Chanson und Kammermusik. „Wer sich prächtig amüsieren will, ist beim geistvollen Humor der Entertainerinnen gut aufgehoben“, schreibt Birgit Hendrich. Allerdings, neben der „hinreißenden Bühnenshow“ verstehen die Vier anscheinend auch viel von Musik. Am Ende „enthemmter Jubel“ des Publikums.

Mathias Wöbking organisiert in „ausgepresst“ derweil einen Diktator-Tourismus und vermittelt nebenbei den 82-jährigen Hosni Mubarak in die nächste leitende Stelle. Frankreich hat beste Aussichten, seit Kaiser Bokassas und „Baby Doc“ Duvaliers Aufenthalte. Saudi-Arabien hätte ebenfalls einiges zu bieten. Tunesien-Ben-Ali ist ohnehin schon dort. Aber „auch Deutschland ist“ - noch - „im Rennen.“ Vox plane eine Spezialausgabe der „Auswanderer“. RTL eine Big Brother-Fortsetzung. Hat schon bei Aristide, Mladic und Imelda Marcos angefragt. Wöbking mit schöner Schlusspointe: „Der Sieger darf ein ostdeutsches Bundesland tyrannisieren.“

In der Galerie Archiv Massiv im Spinnereigelände werden Fotografien von Wednesday Farris gezeigt. “Kühl und doch erhaben“ inszenierte Objekte, die – in klassischem schwarz/weiß fotografiert – zu berückend-entrückten Abstraktionen werden. In den alltäglichen Gegenständen, die jedes einzelne für eine Geschichte stehen, „schlafe jenes Lied“, das auf das Eichendorffsche Zauberwort „warte.“ Dennoch sei, meint Jürgen Kleindienst, nichts in den Fotos „vordergründig ästhetisiert“, vielmehr bergen die Objekte geheimnisvolle Metaphern, die über die Gewissheit des Gegenstands hinausweisen.

Von einer aufsehenerregenden Erstaufführung eines Musicals an der Dresdner Staatsoperette berichtet Boris Michael Gruhl: Stephen Sondheims „Passion“. Dessen Vorlagen sind ein Roman von Tarchetti und der nach ihm entstandene Film von Ettore Scola. Eine Dreiecksgeschichte aus dem Jahr 1862. Junger Offizier wird versetzt, muss seine Geliebte verlassen und wird von der todkranken Tosca verführt. Alle drei sind tragische Figuren auf dem Weg ins Unglück. Eine vordergründig rührselige, doch knallharte, abgründige Geschichte in doppelbödiger Musik. Gruhl erstaunt: „Das alles in einem Musical.“ Die „gefährlich-schöne“ Musik erst „macht diesen unaufhaltsamen Fluss des schönen Unglücks möglich.“ Regisseur Holger Hauer inszeniert ein Kammerspiel mit Gegenwartsbezug. Gruhl vermisst etwas Schroffheit und schärfere „Militanz der Schnitte“, um „der Gefahr schleichender Ermüdung“ zu entgehen.

Im Fotomuseum Mölkau wird in der 6. Folge aus der Reihe „Ästhetik der Lüste“ erotische Fotografie ausgestellt. Von anonymen Fotografien der zugeknöpften Viktorianischen Epoche bis ins Heute hinein dokumentiere die Schau auch den Wandel des Schönheitsbegriffs „von üppig und rund zu schlank und rank.“ lvz redakteurin Christine Hochsteins Favoriten sind allerdings von Hermann Försterling 2006 arrangierte und fotografierte Blüten, die „weibliche Intimzonen suggerieren wollen.“ Hier entstehe das erotische Moment „allein aus der Fantasie des Betrachters. Das war und ist das Geheimnis der Lust.“

Ganz neue Wege der Verteilung der schwindenden Mittel für die Kultur in Leipzig hat der Stadtrat eingeschlagen, lvz redakteur Mark Daniel hat den ersten Feldversuch beobachtet. Beim Überlebens-Training nach Vorbild des Dschungelcamps unter dem Titel „Der Zwang heißt 'Spar' – mobbt mich hier raus“ sind etliche der Big Player der Leipziger Kultur im Leipziger Zoo eingeschlossen. Wer als Letzter übrigbleibt, wird Zookönig und erhält die Gelder aus dem Fördertopf. Latenight-Talker und DJ Ralph D. macht als einziger freiwillig mit und scheint nur dabei zu sein, um den anwesenden Damen (Euro-Scene-W. Und F/Stop-Kristin D.) an die Wäsche zu gehen. Maler Michael F.-A. gerät sofort mit Sebastian H. vom Central-T. in Streit, wird später als erster rausgewählt, weil er unzulässigerweise ein Pferd zum Zebra angemalt hätte. Tragischer Irrtum, dennoch bleibt's dabei. Riccardo C. droht mehrere Male mit Rücktritt, bis er sich in den ständigen Ankündigungen komplett verheddert und tatsächlich irrtümlich geht. Freie-Szene-Falk E. erkämpft sich einen 5%-Vertrag für seine Klientel, der aber hinter seinem Rücken an die Erdmännchen verfüttert wird. Der OBM intrigiert gegen den arglos im Haifischbecken schwimmenden Michael F. , Kristin D. verlässt beleidigt, nach kurzem Erotikintermezzo mit Ralph D., das Camp. Sebastian H. inzeniert im Pongoland Penthesilea, Ann-Elisabeth W. wird von Thorsten W. und Falk E. Gemobbt. Alles läuft auf das Finale zu. Michael F. wird neuer Zoochef und Falk E. heult sich zu guter Letzt endgültig doch noch aus dem Zoo. Moderator Peter D. verkündet den Sieger: Ralph D., der aber mit den 3 Mio Euro nichts anzufangen weiß. Auf Facebook Freundschaftsanfragen von S.H., A.-E. W., Th.W. Und R.C. An Falk E.s Facebookprofil. Nach dem überwältigenden Erfolg des Formats erhält Leipzig Fernsehen die Fernsehrechte für das kommende Jahr. Die 5 Mio. Leipziger Zuschauer können ihre Streichhölzer wieder aus den Augen nehmen.

In einem Interview mit Thomas Mayer gibt Michael Faber zu, dass die mangelnden Reaktionen der Stadt auf Tod und Beisetzungen von Günter Grabbert und auch Joachim Herz ein Versäumnis darstellen. Allerdings sieht Faber die größere Verantwortung beim Centraltheater, das ein so langjähriges Ensemblemitglied „hätte würdigen müssen.“ Weiter zitiert Mayer Faber mit den Worten, den Entzug der Zuständigkeit für die Eigenbetriebe Theater durch OBM Jung „akzeptiert“ er nicht, weil sie „die Entwicklung der Kultur in unserer Stadt beeinträchtigt.“ Ansonsten pocht der von manchen süffisant schon als „Volkshochschuldezernent“ bezeichnete Faber darauf, dass er neben der Zuständigkeit für die freien Trägern und Vereine schließlich auch Aufsichtsratsvorsitzender des Zoos sei, ihm das Marktamt unterstehe, die VHS, die Städtischen Bibliotheken, die Museen und der Thomanerchor. „Ich leide nicht an Langeweile.“ Zum Denkmalsstreit merkt Faber an, dass „in Dresden und anderswo man bereits über unsere Streitereien lacht.“

Montag, 29. November 2010

lvz kultur vom 29.11.10: Schweiz, DDR-Jugendwerkhöfe & zwei Zauberflöte

Missbrauch Schutzbefohlener kann man den Schweizer Abstimmungserfolg der SVP nennen, nach dem nun Menschen ohne schweizer Pass, die wegen "schwerer Delikte" verurteilt wurden, ausgewiesen werden sollen. Das Zynische an der Regelung ist nicht nur, dass Menschen an sich fehlbar sind, kriminelle Handlungen also aus unterschiedlichen Motiven heraus begangen werden, die nun eine doppelte Bestrafung nach sich ziehen. Ganz und gar zynisch und vollends nicht mehr begreifbar ist die Tatsache, dass der missbräuchliche Bezug von Sozialhilfe mit Delikten wie Mord, Drogenhandel und Vergewaltigung in eine Reihe gestellt wird.
Mit dieser Entscheidung haben sich nicht nur die Politiker der SVP, sondern auch deren Wähler auf eine primitive Stufe jenseits jeder Zivilisation gestellt. Denn wo man von Politikern naturgemäß Verantwortung nicht erwarten, sondern verlangen muss, gehört auch die absichtsvolle Verantwortungslosigkeit anonym bleibender Wähler, die primitivste Instinkte an die offizielle Gesetzgebung delegieren, zu einer weit drastischeren Unmenschlichkeit als jeder Sozialhilfemissbrauch sie darstellen könnte. Gerade in einem Land, das den institutionalisierten Betrug ("Schweizer Bankgeheimnis") mit stolz geschwellter Brust zur Geschäftsgrundlage einer ganzen Nation gemacht hat. Dieses Land zu betreten wird allmählich ähnlich unappetitlich wie das Italien Berlusconis.
Hoffentlich wird vor einem Internationalen Gerichtshof geklagt werden.

Einen erschreckenden, gleichzeitig faszinierenden Beitrag über die Jugendwerkhöfe der DDR und die Folgen für viele ihrer Insassen hat Robert Büssow geschrieben. Erst allmählich werden die posttraumatischen Störungen erkennbar, an denen viele ehemalige Insassen heute leiden. Dies, weil die Eltern dieser auffällig gewordenen Kinder und Jugendlichen den Staatsorganen der DDR nicht die Gewähr boten, dass aus ihren Kindern staatstreue Menschen würden. Hier wurde der idealistische Ansatz einer "sozialistischen Menschenbildung" zum vollkommen asymetrisch angewendeten Terror gegenüber wehrlosen Jugendlichen. Heute geht es zwar vordergründig um Rehabilitierung und Opferrenten für die Betroffenen. Gemeint ist aber wohl die Bestätigung, dass der Makel Heimkind, das erlittene Unrecht von staatlicher Seite, heute als Unrecht auch anerkannt wird.
Über die Vorliebe autoritärer Gesellschaften gegenüber geschlossenen Erziehungsheimen muss nach solchen Berichten, die erst im Zuge der Missbrauchsfälle vor allem in westdeutschen Schulen und Heimen ans Licht kamen, auch grundsätzlich geredet werden. Das betrifft heute auch die USA mit ihren Boot-Camps für Jugendliche, die immer auch der Willensbrechung ihrer Insassen dienen.

Ja, es ist schön, dass die Stiftung "Leipzig hilft Kindern" um 45.000 € reicher geworden ist durch das Benefizkonzert im Gewandhaus (unter Teilnahme der Künstler Volodos, Chailly und Gewandhausorchester). Unappetitlich ist dieses penetrante Eigenlob in Verbindung mit Eigenwerbung, die den Spruch "Tue Gutes und rede darüber" doch reichlich strapaziert, schon. Merkwürdig, dass die lvz ihre soziale Ader vor allem zum ersten Advent aus dem Fenster hängen lässt und die sozialen Einrichtungen, denen die Stiftung das dringend benötigte Geld weitergeben wird, in der Lokalpolitik für ihre Journalisten sonst eher instrumentellen Charakter besitzen, selten politischen. Heute schreiben darüber ausführlich Peter Korfmacher und gleich zweimal Thomas Mayer (Über die Vereine/Initiativen Brückenschlag Verein, Clownsnasen, Zentrum für Drogenhilfe und soziokulturelles Zentrum Geyserhaus mit "Musik macht schlau").

Auch das bei der Eröffnung ihrer neuen Räume in der Alten Salzstraße vielgehörte Lob auf das Theatrium gehört in diese Rubrik. Wenn Theresa Rentsch schreibt, "man kann förmlich spüren, wie dringend die Kinder den Platz gebraucht haben", dann weiß man, dass die Arbeit der Großstadtkinder e.V. eine sehr wichtige Initiative ist, von denen eine Gesellschaft, die ihre Kinder wirklich wertschätzt, viele einzelne braucht. In der nächsten Debatte im Stadtrat oder dem Landtag, wenn die nächsten Sparrunden zur Jugendhilfe oder kulturellen Bildung verhandelt werden, wünschte man sich von Seiten der lvz Redakteure die Sachkenntnis und Argumente, die sie hier sichtbar längst besitzen.

Dass das Centraltheater der ästhetisch selten überzeugenden Oper Leipzig durchaus Impulse geben kann, vermerkt Peter Korfmacher in seinem Beitrag zur "Zauberflöte", die als Weihnachtsmärchen in der Inszenierung von Michael Höppner Premiere in der Gottschedstraße feierte. Korfmacher beginnt: "Das Centraltheater geht fremd." Ob das nun als Argument für den CDU-Schnellschuss einer Wiederbelebung der Kombinatslösung aus Oper und Schauspiel dient, sei dahingestellt. Dass diese "Oper von unten sozusagen" als "Einstiegsdroge" wirken könne, um Kindern die Oper schmackhaft zu machen, ist sicher nicht verkehrt. Zumindest, wenn Höppners Inszenierung laut Korfmacher "sensibel die Waage hält zwischen Alltags- und Bühnenton, zwischen Witz und Poesie." Entscheidend ist Qualität. Eine nichts weiter als routiniert auf die Bretter gewuchtete Arbeit würde Kinder wohl eher abturnen.

Noch eine zweite lobenswerte "Zauberflöte" hat Peter Korfmacher gesehen, und dies im Theater Gera, das zuletzt mehr wegen exorbitanter Schulden samt drohender Insolvenz als ebensolcher künstlerischen Leistungen im Gespräch war. Doch hier gelänge in Punkto Kunst "mehr als vielen anderen, auch weitaus größeren Häusern". Er meint insbesondere GMD Howard Arman und vor allem drei seiner Solisten, Stefan Zenkl (Papageno), Hanna-Elisabeth Müllers (Extralob für ihre Pamina) und mit Abstrichen Markus Brutscher (Tamino). Doch auch Regisseur Ansgar Weigner und sein anarchischer Witz hat bei Korfmacher Gefallen gefunden.

Thomas Voigt hat in der Arena Leipzig Dieter Nuhr gesehen und ist ganz fasziniert von dem "weit gereisten Hobbyfotografen mit pastoralem Unterton." Dass der gar nicht mainstreamige Comedian sich die Ängste und Nöte seiner Landsleute vorknöpft und schlicht befindet "Die Welt ist schön!" ist nun seinerseits sehr sympathisch, wenngleich sich der Künstler mit dieser Weltsicht eher in einer Reihe mit Geisteskranken und Volksmusikanten wähnt. Der Kunstpädagogik- und Geschichtslehrer passt damit tatsächlich nicht zu seiner übrigen Zunft, die die Lebenslust in der Regel nur insoweit an sich heran ließe, sofern sie ein neues Schulfach würde.

Montag, 15. November 2010

lvz kultur vom 15.11.10: Die lvz hilft Kindern, DEFA-Preise, Haus Auensee, Musikschule & Verlagsfest

Nichts geht über Eigenwerbung. Gewandhaus und drei große Firmen einschließlich der lvz betreiben eine gemeinsame Stiftung namens "Leipzig hilft Kindern", für die nun zu einem Benefizkonzert geladen wird. Riccardo Chailly wird dirigieren, Arcadi Volodos den Solist am Flügel geben, Peter Korfmacher übernimmt Werbung & Marketing. Dem guten Zweck der Stiftung wird ausführlich Raum gegeben, man lasse ihn sich auf der Zunge zergehen: Ziel sei "die Unterstützung und Förderung der Jugendhilfe, insbesondere der Jugendarbeit, der Jugendsozialarbeit, des erzieherischen Jugendschutzes, der Erziehung in der Familie, in Tageseinrichtungen sowie die Förderung von Volks- und Berufsbildung und Erziehung." Jeder einzelne der aufgeführten Punkte wurde in den letzten Monaten, insbesondere von der sächsischen Landesregierung, finanziell gerupft wie ein Brathähnchen, bis dessen nackte Haut durchschien, versehen mit massiver journalistischer Flankendeckung der lvz. Und nun taucht diese Kinder- und Jugendhilfe als konzern-, pardon, stiftungseigene Mildtätigkeit wieder auf, für die der Staat aber erhebliche Steuerbefreiungen an die Firmen zu leisten hat. Der Staat zieht sich aus der Verantwortung zurück, private Sponsoren entdecken das Soziale als verwaistes neues Wirkungsfeld. Und das Gewandhaus hat in diesem lukrativen Eitelkeitszirkus der Sponsoren und deren vermeintlicher Uneigennützigkeit mitzuspielen.
Diese Eigenwerbung wird dem lvz leser in den nächsten Tagen sicher noch ein ums andere Mal in selbstbeweihräuchernder Form begegnen. Auf dem Programm der Benefiznummer wird auch das erste Klavierkonzert Tschaikowskis stehen. Korfmacher zitiert dazu Anton Rubinstein, dem der Komponist das Werk zugedacht hatte: "trivial und vulgär, kurzum: schlecht".

Noch ne Stiftung: Die DEFA-Stiftung verteilt zum zehnten Mal ihre Preise und auch sie feiert sich selbst. Knapp vor Weihnachten wird ein Prachtband über "Die alten DEFA-Märchenfilme" herausgegeben, der von Ex-Kinoweltler Michael Kölmel, nun Zweitausendeins-Besitzer, als Co-Produzent vertrieben wird. Ach ja, die Preise selbst abVerantwortung" geehrt, die er bis 1976 drehte; der Nachwuchspreis ging an Feo Aladag für ihr Ehrenmord-Drama"Die Fremde", der Preis zur Förderung der Filmkunst ging an Florian Koerner von Gustorf und an Michael Weber, die keine "Dutzend-, sondern Herzware" herstellten, wie Norbert Wehrstedt betont.

Das Ensemble der Landesbühnen Sachsen hat im Anschluss an ihre jüngste Premiere (Faust 1) vor dem Theater gegen Kürzungen im Sozial- und Kulturbereich demonstriert. Einen Protest auf der Bühne hatte ihnen das SMWK untersagt. Gleichzeitig hat das Sächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur der Stadt Radebeul die Pistole auf die Brust gesetzt: Wenn sie nicht als Gesellschafter in eine neu zu gründende gGmbh einträte, würde der Spielbetrieb der LBS ab kommenden Sommer 2011 eingestellt. Die grandiose Kommunikationsleistung, die die gegenwärtige Staatsregierung im Rahmen der Steuermehreinnahmen und der angekündigten Kürzungen im Umgang mit ihren Untertanen pflegt, setzt sich damit bruchlos fort.

Die Oldtimerparade der Rockmusik fand am Wochenende im Haus Auensee ihre Fortsetzung. Die Orchestral Monoeuvres in the Dark, die zu den "stilprägenden Ikonen der 80er Jahre" gehörten, haben sich nach 20-jährger Pause wieder "hochenergetisch und formvollendet - der Bryan Ferry des Synthpop" präsentiert. Sie öffneten das "Füllhorn ihrer Hits" u.a. mit dem "wahrscheinlich schönsten langsamen Walzer der Popgeschichte, Maid of Orleans". Mit diesem "ästhetischen Gegenentwurf zum Punk" hätten sie seinerzeit "den Wohnberechtigungsschein im Olymp" erworben, wie Lars Schmidt schreibt.

Unter dem etwas angestrengt klingenden Titel "Gut zum Druck" fand das erste Autoren- und Verlagsfest im Haus des Buches statt. Der sächsische Kulturrat wollte in Erinnerung an große Zeiten Leipzigs als Verlagsstadt die vielen neuen kleinen sächsischen Verlage präsentieren. Leider hat dies das Publikum in eher geringerem Ausmaß interessiert. Aber immerhin war Freifrau von Schorlemer, Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, anwesend, den Preisträger des Literaturförderpreises ihres Ministeriums zu loben. Dies tat die augenscheinlich mit der Kunst fremdelnde Ministerin in betont nüchternen Worten. Mit dem Preisträger wurde zudem bruchlos an bessere Zeiten angeknüpft, denn der Förderpreis ging an den bereits über 50-jährigen Dresdner Jens Wonneberger. Aber auch sonst redete man auf diesem Fest, wie Theresa Wiedemann schrieb, im Gespräch gerne aneinander vorbei.

Neben seinem euphorischen Werbeblock (zum Benefiz) hat sich Peter Korfmacher in einem weiteren Artikel etwas ungnädiger dargestellt. Die "vereinigten Sinfonieorchester der Musikschulen Leipzigs und Zürichs" hatten mit ihrem Konzert den Meister nicht erfreuen können. Für beide Dirigenten, Ron-Dirk Entleutner und Peter Walser, und ihre Orchester wären die Anforderungen ihrer ausgewählten Werke offensichtlich zu groß gewesen, sie selbst hätten sich - so bei Beethoven-Ouvertüren oder Griegs "Peer-Gynt-Suite" - "populären Irrtümern" hingegeben: Schweres durch Langsamkeit leichter zu gestalten und so die Werke glatt unterschätzt. Angemessener wären den jugendlichen Spielern "krachende Showstücke" wie Mussorgskys "Nacht auf dem kahlen Berge", in deren Hexenküche von Tönen man über ein paar falsch gesetzte schon mal "Schwamm drüber" sagen könne. Wenn nicht ohnehin schon "mangelnde Sorgfalt aufs Stimmen" der Instrumente verwendet worden sei.

Samstag, 6. November 2010

lvz kultur vom 6.11.10: Alice Cooper, von Schorlemer, Grimaud & Philipp Neumann

Im Reigen der zehn großen Rocksängerlein gibt sich heute auch Alice Cooper in der Arena Leipzig die Ehre. Claudia Nitsche sprach mit der Legende der Siebziger und Achziger Jahre und heutigen Saturn-Werbeikone Dass hinter der schillernden Fassade von Mr. Hyde ein Dr. Jekyll steckt, ein braver Sonntagskirchgänger und seit 35 Jahren verheirateter, seine Kinder liebende Ehemann, mag erstaunen, wenn man es nicht längst wusste oder wenigstens ahnte. Auch hinter den großen des Showbusiness steckt selbstverständlich die Kunst der (Eigen-)Inszenierung. Inmitten der vielen Rockheroen seiner Zeit, von Mick Jagger, Paul Mac Cartney bis Bowie, besetzte der clevere Schauspieler die Rolle des Dracula des Rock n'Roll und füllte sie lustvoll bis heute. Für den privat unspektakulären Geniesser gehörten „Horror und Humor“ schon immer zusammen. Im Gegensatz zu den vielen Eintagsfliegen, für die die Paarung eher andersherum gilt.

Freifrau von Schorlemer, sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, lässt die Katze aus dem Sack. Die Landesbühnen Sachsen werden von einer landeseigenen Einrichtung in eine gGmbH umgewandelt, an der sich (Abstecher-)Kommunen und Kreise beteiligen können oder besser sollen, allen voran die Sitzgemeinde Radebeul. Alle Beteiligten kamen bisher recht kostengünstig und ohne Verpflichtungen in den Genuss des breiten Kulturangebots der LBS. Ob die infragekommenden Städte und Kreise das Geld aufbringen wollen (oder können), bleibt allerdings vollkommen offen. Bei der chronischen Unterfinanzierung der Kommunen sollte man nicht gerade optimistisch sein. Und ob das Konstrukt, Geld, das bisher an die acht Kulturräume verteilt worden ist, diesen rechtmäßig vorenthalten werden kann zugunsten einer klar definierten, regional begrenzten Gesellschafterversammlung, ist mit dem jüngsten Rechtsgutachten von Prof. Ossenbühl ohnehin die Frage. Auch wenn das Land die Summe, die den Räumen genommen werden soll, auf 3 Mio € reduzieren will. Zumal auch der Kulturrat, der an der Verteilung der Gelder innerhalb der Kulturräume mitzuwirken hat, vom Freistaat nicht mit einbezogen wurde. Konsequent bliebe nach wie vor, die zwei oder drei infragekommenden Kulturräume mit mehr Geld auszustatten, um die Umwidmung der LBS zu ermöglichen.

In einer wieder einmal wundervollen Glosse von Jürgen Kleindienst begeht der lvz redakteur den nur als Hofnarr der Mächtigen erlaubten Frevel, eine Preisverleihung in Worten größter Empörung an den Pranger der Öffentlichkeit zu stellen. Gudrun Krämer, eine schon durch ihr Geburtsjahr im Verdacht einer „multikulti-verblendeten Jung-68erin ohne jeden Bezug zur Lebensrealität“ des Bildzeitung lesenden Deutschlands stehenden Institutsprofessorin, ist sicher längst im Visier des BND. Erdreistet sich die Wissenschaftlerin doch einer „ganz besonders raffinierten Form der Verharmlosung islamistischer Bedrohung“. Sie will partout über Inhalte integrationsfördernder Umstände reden. Und wird dafür sogar ausgezeichnet. Und mit 100.000 € versehen. Wie sagt Kleindienst: „Nicht zu fassen!“

Der Meister des journalistischen double-bind, Peter Korfmacher, schreibt über ein Aufsehen erregendes Großes Concert im Gewandhaus. Beethovens fünftes Klavierkonzert, diese „Rebellion in Tönen“, wurde gegeben, unter der Leitung von Roger Norrington, mit Hélène Grimaud am Flügel. Korfmacher spricht von „Verlusten“ und davon, wie „schwer“ sich die beiden Protagonisten tun, die „Akkordschläge des Kopfsatzes übereinander“ zu bringen. Zu unterschiedlich ihre Interpretationsansätze. Zuspitzung (Grimaud) contra Ausgleich (Norrington). Andererseits vermag der „allumfassende Anspruch“ dieses Beethoven-Konzerts gerade dadurch „hörbar“ werden, dass „man nicht versucht, die Widersprüche in philharmonische Verbindlichkeit aufzulösen“. Auch Korfmacher ist Virtuose in der Kunst, einerseits und andererseits, Zuspitzung und Ausgleich gleichermaßen anzubieten, für jeden das, was er hören oder lesen mag.

Nina May hat noch einen kurzen eineinhalbstündigen Abend in der Schaubühne Lindenfels verbracht. Philipp J. Neumanns Instinkt-Tanz-Theater „Prophezeiung 20/11“ fand als Eigenproduktion der euro-scene Leipzig statt, doch „was zu Beginn noch wohligen Schauer auslöst, lässt bald kalt“. Der Abend verbleibt im „Experiment-Charakter“ und zeigt abgesehen von spannungsvollen Objektinstallationen von Hagen Tilp eher ein „verwirrtes Getaumel der Tänzer“, die sich zunehmend hin zum Animalischen entwickeln, bevor die Tiermenschen durch eine Herde echter Schafe abgelöst und sich von einem artifiziellen Gebilde ins Bockshorn jagen lassen. So wie die Zuschauer, die „Schafsleckerlis“ und später müden Applaus spenden dürfen.

Donnerstag, 4. November 2010

lvz kultur vom 4.11.10: Landtag, Kulturräume, Philipp Neumann & Mendelssohn

12-13.000 Teilnehmer meldet die anwesende Polizei, 10.000 die lvz. Der Protestmarsch und die anschließende Kundgebung vor dem Dresdner Landtag war so vielfältig und kraftvoll, dass überall Staunen angesagt war. Ob das schicke Mobiliar des Landtages, die Anzugträger, die im durchsichtigen Fahrstuhl hoch und runter fuhren oder hinter der Glasfassade vorsichtig einen Blick riskierten, außer coolem Äußeren und augenscheinlichem Respekt etwas verstanden haben, bleibt offen.

Jürgen Kochinke macht für die lvz aus allem eine launige Bratwurst- und Studentendemoberichterstattung, bemerkt laute Musik und Trillerpfeifen, versucht, die Kundgebung als etwas minderbemittelte Verbandsegoisten erscheinen zu lassen. Ernst und Entschlossenheit, Argumente und Originalität, Emotionalität und Radikalität, Vielfalt und Größe der Kundgebung bleiben bestenfalls Folklore in der Berichterstattung. Dafür, dass die lvz journalistisch kaum jemand ernst nimmt, sorgt sie schon selbst.



Doch auch innerhalb des Landtags gab es viele Stimmen zu den vorsichtigen Rückzugsgefechten der CDU/FDP-Regierung und Änderungen am angekündigten Kürzungskurs. Sven Heitkamp berichtet, dass Linke, Grüne, aber auch SPD die Korrekturen am Sparkurs - 40 Mio € mehr bei Milliardeneinsparungen - für Makulatur halten. Geändert werden sollen Kleinigkeiten. Antje Hermenau: "Die sozialen Grausamkeiten bleiben - offenkundig aus ideologischen Gründen." Es ist erstaunlich. Die politische Klasse verficht weiter einen knallharten neoliberalen Sparkurs, der die Rolle des gestaltenden Staates immer weiter reduziert. Änderungen werden nach Klassenzugehörigkeit schnell (Freie Schulen und Musikschulen) oder weniger schnell bzw. deutlich (Kulturräume) angekündigt. Soziales und Jugend, Kommunen und die Kultur jenseits der Leuchttürme werden größtenteils - und bewusst - übergangen. Leipzigs Unirektor Franz Häuser ist es vorbehalten, die bildungspolitischen Kürzungen in den Zusammenhang einer "Lehre und Forschung nach wirtschaftsnahen Gesichtspunkten" zu stellen. Da sind die Finanzen vorgeschobene Argumente für die politischen Inhalte. Nicht nur dort.



Die Reaktionen auf die angekündigten Ein-klein-wenig-weniger-Einsparungen sind bei Leipzigs Kulturchefs dementsprechend, so Jürgen Kleindienst. Die Hälfte von falsch ist weiter falsch, und nicht halb falsch. Gewandhausdirektor Andreas Schulz sagt klar, "Für uns gibt es keinen Kompromiss, sondern nur ein Ziel, nämlich, dass die Einsparungen auf Null gestellt werden." Zudem sei die Sparvorgabe weiterhin "nicht verfassungskonform", wie ein Rechtsgutachten im Auftrag von Oper, Schauspiel und Gewandhaus ergab. Nur die Politik knickt vorsichtig ein: OBM Jung spricht von "Bewegung in die richtige Richtung", Kulturdezernent Faber will auf der Grundlage der Ankündigungen bereits "vernünftige Politik machen". Auch wenn Politik in der Regel aus Kompromissen besteht, hier sind sie falsch. Dresdens Regierung wartet nur auf solche butterweichen Statements.

Was sagen eigentlich die Leipziger CDU und FDP-Landtagsabgeordneten dazu?



Klaus Stäubert berichtet im Lokalen über einen überraschenden Meinungswandel bei Dezernent Michael Faber. Er will das Naturkundemuseum nun doch offensiver erhalten als bisher. "Es geht um die Wiedereröffnung des Museums mit einer neuen Konzeption an einem voraussichtlich neuen Standort bis 2014".



Einen Vorbericht mit etwas wirren Statements ihres Gesprächspartners hat Nina May über die Eigenproduktion der euro-scene "Prophezeiung 20/11" geschrieben. Vielleicht erscheint ja in der gedruckten Ausgabe doch eine Kritik der Aufführung, ähnlich wie im Gegensatz zur Onlineausgabe in der gestern gedruckten Ausgabe der lvz eine kritische Würdigung des Alain-Olatel-Abends enthalten war. Regisseur Philipp J. Neumann machte also ein Stück über die Prophezeiung eines indischen Mönchs, die besagt, dass Mensch und Tier einander ebenbürtig sein werden. Sein Ziel seiner Arbeit sei, "auf hohem Niveau zu unterhalten". Das hat er leider nicht getan. Mehr als freundlicher Applaus war gestern nicht drin. Neumann ahnte das schon. Wahrscheinlich empfand er nicht nur das Stück als "ziemlich beunruhigend", sondern auch seine eigene Inszenierung.



Des weiteren darf Peter Korfmacher den Ankauf eines Briefes und mancher Erstdrucke aus Felix Mendelssohns Feder loben. Für 10.000 € seien die erworbenen Stücke ein Schnäppchen. Und das Mendelssohn-Haus auf dem Weg vom Museum zu einer Forschungseinrichtung. Bereits jetzt lasse sich schon sagen, dass der Leipziger Komponist in ganz Europa äußerst gut "vernetzt" gewesen sei, weitere brisante Ergebnisse seien zu erwarten, wenn die Widmungen auf den Erstdrucken wissenschaftlich untersucht würden..

Montag, 1. November 2010

lvz kultur vom 1.11.10: Mario Schröder, Peter Licht, Soneb El Masrar & Puppenvarieté

Wasser im Wein. Das Publikum jubelt Leipzigs neuem Ballettchef Mario Schröder zu, Peter Korfmacher bleibt betont freundlich und mischt in die Lobeshymnen auf dessen Einstand "Chaplin" diskret einige schwurbelige wenns und abers und "zugegeben". Korfmacher schwelgt, es werde "so virtuos gebaut, so berührend choreographiert, so poetisch getanzt, so gekonnt musikalisiert, dass...", ja, dass all dies "weit über das Leben Chaplins hinausweist". Und gibt gleichzeitig zu, dass es Rhythmusprobleme gibt, dass Synchronizität und Geschmeidigkeit zu wünschen übrig lassen, eine Akrobatik-Truppe sich angeberisch präsentiere und Fremdkörper bleibt, auch aus dem Graben soll es bisweilen klappern. All dies gebe sich mit Verlauf des eineinhalbstündigen Abends und offenbare schließlich ein "Theater aus Emotionen und Geschichten". Das reicht für sein Urteil, Schröder bringe mit seinem Erstling "dem Leipziger Ballett die Menschlichkeit zurück."
Hinter dieser glanzvollen, ein wenig hohlen Fassade seines Lobes legt Korfmacher aber erkennbar die künstlerische Latte höher. Schröder "führe das Ballett behutsam in eine neue Moderne, die, hält er das Niveau, perspektivisch (!) das Zeug hat, Publikum und Ambition auch auf dieser Seite des Augustusplatzes zu versöhnen." Endlich zwar ein "Schlussstrich unter das Tanzmuseum", aber etwas Substanz dürfe man schon noch erwarten.


Mareike Mikat inszenierte in der Skala ein neues Stück von Peter Licht, das Nina May leider nicht versteht. Die Bezeichnung Theaterstück wäre im Fall von "Das Abhandenkommen der Staaten" ohnehin übertrieben, "Text" wäre angemessener. Poetische Schnipsel, rätselhafte Allegorien, abgenutzte Symbole, unklare Form, wenig verspielt - wirklich überzeugt ist Nina May nicht. Doch ihr Resümee lautet: Eine sympathische und inspirierende Annäherung an die Einheit, die "jüngeren Generationen" mehr sagen dürfte als Sonntagsreden. Wow. Licht und Regisseurin Mikat schaffen "eine ironische Allegorie auf die untergehende DDR". In Ansätzen zumindest. Außerdem behagt May die Mischung aus "Ernst und Jux" nicht, zumal sich ihr die szenischen Rätsel nicht lösen wollen. Leider offenbart die lvz theaterredakteurin ihr Unverständnis deutlicher, als ihr gut tut, z.B. wenn sie betont, "der ungebrochene Optimismus der Personen stört, etwa wenn Zenzi Huber mit großen Augen und Kerze in der Hand vor einem Plakat der Montagsdemo steht und sich freut." Wirklich ungebrochen?

Die Deutsch-Marokkanerin Soneb El Masrar hat mit "Muslim Girls" ein Buch geschrieben, das sich wie eine "Gegendarstellung" zu Thilo Sarrazins polemischen Schmähungen lese, schreibt Nadine Hummel. Sie wolle darin zeigen, dass "muslimische Frauen die gleichen Gedanken, Ängste und Wünsche haben wie ihre 'deutsch-deutschen' Mitbürger auch", dass muslimische Frauen vielfältig seien, dass es "kaum Unterschiede zwischen dem Leben deutscher und türkischer Jugendlicher gebe", aber auch, dass muslimische Männer ihren schlechten Ruf zu Unrecht hätten. Es seien gerade "Mütter, Tanten oder Großmütter", die die jungen Mädchen "einer alten, vorislamischen Tradition opfern". Soneb El Masrar ist Herausgeberin der einzigen deutschen Frauenzeitschrift für Migrantinnen, "Gazelle".

Yüksel Yolcu hat am Berliner Grips-Theater die Uraufführung von Jörg Isermeyers "Ohne Moos nix los" inszeniert, Elke Vogel berichtet von der Premiere. Das Stück über Kinderarmut spiele geschickt mit Klischees und Vorurteilen, "und kommt so der tatsächlichen Lebensrealität der Jugendlichen heute sehr nahe." Sicherlich eine gewagte Folgerung. Dass Yolcu einen "Blick hinter die Posen" werfe, wie Vogel schreibt, ist zumindest sehr zu hoffen, dass die Hauptdarsteller "mit enormer Energie" spielen und "die Gefühlswelten der Kinder ganz scharf herausarbeiten, ohne sie dabei zu karikieren" hat die Kritikerin endgültig überzeugt. Nicht nur sie. Für November seien bereits alle Schulvorstellungen ausgebucht.

Ulrich Fischer hat den Auftakt der neuen Saison im Kölner Schauspielhaus gesehen. Das von Kritikern zum Theater des Jahres gewählte Schauspiel unter der Intendanz von Karin Beier hatte mit einem Werk von Elfriede Jelinek begonnen: "Das Werk. Im Bus. Ein Sturz". Die drei Teile seien von unterschiedlicher Qualität, allein der letzte Teil, der den Einsturz des Kölner Stadtarchivs zur Grundlage hat, als Farce inszeniert, "hätte gereicht für den Abend".

Eine etwas langweilige Show, "aber auf die angenehme, weil nostalgische Art", sah Steffen Georgi bei der Premiere des Puppenvarieté "Herzklopfen kostenlos" vom Theater der Jungen Welt auf der Kellerbühne des Café Telegraph. Marion Firlus' Inszenierung sei "mitunter zauberhaft , gern mal schrullig, immer liebevoll." Aber: "Eine Harmlosigkeit mit wenig doppeltem Boden und gänzlich ohne Biss". Erst im Applaus entstünde unerwartet ein "Bild der Unterschwelligkeiten", die diese Kunstform ebenso beinhalte, wenn "Nummerngirl" Paul Kuhn seine Travestie-Perücke lupfe - und ein kahler Schädel "mit blutrotem Lippenstift" zum Vorschein komme.

Einmal im Jahr, bei der Audio Invasion, häutet sich das Gewandhaus zum Club. 2500 zumeist junge Menschen hören ein Großes Concert, bevor sie auf den vielen verschiedenen Floors Clubathmosphäre erleben. Live-Bands (z.B. Die Sterne, WhoMadeWho) und DJs, u.a. André Galluzzi aus dem Berghain im Prenzlauer Berg, lassen das gesamte Gewandhaus zu einem einzigen großen Partyevent werden. Theresa Wiedemann lobt hingerissen, alle Beteiligten hätten gewonnen, "dem Gewandhaus ist mit bemerkenswertem Booking ein beachtlicher Marketing-Wurf gelungen."

Samstag, 30. Oktober 2010

lvz kultur vom 30.10.10: Kulturraumgesetz, documenta 2012, Ezra Pound & Leila Josefowicz

Ein Rechtsgutachten im Auftrag von Oper Leipzig, Gewandhaus und Centraltheater und zum Preis von 10.000 € bestätigt dessen Auftraggebern deren Vorbehalte gegen die Rechtsstaatlichkeit der Novellierung des Kulturraumgesetztes Sachsen. In dem Gesetz, das am 15.12.2010 verabschiedet werden soll, geht es insbesondere um die Herauslösung der Landesbühnen Sachsen aus den Landesaufgaben, die fortan zur Hälfte aus den Geldern der acht Kulturräume bezahlt werden sollen. Es geht um mehr als 7 Mio € Mindereinnahmen, 2,5 Mio € beträfen die Stadt Leipzig. Karltheodor Hutter, Sprecher des sächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur (SMWK) gibt sich nach außen gelassen und meinte, ein Jurist sei bereits zur gegenteiligen Einschätzung als der des renommierten Staats- und Kommunalrechtlers Ossenbühl gekommen. Dahinter steckt wohl Zweckoptimismus, denn im gleichen Atemzug geht Hutter davon aus, "dass im Zuge des parlamentarischen Verfahrens finanziell noch "deutlich" nachgebessert werde, wie Peter Korfmacher zu berichten weiß. Alles andere als eine substanzielle Aufstockung der Kulturraumgelder wäre im Falle einer Herauslösung der LBS aus den Landesaufgaben tatsächlich nicht nachvollziehbar. Kurzfristige Einsparungen in sechsstelliger oder gar Millionenhöhe bei den Leipziger Flaggschiffen der Hochkultur, die als Konsequenz bisher drohen, würden das Programm wie das Image der Institute deutlich und wohl unwiederruflich beschädigen. Gewandhausdirektor Schulz fragt, ob er denn Anfang kommenden Jahres einfach 30 Seiten aus dem dann bereits gedruckten Spielzeitheft 11/12 "herausreißen solle"?
Einer hat darauf definitiv keine Antwort: Kulturdezernent Michael Faber, der derzeit Urlaub in Paris macht. Wie Korfmacher weiß, ohne Handy.

Die 13. documenta 2012 in Kassel wird ohne übergreifendes Motto stattfinden. Die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev will die wichtigste deutsche Kunstschau stattdessen "an das digitale Zeitalter und ihre unzähligen Netzwerke anknüpfen". Sogar die Kunstausstellung selbst werde in Frage gestellt. In "Zeiten drahtloser Kommunikation könne sie als anachronistische Erfahrung des 20. Jahrhunderts empfunden werden". Christov-Bakargiev strebt eine Vernetzung der Kunst mit den Feldern von Migration und Quantenphysik an, es seien Projekte zu "Fragen zum Leben in modernen Gesellschaften" geplant. Berater für die Auswahl der ca. 100 einzuladenden Künstler seien u.a. ein Physiker, ein Schriftsteller, ein Immunologe und ein Denkmalpfleger.

Ulf Heise berichtet über den 125-jährigen Geburtstag des großen und politisch umstrittenen Lyrikers Ezra Pound. Der Amerikaner Pound galt als Anhänger Mussolinis und Hitlerverehrer, wurde von italienischen Partisanen gefangengenommen, an die amerikanische Soldaten übergeben und schließlich als unzurechnungsfähig in die Psychiatrie eingewiesen. Als "gefangenen Löwe" haben ihn Besucher empfunden. Er selbst habe später sein"spießbürgerliches Vorurteil des Antisemitismus" als seinen schlimmsten Fehler bezeichnet und arrangierte sich mit "seinem selbstverschuldeten Auf und Ab". Pound, der zu den genialsten Lyrikern der Moderne" zählt, sagte dazu knapp: "Schönheit ist schwierig."

Beim jüngsten Großen Concert, u.a. mit Werken des russischen Komponisten Sergej Prokofjew, war Jungstar und "schöne junge Frau" Leila Josefowicz als Soloviolinistin zu Gast im Gewandhaus. Charlotte Schrimpf sah am Ende des ersten Satzes des Violinkonzerts noch vielsagende irritierte Blicke im Zuschauerraum. "So scharf? So schneidend? Gehört (sich) das so?" Die gebürtige Kanadierin will die "feinen Flötenphrasen und immateriellen Tremoli" "aufschlitzen, zerfetzen". Dirigent George Pehlivanian lässt das Orchester gewähren, Josefowicz "verzieren", bis Solistin, Orchester und Publikum doch noch zu einem gemeinsamen Orgasmus finden: "Als schließlich ihr D in den Obertönen mit Streichern und Flöten verschmilzt, fehlt im Saal eigentlich nur das Seufzen".

Mittwoch, 20. Oktober 2010

lvz kultur vom 21.10.10: Retro, YouTube & Gewandhaus

Die Dokfilmwoche distanziert sich von ihrer eigenen Filmreihe. Paradox? Eher ein Beispiel alten Denkens. Die Taube will clean, das Gewissen der Dokfilmwoche sauber bleiben und schafft doch nur desinfizierte PR-Oberflächen. Retro nennt sich die Filmreihe "Regie und Regiment", in der 35 militärhistorische Filme von 1914 bis 1989 gezeigt werden - in Zusammenarbeit mit dem bundeswehreigenen Militärhistorischen Museum in Dresden. Das wiederum verstoße laut Claas Danielsen gegen den erklärten Pazifismus des Festivals. Doch Danielsen ist es damit egal, ob die gezeigten Filme über das Militär kritisch sind, auch ob das Museum selbst ungebrochen in militaristischer Tradition stehe. Was es nicht tut, etwa im architektonisch jegliche tradierte Form konterkarierenden Anbau von Daniel Libeskind. Am Ende ist es einfach die Bundeswehr als Institution, die konträr zum erklärten Pazifismus steht, mehr nicht. In seinem Bericht zitiert Norbert Wehrstedt Museumsleiter Jan Kindler, der Danielsens Argumente für "fernab jeglicher Realität" hält. Vielleicht will sich Danielsen ausgerechnet in dem Jahr, in dem das Festival einen weiteren großen Schritt zum Arrivierten geht, keine Blöße geben und schafft doch heilsame Diskussionen. Denn vielleicht wollen die Zuschauer, die den zur Schau gestellten Mystifikationen des Militärischen wohl kaum auf den Leim gehen, einfach die Analyse selbst anstellen und nicht der Festivalleitung überlassen. Misstrauen gegen Eigenverantwortlichkeit ist paternalistisch, ganz egal, ob sie nebenbei auch prinzipienfest ist.

Das Guggenheim Museum New York prämiert die besten 25 Videos auf YouTube. In der Jury sitzen Laurie Anderson, Darren Aronofsky, Douglas Gordon, Stefan Sagmeister und Takashi Murakami.

Der Klaviervirtuose Benyamin Nuss spielt am kommenden Samstag im Gewandhaus Musik des japanischen Komponisten von Videospielmusik Nobuo Uematsu. Der Star der Computerspielmusiker arrangiert Jazz, Popmusik, Schlager und Musik aus der japanischen Kultur. In einem Gespräch mit Burkhard Schäfer hält Nuss Uematsus Musik nicht nur für höchste lebensnahe Kunst. Er will sich auch grundsätzlich nicht vorschreiben lassen, ob er die für ihn existierende Schublade des klassischen Pianisten erweitert oder nicht. Nuss will sich weder einengen lassen noch abhängig sein. Er, der seit er zwölf war, selbst Computerspiele spielt, glaubt, dass die extremen Erscheinungen von Computerspielen da oder partielles Suchtverhalten mancher User das ganze Metier zu Unrecht in Verruf gebracht hätten.

Mittwoch, 15. September 2010

lvz kultur vom 16.09.10: Oper, Gewandhaus, Centraltheater sollen sparen, Peter Gabriel lässt sich vor Wonne den Rücken kratzen

Unsolidarisch und dumm haben sich die Leiter der großen und kleinen Kulturinstitute Leipzigs und ganz Sachsens seit Monaten verhalten. Sie haben alles ignoriert, was über die Kürzungen der Kulturraumgelder bekannt wurde. Und wenn nicht, haben sie im kleinen Kreis gejammert. Und nun, wo sie selbst zu den Leidtragenden gehören sollen, fangen sie das öffentliche Wehklagen an. Warum haben sie sich nicht längst mit den anderen Kultureinrichtungen, mit den betroffenen Landkreisen der Kulturräume, den Politikern vor Ort kurzgeschlossen und eine große Front gegen die freche Art der Dresdner Landesregierung, ihren eigenen Etat auf Kosten derer aller übrigen zu sanieren, gebildet. Warum nicht statt des Quatsches von 800 Lutherfiguren auf dem Wittenberger Marktplatz 800 Einrichtungen mit kreativem Protest sachsenweit vernetzen und Dresden regelrecht einkesseln? Deutlich zu machen, dass es um ein bequemes Outsourcen unliebsam gewordener Institute durch die Sächsische Landesregierung geht. Auf Kosten aller anderen. Dass Dresden - nicht die Stadt, die Landeshauptstadt - Geld für repräsentative Kultur, und nicht für ihre "Landes"bühne ausgeben will. Und das, obwohl das Wasser längst nicht bis zur Deichkante steht. Jetzt sollen die Kulturetats aller Orte außerhalb Dresdens Hals über Kopf rasiert und dauerhaft geschädigt werden. Doch hochbezahlte Kulturfachleute schauen nur auf sich und ihren eigenen Betrieb. Und können es gar nicht fassen, dass das Goldene Zeitalter vorbei sein soll. Diese Ignoranz der Direktoren, Intendanten, Leiter usw. ist Ausdruck des hemmungslosen Egoismus und Desinteresses am anderen, gepaart mit der Ignoranz des Einzelkämpfers.

Ja, natürlich jammern jetzt Faber, Maravics, Schulz & Co. was das Zeug hält. Selbst Wolfgang Tiefensee schwadroniert wolkig über die Zerstörung der Seele der Stadt Leipzigs durch die Damen und Herren der Landesregierung sowie Bonew, Albrecht & Co., und die willigen Helfer von Leuze über Hesselbarth und wer weiß wen sekundieren mit eigenen Kürzungs- und Fusionsvorschlägen. Peter Korfmacher wiederum sieht zwei Fronten in der Diskussion, und angeblich hätten beide Recht! Und beklagt anschließend, dass jemand sich der Interessen der Leipziger Kultur annehmen müsse. Wenn diese Argumentation nicht schon in sich so verquer wäre, kann man dem Herrn nur konzedieren, dass er in eine Leerstelle sticht, da in der gesamten Kulturbourgeoisie kein ernstzunehmender, charismatischer, über den eigenen Horizont hinaus denkender Mensch vorhanden zu sein scheint. Wo er allerdings ganz sicher recht hat, ist, dass endlich Inhalte und nicht Zahlen in die Debatte gehören. Aber man muss sich nur mal die vor einigen Tagen von lvz Fotograf Andreas Kempner inszenierte Schießbudenfigur Alexander von Maravics fäusteballend auf einem Foto ansehen, dann weiß man, welche Papiertiger die Sache der Kultur in Leipzig vertreten. Dass Kulturbürgermeister Faber in seinen Äußerungen an Deutlichkeit gewinnt ("kontrolliert Schulden aufnehmen statt Substanzschädigung"), leider ohne Argumentation, kommt vermutlich zu spät. Die Stimmung, jedenfalls in Leipzigs Stadtrat, erscheint fatalistisch und profilneurotisch in einem.

Zum Glück gibt's noch Peter Gabriel. Der beginnt - dafür, dass er mit seinen 60 Jahren beinahe aus der Steinzeit des Popgeschäfts stammt - mit erstaunlicher Lust an Neuem und einer kraftvollen, berührenden Stimme ("ungeheures Volumen") in seinem Liveauftritt in der Arena "überwältigende" Musik zu machen, schreibt Mathias Wöbking. Sein Konzept, spielst du was von mir, dann spiele ich was von dir, schafft - von seiner Seite - großartige Interpretationen, die meisten mit Orchesterklang im Rücken. Der lässt die Songs (von Magnetic Fields, Paul Simons, Randy Newman, Regina Spektor u.v.m.) gerade nicht unter einem Klangbrei verrecken, sondern verstärkt ihre Besonderheit und lässt sie so zur Geltung kommen.

Dass die Globalisierung nicht per se schlecht ist, sondern gerade durch die weltweite Vernetzung zu positiven Folgen für Menschen führen kann, zeigt die Tatsache, dass der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu nach vielen vergeblichen Versuchen, nach Gefängnisaufenthalten und vielen weiteren Demütigungen endlich erstmals China verlassen darf, um an einem Literaturfestival teilzunehmen. Der Autor mit der großen weltweiten Fangemeinde, der unbedingt wieder nach China zurück will, war in Deutschland durch sein Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten" bekanntgeworden, eine Sammlung von Interviews, die Menschen "zu Wort kommen lässt, die es im offiziellen China gar nicht geben sollte". Dass solche Interviews großen Entdeckungsreisen ähneln, ist in Deutschland bereits durch die Interviews von Gabriele Goettle bekannt. Doch Liao Yiwu hat seine Veröffentlichung im Gegensatz zu Goettle mit mehrjährigem Gefängnisaufenthalt bezahlt. Durch stetes Hobeln dicker Bretter, durch den Einfluss von Politikern, dem Engagement vieler Literaturfreunde und nicht zuletzt der eigenen Unbeugsamkeit hat er es geschafft zu reisen. Andreas Landwehr berichtet mit Rührung von dem Moment, in dem der Autor im Flugzeug sitzt und beinahe ungläubig in sein Handy "Gleich geht es los" flüstert. Das bewegt tatsächlich. Und lässt auf die produktive Kraft von Globalisierung hoffen.

Freitag, 27. August 2010

lvz kultur vom 27.08.10: Lachmesse, Schumann, Sean Scully

20 Jahre Lachmesse seien Grund genug, all die Großen des Kabaretts, der Kleinkunst und Comedians wie in einer Schatzbüchse zu versammeln und vom 14. bis 24. Oktober gekonnt den Deckel der Pandora zu lüften. Vielleicht reicht ja tatsächlich das geistvolle Benennen des vielgestaltigen Unheils, es wirkungsvoll zu bannen? Mark Daniel jedenfalls verfällt allein durch die Aufzählung der Stars in eine Glücksstarre, die wohl erst durch das Liveerlebnis wieder von ihm weichen wird, sicher zum ebensolchen Vergnügen der vielen anderen Zuhörer: Es sind Georg Schramm, Bruno Jonas, Jürgen Becker, Richard Rogler, Christoph Sieber, das Erste Deutsche Zwangsensemble, Erwin Grosche, Leo Bassi, Joesi Prokopetz, Ferruccio Cainero, Ohne Rolf, Alfons und Mark Britton. Neukommer wie Ken Bardowicks, Nepo Fitz und Jens Neutag stünden für die kommende Generation der "geistvollen Politunterhaltung". Die Geburtstagsgala vollenden Josef Hader, Hagen Rether und Tom Pauls übrigens erst nach offiziellem Ende der Messe.
In ähnlich buchhalterischer Emphase reiht Peter Korfmacher feierliche Adjek- und Substantive auf, die den beinahe himmlischen Klangkosmos des jüngsten Großen Konzertes unter Ricardo Chailly im Gewandhaus ahnen lassen sollen. Es gab Schumanns a-moll-Klavierkonzert, der 18-jährige Solist Kit Armstrong polarisierte allerdings die Menge. Poesie und Klarheit, ja, aber wo bleibt die Emphase und Leuchtkraft des Spiels? Die bringe als Mitgift das Orchester des Gewandhauses hinzu, "intimes Miteinander" nennt es der lvz Kulturchef und fertig scheint die Hochzeitsnacht in all ihren Höhen, Lyrismen und Erregungen. Den orgiastischen Jubel darf dann das Publikum beisteuern. Und in neun Monaten wachsen viele kleine neue Abonnenten nach.
Amerikanische Moderne mit europäischer Malereitradition zu vereinen, wird dem Iren Sean Scully nachgesagt. Die Kunstsammlungen Chemnitz widmen dem internationalen Star eine überwältigend schöne Ausstellung, findet Meinhard Michael. Ähnlich einem "Whisky, in dem große Gefühle lauern" entzünde die abstrakte Sprache von Scullys Gemälden einen schonungslos subjektiven emotionaler Furor. Der stark abstrahierend und philosophierend denkende Künstler habe der Malerei eine "Tiefe der Bedeutung zurückgegeben", die - verglichen mit seinem noch 1981 bevorzugten Minimalismus - "halsbrecherisch mutwillig" gewirkt haben müsse. Die deutsche Romantik und der Expressionismus stünden Pate, wenn er "an seine einfachen Strukturen Emotionen, Moral und Entsetzen" gebunden habe. Faszinierend sei zwar auch die Kombination von europäischen Malereitraditionen mit "nostalgischer Technik", wenn er Farbe statt auf Leinwand auf Kupfer und Aluminium gebe, deren ungleich glattere Oberflächen gänzlich andere Tiefen zu erzeugen vermöchten. Die Einbußen allerdings, die in der Abkühlung jener Flächen zu verzeichnen seien, könnten den Gewinn nicht ausgleichen, bleibt Michael skeptisch, ohne doch sicher zu sein, dass er nicht, voreingenommen, die "kühlere modernere Bildlichkeit" gemäß "europäischer - und östlicher - Nostalgie" der "alten Handarbeit" gegenüber hintanstellt.