Die Dokfilmwoche distanziert sich von ihrer eigenen Filmreihe. Paradox? Eher ein Beispiel alten Denkens. Die Taube will clean, das Gewissen der Dokfilmwoche sauber bleiben und schafft doch nur desinfizierte PR-Oberflächen. Retro nennt sich die Filmreihe "Regie und Regiment", in der 35 militärhistorische Filme von 1914 bis 1989 gezeigt werden - in Zusammenarbeit mit dem bundeswehreigenen Militärhistorischen Museum in Dresden. Das wiederum verstoße laut Claas Danielsen gegen den erklärten Pazifismus des Festivals. Doch Danielsen ist es damit egal, ob die gezeigten Filme über das Militär kritisch sind, auch ob das Museum selbst ungebrochen in militaristischer Tradition stehe. Was es nicht tut, etwa im architektonisch jegliche tradierte Form konterkarierenden Anbau von Daniel Libeskind. Am Ende ist es einfach die Bundeswehr als Institution, die konträr zum erklärten Pazifismus steht, mehr nicht. In seinem Bericht zitiert Norbert Wehrstedt Museumsleiter Jan Kindler, der Danielsens Argumente für "fernab jeglicher Realität" hält. Vielleicht will sich Danielsen ausgerechnet in dem Jahr, in dem das Festival einen weiteren großen Schritt zum Arrivierten geht, keine Blöße geben und schafft doch heilsame Diskussionen. Denn vielleicht wollen die Zuschauer, die den zur Schau gestellten Mystifikationen des Militärischen wohl kaum auf den Leim gehen, einfach die Analyse selbst anstellen und nicht der Festivalleitung überlassen. Misstrauen gegen Eigenverantwortlichkeit ist paternalistisch, ganz egal, ob sie nebenbei auch prinzipienfest ist.
Das Guggenheim Museum New York prämiert die besten 25 Videos auf YouTube. In der Jury sitzen Laurie Anderson, Darren Aronofsky, Douglas Gordon, Stefan Sagmeister und Takashi Murakami.
Der Klaviervirtuose Benyamin Nuss spielt am kommenden Samstag im Gewandhaus Musik des japanischen Komponisten von Videospielmusik Nobuo Uematsu. Der Star der Computerspielmusiker arrangiert Jazz, Popmusik, Schlager und Musik aus der japanischen Kultur. In einem Gespräch mit Burkhard Schäfer hält Nuss Uematsus Musik nicht nur für höchste lebensnahe Kunst. Er will sich auch grundsätzlich nicht vorschreiben lassen, ob er die für ihn existierende Schublade des klassischen Pianisten erweitert oder nicht. Nuss will sich weder einengen lassen noch abhängig sein. Er, der seit er zwölf war, selbst Computerspiele spielt, glaubt, dass die extremen Erscheinungen von Computerspielen da oder partielles Suchtverhalten mancher User das ganze Metier zu Unrecht in Verruf gebracht hätten.
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Mittwoch, 20. Oktober 2010
Freitag, 30. Juli 2010
lvz kultur vom 30.07.10: Bouillères "Retro", Julia Gröning und Roland Frenzel
"verstörung" ist das stichwort, unter dem janina fleischer olivier bouillères roman "retro" gelesen hat. der französische autor beschreibt in einer melange aus autobiografischem und fiktionalem die geschichte eines kindesmissbrauchs in den späten 70ern. verstörend machten den roman nicht nur die schilderungen der vergewaltigungsszenen, sondern, dass bouilléres seine haupfigur, die wie er selbst olivier heißt, dies scheinbar freiwillig erleben lässt, stolz darauf, jüngster unter den jungen dieses kinderpornorings zu sein. "nur für erwachsene" schreibt der deutsche verlag matthes & seitz auf seiner internetseite zur deutschen ausgabe dieses romans, der in frankreich für einen skandal gesorgt hat. kunstvoll versucht der autor, im rahmen einer rückerinnerung an das damalige geschehen noch korrekturen für seine damals zehn jahre alte hauptfigur mitzudenken. aussichtslos. die verletzungen würden so oder so ins heute getragen, die persönlichkeit bleibe verloren.
auf andere weise verstörend wirkt die ausstellung "losigkeit" mit arbeiten von julia gröning auf dem leipziger spinnereigelände auf susann buhl. in den überwältigend exhibitionistischen fotos der künstlerin ist sie immer wieder selbst zu sehen, ausnahmslos fragmentarisch. die suche nach dem gesamtbild zieht die betrachterin magisch durch die gesamte ausstellung, doch dieses bild wird es nicht geben. sinnlich bereichert wird der besucher gleichwohl auf sich selbst verwiesen.
verstörend, beinahe ergreifend, scheint die ausstellung mit werken des leipziger malers roland frenzel in der leipziger galerie könitz auf meinhard michael gewirkt zu haben. für den in mehrfacher hinsicht außenseiter unter leipzigs malern scheinen die motive anfangs allein gelegenheiten für den intensiven, beinahe naiven gebrauch von farbe gewesen zu sein. seine zunehmende erkrankung, seine psychotischen schübe, haben frenzels strich immer skizzenhafter, fragmentarischer werden lassen, wohl aus zwangsläufig nachlassender konzentration. aus vormals leichtigkeit wird auflösung und unglück. tragisch erscheint michael dagegen, dass diese von frenzels psychotischer natur und einsamkeit geprägte flüchtigkeit und eingeschriebene hinfälligkeit die bilder ergreifender mache als alle poesie und unmittelbarkeit der frühen phase.
auf der szene leipzig-seite schreibt mathias wöbking über die inszenierung des traumquadrat-ensembles von melvilles "moby dick" im soziokulturellen zentrum "die villa". intelligent, witzig, zeitgemäß und erschütternd - und in keiner hinsicht mit pädagogisch motiviertem laienspiel zu bezeichnen sei die inszenierung des regisseurs marek s. bednarsky.
thomas düll schreibt über die global space odyssey, die morgen von connewitz nach lindenau zieht. der spektakuläre umzug, der auf das selbstbewusstsein, aber auch die gefährdung der vielfältigen subkultur verweist, will auf die notwendigkeit für freiräume bzw. "müßiggang" jenseits von dauernder verfügbarkeit und selbstvermarktung der szene hinweisen, nicht allein zur produktion, sondern als angebot für alle besucher der kulturellen veranstaltungen. allerdings auch: dass es die subkultur für seine nutzer nicht umsonst geben kann.
auf andere weise verstörend wirkt die ausstellung "losigkeit" mit arbeiten von julia gröning auf dem leipziger spinnereigelände auf susann buhl. in den überwältigend exhibitionistischen fotos der künstlerin ist sie immer wieder selbst zu sehen, ausnahmslos fragmentarisch. die suche nach dem gesamtbild zieht die betrachterin magisch durch die gesamte ausstellung, doch dieses bild wird es nicht geben. sinnlich bereichert wird der besucher gleichwohl auf sich selbst verwiesen.
verstörend, beinahe ergreifend, scheint die ausstellung mit werken des leipziger malers roland frenzel in der leipziger galerie könitz auf meinhard michael gewirkt zu haben. für den in mehrfacher hinsicht außenseiter unter leipzigs malern scheinen die motive anfangs allein gelegenheiten für den intensiven, beinahe naiven gebrauch von farbe gewesen zu sein. seine zunehmende erkrankung, seine psychotischen schübe, haben frenzels strich immer skizzenhafter, fragmentarischer werden lassen, wohl aus zwangsläufig nachlassender konzentration. aus vormals leichtigkeit wird auflösung und unglück. tragisch erscheint michael dagegen, dass diese von frenzels psychotischer natur und einsamkeit geprägte flüchtigkeit und eingeschriebene hinfälligkeit die bilder ergreifender mache als alle poesie und unmittelbarkeit der frühen phase.
auf der szene leipzig-seite schreibt mathias wöbking über die inszenierung des traumquadrat-ensembles von melvilles "moby dick" im soziokulturellen zentrum "die villa". intelligent, witzig, zeitgemäß und erschütternd - und in keiner hinsicht mit pädagogisch motiviertem laienspiel zu bezeichnen sei die inszenierung des regisseurs marek s. bednarsky.
thomas düll schreibt über die global space odyssey, die morgen von connewitz nach lindenau zieht. der spektakuläre umzug, der auf das selbstbewusstsein, aber auch die gefährdung der vielfältigen subkultur verweist, will auf die notwendigkeit für freiräume bzw. "müßiggang" jenseits von dauernder verfügbarkeit und selbstvermarktung der szene hinweisen, nicht allein zur produktion, sondern als angebot für alle besucher der kulturellen veranstaltungen. allerdings auch: dass es die subkultur für seine nutzer nicht umsonst geben kann.
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