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Montag, 10. Januar 2011

lvz kultur vom 10.1.11: Kreuzworträtsel lösen mit Donis. Und: Pfeffermühle, MuKo, Neujahrsingen

Der Umzug ist geschafft. Eröffnung war gestern. Ab heute wird die Leipziger Pfeffermühle mit Sottisen und bissigen Bemerkungen, mit Spott und politischem Witz im Kretschmannshof gegenüber dem Bildermuseum ihren Kredit abarbeiten müssen. Das Kabarett hat 650.000 € aufnehmen müssen, um nach 85 gesichteten Lokalitäten und entsprechenden Verhandlungen ihr neues Haus spielfertig zu machen. Die Stadt sei vorsorglich nicht zur Eröffnung erschienen, bemerkt Mark Daniel. Sie liest sich ihre Leviten lieber selbst aus der Zeitung vor, statt sie sich vor versammelten Eröffnungsgästen durch Geschäftsführer Dieter Richter live abzuholen. "Mangelnder Respekt" ist es, den Richter der Stadt vorwirft, keine Fürsprache bei der Kreditfindung, nicht einmal Hilfe beim Suchen des neuen Domizils. Das Ressort Wirtschaftsförderung ist von dem Vorwurf explizit ausgeschlossen. Gekommen ist es dennoch nicht. Verletzte Eitelkeit spricht ebenfalls aus des Geschäftsführers Mund. Im Kulturentwicklungsplan 1994 sei die Pfeffermühle noch als "unverzichtbar" und "wichtig für das Renommee der Stadt" eingeschätzt worden. Eine solche Äußerung findet sich im KEP für den Zeitraum 2008-2015 nun nicht mehr wieder.
Doch neben der Kritik gabs auch noch Gulaschkanone auch Livemusik und das "karnevalesk anmutende" Jubiläumsprogramm "Salve, für alle!" in einer Inszenierung von Hansa Molle. Das Haus selbst wird eine größere Bühne für bis 177 Personen und zwei kleinere bespielen.

Der Operettenworkshop samt Dirigierwettbewerb in der Musikalischen Komödie hat eine Siegerin gefunden. Kristiina Poska aus Estland gewann den Wettbewerb souverän mit ihrem Dirigat der Zigeunerbaron-Ouvertüre, anschließendem Peter-Stolz-Liedgut und einem Terzett aus Kalmáns "Csárdásfürstin". Auch den lvz Publikumspreis hat sie erhalten, viele Stimmabgaben fanden bereits zur Pause der Veranstaltung statt. "Rasant, voller Energie und Präzision", befand Peter Korfmacher, das Publikum "brüllte auch zwischendurch immer mal wieder Bravo" und war anschließend "ganz aus dem Häuschen." Korfmacher meint, "solange Dirigenten mit so feinem Gespür für Qualität und Eigengesetzlichkeit des Genres nachwachsen, muss man sich um die Zukunft der Operette keine Sorgen machen." Um die Zukunft der Musikalischen Komödie allerdings schon.

In der Rubrik "ausgepresst" berichtet Korfmacher ganz neidisch über ein Projekt des "Verständlichkeitsforschers" Gerd Antos von der Universität Halle. "45 zum Teil höchst kompliziert formulierte Paragrafen des Nachbarschaftsgesetzes" werden gerade von ihm und Studenten überarbeitet. Sie sollen verständlicher werden, das Volk soll sehen "dass wir ihre Sorgen ernst nehmen", wollen "sich auf die Ebene des Bürgers begeben" und gar nicht mehr in einer Sprache reden wollen, "die nicht mehr verstanden wird." Ola! Korfmacher beantragt in ausgepresst nun ebenfalls eine Überarbeitung seiner Artikel durch Antos und Konsorten, indem er demonstriert, dass er auch ganz schön komplizierte Sätze formulieren kann. Und wenn Antos Korfmacher fertiggemacht hat, kann er sich ja mal Kleist und Thomas Bernhard vornehmen. Die Leser der lvz werden es ihm danken.

Der Mittelpunkt des Leipziger Kulturlebens am Wochenende war das Neujahrssingen im Anker. Donis, bekannt vom Tresen des Hotel Seeblick und gelegentlichen Abstechern ins Ilses Erika, hat moderiert. Theresa Wiedemann meint, "entspannt und ungekünstelt". Mit dieser Einschätzung blieb sie aber weitgehend allein. Dafür wirkte Donis denn doch zu angespannt, selbstverliebt und aufgedreht statt souverän. Dass der Kreuzer-Kolumnenschreiber der lvz immerhin zugutehält, seinem alltäglichen Kreuzworträtselbedürfnis Abhilfe zu schaffen, war noch das größte Lob des Abends an die lvz. Außer dem für "Kiss" in Gestalt der drei großen "D", mit der die lvz-Abordnung unter Leitung von Szeneredakteur Mark Daniel den Saal rockte ("...deuten sogar eine Choreografie an und erzeugen ein fröhlich durchs Publikum schwappendes Grölen"). Die anderen 12 Gastronomen (ohne Dönerläden) und Meinungsmacher (ohne Radio, Web und TV) schlugen sich sehenswert und wacker, Wiedemann kolportiert, es sei "das bisher wohl beste Neujahrssingen" gewesen. Oha. Musikalisch wagte sich Shady Elwan (kein Wunder, "Shady" bedeute "Gesang der Nachtigall") mit seinen Orient-Tönen noch am weitesten weg von der Pop-Fröhlichkeit des Abends, und hatte zudem noch die eindrucksvolle Bauchtänzerin Lina an seiner Seite.

Eine fröhliche Mischkalkulation betreibt das Centraltheater in seinem Angebot. Wie ein Stadthallenbetreiber sorgt Chef Sebastian Hartmann, jenseits der eigenen Klassiker- und sonstigen Schauspieladaptionen mit begrenzter Anziehungskraft, mit einem avancierten Konzertprogramm, Rainald Grebe, Weihnachtsmärchen und dem Lachmesse-Programm für die nötige Laufkundschaft und gelegentliche Auslastung. Jetzt war es Tom Pauls, der mit seinem Programm "Lothar und der Kormoran" für ein ausverkauftes Centraltheater sorgte. Die Rolle des Lothar schrieb Regisseur Holger Böhme Pauls "auf den Leib". Während der erste Teil bis hin zu "Wahn und Fanatismus" in den Augen seines Protagonisten echte Qualität bot ("ausgewogenes Stück aus Nachdenklichkeit und Satire"), stimmte im zweiten Teil die Figur des Lothar nicht mehr, schreibt Theresa Rentsch. Es endete sogar "relativ plump", an der Grenze des Minderheitenbashings (Ausländer, Homosexualität) und dramaturgisch scheinbar rüde und gewollt.

Reik Hesselbarth, Fraktionsvorsitzender der FDP im Stadtrat, macht sich im Gespräch mit Ulrich Milde Gedanken über die Kultur in Leipzig. Der Oper droht er bereits "Gespräche" an, den Kulturhaushalt will er "angemessen reduzieren" ohne dabei "Angebote zu streichen". Ziel müsse es sein, "das Kulturangebot den Bedürfnissen der Leipziger und ihrer Besucher stärker anzupassen sowie Strukturen zu vereinfachen." Da Hesselbarth Probleme mit dem "hohem Investitionsaufwand" beim Gebäude der MuKo sieht, könnte man natürlich gleich die Muko in die Oper lassen. Täte dem Etat gut und entspräche den Bedürfnissen des Publikums - und Peter Korfmachers. Einer regional/touristischen Ausrichtung, wie sie Hesselbarth vorschwebt sowieso.

Freitag, 24. Dezember 2010

lvz kultur vom 24.12.10: Weiße Weihnacht, Kulturpaten & Calixto Bieito

Unser kollektives Unterbewusstsein lässt uns kaum eine Wahl. Die Sehnsucht nach einer Weißen Weihnacht ist stärker als jedes miesepetrige, besserwissende, obrigkeitssehnsüchtige Gezergel am winterlichen Schneechaos, vor dem wechselweise die Winterdienste, die Arbeitsagenturen, die Bahn, die Radfahrer, Autobahnmeistereien, die Politik oder die Hausbesitzer versagen. Sagt lvz psychoanalytiker Peter Korfmacher. Zwar hätten wir keine "Beziehung mehr zu dem, was einst Winter hieß", und genau genommen nichts anderes bedeutet, als dass sechseckige Eiskristalle zuhauf über Stadt und Land lägen. Korfmacher entmythologisiert gleich beide Begriffe, Weihnachten und den Schnee. Das Fest der Geburt Christi, das am 25. Dezember gefeiert wird, löste im 4. Jahrhundert den Festtag des römisch/heidnischen "unbesiegten Sonnengottes" ab, ein alter Trick, mit dem das Volk neue religiöse Rituale und Traditionen leichter annehmen sollte. Und die Sehnsucht nach dem Schnee? Bis vor gut 150 Jahren waren die Menschen noch Landeier, im Winter ruhte notgedrungen alle Arbeit. Und gleichzeitig sorgte bis zu dieser Zeit die "kleine Eiszeit" regelmäßig für Schnee rund um die Weihnachtszeit. Das hat sich kollektiv eingeprägt. Dieser guten alten Zeit, in der der Mensch noch nicht in der Anonymität der Städte lebte und der pausenlosen Lohnarbeit nachging, hängen wir nun sentimental an. Und seit Bing Crosby mit dem von Irving Berlin komponierten "White Christmas" erst Amerika, dann Europa und den knappen Rest der 1. und 2. Welt rührte und verkitschte, seien alle Binnendeiche gegen das Überschwappen des sogenannten kollektiven Unterbewussten endgültig gebrochen. Ob die Sehnsucht "anachronistisch" sei, wie Korfmacher sagt, oder auch nicht, ist egal. "Schön" sei es trotzdem, wenn die Weihnacht weiß sei.
Im kollektiven Bewusstsein (!) verankert ist allerdings, dass Weihnachten nahezu ein Synonym für allgemeine Schenkerei ist. Daran war Luther wohl nicht unschuldig, der dafür sorgte, dass das Christkind den heiligen Nikolaus als Geschenkebringer der Kinder ablöste. In den Charts der Wohltäter treten daneben noch der Weihnachtsmann und Knecht Ruprecht auf, letzterer ist wegen seiner Rute, deren Benutzung bei schwachen Kopfnoten angedroht wird, allerdings auf dem absteigenden Ast.

Eine Art des modernen regionalen Nikolaus (oder eben Weihnachtsmanns, ganz nach Gusto) ist die Leipziger Institution der Kulturpaten, die eine win-win-Situation von Schenkern und Beschenkten herstellen möchte. Der Clou: Es geht nicht um Geld, aber um etwas, für das man ohne Geber Geld hätte aufwenden müssen. Beratung. Technischen Support. Grafische Dienstleistung usw. Jörg Müller fand die Idee dazu in Köln und importierte sie in Leipzig. Gudula Kienemund moderiert diplomatisch und geschickt die Wünsche der Geber und Nehmer, die beide auch Nehmer und Geber sind. Nachhaltigkeit sei durchaus üblich: Schneeballeffekte und gute Netzwerke ergäben sich, betonen die Kulturpaten im Gespräch mit Mark Daniel. Außerdem sind eben doch Förderer gefragt. Denn auch die Vermittlungs-Arbeit "unter dem Dach der Freiwilligenagentur" muss finanziert werden. Größere Bekanntheit hätten sie daher gerne, aber mehr als 25 neue Patenschaften pro Jahr seien dennoch nicht vermittelbar. Eine "Warteschleife von Interessenten" sei schon vorhanden.

Von allzu unromantischen Vorstellungen will das Publikum weder im Weihnachtsmärchen noch in der Oper behelligt werden. Nicht nur, dass die Spielpläne der deutschen Opernhäuser zur Adventszeit noch monokultureller aussehen als ohnehin schon üblich. Wenn der Regisseur Calixto Bieito heißt, der von lvz redakteur Paul Winterer bereits vorsorglich als "Skandal-Regisseur" angekündigt wird, und das Publikum augenscheinlich nur zwischen der Assoziation "Gefängnis oder Irrenhaus " wählen kann, reagiert das "verwöhnte" Münchner Publikum natürlich schnell "verstört". Es geht um Beethoven, um Fidelio, und damit um das von den Deutschen gepachtete "Freiheitsopus" des großen Komponisten, der der Romantik den Weg geebnet hat. Noch älter als das andere opus magnum der Freiheit, der Marsch der 200.000 um den Leipziger Altstadtring, dessen Kitschwerdung mit jedem Lichterfest neue Dimensionen annimmt. Als "Weihnachtsgeschenk" eigne sich zumindest die Inszenierung Bieitos nicht, klagt Winterer, "zu ausweglos und bar jeder Zuversicht kommt die Deutung des Katalanen daher." An Guantanamo möchte man auch nicht erinnert werden. Kein Wunder, die haben da unten ja noch nicht mal ein Spendenkonto. Ein Käfig aus Alu und Plexi auf der Bühne (Rebecca Ringst), ungesetzliche kubanische Gefangenenlager im Sinn, belanglose Regie-Gags zum Abreagieren. Und ein schwaches Bayerisches Staatsorchester im Ohr. "Am Schluss liefern sich die illustren Premierenbesucher einen Wettstreit aus Bravi und Buh-Rufen." Siehe da: ein Erfolg.

Montag, 6. Dezember 2010

lvz kultur vom 6.12.10: Gottschalk, Hänsel und Gretel & Kultur(räume)

Ein Wett-Kandidat bei Gottschalks "Wetten, dass..." hat "komplexe Verletzungen an der Halswirbelsäule", Rückenmarksschädigungen und Lähmungserscheinungen. Die Sendung wurde daraufhin abgebrochen. Der schlimme Unfall hatte sofort eine Diskussion über Gefahr und Konkurrenzkampf im heutigen Fernsehen, über Zynismus in den Medien, über Quoten und die Notwendigkeit einer neuen Fernsehethik zur Folge. In einem Kommentar schreibt Mark Daniel, "Allzu lange wird die Diskussion nicht dauern, denn bald bündelt die nächste durchs Medien-Dorf getriebene Sau alle Aufmerksamkeit und Empörung".
Vor 40, 30, 20 Jahren hätte es vielleicht - wie in der Politik - Abrüstungsverhandlungen "für den ganzen übersteuerten Zirkus der dumpfen Superlative" gegeben, Intendanten wie Präsidenten hätten eine Art von Vernunft walten lassen. Heute nicht mehr. Spieler beherrschen das Parkett. Die hier und jetzt im Konkurrenzkampf den Gewinn einfahren wollen. In Politik, Finanz- und sogenannter Realwirtschaft, Sport. Und Medien. Und uns selbst. Niemand zeige mit dem Finger auf den anderen. Daniel hat ja recht. Selbst die wichtigsten Debatten werden mehr oder weniger bewusst zu Tode geritten. Wort und Argumente abgenutzt, bis keines mehr brauchbar ist. Man sich selbst ekelt, darüber weiter zu reden. Nur - den Fernseher kann man im Zweifelsfall ausschalten. Für die Demokratie, geschweige das Klima, gibt es nicht mal einen stand-by.

Das sächsische Innenministerium (Minister Markus Ulbig, CDU) plant, von allen Initiativen und Vereinen, die vom Staat Geld erhalten, eine Treueerklärung auf die Verfassung einzufordern sowie von diesen eine Überprüfung aller ihrer Partner auf extremistische Tendenzen. Das beträfe dann nicht mehr "nur" Programme zur Förderung von Toleranz o.ä., sondern auch Fußballvereine oder Freiwillige Feuerwehren, wie Michael Bartsch schreibt. Der Staats- und VerfassungsrechtlerUllrich Battis von der Berliner Humboldt-Universität sieht für den zweiten Teil des Vorhabens allerdings keine rechtliche Grundlage. Lutz Richter vom Alternativen Kultur- und Bildungszentrum Pirna, die diese Erklärung verweigert haben, glaubt sogar eher an die Absicht, "Leute auf Linie zu bringen und Förderprogramme kräftig auszusieben."
Ob es wohl auch bald eine Klausel gibt, nach der Wirtschaftsunternehmen, die bestechen und betrügen, keine Wirtschaftshilfen oder öffentliche Aufträge mehr erhalten?

Peter Korfmacher muss lange suchen, um die Inszenierung "Hänsel und Gretel" an der Oper Leipzig schönzureden. Da er genug Platz zur Verfügung hat, findet er auch etwas, denn "nichts braucht die Oper im Moment so dringend wie einen solchen absehbaren Publikumserfolg." Sie braucht ihn scheinbar, um nicht sofort ohne Gnade in der derzeitig aufgeheizten Kürzungsdebatte ausgeschlachtet zu werden. Doch ein starker Publikumserfolg ("bietet viel fürs Auge, für die Ohren, fürs Gemüt") trotz oder wegen schwacher Inszenierung, die der Musik allen Raum lässt, und ihn z.B. den Sängern nimmt, ist eher ein Argument für eine Oper, die keine (über-)regionale Ausstrahlung braucht. Regisseurin Birgit Eckenweber gibt sich in Hänsel und Gretel "mit wenig Regie zufrieden", das erzeugt "Längen", vor allem im ersten Teil. Der "Vater" wird derweil von der Regie allein gelassen, "Mutter" und Kinder von der Ausstattung. Die effektheischende Ausstattung (Alexander Mudlagks) würde hier wie auch sonst oft zu Unrecht "mit Regie verwechselt". GMD Ulf Schirmer legt Tempi und Dynamik ohne Rücksicht auf die Sänger an, der Kinder- und Jugendchor agiert "hart an der Grenze zum Sakralkitsch", Besenbinder Peter sei gesanglich "ziemlich grobmotorisch". Auch sonst wenig Poesie. Natürlich auch gute Gesangsleistungen. Am Schluss das vernichtende Lob: "Kinder jedenfalls werden diese Produktion mögen und ihre Eltern und Großeltern auch."

"Muss sich Kultur rechnen?" Nein, befand gleich zu Beginn Bernhard Freiherr Loeffelholz von Colberg, ehemaliger Präsident des Sächsischen Kultursenats. Die Diskussionsrunde von Gewandhaus, mdr Figaro und lvz, über die Vera Wolfskämp schreibt, litt augenscheinlich an ihrer Zusammensetzung. Unter der Moderation von Peter Korfmacher (lvz) und Thomas Bille (mdr) fand sich kein Gegenredner, so dass der Intendant der Dresdner Musikfestspiele, Jan Vogler, für die abwesenden Ökonomen deren Position übernahm. Aus Überdruss, "ständig vom Geld sprechen" zu sollen, verkündete er euphorisch: "Es wird immer Kultur geben, solange es Publikum gibt!"
Dass das Ökonomische - wieder Loeffelholz - eine dienende Funktion gegenüber der Kultur habe, werden die Damen und Herren Politiker mit offenen Ohren aufgenommen haben. Zum einen herein, zum anderen heraus.

In der Interviewreihe mit Leipziger Landtagsabgeordneten zum Kulturraumgesetz, über das am 15. Dezember abgestimmt wird, antwortet heute Robert Clemen (CDU) den Fragen von Mathias Woebking. Clemen begründet seine Zustimmung zur Novellierung - und damit zur Kürzung der Gelder für alle bisherigen Kulturräume und ihrer Einrichtungen - mit einem neuen Konzept für die Landesbühnen Sachsen, das eindeutig auf Kosten städtischer Kultur gehen soll. Clemen will die Landesbühnen "als Ersatz für bestehende oder schon nicht mehr existierende Kulturangebote" den Kulturräumen unterjubeln. Die Kulturräume seien ohnehin weniger der "urbanen Ballungsräume" wegen, als für die ländlichen Regionen des Freistaats geschaffen worden.
Es erscheint geradezu grotesk, dass mit dieser Argumentation eine Landeseinrichtung des Freistaats in die kommunale Verantwortung hinein (und auf Kosten der Kommunen) entlassen werden soll, während gleichzeitig Dresdens Repräsentationkultur als eigentliches Spielfeld der sächsischen Kulturpolitik erkoren wird. Das Rechtsgutachten Prof. Ossenbühls bezweifelt gerade die Rechtmäßigkeit dieses Vorhabens. Gleichzeitig sollen die Sitzgemeinde Radebeul, der Landkreis und die Mittelstädte "in der Fläche" ebenfalls für die Landesbühnen Sachsen zahlen, obwohl ihnen künftig weniger Geld zur Verfügung stehen wird. Die verarmten Kommunen durch vielerlei Kürzungen im Regen stehen zu lassen, sie gleichzeitig zu höheren Eigenleistungen aufzufordern und ihre weniger werden Mittel nicht mehr für die gewachsene Kultur vor Ort, sondern für ein Ufo aus Radebeul einzusetzen, ist in Sachsen niemals diskutiert worden. Es ist Erpressung von Seiten des Landes, die nicht an die Wichtigkeit ihrer eigenen Kultureinrichtungen glaubt, sofern sie nicht in Dresdens Stadtgrenzen angesiedelt sind.
Anders würde sich diese Argumentation darstellen, wenn das Land die Kosten für die Landesbühnen auf die Zuschüsse für die Kulturräume drauflegte. Dann bliebe den Städten die Option und die Verhandlungsmöglichkeiten, ob sie die Angebote der Landesbühnen nutzen wollen und können.
Dass Clemen selbst nicht recht an seine Argumentation glaubt, ist auch der vollends verqueren Rechnung anzusehen, mit der er Zuschusserhöhungen von 2005 mit geplanten Kürzungen 2010 verrechnen will und sich so die Zuschüsse an Leipzig selbst schönrechnet. Das ist plump und unwürdig, nicht nur seinen Wählern gegenüber.

Außerdem feiert Rolf Hoppe in seinem zum Theater umgebauten Kuhstall am Rande Dresdens seinen 80. Geburtstag. "Nie war Rock mehr Pop": Die Sportfreunde Stiller haben für Jennifer Beck eine Rolle rückwärts gemacht, ihr Konzert in der Arena war zum einen eine Zeitreise in die 90er und gipfelte in der "Massenkompatibilität". Caroline Bock berichtet über den Triumph für Roman Polanskis in Babelsberg gedrehten Thriller "Der Ghostwriter" beim Europäischen Filmpreis, bei dem er gleich sechs Trophäen abräumte. Beth Ditto und ihre Band Gossip überzeugten Caroline Baetge in der Arena. Die "One-Woman-Show" sei nicht nur überzeugend, sondern in ihrer erfolgreichen Attacke auf gängige "Schönheitsideale" wenn schon nicht "echt", dann immerhin doch sympathisch. Ali Samadi Ahadi erhält den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis für seine Dokumentation der iranischen Wahlen 2009. Benedikt Leßmann konzediert dem Dirigenten der Berlin Sinfonietta, Francesco La Vecchia, "dirigentisches Unvermögen" in vielfacher Hinsicht. Das Publikum, das "professionell" abkassiert würde, erhalte nur "mediokres" Gespiele. Anja Gronau hat es sich in ihrer Fassung des Kleistschen Kohlhaas augenscheinlich zu einfach gemacht. Spontisprüche und ein allgemeines "Lob des Widerstands" könnte nicht mal dem Publikum einen Spiegel vorhalten, sofern es das denn wollte. "Wer immer nur komisch ist", könne kaum ernst genommen werden, meint Magdalena Fröhlich.

Donnerstag, 9. September 2010

lvz kultur vom 09.09.10: Dudenhöffer, Franzen, Roncalli & Leipzigs Oper

Kabarett-Redakteur Mark Daniel interviewt den Komödianten und Kabarettisten Gerd Dudenhöffer über seine Kunstfigur Heinz Becker und sein neues Programm "Kosmopolit". Der gar nicht so unsympathische Einfach-so-Herausplautzer Becker errege wegen seines offensichtlichen Mangels an Kalkül eben doch die Sympathien der Zuschauer. Das freut Dudenhöffer einerseits, dennoch distanziert er sich von dem Unsinn, der aus Beckers Mund in die Welt fällt. Und wenn Zuschauer in ihrer Zustimmung zu den Beckertiraden nicht merkten, dass sie sich gerade selbst entlarven, freut sich Dudenhöffer umso mehr. Manche lachen halt gerne, in Abwandelung eines bekannten Kritikerdiktums, über ihrem Niveau.
Gisela Ostwald, von der man nicht recht erkennen kann, ob sie Jonathan Franzens neuen Roman "Freiheit" bereits gelesen hat, bevor sie ihn über den grünen Klee lobt, meint, Franzens "vierter Roman übertrifft alles, was der inzwischen 51-jährige Autor bisher geschrieben hat". Franzen stelle, um mit dem britischen Guardian zu sprechen, die entscheidende Frage: "Worum geht es eigentlich im Leben?" Merkwürdig haltungslos schreibt Ostwald, die Essenz von Franzens neuem Roman sei: "Wenn wir Freiheit zum entscheidenden Maßstab für unsere Kultur erklären, sollten wir sorgfältig prüfen, was uns Freiheit überhaupt bringt." Entweder ist die Aussage, dass "Freiheit keineswegs glücklich mache", banal (Wer sagt überhaupt, dass dies die Aufgabe von Freiheit sei? Ist Freiheit nicht auch eine Frage von Würde oder empfundener Ohnmacht?), oder sie wirkt, von jemandem, der sie wohl nicht entbehren muss, abgehoben und paternalistisch. Leider bleibt der Artikel an dieser spannenden Stelle stecken. Denn "das politische Parkett", auf das sich Franzen damit "gewagt" habe, verlässt Ostwald lieber ganz schnell zugunsten der Kulinarik: "'Freiheit' ist ein epischer Genuss, der süchtig macht."
Roncalli-Chef Bernhard Paul möchte den verlorengegangenen "Zauber" der Zirkusbranche mit einer eigenwilligen Strategie zu Leibe rücken, schreibt Daniel Große. Er produziere gerade im Tonstudio des "Prinzen"-Musikers Tobias Künzel in Taucha eine "groß angelegte"Hörspielreihe für Kinder. Inhalt: Geschichten aus dem Milieu des Zirkus. Auf diesem Umweg über die Kinderzimmer und das "Kopfkino" möchte er die Fantasie von Kindern anregen, Traditionen bewahren - und den Zirkus gleichzeitig "jung halten". Eins verrät Bernhard Paul aber nicht: Warum Roncalli zukünftig nur noch ohne den Zusatz "Circus" im Namen auftreten will.
Ein Gespenst geht um in Leipzig: Die Fusion. Opernchef Maravic wehrt sich vehement gegen die Zeichen der Zeit. Die bedeuten angeblich: Entweder fusionieren Oper und Gewandhaus oder Oper und Schauspiel. Das Gedankenspiel weitergesponnen: Für die erste Variante spricht scheinbar die Logik. Schließlich spielt das Gewandhausorchester bereits bei allen Opernaufführungen. Aber ob der Porschemotor im VW-Passat wirklich sinnvoll ist, wenn dadurch die eigene Entwicklungsabteilung Schaden nähme? Die zweite Variante setzt auf modernes, biederes Dienstleistungsunternehmen. Was, außer den Finanzen, ist die Vision? Die Frage stellt sich ohnehin, welcher künstlerische Kopf bei der Verteilung des Geldes das Sagen hätte. Oder ob das Vorbild Halle, das Zusammenlegen aller bisherigen Einzelbetriebe unter ein gemeinsames Dach, mehr Esprit hätte? Sicher nicht. Die Oberhoheit eines Geschäftsführenden Verwaltungsleiters über einen siebenköpfigen Drachen wäre nur von kurzer Dauer. Entweder zerfleischen sich alle gegenseitig, oder heraus käme ein zahmes Kuscheltier. Seid lieber klug und mutig bei der Auswahl der kreativen Köpfe an der Spitze der Eigenbetriebe, verhandelt besser mit dem Land und setzt auf breitere Akzeptanz in der Region. Dann ist der Anteil von 10% des Stadtetats für den Kulturbereich gut angelegtes Geld, das die attraktive Stadt noch attraktiver macht.

Freitag, 27. August 2010

lvz kultur vom 27.08.10: Lachmesse, Schumann, Sean Scully

20 Jahre Lachmesse seien Grund genug, all die Großen des Kabaretts, der Kleinkunst und Comedians wie in einer Schatzbüchse zu versammeln und vom 14. bis 24. Oktober gekonnt den Deckel der Pandora zu lüften. Vielleicht reicht ja tatsächlich das geistvolle Benennen des vielgestaltigen Unheils, es wirkungsvoll zu bannen? Mark Daniel jedenfalls verfällt allein durch die Aufzählung der Stars in eine Glücksstarre, die wohl erst durch das Liveerlebnis wieder von ihm weichen wird, sicher zum ebensolchen Vergnügen der vielen anderen Zuhörer: Es sind Georg Schramm, Bruno Jonas, Jürgen Becker, Richard Rogler, Christoph Sieber, das Erste Deutsche Zwangsensemble, Erwin Grosche, Leo Bassi, Joesi Prokopetz, Ferruccio Cainero, Ohne Rolf, Alfons und Mark Britton. Neukommer wie Ken Bardowicks, Nepo Fitz und Jens Neutag stünden für die kommende Generation der "geistvollen Politunterhaltung". Die Geburtstagsgala vollenden Josef Hader, Hagen Rether und Tom Pauls übrigens erst nach offiziellem Ende der Messe.
In ähnlich buchhalterischer Emphase reiht Peter Korfmacher feierliche Adjek- und Substantive auf, die den beinahe himmlischen Klangkosmos des jüngsten Großen Konzertes unter Ricardo Chailly im Gewandhaus ahnen lassen sollen. Es gab Schumanns a-moll-Klavierkonzert, der 18-jährige Solist Kit Armstrong polarisierte allerdings die Menge. Poesie und Klarheit, ja, aber wo bleibt die Emphase und Leuchtkraft des Spiels? Die bringe als Mitgift das Orchester des Gewandhauses hinzu, "intimes Miteinander" nennt es der lvz Kulturchef und fertig scheint die Hochzeitsnacht in all ihren Höhen, Lyrismen und Erregungen. Den orgiastischen Jubel darf dann das Publikum beisteuern. Und in neun Monaten wachsen viele kleine neue Abonnenten nach.
Amerikanische Moderne mit europäischer Malereitradition zu vereinen, wird dem Iren Sean Scully nachgesagt. Die Kunstsammlungen Chemnitz widmen dem internationalen Star eine überwältigend schöne Ausstellung, findet Meinhard Michael. Ähnlich einem "Whisky, in dem große Gefühle lauern" entzünde die abstrakte Sprache von Scullys Gemälden einen schonungslos subjektiven emotionaler Furor. Der stark abstrahierend und philosophierend denkende Künstler habe der Malerei eine "Tiefe der Bedeutung zurückgegeben", die - verglichen mit seinem noch 1981 bevorzugten Minimalismus - "halsbrecherisch mutwillig" gewirkt haben müsse. Die deutsche Romantik und der Expressionismus stünden Pate, wenn er "an seine einfachen Strukturen Emotionen, Moral und Entsetzen" gebunden habe. Faszinierend sei zwar auch die Kombination von europäischen Malereitraditionen mit "nostalgischer Technik", wenn er Farbe statt auf Leinwand auf Kupfer und Aluminium gebe, deren ungleich glattere Oberflächen gänzlich andere Tiefen zu erzeugen vermöchten. Die Einbußen allerdings, die in der Abkühlung jener Flächen zu verzeichnen seien, könnten den Gewinn nicht ausgleichen, bleibt Michael skeptisch, ohne doch sicher zu sein, dass er nicht, voreingenommen, die "kühlere modernere Bildlichkeit" gemäß "europäischer - und östlicher - Nostalgie" der "alten Handarbeit" gegenüber hintanstellt.

Sonntag, 15. August 2010

lvz kultur vom 13.08.10: Luther-Botschafter und Thomas Freitag

Der 13. ist zwar schon ein paar Tage her, aber auf zwei Dinge soll doch noch kurz eingegangen werden: Das Wittenberger Sommerevent der 800 bunten Luther-Botschafter vor dem Rathaus, die auf das Reformationsjubiläum 2017 hinweisen sollen, hat erwartungsgemäß Kritiker gefunden. Die im Volksmund Plaste-Luther genannten, 1 Meter großen Figuren, werden etwa vom vom Theologen und Hobby-Kunstkritiker Friedrich Schorlemmer als "einfach nur peinlich" befunden. Bestimmt macht die LVZ demnächst eine ihrer geschmackssicheren Telefonumfragen zur brennenden Luther-Zwerge-Frage, und das Volk darf sich in ihrer Zeitung zwischen "ist doch süß" und "dieser Künstler will doch nur auffallen" entscheiden. The Show must go on.
Ähnlich amüsant liest sich die Premierenbesprechung über Thomas Freitags neues altes Kabarett-Programm "Best of" bei den Academixern. Mark Daniel kommt abschließend zum Eindruck, dass Freitag "Publikumserwartungen nur bedingt" bediene. Soll heißen, auch flaue Witze und Rückgriffe auf Polit- und andere Entertainer, die unter 35-Jährige nur noch aus Jahrhundertsrückblicken kennen (Strauß, Brandt, Wehner, Kohl, Jupp Derwall) kämen vor, allerdings auch scharfe satirische Paukenschläge (Kindstod, Landminen). Freitag könne sich allerdings nicht recht zwischen "Klamaukigem" (aber ohne seine Botschaft zu verraten) und "Intellektuellem" (selbst wenn er poltere), "Populärem" (ohne Ismus) und "Feingeistigem" ("Kleist"!, "Reich-Ranicki"!) entscheiden, sicher aber kämpfe er gegen langweiliges Spießertum, was den Abend immerhin zu einem "fabelhaften" und zudem ausverkauften mache, jedenfalls, wenn er sich denn noch etwas vom "profilschwächelnden (!)Wischiwaschi" abgrenzte usw.

Donnerstag, 12. August 2010

lvz kultur vom 11.08.10: Tom Jones und die Theaterturbine

Tom Jones hat eine Platte herausgebracht, "Praise & Blame" heißt sie. Anders als seine neue Plattenfirma es glaubte (und hoffte?), gibt es darauf keine neue Sexbomb zu hören, sondern Gospel. Was der Vizepräsident der Firma für einen "sick joke", einen schlechten Scherz, hält, gehört, wenn man Uwe Janssen folgt, zur allerersten Sahne - des Unterhaltungsbusiness ("der Mann kann auch ohne die ewige Ladykillernummer richtig gut unterhalten") und weniger des spirituellen Liedguts, auch wenn Songs der Legenden John Lee Hooker, Mahalia Jackson und Johnny Cash auf der Platte zu finden sind. Nina Hagen nimmt man die Sinnsuche schon eher ab, ihre neue Platte "Personal Jesus" (nach dem Song der Depeche Mode) sei zwar poppiger als die von Jones arrangiert, aber stimmlich ebenfalls betörend. Für so gute Musik hat Janssen sogar Nachsicht mit dem himmlischen Background.
Neue Sinnfragen des Lebens beschäftigt auch die Leipziger Theaterturbine in ihrer neuen Midlife-Crisis-Komödie ((42)). Mark Daniel sprach mit TT-Chef Thorsten Giese über die kommende Premiere und förderte einige Perlen der Erkenntnis aus dem Mund des just 42 Jahre jung gewordenen Schauspielers ("Ich fühle mich aber älter") zutage. Darunter ist die zu finden, dass er vor kurzem mit dem Zunehmen Frieden geschlossen habe, weil es zum einen natürlich, weil stoffwechselbedingt sei und zum anderen eine gewisses Gerard Depardieu-Feeling ("Der hängt so schön in sich drin") erzeuge. Ob die Truppe hinter dem Klischee "Älterer dicker Mann kauft sich plötzlich Sportwagen und hält sich ein 20-jähriges Mäuschen" noch etwas Drittes entdeckt, bleibt bis heute Abend in der Moritzbastei ein Geheimnis.

Samstag, 31. Juli 2010

lvz kultur vom 31.07.10: Kabarett und Ostseegedichte

thomas freitag, ein brontosaurus im gegenwärtigen politischen kabarett, ist vom 11.-14. august mit der produktion "nur das beste" zu gast bei den academixern in leipzig. mark daniel entlockte dem 60-jährigen eine vielzahl semiorigineller statements. politik sei eine von der wirtschaft gekaufte kaste, christian wulff, der mittelmäßige sparkassen-direktor, die schlechtere wahl gegenüber gauck und dessen eindrucksvoller vita, die bedeutung von politik würde entwertet, wenn die medien auf gleicher ebene meldungen über matthäus und seine fremdknutschende ehefrau sendeten. angeprangert werden heuchelei und doppelmoral bei politikern, mangel an intellektueller führung in diesem lande, während politikerrücktritte aus mangel an vorwärtskommen (roland koch) für ein fiasko stünden. last not least, politisches kabarett vertrüge sich nicht mit der mentalität von schenkelklopfern im publikum.
da hilft nur noch hubschraubereinsatz, schießt mir plötzlich ein refrain von foyer des arts in den sinn.
zumindest in punkto lachen unterscheidet sich der alternde kabarettist von seinen nachfolgern. die jugendgruppe der leipziger pfeffermühle entpuppte sich als versuchsweise nachfahren fritz teufels und betonten - ebenfalls in der lvz von heute -, dass sie politisches kabarett gerne mit comedy, stand-up und "einfach quatsch" verbänden. sie seien halt jung, entschuldigten sich die spaßguerilleros.

es ist sommer - und die ostsee steht abermals im zentrum kulturkritischer beiträge der lvz, diesmal von janina fleischer, die den von ron winkler zusannengestellten gedichtband mit ostseegedichten "die schönheit ein deutliches rauschen" vorstellt.
während die doppelausstellung "sachsen am meer" in gera und dresden (siehe lvz vom 26.07.) nicht zuletzt politische aspekte in der ostseerezeption der bildenden künstler aufzeigte, ist der gemeinsame nenner der gedichtanthologie, dass die ostsee für die menschen der östlichen bundesländer ein stück heimat darstelle und ansonsten eine metapher, zumal wenn "die poesie der verse die der natur überspüle" (janina fleischer). innerlichkeit gewinnt die oberhand (ingeborg bachmanns schöner vers "innen ist deine brust ein meer"wird zitiert), und die rezensentin kommt zu der erkenntnis , dass von den dichtern "kaum jemand allein am meer zu sein scheint." am ende steht: "staunen über die anziehungskraft einer landschaft" - und eine metapher für sehnsucht, freiheit und erinnerung: die ostsee.