Über 100.000 Karten im Vorverkauf, 35 Darsteller plus achtköpfige Band, mehr als 200 Mitarbeiter hinter den Kulissen. "Hinterm Horizont", das Udo Lindenberg-Musical - "Panical" schreibt Maja Zehrt - ist bereits zur Vorpremiere ein Seite 1-Thema für die lvz. Eine "massentaugliche ... East-West-Side-Story mit Hindernissen", angelehnt an Udos Song vom "Mädchen aus Ostberlin". Thomas Brussig als Autor und Udo Waller als Regisseur wollen neben der Love-Story auch die deutsche Nachkriegsgeschichte erzählen. "Erstaunlicherweise bringen die Macher alles unter einen Hut." Und damit meint Maja Zehrt nicht allein Lindenbergs Markenzeichen, den Hut, den der Ausstatter als 9m breites Bühnenrequisit an Stahlseile gehängt hat. Josephine Busch als Pankow-Mädchen Jessy "ist ne Wucht", Serkan Kaya als Udo-Darsteller "nuschelt und tänzelt sich manchmal eher schlecht als recht durch die Szenen." Lindenberg fasst die mit Unmengen seiner Hits garnierte Story so zusammen: "Ich ging da rüber, ich wollte mal ein bisschen gucken, verlieb mich in das Mädchen, dann steht ne scheiß Mauer da, ich sag: Weg mit dem Schrott!" Die Geschichte sei selbstverständlich "stark konstruiert" (Andreas Rabenstein), die von Lindenberg versprochene "richtige Straßenmusik" gebe es sicher nicht zu hören, doch immerhin seien "liebevoll gestaltete Details" und wider Erwarten immer wieder stattfindende "leise Töne" echte Pluspunkte. Maja Zehrt vermutet, so mancher Zuschauer dürfte "leicht nasse Augen kriegen", Andreas Rabenstein freut sich am "freundlich-satirisch illustrierten Leben in der DDR." Privates und Politisches wird zur fröhlichen Unterhaltungsware, Stage Entertainment hält die Fäden zusammen.
Über ein weiteres "Feuchtgebiet der Unterhaltung", das RTL-Dschungelcamp und die Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!", schreibt Jürgen Kleindienst einen richtig guten Leitartikel. Der lvz redakteur kommt darin zu dem Schluss, dass "auch dank des Privatfernsehens", das die Welt "bevorzugt" durch das Schlüsselloch wahrnehme, "sowohl Privates als auch Politisches weitgehend abgeschafft" seien. "Der Big-Brother-Kosmos" sei insofern "eine Art Kommune 2.0", was Kleindienst angesichts der Teilnahme von Kommune 1-Mitglied Rainer Langhans als "tragische Pointe" deutet - mit Langhans als "Maskottchen intellektuellen Niedergangs." Während sich die Konturen auflösen, Kategorien ineinanderfließen, sieht Kleindienst witzigerweise nur zwei Möglichkeiten als Reaktion: "Moralische Entrüstung oder Humor".
Nun sind diese Art kulturpessimistische Auslassungen ein ganz natürlicher Reflex angesichts des Schrotts, von dem wir dennoch die Augen und Ohren nicht abwenden können. Vielleicht sollte man statt dieses Lamentos lieber die Infiltration unseres Lebens durch andere kulturelle Produkte oder Lebensweisen, diesen Schwebezustand jenseits der festen Weltanschauungen, mit einer Mischung aus Heiterkeit, Ernst und Reflexion annehmen oder unterstützen, wo auch immer wir ihn bemerken.
Janina Fleischers Sache auf der lvz kulturseite ist das nicht, sie sieht auf beiden Seiten der Mattscheibe nur Zynismus und wachsende Schadenfreude am Werke. Diese, im Grunde sich vor lauter schlechtem Gewissen selbst geißelnde Haltung ("ablehnen wollen, aber nicht abschalten können"), muss nicht sein. Vielleicht ist es ja möglich, ähnlich einem Forscher, der die Dinge mit wachem Verstand und wachen Sinnen anschaut, oder einem Künstler, der die Dinge durch sich hindurchfließen lässt, um sie verändert wieder auszuscheiden, zu reagieren. Und bei nächster Gelegenheit ähnliche Sendungen doch links liegen lässt.
Die Berlin-Leipziger Galerie Eigen + Art ist vorausichtlich nicht auf der wichtigen Kunstmesse Art Basel vertreten. Galerist Gerd Harry Lybke versucht, in einem Gespräch mit Peter Korfmacher Haltung zu wahren, schreibt diese Entscheidung einem "Mangel an Professionalität" zu und lässt die Hoffnung gleichwohl nicht fahren. Die Entscheidung zu vertreten haben sechs Jurymitglieder, die über die Teilnahme oder Nichtteilnahme entscheiden. Da drei der sechs Jury-Mitglieder Berliner Galeristen seien, die zudem selbst auf der Art Basel präsent sind, deutet Lybke die Entscheidung eher vorsichtig als getränkt durch "Konkurrenz und persönliche Befindlichkeiten". Er bedauert, dass wichtige Künstler, die sich ja nicht anderswo vertreten lassen, damit von entscheidenden Diskursen abgekoppelt werden.
Auf der online-Seite des Art-Magazins wird Gerd Harry Lybke deutlicher. Er vermutet eine "Abstrafaktion missgünstiger Kollegen". In Amerika würde man das "als Diskriminierung oder Rassismus bezeichnen" - angesichts seiner ostdeutschen Herkunft.
Mit einer neu geordneten Dauerausstellung wartet das Lessingmuseum Kamenz auf, eine der 20 "kulturellen Gedächtnisorte im Osten Deutschlands". So seien einige Neubewertungen vorgenommen worden, darunter einer Italienreise Lessings, u.a. nach Livorno. Dort habe es in friedlicher Koexistenz Synagogen, Moscheen und Kirchen gegeben. Möglicherweise eine Initialzündung für den "Nathan", schreibt Jörg Schurig.
Ai Weiwei hat es kommen sehen, den Abriss seines 2000m² großen Ateliers in Shanghai. Der Künstler glaubt an eine Strafaktion für seine politischen Aktivitäten. Er sei traurig, dass das starke China "keine Kritik vertragen" könne.
Der Leiter der Schaubühne Lindenfels, René Reinhardt, möchte mit Kooperationen mit anderen Kultureinrichtungen wie dem Westflügel, Gewandhaus, Oper und Uni Leipzig neue Stärke entwickeln. Allein durch eine geplante Zusammenarbeit mit dem Lindenfels Westflügel rechnet er mit höheren Fördergeldern von 22.000 Euro. Die Schaubühne, die vor einigen Jahren stolz auf 50.000 Besucher jährlich verweisen konnte, freut sich zur Zeit über die Steigerung von 27.000 (in 2009) auf 29.000 Besucher (in 2010), wie Verena Lutter berichtet.
Die Diskussion über das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig geht weiter. Florian Ibrügger schreibt, Stadträte unterschiedlicher Fraktionen seien enttäuscht von dem eindeutigen Votum (contra Denkmal), das über die Telefone der lvz ausgedrückt wurde. Wie weit die politische Klasse nicht nur in Berlin weg ist von den Meinungen der Menschen vor Ort, beweist Bettina Kudla, ehemalige Finanzdezernentin Leipzigs und nun CDU-MdB, wenn sie pro Denkmal darauf verweist, dass der Region "sowohl ein touristischer Anziehungspunkt als auch Bauaufträge in Millionenhöhe entgehen würden", sollte das Denkmal nicht gebaut werden. Rein ökonomische Argumente können aber niemals die durchaus widersprüchlichen Empfindungen Leipziger Bürger ausdrücken, die bei dem Thema des Freiheitsdenkmals anlässlich 1989 angesprochen werden.
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Freitag, 14. Januar 2011
lvz kultur vom 14.1.11: Abstraf-Aktion für Judy Lybke. Lindenberg. Dschungel-Camp. Art Basel
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Dienstag, 4. Januar 2011
lvz kultur vom 4.1.11: Suter & die Oper, Intendantenkarussell & Moses Mendelssohn
Martin Suters Romane sind Bestseller. Sie geben der herrschenden Dekadenz, besser gesagt, den besseren Kreisen, ein Bild. Und im jüngsten seiner Romane, "Allmen und die Libellen", ist der Protagonist gar die personifizierte Finanzkrise. Ein Millionär, wurscht, ob in roten oder schwarzen Zahlen, der seine genialsten Ideen dabei bekommt, seinen Bankrott noch etwas hinauszuzögern. Janina Fleischer garantiert einen unterhaltsamen Gesellschaftsroman. Keinen Krimi, wie von Suter versprochen. Dafür "der Untergang des Abendlands in schillerndem Licht." Die Oper Leipzig sollte den Roman seiner Marketingabteilung zur Pflicht machen, wenn sie ihn nicht ohnehin schon gelesen hat. Nicht nur, weil gezeigt wird, wie mit einem Minus umzugehen ist, sondern, weil auch hier vornehm die Welt zugrunde geht: Das letzte, auf das bei Suter der Held in seinem Leben zu verzichten bereit ist, ist das Opern-Premierenabonnement. "Erst, wer sich das nicht mehr leisten kann, ist wirklich pleite." Vielleicht kann sich das Opern-Marketing das Buch ja in der Stadtbibliothek Leipzig ausleihen, wenn Herr von Maravics keinen Anschaffungsetat mehr genehmigt. Es sei denn, OBM Jung hat Michael Faber angeordnet, den jüngsten Suter-Bestsellers aus dem Buchbestand der Stadtbibliothek (für die ist Faber weiterhin zuständig!) entfernen zu lassen. Dienstanweisung. Aus übergeordneten Gesichtspunkten. Wegen Nachahmungseffekten.
Auch dem Theater Gera-Altenburg, zumindest Matthias Oldag, ist die Lektüre des Suter-Romans zu empfehlen. Laut Landrat Sieghardt Rydzewski "ist die Insolvenz des Hauses längst nicht abgewendet." Rydzewski, der laut dpa droht, dass, wenn am gegenwärtigen Intendanten Oldag festgehalten werde, würde das Altenburger Land seine Zuschüsse kürzen. Tja, und wenn die Gesellschafter nicht sämtlich zahlen, wird das auch das Land Thüringen nicht tun. Keine guten Aussichten. Wie wärs mit der Uraufführung der Dramatisierung des Suter-Romans/Krimis? Damit kann Oldag die Insolvenz vielleicht noch etwas hinausschieben?
Oder er bewirbt sich gleich bei den Landesbühnen Sachsen. Seitdem Intendant Christian Schmidt deutlich gemacht hat, dass er die vom Land diktierte Umwandlung in eine GmbH nicht mitmachen wird, ist die Intendanz neu ausgeschrieben worden. Und wenn Oldag nicht will, vielleicht kann Chefdramaturg Karl-Hans Möller ja ein gutes Wort für seinen ehemaligen Chemnitzer Chef Rolf Stiska einlegen? Der hat ja schon zwei Jahre Erfahrung (einschließlich drohender Insolvenz) mit einer GmbH an der TOO Halle/Saale. Nur schade, dass die Landesbühnen Sachsen kein Kinder- und Jugendtheater haben, das als fünftes Rad am Wagen schon mal prophylaktisch abgeschraubt werden kann.
Peter Korfmacher macht sich in ausgepresst moderat lustig über den Klimarealismus der Evangelischen Kirche. Lächerliche 1 Mio Tonnen CO² sollen die Mitglieder der Mitteldeutschen Evangelischen einsparen. Macht summa summarum laut kfm 15,5 Auto-km für jedes Kirchenmitglied. Bis 2. Oktober! Ehrlich, da springt ja noch nicht mal der Kilometerzähler an. Aber! Korfmacher hat - schlau schlau - bereits begriffen, dass nicht CO², sondern CH4 das Elend in die Welt bringt. Methan! Die Bösen sind die Rinder! Ackerbau und Viehzucht! Müllfäulnis! Will kfm das Freitagsfasten wieder einführen? Hat er bereits mit seiner lvz Kantine gesprochen? Was sagt Holger Zastrow dazu, Intimfreund des chefredakteurs Hilder und Intimfeind der Evangelischen Kirche? Kein fasten? Was nun? Da bleibt Korfmacher wirklich nur, Vegetarier zu werden, leidenschaftlich in der lvz für das Gute in der Welt zu fechten und ein Vöner-Abonnement in Plagwitzs Vleischerei zu bestellen.
Ulf Heise schreibt über den "Luther der Juden", Moses Mendelssohn. Der aufgeklärte Jude, der vor 225 Jahren gestorben ist, war es, durch den eine neue Ära in Deutschland eingeleitet wurde und die jüdischen Mitbürger in Deutschland "das Ghetto verließen, in die europäische Kultur eintraten und eine Kultur- und Sozialgeschichte begründeten." Der sanfte Geistesriese, der Ende des 18. Jahrhunderts auch von dem französischen Revolutionär Graf Mirabeau verehrt wurde, sei ein Mann "mit einem schwächlichen und sogar kränklichen Körper" gewesen. Ein solcher Geist in einem solchen Körper - das bedeutete für die Nazis aus vielerlei Gründen schlicht Hochverrat. Doch auch die Preußische Akademie der Wissenschaften war noch nicht reif für die jüdische Emanzipation. Sie vereweigerte Mendelssohn, auf Intervention Friedrich II., die Aufnahme.
Auch dem Theater Gera-Altenburg, zumindest Matthias Oldag, ist die Lektüre des Suter-Romans zu empfehlen. Laut Landrat Sieghardt Rydzewski "ist die Insolvenz des Hauses längst nicht abgewendet." Rydzewski, der laut dpa droht, dass, wenn am gegenwärtigen Intendanten Oldag festgehalten werde, würde das Altenburger Land seine Zuschüsse kürzen. Tja, und wenn die Gesellschafter nicht sämtlich zahlen, wird das auch das Land Thüringen nicht tun. Keine guten Aussichten. Wie wärs mit der Uraufführung der Dramatisierung des Suter-Romans/Krimis? Damit kann Oldag die Insolvenz vielleicht noch etwas hinausschieben?
Oder er bewirbt sich gleich bei den Landesbühnen Sachsen. Seitdem Intendant Christian Schmidt deutlich gemacht hat, dass er die vom Land diktierte Umwandlung in eine GmbH nicht mitmachen wird, ist die Intendanz neu ausgeschrieben worden. Und wenn Oldag nicht will, vielleicht kann Chefdramaturg Karl-Hans Möller ja ein gutes Wort für seinen ehemaligen Chemnitzer Chef Rolf Stiska einlegen? Der hat ja schon zwei Jahre Erfahrung (einschließlich drohender Insolvenz) mit einer GmbH an der TOO Halle/Saale. Nur schade, dass die Landesbühnen Sachsen kein Kinder- und Jugendtheater haben, das als fünftes Rad am Wagen schon mal prophylaktisch abgeschraubt werden kann.
Peter Korfmacher macht sich in ausgepresst moderat lustig über den Klimarealismus der Evangelischen Kirche. Lächerliche 1 Mio Tonnen CO² sollen die Mitglieder der Mitteldeutschen Evangelischen einsparen. Macht summa summarum laut kfm 15,5 Auto-km für jedes Kirchenmitglied. Bis 2. Oktober! Ehrlich, da springt ja noch nicht mal der Kilometerzähler an. Aber! Korfmacher hat - schlau schlau - bereits begriffen, dass nicht CO², sondern CH4 das Elend in die Welt bringt. Methan! Die Bösen sind die Rinder! Ackerbau und Viehzucht! Müllfäulnis! Will kfm das Freitagsfasten wieder einführen? Hat er bereits mit seiner lvz Kantine gesprochen? Was sagt Holger Zastrow dazu, Intimfreund des chefredakteurs Hilder und Intimfeind der Evangelischen Kirche? Kein fasten? Was nun? Da bleibt Korfmacher wirklich nur, Vegetarier zu werden, leidenschaftlich in der lvz für das Gute in der Welt zu fechten und ein Vöner-Abonnement in Plagwitzs Vleischerei zu bestellen.
Ulf Heise schreibt über den "Luther der Juden", Moses Mendelssohn. Der aufgeklärte Jude, der vor 225 Jahren gestorben ist, war es, durch den eine neue Ära in Deutschland eingeleitet wurde und die jüdischen Mitbürger in Deutschland "das Ghetto verließen, in die europäische Kultur eintraten und eine Kultur- und Sozialgeschichte begründeten." Der sanfte Geistesriese, der Ende des 18. Jahrhunderts auch von dem französischen Revolutionär Graf Mirabeau verehrt wurde, sei ein Mann "mit einem schwächlichen und sogar kränklichen Körper" gewesen. Ein solcher Geist in einem solchen Körper - das bedeutete für die Nazis aus vielerlei Gründen schlicht Hochverrat. Doch auch die Preußische Akademie der Wissenschaften war noch nicht reif für die jüdische Emanzipation. Sie vereweigerte Mendelssohn, auf Intervention Friedrich II., die Aufnahme.
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Montag, 3. Januar 2011
lvz kultur vom 3.1.11: Dschungelcamp & Langhans, Märkl, Leonardo & Caravaggio
AngstLust ist ein bekanntes Phänomen. EkelLust spätestens seit dem rtl Dschungelcamp auch. "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" spielt seit Beginn aber auch mit der Lust an der Selbstverstümmelung. Otto Mühl, Hermann Nitsch, Chris Burden, Günter Brus oder Marina Abramovic stehen für Künstler, deren Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, dem Ekel und dem Schmerz immer extremere, auch lebensgefährliche Züge annahm, mit denen sie Gewaltverhältnisse deutlich machten, sich auf rituelle Kulthandlungen bezogen oder in den Extremerfahrungen auch kathartische Erfahrungen bei den Zuschauern auslösen wollten. Rainald Goetz machte 1983 seine Rasierklinge-schlitzt-Schädel-Lesung bei den Bachmann-Tagen in Klagenfurt zur performativen Erweiterung "toter Literatur". Hin zum wirklichen Leben, das blutet. Zum Beispiel. Insofern sind rtl, Dirk Bach und Sonja Zietlow Epigonen der Künstler hin zu einem Massengeschmack. Übrigens setzten von der Straße eingeladene Beteiligte an einer ihrer Kunstaktionen Marina Abramovic eine geladene Pistole an die Stirn und forderten sie auf abzudrücken. Ob dieses - aktiv aggressive - Publikum eine Wahlverwandtschaft mit den Dschungelcampzuschauern bildet, die immerhin Ekelaufgaben vergeben können, steht auf einem anderen Blatt. Rainer Langhans, einziger bisher feststehender Teilnehmer am Dschungelcamp, hat im Gegensatz dazu den potentiell persönlichkeitssteigernden Charakter der Sendung betont: "Genau genommen ist das Dschungelcamp die Urszene der Kommune - und unserer damaligen Bewegung. Es geht darum, in sich zu gehen, sich neu zu erfinden und zu entwickeln."
"Da sprach der alte Häuptling der Indianer, wild ist der Westen, schwer ist der Beruf. Uff."
Christina Zimmermann hat von diesem bewusstseinserweiternden Aspekt der Sendung offenkundig nicht so viel gehalten und schreibt in ihrem Vorbericht für die lvz kultur zur fünften Auflage der Live-Show, "In der rtl Show präsentieren sich die Möchtegern-Stars und Sternchen von ihrer natürlichsten, wohl aber auch würdelosesten Seite." Die Zuschauer auch: "Das Publikum will schließlich nur eines: Sie leiden sehen."
In ausgepresst erkennt Nina May den subversiv solidarischen Charakter der momentanen Schneekatastrophe, erkennt den wahren utopischen Gehalt von "Deutschland. Ein Wintermärchen" und fragt ganz lieb bei chefredakteur Bernd Hilder an, ob der nicht in den Büros der lvz die Heizung ausstellen lassen kann. "Das sorge für kuscheliges Kollegenmiteinander."
Mit zwei Dingen kann Peter Korfmacher nicht gut umgehen: Mit leidenschaftslosem orchestralem Präzisionsspiel und mit Veranstaltungen für Kinder. Da weiß er einfach nicht recht einzuschätzen, ob die lieben Kinderlein denn wirklich Spaß an der Freud haben (dürfen) während unser Peter vor lauter Qual von einer Arschbacke auf die andere rutscht. So wie jüngst bei der Zauberflöte im Centraltheater, bei der er heitere Miene zum bösen Spiel machen wollte(?). Beim mdr Neujahrskonzert unter Leitung von Jun Märkl läßt er zumindest durchscheinen, dass Kritik nicht nur an der Spielweise und der "unbändigen Freude" der Musiker und ihres Chefs Märkl am "virtuosen Fischen im flachen Wasser" angesagt sei, sondern auch, dass "dem langen Abend ein roter Faden" fehle, eine "Dramaturgie in der Kombination von Musik mit Tanz und Puppenspiel" ohnehin nicht zu erkennen sei. Und setzt eine kleine hämische Spitze darin, dass er der Veranstaltung für Kinder einen "außermusikalischen Mehrwert" unterstellt, nämlich, das "Funkorchester und sein Publikum wirklich wieder zueinander" zu führen. Hätte aber nicht so gut geklappt: Das Konzert sei vom "Befund ausverkauft noch ein gutes Stück entfernt."
Am Ende freut sich Korfmacher dafür auf Penderecki, der in der Reiheins des mdr am 15. Januar auftische. Eher seine Kragenweite.
Christoph Driessen nennt die angesagtesten Ausstellungen in 2011: "Das Kunst-Ereignis des kommenden Jahres" sei die Leonardo-da-Vinci-Ausstellung in Londons National Gallery, mit so gut wie allen Originalen, nur die Mona Lisa fehle. In Deutschland finde ebenfalls eine spektakuläre Renaissance-Ausstellung im Bode-Museum mit über 150 Porträts von da Messina bis Botticelli statt. Das Frankfurter Städel wartet zur Wiederöffnung mit "Beckmann und Amerika" auf, die Kunsthallen Hamburg und Bonn mit einer gemeinsamen Liebermann-Ausstellung. Wichtigste Ausstellung zu einem deutschen Künstler der Gegenwart sei eine Retrospektive zu Gerhard Richter in Londons Tate Modern, passenderweise zeigen auch das Bucerius Kunstforum und die Kunsthalle in Hamburg in 2011 zwei Ausstellungen zu Gerhard Richter.
Gerald Felber wiederum berichtet von der "Hommage an Caravaggio 1610/2010" in der Berliner Gemäldegalerie, in der vier Originalen des Dramatikers "des menschlichen Fleisches zwischen Rausch und Ekel, Himmelsekstase und Gosse, Kraft und Hinfälligkeit" eine Fülle von Nachfolgern, Epigonen und Widersachern zur Seite gestellt werden. Bei allen von Felber konzedierten Unterschieden träfen sich diese doch immer wieder darin, dass "sie sich am runzligen Verfall mürben Greisenfleisches delektierten." Ob da Frank Schirrmachers Methusalem-Komplott bereits vorgezeichnet wurde?
"Da sprach der alte Häuptling der Indianer, wild ist der Westen, schwer ist der Beruf. Uff."
Christina Zimmermann hat von diesem bewusstseinserweiternden Aspekt der Sendung offenkundig nicht so viel gehalten und schreibt in ihrem Vorbericht für die lvz kultur zur fünften Auflage der Live-Show, "In der rtl Show präsentieren sich die Möchtegern-Stars und Sternchen von ihrer natürlichsten, wohl aber auch würdelosesten Seite." Die Zuschauer auch: "Das Publikum will schließlich nur eines: Sie leiden sehen."
In ausgepresst erkennt Nina May den subversiv solidarischen Charakter der momentanen Schneekatastrophe, erkennt den wahren utopischen Gehalt von "Deutschland. Ein Wintermärchen" und fragt ganz lieb bei chefredakteur Bernd Hilder an, ob der nicht in den Büros der lvz die Heizung ausstellen lassen kann. "Das sorge für kuscheliges Kollegenmiteinander."
Mit zwei Dingen kann Peter Korfmacher nicht gut umgehen: Mit leidenschaftslosem orchestralem Präzisionsspiel und mit Veranstaltungen für Kinder. Da weiß er einfach nicht recht einzuschätzen, ob die lieben Kinderlein denn wirklich Spaß an der Freud haben (dürfen) während unser Peter vor lauter Qual von einer Arschbacke auf die andere rutscht. So wie jüngst bei der Zauberflöte im Centraltheater, bei der er heitere Miene zum bösen Spiel machen wollte(?). Beim mdr Neujahrskonzert unter Leitung von Jun Märkl läßt er zumindest durchscheinen, dass Kritik nicht nur an der Spielweise und der "unbändigen Freude" der Musiker und ihres Chefs Märkl am "virtuosen Fischen im flachen Wasser" angesagt sei, sondern auch, dass "dem langen Abend ein roter Faden" fehle, eine "Dramaturgie in der Kombination von Musik mit Tanz und Puppenspiel" ohnehin nicht zu erkennen sei. Und setzt eine kleine hämische Spitze darin, dass er der Veranstaltung für Kinder einen "außermusikalischen Mehrwert" unterstellt, nämlich, das "Funkorchester und sein Publikum wirklich wieder zueinander" zu führen. Hätte aber nicht so gut geklappt: Das Konzert sei vom "Befund ausverkauft noch ein gutes Stück entfernt."
Am Ende freut sich Korfmacher dafür auf Penderecki, der in der Reiheins des mdr am 15. Januar auftische. Eher seine Kragenweite.
Christoph Driessen nennt die angesagtesten Ausstellungen in 2011: "Das Kunst-Ereignis des kommenden Jahres" sei die Leonardo-da-Vinci-Ausstellung in Londons National Gallery, mit so gut wie allen Originalen, nur die Mona Lisa fehle. In Deutschland finde ebenfalls eine spektakuläre Renaissance-Ausstellung im Bode-Museum mit über 150 Porträts von da Messina bis Botticelli statt. Das Frankfurter Städel wartet zur Wiederöffnung mit "Beckmann und Amerika" auf, die Kunsthallen Hamburg und Bonn mit einer gemeinsamen Liebermann-Ausstellung. Wichtigste Ausstellung zu einem deutschen Künstler der Gegenwart sei eine Retrospektive zu Gerhard Richter in Londons Tate Modern, passenderweise zeigen auch das Bucerius Kunstforum und die Kunsthalle in Hamburg in 2011 zwei Ausstellungen zu Gerhard Richter.
Gerald Felber wiederum berichtet von der "Hommage an Caravaggio 1610/2010" in der Berliner Gemäldegalerie, in der vier Originalen des Dramatikers "des menschlichen Fleisches zwischen Rausch und Ekel, Himmelsekstase und Gosse, Kraft und Hinfälligkeit" eine Fülle von Nachfolgern, Epigonen und Widersachern zur Seite gestellt werden. Bei allen von Felber konzedierten Unterschieden träfen sich diese doch immer wieder darin, dass "sie sich am runzligen Verfall mürben Greisenfleisches delektierten." Ob da Frank Schirrmachers Methusalem-Komplott bereits vorgezeichnet wurde?
Freitag, 31. Dezember 2010
lvz kultur vom 31.12.10: Chailly & der Zorn, Kreisler, Moon Harbour & Leipzigs Bildermuseum
Peter Korfmacher berichtet über Beethovens Neunte am Gewandhaus, Riccardo Chailly leitete das Orchester und die vereinigten Chöre von Gewandhaus und MDR. Korfmachers Text unter dem Titel "kompromisslos unbequem" ist der eines Kenners und Connaisseurs, manche Details kaum verstehbar, aber das Emphatische, das der Text über Chaillys augenscheinlich außerordentliches Dirigat empfindet, lässt sich auch anders zusammenfassen. Hier eine Liste der Adjekte, mit denen Korfmacher seine Eindrücke zu fassen versucht:
tumultuarisch - gewaltig - unerbittlich - kristallin - brodelnd - brutal - kunstvoll - individuell - klar - heroisch - apollinisch - gefährlich - unterschätzt - banal - erbarmungslos - halsbrecherisch - ungefährdet - kompromisslos - bestialisch - klangschön - klanggewaltig - eindrucksvoll - warm - superb - satt - autoritär - gewaltsam - verordnet - befohlen - eingeprügelt - doppelbödig - abgründig - lärmend - brüderlich - zornig - wahrhaftig - kompromisslos - unbequem.
Nun weiß fast jeder berufsmäßige Schreiber, wie zurückhaltend man mit Adjektiven umgehen soll. Doch keine Regel ohne Ausnahmen. Korfmachers Text geben sie einen pathetischen Grundton, den keine seiner darin hineingeschummelten Analysen vergessen machen kann. Ihre fast durchweg ekstatischen Farben setzen die Basslinie einer Überwältigung, die beinahe nach Kriegsberichterstattung klingt. Bei Peter Korfmacher führt sie am Ende tatsächlich zu einer merkwürdigen Unschärfe. Da, wo kfm die Apotheose der Freude, ja, des "Paradieses der brüderlichen Weltumarmung" erwartet, zeige Chailly "Züge zornigen Trotzes" und führe das Publikum, und mit ihm Korfmacher, "eher in die Schützengräben der Zukunft." Das passt zu dem fehlenden "allerletzten Ton", die Gewandhausmusiker "hören ... einfach auf." Korfmacher: "Kein Zweifel, dass etwas folgen muss." Hier hätte man gern mehr erfahren darüber, ob allein der ästhetischen Linie Chaillys, der nahen CD-Produktion oder doch aktueller (kultur-)politischer Ereignisse zu verdanken ist, was dem emotionalen Chailly die Galle überlaufen lässt und anzudrohen scheint, was im Jahr 2011 auf Leipzig zukommen wird: Geschützdonner.
Brillant, aber auch ein wenig selbstverliebt klingt Janina Fleischers Text über Georg Kreislers Buch "Anfänge. Eine literarische Vermutung". Ähnlich wie für Korfmacher der fehlende allerletzte Ton in Chaillys Interpretation Beethovens Neunte zu etwas Unabgeschlossenem macht, enden Kreislers Texte immer wieder mit einem Gedankenstrich. Daraus und aus den Reizen immer neuer Anfänge macht Fleischer geradezu eine Poetologie Kreislers - und den perfekten Text für die Neujahrsausgabe der lvz.
Michael Wallies berichtet über den nunmehr zehn Jahre dauernden Höhenflug des Leipziger Musiklabels Moon Harbour, die gleichzeitig ein Booking-Agentur ist. Das dem Deephouse zuzurechnende Label wurde in den letzten Jahren zunehmend internationaler, wofür auch die Erfahrungen aus den Bookings sprich Konzerten quer über die Kontinente gesorgt haben. Entscheidend für ihren Erfolg sehen die Partner Matthias Tanzmann (DJ und Produzent) & André Quaas (Booking, Orga, Finanzen) darin, die Fehler eines einseitig auf Kunst oder Management ausgerichteten Labels zu vermeiden. Noch zeigen sich durch den kommerziellen Erfolg keine künstlerischen Einbußen. Ob ca. 300 Veranstaltungen im Jahr und 50 Veröffentlichungen das Ende der Fahnenstange darstellen, wird sich also bald zeigen. Hat Moon Harbour eine Nische erobert oder gilt auch für sie das Marktgesetz "Fressen oder Gefressenwerden".
Zum xten Male werden in der lvz die jährlichen Bücher-Bestenlisten durchgekaut, auch Karolin Köcher findet keine wesentlich neuen Titel (Sarrazin, Franzen, Vargas Llosa) oder Trends. Immerhin benennt sie die auf konzertierte Vermarktung hin geplante Buchproduktion, die eine zeitgleiche Medieninszenierung der relevanten Titel und Autoren steuert und - es muss wohl noch einmal gesagt werden - die Konzentration der Verlage auf "potenzielle Bestseller". Weiterhin keine Lösung haben die Buchverlage augenscheinlich für die "Umstellung auf digitale Publikationsformen".
Das hoch verschuldete Bochum spendiert sich eine neue Konzerthalle. Antizyklisch denken ist wohl das Motto der Ruhrgebietsstadt. Man gönnt sich ja sonst nichts. Abgesehen von wohlfeilem Spott ist aber der dahinter durchscheinende Trend interessant: Bürger setzen sich immer stärker für eine Infrastruktur ein, die ihre Stadt lebenswert macht. Das 33-Mio-€-Projekt wird geplant trotz entsprechender Hallen in Essen oder Dortmund. Rolf Schraa schreibt, fast die Hälfte des Geldes, immerhin 14,3 Mio €, wäre von privater Seite (darunter Grönemeyer) gesammelt worden. Auch das NRW-Kulturministerium (und die EU) fördert das kommunale Anliegen für Bochums lokale Kultur. Aus Sparzwang angedachte Fusionen bilden eben noch längst keine lokale Identität. Städte brauchen Stätten, die von ihren Bürgern als ihre auch begriffen werden.
Das Bildermuseum Leipzig scheint auf gutem Wege dahin zu sein. Es meldet eine neue all-time-Bestmarke, einen Besucherrekord. Etwa 180.000 sollen es gewesen sein, fast 70.000 mehr als im Vorjahr. So weit so gut. Im Detail: Annähernd 100.000 Besucher zog die Neo-Rauch-Ausstellung an. Ohne sie wären also 80.000 Besucher in 2010 anstatt 110.000 wie in 2009 gekommen. Da die Ausstellung mit den zweitmeisten Besuchern in 2010 ("Nude Visions") nur ca. 20.000 zählte (mal ohne die Frage nach dem Inhalt aufzuwerfen), wäre wohl mit so gut wie jeder (!) anderen Ausstellung als mit Rauch die Besucherzahl gegenüber 2009 gesunken. Zurücklehnen sollte sich Hans-Werner Schmidt nicht.
tumultuarisch - gewaltig - unerbittlich - kristallin - brodelnd - brutal - kunstvoll - individuell - klar - heroisch - apollinisch - gefährlich - unterschätzt - banal - erbarmungslos - halsbrecherisch - ungefährdet - kompromisslos - bestialisch - klangschön - klanggewaltig - eindrucksvoll - warm - superb - satt - autoritär - gewaltsam - verordnet - befohlen - eingeprügelt - doppelbödig - abgründig - lärmend - brüderlich - zornig - wahrhaftig - kompromisslos - unbequem.
Nun weiß fast jeder berufsmäßige Schreiber, wie zurückhaltend man mit Adjektiven umgehen soll. Doch keine Regel ohne Ausnahmen. Korfmachers Text geben sie einen pathetischen Grundton, den keine seiner darin hineingeschummelten Analysen vergessen machen kann. Ihre fast durchweg ekstatischen Farben setzen die Basslinie einer Überwältigung, die beinahe nach Kriegsberichterstattung klingt. Bei Peter Korfmacher führt sie am Ende tatsächlich zu einer merkwürdigen Unschärfe. Da, wo kfm die Apotheose der Freude, ja, des "Paradieses der brüderlichen Weltumarmung" erwartet, zeige Chailly "Züge zornigen Trotzes" und führe das Publikum, und mit ihm Korfmacher, "eher in die Schützengräben der Zukunft." Das passt zu dem fehlenden "allerletzten Ton", die Gewandhausmusiker "hören ... einfach auf." Korfmacher: "Kein Zweifel, dass etwas folgen muss." Hier hätte man gern mehr erfahren darüber, ob allein der ästhetischen Linie Chaillys, der nahen CD-Produktion oder doch aktueller (kultur-)politischer Ereignisse zu verdanken ist, was dem emotionalen Chailly die Galle überlaufen lässt und anzudrohen scheint, was im Jahr 2011 auf Leipzig zukommen wird: Geschützdonner.
Brillant, aber auch ein wenig selbstverliebt klingt Janina Fleischers Text über Georg Kreislers Buch "Anfänge. Eine literarische Vermutung". Ähnlich wie für Korfmacher der fehlende allerletzte Ton in Chaillys Interpretation Beethovens Neunte zu etwas Unabgeschlossenem macht, enden Kreislers Texte immer wieder mit einem Gedankenstrich. Daraus und aus den Reizen immer neuer Anfänge macht Fleischer geradezu eine Poetologie Kreislers - und den perfekten Text für die Neujahrsausgabe der lvz.
Michael Wallies berichtet über den nunmehr zehn Jahre dauernden Höhenflug des Leipziger Musiklabels Moon Harbour, die gleichzeitig ein Booking-Agentur ist. Das dem Deephouse zuzurechnende Label wurde in den letzten Jahren zunehmend internationaler, wofür auch die Erfahrungen aus den Bookings sprich Konzerten quer über die Kontinente gesorgt haben. Entscheidend für ihren Erfolg sehen die Partner Matthias Tanzmann (DJ und Produzent) & André Quaas (Booking, Orga, Finanzen) darin, die Fehler eines einseitig auf Kunst oder Management ausgerichteten Labels zu vermeiden. Noch zeigen sich durch den kommerziellen Erfolg keine künstlerischen Einbußen. Ob ca. 300 Veranstaltungen im Jahr und 50 Veröffentlichungen das Ende der Fahnenstange darstellen, wird sich also bald zeigen. Hat Moon Harbour eine Nische erobert oder gilt auch für sie das Marktgesetz "Fressen oder Gefressenwerden".
Zum xten Male werden in der lvz die jährlichen Bücher-Bestenlisten durchgekaut, auch Karolin Köcher findet keine wesentlich neuen Titel (Sarrazin, Franzen, Vargas Llosa) oder Trends. Immerhin benennt sie die auf konzertierte Vermarktung hin geplante Buchproduktion, die eine zeitgleiche Medieninszenierung der relevanten Titel und Autoren steuert und - es muss wohl noch einmal gesagt werden - die Konzentration der Verlage auf "potenzielle Bestseller". Weiterhin keine Lösung haben die Buchverlage augenscheinlich für die "Umstellung auf digitale Publikationsformen".
Das hoch verschuldete Bochum spendiert sich eine neue Konzerthalle. Antizyklisch denken ist wohl das Motto der Ruhrgebietsstadt. Man gönnt sich ja sonst nichts. Abgesehen von wohlfeilem Spott ist aber der dahinter durchscheinende Trend interessant: Bürger setzen sich immer stärker für eine Infrastruktur ein, die ihre Stadt lebenswert macht. Das 33-Mio-€-Projekt wird geplant trotz entsprechender Hallen in Essen oder Dortmund. Rolf Schraa schreibt, fast die Hälfte des Geldes, immerhin 14,3 Mio €, wäre von privater Seite (darunter Grönemeyer) gesammelt worden. Auch das NRW-Kulturministerium (und die EU) fördert das kommunale Anliegen für Bochums lokale Kultur. Aus Sparzwang angedachte Fusionen bilden eben noch längst keine lokale Identität. Städte brauchen Stätten, die von ihren Bürgern als ihre auch begriffen werden.
Das Bildermuseum Leipzig scheint auf gutem Wege dahin zu sein. Es meldet eine neue all-time-Bestmarke, einen Besucherrekord. Etwa 180.000 sollen es gewesen sein, fast 70.000 mehr als im Vorjahr. So weit so gut. Im Detail: Annähernd 100.000 Besucher zog die Neo-Rauch-Ausstellung an. Ohne sie wären also 80.000 Besucher in 2010 anstatt 110.000 wie in 2009 gekommen. Da die Ausstellung mit den zweitmeisten Besuchern in 2010 ("Nude Visions") nur ca. 20.000 zählte (mal ohne die Frage nach dem Inhalt aufzuwerfen), wäre wohl mit so gut wie jeder (!) anderen Ausstellung als mit Rauch die Besucherzahl gegenüber 2009 gesunken. Zurücklehnen sollte sich Hans-Werner Schmidt nicht.
Freitag, 24. Dezember 2010
lvz kultur vom 24.12.10: Weiße Weihnacht, Kulturpaten & Calixto Bieito
Unser kollektives Unterbewusstsein lässt uns kaum eine Wahl. Die Sehnsucht nach einer Weißen Weihnacht ist stärker als jedes miesepetrige, besserwissende, obrigkeitssehnsüchtige Gezergel am winterlichen Schneechaos, vor dem wechselweise die Winterdienste, die Arbeitsagenturen, die Bahn, die Radfahrer, Autobahnmeistereien, die Politik oder die Hausbesitzer versagen. Sagt lvz psychoanalytiker Peter Korfmacher. Zwar hätten wir keine "Beziehung mehr zu dem, was einst Winter hieß", und genau genommen nichts anderes bedeutet, als dass sechseckige Eiskristalle zuhauf über Stadt und Land lägen. Korfmacher entmythologisiert gleich beide Begriffe, Weihnachten und den Schnee. Das Fest der Geburt Christi, das am 25. Dezember gefeiert wird, löste im 4. Jahrhundert den Festtag des römisch/heidnischen "unbesiegten Sonnengottes" ab, ein alter Trick, mit dem das Volk neue religiöse Rituale und Traditionen leichter annehmen sollte. Und die Sehnsucht nach dem Schnee? Bis vor gut 150 Jahren waren die Menschen noch Landeier, im Winter ruhte notgedrungen alle Arbeit. Und gleichzeitig sorgte bis zu dieser Zeit die "kleine Eiszeit" regelmäßig für Schnee rund um die Weihnachtszeit. Das hat sich kollektiv eingeprägt. Dieser guten alten Zeit, in der der Mensch noch nicht in der Anonymität der Städte lebte und der pausenlosen Lohnarbeit nachging, hängen wir nun sentimental an. Und seit Bing Crosby mit dem von Irving Berlin komponierten "White Christmas" erst Amerika, dann Europa und den knappen Rest der 1. und 2. Welt rührte und verkitschte, seien alle Binnendeiche gegen das Überschwappen des sogenannten kollektiven Unterbewussten endgültig gebrochen. Ob die Sehnsucht "anachronistisch" sei, wie Korfmacher sagt, oder auch nicht, ist egal. "Schön" sei es trotzdem, wenn die Weihnacht weiß sei.
Im kollektiven Bewusstsein (!) verankert ist allerdings, dass Weihnachten nahezu ein Synonym für allgemeine Schenkerei ist. Daran war Luther wohl nicht unschuldig, der dafür sorgte, dass das Christkind den heiligen Nikolaus als Geschenkebringer der Kinder ablöste. In den Charts der Wohltäter treten daneben noch der Weihnachtsmann und Knecht Ruprecht auf, letzterer ist wegen seiner Rute, deren Benutzung bei schwachen Kopfnoten angedroht wird, allerdings auf dem absteigenden Ast.
Eine Art des modernen regionalen Nikolaus (oder eben Weihnachtsmanns, ganz nach Gusto) ist die Leipziger Institution der Kulturpaten, die eine win-win-Situation von Schenkern und Beschenkten herstellen möchte. Der Clou: Es geht nicht um Geld, aber um etwas, für das man ohne Geber Geld hätte aufwenden müssen. Beratung. Technischen Support. Grafische Dienstleistung usw. Jörg Müller fand die Idee dazu in Köln und importierte sie in Leipzig. Gudula Kienemund moderiert diplomatisch und geschickt die Wünsche der Geber und Nehmer, die beide auch Nehmer und Geber sind. Nachhaltigkeit sei durchaus üblich: Schneeballeffekte und gute Netzwerke ergäben sich, betonen die Kulturpaten im Gespräch mit Mark Daniel. Außerdem sind eben doch Förderer gefragt. Denn auch die Vermittlungs-Arbeit "unter dem Dach der Freiwilligenagentur" muss finanziert werden. Größere Bekanntheit hätten sie daher gerne, aber mehr als 25 neue Patenschaften pro Jahr seien dennoch nicht vermittelbar. Eine "Warteschleife von Interessenten" sei schon vorhanden.
Von allzu unromantischen Vorstellungen will das Publikum weder im Weihnachtsmärchen noch in der Oper behelligt werden. Nicht nur, dass die Spielpläne der deutschen Opernhäuser zur Adventszeit noch monokultureller aussehen als ohnehin schon üblich. Wenn der Regisseur Calixto Bieito heißt, der von lvz redakteur Paul Winterer bereits vorsorglich als "Skandal-Regisseur" angekündigt wird, und das Publikum augenscheinlich nur zwischen der Assoziation "Gefängnis oder Irrenhaus " wählen kann, reagiert das "verwöhnte" Münchner Publikum natürlich schnell "verstört". Es geht um Beethoven, um Fidelio, und damit um das von den Deutschen gepachtete "Freiheitsopus" des großen Komponisten, der der Romantik den Weg geebnet hat. Noch älter als das andere opus magnum der Freiheit, der Marsch der 200.000 um den Leipziger Altstadtring, dessen Kitschwerdung mit jedem Lichterfest neue Dimensionen annimmt. Als "Weihnachtsgeschenk" eigne sich zumindest die Inszenierung Bieitos nicht, klagt Winterer, "zu ausweglos und bar jeder Zuversicht kommt die Deutung des Katalanen daher." An Guantanamo möchte man auch nicht erinnert werden. Kein Wunder, die haben da unten ja noch nicht mal ein Spendenkonto. Ein Käfig aus Alu und Plexi auf der Bühne (Rebecca Ringst), ungesetzliche kubanische Gefangenenlager im Sinn, belanglose Regie-Gags zum Abreagieren. Und ein schwaches Bayerisches Staatsorchester im Ohr. "Am Schluss liefern sich die illustren Premierenbesucher einen Wettstreit aus Bravi und Buh-Rufen." Siehe da: ein Erfolg.
Im kollektiven Bewusstsein (!) verankert ist allerdings, dass Weihnachten nahezu ein Synonym für allgemeine Schenkerei ist. Daran war Luther wohl nicht unschuldig, der dafür sorgte, dass das Christkind den heiligen Nikolaus als Geschenkebringer der Kinder ablöste. In den Charts der Wohltäter treten daneben noch der Weihnachtsmann und Knecht Ruprecht auf, letzterer ist wegen seiner Rute, deren Benutzung bei schwachen Kopfnoten angedroht wird, allerdings auf dem absteigenden Ast.
Eine Art des modernen regionalen Nikolaus (oder eben Weihnachtsmanns, ganz nach Gusto) ist die Leipziger Institution der Kulturpaten, die eine win-win-Situation von Schenkern und Beschenkten herstellen möchte. Der Clou: Es geht nicht um Geld, aber um etwas, für das man ohne Geber Geld hätte aufwenden müssen. Beratung. Technischen Support. Grafische Dienstleistung usw. Jörg Müller fand die Idee dazu in Köln und importierte sie in Leipzig. Gudula Kienemund moderiert diplomatisch und geschickt die Wünsche der Geber und Nehmer, die beide auch Nehmer und Geber sind. Nachhaltigkeit sei durchaus üblich: Schneeballeffekte und gute Netzwerke ergäben sich, betonen die Kulturpaten im Gespräch mit Mark Daniel. Außerdem sind eben doch Förderer gefragt. Denn auch die Vermittlungs-Arbeit "unter dem Dach der Freiwilligenagentur" muss finanziert werden. Größere Bekanntheit hätten sie daher gerne, aber mehr als 25 neue Patenschaften pro Jahr seien dennoch nicht vermittelbar. Eine "Warteschleife von Interessenten" sei schon vorhanden.
Von allzu unromantischen Vorstellungen will das Publikum weder im Weihnachtsmärchen noch in der Oper behelligt werden. Nicht nur, dass die Spielpläne der deutschen Opernhäuser zur Adventszeit noch monokultureller aussehen als ohnehin schon üblich. Wenn der Regisseur Calixto Bieito heißt, der von lvz redakteur Paul Winterer bereits vorsorglich als "Skandal-Regisseur" angekündigt wird, und das Publikum augenscheinlich nur zwischen der Assoziation "Gefängnis oder Irrenhaus " wählen kann, reagiert das "verwöhnte" Münchner Publikum natürlich schnell "verstört". Es geht um Beethoven, um Fidelio, und damit um das von den Deutschen gepachtete "Freiheitsopus" des großen Komponisten, der der Romantik den Weg geebnet hat. Noch älter als das andere opus magnum der Freiheit, der Marsch der 200.000 um den Leipziger Altstadtring, dessen Kitschwerdung mit jedem Lichterfest neue Dimensionen annimmt. Als "Weihnachtsgeschenk" eigne sich zumindest die Inszenierung Bieitos nicht, klagt Winterer, "zu ausweglos und bar jeder Zuversicht kommt die Deutung des Katalanen daher." An Guantanamo möchte man auch nicht erinnert werden. Kein Wunder, die haben da unten ja noch nicht mal ein Spendenkonto. Ein Käfig aus Alu und Plexi auf der Bühne (Rebecca Ringst), ungesetzliche kubanische Gefangenenlager im Sinn, belanglose Regie-Gags zum Abreagieren. Und ein schwaches Bayerisches Staatsorchester im Ohr. "Am Schluss liefern sich die illustren Premierenbesucher einen Wettstreit aus Bravi und Buh-Rufen." Siehe da: ein Erfolg.
Montag, 20. Dezember 2010
lvz kultur vom 20.12.10: Lena und Raab, Dieter Bohlen, Streusalz & Romero & Klein
Die lvz kultur fährt eine interessante Doppelstrategie. Auf der einen Seite geriert sie immer stärker zum Boulevard der medialen Quotenhits. Auf der anderen arbeitet sie an ihrer journalistischen Ehrenrettung durch vermehrten Einsatz von Scherz, Satire, Ironie und gelegentlicher Bedeutungssuche. Mark Daniel sprüht geradezu vor Spott und Sprachspielen in seinem Aufmacher über Stephan Raabs Vermarktung der Grand-Prix-Lena und die altehrwürdige Tante dpa schafft es, allein durch Zitate der Moderatoren von "Supertalent 2010" die RTL-Show der Lächerlichkeit preiszugeben. Da will selbst kultur chef Peter Korfmacher nicht nachstehen und schafft es via "ausgepresst", der Straßenreinigung der Stadt die Weisheit von Zen-Buddhisten anzudichten, an die Streusalzhersteller das Gütesiegel der DDR-Planwirtschaft zu vergeben und sich zudem zum Rächer der geschundenen Leipziger Kinderseele aufzuschwingen.
Mit der 28 Jahre währenden musikalischen Bedeutungslosigkeit Deutschlands läßt sich laut Mark Daniel das lustvolle mediale Stöhnen vor und nach Oslo kaum hinlänglich erklären. Da braucht es auch einen magischen Müller-Meister namens Stephan Raab, der sein Lehrmädchen, eine "kesse, zauberhafte Hannoveranerin", in den "Orbit der Unsterblichkeit" zu befördern weiß. Im "Vollrausch" ließ sich der NDR dazu hinreißen, "Lena nazionale" ohne Konkurrenz eines Vorentscheids die Titelverteidigung 2011 zu ermöglichen. Was die Fernsehdirektoren und Rundfunkchefs nicht so witzig fanden, immerhin kostet das quotenträchtige Vorauswahlsendungen. Als Kompromiss fand man nun die salomonische Formel, dass nun doch drei (!) Vorentscheide stattfinden sollen. Sie sollen allerdings nur darüber entscheiden, mit welchem Song Lena beim Contest in Düsseldorf antreten solle.
Am Ende seines wie ein frischer Landregen über giftige Bleiwüsten niedergehenden Artikels setzt sich Daniel noch schnell dem Volkszorn aus, indem er an der Bedeutung zweifelt, mit der sich über eine "durchschnittliche Sängerin" in einem "mittelprächtigen Wettbewerb" auch nur aufzuregen lohne, obwohl er das "Prozedere" für den Wettstreit als "an Absurdität nicht zu überbieten" anmarkert.
Bei der Freakparade von "Supertalent 2010" gewann RTL-Freddy, dessen Doppelname Sahin-Scholl wie auch seine Doppelstimmlagen tiefer Bassbariton und Knaben-Sopran erst Dieter Bohlen und dann das deutsche Volk ergriffen. Im dpa-Bericht werden die hingestammelten Juroren zitiert (In Klammern die wissenschaftlichen Bezeichnungen der Sprachstörungen). Bruce Darnell: "Du bist mehr als ein Talent. Du biss von eine andere Plonet fur müsch" (Amnestische Aphasie verbunden mit Mangel an Sprachkursen im Rahmen der Integrationsbemühungen). Sylvie van der Vaart gab bekannt, dass sie "immer wieder fasziniert mit dieses Wechseln von die beide Stimmen" gewesen sei (Wernicke-Aphasie, ebenfalls verbunden mit Des-Integrationstendenzen), schließlich Dieter Bohlen: "Das ist also Supertalent. Das ist das, was wir hier genau suchen" (Broca-Aphasie auf dem Weg zur Globalen Aphasie). RTL-Deutschland-Chefin Anke Schäferkordt wurde mitgeteilt, dass ihr Antrag auf Verlängerung des Förderschul-Zertifikats Deutsch für die Sprach-Vorschule überdacht werden müsse. Erwogen werden laut Alt-Ministerpräsident Stoiber, neuentwickelte Sprachtests für Inländer, lebenslanges Lernen dürfe nicht zur puren Floskel verkommen, man wolle aber dem Grundsatz "fördern und fordern" nachkommen und hoffe, bis zur nächsten Staffel von "Supertalent 2011" bla...blub...usw.
Peter Korfmacher lobt die Stadtreinigung Leipzigs, die in weiser Voraussicht möglichen mentalen Schockzuständen vorgebeugt habe, indem sie die Bevölkerung sukzessive an ein Leben ohne Streusalz und Split auf Leipzigs Straßen gewöhnt habe, zeichnet darüber hinaus den namhaften Kasseler Streugut-Hersteller K+S dafür aus, unbeirrbar an den 5-Jahres-Planvorgaben des DDR-Staatsrats von 2006 festzuhalten, die eine gleichbleibende Produktionsmenge des Jahresendzeitartikels vorschreibt und sich auch nicht von Bagatellen wie Vorjahreserfahrungen von 4 Quartale alten Lieferengpässen desselben Konsumguts beeinflussen lasse. Leicht überfrachtet wirkt das korfmachersche "ausgepresst", wenn es in den letzten drei Zeilen noch eine Lobeshymne auf konfuzianische Gelassenheit ausspricht, indem die Platzanweiser der Märchen-Eisenbahn auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt erst an den Unfreundlichkeitspranger gestellt werden, dieselbe "erlesene" Eisenbahner-Lerneinheit allerdings im Fortgang als unkonventionelle Integrationsmaßnahme in den Kinder-Alltag verstanden wissen will. Was denn nun, Meister Korfmacher?
"Einstimmigen Applaus" gibt Nina May der Komödie "Offene Zweierbeziehung" von "Dario Fo und Ehefrau Franca" am Theater der Jungen Welt. Die Inszenierung Jürgen Zielinskis zeige, dass "derlei Geschlechterkämpfe nicht zwangsläufig im sattsam bekannten Klischee steckenbleiben" müssten (stattdessen in Wunden gelegte Finger; keine Versöhnung am Ende!), könne vielmehr einem "ausgelutschten Thema" noch manchen Witz entlocken. "Der Charme des Abends besteht vor allem im Spiel von Romero und Roland Klein", die Zielinski "um die Gunst des Publikums buhlen" lässt, während "für ein bisschen Spannung" Susann Fiedler und "der Kurzauftritt eines mysteriösen Atomforschers" sorgen. Auch Bühnenbildner Fabian Gold wird für seine Realisierung des "trauten Heims als gefängnisartige Zelle" in die Lobeshymne einbezogen. Einzig die Überschrift des Artikels ("Im Einheitsbrei des Paarlebens") klingt merkwürdig deplatziert zu Nina Mays Text.
Mit der 28 Jahre währenden musikalischen Bedeutungslosigkeit Deutschlands läßt sich laut Mark Daniel das lustvolle mediale Stöhnen vor und nach Oslo kaum hinlänglich erklären. Da braucht es auch einen magischen Müller-Meister namens Stephan Raab, der sein Lehrmädchen, eine "kesse, zauberhafte Hannoveranerin", in den "Orbit der Unsterblichkeit" zu befördern weiß. Im "Vollrausch" ließ sich der NDR dazu hinreißen, "Lena nazionale" ohne Konkurrenz eines Vorentscheids die Titelverteidigung 2011 zu ermöglichen. Was die Fernsehdirektoren und Rundfunkchefs nicht so witzig fanden, immerhin kostet das quotenträchtige Vorauswahlsendungen. Als Kompromiss fand man nun die salomonische Formel, dass nun doch drei (!) Vorentscheide stattfinden sollen. Sie sollen allerdings nur darüber entscheiden, mit welchem Song Lena beim Contest in Düsseldorf antreten solle.
Am Ende seines wie ein frischer Landregen über giftige Bleiwüsten niedergehenden Artikels setzt sich Daniel noch schnell dem Volkszorn aus, indem er an der Bedeutung zweifelt, mit der sich über eine "durchschnittliche Sängerin" in einem "mittelprächtigen Wettbewerb" auch nur aufzuregen lohne, obwohl er das "Prozedere" für den Wettstreit als "an Absurdität nicht zu überbieten" anmarkert.
Bei der Freakparade von "Supertalent 2010" gewann RTL-Freddy, dessen Doppelname Sahin-Scholl wie auch seine Doppelstimmlagen tiefer Bassbariton und Knaben-Sopran erst Dieter Bohlen und dann das deutsche Volk ergriffen. Im dpa-Bericht werden die hingestammelten Juroren zitiert (In Klammern die wissenschaftlichen Bezeichnungen der Sprachstörungen). Bruce Darnell: "Du bist mehr als ein Talent. Du biss von eine andere Plonet fur müsch" (Amnestische Aphasie verbunden mit Mangel an Sprachkursen im Rahmen der Integrationsbemühungen). Sylvie van der Vaart gab bekannt, dass sie "immer wieder fasziniert mit dieses Wechseln von die beide Stimmen" gewesen sei (Wernicke-Aphasie, ebenfalls verbunden mit Des-Integrationstendenzen), schließlich Dieter Bohlen: "Das ist also Supertalent. Das ist das, was wir hier genau suchen" (Broca-Aphasie auf dem Weg zur Globalen Aphasie). RTL-Deutschland-Chefin Anke Schäferkordt wurde mitgeteilt, dass ihr Antrag auf Verlängerung des Förderschul-Zertifikats Deutsch für die Sprach-Vorschule überdacht werden müsse. Erwogen werden laut Alt-Ministerpräsident Stoiber, neuentwickelte Sprachtests für Inländer, lebenslanges Lernen dürfe nicht zur puren Floskel verkommen, man wolle aber dem Grundsatz "fördern und fordern" nachkommen und hoffe, bis zur nächsten Staffel von "Supertalent 2011" bla...blub...usw.
Peter Korfmacher lobt die Stadtreinigung Leipzigs, die in weiser Voraussicht möglichen mentalen Schockzuständen vorgebeugt habe, indem sie die Bevölkerung sukzessive an ein Leben ohne Streusalz und Split auf Leipzigs Straßen gewöhnt habe, zeichnet darüber hinaus den namhaften Kasseler Streugut-Hersteller K+S dafür aus, unbeirrbar an den 5-Jahres-Planvorgaben des DDR-Staatsrats von 2006 festzuhalten, die eine gleichbleibende Produktionsmenge des Jahresendzeitartikels vorschreibt und sich auch nicht von Bagatellen wie Vorjahreserfahrungen von 4 Quartale alten Lieferengpässen desselben Konsumguts beeinflussen lasse. Leicht überfrachtet wirkt das korfmachersche "ausgepresst", wenn es in den letzten drei Zeilen noch eine Lobeshymne auf konfuzianische Gelassenheit ausspricht, indem die Platzanweiser der Märchen-Eisenbahn auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt erst an den Unfreundlichkeitspranger gestellt werden, dieselbe "erlesene" Eisenbahner-Lerneinheit allerdings im Fortgang als unkonventionelle Integrationsmaßnahme in den Kinder-Alltag verstanden wissen will. Was denn nun, Meister Korfmacher?
"Einstimmigen Applaus" gibt Nina May der Komödie "Offene Zweierbeziehung" von "Dario Fo und Ehefrau Franca" am Theater der Jungen Welt. Die Inszenierung Jürgen Zielinskis zeige, dass "derlei Geschlechterkämpfe nicht zwangsläufig im sattsam bekannten Klischee steckenbleiben" müssten (stattdessen in Wunden gelegte Finger; keine Versöhnung am Ende!), könne vielmehr einem "ausgelutschten Thema" noch manchen Witz entlocken. "Der Charme des Abends besteht vor allem im Spiel von Romero und Roland Klein", die Zielinski "um die Gunst des Publikums buhlen" lässt, während "für ein bisschen Spannung" Susann Fiedler und "der Kurzauftritt eines mysteriösen Atomforschers" sorgen. Auch Bühnenbildner Fabian Gold wird für seine Realisierung des "trauten Heims als gefängnisartige Zelle" in die Lobeshymne einbezogen. Einzig die Überschrift des Artikels ("Im Einheitsbrei des Paarlebens") klingt merkwürdig deplatziert zu Nina Mays Text.
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Jürgen Zielinski,
K+S,
Lena Meyer-Landrut,
Nina May,
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Peter Korfmacher,
Stephan Raab,
Sylvie van der Vaart
Montag, 13. Dezember 2010
lvz kultur vom 13.12.10: Abwahl Faber, Chemnitz, Skala & Kultur(räume)
Die Zusammenarbeit Michael Fabers mit OBM Jung sei "eng und vertrauensvoll" gewesen, gegen die Novellierung des Kulturraumgesetzes habe er bereits im März 2010 seine Position in Dresden deutlich gemacht und hoffe auch jetzt noch auf dessen Ablehnung, hätte man ihn auf seinem Kurztrip nach Paris, wo er während der Veröffentlichung des Rechtsgutachtens von Prof. Ossenbühl weilte, erreichen wollen, wäre dies ohne Problem möglich gewesen usw.
In seinem Interview mit Peter Korfmacher konstatiert Noch-Kulturdezernent Michael Faber, dass "man für seine Anschauungen bezahlen muss, auch wenn einen das möglicherweise das Amt kostet." Doch welche seiner Anschauungen ihn das Amt kosten könnte, wird nach seinen Aussagen nicht deutlich. Verfehlungen könne man ihm nicht vorweisen. Auch akzeptierte er jede OBM-Anweisung, die aus Gründen übergeordneter Stadtinteressen auch gegen die Position des Kulturbürgermeisters hätte getroffen werden müssen, anstandslos.
Widerhaken gegen den OBM sind allein in seiner Eigeneinschätzung, er sei "zu wenig homo politicus" und in der Frage der Feierlichkeiten zum 9. Oktober erkennbar, es sei allerdings ein Unterschied, ob er als seinerzeit aktiver Streiter für die "Wiedererlangung der Demokratie" und heute leidenschaftlicher Verfechter des Lichtfestes seine Meinung kundtäte oder jemand - wie der OBM? -, der "das historische Ereignis nur als Event feiert."
Faber ist erkennbar verletzt darüber, dass "interne Vorgänge und Kritik medial vorgetragen" worden seien, statt im Rathaus ausgetragen und dass er selbst zu seiner Abwahl nicht einmal angehört würde, zumal die Vorwürfe gegen ihn widerlegt werden könnten. Also geht er erhobenen Hauptes zur Schlachtbank, im Glauben, dass unterschiedliche Auffassungen über Leipzigs Kultur der Zukunft zu seiner Abwahl führen.
Die Stadt Chemnitz müsse in den kommenden fünf Jahren 50 Mio € einsparen, darunter wird auch die Kultur massiv leiden. Allein das Theater Chemnitz müsse in dieser Zeit 10 Mio € einsparen, betroffen seien auch das Kulturzentrum DAStietz (1,5 Mio € bis 2015), die Chemnitzer Kunstsammlungen (keine Sonderausstellungen mehr im Museum Gunzenhauser ab 2012) und Einsparungen in der freien Kulturförderung, die ohnehin schon seit Jahren sträflich vernachlässigt werde.
Theaterintendant Bernd Hellmich spitzte die Situation für sein Theater auf die Frage zu, bereits bis 2015 werde bei Umsetzung der geplanten Kürzungen eine Entscheidung fallen müssen, ob Oper und Orchester wegfallen oder alles andere zusammen (Schauspiel, Figurentheater und Ballett). Kristin Seelbach, Svenja Vennemann, Dominik Bath, Sören Harder und Ulrike Sauer, die den Bericht verfassten, merkten an, dass die Novellierung des Kulturraumgesetzes der Kultur der Stadt Chemnitz zusätzlich 400.000 € pro Jahr nehmen würde.
In seinen Antworten auf Mathias Wöbkings Fragen zur Novellierung des Kulturraumgesetzes steht heute der CDU-Politiker Sebastian Gemkow Rede und Antwort. Das heißt, wie auch die anderen CDU und teilweise FDP-Vertreter gibt er nichts weiter als gestanzte Antworten, auf die wegen der vorher feststehenden Fragen nicht mehr nachgehakt werden kann, ein großer Nachteil der Interviewreihe, wie man konstatieren muss. Dies erleichtert natürlich den Politikern, Behauptungen in die Welt zu setzen, die man nur schlichtweg als gelogen bezeichnen kann. Der eigentliche Schwachpunkt der Novelle ist: Muss Leipzig, wie die anderen Kulturräume auch, sparen, damit es Dresdens Einrichtungen besser gehen kann?
Wiederkehrendes Muster in den Antworten von Schwarz-Gelb war bisher die Zurückweisung der Behauptung mit der Feststellung, dass Leipzig bei einem Vergleich der Zuwendungen aus den Kulturräumen den bei weitem größten Anteil erhielte, nämlich ca. 30 Mio €, ca. ein Drittel aller Mittel. Dies ist allerdings nicht einmal die Hälfte der Wahrheit.
Aus den Kulturraumgeldern erhält die Stadt Dresden tatsächlich kaum etwas. Das braucht sie aber auch nicht. Denn: Allein für die laufenden Kosten von Staatsoper und Staatsschauspiel, die in Dresden Landesbetriebe sind und keine städtischen, zahlt das Land Sachsen in 2011 insgesamt 58 Mio €, das Doppelte des Anteils, den Dresden via Kulturraumgelder an Leipzig zahlen wird. Die Semperoper wird 2010 mit 40,53 Mio € unterstützt, für 2011 sind 44,57 Mio € geplant (+ 4,0 Mio €) und für 2012 45,700 Mio € (+1,1 Mio €) geplant. Das Staatsschauspiel erhielt vom Land für 2010 insgesamt 17,19 Mio €, für 2011 sollen es 17,05 Mio € und für 2012 17,45 Mio € sein, abzüglich der Überweisungen von 4,0 Mio €, die die Stadt Dresden jährlich (2010/2011/2012) ans Land zahlt, sind das immer noch mehr als 13 Mio €. Alle Zahlen sind nachzulesen im Haushaltsplan des SMWK (Haushaltsplan 12) für 2011/2012. Diese Tatsachen waren allen Abgeordneten des Landes bekannt, die in ihren Antworten bewusst falsche Tatsachen in den Raum stellten und so tun, als sei Leipzig der Schmarotzer.
Steffen Georgi hat in der Skala den Abend "Schlafes Bruder" mit Marina Frenk als "Elias, oder besser - ein Medium, durch das Textfragmente des Romans strömen" gesehen. Nun mag Georgi schon die Vorlage, den Roman von Robert Schneider nicht, eine Mischung aus "Passionsgeschichte voller Mysterien-Raunen, bäuerlichem Archaik-Kunstgewerbe und der Folklore vom sich an schnöder Welt aufreibendem sensiblem Genie." Anfänglich durchaus fesselnd, danach fade ("man mag das süß finden") Interaktionen als Klischees attitüdenhafter experimenteller Inszenierungen der 80er-Jahre ("Delirium"), bevor ein Film die Frenk bei einem Verhör zeigt, das zunehmend irrsinniger und komischer wird, bevor sie endlich "Schlafes Bruder" als 120-strophiges russisches Volkslied auf Rollschuhen zum besten gibt und dabei Salami verteilt. Georgi ertappt sich dabei, als Nörgler an dieser Stelle durch die selbstironische Volte der Performance (Dramaturgie: Anja Nioduschewski) den Stinkefinger gezeigt zu bekommen.
In seinem Interview mit Peter Korfmacher konstatiert Noch-Kulturdezernent Michael Faber, dass "man für seine Anschauungen bezahlen muss, auch wenn einen das möglicherweise das Amt kostet." Doch welche seiner Anschauungen ihn das Amt kosten könnte, wird nach seinen Aussagen nicht deutlich. Verfehlungen könne man ihm nicht vorweisen. Auch akzeptierte er jede OBM-Anweisung, die aus Gründen übergeordneter Stadtinteressen auch gegen die Position des Kulturbürgermeisters hätte getroffen werden müssen, anstandslos.
Widerhaken gegen den OBM sind allein in seiner Eigeneinschätzung, er sei "zu wenig homo politicus" und in der Frage der Feierlichkeiten zum 9. Oktober erkennbar, es sei allerdings ein Unterschied, ob er als seinerzeit aktiver Streiter für die "Wiedererlangung der Demokratie" und heute leidenschaftlicher Verfechter des Lichtfestes seine Meinung kundtäte oder jemand - wie der OBM? -, der "das historische Ereignis nur als Event feiert."
Faber ist erkennbar verletzt darüber, dass "interne Vorgänge und Kritik medial vorgetragen" worden seien, statt im Rathaus ausgetragen und dass er selbst zu seiner Abwahl nicht einmal angehört würde, zumal die Vorwürfe gegen ihn widerlegt werden könnten. Also geht er erhobenen Hauptes zur Schlachtbank, im Glauben, dass unterschiedliche Auffassungen über Leipzigs Kultur der Zukunft zu seiner Abwahl führen.
Die Stadt Chemnitz müsse in den kommenden fünf Jahren 50 Mio € einsparen, darunter wird auch die Kultur massiv leiden. Allein das Theater Chemnitz müsse in dieser Zeit 10 Mio € einsparen, betroffen seien auch das Kulturzentrum DAStietz (1,5 Mio € bis 2015), die Chemnitzer Kunstsammlungen (keine Sonderausstellungen mehr im Museum Gunzenhauser ab 2012) und Einsparungen in der freien Kulturförderung, die ohnehin schon seit Jahren sträflich vernachlässigt werde.
Theaterintendant Bernd Hellmich spitzte die Situation für sein Theater auf die Frage zu, bereits bis 2015 werde bei Umsetzung der geplanten Kürzungen eine Entscheidung fallen müssen, ob Oper und Orchester wegfallen oder alles andere zusammen (Schauspiel, Figurentheater und Ballett). Kristin Seelbach, Svenja Vennemann, Dominik Bath, Sören Harder und Ulrike Sauer, die den Bericht verfassten, merkten an, dass die Novellierung des Kulturraumgesetzes der Kultur der Stadt Chemnitz zusätzlich 400.000 € pro Jahr nehmen würde.
In seinen Antworten auf Mathias Wöbkings Fragen zur Novellierung des Kulturraumgesetzes steht heute der CDU-Politiker Sebastian Gemkow Rede und Antwort. Das heißt, wie auch die anderen CDU und teilweise FDP-Vertreter gibt er nichts weiter als gestanzte Antworten, auf die wegen der vorher feststehenden Fragen nicht mehr nachgehakt werden kann, ein großer Nachteil der Interviewreihe, wie man konstatieren muss. Dies erleichtert natürlich den Politikern, Behauptungen in die Welt zu setzen, die man nur schlichtweg als gelogen bezeichnen kann. Der eigentliche Schwachpunkt der Novelle ist: Muss Leipzig, wie die anderen Kulturräume auch, sparen, damit es Dresdens Einrichtungen besser gehen kann?
Wiederkehrendes Muster in den Antworten von Schwarz-Gelb war bisher die Zurückweisung der Behauptung mit der Feststellung, dass Leipzig bei einem Vergleich der Zuwendungen aus den Kulturräumen den bei weitem größten Anteil erhielte, nämlich ca. 30 Mio €, ca. ein Drittel aller Mittel. Dies ist allerdings nicht einmal die Hälfte der Wahrheit.
Aus den Kulturraumgeldern erhält die Stadt Dresden tatsächlich kaum etwas. Das braucht sie aber auch nicht. Denn: Allein für die laufenden Kosten von Staatsoper und Staatsschauspiel, die in Dresden Landesbetriebe sind und keine städtischen, zahlt das Land Sachsen in 2011 insgesamt 58 Mio €, das Doppelte des Anteils, den Dresden via Kulturraumgelder an Leipzig zahlen wird. Die Semperoper wird 2010 mit 40,53 Mio € unterstützt, für 2011 sind 44,57 Mio € geplant (+ 4,0 Mio €) und für 2012 45,700 Mio € (+1,1 Mio €) geplant. Das Staatsschauspiel erhielt vom Land für 2010 insgesamt 17,19 Mio €, für 2011 sollen es 17,05 Mio € und für 2012 17,45 Mio € sein, abzüglich der Überweisungen von 4,0 Mio €, die die Stadt Dresden jährlich (2010/2011/2012) ans Land zahlt, sind das immer noch mehr als 13 Mio €. Alle Zahlen sind nachzulesen im Haushaltsplan des SMWK (Haushaltsplan 12) für 2011/2012. Diese Tatsachen waren allen Abgeordneten des Landes bekannt, die in ihren Antworten bewusst falsche Tatsachen in den Raum stellten und so tun, als sei Leipzig der Schmarotzer.
Steffen Georgi hat in der Skala den Abend "Schlafes Bruder" mit Marina Frenk als "Elias, oder besser - ein Medium, durch das Textfragmente des Romans strömen" gesehen. Nun mag Georgi schon die Vorlage, den Roman von Robert Schneider nicht, eine Mischung aus "Passionsgeschichte voller Mysterien-Raunen, bäuerlichem Archaik-Kunstgewerbe und der Folklore vom sich an schnöder Welt aufreibendem sensiblem Genie." Anfänglich durchaus fesselnd, danach fade ("man mag das süß finden") Interaktionen als Klischees attitüdenhafter experimenteller Inszenierungen der 80er-Jahre ("Delirium"), bevor ein Film die Frenk bei einem Verhör zeigt, das zunehmend irrsinniger und komischer wird, bevor sie endlich "Schlafes Bruder" als 120-strophiges russisches Volkslied auf Rollschuhen zum besten gibt und dabei Salami verteilt. Georgi ertappt sich dabei, als Nörgler an dieser Stelle durch die selbstironische Volte der Performance (Dramaturgie: Anja Nioduschewski) den Stinkefinger gezeigt zu bekommen.
Montag, 6. Dezember 2010
lvz kultur vom 6.12.10: Gottschalk, Hänsel und Gretel & Kultur(räume)
Ein Wett-Kandidat bei Gottschalks "Wetten, dass..." hat "komplexe Verletzungen an der Halswirbelsäule", Rückenmarksschädigungen und Lähmungserscheinungen. Die Sendung wurde daraufhin abgebrochen. Der schlimme Unfall hatte sofort eine Diskussion über Gefahr und Konkurrenzkampf im heutigen Fernsehen, über Zynismus in den Medien, über Quoten und die Notwendigkeit einer neuen Fernsehethik zur Folge. In einem Kommentar schreibt Mark Daniel, "Allzu lange wird die Diskussion nicht dauern, denn bald bündelt die nächste durchs Medien-Dorf getriebene Sau alle Aufmerksamkeit und Empörung".
Vor 40, 30, 20 Jahren hätte es vielleicht - wie in der Politik - Abrüstungsverhandlungen "für den ganzen übersteuerten Zirkus der dumpfen Superlative" gegeben, Intendanten wie Präsidenten hätten eine Art von Vernunft walten lassen. Heute nicht mehr. Spieler beherrschen das Parkett. Die hier und jetzt im Konkurrenzkampf den Gewinn einfahren wollen. In Politik, Finanz- und sogenannter Realwirtschaft, Sport. Und Medien. Und uns selbst. Niemand zeige mit dem Finger auf den anderen. Daniel hat ja recht. Selbst die wichtigsten Debatten werden mehr oder weniger bewusst zu Tode geritten. Wort und Argumente abgenutzt, bis keines mehr brauchbar ist. Man sich selbst ekelt, darüber weiter zu reden. Nur - den Fernseher kann man im Zweifelsfall ausschalten. Für die Demokratie, geschweige das Klima, gibt es nicht mal einen stand-by.
Das sächsische Innenministerium (Minister Markus Ulbig, CDU) plant, von allen Initiativen und Vereinen, die vom Staat Geld erhalten, eine Treueerklärung auf die Verfassung einzufordern sowie von diesen eine Überprüfung aller ihrer Partner auf extremistische Tendenzen. Das beträfe dann nicht mehr "nur" Programme zur Förderung von Toleranz o.ä., sondern auch Fußballvereine oder Freiwillige Feuerwehren, wie Michael Bartsch schreibt. Der Staats- und VerfassungsrechtlerUllrich Battis von der Berliner Humboldt-Universität sieht für den zweiten Teil des Vorhabens allerdings keine rechtliche Grundlage. Lutz Richter vom Alternativen Kultur- und Bildungszentrum Pirna, die diese Erklärung verweigert haben, glaubt sogar eher an die Absicht, "Leute auf Linie zu bringen und Förderprogramme kräftig auszusieben."
Ob es wohl auch bald eine Klausel gibt, nach der Wirtschaftsunternehmen, die bestechen und betrügen, keine Wirtschaftshilfen oder öffentliche Aufträge mehr erhalten?
Peter Korfmacher muss lange suchen, um die Inszenierung "Hänsel und Gretel" an der Oper Leipzig schönzureden. Da er genug Platz zur Verfügung hat, findet er auch etwas, denn "nichts braucht die Oper im Moment so dringend wie einen solchen absehbaren Publikumserfolg." Sie braucht ihn scheinbar, um nicht sofort ohne Gnade in der derzeitig aufgeheizten Kürzungsdebatte ausgeschlachtet zu werden. Doch ein starker Publikumserfolg ("bietet viel fürs Auge, für die Ohren, fürs Gemüt") trotz oder wegen schwacher Inszenierung, die der Musik allen Raum lässt, und ihn z.B. den Sängern nimmt, ist eher ein Argument für eine Oper, die keine (über-)regionale Ausstrahlung braucht. Regisseurin Birgit Eckenweber gibt sich in Hänsel und Gretel "mit wenig Regie zufrieden", das erzeugt "Längen", vor allem im ersten Teil. Der "Vater" wird derweil von der Regie allein gelassen, "Mutter" und Kinder von der Ausstattung. Die effektheischende Ausstattung (Alexander Mudlagks) würde hier wie auch sonst oft zu Unrecht "mit Regie verwechselt". GMD Ulf Schirmer legt Tempi und Dynamik ohne Rücksicht auf die Sänger an, der Kinder- und Jugendchor agiert "hart an der Grenze zum Sakralkitsch", Besenbinder Peter sei gesanglich "ziemlich grobmotorisch". Auch sonst wenig Poesie. Natürlich auch gute Gesangsleistungen. Am Schluss das vernichtende Lob: "Kinder jedenfalls werden diese Produktion mögen und ihre Eltern und Großeltern auch."
"Muss sich Kultur rechnen?" Nein, befand gleich zu Beginn Bernhard Freiherr Loeffelholz von Colberg, ehemaliger Präsident des Sächsischen Kultursenats. Die Diskussionsrunde von Gewandhaus, mdr Figaro und lvz, über die Vera Wolfskämp schreibt, litt augenscheinlich an ihrer Zusammensetzung. Unter der Moderation von Peter Korfmacher (lvz) und Thomas Bille (mdr) fand sich kein Gegenredner, so dass der Intendant der Dresdner Musikfestspiele, Jan Vogler, für die abwesenden Ökonomen deren Position übernahm. Aus Überdruss, "ständig vom Geld sprechen" zu sollen, verkündete er euphorisch: "Es wird immer Kultur geben, solange es Publikum gibt!"
Dass das Ökonomische - wieder Loeffelholz - eine dienende Funktion gegenüber der Kultur habe, werden die Damen und Herren Politiker mit offenen Ohren aufgenommen haben. Zum einen herein, zum anderen heraus.
In der Interviewreihe mit Leipziger Landtagsabgeordneten zum Kulturraumgesetz, über das am 15. Dezember abgestimmt wird, antwortet heute Robert Clemen (CDU) den Fragen von Mathias Woebking. Clemen begründet seine Zustimmung zur Novellierung - und damit zur Kürzung der Gelder für alle bisherigen Kulturräume und ihrer Einrichtungen - mit einem neuen Konzept für die Landesbühnen Sachsen, das eindeutig auf Kosten städtischer Kultur gehen soll. Clemen will die Landesbühnen "als Ersatz für bestehende oder schon nicht mehr existierende Kulturangebote" den Kulturräumen unterjubeln. Die Kulturräume seien ohnehin weniger der "urbanen Ballungsräume" wegen, als für die ländlichen Regionen des Freistaats geschaffen worden.
Es erscheint geradezu grotesk, dass mit dieser Argumentation eine Landeseinrichtung des Freistaats in die kommunale Verantwortung hinein (und auf Kosten der Kommunen) entlassen werden soll, während gleichzeitig Dresdens Repräsentationkultur als eigentliches Spielfeld der sächsischen Kulturpolitik erkoren wird. Das Rechtsgutachten Prof. Ossenbühls bezweifelt gerade die Rechtmäßigkeit dieses Vorhabens. Gleichzeitig sollen die Sitzgemeinde Radebeul, der Landkreis und die Mittelstädte "in der Fläche" ebenfalls für die Landesbühnen Sachsen zahlen, obwohl ihnen künftig weniger Geld zur Verfügung stehen wird. Die verarmten Kommunen durch vielerlei Kürzungen im Regen stehen zu lassen, sie gleichzeitig zu höheren Eigenleistungen aufzufordern und ihre weniger werden Mittel nicht mehr für die gewachsene Kultur vor Ort, sondern für ein Ufo aus Radebeul einzusetzen, ist in Sachsen niemals diskutiert worden. Es ist Erpressung von Seiten des Landes, die nicht an die Wichtigkeit ihrer eigenen Kultureinrichtungen glaubt, sofern sie nicht in Dresdens Stadtgrenzen angesiedelt sind.
Anders würde sich diese Argumentation darstellen, wenn das Land die Kosten für die Landesbühnen auf die Zuschüsse für die Kulturräume drauflegte. Dann bliebe den Städten die Option und die Verhandlungsmöglichkeiten, ob sie die Angebote der Landesbühnen nutzen wollen und können.
Dass Clemen selbst nicht recht an seine Argumentation glaubt, ist auch der vollends verqueren Rechnung anzusehen, mit der er Zuschusserhöhungen von 2005 mit geplanten Kürzungen 2010 verrechnen will und sich so die Zuschüsse an Leipzig selbst schönrechnet. Das ist plump und unwürdig, nicht nur seinen Wählern gegenüber.
Außerdem feiert Rolf Hoppe in seinem zum Theater umgebauten Kuhstall am Rande Dresdens seinen 80. Geburtstag. "Nie war Rock mehr Pop": Die Sportfreunde Stiller haben für Jennifer Beck eine Rolle rückwärts gemacht, ihr Konzert in der Arena war zum einen eine Zeitreise in die 90er und gipfelte in der "Massenkompatibilität". Caroline Bock berichtet über den Triumph für Roman Polanskis in Babelsberg gedrehten Thriller "Der Ghostwriter" beim Europäischen Filmpreis, bei dem er gleich sechs Trophäen abräumte. Beth Ditto und ihre Band Gossip überzeugten Caroline Baetge in der Arena. Die "One-Woman-Show" sei nicht nur überzeugend, sondern in ihrer erfolgreichen Attacke auf gängige "Schönheitsideale" wenn schon nicht "echt", dann immerhin doch sympathisch. Ali Samadi Ahadi erhält den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis für seine Dokumentation der iranischen Wahlen 2009. Benedikt Leßmann konzediert dem Dirigenten der Berlin Sinfonietta, Francesco La Vecchia, "dirigentisches Unvermögen" in vielfacher Hinsicht. Das Publikum, das "professionell" abkassiert würde, erhalte nur "mediokres" Gespiele. Anja Gronau hat es sich in ihrer Fassung des Kleistschen Kohlhaas augenscheinlich zu einfach gemacht. Spontisprüche und ein allgemeines "Lob des Widerstands" könnte nicht mal dem Publikum einen Spiegel vorhalten, sofern es das denn wollte. "Wer immer nur komisch ist", könne kaum ernst genommen werden, meint Magdalena Fröhlich.
Vor 40, 30, 20 Jahren hätte es vielleicht - wie in der Politik - Abrüstungsverhandlungen "für den ganzen übersteuerten Zirkus der dumpfen Superlative" gegeben, Intendanten wie Präsidenten hätten eine Art von Vernunft walten lassen. Heute nicht mehr. Spieler beherrschen das Parkett. Die hier und jetzt im Konkurrenzkampf den Gewinn einfahren wollen. In Politik, Finanz- und sogenannter Realwirtschaft, Sport. Und Medien. Und uns selbst. Niemand zeige mit dem Finger auf den anderen. Daniel hat ja recht. Selbst die wichtigsten Debatten werden mehr oder weniger bewusst zu Tode geritten. Wort und Argumente abgenutzt, bis keines mehr brauchbar ist. Man sich selbst ekelt, darüber weiter zu reden. Nur - den Fernseher kann man im Zweifelsfall ausschalten. Für die Demokratie, geschweige das Klima, gibt es nicht mal einen stand-by.
Das sächsische Innenministerium (Minister Markus Ulbig, CDU) plant, von allen Initiativen und Vereinen, die vom Staat Geld erhalten, eine Treueerklärung auf die Verfassung einzufordern sowie von diesen eine Überprüfung aller ihrer Partner auf extremistische Tendenzen. Das beträfe dann nicht mehr "nur" Programme zur Förderung von Toleranz o.ä., sondern auch Fußballvereine oder Freiwillige Feuerwehren, wie Michael Bartsch schreibt. Der Staats- und VerfassungsrechtlerUllrich Battis von der Berliner Humboldt-Universität sieht für den zweiten Teil des Vorhabens allerdings keine rechtliche Grundlage. Lutz Richter vom Alternativen Kultur- und Bildungszentrum Pirna, die diese Erklärung verweigert haben, glaubt sogar eher an die Absicht, "Leute auf Linie zu bringen und Förderprogramme kräftig auszusieben."
Ob es wohl auch bald eine Klausel gibt, nach der Wirtschaftsunternehmen, die bestechen und betrügen, keine Wirtschaftshilfen oder öffentliche Aufträge mehr erhalten?
Peter Korfmacher muss lange suchen, um die Inszenierung "Hänsel und Gretel" an der Oper Leipzig schönzureden. Da er genug Platz zur Verfügung hat, findet er auch etwas, denn "nichts braucht die Oper im Moment so dringend wie einen solchen absehbaren Publikumserfolg." Sie braucht ihn scheinbar, um nicht sofort ohne Gnade in der derzeitig aufgeheizten Kürzungsdebatte ausgeschlachtet zu werden. Doch ein starker Publikumserfolg ("bietet viel fürs Auge, für die Ohren, fürs Gemüt") trotz oder wegen schwacher Inszenierung, die der Musik allen Raum lässt, und ihn z.B. den Sängern nimmt, ist eher ein Argument für eine Oper, die keine (über-)regionale Ausstrahlung braucht. Regisseurin Birgit Eckenweber gibt sich in Hänsel und Gretel "mit wenig Regie zufrieden", das erzeugt "Längen", vor allem im ersten Teil. Der "Vater" wird derweil von der Regie allein gelassen, "Mutter" und Kinder von der Ausstattung. Die effektheischende Ausstattung (Alexander Mudlagks) würde hier wie auch sonst oft zu Unrecht "mit Regie verwechselt". GMD Ulf Schirmer legt Tempi und Dynamik ohne Rücksicht auf die Sänger an, der Kinder- und Jugendchor agiert "hart an der Grenze zum Sakralkitsch", Besenbinder Peter sei gesanglich "ziemlich grobmotorisch". Auch sonst wenig Poesie. Natürlich auch gute Gesangsleistungen. Am Schluss das vernichtende Lob: "Kinder jedenfalls werden diese Produktion mögen und ihre Eltern und Großeltern auch."
"Muss sich Kultur rechnen?" Nein, befand gleich zu Beginn Bernhard Freiherr Loeffelholz von Colberg, ehemaliger Präsident des Sächsischen Kultursenats. Die Diskussionsrunde von Gewandhaus, mdr Figaro und lvz, über die Vera Wolfskämp schreibt, litt augenscheinlich an ihrer Zusammensetzung. Unter der Moderation von Peter Korfmacher (lvz) und Thomas Bille (mdr) fand sich kein Gegenredner, so dass der Intendant der Dresdner Musikfestspiele, Jan Vogler, für die abwesenden Ökonomen deren Position übernahm. Aus Überdruss, "ständig vom Geld sprechen" zu sollen, verkündete er euphorisch: "Es wird immer Kultur geben, solange es Publikum gibt!"
Dass das Ökonomische - wieder Loeffelholz - eine dienende Funktion gegenüber der Kultur habe, werden die Damen und Herren Politiker mit offenen Ohren aufgenommen haben. Zum einen herein, zum anderen heraus.
In der Interviewreihe mit Leipziger Landtagsabgeordneten zum Kulturraumgesetz, über das am 15. Dezember abgestimmt wird, antwortet heute Robert Clemen (CDU) den Fragen von Mathias Woebking. Clemen begründet seine Zustimmung zur Novellierung - und damit zur Kürzung der Gelder für alle bisherigen Kulturräume und ihrer Einrichtungen - mit einem neuen Konzept für die Landesbühnen Sachsen, das eindeutig auf Kosten städtischer Kultur gehen soll. Clemen will die Landesbühnen "als Ersatz für bestehende oder schon nicht mehr existierende Kulturangebote" den Kulturräumen unterjubeln. Die Kulturräume seien ohnehin weniger der "urbanen Ballungsräume" wegen, als für die ländlichen Regionen des Freistaats geschaffen worden.
Es erscheint geradezu grotesk, dass mit dieser Argumentation eine Landeseinrichtung des Freistaats in die kommunale Verantwortung hinein (und auf Kosten der Kommunen) entlassen werden soll, während gleichzeitig Dresdens Repräsentationkultur als eigentliches Spielfeld der sächsischen Kulturpolitik erkoren wird. Das Rechtsgutachten Prof. Ossenbühls bezweifelt gerade die Rechtmäßigkeit dieses Vorhabens. Gleichzeitig sollen die Sitzgemeinde Radebeul, der Landkreis und die Mittelstädte "in der Fläche" ebenfalls für die Landesbühnen Sachsen zahlen, obwohl ihnen künftig weniger Geld zur Verfügung stehen wird. Die verarmten Kommunen durch vielerlei Kürzungen im Regen stehen zu lassen, sie gleichzeitig zu höheren Eigenleistungen aufzufordern und ihre weniger werden Mittel nicht mehr für die gewachsene Kultur vor Ort, sondern für ein Ufo aus Radebeul einzusetzen, ist in Sachsen niemals diskutiert worden. Es ist Erpressung von Seiten des Landes, die nicht an die Wichtigkeit ihrer eigenen Kultureinrichtungen glaubt, sofern sie nicht in Dresdens Stadtgrenzen angesiedelt sind.
Anders würde sich diese Argumentation darstellen, wenn das Land die Kosten für die Landesbühnen auf die Zuschüsse für die Kulturräume drauflegte. Dann bliebe den Städten die Option und die Verhandlungsmöglichkeiten, ob sie die Angebote der Landesbühnen nutzen wollen und können.
Dass Clemen selbst nicht recht an seine Argumentation glaubt, ist auch der vollends verqueren Rechnung anzusehen, mit der er Zuschusserhöhungen von 2005 mit geplanten Kürzungen 2010 verrechnen will und sich so die Zuschüsse an Leipzig selbst schönrechnet. Das ist plump und unwürdig, nicht nur seinen Wählern gegenüber.
Außerdem feiert Rolf Hoppe in seinem zum Theater umgebauten Kuhstall am Rande Dresdens seinen 80. Geburtstag. "Nie war Rock mehr Pop": Die Sportfreunde Stiller haben für Jennifer Beck eine Rolle rückwärts gemacht, ihr Konzert in der Arena war zum einen eine Zeitreise in die 90er und gipfelte in der "Massenkompatibilität". Caroline Bock berichtet über den Triumph für Roman Polanskis in Babelsberg gedrehten Thriller "Der Ghostwriter" beim Europäischen Filmpreis, bei dem er gleich sechs Trophäen abräumte. Beth Ditto und ihre Band Gossip überzeugten Caroline Baetge in der Arena. Die "One-Woman-Show" sei nicht nur überzeugend, sondern in ihrer erfolgreichen Attacke auf gängige "Schönheitsideale" wenn schon nicht "echt", dann immerhin doch sympathisch. Ali Samadi Ahadi erhält den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis für seine Dokumentation der iranischen Wahlen 2009. Benedikt Leßmann konzediert dem Dirigenten der Berlin Sinfonietta, Francesco La Vecchia, "dirigentisches Unvermögen" in vielfacher Hinsicht. Das Publikum, das "professionell" abkassiert würde, erhalte nur "mediokres" Gespiele. Anja Gronau hat es sich in ihrer Fassung des Kleistschen Kohlhaas augenscheinlich zu einfach gemacht. Spontisprüche und ein allgemeines "Lob des Widerstands" könnte nicht mal dem Publikum einen Spiegel vorhalten, sofern es das denn wollte. "Wer immer nur komisch ist", könne kaum ernst genommen werden, meint Magdalena Fröhlich.
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Donnerstag, 2. Dezember 2010
lvz kultur vom 02.12.10: von Schorlemer & die Kulturraumgeldkürzungen, Grassi, und Nazikirchen
14 Tage vor der Angst redet Sachsens Kulturministerin von Schorlemer mit Peter Korfmacher und Jürgen Kleindienst über die geplanten Kürzungen bei den Kulturraumgeldern. Ihre Thesen im Schnelldurchlauf:
1. Vorübergehende Steuermehreinnahmen (plus 1 Milliarde €) haben nichts mit dem dauerhaften Ziel einer Haushaltskonsolidierung (minus 1,3 Milliarden €) zu tun. Daher: Kein frisches Geld für die Kultur, d.h., doch: 1,5 Millionen € gibt's zur Entlastung der Kulturräume.
2. Gelder für Tariferhöhungen in Semperoper, Staatsschauspiel und Staatliche Kunstsammlungen sind gesetzlich vorgeschrieben. Die Kommunen müssten selbst sehen, wie sie das schaffen. Bitte kein Neid!
3. Ohne aktiven Strukturwandel kann die reiche Kulturlandschaft Sachsens nicht erhalten werden.
4. Intelligente Strukturanpassung könne bedeuten, die Landesbühnen entlasten die kommunalen Theater und bespielen gleichzeitig die Fläche. Das Land handelt also vorausschauend, indem sie die LBS in kommunale Trägerschaft übergehen lassen.
5. Novellierung des Kulturraumgesetzes bringt keine Kultureinrichtung in finanzielle Schwierigkeiten. Die Stadt Chemnitz spart über 10x mehr Kulturgelder ein (5,8 Mio €) als der Freistaats Sachsen weniger überweist (400.000 €). Und Leipzigs Probleme sind hausgemacht. Der Pro-Sitzplatz-Zuschuss ist doppelt so hoch wie der für die Dresdner Theater.
6. Vielleicht gibt's ja irgendwann mal wieder mehr Geld.
7. Die Städte sind selbst schuld am gegenwärtigen Stress, sie haben 2004 Landesmittel für Kulturräume sachfremd eingesetzt.
7b. Nochmal: Die Kommunen sind selbst schuld, außerdem sollen sie nicht so übertreiben.
8. Prof.Ossenbühls Rechtsgutachten geht von der fehlerhaften Annahme aus, die Landesbühnen Sachsen hätten "überregionale Aufgaben". Das stimmt nicht. Ihre Aufgaben sind kommunal. Die Entlassung aus der Landesverantwortung ist also richtig.
9. Strukturanpassung tut not, dabei geht es nicht um Abbau, es geht um die Wahrung der Vielfalt, es geht um intelligente und kreative Lösungen.
10. Die geplante Mittelabsenkung ist zwar schmerzhaft, dient aber letztlich den Kulturräumen. "Sachsen muss ein Kulturstaat bleiben." Sie, von Schorlemer, habe 2020 im Blick. "Dann wird ein mobiles, flexibles Angebot verstärkt nachgefragt werden".
Zusammengefasst bedeutet das: Die Kommunen müssen selber sehen, wie sie klarkommen. Und vor allem: Die Landesbühnen sind die Springer.
Das ist der neue Gedanke der Ministerin, mit dem sie ihre Argumentation allerdings heillos überfrachtet. Die neue Situation würde für die Landesbühnen Sachsen bedeuten: Vorerst nur mit 3,5 Mio €, später mehr, sollen die Kulturräume die Finanzierung der LBS übernehmen. Nominell werden die LBS aus der Verantwortung des Landes entlassen. Ziel ist eine GmbH mit den Sitzgemeinden im Aufsichtsrat, die auch einen (Groß-)Teil der Finanzierung schultern sollen. Ausweitung des Spielbetriebs in die Fläche, d.h., weniger Radebeul, mehr Klein- und Mittelstädte in Sachsen (auf welchen Bühnen eigentlich?). Darüber hinaus eine Bespielung der kommunalen Theater, Opernhäuser, Konzerthäuser mit Programm, das vor Ort abgebaut werden musste, also Bildung von "mobilen, flexiblen" Kultur-Task-Forces durch die LBS.
Denkbares Szenario: Leipzig spart sein Ballett ein, seine Muko, dünnt sein Opernprogramm aus. In die Bresche springen die LBS. Dem traditionellen, tendenziell konservativen Publikum ist das gleich, vielleicht sogar recht. Klein- und Mittelstädte Sachsens werden zunehmend von den LBS "übernommen", kleinere kommunale Theater immer mehr eingedampft, kooperieren und fusionieren gar, bis sie nur noch kleine halbeigenständige Einheiten im Verbund der LBS darstellen. Potente Kulturliebhaber aus der Region fahren für die Haute Cuisine nach Dresden, Leipzig, Chemnitz oder gleich Berlin. Für den weiter schrumpfenden Rest-Sachsen muss das Angebot aus der lokalen Küche reichen.
Und außerdem: waren die Proteste nicht so stark, dass CDUFDP ihre Position hätten stärker ändern müssen, als nun getan. Das Prinzip: Schmerzgrenze ausloten. Konzessionsbereit zeigen, Summe halbieren, dem Ärger die Spitze nehmen. Durchregieren, der Rest folgt dann später.
Und die Leipziger sollen ihren Ossenbühl ja nicht so hoch hängen. Wers immer noch nicht verstanden hat: "Wenn es zur gerichtlichen Prüfung kommt, weiß keiner, ob Leipzig daraus gestärkt hervorgeht." Alles klar? Die Mafia-Paten könnten es nicht sensibler ausdrücken.
OBM Jung hat sein Maulheldentum längst aufgegeben. Von ihm kommt kein Sterbenswörtchen mehr zur Sache. Das hat sein Kulturbürgermeister schon vor ihm gekonnt.
Caroline Bock schreibt über das neue Berliner Szene-Musical „Mamma Macchiato“. „In einer Mischung aus Revue und Blödelei“ nimmt es den Kiez am Prenzlauer Berg aufs Korn, selbstverständlich lacht die Szene auch schon mal über sich selbst. Die Höhepunkte scheinen wie im richtigen Leben eine Slalomstrecke entlang Bionade, Yogastudios und Kitaplätzen zu absolvieren. Die „eigene Verspießerung“ werde mit Ironie betrachtet.Vielleicht wähnt man sich ja als Komparserie einer jahrzehntelangen Vorabendserie, deren Rhythmus noch von Mainzelmännchen bestimmt wird?
Die „Not“ der Eingeborenen im Blick, entdeckt Janina Fleischer in „ausgepresst“ nicht nur einen Ausweg, sondern in „Mamma Macchiato“ die radikale Lösung, um dem Kiez aus seiner Belagerung zu helfen: Wenn, wie im Musical, die Schwabenmama mit einem iPad erschlagen wird, mache es doch „aus der Not gleich eine Tugend“. Allerdings warnt sie Neukölln schon mal vor. Die Überlebenden der iPad-Anschläge hätten ihren Bezirk längst zur Bionadisierung vorgemerkt.
Im Grassimuseum für Angewandte Kunst machen zwei neue Ausstellungen von sich reden, die dem Kunsthandwerk mit je unterschiedlichen Materialien frönen. Das thüringische Unternehmen Kahla stellt Ergebnisse ihres 5. Internationalen Porzellanworkshops aus. „Junge Gesichter und unbekannte Gestalter“ haben das zerbrechliche Material „spielerisch oder ernst, gewagt oder eher vorsichtig, verträumt oder gelassen“ ausprobiert, auch wenn die Ergebnisse „in der Produktion“ nicht umsetzbar seien, wie Christine Hochstein schreibt.In Kooperation mit der UdK Berlin wurde zudem an zehn StudentInnen die Aufgabe gestellt, sich „experimentell“ mit dem Thema Erbgut in Porzellan auseinanderzusetzen.
In der Pfeilerhalle stellen Ulla und Martin Kaufmann Schmuck, freie Objekte und Gebrauchsgerät aus Edelmetallen wie Gold und Silber aus. Die reichen von Küchenutensilien wie Pizzaschneider bis zur federleichten Kette ohne Verschluss, von denen Museumsleiterin Eva Maria Hoyer eine beinahe täglich selbst trage.
An deutschen Theatern spiele das Thema Migration in zweierlei Hinsicht keine besondere Rolle, schreibt Andreas Rehnolt. Weder habe eine nennenswerte Zahl von Theatern Migranten in ihren Ensembles (Ausnahmen z.B. Köln und Dortmund), noch bestimmen Geschichten aus diesem Stoff, der die Gazetten füllt, die Bühnenstücke. Und wenn, dann seien dies Texte, die noch von Konflikten der ersten Einwanderergeneration handelten, statt z.B. von der Tatsache auszugehen, dass sich viele Kinder von Einwanderern längst als Deutsche fühlten, aber von ihren Mitmenschen als Ausländer wahrgenommen würden.
Lukas Philippi hat sich eines Themas angenommen, das in der Öffentlichkeit eher nicht bekannt ist: Viele der noch heute genutzten Kirchbauten seien in den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erbaut worden und steckten oft noch voller Nazisymbolik. Entfernt wurden nach dem Krieg allein Hakenkreuze. Doch von Soldaten im Stahlhelm oder SA-Stiefeln bis zu Abbildungen der „deutschen Familie“ oder Eiserner Kreuze gebe es haufenweise Bildwerke, die noch in den Kirchen zu sehen seien. Der Leiter des landeskirchlichen Bauamtes, Matthias Hoffmann-Tauschwitz, könne sich Kirchen wie die Berliner Martin-Luther-Gedächtniskirche durchaus als „Zeugnisse dieses Geschichtsabschnittes“ vorstellen, während Andreas Nachama, Leiter der Berliner „Topographie des Terrors“, unter Beibehaltung der historischen Zeugnisse auch eine Neugestaltung des Innenraums vorstellen könne. Wer die Kirche dann nutzt, müsse sich allerdings erst noch erweisen, meint Philippi.
1. Vorübergehende Steuermehreinnahmen (plus 1 Milliarde €) haben nichts mit dem dauerhaften Ziel einer Haushaltskonsolidierung (minus 1,3 Milliarden €) zu tun. Daher: Kein frisches Geld für die Kultur, d.h., doch: 1,5 Millionen € gibt's zur Entlastung der Kulturräume.
2. Gelder für Tariferhöhungen in Semperoper, Staatsschauspiel und Staatliche Kunstsammlungen sind gesetzlich vorgeschrieben. Die Kommunen müssten selbst sehen, wie sie das schaffen. Bitte kein Neid!
3. Ohne aktiven Strukturwandel kann die reiche Kulturlandschaft Sachsens nicht erhalten werden.
4. Intelligente Strukturanpassung könne bedeuten, die Landesbühnen entlasten die kommunalen Theater und bespielen gleichzeitig die Fläche. Das Land handelt also vorausschauend, indem sie die LBS in kommunale Trägerschaft übergehen lassen.
5. Novellierung des Kulturraumgesetzes bringt keine Kultureinrichtung in finanzielle Schwierigkeiten. Die Stadt Chemnitz spart über 10x mehr Kulturgelder ein (5,8 Mio €) als der Freistaats Sachsen weniger überweist (400.000 €). Und Leipzigs Probleme sind hausgemacht. Der Pro-Sitzplatz-Zuschuss ist doppelt so hoch wie der für die Dresdner Theater.
6. Vielleicht gibt's ja irgendwann mal wieder mehr Geld.
7. Die Städte sind selbst schuld am gegenwärtigen Stress, sie haben 2004 Landesmittel für Kulturräume sachfremd eingesetzt.
7b. Nochmal: Die Kommunen sind selbst schuld, außerdem sollen sie nicht so übertreiben.
8. Prof.Ossenbühls Rechtsgutachten geht von der fehlerhaften Annahme aus, die Landesbühnen Sachsen hätten "überregionale Aufgaben". Das stimmt nicht. Ihre Aufgaben sind kommunal. Die Entlassung aus der Landesverantwortung ist also richtig.
9. Strukturanpassung tut not, dabei geht es nicht um Abbau, es geht um die Wahrung der Vielfalt, es geht um intelligente und kreative Lösungen.
10. Die geplante Mittelabsenkung ist zwar schmerzhaft, dient aber letztlich den Kulturräumen. "Sachsen muss ein Kulturstaat bleiben." Sie, von Schorlemer, habe 2020 im Blick. "Dann wird ein mobiles, flexibles Angebot verstärkt nachgefragt werden".
Zusammengefasst bedeutet das: Die Kommunen müssen selber sehen, wie sie klarkommen. Und vor allem: Die Landesbühnen sind die Springer.
Das ist der neue Gedanke der Ministerin, mit dem sie ihre Argumentation allerdings heillos überfrachtet. Die neue Situation würde für die Landesbühnen Sachsen bedeuten: Vorerst nur mit 3,5 Mio €, später mehr, sollen die Kulturräume die Finanzierung der LBS übernehmen. Nominell werden die LBS aus der Verantwortung des Landes entlassen. Ziel ist eine GmbH mit den Sitzgemeinden im Aufsichtsrat, die auch einen (Groß-)Teil der Finanzierung schultern sollen. Ausweitung des Spielbetriebs in die Fläche, d.h., weniger Radebeul, mehr Klein- und Mittelstädte in Sachsen (auf welchen Bühnen eigentlich?). Darüber hinaus eine Bespielung der kommunalen Theater, Opernhäuser, Konzerthäuser mit Programm, das vor Ort abgebaut werden musste, also Bildung von "mobilen, flexiblen" Kultur-Task-Forces durch die LBS.
Denkbares Szenario: Leipzig spart sein Ballett ein, seine Muko, dünnt sein Opernprogramm aus. In die Bresche springen die LBS. Dem traditionellen, tendenziell konservativen Publikum ist das gleich, vielleicht sogar recht. Klein- und Mittelstädte Sachsens werden zunehmend von den LBS "übernommen", kleinere kommunale Theater immer mehr eingedampft, kooperieren und fusionieren gar, bis sie nur noch kleine halbeigenständige Einheiten im Verbund der LBS darstellen. Potente Kulturliebhaber aus der Region fahren für die Haute Cuisine nach Dresden, Leipzig, Chemnitz oder gleich Berlin. Für den weiter schrumpfenden Rest-Sachsen muss das Angebot aus der lokalen Küche reichen.
Und außerdem: waren die Proteste nicht so stark, dass CDUFDP ihre Position hätten stärker ändern müssen, als nun getan. Das Prinzip: Schmerzgrenze ausloten. Konzessionsbereit zeigen, Summe halbieren, dem Ärger die Spitze nehmen. Durchregieren, der Rest folgt dann später.
Und die Leipziger sollen ihren Ossenbühl ja nicht so hoch hängen. Wers immer noch nicht verstanden hat: "Wenn es zur gerichtlichen Prüfung kommt, weiß keiner, ob Leipzig daraus gestärkt hervorgeht." Alles klar? Die Mafia-Paten könnten es nicht sensibler ausdrücken.
OBM Jung hat sein Maulheldentum längst aufgegeben. Von ihm kommt kein Sterbenswörtchen mehr zur Sache. Das hat sein Kulturbürgermeister schon vor ihm gekonnt.
Caroline Bock schreibt über das neue Berliner Szene-Musical „Mamma Macchiato“. „In einer Mischung aus Revue und Blödelei“ nimmt es den Kiez am Prenzlauer Berg aufs Korn, selbstverständlich lacht die Szene auch schon mal über sich selbst. Die Höhepunkte scheinen wie im richtigen Leben eine Slalomstrecke entlang Bionade, Yogastudios und Kitaplätzen zu absolvieren. Die „eigene Verspießerung“ werde mit Ironie betrachtet.Vielleicht wähnt man sich ja als Komparserie einer jahrzehntelangen Vorabendserie, deren Rhythmus noch von Mainzelmännchen bestimmt wird?
Die „Not“ der Eingeborenen im Blick, entdeckt Janina Fleischer in „ausgepresst“ nicht nur einen Ausweg, sondern in „Mamma Macchiato“ die radikale Lösung, um dem Kiez aus seiner Belagerung zu helfen: Wenn, wie im Musical, die Schwabenmama mit einem iPad erschlagen wird, mache es doch „aus der Not gleich eine Tugend“. Allerdings warnt sie Neukölln schon mal vor. Die Überlebenden der iPad-Anschläge hätten ihren Bezirk längst zur Bionadisierung vorgemerkt.
Im Grassimuseum für Angewandte Kunst machen zwei neue Ausstellungen von sich reden, die dem Kunsthandwerk mit je unterschiedlichen Materialien frönen. Das thüringische Unternehmen Kahla stellt Ergebnisse ihres 5. Internationalen Porzellanworkshops aus. „Junge Gesichter und unbekannte Gestalter“ haben das zerbrechliche Material „spielerisch oder ernst, gewagt oder eher vorsichtig, verträumt oder gelassen“ ausprobiert, auch wenn die Ergebnisse „in der Produktion“ nicht umsetzbar seien, wie Christine Hochstein schreibt.In Kooperation mit der UdK Berlin wurde zudem an zehn StudentInnen die Aufgabe gestellt, sich „experimentell“ mit dem Thema Erbgut in Porzellan auseinanderzusetzen.
In der Pfeilerhalle stellen Ulla und Martin Kaufmann Schmuck, freie Objekte und Gebrauchsgerät aus Edelmetallen wie Gold und Silber aus. Die reichen von Küchenutensilien wie Pizzaschneider bis zur federleichten Kette ohne Verschluss, von denen Museumsleiterin Eva Maria Hoyer eine beinahe täglich selbst trage.
An deutschen Theatern spiele das Thema Migration in zweierlei Hinsicht keine besondere Rolle, schreibt Andreas Rehnolt. Weder habe eine nennenswerte Zahl von Theatern Migranten in ihren Ensembles (Ausnahmen z.B. Köln und Dortmund), noch bestimmen Geschichten aus diesem Stoff, der die Gazetten füllt, die Bühnenstücke. Und wenn, dann seien dies Texte, die noch von Konflikten der ersten Einwanderergeneration handelten, statt z.B. von der Tatsache auszugehen, dass sich viele Kinder von Einwanderern längst als Deutsche fühlten, aber von ihren Mitmenschen als Ausländer wahrgenommen würden.
Lukas Philippi hat sich eines Themas angenommen, das in der Öffentlichkeit eher nicht bekannt ist: Viele der noch heute genutzten Kirchbauten seien in den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erbaut worden und steckten oft noch voller Nazisymbolik. Entfernt wurden nach dem Krieg allein Hakenkreuze. Doch von Soldaten im Stahlhelm oder SA-Stiefeln bis zu Abbildungen der „deutschen Familie“ oder Eiserner Kreuze gebe es haufenweise Bildwerke, die noch in den Kirchen zu sehen seien. Der Leiter des landeskirchlichen Bauamtes, Matthias Hoffmann-Tauschwitz, könne sich Kirchen wie die Berliner Martin-Luther-Gedächtniskirche durchaus als „Zeugnisse dieses Geschichtsabschnittes“ vorstellen, während Andreas Nachama, Leiter der Berliner „Topographie des Terrors“, unter Beibehaltung der historischen Zeugnisse auch eine Neugestaltung des Innenraums vorstellen könne. Wer die Kirche dann nutzt, müsse sich allerdings erst noch erweisen, meint Philippi.
Dienstag, 23. November 2010
lvz kultur vom 23.11.10: Kultur und Struktur, Tschaikowsky, Schneewittchen & Reinhard Stuth
Dieser Artikel kommt genau zur richtigen Zeit. Klar, überlegt, darin sogar wohltuend, und gut zu lesen ist Peter Korfmachers Aufmacher zu "allerlei forsch in den Ring geworfenen Struktur-Modellen" für die Leipziger Kultur. Es geht um die ewige Trias der Kulturkürzer: GmbH-Bildung, Fusion/Zusammenlegung und Stellenreduktion. Besonders originell ist nicht, was Stefan Billig, kulturpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Stadtrat da vorgelegt hatte und stützt sich im wesentlichen auf eine Jahre altes und nicht besonders aktuelles Gutachten der BBVL. Aber geschickt nutzt er die momentane Schwäche der Leipziger Kulturverwaltung, um den im Kreuzfeuer der Kritik stehenden sächsischen CDU/FDP-Landtagsabgeordneten zur Seite zu stehen. Seht ihr, so kann man auch mit einigen Millionen weniger zurechtkommen. Wir bieten sogar ein Modell an für die reduzierten Investitionen in die Kultur. Also, uns könnt ihr nichts, wir stimmen am 15. Dezember ab, wie geplant.
Peter Korfmacher lässt dem Gummisockel, von dem herab die CDU argumentiert, einfach die Luft raus. Nicht, weil er keinen Sinn für Wirtschaftlichkeit hätte, sondern weil er Billigs Paper hinterfragt. Welche Zusammenlegung, welches GmbH-Modell habe denn Erfolg? Das im benachbarten Halle/Saale? Sicher nicht. Das in Altenburg-Gera? Ebensowenig. Es gebe einen Unterschied zwischen einer privaten GmbH und einer, in der die finanzklammen Kommunen als Hauptgesellschafter fungieren. In der möglichen Insolvenz aber sicher nicht. Korfmacher legt nun den Finger in die Wunde: "Kultur ist teuer, das aber sollte nicht nur buchhalterisch gelten, sondern auch für ihren Wert. Über den müsse geredet werden. daraus ließen sich Pflichten und Aufgaben für beide Seiten ableiten - und Inhalte. Diese Diskussion ist nötig, und erst danach ist es sinnvoll, sich über Strukturen und ihre angemessene Finanzierung zu unterhalten."
Diese Diskussion ist nicht mit dem Knüppel der überstürzten Kürzung oder Veränderung im Rücken zu führen.
Das, was man Korfmacher gerne fragen möchte, ist, warum er bisher mit Kulturpolitikern so wenig Gespräche geführt hat, um deren Positionen und Argumente zu "Wert und Inhalt" von Leipzigs Kultur zu kennen. Und sie dann mit denen der Kulturmacher zu konfrontieren.
Vielleicht kommt bei einer derartigen Diskussion ja heraus, dass die Gelder für die Kultur sogar steigen müssten, so wie die gegenwärtigen Umfragewerte für die Grünen. Kultur setzt kraftvolle existenzielle und politische Signale, verströmt Sinnlichkeit, regt zum Denken, zum Widerspruch an. Macht intelligenter, emotionaler, kommunikativer. Schafft sogar Demokratie. Weil hier, beim Publikum, das in der Kunst tendenziell immer stärker zur Partizipation aufgefordert wird, entgegen den bloß formaldemokratischen Spielchen der Politik und den undemokratischen Verhältnissen der Wirtschaft mitgeredet wird, modellhaft demokratische Mitwirkung eingeübt wird. Gut investiertes Geld für eine moderne Gesellschaft!
In einer Leipziger Erklärung haben sich - reichlich spät - Institutionen und Künstler aus der Freien Szene gegen die Novellierung des Kulturraumgesetzes und damit gegen eine finanziell nicht ausgeglichene Herauslösung der Landesbühnen Sachsen aus den Landeszuschüssen ausgesprochen. Die Erklärung ist ein Appell an die Landtagsabgeordneten, dem Gesetz "Ihre Stimme zu verwehren."
Tschaikowskys Orchesterfantasie "Francesca da Rimini", sein erstes Klavierkonzert und Ottorino Respighis "Pini di Roma" stehen auf dem Programm eines Benefizkonzerts im Gewandhaus. Nicht die musikalischen Edel-Geschmäcker sind also angesprochen, sondern "Du und Ich". Sollen das populäre Programm geniessen, gemeinsam mit einem Glas Wein, einem guten Gewissen und der Gewissheit, für seine Spende einen guten Gegenwert zu erhalten. So kann man sich das Sponsorship von VNG, SKL und LVZ im Gewandhaus Leipzig gefallen lassen. Es soll der Stiftung "Leipzig hilft Kindern" helfen.
Ob der Trend sinnvoll sei, bereits vier Wochen alte Babies in den Konzertsaal zu schicken, um die noch formbaren Gehirnzellen dem Segen einer Vorschulerziehung auszusetzen, fragt Janina Fleischer etwas skeptisch in "ausgepresst". Sie vermutet nur noch "Brei im Kopf" der unmündigen Zuhörerschaft, selbst ein Kinderneurologe sei der Meinung, erst ab vier Monaten würden Rhythmen, Tonhöhen und Melodien wahrgenommen. Einziger Trost: Im Bauch der werdenden Mutter von Hansi Hinterseer malträtiert zu werden, scheint keine bleibenden Schäden beim Fötus zu hinterlassen.
In der Premiere von Katrin Langes "Schneewittchen lebt!" am Theater der Jungen Welt entdeckt Steffen Georgi "endlich mal pädagogische Botschaften": Die "Wohltat des Ungehorsams" etwa und "Selbstfindung durch Widerspruch". Und das alles, ohne die "romantische Anmutung und düsteren Nuancen" des bekannten Märchens zu unterschlagen, dem die Autorin eine "hübsche Frischzellenkur" verpasse. Aus "einem durchweg lustvoll agierenden Ensemble" haben Georgi insbesondere Chris Lopatta als Prinz wegen "der schönsten Lacher", Anke Stoppa als Schneewittchen ganz ohne didaktische Aufdringlichkeit in ihrer Wandlung und Elisabeth Fues (Königin) als "wunderbar eiskalte Furie, einsame Narzisstin und fantasievolle Killerin" am meisten überzeugt. Insbesondere Fues sei "schön in ihrer Abgründigkeit und tatsächlich von Größe in ihrem Scheitern". Was man von der Inszenierung nicht sagen kann.
Peter Korfmacher lässt dem Gummisockel, von dem herab die CDU argumentiert, einfach die Luft raus. Nicht, weil er keinen Sinn für Wirtschaftlichkeit hätte, sondern weil er Billigs Paper hinterfragt. Welche Zusammenlegung, welches GmbH-Modell habe denn Erfolg? Das im benachbarten Halle/Saale? Sicher nicht. Das in Altenburg-Gera? Ebensowenig. Es gebe einen Unterschied zwischen einer privaten GmbH und einer, in der die finanzklammen Kommunen als Hauptgesellschafter fungieren. In der möglichen Insolvenz aber sicher nicht. Korfmacher legt nun den Finger in die Wunde: "Kultur ist teuer, das aber sollte nicht nur buchhalterisch gelten, sondern auch für ihren Wert. Über den müsse geredet werden. daraus ließen sich Pflichten und Aufgaben für beide Seiten ableiten - und Inhalte. Diese Diskussion ist nötig, und erst danach ist es sinnvoll, sich über Strukturen und ihre angemessene Finanzierung zu unterhalten."
Diese Diskussion ist nicht mit dem Knüppel der überstürzten Kürzung oder Veränderung im Rücken zu führen.
Das, was man Korfmacher gerne fragen möchte, ist, warum er bisher mit Kulturpolitikern so wenig Gespräche geführt hat, um deren Positionen und Argumente zu "Wert und Inhalt" von Leipzigs Kultur zu kennen. Und sie dann mit denen der Kulturmacher zu konfrontieren.
Vielleicht kommt bei einer derartigen Diskussion ja heraus, dass die Gelder für die Kultur sogar steigen müssten, so wie die gegenwärtigen Umfragewerte für die Grünen. Kultur setzt kraftvolle existenzielle und politische Signale, verströmt Sinnlichkeit, regt zum Denken, zum Widerspruch an. Macht intelligenter, emotionaler, kommunikativer. Schafft sogar Demokratie. Weil hier, beim Publikum, das in der Kunst tendenziell immer stärker zur Partizipation aufgefordert wird, entgegen den bloß formaldemokratischen Spielchen der Politik und den undemokratischen Verhältnissen der Wirtschaft mitgeredet wird, modellhaft demokratische Mitwirkung eingeübt wird. Gut investiertes Geld für eine moderne Gesellschaft!
In einer Leipziger Erklärung haben sich - reichlich spät - Institutionen und Künstler aus der Freien Szene gegen die Novellierung des Kulturraumgesetzes und damit gegen eine finanziell nicht ausgeglichene Herauslösung der Landesbühnen Sachsen aus den Landeszuschüssen ausgesprochen. Die Erklärung ist ein Appell an die Landtagsabgeordneten, dem Gesetz "Ihre Stimme zu verwehren."
Tschaikowskys Orchesterfantasie "Francesca da Rimini", sein erstes Klavierkonzert und Ottorino Respighis "Pini di Roma" stehen auf dem Programm eines Benefizkonzerts im Gewandhaus. Nicht die musikalischen Edel-Geschmäcker sind also angesprochen, sondern "Du und Ich". Sollen das populäre Programm geniessen, gemeinsam mit einem Glas Wein, einem guten Gewissen und der Gewissheit, für seine Spende einen guten Gegenwert zu erhalten. So kann man sich das Sponsorship von VNG, SKL und LVZ im Gewandhaus Leipzig gefallen lassen. Es soll der Stiftung "Leipzig hilft Kindern" helfen.
Ob der Trend sinnvoll sei, bereits vier Wochen alte Babies in den Konzertsaal zu schicken, um die noch formbaren Gehirnzellen dem Segen einer Vorschulerziehung auszusetzen, fragt Janina Fleischer etwas skeptisch in "ausgepresst". Sie vermutet nur noch "Brei im Kopf" der unmündigen Zuhörerschaft, selbst ein Kinderneurologe sei der Meinung, erst ab vier Monaten würden Rhythmen, Tonhöhen und Melodien wahrgenommen. Einziger Trost: Im Bauch der werdenden Mutter von Hansi Hinterseer malträtiert zu werden, scheint keine bleibenden Schäden beim Fötus zu hinterlassen.
In der Premiere von Katrin Langes "Schneewittchen lebt!" am Theater der Jungen Welt entdeckt Steffen Georgi "endlich mal pädagogische Botschaften": Die "Wohltat des Ungehorsams" etwa und "Selbstfindung durch Widerspruch". Und das alles, ohne die "romantische Anmutung und düsteren Nuancen" des bekannten Märchens zu unterschlagen, dem die Autorin eine "hübsche Frischzellenkur" verpasse. Aus "einem durchweg lustvoll agierenden Ensemble" haben Georgi insbesondere Chris Lopatta als Prinz wegen "der schönsten Lacher", Anke Stoppa als Schneewittchen ganz ohne didaktische Aufdringlichkeit in ihrer Wandlung und Elisabeth Fues (Königin) als "wunderbar eiskalte Furie, einsame Narzisstin und fantasievolle Killerin" am meisten überzeugt. Insbesondere Fues sei "schön in ihrer Abgründigkeit und tatsächlich von Größe in ihrem Scheitern". Was man von der Inszenierung nicht sagen kann.
Über die andauernden Proteste gegen Kulturkürzungen in Hamburg schreibt Nina May. Dem dilettantisch-forsch agierenden Kultursenator Reinhard Stuth bläst auch weiterhin ein kräftiger Gegenwind um die Ohren. Im historisch versierten Altonaer Museum wird mit "Der Kampf geht weiter" sogar bruchlos an beste 70er-Jahre Dutschke-Slogans angeknüpft. Nur das "Holger" wurde nicht durch "Reinhard" ersetzt, sondern weggelassen, die Knarre hoffentlich vorerst auch. Am Schauspielhaus wird der anhaltende Protest ebenfalls von Parolen unterfüttert. Nachdem dem amtierenden Leiter des Schauspielhauses, Jack Kurfess, ein öffentlich ausgehängter politischer Slogan von seinem Dienstherrn untersagt wurde, hängte dieser den sicher nicht minder wirkungsvollen "Mich ergeben! Auf Gnad und Ungnad! Er aber, sag's ihm, er kann mich im Arsche lecken!" unübersehbar an die Fassade des Schauspielhauses. In Goethes Götz-Inszenierung lachten die Zuschauer angeblich besonders an der Stelle, an dem Götz sagt, "der Kaiser schätze die Kultur, solange sie seine Herrschaft verherrliche". Verherrlicht wird demgegenüber die Herrschaft in der Elbphilharmonie, die bereits als "Reichenrefugium" geschmäht werde. Einen Bruchteil der Kostensteigerungen von ursprünglich 77 Mio € auf derzeit 323 Mio. € für das neue "Wahrzeichen Hamburgs" (Bürgermeister Christoph Ahlhaus) könnte die gegenwärtige Kunst sicher gut zur (Über-)Lebensrettung gebrauchen.
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Samstag, 20. November 2010
lvz kultur vom 20.11.10: Tolstoi, Katja Ebstein & die Zaubershow des Stefan Billig
Ist die Zeit gekommen für eine Neuentdeckung des rigorosen Moralisten und Gesellschaftskritikers Lew Tolstoi? Weit über 50 Jahre nach seinem Erscheinen (!) veröffentlicht der Aufbau-Verlag, im Blick den 100. Todestag von Lew Tolstoi, unter dem Titel "Entlasse mich aus deinem Herzen" Aufzeichnungen des russischen Pianisten, Komponisten und Tolstoi-Vertrauten Alexander Goldenweiser, neu ins Deutsche übersetzt. Es geht um Tolstois Streit mit seiner Frau, Vorwürfe und Kränkungen, seinen Tod, die Konflikte um das Erbe. In ihrem Bericht gibt Janina Fleischer ein gutes Beispiel dafür ab, wie das Interesse an einem radikalen und unbestritten genialen Romancier heute zu erwecken ist: Durch Klatsch und Tratsch. Denn dass Goldenweisers Aufzeichnungen - Fleischer verschweigt übrigens den Namen des Übersetzers - durch seine Verehrung für Tolstoi stark gefärbt und von Unparteilichkeit weit entfernt sind, ist ihr klar. "Wer mit Tolstoi war, der war gegen die Tolstaja", schreibt Fleischer. Und versucht, wenigstens als kritische Leserin der biografische Züge besitzenden "Kreutzersonate" von Tolstoi und der literarischen Antwort der Tolstaja ("Eine Frage der Schuld"), die Fronten abzustecken. Ob auf diesem Umweg ein Interesse für den radikalen Denker, Kritiker der Macht und Gottsucher Tolstoi zu wecken ist, bleibt fraglich.
In einem Interview von Wolfgang Jung mit Tolstois Ururenkel Wladimir Tolstoi vermutet dieser, dass Tolstoi heute für jede Macht ein Ärgernis darstellen würde. "Auch im modernen Amerika wäre er eine Art Staatsfeind. Denn politische Korrektheit war ihm völlig fremd."
Durch den Abschluss eines Haustarifvertrages bis 2016 haben die Mitglieder der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle den Erhalt des Thalia Theaters ermöglicht. Die solidarische Aktion bedeutet Lohnverzicht und Verzicht auf Lohnsteigerungen bei gleichzeitig befristetem Schutz vor Kündigung. Damit haben sich die vereinigten Mitarbeiter deutlich gegen eine Schließung des Thalia Theaters im Handstreich ausgesprochen, wie sie sich Oberbürgermeisterin Szabados und Rolf Stiska, Geschäftsführer der TOO Halle, vorgenommen hatten, um die übrigen Sparten vorerst unbehelligt lassen zu können.
Nach dem Vergleich der zwei Einspielungen des Weihnachtsoratoriums von J.S. Bach beschäftigt Peter Korfmacher nun der Vergleich zweier Konzerte von Beethoven-Klavierkonzerten mit dem Gewandhausorchester. Die portugiesische Pianistin Maria Joao Pires wie auch Hélène Grimaud bevorzugen eine moderne Spielweise, die eine "poetisch und ohne jeden pianistischen Effekt", die andere "forsch bis brutal". Die Dirigenten stellten in beiden Fällen "Bannerträger der historischen Aufführungspraxis" dar. Trevor Pinnock begleitete Pires' "atemberaubend schönes Klavierspiel" doch "etwas hemdsärmelig", Roger Norrington Grimauds auftrumpfendem Spiel im Fünften KK Beethovens mit "zurückhaltenden Pastellfarben". Als Partner von Pires zieht Korfmacher wiederum John Eliot Gardiner Pinnock vor, der zwar "schöne Farben", aber "wenig orchestrale Details" aus dem Spiel der Solistin abzuleiten vermochte.
Bernd Locker war sichtlich beeindruckt von der neuen Zaubershow „Illusia“ im Krystallpalast Varieté. Dass allein mittels Zaubereien ein abendfüllendes Programm von zwei Stunden gefüllt werden könne, ohne sich zu erschöpfen, hat er nicht geahnt. Die „flotte Inszenierung“ Stefan Warmuths verbindet unterschiedlichste Spielarten der Zauberei. „Kleine Geschichten entstehen, verbinden sich zu einem magischen Bilderbogen.“ Na gut, der Satz klingt gut und sagt wenig und auch die Bezeichnungen „klassische Manipulationen“, „Mentalmagie“ und „Großillusionen“ werden erst in der näheren Beschreibung lebendig. Aber alles in allem summieren sie sich „zu einer unterhaltsamen Zaubershow“, für die blocker am liebsten den Titel prägen möchte: „Potter live“.
In ihrem Interview mit Katja Ebstein spielt Peter Korfmacher des Deutschen liebstes Spiel: in Schubladen stecken. Interessiert hat ihn der ehemalige Schlagerstar, das Programm „Na und? Wir leben noch“ klingt für ihn „defätistisch“, ernsthaft resignativ, das Programm passe für ihn leider in keine Schublade, also muss er sich von Ebstein erklären lassen, in welche. Irgendwo zwischen Kabarett, Konzert und Lyrik möchte pk eine Entscheidung haben. Er wüsste nicht, ob eher Musik oder Sprache wichtiger sei in ihrem Programm, weiß aber genau, dass Brecht schon lange tot sei, und was der folglich in dem Programm aus vielen Lebenden suche uswusf. Ebstein redet derweil von „ihren Kumpels aus der Zeit der Friedensbewegung“, dass Udo Lindenberg ein „Lyriker“ sei, deutsche Schlager bessere Texte hätten als französische Chansons und sie selbst bereits 1971 als Trendsetter das erste deutsche Öko-Lied gesungen habe: „Diese Welt“. Sie schließt mit der kühnen Behauptung: „Ich bin heute nicht manipulierbar, und war es damals auch nicht“. Ach ja, s ie tritt heute um 20 Uhr in der Michaeliskirche auf. Ein Hoch auf die neue deutsche Unübersichtlichkeit.
Stefan Billig ist in der CDU. Stefan Billig ist kulturpolitischer Sprecher der CDU. Und Stefan Billig hat endlich nicht mehr nur reden wollen, sondern seine gesammelten Ergüsse auch noch zu Papier bringen müssen. Wäre Stefan Billig Ökonom, könnte man ja wenigstens Witze mit seinem Namen machen. Als Arzt, der er ist, und eben kein Ökonom, wie gesagt, traut er sich weit vor auf fremdes Terrain. Hätte er mehr Ahnung von seinem Gegenstand, müsste man Stefan Billig allerdings wegen Verleumdung oder Ehrabschneidung verklagen. Nicht die lvz, gott bewahre, sondern die l-iz hat etwas ausführlicher über den jüngsten Vorstoß der CDU im Stadtrat berichtet, unter anderem mit Billigs Begründung für eine Strukturreform: „Gerade die Oper als größter Ausgabeposten steht in der aktuellen Etatsituation unter akutem Rechtfertigungsdruck. Die Wirtschaftlichkeit der Häuser allgemein muss schnell und merklich verbessert werden, wenn die künstlerische Substanz bewahrt und weiter entwickelt werden soll.“ Billig verwechselt nicht nur die Höhe der Zuschüsse, des Ausgabenpostens, mit Wirtschaftlichkeit oder Unwirtschaftlichkeit des Hauses allgemein, sondern erdreistet sich unter der Hand, Rechtfertigungsdruck aufzubauen ohne jedes Argument, dass da Missmanagement getrieben würde. Oder hat da die Aufsicht der Häuser, der Oper speziell, versagt? Ist Höhe allein ein Kriterium? Ein negatives zumal? Wer weiß, dass die Theater insbesondere aus Personalkosten bestehen, muss gleichzeitig sagen, welche Kunst man mit wieviel Personal schaffen kann oder soll. Leider gibt es von Seiten der CDU, man betrachte derzeit die unsäglich fachfremde Debatte in Dresden, Hamburg und vielen anderen Städten, keine Äußerung dazu, außer: Stellenabbau. Die gesellschaftspolitische Revolution der CDU, die Vision einer hemmungslos durchkapitalisierten Gesellschaft, die Menschen, Institutionen, Einrichtungen, Körperschaften allein aufgrund ihrer ökonomischen Werte und Unwerte berechnen und beurteilen möchte, ist eine negative Utopie. Angeblich möchte sie die „Substanz bewahren“, dabei zerstört sie diese.
Zum konkreten Fall: In Leipzig möchte Billig ein Stiftungsmodell für die Museen und ein GmbH-Modell für die Theater (Oper Leipzig, Centraltheater, Theater der Jungen Welt, evt. Ballett; aber nicht das Gewandhaus Leipzig!) einführen und zwar schon in acht Monaten, ab August 2011. Kann man diesen (Hobby-)Politiker im Leipziger Stadtrat eigentlich ernstnehmen? Muss man wohl. Siehe Landtag in Dresden, Senat in Hamburg etcpp. Billig möchte ein Geschäftsführermodell an der Spitze, also keinen verantwortlichen Künstler. Ein solcher soll den kaufmännischen Geschäftsführer allerdings beraten, alle drei Jahre ein neuer! Die Spartenleitungen unterhalb der Geschäftsführung bezeichnet Billig etikettenschwindlerisch als Intendanten. Das sind sie beileibe nicht, schließlich buhlen sie mit ihren hauseigenen Intendantenkonkurrenten um die Verteilung der Gelder und sind auch keine Herren im eigenen Haus. Schon dieses Modell ist unfruchtbar. Halle/Saale hat sich 2008 eben diese juristische Konstruktion gegeben. Die dortige Geschäftsführung (Rolf Stiska) hat als erstes wesentliche Versprechungen, die zu Beginn der Zusammenlegung gemacht wurden, ignoriert, über den Haufen geworfen, indem er bei erstbester Gelegenheit das Kinder- und Jugendtheater als kleinste und scheinbar am wenigsten von einer Lobby unterstützte Theater schließen wollte. Abgesehen davon, dass Stiska seine Haufaufgaben (Stellenreduzierung, allerdings nicht im künstlerischen Bereich) einfach nicht gemacht hat, dadurch ein Defizit vorprogrammiert und sehenden Auges (man darf vermuten, gewollt) die Schließung des kleinstes Theaters unter perfidem rhetorischen Ausrutscher (eines von zwei Schauspielhäuser wollte er schließen) betrieben hat. Seine Glaubwürdigkeit ist damit hinüber. Niemand wird einem Geschäftsführer einer Theater GmbH künftig abnehmen, dass er bzw. der Aufsichtsrat unparteiisch und nur nach entsprechender Argumentation gravierende Entscheidungen fällt. Es sind immer die haus- oder stadtinternen Machtverhältnisse oder Vorlieben, die entscheiden. Aber das weiß man alles längst vorher. Wie ein kaufmännischer Geschäftsführer eigentlich Richtlinien vorgeben oder Fragen der Kunst abschließend beurteilen soll, ist ohnehin unvorstellbar.
Das, was die CDU in Person von Stefan Billig vorhat, ist eine gewollte Schädigung der Kunst, eine Beschädigung eines wesentlichen Elements der Gesellschaft, einer von der Politik nur schwer kontrollierbaren Einrichtung. Und genau darum geht es scheinbar in diesem wie in vielen anderen Fällen der Beschneidung gesellschaftlich wichtiger Einrichtungen: Die Durchökonomisierung sämtlicher Bereiche der Gesellschaft soll öffentliche Leistungen zu privat zu erwerbenden Leistungen machen, ob Kultur, Bildung, Gesundheit, Wohnen usw. Alles, was ein Staat seinen Bewohnern, sich selbst, zur Verfügung stellt, wird der Bürger nicht mehr teuer privat erwerben. Das ist der CDU ein Dorn im Auge. Nicht die im Vergleich lächerlichen Zuschüsse für Kultur, Soziales, Bildung etc. Man vergleiche die mit den Subventionen an die größten agrarwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland und Europa, an die Subventionen und die Prostituierung der Städte an Großbetriebe, an Banken, an steuerlich absetzbare Verlustabschreibungen und Gewinn-/Verlustrechnungen von Betrieben usw. Die Ausgaben, über die geredet wird, sind lächerlich im Vergleich. Aber es geht ja auch um das Prinzip. Man will diese großteils freiwilligen Leistungen loswerden.Nicht die „unfreiwilligen“ ändern.Dass wie im sächsischen Kulturraumgesetz auch die gesetzlichen Leistungen hinterrücks gekappt werden, gehört zu dieser Strategie. Hoffentlich ist die Unrechtmäßigkeit des Vorhabens, das Professor Ossenbühl der Novellierung bestätigt hat, noch ein Hebel oder Argument und geht nicht in einer puren Erpressung durch das Land Sachsen unter.
Vielleicht sollte Stefan Billig in der Zaubershow des Krystallpalast Varieté auftreten. Wie lasse ich ruckzuck einzweidrei Theater aus der einen Hand (der öffentlichen) verschwinden und tlasse sie in der anderen (der die dem Kapitalmarkt zugehört) wieder erscheinen. Aber Billigs Kunststückchen erinnern eher an das Schrumpfen von erbeuteten Köpfen, das manche alten Stämme mit eroberten Feinden gerne zelebriert haben. Im Moment ist die CDU eine Partei, die Schrumpfköpfe liebt. Im einen wie im anderen Sinne.
In einem Interview von Wolfgang Jung mit Tolstois Ururenkel Wladimir Tolstoi vermutet dieser, dass Tolstoi heute für jede Macht ein Ärgernis darstellen würde. "Auch im modernen Amerika wäre er eine Art Staatsfeind. Denn politische Korrektheit war ihm völlig fremd."
Durch den Abschluss eines Haustarifvertrages bis 2016 haben die Mitglieder der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle den Erhalt des Thalia Theaters ermöglicht. Die solidarische Aktion bedeutet Lohnverzicht und Verzicht auf Lohnsteigerungen bei gleichzeitig befristetem Schutz vor Kündigung. Damit haben sich die vereinigten Mitarbeiter deutlich gegen eine Schließung des Thalia Theaters im Handstreich ausgesprochen, wie sie sich Oberbürgermeisterin Szabados und Rolf Stiska, Geschäftsführer der TOO Halle, vorgenommen hatten, um die übrigen Sparten vorerst unbehelligt lassen zu können.
Nach dem Vergleich der zwei Einspielungen des Weihnachtsoratoriums von J.S. Bach beschäftigt Peter Korfmacher nun der Vergleich zweier Konzerte von Beethoven-Klavierkonzerten mit dem Gewandhausorchester. Die portugiesische Pianistin Maria Joao Pires wie auch Hélène Grimaud bevorzugen eine moderne Spielweise, die eine "poetisch und ohne jeden pianistischen Effekt", die andere "forsch bis brutal". Die Dirigenten stellten in beiden Fällen "Bannerträger der historischen Aufführungspraxis" dar. Trevor Pinnock begleitete Pires' "atemberaubend schönes Klavierspiel" doch "etwas hemdsärmelig", Roger Norrington Grimauds auftrumpfendem Spiel im Fünften KK Beethovens mit "zurückhaltenden Pastellfarben". Als Partner von Pires zieht Korfmacher wiederum John Eliot Gardiner Pinnock vor, der zwar "schöne Farben", aber "wenig orchestrale Details" aus dem Spiel der Solistin abzuleiten vermochte.
Bernd Locker war sichtlich beeindruckt von der neuen Zaubershow „Illusia“ im Krystallpalast Varieté. Dass allein mittels Zaubereien ein abendfüllendes Programm von zwei Stunden gefüllt werden könne, ohne sich zu erschöpfen, hat er nicht geahnt. Die „flotte Inszenierung“ Stefan Warmuths verbindet unterschiedlichste Spielarten der Zauberei. „Kleine Geschichten entstehen, verbinden sich zu einem magischen Bilderbogen.“ Na gut, der Satz klingt gut und sagt wenig und auch die Bezeichnungen „klassische Manipulationen“, „Mentalmagie“ und „Großillusionen“ werden erst in der näheren Beschreibung lebendig. Aber alles in allem summieren sie sich „zu einer unterhaltsamen Zaubershow“, für die blocker am liebsten den Titel prägen möchte: „Potter live“.
In ihrem Interview mit Katja Ebstein spielt Peter Korfmacher des Deutschen liebstes Spiel: in Schubladen stecken. Interessiert hat ihn der ehemalige Schlagerstar, das Programm „Na und? Wir leben noch“ klingt für ihn „defätistisch“, ernsthaft resignativ, das Programm passe für ihn leider in keine Schublade, also muss er sich von Ebstein erklären lassen, in welche. Irgendwo zwischen Kabarett, Konzert und Lyrik möchte pk eine Entscheidung haben. Er wüsste nicht, ob eher Musik oder Sprache wichtiger sei in ihrem Programm, weiß aber genau, dass Brecht schon lange tot sei, und was der folglich in dem Programm aus vielen Lebenden suche uswusf. Ebstein redet derweil von „ihren Kumpels aus der Zeit der Friedensbewegung“, dass Udo Lindenberg ein „Lyriker“ sei, deutsche Schlager bessere Texte hätten als französische Chansons und sie selbst bereits 1971 als Trendsetter das erste deutsche Öko-Lied gesungen habe: „Diese Welt“. Sie schließt mit der kühnen Behauptung: „Ich bin heute nicht manipulierbar, und war es damals auch nicht“. Ach ja, s ie tritt heute um 20 Uhr in der Michaeliskirche auf. Ein Hoch auf die neue deutsche Unübersichtlichkeit.
Stefan Billig ist in der CDU. Stefan Billig ist kulturpolitischer Sprecher der CDU. Und Stefan Billig hat endlich nicht mehr nur reden wollen, sondern seine gesammelten Ergüsse auch noch zu Papier bringen müssen. Wäre Stefan Billig Ökonom, könnte man ja wenigstens Witze mit seinem Namen machen. Als Arzt, der er ist, und eben kein Ökonom, wie gesagt, traut er sich weit vor auf fremdes Terrain. Hätte er mehr Ahnung von seinem Gegenstand, müsste man Stefan Billig allerdings wegen Verleumdung oder Ehrabschneidung verklagen. Nicht die lvz, gott bewahre, sondern die l-iz hat etwas ausführlicher über den jüngsten Vorstoß der CDU im Stadtrat berichtet, unter anderem mit Billigs Begründung für eine Strukturreform: „Gerade die Oper als größter Ausgabeposten steht in der aktuellen Etatsituation unter akutem Rechtfertigungsdruck. Die Wirtschaftlichkeit der Häuser allgemein muss schnell und merklich verbessert werden, wenn die künstlerische Substanz bewahrt und weiter entwickelt werden soll.“ Billig verwechselt nicht nur die Höhe der Zuschüsse, des Ausgabenpostens, mit Wirtschaftlichkeit oder Unwirtschaftlichkeit des Hauses allgemein, sondern erdreistet sich unter der Hand, Rechtfertigungsdruck aufzubauen ohne jedes Argument, dass da Missmanagement getrieben würde. Oder hat da die Aufsicht der Häuser, der Oper speziell, versagt? Ist Höhe allein ein Kriterium? Ein negatives zumal? Wer weiß, dass die Theater insbesondere aus Personalkosten bestehen, muss gleichzeitig sagen, welche Kunst man mit wieviel Personal schaffen kann oder soll. Leider gibt es von Seiten der CDU, man betrachte derzeit die unsäglich fachfremde Debatte in Dresden, Hamburg und vielen anderen Städten, keine Äußerung dazu, außer: Stellenabbau. Die gesellschaftspolitische Revolution der CDU, die Vision einer hemmungslos durchkapitalisierten Gesellschaft, die Menschen, Institutionen, Einrichtungen, Körperschaften allein aufgrund ihrer ökonomischen Werte und Unwerte berechnen und beurteilen möchte, ist eine negative Utopie. Angeblich möchte sie die „Substanz bewahren“, dabei zerstört sie diese.
Zum konkreten Fall: In Leipzig möchte Billig ein Stiftungsmodell für die Museen und ein GmbH-Modell für die Theater (Oper Leipzig, Centraltheater, Theater der Jungen Welt, evt. Ballett; aber nicht das Gewandhaus Leipzig!) einführen und zwar schon in acht Monaten, ab August 2011. Kann man diesen (Hobby-)Politiker im Leipziger Stadtrat eigentlich ernstnehmen? Muss man wohl. Siehe Landtag in Dresden, Senat in Hamburg etcpp. Billig möchte ein Geschäftsführermodell an der Spitze, also keinen verantwortlichen Künstler. Ein solcher soll den kaufmännischen Geschäftsführer allerdings beraten, alle drei Jahre ein neuer! Die Spartenleitungen unterhalb der Geschäftsführung bezeichnet Billig etikettenschwindlerisch als Intendanten. Das sind sie beileibe nicht, schließlich buhlen sie mit ihren hauseigenen Intendantenkonkurrenten um die Verteilung der Gelder und sind auch keine Herren im eigenen Haus. Schon dieses Modell ist unfruchtbar. Halle/Saale hat sich 2008 eben diese juristische Konstruktion gegeben. Die dortige Geschäftsführung (Rolf Stiska) hat als erstes wesentliche Versprechungen, die zu Beginn der Zusammenlegung gemacht wurden, ignoriert, über den Haufen geworfen, indem er bei erstbester Gelegenheit das Kinder- und Jugendtheater als kleinste und scheinbar am wenigsten von einer Lobby unterstützte Theater schließen wollte. Abgesehen davon, dass Stiska seine Haufaufgaben (Stellenreduzierung, allerdings nicht im künstlerischen Bereich) einfach nicht gemacht hat, dadurch ein Defizit vorprogrammiert und sehenden Auges (man darf vermuten, gewollt) die Schließung des kleinstes Theaters unter perfidem rhetorischen Ausrutscher (eines von zwei Schauspielhäuser wollte er schließen) betrieben hat. Seine Glaubwürdigkeit ist damit hinüber. Niemand wird einem Geschäftsführer einer Theater GmbH künftig abnehmen, dass er bzw. der Aufsichtsrat unparteiisch und nur nach entsprechender Argumentation gravierende Entscheidungen fällt. Es sind immer die haus- oder stadtinternen Machtverhältnisse oder Vorlieben, die entscheiden. Aber das weiß man alles längst vorher. Wie ein kaufmännischer Geschäftsführer eigentlich Richtlinien vorgeben oder Fragen der Kunst abschließend beurteilen soll, ist ohnehin unvorstellbar.
Das, was die CDU in Person von Stefan Billig vorhat, ist eine gewollte Schädigung der Kunst, eine Beschädigung eines wesentlichen Elements der Gesellschaft, einer von der Politik nur schwer kontrollierbaren Einrichtung. Und genau darum geht es scheinbar in diesem wie in vielen anderen Fällen der Beschneidung gesellschaftlich wichtiger Einrichtungen: Die Durchökonomisierung sämtlicher Bereiche der Gesellschaft soll öffentliche Leistungen zu privat zu erwerbenden Leistungen machen, ob Kultur, Bildung, Gesundheit, Wohnen usw. Alles, was ein Staat seinen Bewohnern, sich selbst, zur Verfügung stellt, wird der Bürger nicht mehr teuer privat erwerben. Das ist der CDU ein Dorn im Auge. Nicht die im Vergleich lächerlichen Zuschüsse für Kultur, Soziales, Bildung etc. Man vergleiche die mit den Subventionen an die größten agrarwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland und Europa, an die Subventionen und die Prostituierung der Städte an Großbetriebe, an Banken, an steuerlich absetzbare Verlustabschreibungen und Gewinn-/Verlustrechnungen von Betrieben usw. Die Ausgaben, über die geredet wird, sind lächerlich im Vergleich. Aber es geht ja auch um das Prinzip. Man will diese großteils freiwilligen Leistungen loswerden.Nicht die „unfreiwilligen“ ändern.Dass wie im sächsischen Kulturraumgesetz auch die gesetzlichen Leistungen hinterrücks gekappt werden, gehört zu dieser Strategie. Hoffentlich ist die Unrechtmäßigkeit des Vorhabens, das Professor Ossenbühl der Novellierung bestätigt hat, noch ein Hebel oder Argument und geht nicht in einer puren Erpressung durch das Land Sachsen unter.
Vielleicht sollte Stefan Billig in der Zaubershow des Krystallpalast Varieté auftreten. Wie lasse ich ruckzuck einzweidrei Theater aus der einen Hand (der öffentlichen) verschwinden und tlasse sie in der anderen (der die dem Kapitalmarkt zugehört) wieder erscheinen. Aber Billigs Kunststückchen erinnern eher an das Schrumpfen von erbeuteten Köpfen, das manche alten Stämme mit eroberten Feinden gerne zelebriert haben. Im Moment ist die CDU eine Partei, die Schrumpfköpfe liebt. Im einen wie im anderen Sinne.
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Montag, 15. November 2010
lvz kultur vom 15.11.10: Die lvz hilft Kindern, DEFA-Preise, Haus Auensee, Musikschule & Verlagsfest
Nichts geht über Eigenwerbung. Gewandhaus und drei große Firmen einschließlich der lvz betreiben eine gemeinsame Stiftung namens "Leipzig hilft Kindern", für die nun zu einem Benefizkonzert geladen wird. Riccardo Chailly wird dirigieren, Arcadi Volodos den Solist am Flügel geben, Peter Korfmacher übernimmt Werbung & Marketing. Dem guten Zweck der Stiftung wird ausführlich Raum gegeben, man lasse ihn sich auf der Zunge zergehen: Ziel sei "die Unterstützung und Förderung der Jugendhilfe, insbesondere der Jugendarbeit, der Jugendsozialarbeit, des erzieherischen Jugendschutzes, der Erziehung in der Familie, in Tageseinrichtungen sowie die Förderung von Volks- und Berufsbildung und Erziehung." Jeder einzelne der aufgeführten Punkte wurde in den letzten Monaten, insbesondere von der sächsischen Landesregierung, finanziell gerupft wie ein Brathähnchen, bis dessen nackte Haut durchschien, versehen mit massiver journalistischer Flankendeckung der lvz. Und nun taucht diese Kinder- und Jugendhilfe als konzern-, pardon, stiftungseigene Mildtätigkeit wieder auf, für die der Staat aber erhebliche Steuerbefreiungen an die Firmen zu leisten hat. Der Staat zieht sich aus der Verantwortung zurück, private Sponsoren entdecken das Soziale als verwaistes neues Wirkungsfeld. Und das Gewandhaus hat in diesem lukrativen Eitelkeitszirkus der Sponsoren und deren vermeintlicher Uneigennützigkeit mitzuspielen.
Diese Eigenwerbung wird dem lvz leser in den nächsten Tagen sicher noch ein ums andere Mal in selbstbeweihräuchernder Form begegnen. Auf dem Programm der Benefiznummer wird auch das erste Klavierkonzert Tschaikowskis stehen. Korfmacher zitiert dazu Anton Rubinstein, dem der Komponist das Werk zugedacht hatte: "trivial und vulgär, kurzum: schlecht".
Noch ne Stiftung: Die DEFA-Stiftung verteilt zum zehnten Mal ihre Preise und auch sie feiert sich selbst. Knapp vor Weihnachten wird ein Prachtband über "Die alten DEFA-Märchenfilme" herausgegeben, der von Ex-Kinoweltler Michael Kölmel, nun Zweitausendeins-Besitzer, als Co-Produzent vertrieben wird. Ach ja, die Preise selbst abVerantwortung" geehrt, die er bis 1976 drehte; der Nachwuchspreis ging an Feo Aladag für ihr Ehrenmord-Drama"Die Fremde", der Preis zur Förderung der Filmkunst ging an Florian Koerner von Gustorf und an Michael Weber, die keine "Dutzend-, sondern Herzware" herstellten, wie Norbert Wehrstedt betont.
Das Ensemble der Landesbühnen Sachsen hat im Anschluss an ihre jüngste Premiere (Faust 1) vor dem Theater gegen Kürzungen im Sozial- und Kulturbereich demonstriert. Einen Protest auf der Bühne hatte ihnen das SMWK untersagt. Gleichzeitig hat das Sächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur der Stadt Radebeul die Pistole auf die Brust gesetzt: Wenn sie nicht als Gesellschafter in eine neu zu gründende gGmbh einträte, würde der Spielbetrieb der LBS ab kommenden Sommer 2011 eingestellt. Die grandiose Kommunikationsleistung, die die gegenwärtige Staatsregierung im Rahmen der Steuermehreinnahmen und der angekündigten Kürzungen im Umgang mit ihren Untertanen pflegt, setzt sich damit bruchlos fort.
Die Oldtimerparade der Rockmusik fand am Wochenende im Haus Auensee ihre Fortsetzung. Die Orchestral Monoeuvres in the Dark, die zu den "stilprägenden Ikonen der 80er Jahre" gehörten, haben sich nach 20-jährger Pause wieder "hochenergetisch und formvollendet - der Bryan Ferry des Synthpop" präsentiert. Sie öffneten das "Füllhorn ihrer Hits" u.a. mit dem "wahrscheinlich schönsten langsamen Walzer der Popgeschichte, Maid of Orleans". Mit diesem "ästhetischen Gegenentwurf zum Punk" hätten sie seinerzeit "den Wohnberechtigungsschein im Olymp" erworben, wie Lars Schmidt schreibt.
Unter dem etwas angestrengt klingenden Titel "Gut zum Druck" fand das erste Autoren- und Verlagsfest im Haus des Buches statt. Der sächsische Kulturrat wollte in Erinnerung an große Zeiten Leipzigs als Verlagsstadt die vielen neuen kleinen sächsischen Verlage präsentieren. Leider hat dies das Publikum in eher geringerem Ausmaß interessiert. Aber immerhin war Freifrau von Schorlemer, Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, anwesend, den Preisträger des Literaturförderpreises ihres Ministeriums zu loben. Dies tat die augenscheinlich mit der Kunst fremdelnde Ministerin in betont nüchternen Worten. Mit dem Preisträger wurde zudem bruchlos an bessere Zeiten angeknüpft, denn der Förderpreis ging an den bereits über 50-jährigen Dresdner Jens Wonneberger. Aber auch sonst redete man auf diesem Fest, wie Theresa Wiedemann schrieb, im Gespräch gerne aneinander vorbei.
Neben seinem euphorischen Werbeblock (zum Benefiz) hat sich Peter Korfmacher in einem weiteren Artikel etwas ungnädiger dargestellt. Die "vereinigten Sinfonieorchester der Musikschulen Leipzigs und Zürichs" hatten mit ihrem Konzert den Meister nicht erfreuen können. Für beide Dirigenten, Ron-Dirk Entleutner und Peter Walser, und ihre Orchester wären die Anforderungen ihrer ausgewählten Werke offensichtlich zu groß gewesen, sie selbst hätten sich - so bei Beethoven-Ouvertüren oder Griegs "Peer-Gynt-Suite" - "populären Irrtümern" hingegeben: Schweres durch Langsamkeit leichter zu gestalten und so die Werke glatt unterschätzt. Angemessener wären den jugendlichen Spielern "krachende Showstücke" wie Mussorgskys "Nacht auf dem kahlen Berge", in deren Hexenküche von Tönen man über ein paar falsch gesetzte schon mal "Schwamm drüber" sagen könne. Wenn nicht ohnehin schon "mangelnde Sorgfalt aufs Stimmen" der Instrumente verwendet worden sei.
Diese Eigenwerbung wird dem lvz leser in den nächsten Tagen sicher noch ein ums andere Mal in selbstbeweihräuchernder Form begegnen. Auf dem Programm der Benefiznummer wird auch das erste Klavierkonzert Tschaikowskis stehen. Korfmacher zitiert dazu Anton Rubinstein, dem der Komponist das Werk zugedacht hatte: "trivial und vulgär, kurzum: schlecht".
Noch ne Stiftung: Die DEFA-Stiftung verteilt zum zehnten Mal ihre Preise und auch sie feiert sich selbst. Knapp vor Weihnachten wird ein Prachtband über "Die alten DEFA-Märchenfilme" herausgegeben, der von Ex-Kinoweltler Michael Kölmel, nun Zweitausendeins-Besitzer, als Co-Produzent vertrieben wird. Ach ja, die Preise selbst abVerantwortung" geehrt, die er bis 1976 drehte; der Nachwuchspreis ging an Feo Aladag für ihr Ehrenmord-Drama"Die Fremde", der Preis zur Förderung der Filmkunst ging an Florian Koerner von Gustorf und an Michael Weber, die keine "Dutzend-, sondern Herzware" herstellten, wie Norbert Wehrstedt betont.
Das Ensemble der Landesbühnen Sachsen hat im Anschluss an ihre jüngste Premiere (Faust 1) vor dem Theater gegen Kürzungen im Sozial- und Kulturbereich demonstriert. Einen Protest auf der Bühne hatte ihnen das SMWK untersagt. Gleichzeitig hat das Sächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur der Stadt Radebeul die Pistole auf die Brust gesetzt: Wenn sie nicht als Gesellschafter in eine neu zu gründende gGmbh einträte, würde der Spielbetrieb der LBS ab kommenden Sommer 2011 eingestellt. Die grandiose Kommunikationsleistung, die die gegenwärtige Staatsregierung im Rahmen der Steuermehreinnahmen und der angekündigten Kürzungen im Umgang mit ihren Untertanen pflegt, setzt sich damit bruchlos fort.
Die Oldtimerparade der Rockmusik fand am Wochenende im Haus Auensee ihre Fortsetzung. Die Orchestral Monoeuvres in the Dark, die zu den "stilprägenden Ikonen der 80er Jahre" gehörten, haben sich nach 20-jährger Pause wieder "hochenergetisch und formvollendet - der Bryan Ferry des Synthpop" präsentiert. Sie öffneten das "Füllhorn ihrer Hits" u.a. mit dem "wahrscheinlich schönsten langsamen Walzer der Popgeschichte, Maid of Orleans". Mit diesem "ästhetischen Gegenentwurf zum Punk" hätten sie seinerzeit "den Wohnberechtigungsschein im Olymp" erworben, wie Lars Schmidt schreibt.
Unter dem etwas angestrengt klingenden Titel "Gut zum Druck" fand das erste Autoren- und Verlagsfest im Haus des Buches statt. Der sächsische Kulturrat wollte in Erinnerung an große Zeiten Leipzigs als Verlagsstadt die vielen neuen kleinen sächsischen Verlage präsentieren. Leider hat dies das Publikum in eher geringerem Ausmaß interessiert. Aber immerhin war Freifrau von Schorlemer, Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, anwesend, den Preisträger des Literaturförderpreises ihres Ministeriums zu loben. Dies tat die augenscheinlich mit der Kunst fremdelnde Ministerin in betont nüchternen Worten. Mit dem Preisträger wurde zudem bruchlos an bessere Zeiten angeknüpft, denn der Förderpreis ging an den bereits über 50-jährigen Dresdner Jens Wonneberger. Aber auch sonst redete man auf diesem Fest, wie Theresa Wiedemann schrieb, im Gespräch gerne aneinander vorbei.
Neben seinem euphorischen Werbeblock (zum Benefiz) hat sich Peter Korfmacher in einem weiteren Artikel etwas ungnädiger dargestellt. Die "vereinigten Sinfonieorchester der Musikschulen Leipzigs und Zürichs" hatten mit ihrem Konzert den Meister nicht erfreuen können. Für beide Dirigenten, Ron-Dirk Entleutner und Peter Walser, und ihre Orchester wären die Anforderungen ihrer ausgewählten Werke offensichtlich zu groß gewesen, sie selbst hätten sich - so bei Beethoven-Ouvertüren oder Griegs "Peer-Gynt-Suite" - "populären Irrtümern" hingegeben: Schweres durch Langsamkeit leichter zu gestalten und so die Werke glatt unterschätzt. Angemessener wären den jugendlichen Spielern "krachende Showstücke" wie Mussorgskys "Nacht auf dem kahlen Berge", in deren Hexenküche von Tönen man über ein paar falsch gesetzte schon mal "Schwamm drüber" sagen könne. Wenn nicht ohnehin schon "mangelnde Sorgfalt aufs Stimmen" der Instrumente verwendet worden sei.
Mittwoch, 10. November 2010
lvz kultur vom 10.11.10: Straßen für die Kids, Maffay, Triegel und Faber&Jung
155 Mio € mehr für Inverstitionen. Viel Geld? Diese Summe verplant die sächsische Regierung angesichts sprudelnder Steuermehreinnahmen in Höhe von 550 Mio € allein in 2010, 162 Mio € in 2011 und 314 Mio € in 2012, wie Jürgen Kochinke schreibt. Nur(!) 155 Mio € muss man also sagen. Ausgegeben wird das Geld für Straßen, Brücken, den Bau von Krankenhäusern und Schulen. Die Kultur wird mit einer fetten roten Null abgespeist. Im Sozial- und Jugendbereich bleiben die diskutierten Kürzungen erhalten, auch bei der Polizei. Es ist nicht möglich, angesichts der Steuermehreinnahmen noch von Sparmaßnahmen zu reden, sondern nur noch von politisch gewollten Kürzungen. Das macht einen gravierenden Unterschied. Denn dahinter steckt mehr Konzept als es bisher schien. Die Zerschlagung kultureller Freiräume und der Jugend- und Sozialarbeit, wie in Leipzig geplant, ist genau so gewollt. Und seit spätestens Juni, als die geplanten Kürzungen durch Dresdens Landesregierung öffentlich wurden, hat die lvz nahezu sämtliche Gelegenheiten ausgelassen, mit Abgeordneten oder Ministern aus CDU oder FDP zum Thema der Kürzungen zu reden. Warum?
Claus Lochbiehler sprach mit Mick Hucknell über seinen bevorstehenden Abschied von Simply Red. Trennung oder gar Auflösung könne man dazu nicht sagen, schließlich sei er selbst Simply Red. Hucknell hat unterdessen einen anderen Sound im Kopf ("Musik, zu der man tanzen muss oder richtig Durst auf ein Bier bekommt"), die Plattenfirma untersagt ihm aber unter dem Label "Simply Red" Musik, die nicht nach Simply Red klingt. Die Marke zählt, darf nicht verändert werden. Also: Bevor Hucknell dazu verdammt ist, sich selbst zu covern, muss eine neue Marke her. Die Lösung: Nach der Abschiedstournee mit Simply Red tritt er erst solo unter neuem Namen mit neuem Sound auf, anschließend engagiert er die alten Bandmitglieder erneut.
Peter Maffay war für das Konzert "40 Jahre Rock'n'Roll" in der Arena Leipzig. Während ihn das 8000-stimmige Publikum "mit Hingabe, Gefühl und Andacht" verehrte und mitsang, lag Peter Korfmacher dem Klassik-Rocker regelrecht zu Füßen. Nicht nur die von Maffay beharrlich als Lieder bezeichneten "Songs" hätten Qualität, ebenso seine fantastische Band, und allen voran Carl Carlten, Maffays Mann an der Gitarre. Mit dem zusammen spielte Maffay eine "naturbelassene Musik, die unter die Haut geht": "zwei Männer, zwei Gitarren, wenige Akkorde".
Als Papst-Maler hat es Michael Triegel unterdessen zu Bekanntheit gebracht, das Tuch über dem vollendeten Porträt Benedikt XVI. hat Triegel nun erstmals für lvz redakteur Thomas Mayer gelüftet, bevor es ab 26. November im Bildermuseum nebst anderen Werken in der Ausstellung "Michael Triegel - Verwandlung der Götter" zu sehen sein wird. Auf dem Porträt halte Papst Benedikt ein Blatt Papier in der Hand mit den Weisheiten des Heiligen Augustinus. Ehrfürchtig gibt Mayer eine poetisch-religiöse Bildinterpretation zum besten: "Augustinus' Herzschlag schlägt in dieser Brust weiter." Seelenverwandtschaft? Augustinus jedenfalls ist unter anderem für seine autobiografischen "Confessiones/Bekenntnisse" berühmt geworden, in denen er die Wirklichkeit in drei Bereiche teilen will. Die Welt des höchsten Seins sei nur dem Geist zugänglich, das mit den Sinnen erfahrbare Werden sei dem niederen Bereich der Wirklichkeit zugeordnet. Die Trennung in Höheres und Niederes hat bekanntlich in vielerlei Hinsicht heute wieder Konjunktur. Demokratie adé. Es ist ein Kreuz mit sensiblen Künstlern, adeligen Politikern und Päpsten.
Ein Textmeer bei Windstärke Eins über eine Austellung von Carsten Tabel in der Galerie Kleindienst hat Meinhard Michael geschrieben. Aus ihm schwappt keine einzige Welle, kein einziger Satz bis ins Bewusstsein des schlingernden Lesers. Allein Tabels eigene Worte, "Menschen wie Hunde an Leitplanken" und "Er weiß es besser und denkt auch viel schöner als der Müll da unten auf der Straße", bleiben hängen. Vielleicht war jemand aus der heiligen Dreifaltigkeit Augustin - Benedikt - Triegel der Ghostwriter? Beim dritten Zitat wandern die Gedanken allerdings wieder heimwärts: "Kleines bisschen mitmachen bei der Diffusion [gleichmäßige Verteilung, ath.] von Kultur, man wünscht sich eine Untergrundarmee, die aber zu Hause bleiben darf, sich selbst vernebeln." Das hat Michael etwas zu wörtlich genommen. Athene ist schon ganz benommen.
Im Interview mit Mathias Wöbking jammert Freie-Szene-Sprecher Falk Elstermann gewohnt wortreich darüber, dass 5% von 100 Mio € weniger seien als 5% von 110 mio. €. Nun fühlt er sich irgendwie von der Kulturverwaltung über den Tisch gezogen. Sein Matheunterricht ist scheinbar schon sehr lange vorbei. Trotzdem schön, dass ein Seniorenstudium doch noch Früchte tragen kann.
Den täglichen Faber gibt uns heute die lokale variante der Dreifaltigkeit, Orbeck/Staeubert/Korfmacher. OBM Jung, der derzeit in Amerika weilt und dort eine Preisrede auf Kurt Masur hält (warum eigentlich?), hat ihn nur telefonisch von seiner Beschneidung informiert. Von Jung stammt auch die Charakterisierung Fabers als "Kreisklasse". Vergessen sollte er nicht, dass er selbst dem Transfer seinerzeit zugestimmt hat. Und nach Bundesliga, geschweige Champions-League, sieht der gegenwärtige Murks nicht aus, vielmehr nach menschlicher und politischer Führungsschwäche. Faber macht derweil, was er am liebsten macht, schweigen: "Meine Auffassung von Loyalität gebietet es mir, bis zur Rückkehr die Entscheidung nicht zu kommentieren". Bekannt ist nur, dass Faber als Kulturdezernent lieber noch nicht zurücktritt. Verständlich, erhält er doch bei einer Abwahl durch den Stadtrat bis 2016 monatlich 75% seiner gegenwärtigen Bezüge weiter.
Claus Lochbiehler sprach mit Mick Hucknell über seinen bevorstehenden Abschied von Simply Red. Trennung oder gar Auflösung könne man dazu nicht sagen, schließlich sei er selbst Simply Red. Hucknell hat unterdessen einen anderen Sound im Kopf ("Musik, zu der man tanzen muss oder richtig Durst auf ein Bier bekommt"), die Plattenfirma untersagt ihm aber unter dem Label "Simply Red" Musik, die nicht nach Simply Red klingt. Die Marke zählt, darf nicht verändert werden. Also: Bevor Hucknell dazu verdammt ist, sich selbst zu covern, muss eine neue Marke her. Die Lösung: Nach der Abschiedstournee mit Simply Red tritt er erst solo unter neuem Namen mit neuem Sound auf, anschließend engagiert er die alten Bandmitglieder erneut.
Peter Maffay war für das Konzert "40 Jahre Rock'n'Roll" in der Arena Leipzig. Während ihn das 8000-stimmige Publikum "mit Hingabe, Gefühl und Andacht" verehrte und mitsang, lag Peter Korfmacher dem Klassik-Rocker regelrecht zu Füßen. Nicht nur die von Maffay beharrlich als Lieder bezeichneten "Songs" hätten Qualität, ebenso seine fantastische Band, und allen voran Carl Carlten, Maffays Mann an der Gitarre. Mit dem zusammen spielte Maffay eine "naturbelassene Musik, die unter die Haut geht": "zwei Männer, zwei Gitarren, wenige Akkorde".
Als Papst-Maler hat es Michael Triegel unterdessen zu Bekanntheit gebracht, das Tuch über dem vollendeten Porträt Benedikt XVI. hat Triegel nun erstmals für lvz redakteur Thomas Mayer gelüftet, bevor es ab 26. November im Bildermuseum nebst anderen Werken in der Ausstellung "Michael Triegel - Verwandlung der Götter" zu sehen sein wird. Auf dem Porträt halte Papst Benedikt ein Blatt Papier in der Hand mit den Weisheiten des Heiligen Augustinus. Ehrfürchtig gibt Mayer eine poetisch-religiöse Bildinterpretation zum besten: "Augustinus' Herzschlag schlägt in dieser Brust weiter." Seelenverwandtschaft? Augustinus jedenfalls ist unter anderem für seine autobiografischen "Confessiones/Bekenntnisse" berühmt geworden, in denen er die Wirklichkeit in drei Bereiche teilen will. Die Welt des höchsten Seins sei nur dem Geist zugänglich, das mit den Sinnen erfahrbare Werden sei dem niederen Bereich der Wirklichkeit zugeordnet. Die Trennung in Höheres und Niederes hat bekanntlich in vielerlei Hinsicht heute wieder Konjunktur. Demokratie adé. Es ist ein Kreuz mit sensiblen Künstlern, adeligen Politikern und Päpsten.
Ein Textmeer bei Windstärke Eins über eine Austellung von Carsten Tabel in der Galerie Kleindienst hat Meinhard Michael geschrieben. Aus ihm schwappt keine einzige Welle, kein einziger Satz bis ins Bewusstsein des schlingernden Lesers. Allein Tabels eigene Worte, "Menschen wie Hunde an Leitplanken" und "Er weiß es besser und denkt auch viel schöner als der Müll da unten auf der Straße", bleiben hängen. Vielleicht war jemand aus der heiligen Dreifaltigkeit Augustin - Benedikt - Triegel der Ghostwriter? Beim dritten Zitat wandern die Gedanken allerdings wieder heimwärts: "Kleines bisschen mitmachen bei der Diffusion [gleichmäßige Verteilung, ath.] von Kultur, man wünscht sich eine Untergrundarmee, die aber zu Hause bleiben darf, sich selbst vernebeln." Das hat Michael etwas zu wörtlich genommen. Athene ist schon ganz benommen.
Im Interview mit Mathias Wöbking jammert Freie-Szene-Sprecher Falk Elstermann gewohnt wortreich darüber, dass 5% von 100 Mio € weniger seien als 5% von 110 mio. €. Nun fühlt er sich irgendwie von der Kulturverwaltung über den Tisch gezogen. Sein Matheunterricht ist scheinbar schon sehr lange vorbei. Trotzdem schön, dass ein Seniorenstudium doch noch Früchte tragen kann.
Den täglichen Faber gibt uns heute die lokale variante der Dreifaltigkeit, Orbeck/Staeubert/Korfmacher. OBM Jung, der derzeit in Amerika weilt und dort eine Preisrede auf Kurt Masur hält (warum eigentlich?), hat ihn nur telefonisch von seiner Beschneidung informiert. Von Jung stammt auch die Charakterisierung Fabers als "Kreisklasse". Vergessen sollte er nicht, dass er selbst dem Transfer seinerzeit zugestimmt hat. Und nach Bundesliga, geschweige Champions-League, sieht der gegenwärtige Murks nicht aus, vielmehr nach menschlicher und politischer Führungsschwäche. Faber macht derweil, was er am liebsten macht, schweigen: "Meine Auffassung von Loyalität gebietet es mir, bis zur Rückkehr die Entscheidung nicht zu kommentieren". Bekannt ist nur, dass Faber als Kulturdezernent lieber noch nicht zurücktritt. Verständlich, erhält er doch bei einer Abwahl durch den Stadtrat bis 2016 monatlich 75% seiner gegenwärtigen Bezüge weiter.
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Samstag, 6. November 2010
lvz kultur vom 6.11.10: Alice Cooper, von Schorlemer, Grimaud & Philipp Neumann
Im Reigen der zehn großen Rocksängerlein gibt sich heute auch Alice Cooper in der Arena Leipzig die Ehre. Claudia Nitsche sprach mit der Legende der Siebziger und Achziger Jahre und heutigen Saturn-Werbeikone Dass hinter der schillernden Fassade von Mr. Hyde ein Dr. Jekyll steckt, ein braver Sonntagskirchgänger und seit 35 Jahren verheirateter, seine Kinder liebende Ehemann, mag erstaunen, wenn man es nicht längst wusste oder wenigstens ahnte. Auch hinter den großen des Showbusiness steckt selbstverständlich die Kunst der (Eigen-)Inszenierung. Inmitten der vielen Rockheroen seiner Zeit, von Mick Jagger, Paul Mac Cartney bis Bowie, besetzte der clevere Schauspieler die Rolle des Dracula des Rock n'Roll und füllte sie lustvoll bis heute. Für den privat unspektakulären Geniesser gehörten „Horror und Humor“ schon immer zusammen. Im Gegensatz zu den vielen Eintagsfliegen, für die die Paarung eher andersherum gilt.
Freifrau von Schorlemer, sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, lässt die Katze aus dem Sack. Die Landesbühnen Sachsen werden von einer landeseigenen Einrichtung in eine gGmbH umgewandelt, an der sich (Abstecher-)Kommunen und Kreise beteiligen können oder besser sollen, allen voran die Sitzgemeinde Radebeul. Alle Beteiligten kamen bisher recht kostengünstig und ohne Verpflichtungen in den Genuss des breiten Kulturangebots der LBS. Ob die infragekommenden Städte und Kreise das Geld aufbringen wollen (oder können), bleibt allerdings vollkommen offen. Bei der chronischen Unterfinanzierung der Kommunen sollte man nicht gerade optimistisch sein. Und ob das Konstrukt, Geld, das bisher an die acht Kulturräume verteilt worden ist, diesen rechtmäßig vorenthalten werden kann zugunsten einer klar definierten, regional begrenzten Gesellschafterversammlung, ist mit dem jüngsten Rechtsgutachten von Prof. Ossenbühl ohnehin die Frage. Auch wenn das Land die Summe, die den Räumen genommen werden soll, auf 3 Mio € reduzieren will. Zumal auch der Kulturrat, der an der Verteilung der Gelder innerhalb der Kulturräume mitzuwirken hat, vom Freistaat nicht mit einbezogen wurde. Konsequent bliebe nach wie vor, die zwei oder drei infragekommenden Kulturräume mit mehr Geld auszustatten, um die Umwidmung der LBS zu ermöglichen.
In einer wieder einmal wundervollen Glosse von Jürgen Kleindienst begeht der lvz redakteur den nur als Hofnarr der Mächtigen erlaubten Frevel, eine Preisverleihung in Worten größter Empörung an den Pranger der Öffentlichkeit zu stellen. Gudrun Krämer, eine schon durch ihr Geburtsjahr im Verdacht einer „multikulti-verblendeten Jung-68erin ohne jeden Bezug zur Lebensrealität“ des Bildzeitung lesenden Deutschlands stehenden Institutsprofessorin, ist sicher längst im Visier des BND. Erdreistet sich die Wissenschaftlerin doch einer „ganz besonders raffinierten Form der Verharmlosung islamistischer Bedrohung“. Sie will partout über Inhalte integrationsfördernder Umstände reden. Und wird dafür sogar ausgezeichnet. Und mit 100.000 € versehen. Wie sagt Kleindienst: „Nicht zu fassen!“
Der Meister des journalistischen double-bind, Peter Korfmacher, schreibt über ein Aufsehen erregendes Großes Concert im Gewandhaus. Beethovens fünftes Klavierkonzert, diese „Rebellion in Tönen“, wurde gegeben, unter der Leitung von Roger Norrington, mit Hélène Grimaud am Flügel. Korfmacher spricht von „Verlusten“ und davon, wie „schwer“ sich die beiden Protagonisten tun, die „Akkordschläge des Kopfsatzes übereinander“ zu bringen. Zu unterschiedlich ihre Interpretationsansätze. Zuspitzung (Grimaud) contra Ausgleich (Norrington). Andererseits vermag der „allumfassende Anspruch“ dieses Beethoven-Konzerts gerade dadurch „hörbar“ werden, dass „man nicht versucht, die Widersprüche in philharmonische Verbindlichkeit aufzulösen“. Auch Korfmacher ist Virtuose in der Kunst, einerseits und andererseits, Zuspitzung und Ausgleich gleichermaßen anzubieten, für jeden das, was er hören oder lesen mag.
Nina May hat noch einen kurzen eineinhalbstündigen Abend in der Schaubühne Lindenfels verbracht. Philipp J. Neumanns Instinkt-Tanz-Theater „Prophezeiung 20/11“ fand als Eigenproduktion der euro-scene Leipzig statt, doch „was zu Beginn noch wohligen Schauer auslöst, lässt bald kalt“. Der Abend verbleibt im „Experiment-Charakter“ und zeigt abgesehen von spannungsvollen Objektinstallationen von Hagen Tilp eher ein „verwirrtes Getaumel der Tänzer“, die sich zunehmend hin zum Animalischen entwickeln, bevor die Tiermenschen durch eine Herde echter Schafe abgelöst und sich von einem artifiziellen Gebilde ins Bockshorn jagen lassen. So wie die Zuschauer, die „Schafsleckerlis“ und später müden Applaus spenden dürfen.
Freifrau von Schorlemer, sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, lässt die Katze aus dem Sack. Die Landesbühnen Sachsen werden von einer landeseigenen Einrichtung in eine gGmbH umgewandelt, an der sich (Abstecher-)Kommunen und Kreise beteiligen können oder besser sollen, allen voran die Sitzgemeinde Radebeul. Alle Beteiligten kamen bisher recht kostengünstig und ohne Verpflichtungen in den Genuss des breiten Kulturangebots der LBS. Ob die infragekommenden Städte und Kreise das Geld aufbringen wollen (oder können), bleibt allerdings vollkommen offen. Bei der chronischen Unterfinanzierung der Kommunen sollte man nicht gerade optimistisch sein. Und ob das Konstrukt, Geld, das bisher an die acht Kulturräume verteilt worden ist, diesen rechtmäßig vorenthalten werden kann zugunsten einer klar definierten, regional begrenzten Gesellschafterversammlung, ist mit dem jüngsten Rechtsgutachten von Prof. Ossenbühl ohnehin die Frage. Auch wenn das Land die Summe, die den Räumen genommen werden soll, auf 3 Mio € reduzieren will. Zumal auch der Kulturrat, der an der Verteilung der Gelder innerhalb der Kulturräume mitzuwirken hat, vom Freistaat nicht mit einbezogen wurde. Konsequent bliebe nach wie vor, die zwei oder drei infragekommenden Kulturräume mit mehr Geld auszustatten, um die Umwidmung der LBS zu ermöglichen.
In einer wieder einmal wundervollen Glosse von Jürgen Kleindienst begeht der lvz redakteur den nur als Hofnarr der Mächtigen erlaubten Frevel, eine Preisverleihung in Worten größter Empörung an den Pranger der Öffentlichkeit zu stellen. Gudrun Krämer, eine schon durch ihr Geburtsjahr im Verdacht einer „multikulti-verblendeten Jung-68erin ohne jeden Bezug zur Lebensrealität“ des Bildzeitung lesenden Deutschlands stehenden Institutsprofessorin, ist sicher längst im Visier des BND. Erdreistet sich die Wissenschaftlerin doch einer „ganz besonders raffinierten Form der Verharmlosung islamistischer Bedrohung“. Sie will partout über Inhalte integrationsfördernder Umstände reden. Und wird dafür sogar ausgezeichnet. Und mit 100.000 € versehen. Wie sagt Kleindienst: „Nicht zu fassen!“
Der Meister des journalistischen double-bind, Peter Korfmacher, schreibt über ein Aufsehen erregendes Großes Concert im Gewandhaus. Beethovens fünftes Klavierkonzert, diese „Rebellion in Tönen“, wurde gegeben, unter der Leitung von Roger Norrington, mit Hélène Grimaud am Flügel. Korfmacher spricht von „Verlusten“ und davon, wie „schwer“ sich die beiden Protagonisten tun, die „Akkordschläge des Kopfsatzes übereinander“ zu bringen. Zu unterschiedlich ihre Interpretationsansätze. Zuspitzung (Grimaud) contra Ausgleich (Norrington). Andererseits vermag der „allumfassende Anspruch“ dieses Beethoven-Konzerts gerade dadurch „hörbar“ werden, dass „man nicht versucht, die Widersprüche in philharmonische Verbindlichkeit aufzulösen“. Auch Korfmacher ist Virtuose in der Kunst, einerseits und andererseits, Zuspitzung und Ausgleich gleichermaßen anzubieten, für jeden das, was er hören oder lesen mag.
Nina May hat noch einen kurzen eineinhalbstündigen Abend in der Schaubühne Lindenfels verbracht. Philipp J. Neumanns Instinkt-Tanz-Theater „Prophezeiung 20/11“ fand als Eigenproduktion der euro-scene Leipzig statt, doch „was zu Beginn noch wohligen Schauer auslöst, lässt bald kalt“. Der Abend verbleibt im „Experiment-Charakter“ und zeigt abgesehen von spannungsvollen Objektinstallationen von Hagen Tilp eher ein „verwirrtes Getaumel der Tänzer“, die sich zunehmend hin zum Animalischen entwickeln, bevor die Tiermenschen durch eine Herde echter Schafe abgelöst und sich von einem artifiziellen Gebilde ins Bockshorn jagen lassen. So wie die Zuschauer, die „Schafsleckerlis“ und später müden Applaus spenden dürfen.
Samstag, 30. Oktober 2010
lvz kultur vom 30.10.10: Kulturraumgesetz, documenta 2012, Ezra Pound & Leila Josefowicz
Ein Rechtsgutachten im Auftrag von Oper Leipzig, Gewandhaus und Centraltheater und zum Preis von 10.000 € bestätigt dessen Auftraggebern deren Vorbehalte gegen die Rechtsstaatlichkeit der Novellierung des Kulturraumgesetztes Sachsen. In dem Gesetz, das am 15.12.2010 verabschiedet werden soll, geht es insbesondere um die Herauslösung der Landesbühnen Sachsen aus den Landesaufgaben, die fortan zur Hälfte aus den Geldern der acht Kulturräume bezahlt werden sollen. Es geht um mehr als 7 Mio € Mindereinnahmen, 2,5 Mio € beträfen die Stadt Leipzig. Karltheodor Hutter, Sprecher des sächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur (SMWK) gibt sich nach außen gelassen und meinte, ein Jurist sei bereits zur gegenteiligen Einschätzung als der des renommierten Staats- und Kommunalrechtlers Ossenbühl gekommen. Dahinter steckt wohl Zweckoptimismus, denn im gleichen Atemzug geht Hutter davon aus, "dass im Zuge des parlamentarischen Verfahrens finanziell noch "deutlich" nachgebessert werde, wie Peter Korfmacher zu berichten weiß. Alles andere als eine substanzielle Aufstockung der Kulturraumgelder wäre im Falle einer Herauslösung der LBS aus den Landesaufgaben tatsächlich nicht nachvollziehbar. Kurzfristige Einsparungen in sechsstelliger oder gar Millionenhöhe bei den Leipziger Flaggschiffen der Hochkultur, die als Konsequenz bisher drohen, würden das Programm wie das Image der Institute deutlich und wohl unwiederruflich beschädigen. Gewandhausdirektor Schulz fragt, ob er denn Anfang kommenden Jahres einfach 30 Seiten aus dem dann bereits gedruckten Spielzeitheft 11/12 "herausreißen solle"?
Einer hat darauf definitiv keine Antwort: Kulturdezernent Michael Faber, der derzeit Urlaub in Paris macht. Wie Korfmacher weiß, ohne Handy.
Die 13. documenta 2012 in Kassel wird ohne übergreifendes Motto stattfinden. Die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev will die wichtigste deutsche Kunstschau stattdessen "an das digitale Zeitalter und ihre unzähligen Netzwerke anknüpfen". Sogar die Kunstausstellung selbst werde in Frage gestellt. In "Zeiten drahtloser Kommunikation könne sie als anachronistische Erfahrung des 20. Jahrhunderts empfunden werden". Christov-Bakargiev strebt eine Vernetzung der Kunst mit den Feldern von Migration und Quantenphysik an, es seien Projekte zu "Fragen zum Leben in modernen Gesellschaften" geplant. Berater für die Auswahl der ca. 100 einzuladenden Künstler seien u.a. ein Physiker, ein Schriftsteller, ein Immunologe und ein Denkmalpfleger.
Ulf Heise berichtet über den 125-jährigen Geburtstag des großen und politisch umstrittenen Lyrikers Ezra Pound. Der Amerikaner Pound galt als Anhänger Mussolinis und Hitlerverehrer, wurde von italienischen Partisanen gefangengenommen, an die amerikanische Soldaten übergeben und schließlich als unzurechnungsfähig in die Psychiatrie eingewiesen. Als "gefangenen Löwe" haben ihn Besucher empfunden. Er selbst habe später sein"spießbürgerliches Vorurteil des Antisemitismus" als seinen schlimmsten Fehler bezeichnet und arrangierte sich mit "seinem selbstverschuldeten Auf und Ab". Pound, der zu den genialsten Lyrikern der Moderne" zählt, sagte dazu knapp: "Schönheit ist schwierig."
Beim jüngsten Großen Concert, u.a. mit Werken des russischen Komponisten Sergej Prokofjew, war Jungstar und "schöne junge Frau" Leila Josefowicz als Soloviolinistin zu Gast im Gewandhaus. Charlotte Schrimpf sah am Ende des ersten Satzes des Violinkonzerts noch vielsagende irritierte Blicke im Zuschauerraum. "So scharf? So schneidend? Gehört (sich) das so?" Die gebürtige Kanadierin will die "feinen Flötenphrasen und immateriellen Tremoli" "aufschlitzen, zerfetzen". Dirigent George Pehlivanian lässt das Orchester gewähren, Josefowicz "verzieren", bis Solistin, Orchester und Publikum doch noch zu einem gemeinsamen Orgasmus finden: "Als schließlich ihr D in den Obertönen mit Streichern und Flöten verschmilzt, fehlt im Saal eigentlich nur das Seufzen".
Einer hat darauf definitiv keine Antwort: Kulturdezernent Michael Faber, der derzeit Urlaub in Paris macht. Wie Korfmacher weiß, ohne Handy.
Die 13. documenta 2012 in Kassel wird ohne übergreifendes Motto stattfinden. Die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev will die wichtigste deutsche Kunstschau stattdessen "an das digitale Zeitalter und ihre unzähligen Netzwerke anknüpfen". Sogar die Kunstausstellung selbst werde in Frage gestellt. In "Zeiten drahtloser Kommunikation könne sie als anachronistische Erfahrung des 20. Jahrhunderts empfunden werden". Christov-Bakargiev strebt eine Vernetzung der Kunst mit den Feldern von Migration und Quantenphysik an, es seien Projekte zu "Fragen zum Leben in modernen Gesellschaften" geplant. Berater für die Auswahl der ca. 100 einzuladenden Künstler seien u.a. ein Physiker, ein Schriftsteller, ein Immunologe und ein Denkmalpfleger.
Ulf Heise berichtet über den 125-jährigen Geburtstag des großen und politisch umstrittenen Lyrikers Ezra Pound. Der Amerikaner Pound galt als Anhänger Mussolinis und Hitlerverehrer, wurde von italienischen Partisanen gefangengenommen, an die amerikanische Soldaten übergeben und schließlich als unzurechnungsfähig in die Psychiatrie eingewiesen. Als "gefangenen Löwe" haben ihn Besucher empfunden. Er selbst habe später sein"spießbürgerliches Vorurteil des Antisemitismus" als seinen schlimmsten Fehler bezeichnet und arrangierte sich mit "seinem selbstverschuldeten Auf und Ab". Pound, der zu den genialsten Lyrikern der Moderne" zählt, sagte dazu knapp: "Schönheit ist schwierig."
Beim jüngsten Großen Concert, u.a. mit Werken des russischen Komponisten Sergej Prokofjew, war Jungstar und "schöne junge Frau" Leila Josefowicz als Soloviolinistin zu Gast im Gewandhaus. Charlotte Schrimpf sah am Ende des ersten Satzes des Violinkonzerts noch vielsagende irritierte Blicke im Zuschauerraum. "So scharf? So schneidend? Gehört (sich) das so?" Die gebürtige Kanadierin will die "feinen Flötenphrasen und immateriellen Tremoli" "aufschlitzen, zerfetzen". Dirigent George Pehlivanian lässt das Orchester gewähren, Josefowicz "verzieren", bis Solistin, Orchester und Publikum doch noch zu einem gemeinsamen Orgasmus finden: "Als schließlich ihr D in den Obertönen mit Streichern und Flöten verschmilzt, fehlt im Saal eigentlich nur das Seufzen".
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Samstag, 23. Oktober 2010
lvz kultur vom 23.10.10: Brönner, Knef, Mittermaier & die Thomaner
Till Brönner hatte Mut, vielleicht deshalb, weil er nicht wissen konnte, wie weh das tut. Doch als der spätere Jazzpianist zum ersten Mal Charlie Parker hörte, war ihm klar: An der Musik kommst du nicht vorbei, ganz egal, ob du als Jazzfan etwas giltst. Vermutlich war es in den Augen der Mitschüler sogar weniger als nichts. Sich zum Jazzfan zu bekennen, hatte als Jugendlicher in den 80ern anscheinend die Qualität eines schwulen Outings. Und die Mädchen, an denen er Interesse hatte, "fanden das am Anfang erst mal nicht so dufte".
Till Brönners Gespräch, das er anlässlich des Erscheinens der Platte "All the End of the Day" mit Benjamin Weber führte, macht den Willen, einen Strich zu ziehen, deutlich. Das neue Album bewegt sich zwischen Pop und Jazz und genau um diese Neuentdeckung, oder besser, Neubewertung des Populären für sich selbst geht es Brönner. Er, der die 80er Jahre Musik, ob Bowie, Depeche Mode, U2, als "totaler Jazzfan" furchtbar fand, sieht heute darin musikalische Substanz, zeitlose Qualität. So sehr er auch einem Musiker huldigen mag, der selbst mit Charlie Parker zusammenspielte (Ray Brown), so sehr vermag Brönner die Zusammenarbeit mit den No Angels, Carla Bruni oder Hildegard Knef zu beeindrucken. Bei der Knef z.B., welche Bedeutung sie den Brüchen in der Musik beimaß. "Und wenn sich jemand mit Brüchen auskannte, dann war's Hildegard Knef".
Auf der Bühne der Arena Leipzig war mal wieder einer der Stars der Comedianszene: Michael Mittermeier. Er betrieb Mehrfachverwertung seines biografisch angehauchten Bestsellers "Achtung, Baby!", das er vor dem Hintergrund des "komödiantischen Potenzials seines eigenen Vaterglücks" geschrieben hatte. Viel mehr, als sich an einen Familien-Trend dranzuhängen, war bei seinem Auftritt nicht zu erkennen. Ob als schwangerer Mann, als Entdecker, dass Kinder auch Arschlöcher sein können, oder schließlich daran, dass hinter Frau Merkels Maske Helmut Kohl durchschimmere - "Das sind Witze, die ruhig mal gewechselt werden können", schreibt Hendrik Schäfer.
Der Reisejournalist Peter Korfmacher begleitet mental den Leipziger Thomanerchor nach Südamerika. Samt Bachorchester und Accentus Filmteam startet ein 88-köpfiges Team für gut 10 Tage nach Buenos Aires, Montevideo und anderswo. Der private Kontakt zum Tournee-Manager und dessen brasilianischer Frau habe die Gastspielreise finanziell erst möglich gemacht, natürlich auch die Unterstützung des Goethe-Instituts, die kaum weniger als sechsstellig sein konnte. Aufenthalte in einer deutschen Schule in Sao Paolo und auf einer Rinderfarm (am Reformationstag!) stellen die willkommene Ergänzung zu Johann Sebastians Bachs h-Moll-Messe dar. Mit nicht einmal süffigem Unterton zitiert Korfmacher den Geschäftsführer der Thomaner, Stefan Altner, zur Frage, wie die spezielle musikalische Vorliebe der Südamerikaner und auch die Einladung zustande gekommen sei: "Bei der Christianisierung der lateinamerikanischen Länder haben Musik und Theater eine entscheidende Rolle gespielt, das steckt wohl noch drin."
Im Gewandhaus gastierte derweil der singende Klavierkabarettist Bodo Wartke. Die 1400 Zuschauer haben am Ende den Sauerstoff in der Konzerthalle komplett rausgelacht. Ob Antonia Reiser, für die lvz vor Ort, ebenfalls gelacht hat, war nicht wirklich zu erkennen. Der scheinbar frauenfeindliche Grundton in den Witzen des Frauenfreunds muss sie mehr als nur einmal irritiert haben. Jedenfalls endet ihr Bericht mit der freundlichen Warnung: "Liebe, Mord und Totschlag - kaum einer singt darüber wortverspielter als Bodo Wartke. Hoffentlich passiert ihm nichts bei der Recherche...".
Meinhard Michael hat tatsächlich die D21 besucht. Im Lindenauer Kunstraum ist eine Ausstellung von Fabian Reimann zu sehen. Darin kombiniert er dreierlei: eine Videoinstallation, die Projektion eines Videos und eine "narrative Installation". Thema ist die Angst, die aus dem Meer kommt: Godzilla, Odysseus, Bay Watch und Moby Dick lassen grüßen. Falls es eine Botschaft in der Ausstellung gibt, könne sie darin bestehen, dass die "Natur des Menschen", dargestellt in der Gespaltenheit des antiken Menschen im Bild des einäugigen Zyklopen Polyphem und des faustisch geprägten Odysseus. Beides verbindet der HGB-Abgänger Reimann durch einen Monitor inmitten der Kriegsfalle der Griechen gegen Troia, dem hölzernen Pferd. Die Spezie Mensch als solche als Auslöser des Bösen.
Norbert Wehrstedt schreibt noch unter anderem über den Dokfilm "Geheimsache Ghettofilm" des Israeli Yael Hersonski, in dessen Produktion mit feinem Gespür für den Erfolg Katja Wildermuth für den mdr früh eingestiegen ist. In dem Film geht es um geschönte Aufnahmen des Lebens der Juden im Warschauer Ghetto, die lange Zeit für authentisch gehalten wurden, bis sie sich als perfide Inszenierung der Deutschen herausstellten.
Till Brönners Gespräch, das er anlässlich des Erscheinens der Platte "All the End of the Day" mit Benjamin Weber führte, macht den Willen, einen Strich zu ziehen, deutlich. Das neue Album bewegt sich zwischen Pop und Jazz und genau um diese Neuentdeckung, oder besser, Neubewertung des Populären für sich selbst geht es Brönner. Er, der die 80er Jahre Musik, ob Bowie, Depeche Mode, U2, als "totaler Jazzfan" furchtbar fand, sieht heute darin musikalische Substanz, zeitlose Qualität. So sehr er auch einem Musiker huldigen mag, der selbst mit Charlie Parker zusammenspielte (Ray Brown), so sehr vermag Brönner die Zusammenarbeit mit den No Angels, Carla Bruni oder Hildegard Knef zu beeindrucken. Bei der Knef z.B., welche Bedeutung sie den Brüchen in der Musik beimaß. "Und wenn sich jemand mit Brüchen auskannte, dann war's Hildegard Knef".
Auf der Bühne der Arena Leipzig war mal wieder einer der Stars der Comedianszene: Michael Mittermeier. Er betrieb Mehrfachverwertung seines biografisch angehauchten Bestsellers "Achtung, Baby!", das er vor dem Hintergrund des "komödiantischen Potenzials seines eigenen Vaterglücks" geschrieben hatte. Viel mehr, als sich an einen Familien-Trend dranzuhängen, war bei seinem Auftritt nicht zu erkennen. Ob als schwangerer Mann, als Entdecker, dass Kinder auch Arschlöcher sein können, oder schließlich daran, dass hinter Frau Merkels Maske Helmut Kohl durchschimmere - "Das sind Witze, die ruhig mal gewechselt werden können", schreibt Hendrik Schäfer.
Der Reisejournalist Peter Korfmacher begleitet mental den Leipziger Thomanerchor nach Südamerika. Samt Bachorchester und Accentus Filmteam startet ein 88-köpfiges Team für gut 10 Tage nach Buenos Aires, Montevideo und anderswo. Der private Kontakt zum Tournee-Manager und dessen brasilianischer Frau habe die Gastspielreise finanziell erst möglich gemacht, natürlich auch die Unterstützung des Goethe-Instituts, die kaum weniger als sechsstellig sein konnte. Aufenthalte in einer deutschen Schule in Sao Paolo und auf einer Rinderfarm (am Reformationstag!) stellen die willkommene Ergänzung zu Johann Sebastians Bachs h-Moll-Messe dar. Mit nicht einmal süffigem Unterton zitiert Korfmacher den Geschäftsführer der Thomaner, Stefan Altner, zur Frage, wie die spezielle musikalische Vorliebe der Südamerikaner und auch die Einladung zustande gekommen sei: "Bei der Christianisierung der lateinamerikanischen Länder haben Musik und Theater eine entscheidende Rolle gespielt, das steckt wohl noch drin."
Im Gewandhaus gastierte derweil der singende Klavierkabarettist Bodo Wartke. Die 1400 Zuschauer haben am Ende den Sauerstoff in der Konzerthalle komplett rausgelacht. Ob Antonia Reiser, für die lvz vor Ort, ebenfalls gelacht hat, war nicht wirklich zu erkennen. Der scheinbar frauenfeindliche Grundton in den Witzen des Frauenfreunds muss sie mehr als nur einmal irritiert haben. Jedenfalls endet ihr Bericht mit der freundlichen Warnung: "Liebe, Mord und Totschlag - kaum einer singt darüber wortverspielter als Bodo Wartke. Hoffentlich passiert ihm nichts bei der Recherche...".
Meinhard Michael hat tatsächlich die D21 besucht. Im Lindenauer Kunstraum ist eine Ausstellung von Fabian Reimann zu sehen. Darin kombiniert er dreierlei: eine Videoinstallation, die Projektion eines Videos und eine "narrative Installation". Thema ist die Angst, die aus dem Meer kommt: Godzilla, Odysseus, Bay Watch und Moby Dick lassen grüßen. Falls es eine Botschaft in der Ausstellung gibt, könne sie darin bestehen, dass die "Natur des Menschen", dargestellt in der Gespaltenheit des antiken Menschen im Bild des einäugigen Zyklopen Polyphem und des faustisch geprägten Odysseus. Beides verbindet der HGB-Abgänger Reimann durch einen Monitor inmitten der Kriegsfalle der Griechen gegen Troia, dem hölzernen Pferd. Die Spezie Mensch als solche als Auslöser des Bösen.
Norbert Wehrstedt schreibt noch unter anderem über den Dokfilm "Geheimsache Ghettofilm" des Israeli Yael Hersonski, in dessen Produktion mit feinem Gespür für den Erfolg Katja Wildermuth für den mdr früh eingestiegen ist. In dem Film geht es um geschönte Aufnahmen des Lebens der Juden im Warschauer Ghetto, die lange Zeit für authentisch gehalten wurden, bis sie sich als perfide Inszenierung der Deutschen herausstellten.
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