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Mittwoch, 8. Dezember 2010

lvz kultur vom 8.12.10: Marc und Klee, Mailänder Scala & Kultur(raum)

Der religiöse, kriegsbegeisterte Franz Marc und der Pazifist Ernst Klee führten von 1912 bis 1916 "eine Postkartenverbindung". Ihre Frauen beschrieben, sie bemalten die Karten. Heute sind sie Mittelpunkt einer Ausstellung in der Moritzburg Halle, die Meinhard Michael durch ihre "Intensität überzeugen" konnte. Während Marc seinem Kartenfreund "ausgereifte Kompositionen in strahlenden Grundfarben schickte", antwortete Klee "überwiegend mit zerschnittenen kleinen Kritzeleien." In Marcs kleinem Postkartenkosmos zeigen sich gleichwohl die "Schwingen" einer "Natur, aus deren Ordnung der Mensch vertrieben worden" sei, während der introvertiertere Klee "musikalische Strukturen als Ausgang für die Bildkunst" erprobte. Marcs Emotionalität und Klees analytische Kraft waren dennoch auf ein ähnliches Ziel gerichtet: Die Suche nach dem unverfälschten Ausdruck.
Marc, der sich vom Krieg ähnlich Ernst Jünger eine "Reinigung der verderbten alten Welt" versprach, aus der es "keinen anderen Durchgang zur Welt des Geistes" gebe, überlebte den Krieg nicht, er starb 1916 in Verdun. Ein großes, bedeutendes Werk Franz Marcs ("Tierschicksale") aus dem Jahr 1913, das 1919 bei einem Brand teilweise zerstört wurde und von Ernst Klee restauriert, aber bewusst mit einem "sichtbaren Riss" versehen wurde, gehörte bis 1937 der Moritzburg. Dieses abwesende, heute gefährdete und transportunfähige Bild bilde in einer "imaginären Anwesenheit" den "Anker" der sehenswerten hallenser Ausstellung.


In ihrer "ausgepresst"-Glosse nimmt sich Janina Fleischer der von Zukunftsforscher Matthias Horx beschriebenen "Skandalokratie" an, die "die Tendenz habe, das feine Gewebe von Debatte, Verständnis, Widerspruchsrecht, Kompromiss und Diskurs in Deutschland zu zerstören." Leider verliert die lvz redakteurin auf den letzten Zeilenmetern ihre Klarheit, wenn sie die "Abgründe der Zivilisation" in der Bedeutungsverschiebung des Begriffs "Sensation" entdeckt, die HGB-Philosoph Christoph Türke postuliert. Von der x-beliebigen Empfindung hin zur Wahrnehmung des Außergewöhnlichen, des Aufsehen Erregenden. Die finde sich in der permanenten Talkshow namens Öffentlichkeit, dem "einig Laberland", in dem "Gerede, Gerede, Gerede" und "Geschrei, Geschrei, Geschrei" dominiere.


Die vier lvz redakteurinnen Yvonne Gabriel, Vera Wolfskämp, Claudia Schittekopp und Barbara Kreuzer bringen den derzeitigen Stand des Vorhabens und der Diskussion zur Novellierung des Kulturraumgesetzes zu Papier. Das Nadelöhr der Neuordnung, auch der Struktur der Landesbühnen Sachsen selbst, liegt in dem massiven Druck auf die Stadt Radebeul, ab 2011 300.000 € Finanzierungsanteil an die Landesbühnen überweisen zu sollen. Schaffe sie das nicht, gingen im Sommer 2011 die Lichter im Theater ohnehin aus. Schaffe sie es, sollen die LBS gänzlich neu ausgerichtet werden. Weg vom heimlichen Stadttheater Radebeuls und Rathens, hin zu einem "Reisetheater" mindestens für die fünf ländlichen Kulturräume. Warum dann ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, wenn die LBS endlich zu einer Institution für den gesamten Freistaat, zu einer echten Landesbühne, werden sollen, das Theater aus der Verantwortung des Landes herausgenommen werden soll, bleibt in der Argumentation ihrer Verfechter ein Rätsel.
Pläne für milliardenschwere "Investitionen in Neubau und Erweiterung staatlicher Kultureinrichtungen" liegen allerdings bereit, auch die Tarifsteigerungen an den Dresdner Einrichtungen Semperoper und Staatskapelle sollen bezahlt werden. Die Zusammenhänge zwischen Kürzungen und benötigten Mitteln für Dresden sind deutlich, auch wenn sie geleugnet werden. Doch die Messen seien gesungen, betont Karl-Heinz Gerstenberg, kulturpolitischer Sprecher der Grünen, die Entscheidung sei bereits gefallen. Leipzigs OBM Jung, der vor wenigen Wochen den Mund garnicht voll genug nehmen konnte, die Kürzungen der Zuschüsse für die Kulturräume zu verhindern, ein Rechtsgutachten aufsetzen ließ und Kulturbürgermeister Faber spektakulär geopfert hat, ist nur noch kleinlaut.


Vielleicht nehmen die Opern- und anderen Kulturfreunde sich ja die Fans der Mailänder Scala zum Vorbild. Aus Anlass ebenfalls drastischer Einsparungen in den Kulturhaushalt hat die Polizei Hunderte von Demonstranten mit Schlagstöcken auseinandertreiben lassen. Die wehrte sich daraufhin mit Feuerwerkskörpern.

Argumente sind genug gewechselt, "lasst uns nun endlich Taten sehen." Bei der Zuschauerkonferenz im Centraltheater wurden laut Steffen Georgi nicht mehr als erwartbare Statements ausgetauscht. CDU-Stadtrat Stephan Billig erhielt sogar Lorbeeren, weil er mit seinem "Vorstoß" einer Zusammenlegung aller Häuser unter einen Kaufmännischen Geschäftsführer eine "Diskussion wieder in Gang gesetzt habe". Wo diese Diskussion tatsächlich stattfindet, ob öffentlich oder nur im verschlossenen Kämmerlein, soll doch jemand mal sagen.
In der lvz bisher jedenfalls nicht.


CDU-Landtagsabgeordneter Oliver Fritzsche will laut Interview mit Mathias Wöbking dem Kulturraumgesetz trotz augenscheinlicher Wissenslücken zum Thema zustimmen. "Der Erhalt der Landesbühnen Sachsen soll langfristig die darstellenden Bühnenkunst gerade in den ländlichen Kulturräumen sichern", meint er und unterschlägt die offensichtliche Not der Kommunen, die zusätzlichen Belastungen, die für die Kommunen aus der Kürzung der Zuschüsse entstehen, die vollendete Unverfrorenheit Dresdens, diese Kürzungen bereits ab 2011 wirksam werden zu lassen und die Konkurrenz der LBS zu anderen, stehenden Theatern der Kulturräume. Ebenso sieht es mit dem Westsächsischen Symphonieorchester aus, deren Bezuschussung Oliver Fritzsche gegen Kulturraumgeldern für die Leipziger Leuchttürme ausspielen möchte. Doch zuallererst erhält der Kulturraum Leipziger Land weniger Gelder und muss daher zur Zeit die Schließung des Orchesters diskutieren, das bereits seit 13 Jahren keine Gehaltsanpassung erhalten hat und deren Musiker 35% unter dem gültigen Tarif arbeiten (Hans-Ulrich Zschoch). Das Orchester steht also in Konkurrenz zu den LBS, die von den gekürzten Kulturräumengeldern z.B. für das Westsächsiche Symphonieorchester profitieren sollen.
Auch der Verweis auf den Löwenanteil an den Kulturraumgeldern, die Leipzig zukommen, ist eine Verhöhnung der Stadt, denn Dresdens Kultur braucht so gut wie garnicht aus den Kulturraumgeldern bezahlt werden, für die ohnehin das Land aufkommt, in weit größerer Höhe als für Leipzig! Usw. Leider ist in dem festen Frageschema des Interviews kein Raum, offensichtlich einseitige oder dezidiert falsche Informationen zu hinterfragen.


Karat rockt das Gewandhaus, Norbert Wehrstedt freut sich an drei Stunden Karatsound, "Romantik verschnitten mit Rauheit, aber immer Poet bleiben." Allein das Aufmotzen der Nummern durch Soli funktioniere nicht, langweile eher. Das Internationale Literaturfestival Berlin hat wenige Tage vor der Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo, dessen Verleihung 18 Nationen auf Druck aus China fernbleiben, für den 20.März zu umfassenden Lesungen der "Charta 08" für Demokratie und Menschenrechte sowie Lius Gedichten aufgerufen. Außenminister Guido Westerwelle hat im Palais des Deutschen Botschafters in Paris eine Schau mit drei Bildern Neo Rauchs eröffnet, sie soll "Rauch auch in den französischen Kunstkreisen zum Durchbruch verhelfen." Wirtschaftsförderung der anderen Art. Das 1. Science-Slam im Horns Erben krankte laut Mark Daniel an Unpünktlichkeit der Zuschauer, Qualitätsmängeln der Teilnehmer, der Nicht-Gültigkeit der Regeln für alle Teilnehmer, schlechter Organisation der Abstimmung durch das Publikum und an der Gestaltung des Finales. Sonst wars klasse, wie meistens in der freien Szene. Beim Werkstatt-Festival im Lofft wünscht sich Steffen Georgi mehr einfache Verständigung darüber, "was zu tun ist: die Geschichte erzählen, die man erzählen will. Und seien es welche vom Scheitern." Was also offensichtlich nicht immer gelingt.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

lvz kultur vom 03.12.10: Buchpreis, Bundes-Kulturausgaben & Moritz von Uslar in Oberhavel

Für Martin Pollack ist Verständigung in hohem Maße "Information, Austausch, Aufklärung". Weil der Journalist und Schriftsteller in seinen historischen Reportagen und Büchern diesem Aspekt hohe Bedeutung beimißt, erhält Pollack nun den Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung 2011. Gerade der Blick in den Osten, besondern auf Galizien, einer Gegend, die sich vom Süden Polens in den Westen der Ukraine erstreckt, und Weißrussland ist Pollack wichtig. In einem Interview mit Janina Fleischer spricht er über die Notwendigkeit, "alle Geschichten zu erzählen". Gerade wegen der verbreiteten Neigung der Österreicher, zu verdrängen und zu verdecken, was unangenehm ist. Österreiche Politiker seien eher feige, schieben die Bevölkerung vor, der man nicht die ganze Wahrheit zumuten könne. Doch die sei vernünftiger, als ihre Regierung denke.
Das Thema der Migration aus Galizien zum Beispiel, über das Pollack in seinem Buch "Kaiser von Amerika" berichtet, habe heute durchaus Überschneidungen zur Zeit des 19. Jahrhunderts. Beim Schlepperunwesen und beim Frauenhandel, aber auch der wirtschaftlichen Entwicklung durch das Geld, das die Migranten zurück nach Hause überweisen, gibt es Parallelen. Pollack will auch über den Antisemitismus, die Nationalitätenkonflikte und die Ausbeutung Galiziens durch Österreich informieren, um der Verständigung willen.

Während Kommunen und Länder ihre Kulturetats zum Teil heftig senken (müssen), erhöht der Bund seine Kulturausgaben. Doch die sind recht einseitig verteilt. Die Hälfte der Zuschüsse (1,1 Milliarden €) gehen an Staatliche Sammlungen in Berlin, die Museumsinsel etwa. Zusammengefasst gibt es 19 Einrichtungen, die sämtlich von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz getragen werden. Abgesehen von Berlin und seiner Repräsentationskultur sowie der deutschen Kultur im Ausland samt Deutscher Welle gibt es nur wenige Objekte in den Ländern, die vom Bund gefördert werde. Kultur ist Ländersache (gesamt 3,5 Milliarden €) und Sache der Kommunen (ebenfalls ca. 3,5 Milliarden €), auch wenn die nur zu gerne ebenfalls auf Repräsentationskultur schauen (Dresden) und eine Einrichtung wie die Landesbühnen, die in allen anderen Bundesländern auch Ländersache ist, zur kommunalen Aufgabe machen will. Nur für die östlichen Länder hat der Bund qua Einigungsvertrag Verantwortung zu tragen, was sich u.a. darin auswirkt, dass ein kleines, aber überregional bedeutsames Museum in der Provinz, das Lindenau-Museum in Altenburg, immer wieder vom Bund (Projekt-)Zuschüsse erhält.
Der Artikel von Clemens Haug, Marco Irrgang und Maria Köhler deutet zwar an, dass der Bund größere Spielräume hätte, auch in den Ländern fördernd tätig zu werden, doch der Bund will augenscheinlich Kompetenzstreitigkeiten vermeiden. Verständlich, sofern sich die Länder nicht immer stärker auf Zuschüsse für Einrichtungen beschränkten, die wirtschaftlich oder touristisch einen bedeutenden Faktor darstellen. Für die Bewohner der Kommunen und des Landes Sachsen müssen zunehmend die Städte selbst zahlen, auch wenn denen das Wasser längst bis über die Augenbrauen steht.

Kai Kollenberg schreibt über Moritz von Uslar, der für drei Monate in eine ostdeutsche Kleinstadt gezogen ist, ohne rechte Absichten, ohne Recherchedruck, und hat trotzdem ein mehr als sympathisches Buch über seine Zeit in " Oberhavel" (in der Realität Zehdenick in Brandenburg) veröffentlicht: "Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung". Uslar beobachtet, nimmt teil. Natürlich beobachtet er Klischees, das an Tankstellen abhängen etwa, das Grölen bei jedem Mädchen, das vorbeikommt, die Gespräche ohne Thema. All das aber ohne arroganten Blick, ohne seine Figuren bloßzustellen. Er nimmt die Bewohner, wie sie sind, urteilt nicht, spart mit Ironie. Als von Uslar vor kurzem eine Lesung aus seinem Buch veranstaltete, kam die gesamte Stadt - und fühlte sich in keiner Weise überrumpelt oder ausgenutzt. Das Ende lautet: "Das sind schon ziemliche Arschgeigen da, aber großartige Arschgeigen."

Die Versionale ist ein unterhaltsamer, europaweit ausgetragener Regiewettbewerb. Über 400 Regisseure haben Shakespeares Sommernachtstraum inszeniert. Allein in Deutschland 72. Das Besondere: Ihr Zeitlimit von 18 Minuten. In Leipzig findet nun der deutsche Ausscheid für das Internationale Finale in Trient statt. Die einzige Leipziger Regisseurin, schreibt Mathias Wöbking, die zudem bereits einen Publikumspreis gewonnen hat, ist Romy Kuhn, Regieassistentin und Dramaturgin am Theater der Jungen Welt. Mit Natascha Mamier aus Halle und dem Leipziger Martin Klemm hatte sie sich für das "Halbfinale" qualifiziert. Doch die Zeit für Sommernachtsträume ist zur Zeit wohl weit entfernt. Regisseurin Romy Kuhn lässt die Erwartungen erst garnicht hoch steigen. "Ach, wir wollen nur Spaß haben." Heute bis Sonntag, jeweils 20 Uhr in der naTo.

Mittwoch, 15. September 2010

lvz kultur vom 16.09.10: Oper, Gewandhaus, Centraltheater sollen sparen, Peter Gabriel lässt sich vor Wonne den Rücken kratzen

Unsolidarisch und dumm haben sich die Leiter der großen und kleinen Kulturinstitute Leipzigs und ganz Sachsens seit Monaten verhalten. Sie haben alles ignoriert, was über die Kürzungen der Kulturraumgelder bekannt wurde. Und wenn nicht, haben sie im kleinen Kreis gejammert. Und nun, wo sie selbst zu den Leidtragenden gehören sollen, fangen sie das öffentliche Wehklagen an. Warum haben sie sich nicht längst mit den anderen Kultureinrichtungen, mit den betroffenen Landkreisen der Kulturräume, den Politikern vor Ort kurzgeschlossen und eine große Front gegen die freche Art der Dresdner Landesregierung, ihren eigenen Etat auf Kosten derer aller übrigen zu sanieren, gebildet. Warum nicht statt des Quatsches von 800 Lutherfiguren auf dem Wittenberger Marktplatz 800 Einrichtungen mit kreativem Protest sachsenweit vernetzen und Dresden regelrecht einkesseln? Deutlich zu machen, dass es um ein bequemes Outsourcen unliebsam gewordener Institute durch die Sächsische Landesregierung geht. Auf Kosten aller anderen. Dass Dresden - nicht die Stadt, die Landeshauptstadt - Geld für repräsentative Kultur, und nicht für ihre "Landes"bühne ausgeben will. Und das, obwohl das Wasser längst nicht bis zur Deichkante steht. Jetzt sollen die Kulturetats aller Orte außerhalb Dresdens Hals über Kopf rasiert und dauerhaft geschädigt werden. Doch hochbezahlte Kulturfachleute schauen nur auf sich und ihren eigenen Betrieb. Und können es gar nicht fassen, dass das Goldene Zeitalter vorbei sein soll. Diese Ignoranz der Direktoren, Intendanten, Leiter usw. ist Ausdruck des hemmungslosen Egoismus und Desinteresses am anderen, gepaart mit der Ignoranz des Einzelkämpfers.

Ja, natürlich jammern jetzt Faber, Maravics, Schulz & Co. was das Zeug hält. Selbst Wolfgang Tiefensee schwadroniert wolkig über die Zerstörung der Seele der Stadt Leipzigs durch die Damen und Herren der Landesregierung sowie Bonew, Albrecht & Co., und die willigen Helfer von Leuze über Hesselbarth und wer weiß wen sekundieren mit eigenen Kürzungs- und Fusionsvorschlägen. Peter Korfmacher wiederum sieht zwei Fronten in der Diskussion, und angeblich hätten beide Recht! Und beklagt anschließend, dass jemand sich der Interessen der Leipziger Kultur annehmen müsse. Wenn diese Argumentation nicht schon in sich so verquer wäre, kann man dem Herrn nur konzedieren, dass er in eine Leerstelle sticht, da in der gesamten Kulturbourgeoisie kein ernstzunehmender, charismatischer, über den eigenen Horizont hinaus denkender Mensch vorhanden zu sein scheint. Wo er allerdings ganz sicher recht hat, ist, dass endlich Inhalte und nicht Zahlen in die Debatte gehören. Aber man muss sich nur mal die vor einigen Tagen von lvz Fotograf Andreas Kempner inszenierte Schießbudenfigur Alexander von Maravics fäusteballend auf einem Foto ansehen, dann weiß man, welche Papiertiger die Sache der Kultur in Leipzig vertreten. Dass Kulturbürgermeister Faber in seinen Äußerungen an Deutlichkeit gewinnt ("kontrolliert Schulden aufnehmen statt Substanzschädigung"), leider ohne Argumentation, kommt vermutlich zu spät. Die Stimmung, jedenfalls in Leipzigs Stadtrat, erscheint fatalistisch und profilneurotisch in einem.

Zum Glück gibt's noch Peter Gabriel. Der beginnt - dafür, dass er mit seinen 60 Jahren beinahe aus der Steinzeit des Popgeschäfts stammt - mit erstaunlicher Lust an Neuem und einer kraftvollen, berührenden Stimme ("ungeheures Volumen") in seinem Liveauftritt in der Arena "überwältigende" Musik zu machen, schreibt Mathias Wöbking. Sein Konzept, spielst du was von mir, dann spiele ich was von dir, schafft - von seiner Seite - großartige Interpretationen, die meisten mit Orchesterklang im Rücken. Der lässt die Songs (von Magnetic Fields, Paul Simons, Randy Newman, Regina Spektor u.v.m.) gerade nicht unter einem Klangbrei verrecken, sondern verstärkt ihre Besonderheit und lässt sie so zur Geltung kommen.

Dass die Globalisierung nicht per se schlecht ist, sondern gerade durch die weltweite Vernetzung zu positiven Folgen für Menschen führen kann, zeigt die Tatsache, dass der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu nach vielen vergeblichen Versuchen, nach Gefängnisaufenthalten und vielen weiteren Demütigungen endlich erstmals China verlassen darf, um an einem Literaturfestival teilzunehmen. Der Autor mit der großen weltweiten Fangemeinde, der unbedingt wieder nach China zurück will, war in Deutschland durch sein Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten" bekanntgeworden, eine Sammlung von Interviews, die Menschen "zu Wort kommen lässt, die es im offiziellen China gar nicht geben sollte". Dass solche Interviews großen Entdeckungsreisen ähneln, ist in Deutschland bereits durch die Interviews von Gabriele Goettle bekannt. Doch Liao Yiwu hat seine Veröffentlichung im Gegensatz zu Goettle mit mehrjährigem Gefängnisaufenthalt bezahlt. Durch stetes Hobeln dicker Bretter, durch den Einfluss von Politikern, dem Engagement vieler Literaturfreunde und nicht zuletzt der eigenen Unbeugsamkeit hat er es geschafft zu reisen. Andreas Landwehr berichtet mit Rührung von dem Moment, in dem der Autor im Flugzeug sitzt und beinahe ungläubig in sein Handy "Gleich geht es los" flüstert. Das bewegt tatsächlich. Und lässt auf die produktive Kraft von Globalisierung hoffen.

Freitag, 10. September 2010

lvz kultur vom 10.09.10: elektrisch orthodox, Grisham, Collins und Shanghai

"elektrisch orthodox", so schreibt Jürgen Kleindienst, sei eines der überraschenden Ateliers auf dem diesjährigen Herbstrundgang in Tapetenwerk und Spinnerei. Sechs Künstlerinnen lassen viel erwarten, wenn man denn den Weg über manche Treppenstufe und entlang manchen Ganges geschafft habe: Sogar "Alles". Hauptsache, es gehe nicht trocken und clean zu wie in anderen Ateliers. Es geht ums Wohlfühlen, um die Überwindung der Distanz zwischen Werk und Betrachter, zwischen Betrachter und Betrachter. "Alles" heißt auch, "man solle sich nicht davor fürchten, ad hoc verheiratet zu werden". Nicht schlimm. Die Ehe halte gegenwärtig eh nicht länger als bis zum nächsten Händewaschen.
Der strenggläubige Baptist, ehemalige Anwalt, gewesene Abgeordnete des US-Bundesstaats Mississippi und heutige Autor John Grisham ("Das Gesetz") meint, sich gegen einen Glaubensfreund und Friedensfeind zu Wort melden zu müssen: Am 11.9. den Koran verbrennen zu wollen, wie es der "christliche" Fanatiker Terry Jones vorhabe, bedeute nur, Hass zu verbreiten. Für diese Absicht sollte er doch nicht soviel Publicity bekommen. Glaubwürdig, seine Haltung, wenn Grisham nicht von dem Rummel auch Publicity abbekommen würde. Es bleibt vertrackt. Man kann sagen, was man will. Hauptsache prominent. Unmöglich, kein Spielball der Medien zu werden.
Phil Collins hat - ähnlich wie Exkollege Peter Gabriel - ein Cover-Album ausschließlich mit fremden Kompositionen rausgebracht. Wo Gabriel den Songs bedeutungsschwanger mit Orchester zu Leibe rücke, meint Mathias Wöbking, nähert sich Collins dem Motown-Studio-Sound der Sixties so weit an, dass der augenzwinkernde Versuch zu entstehen scheine, Collins selbst sei einer der unbekannten Motown-Sänger gewesen. Dazu schnipsen und stampfen die Collinssöhne Nicholas und Matthew mal mit den Fingern, mal den Füßen. Das sei doch mal ne Aufsehen erregende Haltung zur Musik - findet der witzbegabte lvz Redakteur.
In Shanghai zeige sich die rasante Entwicklung derzeit insbesondere an der Architektur, schreibt Nina May. Die immer dichter an die Wolken kratzenden Hochhäuser stünden für diese Entwicklung. Eine Ausstellung des Goethe-Instituts, "Updating China", sieht diese Entwicklung im Update eines Computers simuliert. Dass dabei auch mal alte Programmierungen stehenbleiben können, entdeckte der hallenser Künstler Michael Krenz, der an der Ausstellung teilhat, in einer im Schatten der Türme gelegenen Bibliothek aus dem 18. Jahrhundert, in der es neben alten Kalligraphie-Tischen auch geschmierte Maoparolen an den Säulen zu entdecken gäbe. Gleichwohl hätte der durch nichts zu irritierende Zukunftsoptimismus der Chinesen Elemente des alten "Amerikanischen Traums" kopiert - oder eben upgedated.

Donnerstag, 2. September 2010

lvz kultur vom 02.09.10.: Mendelssohn, Sarrazin und Foucault

Kinder gelten in der Kultur als defizitäre Wesen. Sie haben sich, wenn überhaupt, in der Regel mit minderwertigerer Kunst zufriedenzugeben als ihre Schöpfer/Erzeuger das für sich in Anspruch nehmen. Das will das Mendelssohn-Kammerorchester verändern. Exzellent! Und schütten das Kind gleich mit dem Bade aus. Das MKO setzt die nicht neue Idee einer Kinderbetreuung in die Tat um, alldieweil die Erziehungsberechtigten im gewandhauseigenen Gestühle sitzen. Diese Betreuung findet zudem unter Anleitung von erfahrenen Musikpädagogen statt. Wertvoll, besonders wertvoll! Ganz besonders besonders wertvoll ist, dass den Kindern ein Platz für eine Halbzeit (!) im Konzertsaal freigehalten wird. Ein bisschen Frieden..., wenigstens ein halbes Konzert lang, soll also, ganz im Sinne der Bedürfnisse der Kinder selbstverständlich, den Erwachsenen gegönnt werden. Der Clou dieser - mäßig innovativen, aber kulturelle Bildung in einer Zeit, die nach kultureller Bildung der Jüngsten schreit, praktizierenden - Veranstaltungsreihe mit dem euphemististischen Titel "Konzerte für Neugierige" ist aber deren Motto. Es heißt allen Ernstes "Wunder und Kinder". Eine (gehobene Mittel-)Schicht feiert sich und ihren Nachwuchs in vorausahnender Euphorie selbst. kfm alias Peter Korfmacher feiert mit.
Thilo Sarrazin und kein Ende. Die Medienmaschine erzeugt sich selbst - und funktioniert als Perpetuum Mobile. Wenn doch wenigstens der Teufel auf den größten Haufen scheißen würde. Gestern analysierte Jürgen Kleindienst die Aufregung um TS, dem auch Beckmann den Schwanz lutschen musste, "als inzwischen wohl erfolgreichste Marke im Segment Provokation im Land". Angesichts seines "gefährlichen Stoffs" ein Spiel mit dem Feuer. Doch Callboy lvz gewährt ihm gegen Geld auch diese Befriedigung. Selbst bad news sind good news.
Heute wird via dpa en passant gemeldet, dass das Internationale Literaturfestival in Berlin TS wieder ausgeladen habe, nachdem es ihn erst eingeladen hatte. Schande über das "Literatur"-Festival, das sich angeblich um Einblicke in "neue Entwicklungen der Weltliteratur" bemüht. Wie hat es ihn einladen können? Diese Entwicklungen sind geistig und finanziell korrumpiert. Wer jetzt gegen wen die Ausladung wie und warum begründet, ist einfach nur eklig.
Heute schreibt auch Mathias Wöbking über die Besetzung der Planstelle für Provokation, TS. Unaufgeregt erwähnt er einen vergleichbaren Fall, den des Legationsrates Heindl 1927, der, kein Nazi, doch den Nazis den Weg bereitete. Wöbking zerschreddert seelenruhig die stets auf Neue angeführten Argumente der Pseudo-"Tabubrecher", deren "Bruch" "vor allem die wüste Beschimpfung einer Gesellschaftsgruppe" zum Inhalt habe. Und endet mit: "In den Worten des französischen Denkers Michel Foucault hat man es mit einer Gesellschaft zu tun, die 'lautstark ihre Heuchelei geißelt, redselig von ihrem eigenen Schweigen spricht und leidenschaftlich und detailliert beschreibt, was sie nicht sagt'. Der Clou: Armin Görtz sagte schon vorgestern in einem Kommentar: Sarrazin habe nicht in allem (!) Recht. Die gentechnischen Ausführungen des TS beruhten eventuell auf fehlerhaften Details. Heldenhafte lvz.
Das wunderbare Gespräch mit Peter Gabriel, das Michael Loesl für die lvz von gestern führte, muss hier leider unbesprochen bleiben. Leute, freut euch auf den 14. September!

Freitag, 20. August 2010

lvz kultur vom 20.08.10: Webcomedians, Mein Kampf, die Leipziger Schule und, ach Mensch, die Liebe!

Das musste ja kommen. Wahre Komödianten machen vor keiner Nische halt. Mitten unter 144 Millionen Treffern, die Google unter den Begriffen Youtube und Comedians ausspuckt, gibt es tatsächlich Perlen. Nina May hat sie gefunden. John Lajoie zum Beispiel, der einen abgerissenen Künstlerromantiker mimt, der in seiner "WTF Collection" getauften Serie den Rapper MC Unsicher darstellt mitsamt der schönen Zeile: "Ich bin es nicht wert, auf diesem Video zu sein, deshalb tue ich jetzt so, als wenn ich mir den Knöchel verstaucht hätte." Auch "Gesellschaftskritisches" über die Heuchelei nach Michael Jacksons Tod hat die May bei ihm gefunden. Nachhilfe in "Comedynetzkultur" biete das Portal Wikihow Hilfe, das in zehn Schritten den Weg zum erfolgreichen Comedian verspricht, inklusive Ratschlägen zum Hochladen der Videos. Darunter auch: "Mach keine verletzenden Witze, niemand mag das, weißt du". Youtube belohnt die erfolgreichen Videohochlader und Abonnentensammler mit Beteiligungen an eingeblendeten Werbebannern, umgerechnet mit ca. 10 Cent pro.
Esteban Engel schreibt über eine Untersuchung zum Leseverhalten der deutschen Bürger zwischen 1933 und 1945: "Lesen unter Hitler - Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich". Was spannend zu werden verspricht, entpuppt sich im Text als langweilige Faktensammlung, die Hitlers "Mein Kampf" (Spitzenreiter mit 12,5 Mio Auflage) neben den Ratgeber "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" (1,2 Mio), Karl Mays Werke oder Margaret Mitchells "Vom Winde verweht" (366000) aufführt. Mäßig erhellend einzig, dass das unkoordinierte Nebeneinander der etwa 50 Zensurstellen Kompetenz-Wirrwarr im Nazideutschland belegen und wahrhaft gewiefte Verlage in dieser Zeit den Grundstein zum späteren Erfolg legten, darunter C. Bertelsmann in Gütersloh.
Thomas Mayer berichtet darüber, dass Leipzig ab 11. September im ehemaligen Wohn- und Atelierhaus von Werner Tübke eine neue Galerie mit Werken der Leipziger Schule erhält. Der Frankfurter Kunstsammler Fritz P. Mayer, der bisher Wert auf strenge Diskretion legte, stiftete bereits mehreren Sammlungen ungenannt Bilder. Nun ist er zu der Überzeugung gekommen, dass insbesondere die Leipziger Schule (und er selbst) eine größere Präsenz in der Öffentlichkeit verdiene und nicht, wie im neueröffneten Dresdner Albertinum, nur eine marginale Rolle.
Über eine Werkschau des 2004 verstorbenen Leipziger Künstlers Günter Albert Schulz durch den Anhaltischen Kunstverein Dessau schreibt Christine Hochstein. Der zurückgezogen lebende und arbeitende Künstler wird mit Bildern aus sechs Jahrzehnten und in ganz verschiedenen Schaffensphasen präsentiert. In seinen Werken folgte er den Emotionen des Augenblicks ("Erst malen, dann denken"), sie seien Meditationsobjekte, "die das innere Bild sichtbar machen".
Und Mathias Wöbking findet in der Melancholie eines verregneten Sommers mit einem "Element of Crime"-Konzert auf der Parkbühne das passende Gegenstück. Die Kummerlieder des "kauzigen" Sven Regener lasse die wundervolle Musik des Kammermusik-Country-Ensembles "selbst in ihren Dur-Momenten nach Moll klingen". Und dann das Thema ("Ach Mensch, die Liebe"): "Ganz egal, woran ich gerade denke. Am Ende denk' ich immer nur an dich". Wovon soll der Mensch bloß noch singen, wenn er in einem Jahr die 50 erreicht?

Mittwoch, 18. August 2010

lvz kultur vom 18.08.10: Sächsischer Hiphop in China, Maultrommelfestival in Taucha & Bauernopfer an der Oper

Mit einem Fuß in Taucha, mit dem anderen in Shanghai. Während Kulturjournalist Mathias Wöbking mittels zweier Artikel souverän den Spagat zwischen moderner regionaler und Weltkultur zu beschreiben vermag, demonstrieren sächsische Provinzpolitiker entschlossenes Maulheldentum anlässlich eines herbeigeschriebenen Eklats und schweigen stattdessen stille zu Kulturverlusten im Freistaat.

Ein Bautzener Sozialarbeiter arbeitet daran, den sächsischen Freistaat gemeinsam mit dem Hiphop-Stützpunkt Berlin auf der Weltausstellung Expo in Shanghai als Heimat urbaner Jugendkultur zu präsentieren. Die chinesische und die deutsche Szene sollen miteinander vernetzt werden, Graffiti, Rap, Beatboxing und Breakdance werden zunehmend auch im Fernen Osten Teil einer globalen Kultur. Doch dies nicht als subkulturelle Bewegung von unten, sondern massiv gefördert von Chinas Staatskommunisten. Die Kreativwirtschaft werde in kapitalistischer Logik als strategisches Feld begriffen, dem auch schon mal mittels Abrisses ganzer Stadtviertel zu neuen Räumen verholfen wird. In Leipzig führen Ordnungsbeamte lieber rechtzeitig so lange Dezibelmessungen durch, bis die Sonntagsruhe auch unter der Woche garantiert bleibt. Eindrucksvoll schildert Wöbking, wie der Deutsche Pavillon zu einem der Publikumsmagneten der Expo avanciert und das herrschende Deutschlandbild aus Bier und Oktoberfest durch Graffitischablonen u.a. mit dem Schriftzug Dresdens einfach übersprüht wird.
In Mathias Wöbkings zweitem Artikel hält die globalisierte Welt stattdessen Einzug in Leipzigs beschaulichen Vorort Taucha. Dort werden am Wochenende bis zu zweieinhalb Tausend maultrommelnde Menschen aus mehreren Kontinenten beim Szene-Festival "Ancient Trance" erwartet, darunter das französisch-algerische Trio Watcha Clan und Dikanda aus Polen. Der in Taucha angesiedelte weltgrößte Online-Versandhändler für Maultrommeln, eines der ältesten Musikgeräte der Welt, hat das Festival erstmals in die Kleinstadt geholt.

Michael Bartsch schreibt über eine Anhörung im sächsischen Landtag, die mit ungewöhnlich hoher Publikumsresonanz stattfand. Es ging um den Haushaltsentwurf der sächsischen Staatsregierung, durch den der Freistaat sieben Millionen Euro sparen und sie den Kulturräumen entziehen will, indem diese künftig mit dem in Dresden eingesparten Batzen Geld selbst weitgehend für die Finanzierung der Landesbühnen Sachsen aufkommen sollen. Dass dadurch viele lokale und regionale Kultureinrichtungen in ihrem Bestand gefährdet sind, nimmt der Freistaat in Kauf. Über eine ins Auge gefasste Verfassungsklage der sächsischen Landräte könne Ministerpräsident Tillich nur lachen.
In Leipzig schreibt man den Eklat lieber selbst herbei. Klaus Staeubert, Lokalredakteur des lokalen Katastrophenfachblatts, ist einmal mehr an populistischer Haudraufkultur interessiert. Heute kann er vermelden, dass Opernpressesprecherin Christine Villinger zurückgetreten sei. Anlass war ein Gespräch mit der LVZ, in der sie die Terminüberschneidung von Opernpremiere und Lichtfest zum 9. Oktober kommentierte und in diesem Zusammenhang den Leipziger Marketingevent etwas lapidar als "großen Bohei" bezeichnete. Angesichts dessen, dass die Pressesprecherin den Spielplan und die Disposition zwar nicht verantworten, aber vertreten muss, bleibt natürlich zu konstatieren, dass die temperamentvolle und im Zweifel aus ihrem Herzen keine Mördergrube machende Villinger ein falsches Wort benutzt hat. Und sofort beginnt das große Geschrei der Heuchler ("Mangel an Sensibilität und Geschichtsbewusstsein", "Konsequenzen"). Wann erlebt man denn mal, dass den Herren Provinzpolitikern der eigene Mangel an Sensibilität und das Schaufenstergehabe ihrer seelenlosen PR-Phrasen selbst auf das Gewissen schlägt? Wie perfide ist denn das, wenn Herr Achminow konstatiert, "Die Öffentlichkeitsarbeit der Oper war erfolglos", "habe sich von Leipzig entfernt (!)" und es "werde immer schwieriger, das Haus zu füllen". Es sind also weniger die sich z.T. gegenseitig blockierenden Personalentscheidungen und das konzeptlose, prestigeversessene Agieren der Kulturchefs und Politiker, die die Probleme der Oper mitverursachen. Stattdessen wird ein Bauernopfer gefunden, dass büßen muss, weil es ein städtisches Marketingevent, das zu einer religiösen Ersatzhandlung hochgejazzt wurde, durch falschen Tonfall zu entweihen drohte. Neben der Kampagne gegen Hartmann (siehe gestern) ein neues Beispiel für die provinzielle, erstickende "Liebe" mancher "wahren" Leipziger zur Kultur, auch Erinnerungskultur.

Sonntag, 1. August 2010

lvz kultur vom 02.08.10: Buchmesse in Kapstadt, Global Space Odyssey & Ferro-Festival

In Süd-, aber auch im restlichen Afrika, in dem politische Elien oft ungebildet seien, hat das Bücherlesen keine Vorbilder und erst recht keine Lobby. Auf der größten afrikanischen Buchmesse 2010 in Kapstadt, schreibt Laszlo Trankovits, verbreiteten mit Wole Soyinka und Desmond Tutu zwar gleich zwei Nobelpreisträger Glanz, doch der Lesekultur helfe das noch lange nicht. Wo z.B. die Förderung unzähliger Fußballinitiativen "in Diskrepanz" zu den "spärlichen Geldern für Lesekultur und Bildung" ständen, gäbe es aber durchaus einen Hunger nach Literatur. Wenn sie bezahlbar ist. In Nigeria werde ein Buch von 20 Menschen gelesen, illegale, "wilde Buchmärkte" in anderen Ländern Afrikas sprechen eine ähnliche Sprache. Und ein Projekt, das Kindern zehn Exemplare eines illustrierten Büchleins zum preiswerten Weiterverkauf schenkt, fördert "Geschäftssinn" ebenso wie "Lesekultur" - und scheint bereits in kurzer Zeit von Erfolg gekrönt.
Die Förderung oder zumindest Legalisierung nichtkommerzieller Kultur, insbesondere der Clubkultur und derem kreativen Selbstverständnis, hatten sich auch die Organisatoren der Global Space Odyssey in Leipzig auf die Fahnen geschrieben. Mathias Wöbking berichtet einmal mehr vom häufigen Unverständnis, wenn nicht gar ordnungspolitischer Willkür auf Seiten städtischer Ämter. Dass kommerzielle Betreiber da auf ganz andere Resonanz stießen, bereite nicht nur dem Sprecher der IG Kultur West, Sven Deichfuß, hörbar Ärger. Dass er allerdings mit Weggang im Fall, dass sich daran in nächster Zeit wenig ändern solle, droht, belegt, wie wenig Zutrauen zu städtischen Stellen tatsächlich besteht, nicht nur in Duisburg. Immerhin: parallel dazu beginnt die Stadt (u.a. Tiefbauamt), vorsichtig mit der Kultur im Westen Leipzigs zu werben, indem ab Leipzigs City eine entsprechende Beschilderung Einheimische wie Touristen den Weg weisen sollen. Das deutet zumindest auf potentielle Unterstützer hin und stimmt insofern vorsichtig optimistisch.
Im Vergleich zu den 3000 tanzenden Demonstrationsteilnehmern der Global Space Odyssey nehmen sich die 10.000 Besucher beim 3-tägigen Ferro-Festival von MDR Jump im ehemaligen Braunkohletagebau bei Gräfenhainichen, für das immerhin eine riesige Werbemaschinerie gelaufen ist, verglichsweise noch spärlich aus. Markus Wittpenn befindet gleichwohl "klein aber fein und mit ausgezeichnetem Preis-Leistungs-Verhältnis" und freut sich - neben vielen anderen Gigs - über einen grandiosen Auftritt von Blue October.
Bei so viel Aufbruch und Lust auf Musik und (Sub-)Kultur nimmt sich Rainer Wagners Bericht über Glucks "Orfeo" bei den Salzburger Festspielen eher deprimierend aus. Weder musikalisch (Wiener Philharmoniker unter Riccardo Muti: "blut- und glutloses Musizieren") noch inszenatorisch (Dieter Dorn, Bühne Jürgen Rose: "allzu braves Nacherzählen") überzeugend, hat sich die Hochkultur an diesem Wochenende statt altmeisterlich nur "altväterlich" präsentiert.

Freitag, 30. Juli 2010

lvz kultur vom 30.07.10: Bouillères "Retro", Julia Gröning und Roland Frenzel

"verstörung" ist das stichwort, unter dem janina fleischer olivier bouillères roman "retro" gelesen hat. der französische autor beschreibt in einer melange aus autobiografischem und fiktionalem die geschichte eines kindesmissbrauchs in den späten 70ern. verstörend machten den roman nicht nur die schilderungen der vergewaltigungsszenen, sondern, dass bouilléres seine haupfigur, die wie er selbst olivier heißt, dies scheinbar freiwillig erleben lässt, stolz darauf, jüngster unter den jungen dieses kinderpornorings zu sein. "nur für erwachsene" schreibt der deutsche verlag matthes & seitz auf seiner internetseite zur deutschen ausgabe dieses romans, der in frankreich für einen skandal gesorgt hat. kunstvoll versucht der autor, im rahmen einer rückerinnerung an das damalige geschehen noch korrekturen für seine damals zehn jahre alte hauptfigur mitzudenken. aussichtslos. die verletzungen würden so oder so ins heute getragen, die persönlichkeit bleibe verloren.
auf andere weise verstörend wirkt die ausstellung "losigkeit" mit arbeiten von julia gröning auf dem leipziger spinnereigelände auf susann buhl. in den überwältigend exhibitionistischen fotos der künstlerin ist sie immer wieder selbst zu sehen, ausnahmslos fragmentarisch. die suche nach dem gesamtbild zieht die betrachterin magisch durch die gesamte ausstellung, doch dieses bild wird es nicht geben. sinnlich bereichert wird der besucher gleichwohl auf sich selbst verwiesen.
verstörend, beinahe ergreifend, scheint die ausstellung mit werken des leipziger malers roland frenzel in der leipziger galerie könitz auf meinhard michael gewirkt zu haben. für den in mehrfacher hinsicht außenseiter unter leipzigs malern scheinen die motive anfangs allein gelegenheiten für den intensiven, beinahe naiven gebrauch von farbe gewesen zu sein. seine zunehmende erkrankung, seine psychotischen schübe, haben frenzels strich immer skizzenhafter, fragmentarischer werden lassen, wohl aus zwangsläufig nachlassender konzentration. aus vormals leichtigkeit wird auflösung und unglück. tragisch erscheint michael dagegen, dass diese von frenzels psychotischer natur und einsamkeit geprägte flüchtigkeit und eingeschriebene hinfälligkeit die bilder ergreifender mache als alle poesie und unmittelbarkeit der frühen phase.
auf der szene leipzig-seite schreibt mathias wöbking über die inszenierung des traumquadrat-ensembles von melvilles "moby dick" im soziokulturellen zentrum "die villa". intelligent, witzig, zeitgemäß und erschütternd - und in keiner hinsicht mit pädagogisch motiviertem laienspiel zu bezeichnen sei die inszenierung des regisseurs marek s. bednarsky.
thomas düll schreibt über die global space odyssey, die morgen von connewitz nach lindenau zieht. der spektakuläre umzug, der auf das selbstbewusstsein, aber auch die gefährdung der vielfältigen subkultur verweist, will auf die notwendigkeit für freiräume bzw. "müßiggang" jenseits von dauernder verfügbarkeit und selbstvermarktung der szene hinweisen, nicht allein zur produktion, sondern als angebot für alle besucher der kulturellen veranstaltungen. allerdings auch: dass es die subkultur für seine nutzer nicht umsonst geben kann.

Donnerstag, 29. Juli 2010

lvz kultur vom 29.07.10: Riehms "Dionysos", Männer und Krumbiegel

da besteht die möglichkeit, die uraufführung einer oper eines der wenigen großen, lebenden opernkomponisten unserer zeit, und damit unsere zeit selbst zu beschreiben, und die lvz vertut diese chance. schade.
wolfgang riehms opernphantasie "dionysos" über den denker friedrich nietzsche, bei den salzburger festspielen uraufgeführt, wurde, so rainer wagner, vom publikum mit großem jubel gefeiert. der rezensent vermutet darin allerdings, dass "die ratlosen sich nicht als nichtdenker entblössen wollten" - und reiht sich umstandslos unter ihnen ein. riehm benutze nietzsches texte als "wortsteinbruch", sein stück sei "ein irrgarten", die inszenierung pierre audis "so sperrig wie sinnlich", meeses bühne voller "chiffren". leider lässt wagner den ariadnefaden, den riehm mitliefere, in seinem eigenen text vermissen. keiner seiner sätze lässt beim leser bilder oder zusammenhänge entstehen, riehms musik- und bedeutungskosmos wird an keiner stelle angedeutet, die inszenierung versuche gar, statt sie zu "straffen" die "geschichte zu ende zu erzählen". peinlich wird es, als wagner der inszenierung schließlich ankreidet, auf das stück keine "eigene sicht" zu entwickeln, und im gleichen satz seinen vorwitz wieder zurückzieht, denn das sei "bei einer uraufführung auch nicht nötig".
"männer", eine ausstellung im leipziger fotomuseum mölkau mit porträts der fotografin eva mahn, hätte kritiker bernd locker am liebsten mit einer endlosschleife des grönemeyer-songs gleichen titels zum "audio-visuellen kabinett" gestaltet. umso lieber zitiert der rezensent aus der heiter-ironischen männermystifikation des ruhrpottpoeten. hinter den fotos - selbstinszenierten herrschaftsposen erfolgreicher menschen aus mahns direktem lebensumfeld, vom sparkassendirektor bis zum psychologen - vermutet locker die gleiche grönemyersche ironie, "anders" könne man "sich dem subtilen thema gar nicht nähern, zumal als frau". doch in mahns fotoporträts scheint mehr zu entdecken sein, als männer gerne von sich preisgeben möchten. das in ihrer inszenierung scheinbar individuell verkörperte starke und souveräne männliche ego entpuppt sich, so kann man bernd locker auch verstehen, in der vielfalt vielmehr als soziale konstruktion eines "als kind schon auf mann geeichten" (grönemeyer) geschlechts. dass zudem nur auf einem einzigen bild auch gefühl zum ausdruck kommt, stimmt den kritkermann allerdings nachdenklich.
auf der szene leipzig-seite darf sebastian krumbiegel über sein persönlich-prägendes musikerlebnis schreiben. es ist "bohemian rhapsody" von queen, ohne die es - so kalauert krumbiegel - keine prinzen gegeben hätte. das schräge psychogramm eines jungen mannes, der gerade jemand erschossen habe, sei große oper und gleichzeitig eine unbesch und Krumbiegelreibliche reise durch verschiedene musikstile, die ihn erst zum musikstudium gebracht hätte, und auch noch in 100 jahren gehört würde.
in der szähne-glosse brilliert mathias wöbking mit der nachricht, das "künstlerkollektiv bp" habe den leipziger maler michael fischer-art engagiert, trotzdem der in der bp-kernkompetenz "öl-malerei in wasser" ein noch unbeschriebens blatt sei. hoffnung - insbesondere für die echtzeit-installation "deepwater horizon" - läge vielmehr in der selbstzerstörerischen kraft des fischer-art-oeuvres, das dieser schon vielfach, u.a. in seinem kunstprojekt am leipziger brühl, bewiesen habe.
warm anziehen darf sich die leipziger kultur, wenn man dem grünen-fraktionschef und vorsitzenden des kulturausschusses wolfram leuze in seinem gespräch mit ulrich milde zuhört. er möchte partout lieber nicht selbst sagen, wo künftig gelder im stadthaushalt eingespart werden sollten, sondern möchte der guten basisdemokratischen tradition folgen, die bevölkerung selbst darüber entscheiden zu lassen, wo sie sich amputieren möchte, d.h. welche kultureinrichtung eingespart werden könne. prost mahlzeit.