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Donnerstag, 3. März 2011

lvz kultur vom 3.3.11: Asisi lässts krachen. Hoffmann. El Said. Leandros.

Die Schauspielerin Jutta Hoffmann wird heute 70 und das Geburtstagsfachblatt lvz macht wie üblich einen großen Aufmacher daraus. In dem Fall einen lesenswerten. Eine interessante, selbstbewusste Frau und eine Gesprächspartnerin, Helga Wagner, die ihren Job ernst nimmt und einfache Fragen stellt, nicht nur abhakt. Auffällig: die vielen „ich/mich/meine“ und „wir“ in Hoffmanns Antworten. Es gibt tatsächlich nur 2 ½ Sätze im ganzen Interview, die ohne ein persönliches Fürwort in der ersten Person auskommen, von den zwei Sätzen über ihre Kinder abgesehen. Es sind die Sätze: „Man muss seinen Neigungen folgen und die Konsequenzen tragen, wie Fontane sagt.“ Ein Zitat also. Und ein weiteres Zitat: „Der Thron von England wird durch einen Bastard entweiht...“. Zitat aus Maria Stuart von Schiller , von Jutta Hoffmann („Ich liebe revolutionären Geist“) als Kind vor ihren Eltern deklamiert. Und der dritte, einzig echte: „Es gibt auch Leute, die kamen über das Desaster nicht hinweg.“ Mit Desaster waren die zensierten oder in den Schubladen verschwundenen Filme zu DDR-Zeiten gemeint.

Dass „das Leben immer Kampf bedeutet“, man „nach vorn blicken“ muss und „positiv denken“, ist vielleicht auch dem Kriegsjahrgang 1941 geschuldet. Nach Filmen, die der Zensur zum Opfer fielen, habe sie „einfach weitergearbeitet“. Und so kann sie auf die Frage nach Enttäuschungen auch nur antworten: „Welche Enttäuschungen?“ Im politischen Sinne kennt sie die allerdings doch: „Die große Enttäuschung haben wir ja seit mehr als 20 Jahren hinter uns, dass das mit dem Gesellschaftsentwurf DDR nichts wurde.“ Filme, „die sich über die DDR lustig machen“, hätte sie abgelehnt. Aber ebenso Filme, „die Stasi-Mitarbeiter rehabilitieren.“ Ein komisches Talent war Jutta Hoffmann augenscheinlich nicht eigen. Was nicht bedeuten soll, dass sie keinen Humor hätte. Immerhin glaubt sie, dass sie in ihrem nächsten Leben sicher in der Nähe von Hollywood geboren würde. „Dann habe ich es nicht so weit zu Ruhm und Glamour.“ Etwas gerechter hätte das Leben also doch zu ihr sein können. „Ein Star in der Pappschachtel“ wäre aber das letzte für sie gewesen, stattdessen möchte Jutta Hoffmann am liebsten noch in einem Film von Quentin Tarantino mitmachen. „Der sucht nach Neuem – und das gefällt mir.“

Nada Weigelt berichtet in einem Artikel über den ägyptischen Filmemacher Tamer El Said, der jetzt „auf freie und faire Arbeitsbedingungen hofft“ und auf eine „Demokratisierung der Institution Film-Syndikat.“ Keine Zensoren mehr, nicht mehr „viel Geld für eine generelle Erlaubnis“ zahlen müssen, bevor ein Film gedreht werden könne. Doch er sagt auch, die „Zensur hat die Kreativität bei uns getötet“, es sei „im Augenblick noch zu früh, wieder richtige Visionen zu entwickeln.“ Und bestätigt damit auch Rafael Seligmanns Skepsis, ob sich in den arabischen Ländern bereits in naher Zukunft demokratische Strukturen bilden würden. In Frankreich hätte es über 80 Jahre gebraucht, um wahrhaft republikanische Verhältnisse zu etablieren. In Deutschland nach der 1848er Revolution noch länger, bevor eine den Namen verdienende stabile Demokratie entstanden sei.

Mit Problemen ganz anderer Natur schlägt sich die Leipziger Kultur herum. Heute sollen, schreibt Matthias Puppe, auf der Ratsversammlung neben den Wirtschaftsplänen der kulturellen Eigenbetriebe auch über die Zuschüsse an die euro-scene debattiert werden. Die braucht 50.000 Euro mehr als bisher. Doch die CDU möchte lieber das Centraltheater zwingen, die euro-scene bei sich spielen zu lassen, damit sie keine teuren Einmietungen anderswo benötigt. Ob über den von Jung schon beschlossenen Intendantenwechsel an der Oper überhaupt geredet wird oder nur über Geld, muss sich zeigen. Die externe Beratungsfirma, die Strukturänderungen an den Eigenbetrieben prüfen soll, hat tatsächlich bereits hals über kopf ihre Arbeit aufgenommen. Und wird wohl auch nicht lange brauchen. Eins zwei drei im Sauseschritt, eilt die Zeit, wir eilen mit.

Ausgerechnet Linolschnitte. Im Bildermuseum bekämpft eine Ausstellung mit Werken dreier Künstler den „Erinnerungsschmerz“, der den Rezensenten Jürgen Kleindienst packt, wenn er an eigene Versuche aus Schulzeiten denkt. Die eindrucksvolle Schau von Werken Sebastian Speckmanns, Katharina Immekus' und Jens Schuberts verhilft besagten Schmerzen jedenfalls dazu, nur noch als „Phantomschmerz“ ein virtuelles Dasein zu pflegen. Kuratorin Jeannette Stoschek, Leiterin der Grafischen Sammlung, meint, „wer sich nach dem Besuch nicht für Linolschnitt interessiert, dem ist nicht zu helfen.“

Janina Fleischer hat Vicky Leandros interviewt, die am Frauentag ihr jüngstes Album „Zeitlos“ im Gewandhaus vorstellen wird. Die Sängerin, von der die lvz ein zeitlos attraktives Bild veröffentlicht, hat für den Song „Paroles, Paroles“ statt des Originals Alain Delon nun Ben Becker an ihrer Seite. Ausschlaggebend war, dass der Schauspieler eine „tiefe, erotische Stimme“ habe, auch UdoLindenberg hättee bei der Etscheidung mitgewirkt. Leandros, die bereits in Hamburg und Berlin für höchste Posten in der Kulturverwaltung im Gespräch war, nahm schließlich die Gelegenheit wahr, in Piräus mehrere Jahre Vizebürgermeisterin und Stadträtin für Kultur und internationale Beziehungen zu sein. Dass man „in der Politik Projekte mitgestalten und verwirklichen“ könne, hat sie geprägt. „Dass man sich in der Politik fachlich auskennen muss, war“ für sie „der Reiz“. Eher erstaunt habe sie, dass man sogar lernen müsse, „eine Rede zu halten,“ die Bühnenerfahrung allein hilft noch nicht. Als die Politik zum Fulltimejob zu werden drohte, hat sich Leandros 2008 wieder für die Leidenschaft, die Musik entschieden.

Nach Leipzig und Dresden beglückt Yadegar Asisi auch Berlin mit einem Panometer. Mit der Ausstellung „Pergamon“ will der Leipziger Bühnenbildner „die untergangene griechische Metropole in der heutigen Türkei virtuell wiederaufleben lassen“ und zum Höhepunkt des Berliner Kulturjahres machen. Antikendirektor Andreas Scholl will es mit der Ausstellung „wirklich krachenlassen.“ Erwartet werden 1,8 Millionen Besucher.

Freitag, 31. Dezember 2010

lvz kultur vom 31.12.10: Chailly & der Zorn, Kreisler, Moon Harbour & Leipzigs Bildermuseum

Peter Korfmacher berichtet über Beethovens Neunte am Gewandhaus, Riccardo Chailly leitete das Orchester und die vereinigten Chöre von Gewandhaus und MDR. Korfmachers Text unter dem Titel "kompromisslos unbequem" ist der eines Kenners und Connaisseurs, manche Details kaum verstehbar, aber das Emphatische, das der Text über Chaillys augenscheinlich außerordentliches Dirigat empfindet, lässt sich auch anders zusammenfassen. Hier eine Liste der Adjekte, mit denen Korfmacher seine Eindrücke zu fassen versucht:

tumultuarisch - gewaltig - unerbittlich - kristallin - brodelnd - brutal - kunstvoll - individuell - klar - heroisch - apollinisch - gefährlich - unterschätzt - banal - erbarmungslos - halsbrecherisch - ungefährdet - kompromisslos - bestialisch - klangschön - klanggewaltig - eindrucksvoll - warm - superb - satt - autoritär - gewaltsam - verordnet - befohlen - eingeprügelt - doppelbödig - abgründig - lärmend - brüderlich - zornig - wahrhaftig - kompromisslos - unbequem.

Nun weiß fast jeder berufsmäßige Schreiber, wie zurückhaltend man mit Adjektiven umgehen soll. Doch keine Regel ohne Ausnahmen. Korfmachers Text geben sie einen pathetischen Grundton, den keine seiner darin hineingeschummelten Analysen vergessen machen kann. Ihre fast durchweg ekstatischen Farben setzen die Basslinie einer Überwältigung, die beinahe nach Kriegsberichterstattung klingt. Bei Peter Korfmacher führt sie am Ende tatsächlich zu einer merkwürdigen Unschärfe. Da, wo kfm die Apotheose der Freude, ja, des "Paradieses der brüderlichen Weltumarmung" erwartet, zeige Chailly "Züge zornigen Trotzes" und führe das Publikum, und mit ihm Korfmacher, "eher in die Schützengräben der Zukunft." Das passt zu dem fehlenden "allerletzten Ton", die Gewandhausmusiker "hören ... einfach auf." Korfmacher: "Kein Zweifel, dass etwas folgen muss." Hier hätte man gern mehr erfahren darüber, ob allein der ästhetischen Linie Chaillys, der nahen CD-Produktion oder doch aktueller (kultur-)politischer Ereignisse zu verdanken ist, was dem emotionalen Chailly die Galle überlaufen lässt und anzudrohen scheint, was im Jahr 2011 auf Leipzig zukommen wird: Geschützdonner.

Brillant, aber auch ein wenig selbstverliebt klingt Janina Fleischers Text über Georg Kreislers Buch "Anfänge. Eine literarische Vermutung". Ähnlich wie für Korfmacher der fehlende allerletzte Ton in Chaillys Interpretation Beethovens Neunte zu etwas Unabgeschlossenem macht, enden Kreislers Texte immer wieder mit einem Gedankenstrich. Daraus und aus den Reizen immer neuer Anfänge macht Fleischer geradezu eine Poetologie Kreislers - und den perfekten Text für die Neujahrsausgabe der lvz.

Michael Wallies berichtet über den nunmehr zehn Jahre dauernden Höhenflug des Leipziger Musiklabels Moon Harbour, die gleichzeitig ein Booking-Agentur ist. Das dem Deephouse zuzurechnende Label wurde in den letzten Jahren zunehmend internationaler, wofür auch die Erfahrungen aus den Bookings sprich Konzerten quer über die Kontinente gesorgt haben. Entscheidend für ihren Erfolg sehen die Partner Matthias Tanzmann (DJ und Produzent) & André Quaas (Booking, Orga, Finanzen) darin, die Fehler eines einseitig auf Kunst oder Management ausgerichteten Labels zu vermeiden. Noch zeigen sich durch den kommerziellen Erfolg keine künstlerischen Einbußen. Ob ca. 300 Veranstaltungen im Jahr und 50 Veröffentlichungen das Ende der Fahnenstange darstellen, wird sich also bald zeigen. Hat Moon Harbour eine Nische erobert oder gilt auch für sie das Marktgesetz "Fressen oder Gefressenwerden".

Zum xten Male werden in der lvz die jährlichen Bücher-Bestenlisten durchgekaut, auch Karolin Köcher findet keine wesentlich neuen Titel (Sarrazin, Franzen, Vargas Llosa) oder Trends. Immerhin benennt sie die auf konzertierte Vermarktung hin geplante Buchproduktion, die eine zeitgleiche Medieninszenierung der relevanten Titel und Autoren steuert und - es muss wohl noch einmal gesagt werden - die Konzentration der Verlage auf "potenzielle Bestseller". Weiterhin keine Lösung haben die Buchverlage augenscheinlich für die "Umstellung auf digitale Publikationsformen".

Das hoch verschuldete Bochum spendiert sich eine neue Konzerthalle. Antizyklisch denken ist wohl das Motto der Ruhrgebietsstadt. Man gönnt sich ja sonst nichts. Abgesehen von wohlfeilem Spott ist aber der dahinter durchscheinende Trend interessant: Bürger setzen sich immer stärker für eine Infrastruktur ein, die ihre Stadt lebenswert macht. Das 33-Mio-€-Projekt wird geplant trotz entsprechender Hallen in Essen oder Dortmund. Rolf Schraa schreibt, fast die Hälfte des Geldes, immerhin 14,3 Mio €, wäre von privater Seite (darunter Grönemeyer) gesammelt worden. Auch das NRW-Kulturministerium (und die EU) fördert das kommunale Anliegen für Bochums lokale Kultur. Aus Sparzwang angedachte Fusionen bilden eben noch längst keine lokale Identität. Städte brauchen Stätten, die von ihren Bürgern als ihre auch begriffen werden.

Das Bildermuseum Leipzig scheint auf gutem Wege dahin zu sein. Es meldet eine neue all-time-Bestmarke, einen Besucherrekord. Etwa 180.000 sollen es gewesen sein, fast 70.000 mehr als im Vorjahr. So weit so gut. Im Detail: Annähernd 100.000 Besucher zog die Neo-Rauch-Ausstellung an. Ohne sie wären also 80.000 Besucher in 2010 anstatt 110.000 wie in 2009 gekommen. Da die Ausstellung mit den zweitmeisten Besuchern in 2010 ("Nude Visions") nur ca. 20.000 zählte (mal ohne die Frage nach dem Inhalt aufzuwerfen), wäre wohl mit so gut wie jeder (!) anderen Ausstellung als mit Rauch die Besucherzahl gegenüber 2009 gesunken. Zurücklehnen sollte sich Hans-Werner Schmidt nicht.

Samstag, 28. August 2010

Lvz kultur vom 28.08.10: Runde Ecke, Bunker, Lichterfest und Pornografie

„Immer mehr“, „immer mehr“. Es klingt wie „stich, stich“, Woyzecks böse Stimmen, die er nicht aus seinem Kopf verbannen kann, dieses „immer mehr“. Immer mehr Besucher sollen die ehemalige Leipziger Stasizentrale in der Runden Ecke besuchen, sagen Armin Görtz und die lvz-Schlagzeile. Ob sie stimmt, ist eine andere Frage. Bisher gibt es nur Halbjahreszahlen. Die Prognose geht von einer „ähnlichen Besucherzahl wie 2009“ aus. Allein die Werbebotschaft greift zum Rekord – und zur Lüge. Die Wahrheit über die Besucher wird auch im Artikel eher versteckt, als sei sie den Bürgern nicht zumutbar. Die Bundeswehr, politische Stiftungen und ausländische Besucher von Südkorea bis Israel machen einen Großteil der Besucher aus. An Schulbesuchen aus Leipzig und Umgebung allerdings mangelt es. Ein großer Teil der Bildungseinrichtungen zeige kein Interesse. Alles hänge an den Lehrern, seufz. Stopp und Schluss der Analyse. Ähnlich lautete der Befund jüngst beim Theater der Jungen Welt, die dem Mangel an Schulbesuchen bei Themen wie Zivilcourage und Rechtsextremismus allerdings über Recherchen und Interviews eines mdr-Journalisten auf den Pelz zu rücken versuchte.
Stattdessen rüstet Armin Görtz auf der folgenden Seite gleich mit einem sensationsheischenden Artikel auf, in dem er von einem – „der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten“ - Bunker unter der Ex-Stasizentrale berichtet. Es klingt fast investigativ. Auch der Stil ist beinahe reportagehaft. Doch wer denn hatte bislang kein Interesse an Aufklärung? Stattdessen: Eine Reise wie die des Jules Verne zum Mittelpunkt der Erde, Meter um Meter, Stahltür um Stahltür legt der kletternde lvz Reporter in die Tiefe zurück und resümiert mit hörbarem Vibrato: „Selbst nach einem Atomschlag sollte aus diversen Schutzräumen heraus die Bespitzelung und Unterdrückung der Überlebenden fortgesetzt werden.“ Allerdings fragt Görtz selbst, wie „die Tschekisten aus solch einer Gruft heraus wieder aktiv werden wollten?“ In den lebensfeindlichen Bunkerräumen angekommen, entdeckt der lvz Redakteur aber nichts weiter als die spießige Welt der DDR. An den Wänden Kacheln, die einen Blumenstrauß formen, den Warteraum der bunkereigenen Poliklinik, das Dienstzimmer des Stasi-Bezirkschefs. In ihm Neonlampen, Gardinen, eine Schrankwand in vollendet schlichtem Geschmack: Mit Holzmaserungen umhülltes Sperrholz in Kaufhausqualität. Augenscheinlich gruselig. Statt zu fragen, was diese Bunker tatsächlich beinhalteten, was sie von denen anderer Regierungen unterscheidet, ob es vielleicht eine Qualität von Machthabern darstellt, in der Not sogar ohne Volk gerne weiter den Bestimmer spielen zu wollen? Stattdessen eine fulminante Entdeckung, zig Meter unter der Erdoberfläche ein echter Höhepunkt (oder doch nur Tiefpunkt?): „Eine - sorgfältig abgewischte – Tafel für Planspiele kommt zum Vorschein. Eine Packung Kreide aus dem VEB Harzer Gipswerke Rottleberode liegt noch immer bereit.“ Sorgfältig von André Kempner für die Nachwelt fotografiert. Kinderspiele machen mehr Sinn. Wohl auch als solche Artikel.
Ein weiterer in diesem Zusammenhang, diesmal von Klaus Staeubert, berichtet über das kommende Lichterfest zum 9. Oktober, über Laserprojektionen an der Opermauer, über Klang- und Videoinstallationen, eine Orgel-Performance und manch weiteren Chichi, der „den Bogen spannt zur deutschen Wiedervereinigung, die sich am 3. Oktober zum 20. Mal jährt“. Wo auf den vorderen Seiten der lvz schon früh das Fragen und Recherchieren eingestellt wird, setzt im Lokalen nun allerdings die Vernebelung ein. Nach der Ouvertüre folgt der Mittelteil, die Stars der Veranstaltung. Es treten auf: Rolf Stahlhofen, „einer der bekanntesten deutschen Popsänger“, Gründer der „Söhne Mannheims“. Und schließlich: „Nicht zuletzt sind alle Bürger eingeladen, mit Kerzen zu kommen und daraus eine leuchtende „89“ zu formen“, fast wie früher im Zentralstadion. Auch dort war das Publikum, in den heutigen Worten des Stadtmarketing-Chefs Volker Bremer, sicher „der Hauptakteur“, der historische Ort die machtvolle Kulisse, nein, der „Aktionsraum“. Solche gelenkten Ergüsse ähneln pornografischen. Bemerkenswert: Die Hälfte der Kosten für das geplante „Kunst- und Bürgerprojekt“, 100.000 Euro, sponsern Firmen. Mit ihm bewirbt sich Leipzig nicht zufällig um den „Kulturmarken Award“ und den „Preis der Großstädte-Vereinigung Eurocities“. Ein Schelm, der Arges dabei denkt? Weit gefehlt. Bremer lügt sich und uns die steuersparende Marketingkampagne der Unternehmen lieber zum Sinnbild für „wahres Mäzenatentum“ zurecht. Und die lvz entblödet sich nicht, dieses handfeste Standortmarketing durch einen authentischen Bürgerrechtler zur nichtkommerziellen Veranstaltung zu adeln: „Die Menschen in der DDR“ seien „für Freiheit und Demokratie auf die Straßen gegangen, nicht für Bananen und Aldi.“ Und der dazugehörige Bildband zum Lichtfest wird sicher über die Leipziger Volkszeitung vertrieben.
Zu so viel Kunst und Obszönität hat die Kultur kaum noch Unterhaltsameres beizutragen. Meinhard Michael berichtet über die kommende Foto-Ausstellung „Nude Visions“ im Bildermuseum, die die vorgestrigen Gunter-Sachs-Privatelaborate schnell noch kunsthistorisch verbrämen darf. Und hier will endlich auch mal die lvz den Pornografieverdacht erheben, natürlich nur für die längst vergangenen Zeiten, in denen Kunst noch nicht alles durfte. Und lobt, dass – neben viel nackter Haut - der „neuere Teil der Ausstellung“ die „Kritik am erotischen Bild, an seiner Benutzung, an seinen Lügen“ ebenfalls erzählen darf. Das schließt leider die Kritik an der Obszönität manch anderer Elaborate nicht ein.

Montag, 16. August 2010

lvz kultur vom 17.08.10: Papst Benedikt, Günter Grass & Die Beatles

lvz kultur befasst sich mal wieder mit Rekorden, Stars und Jubiläen. Thomas Mayer besucht den Maler Michael Triegel in seinem Atelier in der Baumwollspinnerei, in der Hoffnung, einen Blick auf dessen Benedikt-Bild werfen zu können, das bisher nicht öffentlich zu sehen ist. Das glückt ihm nicht. Es befindet sich zur Rahmung in Frankfurt am Main. Aber Mayer erfährt einiges zum Werdegang des Papst-Porträts. Über die Begegnung mit Ratzinger. Über Gesichtsausdrücke. Die sechs Vorstufen zum Bild. Triegel interessiere der Intellektuelle und der "Mensch". Nicht der Papst, nicht der Kirchenpolitiker, sondern Benedikts Augen. Angeblich machte der Vatikan außer dem Format keine Vorgaben. Dass sich allerdings das Leipziger Bildermuseum "kaufen" lässt, ist nicht erst seit der Ausstellung mit Bildern und voyeuristischen Devotionalien von Gunter Sachs bekannt. Nun erhält Michael Triegel eine - kurzfristig geplante - Ausstellung seiner Werke, dafür ist Triegels Papstporträt ab 27. November dort erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen.
Ach ja, das Bildermuseum. Nun hat es doch nicht ganz gereicht. Die erhofften 100.000 Besucher der Neo Rauch-Ausstellung "Begleiter" wurden um knappe 1000 verfehlt. Macht nichts. "Für Leipzig ein wunderbares Ergebnis", findet Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt, auch die Presseresonanz sei schier überwältigend. Und: Außer dem Bild "Unter Feuer", das Rauch und die Galerie Eigen + Art dem Museum schenkten, überliessen sie ihm auch zwei Dauerleihgaben.
Dem bekannten Gesicht Ratzingers folgen in der lvz kultur von heute das von Günter Grass und die der Beatles. Star-Schnitte gibts zwar nicht, dafür Elogen. Matthias Hoenig weiß - seherisch begabt - dass Grass sein "letztes großes Buch" geschrieben habe: "Grimms Wörter". Der dritte Teil seines autobiografischen Zyklus' sei "der deutschen Sprache" gewidmet, zudem finde Grass im Leben der Brüder immer wieder "Parallelen" zu seinem eigenen. So erinnere ihn der Eid auf die (hannoversche) Verfassung, den die Autoren des unvergleichlichen "Grimmschen Wörterbuches" und der ungleich bekannteren Märchensammlung gegenüber ihrem Fürsten in einem Akt des intellektuellen Widerstandes bekräftigen, an Grass' eigenen Eid auf den Gehorsam, den er selbst gegenüber der Waffen-SS ausgesprochen habe. Jenseits von Assoziationen auf seine eigene Biografie feiere Grass in seinem Werk allerdings den "nie enden wollenden Schöpfungsprozess".
1960, ein Jahr nach Grass' größtem Erfolg, der "Blechtrommel" vor nunmehr 50 Jahren, begann auch für eine Liverpooler Band mit ihren ersten Auftritten auf der Reeperbahn (im Musikklub "Indra") der - musikalische - Erfolg. Dorit Koch erinnert in ihrem Beitrag nicht nur an die späteren Auftritte im neugegründeten "Star-Club", sondern auch an schmutzige Wäsche, brennende Kondome und ewigen Hunger der damals noch Halbstarken. "Sechs bis acht Stunden mussten die Beatles dort Nacht für Nacht schuften und spielten dabei alle möglichen und unmöglichen Tanznummern der damaligen Zeit - das schult", bevor sie es mit ihrer ersten Single "Love Me Do" in die englische Hitparade schafften.

Sonntag, 15. August 2010

lvz kultur vom 14.08.10: Neo Rauch

Und auch der kultur vom 14. soll noch Referenz erwiesen werden. Meinhard Michel meint, das gegenwärtige deutsche Ausstellungsranking führe die Doppelausstellung "Begleiter" von Neo Rauch in Leipzig und München (zwei Mal Ausstellungsrekord) noch vor Frieda Kahlo in Berlin an. Vorsichtig optimistisch schätzt Michel die mehrfach geäußerte Befürchtung ein, die Leipziger Schule löse sich in der internationalen Kunstszene ("hauptberufliche Claqueure des Kunstbetriebs") in Rauch auf. Mehrere geplante Ausstellungen von Leipziger Schülern (u.a. David Schnell) sprächen dagegen, auch die sonst dem Trend huldigende "Kunstzeitung" habe Bilder eines jungen unbekannten Künstlers gelobt, der "konventionell und voller Farbe" male. Rauch male besser, jedenfalls so gut, ja, grandios, dass niemand an ihm vorbei käme. Insbesondere das dem Bildermuseum geschenkte Gemälde ("Unter Feuer") sei voller bislang zu wenig wahrgenommener Qualitäten. Der auffällig "unverbunden" in der Ecke stehende Kanister dürfe dagegen nicht negativ gesehen werden, immerhin sei es bis vor kurzem nahezu ausgeschlossen gewesen, "so einen Kanister" überhaupt zu malen!