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Mittwoch, 16. Februar 2011

Lvz kultur vom 16.2.11: Kerouacs „On the Road“ again. Jamel. Chailly. Globish.

Niemand weiß, wann die Neonaziszene auf dem Laufsteg der Medien Aufmerksamkeit erhält und wann nicht. Jetzt ist mal wieder die neue Kollektion einer rechten Geschichte im Umlauf. Nach Spiegel, ap, indymedia, und Stern hat sie auch Marcus Stöcklin für die lvz aufgegriffen. Immerhin: Die lvz bringt ein Porträt eines Dorfes in Meck-Pomm: Jamel. Fast glaubte man, der Name wäre der ihrer eigenen ägyptischen Partnerstadt. Doch er ist er selbst. Die erschreckende Geschichte: In Jamel entsteht Schritt für Schritt eine rechte Enklave. Haus für Haus werden von Rechten übernommen, bald ist niemand mehr da, der nicht der Neonaziszene angehört. Die Methoden sind brutal, gebrochene Nasenbeine, am Gartenzaun aufgespießte Hühner, tote Ratten im Briefkasten, patrouillierende Pick-Ups mit Scheinwerfern auf dem Dach entlang der Dorfstraße machen Jagd auf die paar verbliebenen Bürger. Dass ein ganzes Dorf weggemobbt werden kann, ist neu. Aber vielleicht wächst auch nur zusammen, was zusammengehört. Die neu hinzugezogenen Rechten und die Resignation der Arbeitslosen im Ort, ein aus Steuergeldern finanziertes Wahlkreisbüro der NPD und das, was man andernorts als Strukturschwäche bezeichnet: Die verkümmerten Reste eines staatlichen Gemeinwesens, eines auch ohne Braunkohleabbau oder Truppenübungsgelände einfach verlassenen Ortes. Ohne Überlebensperspektive. Wenn da nicht die jungen (oder alten) Rechten wären. Ob in Naschendorf, in Gägelow oder sonstwo – Jamel ist nicht allein.
Birthdayparty in der lvz: diesmal ists Agnes Kraus, Volksschauspielerin mit Charme, Chuzpe und Charakter, die heute 100 Jahre alt geworden wäre. An den Theatern hatte sie keinen Erfolg.Erst das Fernsehen der 70er Jahre entdeckte in der herben Mütterlichen die begnadete Alltags-Komödiantin. Ende der 80er Jahre zog sie sich zurück, vor 15 Jahren starb Agnes Kraus.
Riccardo Chailly stellte die Pläne des Gewandhauses 2011/12 vor. Benedikt Leßmann berichtet von acht Symphonien Beethovens in zwei Wochen, plus der Neunten zu Silvester. Jeweils kombiniert mit einer Neukomposition mit Rückbezug auf eine Beethoven-Symphonie. Was für Leßmann nur mäßig originell ist, dennoch, er erwartet dadurch eine Heranführung des Publikums an die Moderne, von der es bisher beharrlich wenig hält. Auch in der Repertoirepflege soll die gemäßigte Moderne ihren Platz haben: Riehm, Strawinsky, Berg, Schnittke und Saariaho sind einige Namen. Als Dirigenten werden neben Blomstedt und Masur auch Thielemann, Schirmer und Biller genannt. Was im Programm die Rückkoppelung des Neuen ans Alte darstellt, ist bei den Namen die Beruhigungspille des Alten bei der Präsentation des Neuen. Klingt alles in allem zu mutlos.
Jürgen Kleindienst beteiligt sich in „ausgepresst“ an der Nachfolgediskussion für Thomas Gottschalk. Nachdem Kulenkampff und Alexander ausgeschieden sind, bleiben nur die ewigen Kandidaten Pilawa, Kerkeling, Opdenhövel und Müller. Müller? „Selbstverständlich Zählkandidaten“, wie jkl meint. Nachdem er lange genug in Vorzimmern, Kantinen und Hallenser Messehallen zugebracht hat, kennt er nun die zwei aussichtsreichsten Kandidaten: Ein Moderatorencasting, selbstverständlich mit Raab, der aber nur Lena zulassen will. Und Maffay. Natürlich! Der kennt als Stammgast bereits Laufwege, Kantinenpersonal und Hunziker. Wer Maffay kennt, weiß, dass er zu radikalen Imagewechseln neigt: Wetten dass übernimmt er nur, wenn – von seiner Finca auf Malle gesendet wird.
Ein bisschen Spiegelfechterei wird derweil in Radebeul, dem Stammsitz der gefährdeten Landesbühnen Sachsen betrieben. Die Stadt erwartet Klarheit über die künftige Struktur der Bühnen. Soll heißen, wie häufig solle sie noch in Radebeul selbst spielen dürfen. Davon will OBM Wendsche abhängig machen, ob die Stadt die vom Land erpresste Summe von zunächst 300.000 Euro, später (2012) 600.000 Euro, zahlen will. Ob sie es kann, steht ohnehin auf einem anderen Blatt. Aber so sehen Opfer aus.
Jetzt ist sie tatsächlich auch auf Deutsch erschienen: Die unredigierte Originalfassung von Jack Kerouacs Roman „On the Road“. Nachdem bereits mit dem Comic „The Beats“ erste Tendenzen einer „Kindertauglichkeit“, einer Verharmlosung dieses Symbols für einen nicht nur literarischen Aufbruch des jungen „aufregenden, sympathischen“ Amerika einsetzten, ist die ungeglättete Version der Urfassung eine Rückkehr zur Radikalität der ursprünglichen, ruhelosen Suche nach sich selbst, wenn man Roland Mischkes Text folgt. Eines gelebten Traums, der auch den Alptraum mit umfasste, Grenzen ignorierte. Es ging nicht nur um das Coming-Out eines Schwulen, sondern um das Coming-Out einer ungebändigten Seele.
Noch in diesem Jahr soll es eine Verfilmung von „On the Road“ geben.

Norbert Wehrstedt hat auf der Berlinale endlich den ersten Favoriten für den Goldenen Bären erlebt: „Nader und Simin, eine Trennung“ von Asghar Farhadi (Iran). „Ein Drama um brüchige Moral und gestörte Beziehungen, Wahrheit und Lüge, mit vielen überraschenden Wendungen, psychologisch sehr behutsam und sozial sehr genau erzählt. Der Innen-Blick auf eine in Schichten gespaltene iranische Gesellschaft.“ Zwei weitere Filme wurden – wie Wehrstedt traurig feststellt – „von Herrn Langweiler (Béla Tarr) und Frau Peinlichkeit (Miranda July)“ inszeniert.

Maja Zehrt hat ein ein Festival im Festival beobachtet: Das Kinderfilmfestival „Generation“ im Rahmen der Berlinale. Arthouse für Vierjährige, ohne Berührungsängste. Themen wie Krieg in Iran, Terror in Peru, Superhelden, erste Liebe und Straßenkinder in Südafrika werden angeschnitten, auch eine filmpädagogisch betreute Vorstellung von Ingmar Bergmanns „Fanny und Alexander“ gezeigt. Zehrt beeindruckt: „Früh übt sich, wer ein echter Filmnarr werden will.“

Abermals Roland Mischke berichtet über das Phänomen des Globish. Einer radikal redizierten Variante der englischen Sprache. Die ohne Drumrum, fast ohne Grammatik auskommt. In Ägypten hat sich die Jugend überraschend als Globish-sprachige Generation entpuppt. „Mubarak must go!“ und „We want a democratic constitution“ sind Beispiele für das zur Einfachheit gewandelte Englisch. Auch typische Mail-Kürzel gehören zum Globish: „n1“ etwa steht für „nice one“, soll heißen „gut gemacht“. Mischke: „Globish hat die Welt erobert. Friedlich, aber in Befreiungskämpfen überdeutlich. Globish organisiert Menschenmassen.

Freitag, 31. Dezember 2010

lvz kultur vom 31.12.10: Chailly & der Zorn, Kreisler, Moon Harbour & Leipzigs Bildermuseum

Peter Korfmacher berichtet über Beethovens Neunte am Gewandhaus, Riccardo Chailly leitete das Orchester und die vereinigten Chöre von Gewandhaus und MDR. Korfmachers Text unter dem Titel "kompromisslos unbequem" ist der eines Kenners und Connaisseurs, manche Details kaum verstehbar, aber das Emphatische, das der Text über Chaillys augenscheinlich außerordentliches Dirigat empfindet, lässt sich auch anders zusammenfassen. Hier eine Liste der Adjekte, mit denen Korfmacher seine Eindrücke zu fassen versucht:

tumultuarisch - gewaltig - unerbittlich - kristallin - brodelnd - brutal - kunstvoll - individuell - klar - heroisch - apollinisch - gefährlich - unterschätzt - banal - erbarmungslos - halsbrecherisch - ungefährdet - kompromisslos - bestialisch - klangschön - klanggewaltig - eindrucksvoll - warm - superb - satt - autoritär - gewaltsam - verordnet - befohlen - eingeprügelt - doppelbödig - abgründig - lärmend - brüderlich - zornig - wahrhaftig - kompromisslos - unbequem.

Nun weiß fast jeder berufsmäßige Schreiber, wie zurückhaltend man mit Adjektiven umgehen soll. Doch keine Regel ohne Ausnahmen. Korfmachers Text geben sie einen pathetischen Grundton, den keine seiner darin hineingeschummelten Analysen vergessen machen kann. Ihre fast durchweg ekstatischen Farben setzen die Basslinie einer Überwältigung, die beinahe nach Kriegsberichterstattung klingt. Bei Peter Korfmacher führt sie am Ende tatsächlich zu einer merkwürdigen Unschärfe. Da, wo kfm die Apotheose der Freude, ja, des "Paradieses der brüderlichen Weltumarmung" erwartet, zeige Chailly "Züge zornigen Trotzes" und führe das Publikum, und mit ihm Korfmacher, "eher in die Schützengräben der Zukunft." Das passt zu dem fehlenden "allerletzten Ton", die Gewandhausmusiker "hören ... einfach auf." Korfmacher: "Kein Zweifel, dass etwas folgen muss." Hier hätte man gern mehr erfahren darüber, ob allein der ästhetischen Linie Chaillys, der nahen CD-Produktion oder doch aktueller (kultur-)politischer Ereignisse zu verdanken ist, was dem emotionalen Chailly die Galle überlaufen lässt und anzudrohen scheint, was im Jahr 2011 auf Leipzig zukommen wird: Geschützdonner.

Brillant, aber auch ein wenig selbstverliebt klingt Janina Fleischers Text über Georg Kreislers Buch "Anfänge. Eine literarische Vermutung". Ähnlich wie für Korfmacher der fehlende allerletzte Ton in Chaillys Interpretation Beethovens Neunte zu etwas Unabgeschlossenem macht, enden Kreislers Texte immer wieder mit einem Gedankenstrich. Daraus und aus den Reizen immer neuer Anfänge macht Fleischer geradezu eine Poetologie Kreislers - und den perfekten Text für die Neujahrsausgabe der lvz.

Michael Wallies berichtet über den nunmehr zehn Jahre dauernden Höhenflug des Leipziger Musiklabels Moon Harbour, die gleichzeitig ein Booking-Agentur ist. Das dem Deephouse zuzurechnende Label wurde in den letzten Jahren zunehmend internationaler, wofür auch die Erfahrungen aus den Bookings sprich Konzerten quer über die Kontinente gesorgt haben. Entscheidend für ihren Erfolg sehen die Partner Matthias Tanzmann (DJ und Produzent) & André Quaas (Booking, Orga, Finanzen) darin, die Fehler eines einseitig auf Kunst oder Management ausgerichteten Labels zu vermeiden. Noch zeigen sich durch den kommerziellen Erfolg keine künstlerischen Einbußen. Ob ca. 300 Veranstaltungen im Jahr und 50 Veröffentlichungen das Ende der Fahnenstange darstellen, wird sich also bald zeigen. Hat Moon Harbour eine Nische erobert oder gilt auch für sie das Marktgesetz "Fressen oder Gefressenwerden".

Zum xten Male werden in der lvz die jährlichen Bücher-Bestenlisten durchgekaut, auch Karolin Köcher findet keine wesentlich neuen Titel (Sarrazin, Franzen, Vargas Llosa) oder Trends. Immerhin benennt sie die auf konzertierte Vermarktung hin geplante Buchproduktion, die eine zeitgleiche Medieninszenierung der relevanten Titel und Autoren steuert und - es muss wohl noch einmal gesagt werden - die Konzentration der Verlage auf "potenzielle Bestseller". Weiterhin keine Lösung haben die Buchverlage augenscheinlich für die "Umstellung auf digitale Publikationsformen".

Das hoch verschuldete Bochum spendiert sich eine neue Konzerthalle. Antizyklisch denken ist wohl das Motto der Ruhrgebietsstadt. Man gönnt sich ja sonst nichts. Abgesehen von wohlfeilem Spott ist aber der dahinter durchscheinende Trend interessant: Bürger setzen sich immer stärker für eine Infrastruktur ein, die ihre Stadt lebenswert macht. Das 33-Mio-€-Projekt wird geplant trotz entsprechender Hallen in Essen oder Dortmund. Rolf Schraa schreibt, fast die Hälfte des Geldes, immerhin 14,3 Mio €, wäre von privater Seite (darunter Grönemeyer) gesammelt worden. Auch das NRW-Kulturministerium (und die EU) fördert das kommunale Anliegen für Bochums lokale Kultur. Aus Sparzwang angedachte Fusionen bilden eben noch längst keine lokale Identität. Städte brauchen Stätten, die von ihren Bürgern als ihre auch begriffen werden.

Das Bildermuseum Leipzig scheint auf gutem Wege dahin zu sein. Es meldet eine neue all-time-Bestmarke, einen Besucherrekord. Etwa 180.000 sollen es gewesen sein, fast 70.000 mehr als im Vorjahr. So weit so gut. Im Detail: Annähernd 100.000 Besucher zog die Neo-Rauch-Ausstellung an. Ohne sie wären also 80.000 Besucher in 2010 anstatt 110.000 wie in 2009 gekommen. Da die Ausstellung mit den zweitmeisten Besuchern in 2010 ("Nude Visions") nur ca. 20.000 zählte (mal ohne die Frage nach dem Inhalt aufzuwerfen), wäre wohl mit so gut wie jeder (!) anderen Ausstellung als mit Rauch die Besucherzahl gegenüber 2009 gesunken. Zurücklehnen sollte sich Hans-Werner Schmidt nicht.

Dienstag, 26. Oktober 2010

lvz kultur vom 26.10.10: Lachmesse zum Letzten, Schlingensiefs 50. & Lanzmann

Ich war schon drauf und dran, Mark Daniel Abbitte zu leisten. Ist das Kabarett etwa doch nicht passé? Georg Schramm, von Daniel zu der "Kabarett-Instanz überhaupt" erhoben, stelle auf der Lachmesse seine Extraklasse unter Beweis, indem sich "in seine berüchtigte Schärfe Düsternis geschlichen hat, die zu einer vorempfundenen Wehmut passt". Dazu gehört dann ein abgedrucktes Schramm-Zitat über Banken als Verursacher der Wirtschaftskrise: "Wenn sich im Casino einer verzockt, erschießt er sich wenigstens ab und zu." Das ist weder düster, noch tragisch, das ist einfach ein Witz, wie man ihn rund um einen Fußballplatz regelmäßig zu hören bekommt, und den Schramm nun der feineren Gesellschaft im Theater vor den Latz knallt. Der Rest der abgedruckten 17 Lachmesse-Zitate sind ebenfalls, z.T. arg platte, Witze. Lachmesse als Witzmesse? Wenn nicht tatsächlich an zu vielen Ecken der Distinktionsgewinn hervorlugte. Am deutlichsten bei Bruno Jonas und dessen heiterer Publikumsbecircung: "Liebe Zuschauer, Sie lachen aus der seligen Distanz des unvollständigen Wissens!"
Bleibt noch Anarchist Leo Bassi, der beweise, dass Kabarett gefährlich und "hochpolitisch" sein könne. Das gelinge ihm, indem er dem Publikum seine eigene Verführbarkeit vor Augen halte. Dass der diesjährige "Geburtstagsjahrgang" der 20. Lachmesse als ein ganz besonderer "in Erinnerung bleibe", hat für Daniel mit den 15 Preisträgern zu tun. Darin Gleichstand mit der Dokfilmwoche, jedoch Vorteil Lachmesse, weil alle Preisträger bei ihrer Ehrung tatsächlich anwesend waren.

Die 2009 am Wiener Burgtheater herausgekommene ReadyMadeOper "Mea Culpa" von Christoph Schlingensief war zu Gast beim Hamburger Theaterfestival. Just an Schlingensiefs 50. Geburtstag, hätte er ihn noch erlebt. So wurde es eine Selbst-Feier der Nachwelt, voll öffentlicher Wehmut und Tränen (Burgtheater-Geschäftsführerin Silvia Stantejsky). Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit "seinem drohenden Tod" stünde die Frage nach "Heilung und Erlösung". Ulrike Cordes sah in der Aufführung vor allem "schnöden Sex und weitere kunstvolle Blödeleien", die jedoch den "existenziellen Ernst der Aufführung" selbstverständlich "nicht mindern" könnten. Na ja, vielleicht noch mal schnell im Hohelied oder bei Tabori nachlesen, wie Heiliges, profaner Sex und Erotik zusammenpasst? Schön ist Cordes' Schlusssatz, Zitat Joachim Meyerhoff, in einer Rolle, die Schlingensief selbst hätte darstellen wollen: "Ich will einfach noch nicht. Es ist einfach noch zu früh."

Spaßvogel Korfmacher darf heute eine Gershwin-CD-Kritik veröffentlichen und tut so, als sei das Ereignis das wahre Geburtstagsgeschenk für das 50-jährige Opernhaus. Es geht also um eine Chailly-Aufnahme, zwar bereits Anfang des Jahres mit dem Gewandhausorchester aufgenommen, aber was solls. Erscheint eher ungeplant in Deutschland, weil sie sich in Italien überraschenderweise über Wochen in den Pop-Charts gehalten hatte. Neben all den üblichen Gespreiztheiten ("Pianist Bollani gibt Gershwin den Groove zurück, indem er seine Melodien, Umspielungen, Akkorde, Rhythmen lasziv zwischen die Gerüststreben kantet, die Chailly und das Gewandhausorchester um ihn herum aufschichten.") Eindrucksvoll aber Korfmachers Plädoyer dafür, bei der Arbeit auch Spaß haben zu dürfen - in Deutschland ja immernoch ein Sakrileg. Mit Chailly und Jazz-Pianist Stefano Bollani ginge am Schluss sogar "der Schalk durch, wenn sie sich mit nachgerade (!) anarchischem Witz aus der Rialto-Ripples-Music-Hall in den Feierabend verabschieden." Die Einspielung jedenfalls wird bei Jazz- wie Klassikexperten als "Referenz" gelobt und sogar als "musikalisches Wunder" bezeichnet.

Eine beeindruckende Autobiografie stellt Steffen Georgi vor, Claude Lanzmanns "Der patagonische Hase". Die Gewalttätigkeit des Lebens und die Techniken des Mordens stehen bei Lanzmann neben der "Zärtlichkeit", mit der er "den Mut und die Kraft ehemaligen KZ-Insassen" schildert, die vor laufender Kamera "in die Hölle ihrer Erinnerungen hinabstiegen" und der Professionalität, Gespräche beim Kaffee mit ehemaligen SS-Schlächtern zu führen. Und dann ist da - natürlich - Israel. Und - nicht zuletzt - die existenzielle "Wiederinbesitznahme der Gewalt durch die Juden" (Lanzmann). Sein Hunger nach Leben, von dem der 85-jährige der "Abschied bevorsteht", werde "kraftvoll beschworen", nicht ohne einen Satz des befreundeten Philosophen Vladimir Jankélévitch zu zitieren: "Wer einmal gewesen ist, kann nicht mehr nicht gewesen sein; fortan ist die geheimnisvolle und zutiefst dunkle Tatsache, gelebt zu haben, seine Wegzehrung für die Ewigkeit." Bewunderung, aber auch Zweifel hege Lanzmann für diesen Satz, seine unstillbare Neugier gelte, so Georgi, vielleicht sogar der Ewigkeit.

Altenburgs Oberbürgermeister Michael Wolf befürchtet die Insolvenz des Theaters Gera-Altenburg, wenn die abzusehenden 1,8 Mio € Defizit nicht vom Land übernommen würden. Er habe, will er sich reinwaschen, von einem Passus im Haustarifvertrag nichts gewusst, wonach Steigerungen im Flächentarifvertrag zumindest teilweise berücksichtigt werden müssten. Nun hält er, laut Ellen Paul, Generalintendant Matthias Oldag vor, als Geschäftsführer das Controlling nicht mit der notwendigen Qualität durchgeführt zu haben. Das könne unter Umständen sogar zu Haftungsansprüchen gegenüber Oldag führen.

Mittwoch, 15. September 2010

lvz kultur vom 15.09.10: Gewandhaus, Wawerzinek, Centraltheater & Superpunk

Die Musikstadt Wien biete dem Gewandhausorchester eine "zweite Heimat" an, schreibt Peter Korfmacher. "Einen Ritterschlag von der Spitze des Olymp" nennt der Kulturchef in leicht schiefem Bild diese Äußerung des Intendanten Angyan. Und bedauert gleichzeitig, dass die Leipziger nicht in den Genuss des auf seiner Europatournee warmgespielten, noch brillanteren Orchesters kämen. Nach 13 Konzerten in 15 Tagen - interesssant, zu welchen "Belastungen", d.h., Orchesterdiensten Musiker so fähig sind - entdeckt Korfmacher "kristalline Präzision, Schönheit und von jeder Routine freie Inspirationstiefe". Und er findet einen dennoch missgelaunten Gewandhausdirektor. Andreas Schulz ärgern die von Leipziger Stadträten geäußerten Einsparvorschläge und Fusionsideen mächtig. Ist doch der forsche Ikarus der Sonne schon so nah, da soll ihn der flügellahme Dädalus in Gestalt der "Dauerbaustelle Oper" wieder schnurstracks Richtung Heimatboden lenken. Sogar Gott Chailly wedelt besorgt mit seinem Taktstock. Einen Kraftakt, wie die für 2011 geplanten Mahlerfesttage würde er im Wissen um solcherart unplanmäßige Zuschausskürzungen sicher nicht noch einmal angehen.
Vorschusslorbeeren verteilt Janina Fleischer an Peter Wawerzinek für die kommenden Samstag geplante Lesung aus seinem Roman "Rabenliebe" im Piloten. Der "Performancekünstler, Stegreifpoet und Bachmannpreisträger" habe sein Thema der Erinnerung an seine Mutter, die ihn bei ihrer Flucht in den Westen allein zurückgelassen habe, "wie einen Bombengürtel" tragen wollen. Doch "in die Luft" habe er sich nicht gejagt. Stattdessen gelinge ihm in seinem gewaltigen Lebens- und Schmerzensbuch ein Text von so wundervoller Sprache, dass seinem Roman jedenfalls das Etikett "groß" gebühre. Nichts wie hin also.
Ob das auch für die bevorstehende Doppelpremiere am Centraltheater gilt, lässt sich nach dem Gespräch, das Nina May mit den Schauspielbrüdern Manuel und Günther Harder geführt hat, noch nicht sagen. Keine zerstörte Mutter-Sohn-Beziehung wie bei Wawerzinek, sondern zwei gestörte Vater-Sohn-Beziehungen werden zu Spielzeitbeginn mit Schillers "Die Räuber" und Bronnens "Vatermord" auf die Bühne kommen. Schön, dass wenigstens Sebastian Hartmann nach Meinung der Halbbrüder Harder "Wert auf Familiäres" lege. Einige Sätze weiter zitiert May Manuel Harder in einer Reaktion auf die Spannungen im Ensemble allerdings mit dem Satz "Es wird Zeit, dass der Mensch wieder im Mittelpunkt steht." Inszenieren wird übrigens Hartmann keines der Stücke, sondern Martin Laberenz (Schiller) und Robert Borgmann (Bronnen).
Na, da freut athene doch wenigstens, dass die Hamburger Band Superpunk in Ilses Erika einen Superauftritt hingelegt haben samt "des seit langem schönsten Liedes über Lethargie, das man auf dem neuen Album finden" könne. Das schreibt zumindest Anne-Sophie Kretschmer. Die war offensichtlich beim Schreiben noch leicht "verzückt und selig lächelnd". Und während sogar die "Muttersöhnchen im Pullunder ihre wilde Seite" bei den Grooves aus Northern Soul und Punkrock entdeckt hätten, habe "die anwesende Damenwelt" ganz andere, "verwegenere" Ziele im Auge gehabt, nämlich schlicht die "Sahneschnitte" Carsten Friedrich abzuschleppen, seines Zeichens Frontsänger der Superpunk. Zu diesem Zwecke hätten die frivolen Bacchantinnen nicht mal davor zurück- äh, -geschreckt, "erschreckend tief dekolletiert" herumzu"giggeln" und ihrer "Fanliebe" freien Lauf zu lassen. Frau Kretschmer hielt es da lieber mit der Lethargie-Nummer "Ich will heute nicht kämpfen". "Ach, könnte doch nur jeder Montag so schön enden...", seufzt sie, wie gesagt, noch immer leicht verzückt, ganz ohne sich an Sahneschnittchen den Magen verdorben zu haben.

Samstag, 11. September 2010

lvz kultur vom 11.09.10: Telenovela, Chailly, Venedig & Schernikau

Für eine gute Telenovela braucht es kein leicht zu kopierendes Erfolgsrezept, sondern "erfahrene Kreative" als Produzenten, ein gutes Ensemble und eine Summe von gut funktionierenden Details. Das alles glauben die Macher von"Das Leben der Anderen", Quirin Berg und Max Wiedemann, für ihr jüngstes Kind "Lena - Liebe meines Lebens" am Start zu haben. Statt eines Oscarprämierten Films nun eine Herz-Schmerz-Reihe fürs Fernsehen? Die logistischen und dramaturgischen Herausforderungen eines Mehrteilers seien spannend genug, diktieren sie Rupert Sommer in die Feder. Und: Nicht sie buhlten um den Auftrag, das ZDF beauftragte vielmehr sie mit der Übernahme des argentinischen Originalformats. Das lief bereits dort mit sensationellen Quoten. Die Risikobereitschaft hielt sich demgemäß - trotz des nun postulierten Herzklopfens zum Sendestart - halbwegs in Grenzen. Dem Spaß wird das keinen Abbruch tun.
Das verwöhnte Wiener Konzertpublikum feiert das Leipziger Gewandhausorchester unter Riccardo Chailly mit großem Applaus. Am Heimathafen der Wiener Philharmoniker begegnen sich zwei große Orchester scheinbar auf Augenhöhe. Und das mit einem Programm, das durchaus als frech zu bezeichnen ist. Denn Mahler und Schumann den dortigen Spezialisten als eigen zu verkaufen, ist schon keck. Sven Koblischek verbindet mit dem Wiener Gastspielerfolg die Hoffnung, dass die "Ehe Leipzig-Chailly noch viele Jahre andauern möge.
Bekommt nach Fatih Akins "Soul Kitchen" nun Tom Tykwers "Drei" einen Regie-Löwen bei den Filmfestspielen Venedig? Barbara Schweizerhof nimmt an den Spekulationen teil. Sie glaubt, Film und Schauspieler in Tykwers Komödie zum Thema Sex unter Männern mit dessen "sympathischem Appell gegen engstirniges Schachteldenken in sexueller Orientierung" seien gut genug für die Auszeichnung. Favoriten auf den Goldenen Löwen seien indes weniger der chilenische Film über den Putsch gegen Allende "Post mortem" oder Kelly Richardts "schweigsamer Western 'Meek's Cutoff'", sondern das blutige Samurai-Drama aus Japan, "13 Assassins" von Takashi Miike, oder das historische Martial Arts Spektakel "Detectevie Dee" des Chinesen Tsui Hark.
Der Theaterabend im LOFFT über den kommunistischen schwulen Dichter Schernikau konnte Stefan Kanis trotz vielen wenns und abers nicht überzeugen. Augenscheinlich habe man sich zum eigenen Schaden weder an Texte des Dichters selbst halten wollen, noch an etwas weniger komplexe Erzählweisen, stattdessen "didaktische Sorgfalt und kategorisierende Strenge" obwalten lassen. Die seien aber eher einem Sommerkurs von attac angemessen als einem Theaterstück über einen schrillen Beelzebub der untergehenden DDR.

Freitag, 27. August 2010

lvz kultur vom 27.08.10: Lachmesse, Schumann, Sean Scully

20 Jahre Lachmesse seien Grund genug, all die Großen des Kabaretts, der Kleinkunst und Comedians wie in einer Schatzbüchse zu versammeln und vom 14. bis 24. Oktober gekonnt den Deckel der Pandora zu lüften. Vielleicht reicht ja tatsächlich das geistvolle Benennen des vielgestaltigen Unheils, es wirkungsvoll zu bannen? Mark Daniel jedenfalls verfällt allein durch die Aufzählung der Stars in eine Glücksstarre, die wohl erst durch das Liveerlebnis wieder von ihm weichen wird, sicher zum ebensolchen Vergnügen der vielen anderen Zuhörer: Es sind Georg Schramm, Bruno Jonas, Jürgen Becker, Richard Rogler, Christoph Sieber, das Erste Deutsche Zwangsensemble, Erwin Grosche, Leo Bassi, Joesi Prokopetz, Ferruccio Cainero, Ohne Rolf, Alfons und Mark Britton. Neukommer wie Ken Bardowicks, Nepo Fitz und Jens Neutag stünden für die kommende Generation der "geistvollen Politunterhaltung". Die Geburtstagsgala vollenden Josef Hader, Hagen Rether und Tom Pauls übrigens erst nach offiziellem Ende der Messe.
In ähnlich buchhalterischer Emphase reiht Peter Korfmacher feierliche Adjek- und Substantive auf, die den beinahe himmlischen Klangkosmos des jüngsten Großen Konzertes unter Ricardo Chailly im Gewandhaus ahnen lassen sollen. Es gab Schumanns a-moll-Klavierkonzert, der 18-jährige Solist Kit Armstrong polarisierte allerdings die Menge. Poesie und Klarheit, ja, aber wo bleibt die Emphase und Leuchtkraft des Spiels? Die bringe als Mitgift das Orchester des Gewandhauses hinzu, "intimes Miteinander" nennt es der lvz Kulturchef und fertig scheint die Hochzeitsnacht in all ihren Höhen, Lyrismen und Erregungen. Den orgiastischen Jubel darf dann das Publikum beisteuern. Und in neun Monaten wachsen viele kleine neue Abonnenten nach.
Amerikanische Moderne mit europäischer Malereitradition zu vereinen, wird dem Iren Sean Scully nachgesagt. Die Kunstsammlungen Chemnitz widmen dem internationalen Star eine überwältigend schöne Ausstellung, findet Meinhard Michael. Ähnlich einem "Whisky, in dem große Gefühle lauern" entzünde die abstrakte Sprache von Scullys Gemälden einen schonungslos subjektiven emotionaler Furor. Der stark abstrahierend und philosophierend denkende Künstler habe der Malerei eine "Tiefe der Bedeutung zurückgegeben", die - verglichen mit seinem noch 1981 bevorzugten Minimalismus - "halsbrecherisch mutwillig" gewirkt haben müsse. Die deutsche Romantik und der Expressionismus stünden Pate, wenn er "an seine einfachen Strukturen Emotionen, Moral und Entsetzen" gebunden habe. Faszinierend sei zwar auch die Kombination von europäischen Malereitraditionen mit "nostalgischer Technik", wenn er Farbe statt auf Leinwand auf Kupfer und Aluminium gebe, deren ungleich glattere Oberflächen gänzlich andere Tiefen zu erzeugen vermöchten. Die Einbußen allerdings, die in der Abkühlung jener Flächen zu verzeichnen seien, könnten den Gewinn nicht ausgleichen, bleibt Michael skeptisch, ohne doch sicher zu sein, dass er nicht, voreingenommen, die "kühlere modernere Bildlichkeit" gemäß "europäischer - und östlicher - Nostalgie" der "alten Handarbeit" gegenüber hintanstellt.

Montag, 23. August 2010

lvz kultur vom 23.08.10: Sebastian Hartmann, Highfield-Festival, Schlingensief & Ancient Trance

Unter der Überschrift Kabale und Hiebe versuchte Martin Eich in einer lvz der vergangenen Woche Sebastian Hartmanns Intendanz sturmreif zu schießen bzw. schreiben, gelungen war ihm nur eine Polemik, die der schmutzigen Wäsche bedurfte statt Argumente zu gebrauchen. In ausgewählten Leserbriefen gibt die lvz nun neue Stichworte für das Hartmann-Bashing, ohne doch unterdrücken zu können, dass etliche Leserbriefe von Leuten ohne Schaum vor dem Mund die "Hartmannbeschimpfungen" als viel zu durchsichtig empfanden. Das Publikum scheint längst differenzierter zu urteilen. Anders läßt sich der Mangel an druckfähigen Pro-Eich-Leserbriefen kaum deuten.
"Schwachsinniges Experimentiertheater", wie sie eine Dr. Brita Will dem Centraltheaterintendanten vorwerfen möchte, ist einfach keine Kategorie, mit der Hartmanns Theater kritisiert werden kann, jedenfalls nicht, falls man ernstgenommen werden möchte. Andere Leserbriefe benutzen unverblümt den Begriff "Hasspredigt" oder "Hassartikel" für Martin Eichs Artikel. Alexander Sense spricht demgegenüber von Hartmanns Theater als "spannend, berührend, intensiv, kritisch und suchend nach den Fragen unserer Zeit", ohne "Reibungen innerhalb dieses Prozesses" unter den Teppich kehren zu wollen, allerdings wertet er diese nicht wie Marina Claus, für die Hartmanns "Mischung von Selbstüberschätzung, Eitelkeit, Ignoranz und Arrroganz gegenüber seinem Publikum" alles andere überstrahlt.
"Ostdeutschlands größtes Indie- und Rockfestival", das Highfield-Festival, hat seine Premiere am Störmthaler See bestanden, auch wenn sich "noch nicht das intensivste Liebesverhältnis zwischen dem neuen Areal und den Fans der Gitarrenklänge entwickelt" habe, schreibt André Hoffmann. Die lange Reihe von Promi-Bands überzeugte nicht allein den komplett anwesenden Großpösnaer Gemeinderat; Placebo, Billy Talent, Blink 182 oder die deutschen Bands Wir sind Helden, Fettes Brot oder Unheilig zogen die "Zuschauer mit großer Präsenz in den Bann", die Atmosphäre blieb derweil großartig bis entspannt-positiv.
Jürgen Kleindienst verfasste einen Nachruf auf den 49-jährig an Lungenkrebs gestorbenen Christoph Schlingensief, sein Resümee: "Er wird fehlen, allen". Denn trotz allen medialen Rummels um die Werke des "zur Weisheit gezwungenen" "Romantikers", die eine Interpretation zwischen "Bockmist und Großkunst" möglich machten, reagierten die Menschen auf Schlingensiefs Tod mit einem "Mitgefühl, das über Routine hinausgeht", weil "man tief im Innersten spürte, dass er Recht hatte mit seinen Breitseiten auf den organisierten Politik- und Medienbetrieb, den er virtuos selbst nutzte".
Dem Spielzeitbeginn des Gewandhausorchesters, live dargeboten auf dem Augustusplatz und dirigiert von Maestro Chailly, konnte Peter Korfmacher manches abgewinnen. Aber nicht alles. Die Ruhe auf dem Platz habe zwar eindeutig für das anwesende Publikum gesprochen, er selbst hätte sich das Konzert "gern auch drinnen, wo gewiss noch mehr Details zu hören wären" gewünscht. Was denn nun?
Das "Maultrommel-und-Weltmusik-Festival" Ancient Trance in Taucha hat viele seiner Zuhörer schier überwältigt und "grenzenlos begeistert". Bert Hähne hebt besonders die Band The Art of Fusion ("Weltraummusik") hervor und schwärmt schließlich von "Watcha Clan" aus Marseille mit ihrem Stil des Live Electro World'n'Bass und Sister K: "Wer hier nicht tanzt, ist selber schuld".