Posts mit dem Label Landesbühnen Sachsen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Landesbühnen Sachsen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 16. Februar 2011

Lvz kultur vom 16.2.11: Kerouacs „On the Road“ again. Jamel. Chailly. Globish.

Niemand weiß, wann die Neonaziszene auf dem Laufsteg der Medien Aufmerksamkeit erhält und wann nicht. Jetzt ist mal wieder die neue Kollektion einer rechten Geschichte im Umlauf. Nach Spiegel, ap, indymedia, und Stern hat sie auch Marcus Stöcklin für die lvz aufgegriffen. Immerhin: Die lvz bringt ein Porträt eines Dorfes in Meck-Pomm: Jamel. Fast glaubte man, der Name wäre der ihrer eigenen ägyptischen Partnerstadt. Doch er ist er selbst. Die erschreckende Geschichte: In Jamel entsteht Schritt für Schritt eine rechte Enklave. Haus für Haus werden von Rechten übernommen, bald ist niemand mehr da, der nicht der Neonaziszene angehört. Die Methoden sind brutal, gebrochene Nasenbeine, am Gartenzaun aufgespießte Hühner, tote Ratten im Briefkasten, patrouillierende Pick-Ups mit Scheinwerfern auf dem Dach entlang der Dorfstraße machen Jagd auf die paar verbliebenen Bürger. Dass ein ganzes Dorf weggemobbt werden kann, ist neu. Aber vielleicht wächst auch nur zusammen, was zusammengehört. Die neu hinzugezogenen Rechten und die Resignation der Arbeitslosen im Ort, ein aus Steuergeldern finanziertes Wahlkreisbüro der NPD und das, was man andernorts als Strukturschwäche bezeichnet: Die verkümmerten Reste eines staatlichen Gemeinwesens, eines auch ohne Braunkohleabbau oder Truppenübungsgelände einfach verlassenen Ortes. Ohne Überlebensperspektive. Wenn da nicht die jungen (oder alten) Rechten wären. Ob in Naschendorf, in Gägelow oder sonstwo – Jamel ist nicht allein.
Birthdayparty in der lvz: diesmal ists Agnes Kraus, Volksschauspielerin mit Charme, Chuzpe und Charakter, die heute 100 Jahre alt geworden wäre. An den Theatern hatte sie keinen Erfolg.Erst das Fernsehen der 70er Jahre entdeckte in der herben Mütterlichen die begnadete Alltags-Komödiantin. Ende der 80er Jahre zog sie sich zurück, vor 15 Jahren starb Agnes Kraus.
Riccardo Chailly stellte die Pläne des Gewandhauses 2011/12 vor. Benedikt Leßmann berichtet von acht Symphonien Beethovens in zwei Wochen, plus der Neunten zu Silvester. Jeweils kombiniert mit einer Neukomposition mit Rückbezug auf eine Beethoven-Symphonie. Was für Leßmann nur mäßig originell ist, dennoch, er erwartet dadurch eine Heranführung des Publikums an die Moderne, von der es bisher beharrlich wenig hält. Auch in der Repertoirepflege soll die gemäßigte Moderne ihren Platz haben: Riehm, Strawinsky, Berg, Schnittke und Saariaho sind einige Namen. Als Dirigenten werden neben Blomstedt und Masur auch Thielemann, Schirmer und Biller genannt. Was im Programm die Rückkoppelung des Neuen ans Alte darstellt, ist bei den Namen die Beruhigungspille des Alten bei der Präsentation des Neuen. Klingt alles in allem zu mutlos.
Jürgen Kleindienst beteiligt sich in „ausgepresst“ an der Nachfolgediskussion für Thomas Gottschalk. Nachdem Kulenkampff und Alexander ausgeschieden sind, bleiben nur die ewigen Kandidaten Pilawa, Kerkeling, Opdenhövel und Müller. Müller? „Selbstverständlich Zählkandidaten“, wie jkl meint. Nachdem er lange genug in Vorzimmern, Kantinen und Hallenser Messehallen zugebracht hat, kennt er nun die zwei aussichtsreichsten Kandidaten: Ein Moderatorencasting, selbstverständlich mit Raab, der aber nur Lena zulassen will. Und Maffay. Natürlich! Der kennt als Stammgast bereits Laufwege, Kantinenpersonal und Hunziker. Wer Maffay kennt, weiß, dass er zu radikalen Imagewechseln neigt: Wetten dass übernimmt er nur, wenn – von seiner Finca auf Malle gesendet wird.
Ein bisschen Spiegelfechterei wird derweil in Radebeul, dem Stammsitz der gefährdeten Landesbühnen Sachsen betrieben. Die Stadt erwartet Klarheit über die künftige Struktur der Bühnen. Soll heißen, wie häufig solle sie noch in Radebeul selbst spielen dürfen. Davon will OBM Wendsche abhängig machen, ob die Stadt die vom Land erpresste Summe von zunächst 300.000 Euro, später (2012) 600.000 Euro, zahlen will. Ob sie es kann, steht ohnehin auf einem anderen Blatt. Aber so sehen Opfer aus.
Jetzt ist sie tatsächlich auch auf Deutsch erschienen: Die unredigierte Originalfassung von Jack Kerouacs Roman „On the Road“. Nachdem bereits mit dem Comic „The Beats“ erste Tendenzen einer „Kindertauglichkeit“, einer Verharmlosung dieses Symbols für einen nicht nur literarischen Aufbruch des jungen „aufregenden, sympathischen“ Amerika einsetzten, ist die ungeglättete Version der Urfassung eine Rückkehr zur Radikalität der ursprünglichen, ruhelosen Suche nach sich selbst, wenn man Roland Mischkes Text folgt. Eines gelebten Traums, der auch den Alptraum mit umfasste, Grenzen ignorierte. Es ging nicht nur um das Coming-Out eines Schwulen, sondern um das Coming-Out einer ungebändigten Seele.
Noch in diesem Jahr soll es eine Verfilmung von „On the Road“ geben.

Norbert Wehrstedt hat auf der Berlinale endlich den ersten Favoriten für den Goldenen Bären erlebt: „Nader und Simin, eine Trennung“ von Asghar Farhadi (Iran). „Ein Drama um brüchige Moral und gestörte Beziehungen, Wahrheit und Lüge, mit vielen überraschenden Wendungen, psychologisch sehr behutsam und sozial sehr genau erzählt. Der Innen-Blick auf eine in Schichten gespaltene iranische Gesellschaft.“ Zwei weitere Filme wurden – wie Wehrstedt traurig feststellt – „von Herrn Langweiler (Béla Tarr) und Frau Peinlichkeit (Miranda July)“ inszeniert.

Maja Zehrt hat ein ein Festival im Festival beobachtet: Das Kinderfilmfestival „Generation“ im Rahmen der Berlinale. Arthouse für Vierjährige, ohne Berührungsängste. Themen wie Krieg in Iran, Terror in Peru, Superhelden, erste Liebe und Straßenkinder in Südafrika werden angeschnitten, auch eine filmpädagogisch betreute Vorstellung von Ingmar Bergmanns „Fanny und Alexander“ gezeigt. Zehrt beeindruckt: „Früh übt sich, wer ein echter Filmnarr werden will.“

Abermals Roland Mischke berichtet über das Phänomen des Globish. Einer radikal redizierten Variante der englischen Sprache. Die ohne Drumrum, fast ohne Grammatik auskommt. In Ägypten hat sich die Jugend überraschend als Globish-sprachige Generation entpuppt. „Mubarak must go!“ und „We want a democratic constitution“ sind Beispiele für das zur Einfachheit gewandelte Englisch. Auch typische Mail-Kürzel gehören zum Globish: „n1“ etwa steht für „nice one“, soll heißen „gut gemacht“. Mischke: „Globish hat die Welt erobert. Friedlich, aber in Befreiungskämpfen überdeutlich. Globish organisiert Menschenmassen.

Freitag, 4. Februar 2011

lvz kultur vom 4.2.11: Herrscherfamilien, die Mitleid verdienen. Bascha Mika. James Last. Traetta.

Selten wurde so deutlich, dass der Markt zu einem guten Teil pure Erpressung darstellt. Beim Vergleichsvertrag des Wettiner Adelsgeschlechts mit dem Freistaat Sachsen, etwa 300 wertvolle Porzellanstücke betreffend, vermag sich der Erpresste allerdings sogar darüber zu freuen, dass er so billig davongekommen ist. Der Stolz, nicht käuflich zu sein, weicht dem Stolz, sich jetzt mit einer wundervollen Sammlung Porzellans brüsten zu können, die künftig allen Touristen bestätigen, dass ihr Dresdenbesuch, besonders der im Zwinger, einfach wunderschön gewesen ist.
4,2 Mio. Euro kostet der Spaß. Jetzt ist die Sammlung unser. Und wird nicht bei Christie's in London an privat versteigert. Das Geld hilft einem mittellos, ärmlich zur Miete wohnenden Adelssprößling über die letzten Erdenjahre. Wer weiß, ob der 76-Jährige und seine Schwester noch erleben werden, dass weitere Erpressungs-, äh, Entschädigungssummen (für Bücher, Möbel, Gemälde) auf seinem Konto eingehen werden. Immerhin, 2012 sollen die Lösegeldverhandlungen zu Ende sein, schreiben Thomas Mayer und Jörg Schurig.

In seinem Leitartikel, in dem Dirk Birgel über eine dicke Porzellan-Kuh beim Eislaufen schreibt, schließt der redakteur der dresdner neusten nachrichten: „Man mag bedauern, dass die 4,2 Mio. Euro nun ausgerechnet jenen Nachkommen zufallen, die sich mit Ausnahme von Prinz Alexander am wenigsten um Sachsen verdient gemacht, und die als Karikatur einer einstigen Herrscherfamilie eigentlich tiefstes Mitleid verdient haben.“ Als Ausgleich und Dankeschön für 829 Jahre Wettiner Herrschaft in Sachsen kriecht Birgel ganz untertänigst zu Kreuze und befindet: Die 4,2 Mio. seien dafür „ein Klacks“.

Ob in 799 Jahren die Nachkömmlinge des Mubarakgesindes auch so dankbar sein werden? Was sind schon 30 Jahre Herrschaft der trotzdem schon versteinerten ägyptischen Mumie H. M.? Der alte Mann erpresst nun verarmte, würdelose Männer, damit diese mit Eisenstangen, Prügeln und Gewehren gegen die aufbegehrenden Menschen vorgehen und dem alten Mann erlauben, an seiner pharaonenhaften Macht festzuhalten. Die Deutsch-Ägypterin Gaby Habashi glaubt trotzdem nicht daran, dass sich Mubarak halten kann. „Was wir erleben, ist ein Aufstand des ganzen Volkes gegen ein Regime, das keinen Rückhalt mehr hat. Es gibt sehr viele Bürger, die einfach keine Angst mehr haben.“ Und diese Menschen würden auch kein Diktat der Muslim-Brüder, keinen Gottesstaat akzeptieren, sagt Habashi im Interview mit lvz redakteur Kostas Kipuros.

Vom Mut zur Feigheit. Die lvz kultur macht mit einem Bericht über das jüngste Buch der früheren taz-Chefredakteurin Bascha Mika auf, „Die Feigheit der Frauen“ betitelt. Jutta Rinas schreibt über den „kämpferischen Beitrag zur aktuellen Gleichberechtigungsdebatte“, dass Bascha Mika den Frauen darin „eine gehörige Portion Mitschuld“ daran gibt, dass sich ihr Geschlecht in der Männergesellschaft nicht adäquat durchzusetzen vermag. Sie machten sich zu schnell „zu Komplizinnen“ des Systems, machten sich viel zu schnell „abhängig“, nicht zuletzt von einem Partner. Das beginne mit der „Modelzucht“, die „kleine Mädchen für die Rolle als Mutter und (Teilzeit-)Hausfrau 'zurichtet'.“ Mika kritisiert die „Pest aus Pink“, bei der „eine ganze Spielzeugindustrie Mädchen auf eine Frabe trimmt und damit ein Rollenmuster verfestigt“: Das der „schönen Prinzessin, die auf den Prinzen wartet statt selbst zu regieren.“
Frauen finden kein dem männlichen „einsamen Wolf“ vergleichbares Rollenmodell vor, und schließlich würde Frauen noch der Mythos der „angeborenen Mutterliebe“ eingetrichtert. Mit dem Kinderpsychologen Bruno Bettelheim meint Mika, dass es „natürlich keinen mütterlichen Instinkt gebe“, auch wenn Bettelheim dieses „letzte Bollwerk“ nicht öffentlich in Frage stellen wollte. Bascha Mika will. Rinas zeigt sich zwar beeindruckt von Mikas Exkursen und „brillant geschriebenen Analysen der Verhältnisse“, hält ihr gleichwohl vor, dass sie „zu wenig Alternativen aufzeigt.“ Sie glaubt nicht daran, dass nach „Mikas flammendem Aufruf für mehr Emanzipation alle Frauen zu Heldinnen des Geschlechterkampfs“ werden. Stattdessen plädiert sie – „zur Frauenquote und zu verbesserten Arbeitsbedingungen von Frauen durch eine bessere Kinderbetreuung.“

Norbert Wehrstedt leidet. Er leidet mit Maria Schneider, der ein Film zum Fluch wurde. Es geht um den Film „Der letzte Tango von Paris“, in dem ein älterer Mann nach dem Tod seiner Frau Halt bei der von Maria Schneider verkörperten Frau findet – und Sex. Während die Darstellung der Ängste des alternden Mannes und der Analverkehr mit der jungen Jeanne Marlon Brando zu Weltruhm verholfen haben, hat Maria Schneider ihre Rolle fast ausschließlich Angebote für „lüsterne Eroticals“ eingehandelt. Alkohol, Drogen und psychische Probleme haben die Schneider krank gemacht; dass sie 1976 aus den Dreharbeiten zu Bertoluccis Revolutions-Epos „1900“ ausgestiegen ist, wohl endgültig den Karriereweg versperrt. Nach langer Krankheit starb Maria Schneider mit nur 58 Jahren.

Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ war weder schwanger noch krank, sondern ein Mann. Das hat die neuste Forschung herausgefunden – und Janina Fleischer in „ausgepresst“ zu der Äußerung gebracht, „lieber Mann als magersüchtig.“ Es geht also alles noch schlimmer.

Mit 38 Mann Verstärkung und der Show „Musik ist meine Welt“ wird James Last die Arena Leipzig erobern. In einem gut gelaunten Interview des Erfinders des „Happy-Sounds“ mit Jürgen Kleindienst nörgelt James Last noch darüber, dass überall „wirklich unglaublich viel gequatscht“ wird, statt einfach „mal ein Programm durchgezogen“, bevor er eine wahre Lobeshymne auf Eminem („seine Wucht“ und „wie er reinhaut“) und Rapper, die „wahre Geschichten erzählen“, singt. Das „macht mich an.“ Von Kleindienst gefragt, wie sein Tourtag „zu Ende geht“, meint Last, an der Hotel-Bar, die reserviert wird, und wo sie „noch was spielen“, bevor seine Frau sage, „Hansi, wir müssen jetzt ins Bett.“ Kleindienst: „Und?“ Last: „Dann geht’s ins Bett.“

Zwei Elogen über außergewöhnliche Musiker sind noch zu finden: Peter Korfmacher berichtet über den honduranischen Komponisten Marlon Herrera, dessen Musik („kühn Klassik, Jazz und Tango verzahnend“) in Honduras nicht mehr gespielt werden könne, seit das einzige Theater mit eigenem Orchester wegen Sparmaßnahmen geschlossen worden sei. Und nun im MDR-Probenwürfel aufgeführt wird, neben Musik von Nicolás Prada Diaz, Stefan König und Chick Corea.

Und Gerald Felber weiß sich vor Verzückung gar nicht mehr einzukriegen, wenn er die Aufführung von Traettas Oper „Antigone“ in der Staatsoper Berlin („nicht mehr als fünf Vorstellungen!“) schildert, einem Stück, das mehr Aufmerksamkeit verdiene als manches Wagner-Großprojekt. „Berlin als Ausgangspunkt einer Traetta-Renaissance – das wäre mal ein schöner Traum, dem es wahrscheinlich gehen wird, wie den meisten Träumen.“ Musik, noch dichter und pulsierender als Gluck, ein Energiestrom. In den Rollen u.a. eine „intensivst gestaltete Counterpartie“, die aus ruhiger Gelassenheit zur wilden, auch stimmlich extrem zupackenden Rebellion wächst, und noch mehr Lobeshymnen. Felber schließt: „Schnell nach Berlin, ehe es zu spät ist!“

Jörg Augsburg führte wieder eines seiner profunden Interviews, heute mit Thorsten Seif über das Independent-Label Buback. Aus dem Label gastieren vier Bands „zwischen System-Rebellion, Pop-Philosophie und Indie-Radau“ im Centraltheater. Zur Mode, Konzerte in Theater abzuhalten, meint Seif, „Zum eines gibt's die generelle Annäherung der Institution Theater an die Popmusik, als Versuch einer Art Verjüngungsprozess“, außerdem würden viele Musiker wie Schorsch Kamerun oder Ted Gaier von den Goldenen Zitronen „viel am Theater machen. Für die ist das ein so normaler Kontext geworden, wie es früher das AJZ war“. Und das Theater bezahle auch besser als das Conne Island. Heute also Konzert im CT mit Kristof Schreuf, F.S.K., 1000 Robota und den Goldenen Zitronen.

Dienstag, 4. Januar 2011

lvz kultur vom 4.1.11: Suter & die Oper, Intendantenkarussell & Moses Mendelssohn

Martin Suters Romane sind Bestseller. Sie geben der herrschenden Dekadenz, besser gesagt, den besseren Kreisen, ein Bild. Und im jüngsten seiner Romane, "Allmen und die Libellen", ist der Protagonist gar die personifizierte Finanzkrise. Ein Millionär, wurscht, ob in roten oder schwarzen Zahlen, der seine genialsten Ideen dabei bekommt, seinen Bankrott noch etwas hinauszuzögern. Janina Fleischer garantiert einen unterhaltsamen Gesellschaftsroman. Keinen Krimi, wie von Suter versprochen. Dafür "der Untergang des Abendlands in schillerndem Licht." Die Oper Leipzig sollte den Roman seiner Marketingabteilung zur Pflicht machen, wenn sie ihn nicht ohnehin schon gelesen hat. Nicht nur, weil gezeigt wird, wie mit einem Minus umzugehen ist, sondern, weil auch hier vornehm die Welt zugrunde geht: Das letzte, auf das bei Suter der Held in seinem Leben zu verzichten bereit ist, ist das Opern-Premierenabonnement. "Erst, wer sich das nicht mehr leisten kann, ist wirklich pleite." Vielleicht kann sich das Opern-Marketing das Buch ja in der Stadtbibliothek Leipzig ausleihen, wenn Herr von Maravics keinen Anschaffungsetat mehr genehmigt. Es sei denn, OBM Jung hat Michael Faber angeordnet, den jüngsten Suter-Bestsellers aus dem Buchbestand der Stadtbibliothek (für die ist Faber weiterhin zuständig!) entfernen zu lassen. Dienstanweisung. Aus übergeordneten Gesichtspunkten. Wegen Nachahmungseffekten.

Auch dem Theater Gera-Altenburg, zumindest Matthias Oldag, ist die Lektüre des Suter-Romans zu empfehlen. Laut Landrat Sieghardt Rydzewski "ist die Insolvenz des Hauses längst nicht abgewendet." Rydzewski, der laut dpa droht, dass, wenn am gegenwärtigen Intendanten Oldag festgehalten werde, würde das Altenburger Land seine Zuschüsse kürzen. Tja, und wenn die Gesellschafter nicht sämtlich zahlen, wird das auch das Land Thüringen nicht tun. Keine guten Aussichten. Wie wärs mit der Uraufführung der Dramatisierung des Suter-Romans/Krimis? Damit kann Oldag die Insolvenz vielleicht noch etwas hinausschieben?

Oder er bewirbt sich gleich bei den Landesbühnen Sachsen. Seitdem Intendant Christian Schmidt deutlich gemacht hat, dass er die vom Land diktierte Umwandlung in eine GmbH nicht mitmachen wird, ist die Intendanz neu ausgeschrieben worden. Und wenn Oldag nicht will, vielleicht kann Chefdramaturg Karl-Hans Möller ja ein gutes Wort für seinen ehemaligen Chemnitzer Chef Rolf Stiska einlegen? Der hat ja schon zwei Jahre Erfahrung (einschließlich drohender Insolvenz) mit einer GmbH an der TOO Halle/Saale. Nur schade, dass die Landesbühnen Sachsen kein Kinder- und Jugendtheater haben, das als fünftes Rad am Wagen schon mal prophylaktisch abgeschraubt werden kann.

Peter Korfmacher macht sich in ausgepresst moderat lustig über den Klimarealismus der Evangelischen Kirche. Lächerliche 1 Mio Tonnen CO² sollen die Mitglieder der Mitteldeutschen Evangelischen einsparen. Macht summa summarum laut kfm 15,5 Auto-km für jedes Kirchenmitglied. Bis 2. Oktober! Ehrlich, da springt ja noch nicht mal der Kilometerzähler an. Aber! Korfmacher hat - schlau schlau - bereits begriffen, dass nicht CO², sondern CH4 das Elend in die Welt bringt. Methan! Die Bösen sind die Rinder! Ackerbau und Viehzucht! Müllfäulnis! Will kfm das Freitagsfasten wieder einführen? Hat er bereits mit seiner lvz Kantine gesprochen? Was sagt Holger Zastrow dazu, Intimfreund des chefredakteurs Hilder und Intimfeind der Evangelischen Kirche? Kein fasten? Was nun? Da bleibt Korfmacher wirklich nur, Vegetarier zu werden, leidenschaftlich in der lvz für das Gute in der Welt zu fechten und ein Vöner-Abonnement in Plagwitzs Vleischerei zu bestellen.

Ulf Heise schreibt über den "Luther der Juden", Moses Mendelssohn. Der aufgeklärte Jude, der vor 225 Jahren gestorben ist, war es, durch den eine neue Ära in Deutschland eingeleitet wurde und die jüdischen Mitbürger in Deutschland "das Ghetto verließen, in die europäische Kultur eintraten und eine Kultur- und Sozialgeschichte begründeten." Der sanfte Geistesriese, der Ende des 18. Jahrhunderts auch von dem französischen Revolutionär Graf Mirabeau verehrt wurde, sei ein Mann "mit einem schwächlichen und sogar kränklichen Körper" gewesen. Ein solcher Geist in einem solchen Körper - das bedeutete für die Nazis aus vielerlei Gründen schlicht Hochverrat. Doch auch die Preußische Akademie der Wissenschaften war noch nicht reif für die jüdische Emanzipation. Sie vereweigerte Mendelssohn, auf Intervention Friedrich II., die Aufnahme.

Donnerstag, 30. Dezember 2010

lvz kultur vom 30.12.10: Hartmann & Girardet, Hoentjes & Hennig und die Leipziger Schule

Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Sebastian Hartmann hat wie jedes Jahr die Zähne zusammengebissen und und Georg Girardet die Treppen zum Kulturdezernat hochgeholfen. Hartmann und Girardet sind in Jürgen Kleindiensts Jahresrückblick Kultur aus dem Jahr 2020 die letzten Mohikaner, die das Kulturraumgemetzel überlebt haben, da können sich die übrigen Kultureinrichtungen noch so sehr in einer Wagenburg verschanzt haben. Die Leuchtmunitions- und Wasserpistolen der sächsischen Finanzbeamten hat die wasserscheue, lichtempfindliche Kulturschickeria zermürbt, bis die rathengestählte Todesschwadron der Landesbühnen Sachsen ihr den endgültigen Garaus gemacht hat. Sie ist es jetzt, die alle Stadttheater außerhalb der Schlossbühnen Dresdens bespielt, streng rationiert mittels Kulturgutscheinen, die Dresden an willfährige Stadtoberhäupter verteilen lässt. Einen Intendanten ersparen sich die Bühnen ohnehin. Gespielt wird nur, was sich in der Top 30 der aktuellen Statistik des Deutschen Bühnenvereins wiederfindet. "Reclam mit Beleuchtung" heißt das Stichwort im Aufführungsvertrag, mit dem Werktreue und Abtragen alter Funduskostüme gewährleistet werden. Die Rehamaßnahme des Münchner Künstlersozialfonds, aus dem die - laut Kleindienst 250 - Schauspieler der Landesbühnen bezahlt werden, hat die Eigeneinnahmequote der Bühnen auf satte 170% schießen lassen. Was waren das noch Zeiten, als Theater zu den Kostgängern der Kultur gehörte. Heute zahlen sie, wie weiland die Deutsche Bundesbank, die Überschüsse an den Landeshaushalt. Könnte ja sein, dass mal ein Prozess droht, den ein Zuschauer anstrengt, der bei der Uraufführung 1897 doch ein anderes Kostüm auf der Bühne gesehen hat als in der Neuinszenierung 2018.
Und was machen Neualtneualtneudezernent Georg Girardet und Sebastian Hartmann den ganzen lieben langen Tag? Wenn man Jürgen Kleindienst glaubt, ist Georg Girardet der einzige Abonnent, den Hartmanns Ein-Mann-Theater noch hat. Der Blinde hilft dem Lahmen (schließlich hatte Girardet Hartmann nach Leipzig geholt), getreu diesem Motto, das Hartmann erst akzeptieren konnte, als er sich in vollgekifftem Zustand nicht mehr an seine Nietzschelektüre erinnern konnte und versehentlich bei Schopenhauer geblättert hat, was einen energetischen Kollaps erzeugte, für den Neurologen erst anhand des 2. Thermodynamischen Gesetzes eine Erklärung fanden, und von dem sich Hartmann im Nebenjob als Chef seiner eigenen idellen Nachfolgeorganisation der Leipziger Bahnhofsmission gerade mühsam aufpäppelt. Dort wartet er wie stets auf Peter-René Lüdicke, dem, wie Kleindienst formuliert: "Einmannensemble, weil er auch Frauenrollen solide hinbekommt." Lüdecke, der wöchentlich für zwei Vorstellungen nach Leipzig reist, schafft es trotzdem, Girardet stets aufs Neue zu der begeisterten Äußerung hinzureißen, woher er, Hartmann, bloß diese ständigen Neuengagements an Leipzigs Allerneuestem Schauspielhaus herbekäme. Schließlich sei sein Etat ja längst nicht mehr so üppig, seit die Tarifaufwüchse für den einzigen Beschäftigten von der Stiftung 'Lebensrettung für Nachwendewaise' seit 2019 nur noch je zur Hälfte übernommen werden.
Das Lüdickesche Einmannensemble bespielt übrigens den Spielplatz des seinerzeitigen Centraltheaters, das Weiße Haus samt Auslaufgelände des ehemaligen Parkplatzes. Außer Girardet schauen wenigstens auch manche Studenten der benachbarten Hochschule für Musik und Theater aus den Fenstern, um einen Blick auf die letzten lebenden Dinosaurier der Stadt zu werfen, während ihre Kollegen des Fachbereichs Instrumentalmusik abends ab 19:30 Uhr heimlich Abschriften der Noten des Kanons "Freude schöner Götterfunke" für die benachbarten Kitaerzieher malen, um nicht von der Gema erwischt zu werden.

Die niederländische Performance-Künstlerin Anna Hoentjes plant in Reminiszens an die Turn- und Sportfeste im Leipziger Zentralstadion und unter Mitarbeit von Heike Hennig eine Massenchoreografie in der umbenannten Red Bull Arena. "Es soll eine Mischung aus Popkultur, zeitgenössischem Tanz und Elementen sozialistischer Sportveranstaltungen" werden. Anders als zu DDR-Zeiten soll nicht allein das Kollektiv im Vordergrund stehen, sondern eine Individualisierung möglichst vieler der Teilnehmer. Wie Magdalena Fröhlich für lvz berichtet, werden 2000 Teilnehmer gesucht, die sich an dem Projekt "Turn!" beteilign wollen. Die Aufführung soll am 4. Juni 2011 stattfinden. Ein Videoclip mit den Anforderungen kann von der Homepage turn-leipzigdotde heruntergeladen werden.

Einen etwas merkwürdigen Rückblick 2010 samt Ausblick auf 2011 für den Bereich Bildende Kunst in Leipzig, gemeint ist vielmehr die "(Neue) Leipziger Schule" aus dem - heutigen und ehemaligen - Umfeld der Hochschule für Grafik und Buchkunst, schreibt Meinhard Michael. Was sich anfangs liest wie eine witzige Glosse auf den Leipziger Größenwahn, der sich in Form von wiederkehrender "Quartalsdämlichkeit" äußere, wird der Artikel mehr und mehr zu einem who's who der Leipziger Kunstszene und dem Lamento, dass die Halbmillionenstadt ihre Künstler nicht ernähren könne, so dass diese zwangsläufig "für den Export" arbeiten müssten. Als ob nicht das Arbeitszimmer eines Unternehmers aus Sao Paulo oder die Jurte eines Mongolischen Stammesfürsten durch ein Bild Matthias Weischers geadelt werden würde. Freuen tut sich Michael auf die kommende Großausstellung zu 150 Jahren Fotografie in Leipzig, die im Grassimuseum, Stadtgeschichtlichen Museum und Bildermuseum gleichzeitig laufen solle.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

lvz kultur vom 02.12.10: von Schorlemer & die Kulturraumgeldkürzungen, Grassi, und Nazikirchen

14 Tage vor der Angst redet Sachsens Kulturministerin von Schorlemer mit Peter Korfmacher und Jürgen Kleindienst über die geplanten Kürzungen bei den Kulturraumgeldern. Ihre Thesen im Schnelldurchlauf:
1. Vorübergehende Steuermehreinnahmen (plus 1 Milliarde €) haben nichts mit dem dauerhaften Ziel einer Haushaltskonsolidierung (minus 1,3 Milliarden €) zu tun. Daher: Kein frisches Geld für die Kultur, d.h., doch: 1,5 Millionen € gibt's zur Entlastung der Kulturräume.
2. Gelder für Tariferhöhungen in Semperoper, Staatsschauspiel und Staatliche Kunstsammlungen sind gesetzlich vorgeschrieben. Die Kommunen müssten selbst sehen, wie sie das schaffen. Bitte kein Neid!
3. Ohne aktiven Strukturwandel kann die reiche Kulturlandschaft Sachsens nicht erhalten werden.
4. Intelligente Strukturanpassung könne bedeuten, die Landesbühnen entlasten die kommunalen Theater und bespielen gleichzeitig die Fläche. Das Land handelt also vorausschauend, indem sie die LBS in kommunale Trägerschaft übergehen lassen.
5. Novellierung des Kulturraumgesetzes bringt keine Kultureinrichtung in finanzielle Schwierigkeiten. Die Stadt Chemnitz spart über 10x mehr Kulturgelder ein (5,8 Mio €) als der Freistaats Sachsen weniger überweist (400.000 €). Und Leipzigs Probleme sind hausgemacht. Der Pro-Sitzplatz-Zuschuss ist doppelt so hoch wie der für die Dresdner Theater.
6. Vielleicht gibt's ja irgendwann mal wieder mehr Geld.
7. Die Städte sind selbst schuld am gegenwärtigen Stress, sie haben 2004 Landesmittel für Kulturräume sachfremd eingesetzt.
7b. Nochmal: Die Kommunen sind selbst schuld, außerdem sollen sie nicht so übertreiben.
8. Prof.Ossenbühls Rechtsgutachten geht von der fehlerhaften Annahme aus, die Landesbühnen Sachsen hätten "überregionale Aufgaben". Das stimmt nicht. Ihre Aufgaben sind kommunal. Die Entlassung aus der Landesverantwortung ist also richtig.
9. Strukturanpassung tut not, dabei geht es nicht um Abbau, es geht um die Wahrung der Vielfalt, es geht um intelligente und kreative Lösungen.
10. Die geplante Mittelabsenkung ist zwar schmerzhaft, dient aber letztlich den Kulturräumen. "Sachsen muss ein Kulturstaat bleiben." Sie, von Schorlemer, habe 2020 im Blick. "Dann wird ein mobiles, flexibles Angebot verstärkt nachgefragt werden".

Zusammengefasst bedeutet das: Die Kommunen müssen selber sehen, wie sie klarkommen. Und vor allem: Die Landesbühnen sind die Springer.
Das ist der neue Gedanke der Ministerin, mit dem sie ihre Argumentation allerdings heillos überfrachtet. Die neue Situation würde für die Landesbühnen Sachsen bedeuten: Vorerst nur mit 3,5 Mio €, später mehr, sollen die Kulturräume die Finanzierung der LBS übernehmen. Nominell werden die LBS aus der Verantwortung des Landes entlassen. Ziel ist eine GmbH mit den Sitzgemeinden im Aufsichtsrat, die auch einen (Groß-)Teil der Finanzierung schultern sollen. Ausweitung des Spielbetriebs in die Fläche, d.h., weniger Radebeul, mehr Klein- und Mittelstädte in Sachsen (auf welchen Bühnen eigentlich?). Darüber hinaus eine Bespielung der kommunalen Theater, Opernhäuser, Konzerthäuser mit Programm, das vor Ort abgebaut werden musste, also Bildung von "mobilen, flexiblen" Kultur-Task-Forces durch die LBS.

Denkbares Szenario: Leipzig spart sein Ballett ein, seine Muko, dünnt sein Opernprogramm aus. In die Bresche springen die LBS. Dem traditionellen, tendenziell konservativen Publikum ist das gleich, vielleicht sogar recht. Klein- und Mittelstädte Sachsens werden zunehmend von den LBS "übernommen", kleinere kommunale Theater immer mehr eingedampft, kooperieren und fusionieren gar, bis sie nur noch kleine halbeigenständige Einheiten im Verbund der LBS darstellen. Potente Kulturliebhaber aus der Region fahren für die Haute Cuisine nach Dresden, Leipzig, Chemnitz oder gleich Berlin. Für den weiter schrumpfenden Rest-Sachsen muss das Angebot aus der lokalen Küche reichen.

Und außerdem: waren die Proteste nicht so stark, dass CDUFDP ihre Position hätten stärker ändern müssen, als nun getan. Das Prinzip: Schmerzgrenze ausloten. Konzessionsbereit zeigen, Summe halbieren, dem Ärger die Spitze nehmen. Durchregieren, der Rest folgt dann später.
Und die Leipziger sollen ihren Ossenbühl ja nicht so hoch hängen. Wers immer noch nicht verstanden hat: "Wenn es zur gerichtlichen Prüfung kommt, weiß keiner, ob Leipzig daraus gestärkt hervorgeht." Alles klar? Die Mafia-Paten könnten es nicht sensibler ausdrücken.
OBM Jung hat sein Maulheldentum längst aufgegeben. Von ihm kommt kein Sterbenswörtchen mehr zur Sache. Das hat sein Kulturbürgermeister schon vor ihm gekonnt.

Caroline Bock schreibt über das neue Berliner Szene-Musical „Mamma Macchiato“. „In einer Mischung aus Revue und Blödelei“ nimmt es den Kiez am Prenzlauer Berg aufs Korn, selbstverständlich lacht die Szene auch schon mal über sich selbst. Die Höhepunkte scheinen wie im richtigen Leben eine Slalomstrecke entlang Bionade, Yogastudios und Kitaplätzen zu absolvieren. Die „eigene Verspießerung“ werde mit Ironie betrachtet.Vielleicht wähnt man sich ja als Komparserie einer jahrzehntelangen Vorabendserie, deren Rhythmus noch von Mainzelmännchen bestimmt wird?
Die „Not“ der Eingeborenen im Blick, entdeckt Janina Fleischer in „ausgepresst“ nicht nur einen Ausweg, sondern in „Mamma Macchiato“ die radikale Lösung, um dem Kiez aus seiner Belagerung zu helfen: Wenn, wie im Musical, die Schwabenmama mit einem iPad erschlagen wird, mache es doch „aus der Not gleich eine Tugend“. Allerdings warnt sie Neukölln schon mal vor. Die Überlebenden der iPad-Anschläge hätten ihren Bezirk längst zur Bionadisierung vorgemerkt.

Im Grassimuseum für Angewandte Kunst machen zwei neue Ausstellungen von sich reden, die dem Kunsthandwerk mit je unterschiedlichen Materialien frönen. Das thüringische Unternehmen Kahla stellt Ergebnisse ihres 5. Internationalen Porzellanworkshops aus. „Junge Gesichter und unbekannte Gestalter“ haben das zerbrechliche Material „spielerisch oder ernst, gewagt oder eher vorsichtig, verträumt oder gelassen“ ausprobiert, auch wenn die Ergebnisse „in der Produktion“ nicht umsetzbar seien, wie Christine Hochstein schreibt.In Kooperation mit der UdK Berlin wurde zudem an zehn StudentInnen die Aufgabe gestellt, sich „experimentell“ mit dem Thema Erbgut in Porzellan auseinanderzusetzen.
In der Pfeilerhalle stellen Ulla und Martin Kaufmann Schmuck, freie Objekte und Gebrauchsgerät aus Edelmetallen wie Gold und Silber aus. Die reichen von Küchenutensilien wie Pizzaschneider bis zur federleichten Kette ohne Verschluss, von denen Museumsleiterin Eva Maria Hoyer eine beinahe täglich selbst trage.

An deutschen Theatern spiele das Thema Migration in zweierlei Hinsicht keine besondere Rolle, schreibt Andreas Rehnolt. Weder habe eine nennenswerte Zahl von Theatern Migranten in ihren Ensembles (Ausnahmen z.B. Köln und Dortmund), noch bestimmen Geschichten aus diesem Stoff, der die Gazetten füllt, die Bühnenstücke. Und wenn, dann seien dies Texte, die noch von Konflikten der ersten Einwanderergeneration handelten, statt z.B. von der Tatsache auszugehen, dass sich viele Kinder von Einwanderern längst als Deutsche fühlten, aber von ihren Mitmenschen als Ausländer wahrgenommen würden.

Lukas Philippi hat sich eines Themas angenommen, das in der Öffentlichkeit eher nicht bekannt ist: Viele der noch heute genutzten Kirchbauten seien in den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erbaut worden und steckten oft noch voller Nazisymbolik. Entfernt wurden nach dem Krieg allein Hakenkreuze. Doch von Soldaten im Stahlhelm oder SA-Stiefeln bis zu Abbildungen der „deutschen Familie“ oder Eiserner Kreuze gebe es haufenweise Bildwerke, die noch in den Kirchen zu sehen seien. Der Leiter des landeskirchlichen Bauamtes, Matthias Hoffmann-Tauschwitz, könne sich Kirchen wie die Berliner Martin-Luther-Gedächtniskirche durchaus als „Zeugnisse dieses Geschichtsabschnittes“ vorstellen, während Andreas Nachama, Leiter der Berliner „Topographie des Terrors“, unter Beibehaltung der historischen Zeugnisse auch eine Neugestaltung des Innenraums vorstellen könne. Wer die Kirche dann nutzt, müsse sich allerdings erst noch erweisen, meint Philippi.

Montag, 15. November 2010

lvz kultur vom 15.11.10: Die lvz hilft Kindern, DEFA-Preise, Haus Auensee, Musikschule & Verlagsfest

Nichts geht über Eigenwerbung. Gewandhaus und drei große Firmen einschließlich der lvz betreiben eine gemeinsame Stiftung namens "Leipzig hilft Kindern", für die nun zu einem Benefizkonzert geladen wird. Riccardo Chailly wird dirigieren, Arcadi Volodos den Solist am Flügel geben, Peter Korfmacher übernimmt Werbung & Marketing. Dem guten Zweck der Stiftung wird ausführlich Raum gegeben, man lasse ihn sich auf der Zunge zergehen: Ziel sei "die Unterstützung und Förderung der Jugendhilfe, insbesondere der Jugendarbeit, der Jugendsozialarbeit, des erzieherischen Jugendschutzes, der Erziehung in der Familie, in Tageseinrichtungen sowie die Förderung von Volks- und Berufsbildung und Erziehung." Jeder einzelne der aufgeführten Punkte wurde in den letzten Monaten, insbesondere von der sächsischen Landesregierung, finanziell gerupft wie ein Brathähnchen, bis dessen nackte Haut durchschien, versehen mit massiver journalistischer Flankendeckung der lvz. Und nun taucht diese Kinder- und Jugendhilfe als konzern-, pardon, stiftungseigene Mildtätigkeit wieder auf, für die der Staat aber erhebliche Steuerbefreiungen an die Firmen zu leisten hat. Der Staat zieht sich aus der Verantwortung zurück, private Sponsoren entdecken das Soziale als verwaistes neues Wirkungsfeld. Und das Gewandhaus hat in diesem lukrativen Eitelkeitszirkus der Sponsoren und deren vermeintlicher Uneigennützigkeit mitzuspielen.
Diese Eigenwerbung wird dem lvz leser in den nächsten Tagen sicher noch ein ums andere Mal in selbstbeweihräuchernder Form begegnen. Auf dem Programm der Benefiznummer wird auch das erste Klavierkonzert Tschaikowskis stehen. Korfmacher zitiert dazu Anton Rubinstein, dem der Komponist das Werk zugedacht hatte: "trivial und vulgär, kurzum: schlecht".

Noch ne Stiftung: Die DEFA-Stiftung verteilt zum zehnten Mal ihre Preise und auch sie feiert sich selbst. Knapp vor Weihnachten wird ein Prachtband über "Die alten DEFA-Märchenfilme" herausgegeben, der von Ex-Kinoweltler Michael Kölmel, nun Zweitausendeins-Besitzer, als Co-Produzent vertrieben wird. Ach ja, die Preise selbst abVerantwortung" geehrt, die er bis 1976 drehte; der Nachwuchspreis ging an Feo Aladag für ihr Ehrenmord-Drama"Die Fremde", der Preis zur Förderung der Filmkunst ging an Florian Koerner von Gustorf und an Michael Weber, die keine "Dutzend-, sondern Herzware" herstellten, wie Norbert Wehrstedt betont.

Das Ensemble der Landesbühnen Sachsen hat im Anschluss an ihre jüngste Premiere (Faust 1) vor dem Theater gegen Kürzungen im Sozial- und Kulturbereich demonstriert. Einen Protest auf der Bühne hatte ihnen das SMWK untersagt. Gleichzeitig hat das Sächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur der Stadt Radebeul die Pistole auf die Brust gesetzt: Wenn sie nicht als Gesellschafter in eine neu zu gründende gGmbh einträte, würde der Spielbetrieb der LBS ab kommenden Sommer 2011 eingestellt. Die grandiose Kommunikationsleistung, die die gegenwärtige Staatsregierung im Rahmen der Steuermehreinnahmen und der angekündigten Kürzungen im Umgang mit ihren Untertanen pflegt, setzt sich damit bruchlos fort.

Die Oldtimerparade der Rockmusik fand am Wochenende im Haus Auensee ihre Fortsetzung. Die Orchestral Monoeuvres in the Dark, die zu den "stilprägenden Ikonen der 80er Jahre" gehörten, haben sich nach 20-jährger Pause wieder "hochenergetisch und formvollendet - der Bryan Ferry des Synthpop" präsentiert. Sie öffneten das "Füllhorn ihrer Hits" u.a. mit dem "wahrscheinlich schönsten langsamen Walzer der Popgeschichte, Maid of Orleans". Mit diesem "ästhetischen Gegenentwurf zum Punk" hätten sie seinerzeit "den Wohnberechtigungsschein im Olymp" erworben, wie Lars Schmidt schreibt.

Unter dem etwas angestrengt klingenden Titel "Gut zum Druck" fand das erste Autoren- und Verlagsfest im Haus des Buches statt. Der sächsische Kulturrat wollte in Erinnerung an große Zeiten Leipzigs als Verlagsstadt die vielen neuen kleinen sächsischen Verlage präsentieren. Leider hat dies das Publikum in eher geringerem Ausmaß interessiert. Aber immerhin war Freifrau von Schorlemer, Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, anwesend, den Preisträger des Literaturförderpreises ihres Ministeriums zu loben. Dies tat die augenscheinlich mit der Kunst fremdelnde Ministerin in betont nüchternen Worten. Mit dem Preisträger wurde zudem bruchlos an bessere Zeiten angeknüpft, denn der Förderpreis ging an den bereits über 50-jährigen Dresdner Jens Wonneberger. Aber auch sonst redete man auf diesem Fest, wie Theresa Wiedemann schrieb, im Gespräch gerne aneinander vorbei.

Neben seinem euphorischen Werbeblock (zum Benefiz) hat sich Peter Korfmacher in einem weiteren Artikel etwas ungnädiger dargestellt. Die "vereinigten Sinfonieorchester der Musikschulen Leipzigs und Zürichs" hatten mit ihrem Konzert den Meister nicht erfreuen können. Für beide Dirigenten, Ron-Dirk Entleutner und Peter Walser, und ihre Orchester wären die Anforderungen ihrer ausgewählten Werke offensichtlich zu groß gewesen, sie selbst hätten sich - so bei Beethoven-Ouvertüren oder Griegs "Peer-Gynt-Suite" - "populären Irrtümern" hingegeben: Schweres durch Langsamkeit leichter zu gestalten und so die Werke glatt unterschätzt. Angemessener wären den jugendlichen Spielern "krachende Showstücke" wie Mussorgskys "Nacht auf dem kahlen Berge", in deren Hexenküche von Tönen man über ein paar falsch gesetzte schon mal "Schwamm drüber" sagen könne. Wenn nicht ohnehin schon "mangelnde Sorgfalt aufs Stimmen" der Instrumente verwendet worden sei.