Ein Wett-Kandidat bei Gottschalks "Wetten, dass..." hat "komplexe Verletzungen an der Halswirbelsäule", Rückenmarksschädigungen und Lähmungserscheinungen. Die Sendung wurde daraufhin abgebrochen. Der schlimme Unfall hatte sofort eine Diskussion über Gefahr und Konkurrenzkampf im heutigen Fernsehen, über Zynismus in den Medien, über Quoten und die Notwendigkeit einer neuen Fernsehethik zur Folge. In einem Kommentar schreibt Mark Daniel, "Allzu lange wird die Diskussion nicht dauern, denn bald bündelt die nächste durchs Medien-Dorf getriebene Sau alle Aufmerksamkeit und Empörung".
Vor 40, 30, 20 Jahren hätte es vielleicht - wie in der Politik - Abrüstungsverhandlungen "für den ganzen übersteuerten Zirkus der dumpfen Superlative" gegeben, Intendanten wie Präsidenten hätten eine Art von Vernunft walten lassen. Heute nicht mehr. Spieler beherrschen das Parkett. Die hier und jetzt im Konkurrenzkampf den Gewinn einfahren wollen. In Politik, Finanz- und sogenannter Realwirtschaft, Sport. Und Medien. Und uns selbst. Niemand zeige mit dem Finger auf den anderen. Daniel hat ja recht. Selbst die wichtigsten Debatten werden mehr oder weniger bewusst zu Tode geritten. Wort und Argumente abgenutzt, bis keines mehr brauchbar ist. Man sich selbst ekelt, darüber weiter zu reden. Nur - den Fernseher kann man im Zweifelsfall ausschalten. Für die Demokratie, geschweige das Klima, gibt es nicht mal einen stand-by.
Das sächsische Innenministerium (Minister Markus Ulbig, CDU) plant, von allen Initiativen und Vereinen, die vom Staat Geld erhalten, eine Treueerklärung auf die Verfassung einzufordern sowie von diesen eine Überprüfung aller ihrer Partner auf extremistische Tendenzen. Das beträfe dann nicht mehr "nur" Programme zur Förderung von Toleranz o.ä., sondern auch Fußballvereine oder Freiwillige Feuerwehren, wie Michael Bartsch schreibt. Der Staats- und VerfassungsrechtlerUllrich Battis von der Berliner Humboldt-Universität sieht für den zweiten Teil des Vorhabens allerdings keine rechtliche Grundlage. Lutz Richter vom Alternativen Kultur- und Bildungszentrum Pirna, die diese Erklärung verweigert haben, glaubt sogar eher an die Absicht, "Leute auf Linie zu bringen und Förderprogramme kräftig auszusieben."
Ob es wohl auch bald eine Klausel gibt, nach der Wirtschaftsunternehmen, die bestechen und betrügen, keine Wirtschaftshilfen oder öffentliche Aufträge mehr erhalten?
Peter Korfmacher muss lange suchen, um die Inszenierung "Hänsel und Gretel" an der Oper Leipzig schönzureden. Da er genug Platz zur Verfügung hat, findet er auch etwas, denn "nichts braucht die Oper im Moment so dringend wie einen solchen absehbaren Publikumserfolg." Sie braucht ihn scheinbar, um nicht sofort ohne Gnade in der derzeitig aufgeheizten Kürzungsdebatte ausgeschlachtet zu werden. Doch ein starker Publikumserfolg ("bietet viel fürs Auge, für die Ohren, fürs Gemüt") trotz oder wegen schwacher Inszenierung, die der Musik allen Raum lässt, und ihn z.B. den Sängern nimmt, ist eher ein Argument für eine Oper, die keine (über-)regionale Ausstrahlung braucht. Regisseurin Birgit Eckenweber gibt sich in Hänsel und Gretel "mit wenig Regie zufrieden", das erzeugt "Längen", vor allem im ersten Teil. Der "Vater" wird derweil von der Regie allein gelassen, "Mutter" und Kinder von der Ausstattung. Die effektheischende Ausstattung (Alexander Mudlagks) würde hier wie auch sonst oft zu Unrecht "mit Regie verwechselt". GMD Ulf Schirmer legt Tempi und Dynamik ohne Rücksicht auf die Sänger an, der Kinder- und Jugendchor agiert "hart an der Grenze zum Sakralkitsch", Besenbinder Peter sei gesanglich "ziemlich grobmotorisch". Auch sonst wenig Poesie. Natürlich auch gute Gesangsleistungen. Am Schluss das vernichtende Lob: "Kinder jedenfalls werden diese Produktion mögen und ihre Eltern und Großeltern auch."
"Muss sich Kultur rechnen?" Nein, befand gleich zu Beginn Bernhard Freiherr Loeffelholz von Colberg, ehemaliger Präsident des Sächsischen Kultursenats. Die Diskussionsrunde von Gewandhaus, mdr Figaro und lvz, über die Vera Wolfskämp schreibt, litt augenscheinlich an ihrer Zusammensetzung. Unter der Moderation von Peter Korfmacher (lvz) und Thomas Bille (mdr) fand sich kein Gegenredner, so dass der Intendant der Dresdner Musikfestspiele, Jan Vogler, für die abwesenden Ökonomen deren Position übernahm. Aus Überdruss, "ständig vom Geld sprechen" zu sollen, verkündete er euphorisch: "Es wird immer Kultur geben, solange es Publikum gibt!"
Dass das Ökonomische - wieder Loeffelholz - eine dienende Funktion gegenüber der Kultur habe, werden die Damen und Herren Politiker mit offenen Ohren aufgenommen haben. Zum einen herein, zum anderen heraus.
In der Interviewreihe mit Leipziger Landtagsabgeordneten zum Kulturraumgesetz, über das am 15. Dezember abgestimmt wird, antwortet heute Robert Clemen (CDU) den Fragen von Mathias Woebking. Clemen begründet seine Zustimmung zur Novellierung - und damit zur Kürzung der Gelder für alle bisherigen Kulturräume und ihrer Einrichtungen - mit einem neuen Konzept für die Landesbühnen Sachsen, das eindeutig auf Kosten städtischer Kultur gehen soll. Clemen will die Landesbühnen "als Ersatz für bestehende oder schon nicht mehr existierende Kulturangebote" den Kulturräumen unterjubeln. Die Kulturräume seien ohnehin weniger der "urbanen Ballungsräume" wegen, als für die ländlichen Regionen des Freistaats geschaffen worden.
Es erscheint geradezu grotesk, dass mit dieser Argumentation eine Landeseinrichtung des Freistaats in die kommunale Verantwortung hinein (und auf Kosten der Kommunen) entlassen werden soll, während gleichzeitig Dresdens Repräsentationkultur als eigentliches Spielfeld der sächsischen Kulturpolitik erkoren wird. Das Rechtsgutachten Prof. Ossenbühls bezweifelt gerade die Rechtmäßigkeit dieses Vorhabens. Gleichzeitig sollen die Sitzgemeinde Radebeul, der Landkreis und die Mittelstädte "in der Fläche" ebenfalls für die Landesbühnen Sachsen zahlen, obwohl ihnen künftig weniger Geld zur Verfügung stehen wird. Die verarmten Kommunen durch vielerlei Kürzungen im Regen stehen zu lassen, sie gleichzeitig zu höheren Eigenleistungen aufzufordern und ihre weniger werden Mittel nicht mehr für die gewachsene Kultur vor Ort, sondern für ein Ufo aus Radebeul einzusetzen, ist in Sachsen niemals diskutiert worden. Es ist Erpressung von Seiten des Landes, die nicht an die Wichtigkeit ihrer eigenen Kultureinrichtungen glaubt, sofern sie nicht in Dresdens Stadtgrenzen angesiedelt sind.
Anders würde sich diese Argumentation darstellen, wenn das Land die Kosten für die Landesbühnen auf die Zuschüsse für die Kulturräume drauflegte. Dann bliebe den Städten die Option und die Verhandlungsmöglichkeiten, ob sie die Angebote der Landesbühnen nutzen wollen und können.
Dass Clemen selbst nicht recht an seine Argumentation glaubt, ist auch der vollends verqueren Rechnung anzusehen, mit der er Zuschusserhöhungen von 2005 mit geplanten Kürzungen 2010 verrechnen will und sich so die Zuschüsse an Leipzig selbst schönrechnet. Das ist plump und unwürdig, nicht nur seinen Wählern gegenüber.
Außerdem feiert Rolf Hoppe in seinem zum Theater umgebauten Kuhstall am Rande Dresdens seinen 80. Geburtstag. "Nie war Rock mehr Pop": Die Sportfreunde Stiller haben für Jennifer Beck eine Rolle rückwärts gemacht, ihr Konzert in der Arena war zum einen eine Zeitreise in die 90er und gipfelte in der "Massenkompatibilität". Caroline Bock berichtet über den Triumph für Roman Polanskis in Babelsberg gedrehten Thriller "Der Ghostwriter" beim Europäischen Filmpreis, bei dem er gleich sechs Trophäen abräumte. Beth Ditto und ihre Band Gossip überzeugten Caroline Baetge in der Arena. Die "One-Woman-Show" sei nicht nur überzeugend, sondern in ihrer erfolgreichen Attacke auf gängige "Schönheitsideale" wenn schon nicht "echt", dann immerhin doch sympathisch. Ali Samadi Ahadi erhält den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis für seine Dokumentation der iranischen Wahlen 2009. Benedikt Leßmann konzediert dem Dirigenten der Berlin Sinfonietta, Francesco La Vecchia, "dirigentisches Unvermögen" in vielfacher Hinsicht. Das Publikum, das "professionell" abkassiert würde, erhalte nur "mediokres" Gespiele. Anja Gronau hat es sich in ihrer Fassung des Kleistschen Kohlhaas augenscheinlich zu einfach gemacht. Spontisprüche und ein allgemeines "Lob des Widerstands" könnte nicht mal dem Publikum einen Spiegel vorhalten, sofern es das denn wollte. "Wer immer nur komisch ist", könne kaum ernst genommen werden, meint Magdalena Fröhlich.
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Montag, 6. Dezember 2010
Sonntag, 19. September 2010
lvz kultur vom 18.09.10: Deutschland im Centraltheater, Ögüt, Pynchon & Kulturetat in LE
Wie sich die Geschmäcker unterscheiden. Wo Tobias Prüwer auf Nachtkritik.de in Martin Laberenz' Inszenierung der "Räuber" nur ein "laues Amalgam" sah, empfand Nina May den ersten Teil des Eröffnungsabends im Centraltheater als deutlich "gelungen". Getreu dem Spielzeitmotto "Deutschland" wähle Laberenz eine Sicht auf die "Räuber", die die "Beziehung der Deutschen zu ihrem Land im Verhältnis von Vater und Sohn spiegeln" möchte. Zwar könne sich die Regie zwischen Slapstick und Pathos nicht recht entscheiden, doch weder hätte sich Regie-Sohn Laberenz vor Autor-Vater Friedrich Schiller "im Staub gesuhlt", noch sich lediglich "an ihm abgearbeitet". "Laberenz bewegt sich irgendwo in der Mitte" der beiden Haltungen, schreibt May. "Frech, aber nicht dreist" sei er, und legt damit ihre persönliche Werteskala sympathisch deutlich offen.
"Frech" sei auch die Verkörperung des Räuberhauptmanns Spiegelberg durch eine Frau. Und dies, wo doch die Zeichnung der Frauenrollen der einzige "Makel" des Vater-Sohn-Konzepts darstelle. Wo unter Männern Wichtiges verhandelt wird, geraten Frauen zwangsläufig zum Beiwerk. Gemeint ist: Lustobjekt. Übrigens hat selbst Schiller, als er anonym sein eigenes Werk rezensierte, über die Figur der Amalie geschrieben: "Ich habe mehr als die Hälfte des Stückes gelesen, und weiß nicht, was das Mädchen will, oder was der Dichter mit dem Mädchen gewollt hat...". Sehr viel weiter sind wir also nicht. Wo Liebe "nur darin besteht, vögeln zu wollen und gevögelt zu werden", und Frauen, die was zu sagen haben wollen, die Männerrolle adaptieren, gehört Eva Herman (bürgerlicher Name: Eva Herrmann) wohl endgültig zum neuen role model.
Überzeugender noch als "Die Räuber" beschreibt May Robert Borgmanns Inszenierung von Bronnens "Vatermord". Er "schaffe krasse, aber sehr poetisch-symbolische Bilder", am Ende etwas viel davon, "aber sei's drum" wie die Kritikerin formuliert, diesen Theater-Sohn "will man jedenfalls wieder sehen".
Über eine Ausstellung von Werken Ahmet Ögüts in der Galerie für Zeitgenössische Kunst schreibt Anna Kaleri. Der jüngst mit dem Preis "Europas Zukunft" ausgezeichnete Künstler versehe seine Objekte "mit Beherztheit und schwebender Ironie", gleichwohl ließen sie sich nicht "im Vorbeigehen" erschließen. Wohl auch von ihr selbst nicht, denn die Berichterstattung surft eher auf der Oberfläche des Dargestellten und Gesehenen. Allein in der Beschreibung des Werks "Puzzle (Rätsel)" gibt sie Hinweise auf den gedanklichen Kosmos der Kunst Ögüts, wenn sie schreibt, er mache die "täglich wachsende Paranoia unserer Zeit" und die Veränderungen, die aus zunehmender Überwachung erwachsen, deutlich. Aber ob "Namen, Zahlen, Buchstaben als Symbol für komplexere Zusammenhänge" benutzt würden oder wenn Kaleri schreibt, "die ausgestellten Werke bleiben dabei Symbole von performativen Akten, von Ideen und Geschichten, die im Hintergrund schweben", ist man so klug als wie zuvor.
Und dann: Wieder eine der wundervollen Buchbesprechungen Janina Fleischers, diesmal schreibt sie über den neuesten Pynchon. Da, wo er bisher "dicke, meist unlesbare Romane" geschrieben habe, überrasche er in "Natürliche Mängel" mit einer Hippie-Detektiv-Komödie. Zwar surfe die Story ein bisschen hierhin, ein bisschen dahin. Doch die liebenswert verschrobenen bis paranoiden Figuren sind in eine wundervoll komplexe und unterhaltsam lesbare Story verwoben, was Fleischer mit dem Zitat "Sie waren alle nur Werkzeuge im Geräteschuppen eines anderen gewesen" versieht. Schwierigkeiten bei der Suche nach einer grundsätzlichen Moral lassen den stets bekifften Detektiv und Helden Doc Sportello in halluzinatorischer Sicherheit zwischen allen Stühlen herumirren. Thomas Pynchons "Leichtigkeit der Ironie" fügt sich im Laufe der 480 Seiten schließlich über einen Blick auf die "latente Bedrohung durch politische Interessen zu einem Blick auf die USA" der ausgehenden 60er Jahre. Die Utopien der damaligen Zeit (eine Figur aus dem Roman, eine Heroin-Braut, heißt 'Hope') enden - ähnlich wie die Energien laut zweitem thermodynamischen Gesetz - im kleinstmöglichen Ausschlag: "Das Verstreichen der Zeit selbst zu leugnen" (Pynchon). Oder wie der Physiker sagen würde: Im ordnungslosen Chaos.
Peter Korfmacher hat in seiner Analyse der geforderten Kultureinsparungen endlich den Finger auf die Wunde gelegt. Zum einen auf die Schwierigkeit, überhaupt ohne Schließungsdebatten realistische Sparressourcen zu benennen. (Was übrigens allen Kulturentwicklungsplänen zum Trotz einem Manko an Kenntnis und formulierten Absichten von Verwaltung, Stadtrat und Dezernat entspricht) Und dann die Reaktion auf die Ankündigungen Dresdens, Gelder für sämtliche Kulturräume um die 7 Mio EUR für die Landesbühnen Sachsen zu kürzen, als arg verspätet zu bezeichnen. Ja, auch Herr Korfmacher ist - wie OBM Jung - spät auf diesen Zug aufgestiegen, obwohl klar war, dass die unterschiedlichen Brandherde in den Städten und Kreisen einen gewaltigen Flächenbrand ergeben werden, wenn sie denn umgesetzt werden. Der kleinste gemeinsame Nenner aller Politiker scheint der zu sein, lieber getrieben zu werden als - in Verantwortung für das Bestehende - selbst zu treiben, oder wenigstens, wenn die Konsequenz der Dinge klar ist, sofort und deutlich zu reagieren. Vielleicht sind die 94% der Stimmen aus der lvz TED-Umfrage, die sich gegen Einsparungen an Leipzigs Kultur aussprechen, ja ein deutlicher Hinweis, sich um eine gemeinsame Interessenvertretung zu kümmmern. Vielleicht sogar in eine Richtung, wie sie ausgerechnet Volker Külow von Seiten der LINKEN in den Raum stellt: Verfassungsrechtlichkeit der Kostenabwälzung zu prüfen, diese verhindern zu wollen, dafür interfraktionelle Absprachen zu treffen. Aber redet nicht nur!
"Frech" sei auch die Verkörperung des Räuberhauptmanns Spiegelberg durch eine Frau. Und dies, wo doch die Zeichnung der Frauenrollen der einzige "Makel" des Vater-Sohn-Konzepts darstelle. Wo unter Männern Wichtiges verhandelt wird, geraten Frauen zwangsläufig zum Beiwerk. Gemeint ist: Lustobjekt. Übrigens hat selbst Schiller, als er anonym sein eigenes Werk rezensierte, über die Figur der Amalie geschrieben: "Ich habe mehr als die Hälfte des Stückes gelesen, und weiß nicht, was das Mädchen will, oder was der Dichter mit dem Mädchen gewollt hat...". Sehr viel weiter sind wir also nicht. Wo Liebe "nur darin besteht, vögeln zu wollen und gevögelt zu werden", und Frauen, die was zu sagen haben wollen, die Männerrolle adaptieren, gehört Eva Herman (bürgerlicher Name: Eva Herrmann) wohl endgültig zum neuen role model.
Überzeugender noch als "Die Räuber" beschreibt May Robert Borgmanns Inszenierung von Bronnens "Vatermord". Er "schaffe krasse, aber sehr poetisch-symbolische Bilder", am Ende etwas viel davon, "aber sei's drum" wie die Kritikerin formuliert, diesen Theater-Sohn "will man jedenfalls wieder sehen".
Über eine Ausstellung von Werken Ahmet Ögüts in der Galerie für Zeitgenössische Kunst schreibt Anna Kaleri. Der jüngst mit dem Preis "Europas Zukunft" ausgezeichnete Künstler versehe seine Objekte "mit Beherztheit und schwebender Ironie", gleichwohl ließen sie sich nicht "im Vorbeigehen" erschließen. Wohl auch von ihr selbst nicht, denn die Berichterstattung surft eher auf der Oberfläche des Dargestellten und Gesehenen. Allein in der Beschreibung des Werks "Puzzle (Rätsel)" gibt sie Hinweise auf den gedanklichen Kosmos der Kunst Ögüts, wenn sie schreibt, er mache die "täglich wachsende Paranoia unserer Zeit" und die Veränderungen, die aus zunehmender Überwachung erwachsen, deutlich. Aber ob "Namen, Zahlen, Buchstaben als Symbol für komplexere Zusammenhänge" benutzt würden oder wenn Kaleri schreibt, "die ausgestellten Werke bleiben dabei Symbole von performativen Akten, von Ideen und Geschichten, die im Hintergrund schweben", ist man so klug als wie zuvor.
Und dann: Wieder eine der wundervollen Buchbesprechungen Janina Fleischers, diesmal schreibt sie über den neuesten Pynchon. Da, wo er bisher "dicke, meist unlesbare Romane" geschrieben habe, überrasche er in "Natürliche Mängel" mit einer Hippie-Detektiv-Komödie. Zwar surfe die Story ein bisschen hierhin, ein bisschen dahin. Doch die liebenswert verschrobenen bis paranoiden Figuren sind in eine wundervoll komplexe und unterhaltsam lesbare Story verwoben, was Fleischer mit dem Zitat "Sie waren alle nur Werkzeuge im Geräteschuppen eines anderen gewesen" versieht. Schwierigkeiten bei der Suche nach einer grundsätzlichen Moral lassen den stets bekifften Detektiv und Helden Doc Sportello in halluzinatorischer Sicherheit zwischen allen Stühlen herumirren. Thomas Pynchons "Leichtigkeit der Ironie" fügt sich im Laufe der 480 Seiten schließlich über einen Blick auf die "latente Bedrohung durch politische Interessen zu einem Blick auf die USA" der ausgehenden 60er Jahre. Die Utopien der damaligen Zeit (eine Figur aus dem Roman, eine Heroin-Braut, heißt 'Hope') enden - ähnlich wie die Energien laut zweitem thermodynamischen Gesetz - im kleinstmöglichen Ausschlag: "Das Verstreichen der Zeit selbst zu leugnen" (Pynchon). Oder wie der Physiker sagen würde: Im ordnungslosen Chaos.
Peter Korfmacher hat in seiner Analyse der geforderten Kultureinsparungen endlich den Finger auf die Wunde gelegt. Zum einen auf die Schwierigkeit, überhaupt ohne Schließungsdebatten realistische Sparressourcen zu benennen. (Was übrigens allen Kulturentwicklungsplänen zum Trotz einem Manko an Kenntnis und formulierten Absichten von Verwaltung, Stadtrat und Dezernat entspricht) Und dann die Reaktion auf die Ankündigungen Dresdens, Gelder für sämtliche Kulturräume um die 7 Mio EUR für die Landesbühnen Sachsen zu kürzen, als arg verspätet zu bezeichnen. Ja, auch Herr Korfmacher ist - wie OBM Jung - spät auf diesen Zug aufgestiegen, obwohl klar war, dass die unterschiedlichen Brandherde in den Städten und Kreisen einen gewaltigen Flächenbrand ergeben werden, wenn sie denn umgesetzt werden. Der kleinste gemeinsame Nenner aller Politiker scheint der zu sein, lieber getrieben zu werden als - in Verantwortung für das Bestehende - selbst zu treiben, oder wenigstens, wenn die Konsequenz der Dinge klar ist, sofort und deutlich zu reagieren. Vielleicht sind die 94% der Stimmen aus der lvz TED-Umfrage, die sich gegen Einsparungen an Leipzigs Kultur aussprechen, ja ein deutlicher Hinweis, sich um eine gemeinsame Interessenvertretung zu kümmmern. Vielleicht sogar in eine Richtung, wie sie ausgerechnet Volker Külow von Seiten der LINKEN in den Raum stellt: Verfassungsrechtlichkeit der Kostenabwälzung zu prüfen, diese verhindern zu wollen, dafür interfraktionelle Absprachen zu treffen. Aber redet nicht nur!
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Mittwoch, 15. September 2010
lvz kultur vom 16.09.10: Oper, Gewandhaus, Centraltheater sollen sparen, Peter Gabriel lässt sich vor Wonne den Rücken kratzen
Unsolidarisch und dumm haben sich die Leiter der großen und kleinen Kulturinstitute Leipzigs und ganz Sachsens seit Monaten verhalten. Sie haben alles ignoriert, was über die Kürzungen der Kulturraumgelder bekannt wurde. Und wenn nicht, haben sie im kleinen Kreis gejammert. Und nun, wo sie selbst zu den Leidtragenden gehören sollen, fangen sie das öffentliche Wehklagen an. Warum haben sie sich nicht längst mit den anderen Kultureinrichtungen, mit den betroffenen Landkreisen der Kulturräume, den Politikern vor Ort kurzgeschlossen und eine große Front gegen die freche Art der Dresdner Landesregierung, ihren eigenen Etat auf Kosten derer aller übrigen zu sanieren, gebildet. Warum nicht statt des Quatsches von 800 Lutherfiguren auf dem Wittenberger Marktplatz 800 Einrichtungen mit kreativem Protest sachsenweit vernetzen und Dresden regelrecht einkesseln? Deutlich zu machen, dass es um ein bequemes Outsourcen unliebsam gewordener Institute durch die Sächsische Landesregierung geht. Auf Kosten aller anderen. Dass Dresden - nicht die Stadt, die Landeshauptstadt - Geld für repräsentative Kultur, und nicht für ihre "Landes"bühne ausgeben will. Und das, obwohl das Wasser längst nicht bis zur Deichkante steht. Jetzt sollen die Kulturetats aller Orte außerhalb Dresdens Hals über Kopf rasiert und dauerhaft geschädigt werden. Doch hochbezahlte Kulturfachleute schauen nur auf sich und ihren eigenen Betrieb. Und können es gar nicht fassen, dass das Goldene Zeitalter vorbei sein soll. Diese Ignoranz der Direktoren, Intendanten, Leiter usw. ist Ausdruck des hemmungslosen Egoismus und Desinteresses am anderen, gepaart mit der Ignoranz des Einzelkämpfers.
Ja, natürlich jammern jetzt Faber, Maravics, Schulz & Co. was das Zeug hält. Selbst Wolfgang Tiefensee schwadroniert wolkig über die Zerstörung der Seele der Stadt Leipzigs durch die Damen und Herren der Landesregierung sowie Bonew, Albrecht & Co., und die willigen Helfer von Leuze über Hesselbarth und wer weiß wen sekundieren mit eigenen Kürzungs- und Fusionsvorschlägen. Peter Korfmacher wiederum sieht zwei Fronten in der Diskussion, und angeblich hätten beide Recht! Und beklagt anschließend, dass jemand sich der Interessen der Leipziger Kultur annehmen müsse. Wenn diese Argumentation nicht schon in sich so verquer wäre, kann man dem Herrn nur konzedieren, dass er in eine Leerstelle sticht, da in der gesamten Kulturbourgeoisie kein ernstzunehmender, charismatischer, über den eigenen Horizont hinaus denkender Mensch vorhanden zu sein scheint. Wo er allerdings ganz sicher recht hat, ist, dass endlich Inhalte und nicht Zahlen in die Debatte gehören. Aber man muss sich nur mal die vor einigen Tagen von lvz Fotograf Andreas Kempner inszenierte Schießbudenfigur Alexander von Maravics fäusteballend auf einem Foto ansehen, dann weiß man, welche Papiertiger die Sache der Kultur in Leipzig vertreten. Dass Kulturbürgermeister Faber in seinen Äußerungen an Deutlichkeit gewinnt ("kontrolliert Schulden aufnehmen statt Substanzschädigung"), leider ohne Argumentation, kommt vermutlich zu spät. Die Stimmung, jedenfalls in Leipzigs Stadtrat, erscheint fatalistisch und profilneurotisch in einem.
Zum Glück gibt's noch Peter Gabriel. Der beginnt - dafür, dass er mit seinen 60 Jahren beinahe aus der Steinzeit des Popgeschäfts stammt - mit erstaunlicher Lust an Neuem und einer kraftvollen, berührenden Stimme ("ungeheures Volumen") in seinem Liveauftritt in der Arena "überwältigende" Musik zu machen, schreibt Mathias Wöbking. Sein Konzept, spielst du was von mir, dann spiele ich was von dir, schafft - von seiner Seite - großartige Interpretationen, die meisten mit Orchesterklang im Rücken. Der lässt die Songs (von Magnetic Fields, Paul Simons, Randy Newman, Regina Spektor u.v.m.) gerade nicht unter einem Klangbrei verrecken, sondern verstärkt ihre Besonderheit und lässt sie so zur Geltung kommen.
Dass die Globalisierung nicht per se schlecht ist, sondern gerade durch die weltweite Vernetzung zu positiven Folgen für Menschen führen kann, zeigt die Tatsache, dass der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu nach vielen vergeblichen Versuchen, nach Gefängnisaufenthalten und vielen weiteren Demütigungen endlich erstmals China verlassen darf, um an einem Literaturfestival teilzunehmen. Der Autor mit der großen weltweiten Fangemeinde, der unbedingt wieder nach China zurück will, war in Deutschland durch sein Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten" bekanntgeworden, eine Sammlung von Interviews, die Menschen "zu Wort kommen lässt, die es im offiziellen China gar nicht geben sollte". Dass solche Interviews großen Entdeckungsreisen ähneln, ist in Deutschland bereits durch die Interviews von Gabriele Goettle bekannt. Doch Liao Yiwu hat seine Veröffentlichung im Gegensatz zu Goettle mit mehrjährigem Gefängnisaufenthalt bezahlt. Durch stetes Hobeln dicker Bretter, durch den Einfluss von Politikern, dem Engagement vieler Literaturfreunde und nicht zuletzt der eigenen Unbeugsamkeit hat er es geschafft zu reisen. Andreas Landwehr berichtet mit Rührung von dem Moment, in dem der Autor im Flugzeug sitzt und beinahe ungläubig in sein Handy "Gleich geht es los" flüstert. Das bewegt tatsächlich. Und lässt auf die produktive Kraft von Globalisierung hoffen.
Ja, natürlich jammern jetzt Faber, Maravics, Schulz & Co. was das Zeug hält. Selbst Wolfgang Tiefensee schwadroniert wolkig über die Zerstörung der Seele der Stadt Leipzigs durch die Damen und Herren der Landesregierung sowie Bonew, Albrecht & Co., und die willigen Helfer von Leuze über Hesselbarth und wer weiß wen sekundieren mit eigenen Kürzungs- und Fusionsvorschlägen. Peter Korfmacher wiederum sieht zwei Fronten in der Diskussion, und angeblich hätten beide Recht! Und beklagt anschließend, dass jemand sich der Interessen der Leipziger Kultur annehmen müsse. Wenn diese Argumentation nicht schon in sich so verquer wäre, kann man dem Herrn nur konzedieren, dass er in eine Leerstelle sticht, da in der gesamten Kulturbourgeoisie kein ernstzunehmender, charismatischer, über den eigenen Horizont hinaus denkender Mensch vorhanden zu sein scheint. Wo er allerdings ganz sicher recht hat, ist, dass endlich Inhalte und nicht Zahlen in die Debatte gehören. Aber man muss sich nur mal die vor einigen Tagen von lvz Fotograf Andreas Kempner inszenierte Schießbudenfigur Alexander von Maravics fäusteballend auf einem Foto ansehen, dann weiß man, welche Papiertiger die Sache der Kultur in Leipzig vertreten. Dass Kulturbürgermeister Faber in seinen Äußerungen an Deutlichkeit gewinnt ("kontrolliert Schulden aufnehmen statt Substanzschädigung"), leider ohne Argumentation, kommt vermutlich zu spät. Die Stimmung, jedenfalls in Leipzigs Stadtrat, erscheint fatalistisch und profilneurotisch in einem.
Zum Glück gibt's noch Peter Gabriel. Der beginnt - dafür, dass er mit seinen 60 Jahren beinahe aus der Steinzeit des Popgeschäfts stammt - mit erstaunlicher Lust an Neuem und einer kraftvollen, berührenden Stimme ("ungeheures Volumen") in seinem Liveauftritt in der Arena "überwältigende" Musik zu machen, schreibt Mathias Wöbking. Sein Konzept, spielst du was von mir, dann spiele ich was von dir, schafft - von seiner Seite - großartige Interpretationen, die meisten mit Orchesterklang im Rücken. Der lässt die Songs (von Magnetic Fields, Paul Simons, Randy Newman, Regina Spektor u.v.m.) gerade nicht unter einem Klangbrei verrecken, sondern verstärkt ihre Besonderheit und lässt sie so zur Geltung kommen.
Dass die Globalisierung nicht per se schlecht ist, sondern gerade durch die weltweite Vernetzung zu positiven Folgen für Menschen führen kann, zeigt die Tatsache, dass der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu nach vielen vergeblichen Versuchen, nach Gefängnisaufenthalten und vielen weiteren Demütigungen endlich erstmals China verlassen darf, um an einem Literaturfestival teilzunehmen. Der Autor mit der großen weltweiten Fangemeinde, der unbedingt wieder nach China zurück will, war in Deutschland durch sein Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten" bekanntgeworden, eine Sammlung von Interviews, die Menschen "zu Wort kommen lässt, die es im offiziellen China gar nicht geben sollte". Dass solche Interviews großen Entdeckungsreisen ähneln, ist in Deutschland bereits durch die Interviews von Gabriele Goettle bekannt. Doch Liao Yiwu hat seine Veröffentlichung im Gegensatz zu Goettle mit mehrjährigem Gefängnisaufenthalt bezahlt. Durch stetes Hobeln dicker Bretter, durch den Einfluss von Politikern, dem Engagement vieler Literaturfreunde und nicht zuletzt der eigenen Unbeugsamkeit hat er es geschafft zu reisen. Andreas Landwehr berichtet mit Rührung von dem Moment, in dem der Autor im Flugzeug sitzt und beinahe ungläubig in sein Handy "Gleich geht es los" flüstert. Das bewegt tatsächlich. Und lässt auf die produktive Kraft von Globalisierung hoffen.
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