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Freitag, 7. Januar 2011

lvz kultur vom 7.1.11: Wenn die Rose i-a sagt. Yello, ngrams, Twain, Leuze

Yello machen elektronische Musik. Und zwar verdammt gut. Aber sie folgen keinem Businessplan. Arbeiten ohne Projektmanagement. Sogar im Gegenteil, meint Jochen Overbeck. Dennoch müssen sich Blank/Meier den Erfolg vom Leib halten. Zehn Jahre, bevor es Yello gab, machte Dandy Dieter Meier Konzeptkunst. Fing an, dazu zu singen. Boris Blank, der stille Techniker, frickelte derweil an Elektrosounds, über die plötzlich Meier anfing, seinen Wortgesang zu legen. Sehr zum Unwillen des anderen Querkopfs. Doch ohne Gesang keine Platte; pure Erpressung. Also gab es in den Siebzigern eine "Arranged Marriage". 1980 fand die Musik den Weg nach Amerika. Und wurde zu Gold. "Der alte Affe Erfolg saß dem Duo seit jenen Tagen stets auf der Schulter." Doch die beiden Künstler lassen sich nicht korrumpieren. Wenn sie anfangen, eine Rose zu malen, kann daraus plötzlich ein Esel werden. Ob die Rose bei Yello dann auch i-a singt, steht demnächst in der lvz.

In einem sporadisch ironischen Artikel von Gerhard Weinreich wird die neue Google-Suchmaschine Ngrams vorgestellt. Angeblich sei sie ein Barometer für gesellschaftliche Tendenzen, was auch immer das ist. Vier Worte, Liebe, Freiheit, Mann und Frau werden untersucht. Anhand derer wird demonstriert, zu welchen "tiefen Erkenntnisgewinnen" die neueste Google-Such-Maschine in der Lage ist. Wenn das Wörtchen "Liebe" zu Zeiten der Romantik und immer just nach Weltkriegen viermal häufiger erwähnt wird als heute, wird aus der Tatsache ein zeitgenössisches "Jammertal". Wenn das Wörtchen "Frau" zwischen 1848 und heute fünfmal häufiger in Büchern vorkommt als heute, und - horrible dictu - "Mann" immer weniger, wird augenzwinkernd das Matriarchat ausgerufen. Für Weinreich ist das nichts als amüsante Spielerei, der man sich mit dem neuen Programm widmen könne. Für die hat Google 15 Mio. Bücher digitalisiert und analysiert. Dabei steht der von haufenweise Wissenschaftlern begleitete Spaß doch auf tönernen Füßen. Nach einem Krieg, in dem alles Metall, dessen man habhaft werden konnte, verbraucht wurde, wundert sich auch niemand, dass in den 10 Jahren nach dem Krieg weniger Metall- als Holzskulpturen geschaffen werden. Und dass mit der Ausweitung der Vertreibswege für Bücher und Zeitschriften, geschweige der elektronischen Medien, mehr und auch ganz andere Menschen Bücher und Texte veröffentlichen, als vor zweihundert Jahren und demzufolge die romantische Liebe und die politische Freiheit als Themen ganz einfach stärkere Konkurrenz bekommen, ist nicht abwegig. Sagt das etwas über den gesellschaftlichen Stellenwert der Liebe? Der Freiheit? Garnichts. Außer, dass die industrielle Revolution die Fans der Modelleisenbahn mehr werden lassen.

Eine N-Täuschung erlebte Janina Fleischer laut ihrer Glosse "ausgepresst" angesichts Mark Twains jüngst veröffentlichter Memoiren, die 100 Jahre nach seinem Tod erscheinen durften. Twains Worte, dass er testamentarisch eine Veröffentlichung so lange untersagt habe, um "frei reden zu können", ohne Angehörige oder Freunde in Erklärungsnöte zu bringen, erweisen sich als Makulatur. Denn die zeitgleich erfolgte, jüngste Neuübersetzung von Mark Twains "Tom Sawyer" und "Huckleberry Finn", der kulturellen Ursuppe der amerikanischen Zivilisation, hat mehr als nur einen Schönheitsfehler. In ihnen dürfen die Worte "Nigger" und "Injun", das entsprechend pejorative Wort für indianische Eingeborene, nicht vorkommen. Der ganze Quatsch einer dumm gewordenen "political correctness" findet sich in dieser Entscheidung wieder. So stark die rosarote Brille des irischen Bischofs James Ussher war, der die Entstehung der Erde auf 4004 v. Chr. festgelegt hat, und die der amerikanischen Kreationisten, die sie auf ca. 10.000 v. Chr. datierten, so wenig sind die Herausgeber Twains in der Lage, Fiktion von Realität sinnfällig voneinander zu scheiden. Jemand, der nicht lesen kann, warum "Nigger" der einzig richtige Ausdruck in dem Roman war, um ihm eine Wahrheit über die Wirklichkeit seiner Zeit zu verleihen, mag glauben, dass eine Welt, in der "Nigger" nicht vorkommt, eine bessere Welt ist. Sie ist leider nur eine dümmere. Denn ohne die Chance zu begreifen, wieso das Wort "Nigger" von ihren Verwendern rassistisch gemeint ist, ist das Tabu wertlos. So wie im biblischen Hohelied das Lob Gottes in erotischen Texten formuliert wurde, ist auch ein Liebesgedicht allein mit Worten der Fäkalsprache möglich und ebenso ein menschenfreundlicher Text, in dem das Wort "Nigger" 219-mal vorkommt.
Warum aber Janina Fleischer, die diesen ganzen Zusammenhang in wenigen Worten analysiert, Mark Twain als angenommenen zeitgenössischen Blogschreiber vorschiebt, um überhaupt Stellung zu der Verstümmelung seiner Bücher zu beziehen, ist leider nicht einsichtig, Die eigene Intelligenz und Leidenschaft unter den Scheffel zu stellen, zieht postwendend Feigheit nach sich.

Würg kotz schleim. Muss man zu Wolfram Leutze noch etwas sagen? Ein Tiefpunkt politischer Auseinandersetzung ist Leuzes Stellungnahme zur Kultur in Leipzig, wie ihn Ulrich Milde wiedergibt. Die Argumente contra Faber werden nicht substanzvoller, wenn Leuze zum wiederholten Mal angibt, "Faber sei nach anderthalbjähriger Amtszeit nicht in seinem Amt angekommen" und "stochere mit der Stange im schöngeistigen Nebel". Diese wahrhaft nebulösen Anschuldigung sind die eigentliche und permanente Beleidigung des Michael Faber. Und eine Bankrotterklärung politischer Argumentation. Von Opportunismus und Schleimerei ganz zu schweigen. Für diesen Befund muss man nicht einmal ein ausgewiesener Faberfreund sein. Zumal Leuze wenige Sätze später seine Eloge auf Hoch- und freie Kultur mit der "Qualität" der "Politik des Rathauses" in Zusammenhang bringt, allerdings zu Ungunsten des Rathauses. Will Leuze jetzt Jung mit abwählen? Der ist schon länger für die Malaise der Kulturpolitik mitzuständig als Faber. Übrigens auch Herr Leuze selbst! Dass nebenbei die Freie Szene zur vielfältigsten und buntesten in der Republik gekürt wird, zeugt vor allem von Unkenntnis, aber auch von fragwürdigen Maßstäben. Die Stadt muss sicher nicht jeden Farbtopf subventionieren, der im Regal steht. Dass Leuze Selbstkritik am liebsten als degoutant und defaitistisch schmähen möchte, mag man ihm gerne glauben. So viel hohles Schwätzertum, wie Milde allein in diesem einen Artikel aus dem Mund Leuzes zitiert, geht wirklich auf keine Kuhhaut. Ganz egal, ob er "nachfolgende Generationen" gegen alles und jeden ins Feld führt, die "Vision einer Gesellschaft in Solidarität, in der einer für den anderen mit sorgt" herbeischleimt uswusf. Leuze erinnert eher an Reineke Fuchs, der König Nobel einlullt, um ungeschoren seine niederen, dafür ehrlichen und mordlüsternen Triebe ausleben zu können.

Mittwoch, 5. Januar 2011

lvz kultur vom 5.1.11: Strittmatter, Brendel, Hübsch & Altenbourg

Beim Granatapfel ist das harte Innere des Fruchtkerns erst zu spüren, wenn das intensiv rote, herb-süße seines Mantels bereits wie Brause im Mund spritzt. Janina Fleischer schreibt einen Nachruf auf die mit 80 Jahren verstorbene Dichterin Eva Strittmatter. Ihre Lyrik transportiere immer auch "Trauer, Leiden, Schmerz", ihre Verse spenden dennoch Trost. Für die Strittmatter gehörte immer auch Hass zur Liebe, Zweifel zur Hoffnung und Zögern zum Mut, so Fleischer, aber gerade das machte sie zu einer der meistgelesenen Dichterinnen überhaupt. Ihre so rhythmischen, klaren Verse klingen zwar oft schöner, als sie sind, und auch ihre mitunter spröd-poetische Kathederweisheit scheint mir tragfähiger als sie ist. Janina Fleischer weiß, wie schonungslos die Dichterin sich selbst gegenüber sein konnte. Erst im Schreiben selbst empfand sie eine Leichtigkeit, die sie mit ihrem Leben versöhnte. Wie sehr sie an sich, und vielleicht auch an ihrer Liebe litt, klingt in der Sehnsucht an, die sie zum Schreiben drängt, diesem "Außer-sich-Sein, wenn ich mich sozusagen in meine Geheimwelt versetze." Dann weiß sie, dass sie "leuchten werde", Schatten werfen wird. Nicht vergehen. Janina Fleischer: "Sie wird fehlen. Ihre Worte bleiben."

Einem anderen 80-jährigen gibt Gerald Felber die Ehre: Alfred Brendel. Der "Klavierphilosoph", der vor zwei Jahren seinen Rückzug aus dem Konzertleben bekanntgab, sei kein Handwerker der schwarz-weißen Tasten, deren superperfekte, aber leere Hülle (á la Lang Lang u.a.) auch ohne Kenntnis dessen funktioniere, was man eigentlich spiele. Brendel sei immer auf der Höhe der Komponisten gewesen. Seine Gedankentiefe war wiederum so empfindlich, dass er bei Livekonzerten von einem Publikum, das ihm "keine adäquate Resonanz" gäbe, ungut beeinflusst worden sei. Ähnlich Glenn Goulds hätte er sein Bestes daher vielleicht im Studio geleistet.

Der vor über dreißig Jahren zum Islam konvertierte Apo-Aktivist, Kommune 1-Mitglied und Autor von über 100 Gedichtbänden, Aufsätzen und Hörspielen, Hadayatullah Hübsch, bürgerlich Paul Gerhardt Hübsch, ist an einem Herzinfarkt gestorben. 1991 veröffentlichte Hübsch, der lange Drogen nahm, den autobiografischen Bericht "Keine Zeit für Trips." Noch fast 40 Jahre nach seinem letzten Trip hat er akustische Halluzinationen und Bildwanderungen erlebt. In einer Frankfurter Moschee war er als Imam verantwortlich für die Freitagsgebete.

Das Lindenau-Museum Altenburg hat den dritten Band eines opulenten Werkverzeichnisses des 1989 verstorbenen Gerhard Altenbourg erscheinen lassen. Meinhard Michael schreibt, Altenbourg "verwob Kostbarkeit, Poesie, Sorgsamkeit und Gespür, Egomanie, Ironie, ein einfühlendes Schweben im Universum, in den Mythen mit der eigenen Existenz." Annegret Janda hat tausende Werke geordnet und kommentiert, auf 1510 Seiten gibt der Band über 5000 Abbildungen wieder. Museumsdirektorin Jutta Penndorf möchte, trotz der monumentalen, gerade fertiggestellten Prachtausgabe, gerne auch die Texte, Bildtitel und Notizen des phasenweise in großer Zurückgezogenheit arbeitenden Künstlers in einer eigenen Edition aufgearbeitet wissen. Einer seiner Bildtexte hieß: "Seh ich deine Hüfte blühen, ergreift mich unausdenkbar holde Mürbigkeit." Eine umfangreiche Ausstellung mit Werken Altenbourgs, darunter Holzschnitte und Lithographien zu Johannes Bobrowski, ist derzeit noch bis Ende Januar im Lindenau-Museum zu sehen, das auch seiner prachtvollen, weltweit einzigartigen Präraffaelitensammlung wegen unbedingt einen Besuch wert ist.

Über eine Ausstellung mit Werken Joachim Böttchers im Leonhardi-Museum Dresden schreibt Heinz Weißflog. Seinen faszinierenden Werken gibt Böttcher eine "eigene Vorstellung von Form: Die Zeichnung erzählt nicht und man kann sich ihr auch nicht meditierend nähern. Sie bildet eine eigene Aussage, die jenseits des Vorstellbaren und Deutbaren liegt." Zeichnungen, Gemälde und Skulpturen sind zu sehen, eine der wesentlichsten sei ein "großer Block aus schwarzem Manganton ("Torso")", für den der Künstler den Brandenburgischen Kunstpreis 2010 erhalten habe. Weißflog begeistert: "Böttchers Werk übertrifft mit seiner komplexen und sehr subjektiven Ausdrucksweise viele Modernismen des Mainstreams auf wohltuende Weise."

Und Theresa Wiedemann schreibt über ein ganz andersgeartete unkonventionelle und zunehmend erfolgreiche Galerie, die gleichzeitig Atelier, Plattenlabel und Wohnung für Julius Vogelsberg und Georg Weißbach ist: das Lindenauer Ortloff in der Leipziger Jahnallee, Ecke Zschochersche Straße. Auf typisch Linenausch betreiben die Künstler ihren "Spielraum", in dem sie "einfach unser Ding machen" wollen, ohne Marketing, allein über die Mund-zu-Mund-Propaganda. Allerdings sind sie dem Netzwerk unabhängiger Kunsträume" beigetreten, die den halbjährlichen "lindenow"-Rundgang veranstaltet.

Dienstag, 4. Januar 2011

lvz kultur vom 4.1.11: Suter & die Oper, Intendantenkarussell & Moses Mendelssohn

Martin Suters Romane sind Bestseller. Sie geben der herrschenden Dekadenz, besser gesagt, den besseren Kreisen, ein Bild. Und im jüngsten seiner Romane, "Allmen und die Libellen", ist der Protagonist gar die personifizierte Finanzkrise. Ein Millionär, wurscht, ob in roten oder schwarzen Zahlen, der seine genialsten Ideen dabei bekommt, seinen Bankrott noch etwas hinauszuzögern. Janina Fleischer garantiert einen unterhaltsamen Gesellschaftsroman. Keinen Krimi, wie von Suter versprochen. Dafür "der Untergang des Abendlands in schillerndem Licht." Die Oper Leipzig sollte den Roman seiner Marketingabteilung zur Pflicht machen, wenn sie ihn nicht ohnehin schon gelesen hat. Nicht nur, weil gezeigt wird, wie mit einem Minus umzugehen ist, sondern, weil auch hier vornehm die Welt zugrunde geht: Das letzte, auf das bei Suter der Held in seinem Leben zu verzichten bereit ist, ist das Opern-Premierenabonnement. "Erst, wer sich das nicht mehr leisten kann, ist wirklich pleite." Vielleicht kann sich das Opern-Marketing das Buch ja in der Stadtbibliothek Leipzig ausleihen, wenn Herr von Maravics keinen Anschaffungsetat mehr genehmigt. Es sei denn, OBM Jung hat Michael Faber angeordnet, den jüngsten Suter-Bestsellers aus dem Buchbestand der Stadtbibliothek (für die ist Faber weiterhin zuständig!) entfernen zu lassen. Dienstanweisung. Aus übergeordneten Gesichtspunkten. Wegen Nachahmungseffekten.

Auch dem Theater Gera-Altenburg, zumindest Matthias Oldag, ist die Lektüre des Suter-Romans zu empfehlen. Laut Landrat Sieghardt Rydzewski "ist die Insolvenz des Hauses längst nicht abgewendet." Rydzewski, der laut dpa droht, dass, wenn am gegenwärtigen Intendanten Oldag festgehalten werde, würde das Altenburger Land seine Zuschüsse kürzen. Tja, und wenn die Gesellschafter nicht sämtlich zahlen, wird das auch das Land Thüringen nicht tun. Keine guten Aussichten. Wie wärs mit der Uraufführung der Dramatisierung des Suter-Romans/Krimis? Damit kann Oldag die Insolvenz vielleicht noch etwas hinausschieben?

Oder er bewirbt sich gleich bei den Landesbühnen Sachsen. Seitdem Intendant Christian Schmidt deutlich gemacht hat, dass er die vom Land diktierte Umwandlung in eine GmbH nicht mitmachen wird, ist die Intendanz neu ausgeschrieben worden. Und wenn Oldag nicht will, vielleicht kann Chefdramaturg Karl-Hans Möller ja ein gutes Wort für seinen ehemaligen Chemnitzer Chef Rolf Stiska einlegen? Der hat ja schon zwei Jahre Erfahrung (einschließlich drohender Insolvenz) mit einer GmbH an der TOO Halle/Saale. Nur schade, dass die Landesbühnen Sachsen kein Kinder- und Jugendtheater haben, das als fünftes Rad am Wagen schon mal prophylaktisch abgeschraubt werden kann.

Peter Korfmacher macht sich in ausgepresst moderat lustig über den Klimarealismus der Evangelischen Kirche. Lächerliche 1 Mio Tonnen CO² sollen die Mitglieder der Mitteldeutschen Evangelischen einsparen. Macht summa summarum laut kfm 15,5 Auto-km für jedes Kirchenmitglied. Bis 2. Oktober! Ehrlich, da springt ja noch nicht mal der Kilometerzähler an. Aber! Korfmacher hat - schlau schlau - bereits begriffen, dass nicht CO², sondern CH4 das Elend in die Welt bringt. Methan! Die Bösen sind die Rinder! Ackerbau und Viehzucht! Müllfäulnis! Will kfm das Freitagsfasten wieder einführen? Hat er bereits mit seiner lvz Kantine gesprochen? Was sagt Holger Zastrow dazu, Intimfreund des chefredakteurs Hilder und Intimfeind der Evangelischen Kirche? Kein fasten? Was nun? Da bleibt Korfmacher wirklich nur, Vegetarier zu werden, leidenschaftlich in der lvz für das Gute in der Welt zu fechten und ein Vöner-Abonnement in Plagwitzs Vleischerei zu bestellen.

Ulf Heise schreibt über den "Luther der Juden", Moses Mendelssohn. Der aufgeklärte Jude, der vor 225 Jahren gestorben ist, war es, durch den eine neue Ära in Deutschland eingeleitet wurde und die jüdischen Mitbürger in Deutschland "das Ghetto verließen, in die europäische Kultur eintraten und eine Kultur- und Sozialgeschichte begründeten." Der sanfte Geistesriese, der Ende des 18. Jahrhunderts auch von dem französischen Revolutionär Graf Mirabeau verehrt wurde, sei ein Mann "mit einem schwächlichen und sogar kränklichen Körper" gewesen. Ein solcher Geist in einem solchen Körper - das bedeutete für die Nazis aus vielerlei Gründen schlicht Hochverrat. Doch auch die Preußische Akademie der Wissenschaften war noch nicht reif für die jüdische Emanzipation. Sie vereweigerte Mendelssohn, auf Intervention Friedrich II., die Aufnahme.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

lvz kultur vom 8.12.10: Marc und Klee, Mailänder Scala & Kultur(raum)

Der religiöse, kriegsbegeisterte Franz Marc und der Pazifist Ernst Klee führten von 1912 bis 1916 "eine Postkartenverbindung". Ihre Frauen beschrieben, sie bemalten die Karten. Heute sind sie Mittelpunkt einer Ausstellung in der Moritzburg Halle, die Meinhard Michael durch ihre "Intensität überzeugen" konnte. Während Marc seinem Kartenfreund "ausgereifte Kompositionen in strahlenden Grundfarben schickte", antwortete Klee "überwiegend mit zerschnittenen kleinen Kritzeleien." In Marcs kleinem Postkartenkosmos zeigen sich gleichwohl die "Schwingen" einer "Natur, aus deren Ordnung der Mensch vertrieben worden" sei, während der introvertiertere Klee "musikalische Strukturen als Ausgang für die Bildkunst" erprobte. Marcs Emotionalität und Klees analytische Kraft waren dennoch auf ein ähnliches Ziel gerichtet: Die Suche nach dem unverfälschten Ausdruck.
Marc, der sich vom Krieg ähnlich Ernst Jünger eine "Reinigung der verderbten alten Welt" versprach, aus der es "keinen anderen Durchgang zur Welt des Geistes" gebe, überlebte den Krieg nicht, er starb 1916 in Verdun. Ein großes, bedeutendes Werk Franz Marcs ("Tierschicksale") aus dem Jahr 1913, das 1919 bei einem Brand teilweise zerstört wurde und von Ernst Klee restauriert, aber bewusst mit einem "sichtbaren Riss" versehen wurde, gehörte bis 1937 der Moritzburg. Dieses abwesende, heute gefährdete und transportunfähige Bild bilde in einer "imaginären Anwesenheit" den "Anker" der sehenswerten hallenser Ausstellung.


In ihrer "ausgepresst"-Glosse nimmt sich Janina Fleischer der von Zukunftsforscher Matthias Horx beschriebenen "Skandalokratie" an, die "die Tendenz habe, das feine Gewebe von Debatte, Verständnis, Widerspruchsrecht, Kompromiss und Diskurs in Deutschland zu zerstören." Leider verliert die lvz redakteurin auf den letzten Zeilenmetern ihre Klarheit, wenn sie die "Abgründe der Zivilisation" in der Bedeutungsverschiebung des Begriffs "Sensation" entdeckt, die HGB-Philosoph Christoph Türke postuliert. Von der x-beliebigen Empfindung hin zur Wahrnehmung des Außergewöhnlichen, des Aufsehen Erregenden. Die finde sich in der permanenten Talkshow namens Öffentlichkeit, dem "einig Laberland", in dem "Gerede, Gerede, Gerede" und "Geschrei, Geschrei, Geschrei" dominiere.


Die vier lvz redakteurinnen Yvonne Gabriel, Vera Wolfskämp, Claudia Schittekopp und Barbara Kreuzer bringen den derzeitigen Stand des Vorhabens und der Diskussion zur Novellierung des Kulturraumgesetzes zu Papier. Das Nadelöhr der Neuordnung, auch der Struktur der Landesbühnen Sachsen selbst, liegt in dem massiven Druck auf die Stadt Radebeul, ab 2011 300.000 € Finanzierungsanteil an die Landesbühnen überweisen zu sollen. Schaffe sie das nicht, gingen im Sommer 2011 die Lichter im Theater ohnehin aus. Schaffe sie es, sollen die LBS gänzlich neu ausgerichtet werden. Weg vom heimlichen Stadttheater Radebeuls und Rathens, hin zu einem "Reisetheater" mindestens für die fünf ländlichen Kulturräume. Warum dann ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, wenn die LBS endlich zu einer Institution für den gesamten Freistaat, zu einer echten Landesbühne, werden sollen, das Theater aus der Verantwortung des Landes herausgenommen werden soll, bleibt in der Argumentation ihrer Verfechter ein Rätsel.
Pläne für milliardenschwere "Investitionen in Neubau und Erweiterung staatlicher Kultureinrichtungen" liegen allerdings bereit, auch die Tarifsteigerungen an den Dresdner Einrichtungen Semperoper und Staatskapelle sollen bezahlt werden. Die Zusammenhänge zwischen Kürzungen und benötigten Mitteln für Dresden sind deutlich, auch wenn sie geleugnet werden. Doch die Messen seien gesungen, betont Karl-Heinz Gerstenberg, kulturpolitischer Sprecher der Grünen, die Entscheidung sei bereits gefallen. Leipzigs OBM Jung, der vor wenigen Wochen den Mund garnicht voll genug nehmen konnte, die Kürzungen der Zuschüsse für die Kulturräume zu verhindern, ein Rechtsgutachten aufsetzen ließ und Kulturbürgermeister Faber spektakulär geopfert hat, ist nur noch kleinlaut.


Vielleicht nehmen die Opern- und anderen Kulturfreunde sich ja die Fans der Mailänder Scala zum Vorbild. Aus Anlass ebenfalls drastischer Einsparungen in den Kulturhaushalt hat die Polizei Hunderte von Demonstranten mit Schlagstöcken auseinandertreiben lassen. Die wehrte sich daraufhin mit Feuerwerkskörpern.

Argumente sind genug gewechselt, "lasst uns nun endlich Taten sehen." Bei der Zuschauerkonferenz im Centraltheater wurden laut Steffen Georgi nicht mehr als erwartbare Statements ausgetauscht. CDU-Stadtrat Stephan Billig erhielt sogar Lorbeeren, weil er mit seinem "Vorstoß" einer Zusammenlegung aller Häuser unter einen Kaufmännischen Geschäftsführer eine "Diskussion wieder in Gang gesetzt habe". Wo diese Diskussion tatsächlich stattfindet, ob öffentlich oder nur im verschlossenen Kämmerlein, soll doch jemand mal sagen.
In der lvz bisher jedenfalls nicht.


CDU-Landtagsabgeordneter Oliver Fritzsche will laut Interview mit Mathias Wöbking dem Kulturraumgesetz trotz augenscheinlicher Wissenslücken zum Thema zustimmen. "Der Erhalt der Landesbühnen Sachsen soll langfristig die darstellenden Bühnenkunst gerade in den ländlichen Kulturräumen sichern", meint er und unterschlägt die offensichtliche Not der Kommunen, die zusätzlichen Belastungen, die für die Kommunen aus der Kürzung der Zuschüsse entstehen, die vollendete Unverfrorenheit Dresdens, diese Kürzungen bereits ab 2011 wirksam werden zu lassen und die Konkurrenz der LBS zu anderen, stehenden Theatern der Kulturräume. Ebenso sieht es mit dem Westsächsischen Symphonieorchester aus, deren Bezuschussung Oliver Fritzsche gegen Kulturraumgeldern für die Leipziger Leuchttürme ausspielen möchte. Doch zuallererst erhält der Kulturraum Leipziger Land weniger Gelder und muss daher zur Zeit die Schließung des Orchesters diskutieren, das bereits seit 13 Jahren keine Gehaltsanpassung erhalten hat und deren Musiker 35% unter dem gültigen Tarif arbeiten (Hans-Ulrich Zschoch). Das Orchester steht also in Konkurrenz zu den LBS, die von den gekürzten Kulturräumengeldern z.B. für das Westsächsiche Symphonieorchester profitieren sollen.
Auch der Verweis auf den Löwenanteil an den Kulturraumgeldern, die Leipzig zukommen, ist eine Verhöhnung der Stadt, denn Dresdens Kultur braucht so gut wie garnicht aus den Kulturraumgeldern bezahlt werden, für die ohnehin das Land aufkommt, in weit größerer Höhe als für Leipzig! Usw. Leider ist in dem festen Frageschema des Interviews kein Raum, offensichtlich einseitige oder dezidiert falsche Informationen zu hinterfragen.


Karat rockt das Gewandhaus, Norbert Wehrstedt freut sich an drei Stunden Karatsound, "Romantik verschnitten mit Rauheit, aber immer Poet bleiben." Allein das Aufmotzen der Nummern durch Soli funktioniere nicht, langweile eher. Das Internationale Literaturfestival Berlin hat wenige Tage vor der Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo, dessen Verleihung 18 Nationen auf Druck aus China fernbleiben, für den 20.März zu umfassenden Lesungen der "Charta 08" für Demokratie und Menschenrechte sowie Lius Gedichten aufgerufen. Außenminister Guido Westerwelle hat im Palais des Deutschen Botschafters in Paris eine Schau mit drei Bildern Neo Rauchs eröffnet, sie soll "Rauch auch in den französischen Kunstkreisen zum Durchbruch verhelfen." Wirtschaftsförderung der anderen Art. Das 1. Science-Slam im Horns Erben krankte laut Mark Daniel an Unpünktlichkeit der Zuschauer, Qualitätsmängeln der Teilnehmer, der Nicht-Gültigkeit der Regeln für alle Teilnehmer, schlechter Organisation der Abstimmung durch das Publikum und an der Gestaltung des Finales. Sonst wars klasse, wie meistens in der freien Szene. Beim Werkstatt-Festival im Lofft wünscht sich Steffen Georgi mehr einfache Verständigung darüber, "was zu tun ist: die Geschichte erzählen, die man erzählen will. Und seien es welche vom Scheitern." Was also offensichtlich nicht immer gelingt.

Dienstag, 7. Dezember 2010

lvz kultur vom 7.12.10: Georgette Dee, Tiepelmann, Bär und Krumbiegel & Kultur(raum)

Als nordeutsche Kassandra und keltische Priesterin begeisterte Georgette Dee im Leipziger Centraltheater das "kichernde, jauchzende, tobende" Publikum. Und während sie der Wodka "Schluck für Schluck in die Gegenwart" spült, übt sich die Sängerin im "Altwerden". Zunehmend derangiert, bleiben bekanntlich die Erinnerungen nicht aus, und was Dee nach Meinung von Janina Fleischer dabei vollführt, sei pure "Vergangenheitsüberwältigung". Während derer sie sich, anfangs mit aufwändiger Robe bekleidet, Schritt für Schritt ins "Desolatöse" verabschiedet. Den dunklen Ton hat sie - poetisch, sinnlich, ironisch - und ihr Begleiter Terry Truck schon im Titel des Abends "Lieben Sie Brahms?" angestimmt. In einer Reise entlang wechselnder Städte erlebt sie "Stationen der Illusion, Lust, Depression. Himmel und Helden. Leiden und Liebe." Fleischer bilanziert, "Altwerden kann recht erfüllend sein, solange die Illusionen von gestern sind. Nach Stunden, die wie im Sturzflug vergehen" und nach denen die Sängerin Paula Modersohn-Beckers letztes Wort beweint: "Schade".

Einen Tag nach dem Unfall bei der Show "Wetten, dass..." mit den wild durch die Gegend assoziierenden Kommentaren setzt bereits die Verselbstständigungsmaschine des Fernsehens ein. "Weitermachen, aber rückhaltlos aufklären", ist der Tenor, der vor allem neue Berichte nach sich ziehen wird. Am obszönsten die hemmungslos weiterlaufende Medienmaschinerie bedienend tat sich bisher SPD-Medienexperte Marc Jan Eumann hervor, der eine Gaffer-Sondersendung "zur Aufarbeitung des Unfalls" vorschlägt: "Ich würde es begrüßen, wenn dieses Unglück im Programm selbst kritisch reflektiert würde", sagte Eumann. Bevor es ein anderer Sender macht.

Der Leipziger Maler Johannes Tiepelmann stellt in der Lindenauer Galerie Potemka in der Aurelienstraße 41 noch bis zum 18. Dezember unter dem Titel "Allerseelen" aktuelle Werke aus. Katrin Tominski vergleicht zunächst die Erscheinung des Malers mit seinen Bildern: "zerbrechlich und kraftvoll zugleich." Die Bilder seien eine "Hommage an die Seele" und bei aller Traurigkeit sei "die Hoffnung immer da." Wenn nicht in Motiv oder Komposition, dann wenigstens in ihrer Farbigkeit. Die Bilder in seinem Atelier in der Baumwollspinnerei entstünden gänzlich "ungeplant. Affektiv"; was Farben und Formen bedeuten, wolle er nicht erklären, "das ist einfach ein Gefühl." Fröhlicher stimmt Tiepelmann, wenn Malerkollege Tilo Baumgärtel ihre Wirkung mit einem "Karate-Kick" vergleicht. Auch Galeristin Lu Potemka begründet, warum die Bilder des stets figürlich malenden Tiepelmann ("Ich träume doch nicht abstrakt!") sie so ansprechen: "weil sie emotional sind - weil sie knallen." Gelernt hatte Tiepelmann bei Arno Rink und Neo Rauch.

Während sein Tatort in der ARD lief, trat Dietmar Bär alias Freddy Schenk im Theater der Jungen Welt zur Edgar Allan Poe-Lesung an und sorgte gemeinsam mit "Prinz" Sebastian Krumbiegel am Flügel als "schaurig-starkes Duo" für Gänsehaut. Magdalena Fröhlich formuliert angetan: "Humorvoll-schaurig lässt er das Publikum am Mord an einem alten Mann teilhaben, stiert mit seinen Augen, als wären es die grau verschleierten von Poes Geier, kontrolliert mit seiner Intonation den Pulsschlag in den Zuschauerreihen." Wie in einer effektsicheren Inszenierung des Hausherrn Jürgen Zielinski fliegt am Anschlag des Grauens - eine Fledermaus über die Köpfe der Zuschauer hinweg ins Dunkel. Am Rande: Dietmar Bär war bereits "Pate", seit Sonntag ist auch Sebastian Krumbiegel Botschafter und Fürsprecher des Leipziger Jugendtheaters.

In der Interviewreihe zur Novellierung des Kulturraumgesetzes beantwortet heute Volker Külow (Die Linke) die Fragen von Mathias Wöbking. Külow sieht in der beabsichtigten Teilfinanzierung der Landesbühnen Sachsen aus Kulturraumgeldern "den kulturpolitischen Sündenfall", der "die Axt an das Kulturraumgesetz" lege. Für die Linke sei "der neoliberale Kürzungswahn" ohnehin ungerechtfertigt und ungerecht und treffe Leipzig "mit besonderer Härte", zumal auch noch die "Kürzung der Landesmittel für Musikschulen" hinzukämen. Es sei "definitiv genug Geld da, sowohl Soziales und Bildung, als auch Kultur als eine erklärte Kernkompetenz ausreichend mit Finanzen auszustatten."

Tatjana Böhme-Mehner berichtet über ein Weihnachtsoratorium in der Thomaskirche, in einem "zeitgemäßen Verständnis von historischer Aufführungspraxis" aufgeführt durch die "mehr als einen Geheimtipp" darstellenden Leipziger Vocalensemble und Leipziger Barockorchester. Vom Gewandhaus-Bläserquintett und dem Reinhold-Quartett, zwei Kammermusikensembles im Gewandhaus, schwärmt Anja Jaskowski. Insbesondere "Flötistin Katalin Stefula setzt mit ihren Triolenbewegungen gegen den Rest des Ensembles leuchtende Akzente." Tom Pauls und die Elblandphilharmonie begeistern Jennifer Hochhaus und das Publikum, ebenfalls im Gewandhaus, mit ihrer Lesung von Charles Dickens Weihnachtsgeschichte samt Orchesterbegleitung so sehr, dass der gesamte Saal zum Abschluss noch Weihnachtslieder sang. Und im Werk II siegte bei der nationalen Endausscheidung der Versionale - Sommernachtsträume in 18 Minuten - die Aufführung des Dresdner Regisseurs Jan Gehler, der laut Janna Kagerer eine "herrlich komische Version" mit wortkargem Beziehungschaos und Dosenbier-Synchrontrinken rund ums Campingzelt im Wald inszenierte.

Samstag, 20. November 2010

lvz kultur vom 20.11.10: Tolstoi, Katja Ebstein & die Zaubershow des Stefan Billig

Ist die Zeit gekommen für eine Neuentdeckung des rigorosen Moralisten und Gesellschaftskritikers Lew Tolstoi? Weit über 50 Jahre nach seinem Erscheinen (!) veröffentlicht der Aufbau-Verlag, im Blick den 100. Todestag von Lew Tolstoi, unter dem Titel "Entlasse mich aus deinem Herzen" Aufzeichnungen des russischen Pianisten, Komponisten und Tolstoi-Vertrauten Alexander Goldenweiser, neu ins Deutsche übersetzt. Es geht um Tolstois Streit mit seiner Frau, Vorwürfe und Kränkungen, seinen Tod, die Konflikte um das Erbe. In ihrem Bericht gibt Janina Fleischer ein gutes Beispiel dafür ab, wie das Interesse an einem radikalen und unbestritten genialen Romancier heute zu erwecken ist: Durch Klatsch und Tratsch. Denn dass Goldenweisers Aufzeichnungen - Fleischer verschweigt übrigens den Namen des Übersetzers - durch seine Verehrung für Tolstoi stark gefärbt und von Unparteilichkeit weit entfernt sind, ist ihr klar. "Wer mit Tolstoi war, der war gegen die Tolstaja", schreibt Fleischer. Und versucht, wenigstens als kritische Leserin der biografische Züge besitzenden "Kreutzersonate" von Tolstoi und der literarischen Antwort der Tolstaja ("Eine Frage der Schuld"), die Fronten abzustecken. Ob auf diesem Umweg ein Interesse für den radikalen Denker, Kritiker der Macht und Gottsucher Tolstoi zu wecken ist, bleibt fraglich.
In einem Interview von Wolfgang Jung mit Tolstois Ururenkel Wladimir Tolstoi vermutet dieser, dass Tolstoi heute für jede Macht ein Ärgernis darstellen würde. "Auch im modernen Amerika wäre er eine Art Staatsfeind. Denn politische Korrektheit war ihm völlig fremd."

Durch den Abschluss eines Haustarifvertrages bis 2016 haben die Mitglieder der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle den Erhalt des Thalia Theaters ermöglicht. Die solidarische Aktion bedeutet Lohnverzicht und Verzicht auf Lohnsteigerungen bei gleichzeitig befristetem Schutz vor Kündigung. Damit haben sich die vereinigten Mitarbeiter deutlich gegen eine Schließung des Thalia Theaters im Handstreich ausgesprochen, wie sie sich Oberbürgermeisterin Szabados und Rolf Stiska, Geschäftsführer der TOO Halle, vorgenommen hatten, um die übrigen Sparten vorerst unbehelligt lassen zu können.

Nach dem Vergleich der zwei Einspielungen des Weihnachtsoratoriums von J.S. Bach beschäftigt Peter Korfmacher nun der Vergleich zweier Konzerte von Beethoven-Klavierkonzerten mit dem Gewandhausorchester. Die portugiesische Pianistin Maria Joao Pires wie auch Hélène Grimaud bevorzugen eine moderne Spielweise, die eine "poetisch und ohne jeden pianistischen Effekt", die andere "forsch bis brutal". Die Dirigenten stellten in beiden Fällen "Bannerträger der historischen Aufführungspraxis" dar. Trevor Pinnock begleitete Pires' "atemberaubend schönes Klavierspiel" doch "etwas hemdsärmelig", Roger Norrington Grimauds auftrumpfendem Spiel im Fünften KK Beethovens mit "zurückhaltenden Pastellfarben". Als Partner von Pires zieht Korfmacher wiederum John Eliot Gardiner Pinnock vor, der zwar "schöne Farben", aber "wenig orchestrale Details" aus dem Spiel der Solistin abzuleiten vermochte.


Bernd Locker war sichtlich beeindruckt von der neuen Zaubershow „Illusia“ im Krystallpalast Varieté. Dass allein mittels Zaubereien ein abendfüllendes Programm von zwei Stunden gefüllt werden könne, ohne sich zu erschöpfen, hat er nicht geahnt. Die „flotte Inszenierung“ Stefan Warmuths verbindet unterschiedlichste Spielarten der Zauberei. „Kleine Geschichten entstehen, verbinden sich zu einem magischen Bilderbogen.“ Na gut, der Satz klingt gut und sagt wenig und auch die Bezeichnungen „klassische Manipulationen“, „Mentalmagie“ und „Großillusionen“ werden erst in der näheren Beschreibung lebendig. Aber alles in allem summieren sie sich „zu einer unterhaltsamen Zaubershow“, für die blocker am liebsten den Titel prägen möchte: „Potter live“.

In ihrem Interview mit Katja Ebstein spielt Peter Korfmacher des Deutschen liebstes Spiel: in Schubladen stecken. Interessiert hat ihn der ehemalige Schlagerstar, das Programm „Na und? Wir leben noch“ klingt für ihn „defätistisch“, ernsthaft resignativ, das Programm passe für ihn leider in keine Schublade, also muss er sich von Ebstein erklären lassen, in welche. Irgendwo zwischen Kabarett, Konzert und Lyrik möchte pk eine Entscheidung haben. Er wüsste nicht, ob eher Musik oder Sprache wichtiger sei in ihrem Programm, weiß aber genau, dass Brecht schon lange tot sei, und was der folglich in dem Programm aus vielen Lebenden suche uswusf. Ebstein redet derweil von „ihren Kumpels aus der Zeit der Friedensbewegung“, dass Udo Lindenberg ein „Lyriker“ sei, deutsche Schlager bessere Texte hätten als französische Chansons und sie selbst bereits 1971 als Trendsetter das erste deutsche Öko-Lied gesungen habe: „Diese Welt“. Sie schließt mit der kühnen Behauptung: „Ich bin heute nicht manipulierbar, und war es damals auch nicht“. Ach ja, s ie tritt heute um 20 Uhr in der Michaeliskirche auf. Ein Hoch auf die neue deutsche Unübersichtlichkeit.

Stefan Billig ist in der CDU. Stefan Billig ist kulturpolitischer Sprecher der CDU. Und Stefan Billig hat endlich nicht mehr nur reden wollen, sondern seine gesammelten Ergüsse auch noch zu Papier bringen müssen. Wäre Stefan Billig Ökonom, könnte man ja wenigstens Witze mit seinem Namen machen. Als Arzt, der er ist, und eben kein Ökonom, wie gesagt, traut er sich weit vor auf fremdes Terrain. Hätte er mehr Ahnung von seinem Gegenstand, müsste man Stefan Billig allerdings wegen Verleumdung oder Ehrabschneidung verklagen. Nicht die lvz, gott bewahre, sondern die l-iz hat etwas ausführlicher über den jüngsten Vorstoß der CDU im Stadtrat berichtet, unter anderem mit Billigs Begründung für eine Strukturreform: „Gerade die Oper als größter Ausgabeposten steht in der aktuellen Etatsituation unter akutem Rechtfertigungsdruck. Die Wirtschaftlichkeit der Häuser allgemein muss schnell und merklich verbessert werden, wenn die künstlerische Substanz bewahrt und weiter entwickelt werden soll.“ Billig verwechselt nicht nur die Höhe der Zuschüsse, des Ausgabenpostens, mit Wirtschaftlichkeit oder Unwirtschaftlichkeit des Hauses allgemein, sondern erdreistet sich unter der Hand, Rechtfertigungsdruck aufzubauen ohne jedes Argument, dass da Missmanagement getrieben würde. Oder hat da die Aufsicht der Häuser, der Oper speziell, versagt? Ist Höhe allein ein Kriterium? Ein negatives zumal? Wer weiß, dass die Theater insbesondere aus Personalkosten bestehen, muss gleichzeitig sagen, welche Kunst man mit wieviel Personal schaffen kann oder soll. Leider gibt es von Seiten der CDU, man betrachte derzeit die unsäglich fachfremde Debatte in Dresden, Hamburg und vielen anderen Städten, keine Äußerung dazu, außer: Stellenabbau. Die gesellschaftspolitische Revolution der CDU, die Vision einer hemmungslos durchkapitalisierten Gesellschaft, die Menschen, Institutionen, Einrichtungen, Körperschaften allein aufgrund ihrer ökonomischen Werte und Unwerte berechnen und beurteilen möchte, ist eine negative Utopie. Angeblich möchte sie die „Substanz bewahren“, dabei zerstört sie diese.
Zum konkreten Fall: In Leipzig möchte Billig ein Stiftungsmodell für die Museen und ein GmbH-Modell für die Theater (Oper Leipzig, Centraltheater, Theater der Jungen Welt, evt. Ballett; aber nicht das Gewandhaus Leipzig!) einführen und zwar schon in acht Monaten, ab August 2011. Kann man diesen (Hobby-)Politiker im Leipziger Stadtrat eigentlich ernstnehmen? Muss man wohl. Siehe Landtag in Dresden, Senat in Hamburg etcpp. Billig möchte ein Geschäftsführermodell an der Spitze, also keinen verantwortlichen Künstler. Ein solcher soll den kaufmännischen Geschäftsführer allerdings beraten, alle drei Jahre ein neuer! Die Spartenleitungen unterhalb der Geschäftsführung bezeichnet Billig etikettenschwindlerisch als Intendanten. Das sind sie beileibe nicht, schließlich buhlen sie mit ihren hauseigenen Intendantenkonkurrenten um die Verteilung der Gelder und sind auch keine Herren im eigenen Haus. Schon dieses Modell ist unfruchtbar. Halle/Saale hat sich 2008 eben diese juristische Konstruktion gegeben. Die dortige Geschäftsführung (Rolf Stiska) hat als erstes wesentliche Versprechungen, die zu Beginn der Zusammenlegung gemacht wurden, ignoriert, über den Haufen geworfen, indem er bei erstbester Gelegenheit das Kinder- und Jugendtheater als kleinste und scheinbar am wenigsten von einer Lobby unterstützte Theater schließen wollte. Abgesehen davon, dass Stiska seine Haufaufgaben (Stellenreduzierung, allerdings nicht im künstlerischen Bereich) einfach nicht gemacht hat, dadurch ein Defizit vorprogrammiert und sehenden Auges (man darf vermuten, gewollt) die Schließung des kleinstes Theaters unter perfidem rhetorischen Ausrutscher (eines von zwei Schauspielhäuser wollte er schließen) betrieben hat. Seine Glaubwürdigkeit ist damit hinüber. Niemand wird einem Geschäftsführer einer Theater GmbH künftig abnehmen, dass er bzw. der Aufsichtsrat unparteiisch und nur nach entsprechender Argumentation gravierende Entscheidungen fällt. Es sind immer die haus- oder stadtinternen Machtverhältnisse oder Vorlieben, die entscheiden. Aber das weiß man alles längst vorher. Wie ein kaufmännischer Geschäftsführer eigentlich Richtlinien vorgeben oder Fragen der Kunst abschließend beurteilen soll, ist ohnehin unvorstellbar.
Das, was die CDU in Person von Stefan Billig vorhat, ist eine gewollte Schädigung der Kunst, eine Beschädigung eines wesentlichen Elements der Gesellschaft, einer von der Politik nur schwer kontrollierbaren Einrichtung. Und genau darum geht es scheinbar in diesem wie in vielen anderen Fällen der Beschneidung gesellschaftlich wichtiger Einrichtungen: Die Durchökonomisierung sämtlicher Bereiche der Gesellschaft soll öffentliche Leistungen zu privat zu erwerbenden Leistungen machen, ob Kultur, Bildung, Gesundheit, Wohnen usw. Alles, was ein Staat seinen Bewohnern, sich selbst, zur Verfügung stellt, wird der Bürger nicht mehr teuer privat erwerben. Das ist der CDU ein Dorn im Auge. Nicht die im Vergleich lächerlichen Zuschüsse für Kultur, Soziales, Bildung etc. Man vergleiche die mit den Subventionen an die größten agrarwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland und Europa, an die Subventionen und die Prostituierung der Städte an Großbetriebe, an Banken, an steuerlich absetzbare Verlustabschreibungen und Gewinn-/Verlustrechnungen von Betrieben usw. Die Ausgaben, über die geredet wird, sind lächerlich im Vergleich. Aber es geht ja auch um das Prinzip. Man will diese großteils freiwilligen Leistungen loswerden.Nicht die „unfreiwilligen“ ändern.Dass wie im sächsischen Kulturraumgesetz auch die gesetzlichen Leistungen hinterrücks gekappt werden, gehört zu dieser Strategie. Hoffentlich ist die Unrechtmäßigkeit des Vorhabens, das Professor Ossenbühl der Novellierung bestätigt hat, noch ein Hebel oder Argument und geht nicht in einer puren Erpressung durch das Land Sachsen unter.

Vielleicht sollte Stefan Billig in der Zaubershow des Krystallpalast Varieté auftreten. Wie lasse ich ruckzuck einzweidrei Theater aus der einen Hand (der öffentlichen) verschwinden und tlasse sie in der anderen (der die dem Kapitalmarkt zugehört) wieder erscheinen. Aber Billigs Kunststückchen erinnern eher an das Schrumpfen von erbeuteten Köpfen, das manche alten Stämme mit eroberten Feinden gerne zelebriert haben. Im Moment ist die CDU eine Partei, die Schrumpfköpfe liebt. Im einen wie im anderen Sinne.

Mittwoch, 3. November 2010

lvz kultur vom 3.11.10: euro-scene, Weltmännertag, Johanna Doderer & Günter Grass

Ein bisschen Etikettenschwindel darf schon sein. Nina May tut so, als hätte sie Alain Platels "Out of Context" bereits gesehen. Da geht es ihr wie Ann-Elisabeth Wolff, die die Choreographie des Flamen für das Jubiläumsprogramm der euro-scene ebenfalls blind gebucht hatte. "Es wird schon gutgehen, in unserem 20. Jahr", dachte die Festivalleiterin. Es ist gutgegangen. Der Abend war überwältigend, faszinierend die radikale Körpersprache der Tänzer. Begegnungen im Zeitraffer, ein permanentes Kommen und Gehen, bei der Selbstdarstellungen wie Zweisamkeiten in übergroßer Nacktheit stattfinden. Leicht, humorvoll. Gedanken bleiben ausgeschaltet, die Körpermitte, alles, was Anziehung bedeuten kann, auf sämtliche Extremitäten ausgedehnt. So muss Liebe sein.
Die Choreographie bezeichnet Alain Platel übrigens als "Geschenk" an Pina Bausch. "Wir dürfen nicht aufhören, über sie zu reden", habe er auf der Pressekonferenz gesagt. Dennoch, Zeit, auch über Platel zu reden. Nina May spricht von seiner Körpersprache, die aus "gemein als hässlich charakterisierten Bewegungen wie Zuckungen und Krämpfen zusammengesetzt" sei. Dabei erzählen sie Geschichten ohne Ende, von Augenblicken, Gefühlen, von Aufeinandertreffen. Menschen kommen, entkleiden sich. Treffen aufeinander. Es gibt keine Wertung, keinen Abschied, keinen Tod. Es gibt nur das Wiederankleiden und Verschwinden in der Gegenwart.

In der Glosse "ausgepresst" bedauert Janina Fleischer den Mann, der es zugelassen hat, dass es heute einen Weltmännertag gibt. Nachdem die Grundfrage geklärt ist, wann ein Mann ein Mann sei (wenn er auf dem Rasen eine gute Figur macht), bleibt noch etwas Zeit zum Mitleid. Zum Aufruf via lvz, die Männer "nicht länger in Problemzonen wie Eckkneipen, Chefetagen und Fitnessstudios abzuschieben". Sie sollten "mit offenen Armen aufgenommen" werden - Herzlich willkommen! - in der Mitte der Gesellschaft, der Frau. Darin fühlt sich Mann ohnehin besonders wohl. Vorausgesetzt Mann besteht den Eignungstest, den Kinderwagen beulenfrei in der Küche einzuparken.

Der Erfurter Generalintendant Guy Montavon hat seine jüngste Opernentdeckung, Johanna Doderers "Der leuchtende Fluss", gleich selbst uraufgeführt. Peter Korfmacher hat die Landesgrenze zu Thüringen überschritten und kehrt im Triumphzug heim mit dem erbeuteten Haupt des Librettisten Wolfgang Hermann. Toller Plot. Musik phasenweise auf Schnittke-Niveau (Ouvertüre), die das Publikum - so Korfmacher - mit moderner Oper versöhnen könne, doch die Hoffnung trügt (2. Akt) und nährt nun allein jene auf ein baldiges Ende (3. Akt). Die Geschichte eines indianischstämmigen amerikanischen Soldaten im Pazifik, der an der US-Propaganda zerbricht, habe soziale und politische Sprengkraft. Doch Hermann findet keine Sprache für seine Figuren, seine "Trockenprosa" lähme gar die Komponistin zunehmend bis zur Inspirationslosigkeit. Auch "große Theaterbilder" des Regisseurs halten die Geschichte nicht über Wasser. Die Sänger bewältigen ihre "undankbaren Aufgaben" mit "Anstand und Würde". Am Ende tosender Applaus des Publikums "als Wechsel auf Doderers Opern-Zukunft" und den "Mut" des bis 2017 "verlängerten" Generals.

Hatte Sarkozy doch Recht, als er Angela Merkel mit dem Ausplaudern einer geplanten Rückführung Tausender von Roma aus Deutschland nach Bulgarien und Rumänien in den Rücken fiel, um seine Haut zu retten? Günter Grass jedenfalls warnt vor einer massiven Abschiebung der 8500 in Deutschland lebenden Rom, die auf dem Balkan von neuem in einen Überlebenskampf geraten würden.

Gestern begannen Haustarifverhandlungen für 500 Beschäftigte der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle. Scheitern sie, schließt das Thalia Theater zum Ende der Spielzeit. Scheitern sie nicht, schließt es voraussichtlich ein Jahr später. Im ersten Fall Erpressung. Im zweiten Fall kalkulierte Bösartigkeit. RTL stellt Kinderschänder an den Pranger. Wird Zeit, dass Menschen, die wissentlich dazu beitragen, Kindern ihre Zukunft zu rauben, gesellschaftlicher Positionen enthoben werden. Ja, Sie sind gemeint, Herr Stiska, Frau Szabados!

Freitag, 29. Oktober 2010

lvz kultur vom 29.10.10: Grassi-Messe, Kultur Hamburg, Christa Wolf & Alain Platel,

Selbst das Bauhaus kannte die Grassi-Messe und stellte dort aus. Sie ist die älteste deutsche Museumsmesse Deutschlands, Kunsthandwerk von Mode, Geschirr bis zu Möbeln gibt es dort zu kaufen. Auf ihre alten Tage hat sie tatsächlich noch Kinder bekommen: Die Designers Open zum Beispiel.
Im Gespräch mit Juliane Streich sieht Eva-Maria Hoyer, Direktorin des Leipziger Grassi-Museums, den Bedarf an der Messe darin, dass "heutzutage doch alles gleich aussieht". Die Suche nach dem Individuellen und Schönen werde daher immer stärker. Eine Jury hat bereits "in enthusiastischem Kampf" vier Preisträger der Grassi Messe ausgewählt: Hiawatha Seiffert (Preis der Sparkasse), Beate Eismann (Total Leipzig-Preis), Sebastian Scheid (Preis Carl und Anneliese Goerdeler Stiftung) und Silke Spitzer (Preis der Galerie Slavek, Wien). Neben diesen vier stellen viele weitere Künstler auf der heute beginnenden Messe aus. Hoyer freut insbesondere, dass sich die Tradition der Messe verzweige, so sei die Designers Open eine Tochter, die selbstständig wurde, auch wenn sie nun parallel zur Grassi-Messe stattfinde. "Das wird ein wunderbares Design-Wochenende."

Es ist eine skurrile Form der Meinungsumfrage: Bei Katastrophenszenarios wenden Politiker gerne das Try-and-error-Prinzip an. Wo bei den angekündigten Einsparungen der größte Aufschrei, die größte Massenmobilisierung oder der größte Medienprotest erfolgt, da zieht man seine ursprünglichen Pläne zurück, reduziert sie auf die Hälfte oder setzt sie auf Wiedervorlage. So geschieht es derzeit in Hamburg. Kultursenator Stuth, berichtet Ulrike Cordes, will nun doch nicht das Altonaer Museum schließen, die Kürzungssumme von 3,4 Mio € werde erst 2014 fällig. Auch das Junge Schauspielhaus werde zunächst (!) nicht geschlossen. Die vom Hamburger Schauspielhaus geforderte Einsparsumme von 1,2 Mio € werde nun auf mehrere Jahre verteilt. Bürgermeister Ahlhaus wolle "angesichts der wochenlangen Proteste" einen "Imageschaden" von Hamburg fernhalten. Der Schaden, den eine Museums- oder Theaterlandschaft bei der Umsetzung der geäußerten Pläne unwiderruflich erfahren würde, und damit die Hamburger Bevölkerung, interessiert die CDU-Politiker offensichtlich weniger.

Janina Fleischer berichtet über eine Lesung (samt Gespräch) von Christa Wolf, die sie im Haus des Buches aus ihrem jüngsten Roman "Stadt der Engel" abhält. Fleischer läuft zu großer Form auf, Gedanken verwandeln sich bei ihr zu schönen und verblüffenden Sätzen. Die Zuhörer wollen "einer Schriftstellerin nah kommen, die sich selbst manchmal fremd war". Wolf, die in Los Angeles lebt, sei eine Emigrantin auf Zeit. Zu sehr habe ihre "schmale Akte", die sie als IM Margarete in Diensten der Stasi abgeliefert hatte, in der Öffentlichkeit die 42 Bände überwogen, die dieStasi über sie selbst sammelte, "wehren könne man sich schwer". So sei auch ihr Roman weder "Rechtfertigungsschrift noch Verdrängungsprosa", sondern ein Gewebe aus "Erfundenem, Erlebtem, Dokumentiertem". Wolf zitiert Freud: "Ohne Vergessen könne man nicht leben." Doch, so Fleischer, die Gegenwart lasse sich ohne die Möbel der Vergangenheit nur spärlich einrichten. Und "ohne Literatur, der von Christa Wolf zumal, lebten wir aus leeren Koffern."
So sehr sich Christa Wolf und ihre über 300 Zuhörer anhand der gemeinsamen (DDR-)Geschichte einer vergangenen Zeit vergewisserten, so sehr empfindet Alain Platel angesichts der großen Veränderungen, die es in den Neunziger Jahren im Stadtbild Leipzigs gegeben hat, eine große Melancholie, wie er Nina May anvertraut. Es seien Westimporte wie die riesigen Shopping-Center, die Platel dabei vor Augen hat. Seit 1996 ist Platel regelmäßiger Gast der euro-scene, "immer wieder glücklich, eingeladen zu werden", die wachsende "Nähe des Publikums" spüren zu können. Gerade Leipzig schätze er sehr, nicht zuletzt Johann Sebastian Bachs wegen. Manche seiner Ideen, so der Wettbewerb Bestes Tanz-Solo, das von der euro-scene aufgegriffen wurde, würden hier erheblich professioneller, aber im Gegenzug dafür viel weniger entspannt und komisch als in Gent stattfinden. Der ausgebildete Heilpädagoge, der zu den herausragenden Choreografen der Gegenwart gehört, habe sich erst spät getraut, seine Inspirations-Quellen, die sich auch aus Behinderungen und Krankheiten speisen, offen in die künstlerische Arbeit einfließen zu lassen. Eigentlich erst seit "vsprs" (2006) habe er keine Angst mehr, mit diesem "Material "zu arbeiten.

Mittwoch, 22. September 2010

lvz kultur vom 22.09.10: Grass, Osang, F/Stop & Dokfilmwoche

Über eine Lesung aus Günter Grass' jüngstem Werk "Grimms Wörter", die im Gewandhaus stattfand, berichtet Jürgen Kleindienst. Der 83-jährige habe soo einen Bart, doch den lobt Kleindienst ganz brav: "so schön" sei er. Ansonsten wollte Grass nicht reden, nur lesen und seine"geradezu erotische Umkreisung der Quelle aller Dichtung, der Sprache" auf offener Bühne vorführen. Sein Hilfsmittel: Die "satte volle Stimme" mit dem überzeugenden Klang. Das Handikap: Die Grass-typische, antiquierte, von "Barock und Bäuerlichem inspirierte" Sprache. Er sei nun "wirklich auf der Schwelle in den Ruhestand", befindet Kleindienst. Und so ziehen manche Wörter seiner Lesung an ihm "ungehört vorüber".
Janina Fleischer scheint Alexander Osangs neuer Roman "Königstorkinder", den er im Figaro Lesecafé in der Moritzbastei präsentieren wird, nicht besonders inspiriert zu haben. Brav rekapituliert sie die Stationen und Inhalte der Geschichte eines ehemaligen Ost-Journalisten, der auf eine aus dem Westen stammende Mitarbeiterin einer Werbeagentur trifft. Beide nehmen Antidepressiva und halten es vor allem deshalb zusammen aus, weil sie "nicht in ihren langweiligen Leben ertrinken wollen". "Manchmal bitter, oft komisch" sei der Roman, der ebenso das politische Ost-West-Dings meinen soll, und dessen Qualitäten jedenfalls nicht im Aufputschen liegen. Fast wie im richtigen Leben.
Morgen startet unter dem Motto "Im Verborgenen - From 5 to 5" das F/Stop Fotofestival und nutzt dafür unter anderem das leerstehende Ring-Messehaus. Hier sollten zwar, so berichtet Nina May, am Montag bereits die Fotos von Peter Bialobrzeski hängen. Doch seine Bilder von asiatischen Megacities, die "eine Aura aus glühendem Licht" verströmen würden, lägen zum Teil noch beim Zoll. Daher schreibt May mehr über die Aura des derzeit ungenutzen ehemaligen Messehauses, als über die "Wahrnehmungsgesetze dieser anderen Tageshälfte", blickt ansonsten melancholisch aus dem Fenster und fühlt sich "weit weg".
Von kleineren Konflikten zwischen Leipziger Dokwoche und Bundesarchiv/Filmarchiv berichtet Norbert Wehrstedt. Für eine Retrospektive über das Militär in Dokfilmen arbeitete das Archiv mit dem Militärhistorischen Museum Dresden und seinem Leiter Jan Kindler zusammen. Für Claas Danielsen ein Stein des Anstosses. Krieg sei kein Mittel, den Frieden zu erzwingen, meint er, unter dem Logo der Dokfilmwoche, der Friedenstaube, wolle er nicht - offiziell zumindest - gemeinsam mit der Bundeswehr arbeiten.

Sonntag, 19. September 2010

lvz kultur vom 18.09.10: Deutschland im Centraltheater, Ögüt, Pynchon & Kulturetat in LE

Wie sich die Geschmäcker unterscheiden. Wo Tobias Prüwer auf Nachtkritik.de in Martin Laberenz' Inszenierung der "Räuber" nur ein "laues Amalgam" sah, empfand Nina May den ersten Teil des Eröffnungsabends im Centraltheater als deutlich "gelungen". Getreu dem Spielzeitmotto "Deutschland" wähle Laberenz eine Sicht auf die "Räuber", die die "Beziehung der Deutschen zu ihrem Land im Verhältnis von Vater und Sohn spiegeln" möchte. Zwar könne sich die Regie zwischen Slapstick und Pathos nicht recht entscheiden, doch weder hätte sich Regie-Sohn Laberenz vor Autor-Vater Friedrich Schiller "im Staub gesuhlt", noch sich lediglich "an ihm abgearbeitet". "Laberenz bewegt sich irgendwo in der Mitte" der beiden Haltungen, schreibt May. "Frech, aber nicht dreist" sei er, und legt damit ihre persönliche Werteskala sympathisch deutlich offen.
"Frech" sei auch die Verkörperung des Räuberhauptmanns Spiegelberg durch eine Frau. Und dies, wo doch die Zeichnung der Frauenrollen der einzige "Makel" des Vater-Sohn-Konzepts darstelle. Wo unter Männern Wichtiges verhandelt wird, geraten Frauen zwangsläufig zum Beiwerk. Gemeint ist: Lustobjekt. Übrigens hat selbst Schiller, als er anonym sein eigenes Werk rezensierte, über die Figur der Amalie geschrieben: "Ich habe mehr als die Hälfte des Stückes gelesen, und weiß nicht, was das Mädchen will, oder was der Dichter mit dem Mädchen gewollt hat...". Sehr viel weiter sind wir also nicht. Wo Liebe "nur darin besteht, vögeln zu wollen und gevögelt zu werden", und Frauen, die was zu sagen haben wollen, die Männerrolle adaptieren, gehört Eva Herman (bürgerlicher Name: Eva Herrmann) wohl endgültig zum neuen role model.
Überzeugender noch als "Die Räuber" beschreibt May Robert Borgmanns Inszenierung von Bronnens "Vatermord". Er "schaffe krasse, aber sehr poetisch-symbolische Bilder", am Ende etwas viel davon, "aber sei's drum" wie die Kritikerin formuliert, diesen Theater-Sohn "will man jedenfalls wieder sehen".
Über eine Ausstellung von Werken Ahmet Ögüts in der Galerie für Zeitgenössische Kunst schreibt Anna Kaleri. Der jüngst mit dem Preis "Europas Zukunft" ausgezeichnete Künstler versehe seine Objekte "mit Beherztheit und schwebender Ironie", gleichwohl ließen sie sich nicht "im Vorbeigehen" erschließen. Wohl auch von ihr selbst nicht, denn die Berichterstattung surft eher auf der Oberfläche des Dargestellten und Gesehenen. Allein in der Beschreibung des Werks "Puzzle (Rätsel)" gibt sie Hinweise auf den gedanklichen Kosmos der Kunst Ögüts, wenn sie schreibt, er mache die "täglich wachsende Paranoia unserer Zeit" und die Veränderungen, die aus zunehmender Überwachung erwachsen, deutlich. Aber ob "Namen, Zahlen, Buchstaben als Symbol für komplexere Zusammenhänge" benutzt würden oder wenn Kaleri schreibt, "die ausgestellten Werke bleiben dabei Symbole von performativen Akten, von Ideen und Geschichten, die im Hintergrund schweben", ist man so klug als wie zuvor.

Und dann: Wieder eine der wundervollen Buchbesprechungen Janina Fleischers, diesmal schreibt sie über den neuesten Pynchon. Da, wo er bisher "dicke, meist unlesbare Romane" geschrieben habe, überrasche er in "Natürliche Mängel" mit einer Hippie-Detektiv-Komödie. Zwar surfe die Story ein bisschen hierhin, ein bisschen dahin. Doch die liebenswert verschrobenen bis paranoiden Figuren sind in eine wundervoll komplexe und unterhaltsam lesbare Story verwoben, was Fleischer mit dem Zitat "Sie waren alle nur Werkzeuge im Geräteschuppen eines anderen gewesen" versieht. Schwierigkeiten bei der Suche nach einer grundsätzlichen Moral lassen den stets bekifften Detektiv und Helden Doc Sportello in halluzinatorischer Sicherheit zwischen allen Stühlen herumirren. Thomas Pynchons "Leichtigkeit der Ironie" fügt sich im Laufe der 480 Seiten schließlich über einen Blick auf die "latente Bedrohung durch politische Interessen zu einem Blick auf die USA" der ausgehenden 60er Jahre. Die Utopien der damaligen Zeit (eine Figur aus dem Roman, eine Heroin-Braut, heißt 'Hope') enden - ähnlich wie die Energien laut zweitem thermodynamischen Gesetz - im kleinstmöglichen Ausschlag: "Das Verstreichen der Zeit selbst zu leugnen" (Pynchon). Oder wie der Physiker sagen würde: Im ordnungslosen Chaos.
Peter Korfmacher hat in seiner Analyse der geforderten Kultureinsparungen endlich den Finger auf die Wunde gelegt. Zum einen auf die Schwierigkeit, überhaupt ohne Schließungsdebatten realistische Sparressourcen zu benennen. (Was übrigens allen Kulturentwicklungsplänen zum Trotz einem Manko an Kenntnis und formulierten Absichten von Verwaltung, Stadtrat und Dezernat entspricht) Und dann die Reaktion auf die Ankündigungen Dresdens, Gelder für sämtliche Kulturräume um die 7 Mio EUR für die Landesbühnen Sachsen zu kürzen, als arg verspätet zu bezeichnen. Ja, auch Herr Korfmacher ist - wie OBM Jung - spät auf diesen Zug aufgestiegen, obwohl klar war, dass die unterschiedlichen Brandherde in den Städten und Kreisen einen gewaltigen Flächenbrand ergeben werden, wenn sie denn umgesetzt werden. Der kleinste gemeinsame Nenner aller Politiker scheint der zu sein, lieber getrieben zu werden als - in Verantwortung für das Bestehende - selbst zu treiben, oder wenigstens, wenn die Konsequenz der Dinge klar ist, sofort und deutlich zu reagieren. Vielleicht sind die 94% der Stimmen aus der lvz TED-Umfrage, die sich gegen Einsparungen an Leipzigs Kultur aussprechen, ja ein deutlicher Hinweis, sich um eine gemeinsame Interessenvertretung zu kümmmern. Vielleicht sogar in eine Richtung, wie sie ausgerechnet Volker Külow von Seiten der LINKEN in den Raum stellt: Verfassungsrechtlichkeit der Kostenabwälzung zu prüfen, diese verhindern zu wollen, dafür interfraktionelle Absprachen zu treffen. Aber redet nicht nur!

Montag, 9. August 2010

lvz kultur am 10.08.10: Ricarda Junge, Filmfestival Locarno und Times, They Are A Changing

Prominent auf den Kulturseiten eine der fantastischen Buchbesprechungen von Janina Fleischer: Heute über Ricarda Junges Roman "Die komische Frau", eine moderne Geistergeschichte . Die 29-jährige, aus dem Westen stammende Journalistin Lena lebt mit ihrem Sohn allein in der Nähe der Berliner Karl-Marx-Allee, einer Straße, in der zu wohnen zu DDR-Zeiten scheinbar wirklich Überzeugten vorbehalten blieb. Mit "faszinierender Leichtigkeit" und "im Rhythmus knapper Sätze" läßt die Autorin Lena von den Dämonen der alten Zeit heimsuchen, bis sie Angst und Ratlosigkeit nicht mehr verlassen. Ein Roman über die "Ängste unserer Zeit" und die Schwierigkeiten loszulassen oder anzukommen.
Halbzeitbilanz des Internationalen Filmfestivals in Locarno. Peter Claus ist begeistert. Die "Magie des Kinos" (so Hollywood-Star John C. Reilly) würde aufleuchten, die Atmosphäre sei begeisternd (siehe auch 07.08.). Dazu die Filme erstklassig, die Schauspieler herausragend (z.B. Eva Green in Benedikt Fliegaufs Science-Fiction "Womb"), das Publikum ströme und sei - wie Claus - begeistert.
In der Reihe "Songs, die mein Leben prägten", schreibt Kabarettist Bernd-Lutz Lange über seine erste "West-Platte", Bob Dylans "The Times, They Are A Changing", und über die Hoffnung der Sechziger Jahre , dass sich in der DDR etwas gesellschaftlich verändern möge. 1968 reiste Lange nach Prag und hörte auf der Karlsbrücke denselben Song zur Gitarre, gesungen von jungen Menschen aus verschiedenen Ländern. Doch die Aufbruchsstimmung wurde bekanntlich jäh zerstört, sowjetische Panzer beendeten den kurzen "Frühling". Bis sich die Zeiten 1989 wirklich änderten. Heute, 20 jahre später, so Lange, "wäre es nicht schlecht, wenn sich wieder so manches ändern würde".

Donnerstag, 5. August 2010

lvz kultur vom 05.08.10: Süchtig nach dem Netz, Michael Ballhaus, Die Pogues und Kino in Jenin

Über sein halbes Jahr "Ohne Netz" schreibt der Journalist der Süddeutschen, Alex Rühle. Janina Fleischer hat es gelesen. Bevor er in dieser Zeit den "Wettbewerbsvorteil, langsam zu sein", entdeckte, hatte Rühle sein bisheriges Verhalten analysiert und reflektiert. Ergebnis: 1. Der Internetjäger und -sammler ist der Gefahr der "Aufmerksamkeitszerstäubung" ausgesetzt. 2. Die Phänomene eines Süchtigen stellen sich ein. 3. Ohne Mails fehlt die schnell wirksame Ego-Pille. Ausweg: Still sein, Echo werden.
Eine Hommage an den großen Kameramann Michael Ballhaus, der mit vielen großen Regisseuren in den USA und Deutschland zusammengearbeitet hat, schreibt Barbara Munker. Der u.a. für seine kreisenden Kamerafahrten berühmt gewordene Ballhaus, mit dem u.a. Scorsese alle seine Filme drehte, ist wieder nach Deutschland zurückgekehrt und lehrt an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin sowie in Hamburg und München. Seine Kunst - unterdessen die des Regisseurs - stellt er dabei aus Überzeugung auch in den Dienst am Umweltschutz.
Eines der nur vier Konzerte, die die Folk-Punk-Gruppe Die Pogues auf ihrer Tournee in Deutschland spielen, findet heute in Leipzig auf der Parkbühne statt. Markus Wittpenn sprach mit Peter "Spider" Stacy, einem der Gründungsmitglieder der seit den späten Achzigern für ihre Mischung aus Melancholie und Lebenslust gefeierten Band. Nach Jahren der getrennten Weiterentwicklung wollen die Bandmitglieder nun wieder live gemeinsam auftreten, allerdings keine neuen Songs einspielen. Das wäre "Betrug, weil wir uns alle verändert haben".
Über ein außergewöhnliches Kinoprojekt kann Claas Relotius berichten: Die multinationale Initiative "Cinema Jenin" arbeitet am Wiederaufbau eines Kinos in Jenin im Westjordanland. Es wurde stillgelegt mit Beginn der Intifada 1987, als "Filme anzusehen und sich zu amüsieren, nicht mehr in diese Zeit passte". Nach dem großen Erfolg des Dokumentarfilms von Marcus Vetter "Das Herz von Jenin" im Jahr 2008 lebte das Projekt Kino von neuem auf und wurde mittels Spendengeldern aus aller Welt nun in die Tat umgesetzt. Die anfängliche Skepsis der Einheimischen hat sich stark verändert, nicht zuletzt, weil auch die Palästinenser selbst stark eingebunden werden. "Filmvorführer kann diese Stadt besser gebrauchen als Guerilla-Kämpfer", meint dazu der Projektleiter Fakhri Hamad.

Dienstag, 3. August 2010

lvz kultur vom 03.08.10: Bayreuth, von Schirachs "Schuld" und Senta Berger

Wird in Bayreuth mit den Wölfen geheult? Oder nur das Urteil klarer? Im letzten Jahr von Tankred Dorsts Ring-Inszenierung ließ das Publikum keine Milde walten, es hagelte massive Buhsalven, schreibt Alexander Dyck. Anscheinend zurecht. Dorsts Ring fehle ganz eklatant die Botschaft. Die dramaturgische Konzeption, den Mythos ins Heute zu holen, mag einleuchtend sein, löse sich aber auf der Bühne nicht ein, weil es ihr an Kosequenz fehle und Regieeinfälle einfach unbefriedigend blieben. Wo auch die Solisten - mit Ausnahme von Johan Botha - nicht überzeugen konnten, da glänzte allerdings das Orchester unter Christian Thielemann, indem es das Kammermusikalische der Partitur meisterlich herausarbeite und selbst im äußersten Fortissimo nie brachial spiele. Brodeln würde nur die Gerüchteküchte, wer den Ring 2013 inszenieren würde.
Das neue, zweite Buch des schreibenden Strafverteidigers Ferdinand von Schirach, "Schuld", wird von Janina Fleischer gelobt. Der Erzählband, der auf wahren Fällen aus der Praxis des Autors beruht, forscht nach der Schuld der Täter und das heißt, nach dem "warum" der Tat. Erst durch dessen Einschätzung ließe sich die Verantwortung für das entsprechende Handeln und der Grad der Schwere der Schuld beurteilen. Von Schirachs Fähigkeit, mit knappen Sätzen präzise Charaktere zu skizzieren und mehr Wert auf die Geschichten hinter den Verbrechen zu legen, als sich auf die Sensationslust zu setzen, überzeuge besonders. Es sei der Mensch und nicht die Tat, die im Vordergrund der Erzählungen stünde.
Miriam Bander berichtet von einem Gespräch mit der Schauspielerin Senta Berger, in dem diese beklagte, dass die Selbstbestimmung der Frau heute eher wieder abgenommen habe. Verantwortlich dafür sei ein "Puzzlespiel aus Medien, Werbung, Selbstverständnis von Frauen und Männerreaktion". So übe die Über-Sexualisierung einen permanenten Druck auf Frauen aus, die gewonnenen "Freiheiten auch umsetzen" zu müssen.

Samstag, 31. Juli 2010

lvz kultur vom 31.07.10: Kabarett und Ostseegedichte

thomas freitag, ein brontosaurus im gegenwärtigen politischen kabarett, ist vom 11.-14. august mit der produktion "nur das beste" zu gast bei den academixern in leipzig. mark daniel entlockte dem 60-jährigen eine vielzahl semiorigineller statements. politik sei eine von der wirtschaft gekaufte kaste, christian wulff, der mittelmäßige sparkassen-direktor, die schlechtere wahl gegenüber gauck und dessen eindrucksvoller vita, die bedeutung von politik würde entwertet, wenn die medien auf gleicher ebene meldungen über matthäus und seine fremdknutschende ehefrau sendeten. angeprangert werden heuchelei und doppelmoral bei politikern, mangel an intellektueller führung in diesem lande, während politikerrücktritte aus mangel an vorwärtskommen (roland koch) für ein fiasko stünden. last not least, politisches kabarett vertrüge sich nicht mit der mentalität von schenkelklopfern im publikum.
da hilft nur noch hubschraubereinsatz, schießt mir plötzlich ein refrain von foyer des arts in den sinn.
zumindest in punkto lachen unterscheidet sich der alternde kabarettist von seinen nachfolgern. die jugendgruppe der leipziger pfeffermühle entpuppte sich als versuchsweise nachfahren fritz teufels und betonten - ebenfalls in der lvz von heute -, dass sie politisches kabarett gerne mit comedy, stand-up und "einfach quatsch" verbänden. sie seien halt jung, entschuldigten sich die spaßguerilleros.

es ist sommer - und die ostsee steht abermals im zentrum kulturkritischer beiträge der lvz, diesmal von janina fleischer, die den von ron winkler zusannengestellten gedichtband mit ostseegedichten "die schönheit ein deutliches rauschen" vorstellt.
während die doppelausstellung "sachsen am meer" in gera und dresden (siehe lvz vom 26.07.) nicht zuletzt politische aspekte in der ostseerezeption der bildenden künstler aufzeigte, ist der gemeinsame nenner der gedichtanthologie, dass die ostsee für die menschen der östlichen bundesländer ein stück heimat darstelle und ansonsten eine metapher, zumal wenn "die poesie der verse die der natur überspüle" (janina fleischer). innerlichkeit gewinnt die oberhand (ingeborg bachmanns schöner vers "innen ist deine brust ein meer"wird zitiert), und die rezensentin kommt zu der erkenntnis , dass von den dichtern "kaum jemand allein am meer zu sein scheint." am ende steht: "staunen über die anziehungskraft einer landschaft" - und eine metapher für sehnsucht, freiheit und erinnerung: die ostsee.

Freitag, 30. Juli 2010

lvz kultur vom 30.07.10: Bouillères "Retro", Julia Gröning und Roland Frenzel

"verstörung" ist das stichwort, unter dem janina fleischer olivier bouillères roman "retro" gelesen hat. der französische autor beschreibt in einer melange aus autobiografischem und fiktionalem die geschichte eines kindesmissbrauchs in den späten 70ern. verstörend machten den roman nicht nur die schilderungen der vergewaltigungsszenen, sondern, dass bouilléres seine haupfigur, die wie er selbst olivier heißt, dies scheinbar freiwillig erleben lässt, stolz darauf, jüngster unter den jungen dieses kinderpornorings zu sein. "nur für erwachsene" schreibt der deutsche verlag matthes & seitz auf seiner internetseite zur deutschen ausgabe dieses romans, der in frankreich für einen skandal gesorgt hat. kunstvoll versucht der autor, im rahmen einer rückerinnerung an das damalige geschehen noch korrekturen für seine damals zehn jahre alte hauptfigur mitzudenken. aussichtslos. die verletzungen würden so oder so ins heute getragen, die persönlichkeit bleibe verloren.
auf andere weise verstörend wirkt die ausstellung "losigkeit" mit arbeiten von julia gröning auf dem leipziger spinnereigelände auf susann buhl. in den überwältigend exhibitionistischen fotos der künstlerin ist sie immer wieder selbst zu sehen, ausnahmslos fragmentarisch. die suche nach dem gesamtbild zieht die betrachterin magisch durch die gesamte ausstellung, doch dieses bild wird es nicht geben. sinnlich bereichert wird der besucher gleichwohl auf sich selbst verwiesen.
verstörend, beinahe ergreifend, scheint die ausstellung mit werken des leipziger malers roland frenzel in der leipziger galerie könitz auf meinhard michael gewirkt zu haben. für den in mehrfacher hinsicht außenseiter unter leipzigs malern scheinen die motive anfangs allein gelegenheiten für den intensiven, beinahe naiven gebrauch von farbe gewesen zu sein. seine zunehmende erkrankung, seine psychotischen schübe, haben frenzels strich immer skizzenhafter, fragmentarischer werden lassen, wohl aus zwangsläufig nachlassender konzentration. aus vormals leichtigkeit wird auflösung und unglück. tragisch erscheint michael dagegen, dass diese von frenzels psychotischer natur und einsamkeit geprägte flüchtigkeit und eingeschriebene hinfälligkeit die bilder ergreifender mache als alle poesie und unmittelbarkeit der frühen phase.
auf der szene leipzig-seite schreibt mathias wöbking über die inszenierung des traumquadrat-ensembles von melvilles "moby dick" im soziokulturellen zentrum "die villa". intelligent, witzig, zeitgemäß und erschütternd - und in keiner hinsicht mit pädagogisch motiviertem laienspiel zu bezeichnen sei die inszenierung des regisseurs marek s. bednarsky.
thomas düll schreibt über die global space odyssey, die morgen von connewitz nach lindenau zieht. der spektakuläre umzug, der auf das selbstbewusstsein, aber auch die gefährdung der vielfältigen subkultur verweist, will auf die notwendigkeit für freiräume bzw. "müßiggang" jenseits von dauernder verfügbarkeit und selbstvermarktung der szene hinweisen, nicht allein zur produktion, sondern als angebot für alle besucher der kulturellen veranstaltungen. allerdings auch: dass es die subkultur für seine nutzer nicht umsonst geben kann.