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Montag, 7. Februar 2011

lvz kultur vom 7.2.11: Keine Party ohne Alte. Philip Roth. Warhol. Sasportas

In Philip Roths neuem Roman „Nemesis“ geht es um Gott und Gerechtigkeit. Es geht um Bucky Cantor, einen Sportlehrer, es geht um Polio, Kinderlähmung, die 1944 die Stadt Newark erfasst. Cantor schämt sich, wegen seiner schwachen Augen für den Krieg als untauglich erklärt zu werden. Er schämt sich mehr noch und fühlt sich als Deserteur, weil er angesichts der Seuche zwei Tage zu früh seinen Dienst auf den Sportplätzen Newarks verlassen hat. Als er schließlich selbst an Polio erkrankt, „kann Cantor nicht anders, als die Tragödie in Schuld zu verwandeln.“ Er gibt sich auf und rechnet mit Gott ab. In seinem selbstgerechten Zorn zerstört er, was ihm etwas bedeutet hat. Janina Fleischer schildert den inneren Kampf des jungen Juden als ein Verhängnis, das dieser nicht als göttliches annehmen kann.Über das vertretbare Maß göttlicher Gerechtigkeit will dieser Mensch immer noch selbst entscheiden. Ein Hiob ohne Antwort von oben.

Ulrike Hofsähs berichtet über eine Fotoausstellung im Düsseldorfer NRW-Forum. Mehr als 30 Fotografen, darunter Mapplethorpe, Avedon und Warhol, werden mit rund 400 schwarz-weiß-Fotos aus der Sammlung Nicola Erni erstmals präsentiert. Sujet ist der Jet Set der 60er und 70er Jahre, von Warhol selbst bis Brigitte Bardot, von Romy Schneider bis Onassis und Uschi Obermeier. Bemerkenswert ist scheinbar der Versuch, ungewollte (und unerwartete) Paparazzifotos von den selbst gewollten Zurschaustellungen der Stars zu scheiden – oder eben fließende Übergänge zu dokumentieren.

Peter Korfmacher formuliert in der Glosse „ausgepresst“ eine interessante mediale Wahrnehmung. Die Ausweitung der politischen Talkzone in der ARD (An künftig fünf Abenden statt vier) erscheint dem chef der lvz kultur gefühlt weniger als bisher. Wo vorher die vier Abende als Dauergequatsche erschienen, glaubt kfm, dass die Unterschiedlichkeit der Formate/Talkmaster nun stärker ins Auge fallen – und dadurch das „Laber-Continuum“ verringert, sprich, individualisiert wird. Laut einer ARD-Umfrage scheint kfm damit in Widerspruch zur Mehrheit aller Deutschen mit Abitur zu stehen. Was man so genau auch wieder nicht wissen wollte.

Mit einer „Meditation über die deutsche Seelenlandschaft“ in Form von Video-Installationen der israelischen Künstlerin Yehudit Sasportas wartet die Galerie Eigen + Art auf. Der 1969 geborenen Künstlerin gehe es um „die Sichtbarmachung der Schichten des Unbewussten.“ Verborgene Gefühle und nur von Zeit zu Zeit an die Oberfläche kommende Erinnerungen sind laut Anna Kaleri das Material für ihre mitunter „unheimlichen Parallelwelten, die an Tarkowski-Filme erinnern.“ Nicht besonders überraschend, sieht Sasportas im Wald und der nordwestdeutschen (Sumpf-)Landschaft den zentralen – romantischen - Topos der deutschen Seele. Sie selbst sieht sich intellektuell in der Nähe von Benjamin, Heidegger und Beckett. „Ihr analytischer, Zeiten durchdringender Blick“ mache wie der ihrer Vorbilder optisch erfahrbar, was mit Sprache kaum auszudrücken sei. Der fließende Übergang der Bilder in grafische Elemente und Abstraktionen legt psychologische Strukturen offen, die so zuerst ästhetisch erfahrbar werden.

Ein „Sachstandsbericht“ des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Hamburger Elbland-Philharmonie bestätigt nicht nur den Eindruck eines Millionengrabs, sondern belegt auch noch detailliert, an welchen Stellen die Auftraggeber sogar gegen ausdrückliche Warnungen (u.a. der Architekten selbst) und trotz krass zu Tage tretender Risiken (dem Hochtief-Konzern war das Risiko des integrierten Hotels zu hoch, die Stadt sprang daraufhin auch für die Luxusherberge in die Bresche) dieses Unternehmen durchgepeitscht haben. Von „Skandal“ wird am Mittwoch, wenn der Bericht im Hamburger Senat diskutiert wird, wohl nicht mehr nur der Bund der Steuerzahler sprechen. Wie Christoph Forsthoff schreibt, soll der Bau statt ursprünglich berechneter 186,7 Mio. Euro unterdessen „mindestens 531,2 Mio. Euro kosten.

Dürfen Thirty- oder sogar Fourtysomethings noch cool sein? Irgendwann muss das eigentlich mal vorbei sein, wenn es nach der Band 1000 Robota geht, die sich beim Buback-Labelabend im Centraltheater vorkam, als würden sie mit ihren Eltern Party feiern. Doch die „Alten“ ließen sich davon in keinster Weise beeindrucken, beendeten das Fremdeln gegenüber der Bühne, kaum dass es angefangen hatte, legten alle Reserviertheiten ab und wollten nichts als Feiern und Tanzen. Bis sogar F.S.K., die „wohl größte unbekannte deutsche Band“, arg verwundert war, dass ihr Publikum den gecoverten Song bereits als Original kannte – und jubelte. Jörg Augsburg jedenfalls fand zunehmend Gefallen am Auftritt der zornigen Jungen vor „immer jungen“ (Goldene Zitronen) Alten. Und stellte fest: „Der Infizierungsgrad dieser bösen Tanzmusik ist enorm.“

Alt kam sich auch Steffen Georgi bei der Jörg-Fauser-Show „Versilberte Rebellen“ in der Skala vor. Selbstverständlich war auch er früher „hungrig“ nach dem Fauser-Ton. Doch das Original, Charles Buklowski, fand auch er „bald besser als seine westdeutsche Miniaturausgabe.“ Von Kerouac und Burroughs zu schweigen. Jetzt saß er bei einem Flashback in der Skala, erlebte suff und Siff, deutsche Enge und weite Welt von Neuem. Wenigstens „erinnerten“ ihn die 'Versilberten Rebellen' (Steve Binetti, Günther Harder, Guido Lambrecht und Cordelia Wege) daran, „warum man Fauser mal liebte.“ Obs einen Grund für Spätgeborene gibt, den Abend zu besuchen, ließ Georgi offen.

Dienstag, 11. Januar 2011

lvz kultur vom 12.1.11: Der Centraltheater-Komplex. Dröse, Herrndorf, Heimatfilme.

Die ZDF Sonntagabendkrimis wollen die "besten Krimis der Welt" sein. Klaus Bassiner, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Reihen und Serien, hat das so formuliert. Sein Rezept: "Wir zeigen Krimis, die nicht deutsch aussehen." Rupert Sommer schreibt für die lvz über die Reihe. Ob das ZDF und Bassiner diesem Anspruch gerecht werden, erfahren wir nicht. Sommer zählt in seinem Artikel einfach nur die Vorlagen auf. So wie nach 1 und 2 drei folgt und dann 4 und 5. Kein Gedanke daran, ob die Krimis ihnen gerecht werden oder nicht. Den Rest des Textes füllt er mit Floskeln ("wird seinem Anspruch gerecht", "beschert er Krimi-Fans schlaflose Nächte", "haben auch neue Stoffe in der Pipeline" usw.) und Name-Dropping: Stieg Larsson, Henning Mankell, Sjöwahl & Wahlöö, Arne Dahl, Martin Suter. Schwach.

Kunst kann scheitern. Aber auch das will vermarktet sein. Angela Richter dehnt ihren misslungenen "Ödipus Antigone Komplex" von den Salzburger Festspielen über Kampnagel Hamburg bis zum Centraltheater Leipzig aus. Geld gibts auch für Scheitern, das ist nicht nur bei Bank-Vorständlern so. Sebastian Hartmann, der für das "Kooperation" genannte Pyramidenspiel zwei Schauspieler ausgeliehen hat, vermarktet das Scheitern sogar doppelt. Als Authentizitäts-Trash beim Central-Talk ("...berichten von ihren traumatischen Proben-Erlebnissen zu einer werktreuen griechischen Tragödie") und in seiner "Publikumsbeschimpfung". Da treten die Leiharbeiter sogar auf und zeigen das "worst of". Ehrlicher kann man dem selbst gesetzten Anspruch und Handtkes Titel gegenüber kaum sein. Danke Hartmann. Der irgendwie wirklich ehrlichen Nina May ist das zu hoch: "Dieser Komplex ist wahrlich komplex", schreibt sie mit einem Hauch Genervtsein in ihrer Rubrik "ausgepresst".

Nach "Nichts" (Janne Teller), "Luke und Jon" (Robert Williams) nun "Tschick" (Wolfgang Herrndorf). Der dritte sensationelle Jugendroman der Saison, der qualitativ keine Unterschiede zur "echten" Literatur für Erwachsene erkennen lässt. Im Gegenteil: "Herrndorfs Roman setzt Maßstäbe für die Gegenwartsliteratur". Janina Fleischer kennt diesen Dünkel ohnehin nicht. Und beginnt mit dem Wichtigsten: "Die Sprache ist das Erste, was an diesem Roman fasziniert." Warum der Verlag diese Geschichte als Jugendroman etikettiert, weiß Fleischer nicht. "Wohl wegen des Umstands, dass die Helden 14 Jahre alt sind...". Der unauffällige Maik und der coole Mongolisch aussehende Tschick fahren mit geklautem Lada ins Irgendwo, ein Roadmovie entwickelt sich zur "schönsten Woche ihres Lebens". Ein zunehmend an Tempo gewinnender, einfühlsamer, witziger, tragischer Monolog des 45-jährigen Herrndorf, der leider unheilbar an einem Gehirntumor erkrankt ist.

In Nürnberg gibts ein Heimatfilm-Festival. Das Genre, das mit der "Geier-Wally" 1921 begründet wurde, wird schnell von den Nazis missbraucht, dient der Nachkriegszeit als Betäubungsmittel und nähert sich in den späten Sechzigern immer mehr der Wirklichkeit. "Jagdszenen aus Niederbayern" (1969) nach Martin Sperr ist der eindrucksvolle Wendepunkt. Das Nürnberger Festival schließt, wie Kathrin Zellmann schreibt, den zeitlichen Bogen mit Christoph Girardets Video-Installation "Silberwald" und der modernen Erfolgskomödie von Marcus H. Rosenmüller, "Wer früher stirbt, ist länger tot".

Das iranische Regime ist nachtragend, das hat es bereits häufig bewiesen. Nun trifft es Paulo Coelho, den brasilianischen Bestsellerautor ("Der Alchimist"). Er hat verbal Solidarität mit dem Arzt Arash Hejazi bewiesen, der der 2009 bei einer regimekritischen Demonstration getöteten Iranerin Neda Agha-Soltan Erste Hilfe geleistet hatte, was via Internet weltweit bekannt wurde. Nun erhält Coelho Veröffentlichungsverbot in Iran, wo bisher insgesamt 6 Millionen Stück seiner Bücher verkauft worden sind.

Theaterregisseurin Jorinde Dröse inszeniert nach einer achtmonatigen Babypause als Hausregisseurin am Gorki-Theater Berlin Ibsens "Nora oder Ein Puppenheim". Wie Nina May berichtet, sind es weniger die emanzipatorischen oder Geschlechterthemen, die Dröse reizen, sondern "das Problemfeld von Geld, Schulden und Lüge." Für die 35-jährige Regisseurin, die angeblich bei Hartmann in Ungnade gefallen ist, hat der "Glaube an das Geld die Religion abgelöst". Für diese Perspektive auf Ibsens Klassiker habe sie "poetische Traumwelten" geschaffen. Premiere ist am 16. Januar.

Die Kreativwirtschaft ist seit mehreren Jahren eines der großen Themen im Kulturbereich Leipzigs. Durchaus nicht immer konfliktfrei. Denn inwieweit die "Wirtschaft" die Szene dominiert oder der kreative Kulturbereich Teil einer vornehmlich subkulturell geprägten Szene sein und nicht ökonomisiert werden solle, hat einige Diskussionen erzeugt. Die Frage hat natürlich eine Eigendynamik erhalten, die Kulturwirtschaft hat sich längst professionalisiert. Der Verein Kreatives Leipzig will nun - manche meinen, etwas spät - eine Bestandsaufnahme und Vernetzung derjenigen erreichen, die "sich selber am Markt finanzieren müssen". In monatlichen Veranstaltungen unter dem Label Le Klub Analog soll sich "die komplette Ideenwirtschaft" Leipzigs treffen. In diesem Monat kommt es zum Treffen der Musikbranche (Moderation: Matthias Puppe), es folgen Design, Literatur, Buchmarkt, Software, Pressemarkt, Rundfunk und andere. Thomas Düll, der für die lvz bei der Pressekonferenz war, meint, Le Klub Analog "wird sich am Ende daran messen lassen müssen, wie stark die neue Stimme derKreativwirtschaft für sich sprechen" könne.

Eine Schreibwerkstatt präsentiert ihre Texte, die Ergebnis sind ernüchternd. Unter der Leitung von Regine Möbius werden im Schwalbennest der Moritzbastei unter dem Label "Der durstige Pagasus" und in der Moderation von Norbert Marohn - er kündigt laut Claudia Panzner "hochwertige" Texte an - allerdings biedere, "flügellahme" dargeboten. Das Niveau: amateurhaft. Schwacher Beifall der 30 Erschienenen.

Montag, 10. Januar 2011

lvz kultur vom 10.1.11: Kreuzworträtsel lösen mit Donis. Und: Pfeffermühle, MuKo, Neujahrsingen

Der Umzug ist geschafft. Eröffnung war gestern. Ab heute wird die Leipziger Pfeffermühle mit Sottisen und bissigen Bemerkungen, mit Spott und politischem Witz im Kretschmannshof gegenüber dem Bildermuseum ihren Kredit abarbeiten müssen. Das Kabarett hat 650.000 € aufnehmen müssen, um nach 85 gesichteten Lokalitäten und entsprechenden Verhandlungen ihr neues Haus spielfertig zu machen. Die Stadt sei vorsorglich nicht zur Eröffnung erschienen, bemerkt Mark Daniel. Sie liest sich ihre Leviten lieber selbst aus der Zeitung vor, statt sie sich vor versammelten Eröffnungsgästen durch Geschäftsführer Dieter Richter live abzuholen. "Mangelnder Respekt" ist es, den Richter der Stadt vorwirft, keine Fürsprache bei der Kreditfindung, nicht einmal Hilfe beim Suchen des neuen Domizils. Das Ressort Wirtschaftsförderung ist von dem Vorwurf explizit ausgeschlossen. Gekommen ist es dennoch nicht. Verletzte Eitelkeit spricht ebenfalls aus des Geschäftsführers Mund. Im Kulturentwicklungsplan 1994 sei die Pfeffermühle noch als "unverzichtbar" und "wichtig für das Renommee der Stadt" eingeschätzt worden. Eine solche Äußerung findet sich im KEP für den Zeitraum 2008-2015 nun nicht mehr wieder.
Doch neben der Kritik gabs auch noch Gulaschkanone auch Livemusik und das "karnevalesk anmutende" Jubiläumsprogramm "Salve, für alle!" in einer Inszenierung von Hansa Molle. Das Haus selbst wird eine größere Bühne für bis 177 Personen und zwei kleinere bespielen.

Der Operettenworkshop samt Dirigierwettbewerb in der Musikalischen Komödie hat eine Siegerin gefunden. Kristiina Poska aus Estland gewann den Wettbewerb souverän mit ihrem Dirigat der Zigeunerbaron-Ouvertüre, anschließendem Peter-Stolz-Liedgut und einem Terzett aus Kalmáns "Csárdásfürstin". Auch den lvz Publikumspreis hat sie erhalten, viele Stimmabgaben fanden bereits zur Pause der Veranstaltung statt. "Rasant, voller Energie und Präzision", befand Peter Korfmacher, das Publikum "brüllte auch zwischendurch immer mal wieder Bravo" und war anschließend "ganz aus dem Häuschen." Korfmacher meint, "solange Dirigenten mit so feinem Gespür für Qualität und Eigengesetzlichkeit des Genres nachwachsen, muss man sich um die Zukunft der Operette keine Sorgen machen." Um die Zukunft der Musikalischen Komödie allerdings schon.

In der Rubrik "ausgepresst" berichtet Korfmacher ganz neidisch über ein Projekt des "Verständlichkeitsforschers" Gerd Antos von der Universität Halle. "45 zum Teil höchst kompliziert formulierte Paragrafen des Nachbarschaftsgesetzes" werden gerade von ihm und Studenten überarbeitet. Sie sollen verständlicher werden, das Volk soll sehen "dass wir ihre Sorgen ernst nehmen", wollen "sich auf die Ebene des Bürgers begeben" und gar nicht mehr in einer Sprache reden wollen, "die nicht mehr verstanden wird." Ola! Korfmacher beantragt in ausgepresst nun ebenfalls eine Überarbeitung seiner Artikel durch Antos und Konsorten, indem er demonstriert, dass er auch ganz schön komplizierte Sätze formulieren kann. Und wenn Antos Korfmacher fertiggemacht hat, kann er sich ja mal Kleist und Thomas Bernhard vornehmen. Die Leser der lvz werden es ihm danken.

Der Mittelpunkt des Leipziger Kulturlebens am Wochenende war das Neujahrssingen im Anker. Donis, bekannt vom Tresen des Hotel Seeblick und gelegentlichen Abstechern ins Ilses Erika, hat moderiert. Theresa Wiedemann meint, "entspannt und ungekünstelt". Mit dieser Einschätzung blieb sie aber weitgehend allein. Dafür wirkte Donis denn doch zu angespannt, selbstverliebt und aufgedreht statt souverän. Dass der Kreuzer-Kolumnenschreiber der lvz immerhin zugutehält, seinem alltäglichen Kreuzworträtselbedürfnis Abhilfe zu schaffen, war noch das größte Lob des Abends an die lvz. Außer dem für "Kiss" in Gestalt der drei großen "D", mit der die lvz-Abordnung unter Leitung von Szeneredakteur Mark Daniel den Saal rockte ("...deuten sogar eine Choreografie an und erzeugen ein fröhlich durchs Publikum schwappendes Grölen"). Die anderen 12 Gastronomen (ohne Dönerläden) und Meinungsmacher (ohne Radio, Web und TV) schlugen sich sehenswert und wacker, Wiedemann kolportiert, es sei "das bisher wohl beste Neujahrssingen" gewesen. Oha. Musikalisch wagte sich Shady Elwan (kein Wunder, "Shady" bedeute "Gesang der Nachtigall") mit seinen Orient-Tönen noch am weitesten weg von der Pop-Fröhlichkeit des Abends, und hatte zudem noch die eindrucksvolle Bauchtänzerin Lina an seiner Seite.

Eine fröhliche Mischkalkulation betreibt das Centraltheater in seinem Angebot. Wie ein Stadthallenbetreiber sorgt Chef Sebastian Hartmann, jenseits der eigenen Klassiker- und sonstigen Schauspieladaptionen mit begrenzter Anziehungskraft, mit einem avancierten Konzertprogramm, Rainald Grebe, Weihnachtsmärchen und dem Lachmesse-Programm für die nötige Laufkundschaft und gelegentliche Auslastung. Jetzt war es Tom Pauls, der mit seinem Programm "Lothar und der Kormoran" für ein ausverkauftes Centraltheater sorgte. Die Rolle des Lothar schrieb Regisseur Holger Böhme Pauls "auf den Leib". Während der erste Teil bis hin zu "Wahn und Fanatismus" in den Augen seines Protagonisten echte Qualität bot ("ausgewogenes Stück aus Nachdenklichkeit und Satire"), stimmte im zweiten Teil die Figur des Lothar nicht mehr, schreibt Theresa Rentsch. Es endete sogar "relativ plump", an der Grenze des Minderheitenbashings (Ausländer, Homosexualität) und dramaturgisch scheinbar rüde und gewollt.

Reik Hesselbarth, Fraktionsvorsitzender der FDP im Stadtrat, macht sich im Gespräch mit Ulrich Milde Gedanken über die Kultur in Leipzig. Der Oper droht er bereits "Gespräche" an, den Kulturhaushalt will er "angemessen reduzieren" ohne dabei "Angebote zu streichen". Ziel müsse es sein, "das Kulturangebot den Bedürfnissen der Leipziger und ihrer Besucher stärker anzupassen sowie Strukturen zu vereinfachen." Da Hesselbarth Probleme mit dem "hohem Investitionsaufwand" beim Gebäude der MuKo sieht, könnte man natürlich gleich die Muko in die Oper lassen. Täte dem Etat gut und entspräche den Bedürfnissen des Publikums - und Peter Korfmachers. Einer regional/touristischen Ausrichtung, wie sie Hesselbarth vorschwebt sowieso.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

lvz kultur vom 8.12.10: Marc und Klee, Mailänder Scala & Kultur(raum)

Der religiöse, kriegsbegeisterte Franz Marc und der Pazifist Ernst Klee führten von 1912 bis 1916 "eine Postkartenverbindung". Ihre Frauen beschrieben, sie bemalten die Karten. Heute sind sie Mittelpunkt einer Ausstellung in der Moritzburg Halle, die Meinhard Michael durch ihre "Intensität überzeugen" konnte. Während Marc seinem Kartenfreund "ausgereifte Kompositionen in strahlenden Grundfarben schickte", antwortete Klee "überwiegend mit zerschnittenen kleinen Kritzeleien." In Marcs kleinem Postkartenkosmos zeigen sich gleichwohl die "Schwingen" einer "Natur, aus deren Ordnung der Mensch vertrieben worden" sei, während der introvertiertere Klee "musikalische Strukturen als Ausgang für die Bildkunst" erprobte. Marcs Emotionalität und Klees analytische Kraft waren dennoch auf ein ähnliches Ziel gerichtet: Die Suche nach dem unverfälschten Ausdruck.
Marc, der sich vom Krieg ähnlich Ernst Jünger eine "Reinigung der verderbten alten Welt" versprach, aus der es "keinen anderen Durchgang zur Welt des Geistes" gebe, überlebte den Krieg nicht, er starb 1916 in Verdun. Ein großes, bedeutendes Werk Franz Marcs ("Tierschicksale") aus dem Jahr 1913, das 1919 bei einem Brand teilweise zerstört wurde und von Ernst Klee restauriert, aber bewusst mit einem "sichtbaren Riss" versehen wurde, gehörte bis 1937 der Moritzburg. Dieses abwesende, heute gefährdete und transportunfähige Bild bilde in einer "imaginären Anwesenheit" den "Anker" der sehenswerten hallenser Ausstellung.


In ihrer "ausgepresst"-Glosse nimmt sich Janina Fleischer der von Zukunftsforscher Matthias Horx beschriebenen "Skandalokratie" an, die "die Tendenz habe, das feine Gewebe von Debatte, Verständnis, Widerspruchsrecht, Kompromiss und Diskurs in Deutschland zu zerstören." Leider verliert die lvz redakteurin auf den letzten Zeilenmetern ihre Klarheit, wenn sie die "Abgründe der Zivilisation" in der Bedeutungsverschiebung des Begriffs "Sensation" entdeckt, die HGB-Philosoph Christoph Türke postuliert. Von der x-beliebigen Empfindung hin zur Wahrnehmung des Außergewöhnlichen, des Aufsehen Erregenden. Die finde sich in der permanenten Talkshow namens Öffentlichkeit, dem "einig Laberland", in dem "Gerede, Gerede, Gerede" und "Geschrei, Geschrei, Geschrei" dominiere.


Die vier lvz redakteurinnen Yvonne Gabriel, Vera Wolfskämp, Claudia Schittekopp und Barbara Kreuzer bringen den derzeitigen Stand des Vorhabens und der Diskussion zur Novellierung des Kulturraumgesetzes zu Papier. Das Nadelöhr der Neuordnung, auch der Struktur der Landesbühnen Sachsen selbst, liegt in dem massiven Druck auf die Stadt Radebeul, ab 2011 300.000 € Finanzierungsanteil an die Landesbühnen überweisen zu sollen. Schaffe sie das nicht, gingen im Sommer 2011 die Lichter im Theater ohnehin aus. Schaffe sie es, sollen die LBS gänzlich neu ausgerichtet werden. Weg vom heimlichen Stadttheater Radebeuls und Rathens, hin zu einem "Reisetheater" mindestens für die fünf ländlichen Kulturräume. Warum dann ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, wenn die LBS endlich zu einer Institution für den gesamten Freistaat, zu einer echten Landesbühne, werden sollen, das Theater aus der Verantwortung des Landes herausgenommen werden soll, bleibt in der Argumentation ihrer Verfechter ein Rätsel.
Pläne für milliardenschwere "Investitionen in Neubau und Erweiterung staatlicher Kultureinrichtungen" liegen allerdings bereit, auch die Tarifsteigerungen an den Dresdner Einrichtungen Semperoper und Staatskapelle sollen bezahlt werden. Die Zusammenhänge zwischen Kürzungen und benötigten Mitteln für Dresden sind deutlich, auch wenn sie geleugnet werden. Doch die Messen seien gesungen, betont Karl-Heinz Gerstenberg, kulturpolitischer Sprecher der Grünen, die Entscheidung sei bereits gefallen. Leipzigs OBM Jung, der vor wenigen Wochen den Mund garnicht voll genug nehmen konnte, die Kürzungen der Zuschüsse für die Kulturräume zu verhindern, ein Rechtsgutachten aufsetzen ließ und Kulturbürgermeister Faber spektakulär geopfert hat, ist nur noch kleinlaut.


Vielleicht nehmen die Opern- und anderen Kulturfreunde sich ja die Fans der Mailänder Scala zum Vorbild. Aus Anlass ebenfalls drastischer Einsparungen in den Kulturhaushalt hat die Polizei Hunderte von Demonstranten mit Schlagstöcken auseinandertreiben lassen. Die wehrte sich daraufhin mit Feuerwerkskörpern.

Argumente sind genug gewechselt, "lasst uns nun endlich Taten sehen." Bei der Zuschauerkonferenz im Centraltheater wurden laut Steffen Georgi nicht mehr als erwartbare Statements ausgetauscht. CDU-Stadtrat Stephan Billig erhielt sogar Lorbeeren, weil er mit seinem "Vorstoß" einer Zusammenlegung aller Häuser unter einen Kaufmännischen Geschäftsführer eine "Diskussion wieder in Gang gesetzt habe". Wo diese Diskussion tatsächlich stattfindet, ob öffentlich oder nur im verschlossenen Kämmerlein, soll doch jemand mal sagen.
In der lvz bisher jedenfalls nicht.


CDU-Landtagsabgeordneter Oliver Fritzsche will laut Interview mit Mathias Wöbking dem Kulturraumgesetz trotz augenscheinlicher Wissenslücken zum Thema zustimmen. "Der Erhalt der Landesbühnen Sachsen soll langfristig die darstellenden Bühnenkunst gerade in den ländlichen Kulturräumen sichern", meint er und unterschlägt die offensichtliche Not der Kommunen, die zusätzlichen Belastungen, die für die Kommunen aus der Kürzung der Zuschüsse entstehen, die vollendete Unverfrorenheit Dresdens, diese Kürzungen bereits ab 2011 wirksam werden zu lassen und die Konkurrenz der LBS zu anderen, stehenden Theatern der Kulturräume. Ebenso sieht es mit dem Westsächsischen Symphonieorchester aus, deren Bezuschussung Oliver Fritzsche gegen Kulturraumgeldern für die Leipziger Leuchttürme ausspielen möchte. Doch zuallererst erhält der Kulturraum Leipziger Land weniger Gelder und muss daher zur Zeit die Schließung des Orchesters diskutieren, das bereits seit 13 Jahren keine Gehaltsanpassung erhalten hat und deren Musiker 35% unter dem gültigen Tarif arbeiten (Hans-Ulrich Zschoch). Das Orchester steht also in Konkurrenz zu den LBS, die von den gekürzten Kulturräumengeldern z.B. für das Westsächsiche Symphonieorchester profitieren sollen.
Auch der Verweis auf den Löwenanteil an den Kulturraumgeldern, die Leipzig zukommen, ist eine Verhöhnung der Stadt, denn Dresdens Kultur braucht so gut wie garnicht aus den Kulturraumgeldern bezahlt werden, für die ohnehin das Land aufkommt, in weit größerer Höhe als für Leipzig! Usw. Leider ist in dem festen Frageschema des Interviews kein Raum, offensichtlich einseitige oder dezidiert falsche Informationen zu hinterfragen.


Karat rockt das Gewandhaus, Norbert Wehrstedt freut sich an drei Stunden Karatsound, "Romantik verschnitten mit Rauheit, aber immer Poet bleiben." Allein das Aufmotzen der Nummern durch Soli funktioniere nicht, langweile eher. Das Internationale Literaturfestival Berlin hat wenige Tage vor der Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo, dessen Verleihung 18 Nationen auf Druck aus China fernbleiben, für den 20.März zu umfassenden Lesungen der "Charta 08" für Demokratie und Menschenrechte sowie Lius Gedichten aufgerufen. Außenminister Guido Westerwelle hat im Palais des Deutschen Botschafters in Paris eine Schau mit drei Bildern Neo Rauchs eröffnet, sie soll "Rauch auch in den französischen Kunstkreisen zum Durchbruch verhelfen." Wirtschaftsförderung der anderen Art. Das 1. Science-Slam im Horns Erben krankte laut Mark Daniel an Unpünktlichkeit der Zuschauer, Qualitätsmängeln der Teilnehmer, der Nicht-Gültigkeit der Regeln für alle Teilnehmer, schlechter Organisation der Abstimmung durch das Publikum und an der Gestaltung des Finales. Sonst wars klasse, wie meistens in der freien Szene. Beim Werkstatt-Festival im Lofft wünscht sich Steffen Georgi mehr einfache Verständigung darüber, "was zu tun ist: die Geschichte erzählen, die man erzählen will. Und seien es welche vom Scheitern." Was also offensichtlich nicht immer gelingt.

Montag, 29. November 2010

lvz kultur vom 29.11.10: Schweiz, DDR-Jugendwerkhöfe & zwei Zauberflöte

Missbrauch Schutzbefohlener kann man den Schweizer Abstimmungserfolg der SVP nennen, nach dem nun Menschen ohne schweizer Pass, die wegen "schwerer Delikte" verurteilt wurden, ausgewiesen werden sollen. Das Zynische an der Regelung ist nicht nur, dass Menschen an sich fehlbar sind, kriminelle Handlungen also aus unterschiedlichen Motiven heraus begangen werden, die nun eine doppelte Bestrafung nach sich ziehen. Ganz und gar zynisch und vollends nicht mehr begreifbar ist die Tatsache, dass der missbräuchliche Bezug von Sozialhilfe mit Delikten wie Mord, Drogenhandel und Vergewaltigung in eine Reihe gestellt wird.
Mit dieser Entscheidung haben sich nicht nur die Politiker der SVP, sondern auch deren Wähler auf eine primitive Stufe jenseits jeder Zivilisation gestellt. Denn wo man von Politikern naturgemäß Verantwortung nicht erwarten, sondern verlangen muss, gehört auch die absichtsvolle Verantwortungslosigkeit anonym bleibender Wähler, die primitivste Instinkte an die offizielle Gesetzgebung delegieren, zu einer weit drastischeren Unmenschlichkeit als jeder Sozialhilfemissbrauch sie darstellen könnte. Gerade in einem Land, das den institutionalisierten Betrug ("Schweizer Bankgeheimnis") mit stolz geschwellter Brust zur Geschäftsgrundlage einer ganzen Nation gemacht hat. Dieses Land zu betreten wird allmählich ähnlich unappetitlich wie das Italien Berlusconis.
Hoffentlich wird vor einem Internationalen Gerichtshof geklagt werden.

Einen erschreckenden, gleichzeitig faszinierenden Beitrag über die Jugendwerkhöfe der DDR und die Folgen für viele ihrer Insassen hat Robert Büssow geschrieben. Erst allmählich werden die posttraumatischen Störungen erkennbar, an denen viele ehemalige Insassen heute leiden. Dies, weil die Eltern dieser auffällig gewordenen Kinder und Jugendlichen den Staatsorganen der DDR nicht die Gewähr boten, dass aus ihren Kindern staatstreue Menschen würden. Hier wurde der idealistische Ansatz einer "sozialistischen Menschenbildung" zum vollkommen asymetrisch angewendeten Terror gegenüber wehrlosen Jugendlichen. Heute geht es zwar vordergründig um Rehabilitierung und Opferrenten für die Betroffenen. Gemeint ist aber wohl die Bestätigung, dass der Makel Heimkind, das erlittene Unrecht von staatlicher Seite, heute als Unrecht auch anerkannt wird.
Über die Vorliebe autoritärer Gesellschaften gegenüber geschlossenen Erziehungsheimen muss nach solchen Berichten, die erst im Zuge der Missbrauchsfälle vor allem in westdeutschen Schulen und Heimen ans Licht kamen, auch grundsätzlich geredet werden. Das betrifft heute auch die USA mit ihren Boot-Camps für Jugendliche, die immer auch der Willensbrechung ihrer Insassen dienen.

Ja, es ist schön, dass die Stiftung "Leipzig hilft Kindern" um 45.000 € reicher geworden ist durch das Benefizkonzert im Gewandhaus (unter Teilnahme der Künstler Volodos, Chailly und Gewandhausorchester). Unappetitlich ist dieses penetrante Eigenlob in Verbindung mit Eigenwerbung, die den Spruch "Tue Gutes und rede darüber" doch reichlich strapaziert, schon. Merkwürdig, dass die lvz ihre soziale Ader vor allem zum ersten Advent aus dem Fenster hängen lässt und die sozialen Einrichtungen, denen die Stiftung das dringend benötigte Geld weitergeben wird, in der Lokalpolitik für ihre Journalisten sonst eher instrumentellen Charakter besitzen, selten politischen. Heute schreiben darüber ausführlich Peter Korfmacher und gleich zweimal Thomas Mayer (Über die Vereine/Initiativen Brückenschlag Verein, Clownsnasen, Zentrum für Drogenhilfe und soziokulturelles Zentrum Geyserhaus mit "Musik macht schlau").

Auch das bei der Eröffnung ihrer neuen Räume in der Alten Salzstraße vielgehörte Lob auf das Theatrium gehört in diese Rubrik. Wenn Theresa Rentsch schreibt, "man kann förmlich spüren, wie dringend die Kinder den Platz gebraucht haben", dann weiß man, dass die Arbeit der Großstadtkinder e.V. eine sehr wichtige Initiative ist, von denen eine Gesellschaft, die ihre Kinder wirklich wertschätzt, viele einzelne braucht. In der nächsten Debatte im Stadtrat oder dem Landtag, wenn die nächsten Sparrunden zur Jugendhilfe oder kulturellen Bildung verhandelt werden, wünschte man sich von Seiten der lvz Redakteure die Sachkenntnis und Argumente, die sie hier sichtbar längst besitzen.

Dass das Centraltheater der ästhetisch selten überzeugenden Oper Leipzig durchaus Impulse geben kann, vermerkt Peter Korfmacher in seinem Beitrag zur "Zauberflöte", die als Weihnachtsmärchen in der Inszenierung von Michael Höppner Premiere in der Gottschedstraße feierte. Korfmacher beginnt: "Das Centraltheater geht fremd." Ob das nun als Argument für den CDU-Schnellschuss einer Wiederbelebung der Kombinatslösung aus Oper und Schauspiel dient, sei dahingestellt. Dass diese "Oper von unten sozusagen" als "Einstiegsdroge" wirken könne, um Kindern die Oper schmackhaft zu machen, ist sicher nicht verkehrt. Zumindest, wenn Höppners Inszenierung laut Korfmacher "sensibel die Waage hält zwischen Alltags- und Bühnenton, zwischen Witz und Poesie." Entscheidend ist Qualität. Eine nichts weiter als routiniert auf die Bretter gewuchtete Arbeit würde Kinder wohl eher abturnen.

Noch eine zweite lobenswerte "Zauberflöte" hat Peter Korfmacher gesehen, und dies im Theater Gera, das zuletzt mehr wegen exorbitanter Schulden samt drohender Insolvenz als ebensolcher künstlerischen Leistungen im Gespräch war. Doch hier gelänge in Punkto Kunst "mehr als vielen anderen, auch weitaus größeren Häusern". Er meint insbesondere GMD Howard Arman und vor allem drei seiner Solisten, Stefan Zenkl (Papageno), Hanna-Elisabeth Müllers (Extralob für ihre Pamina) und mit Abstrichen Markus Brutscher (Tamino). Doch auch Regisseur Ansgar Weigner und sein anarchischer Witz hat bei Korfmacher Gefallen gefunden.

Thomas Voigt hat in der Arena Leipzig Dieter Nuhr gesehen und ist ganz fasziniert von dem "weit gereisten Hobbyfotografen mit pastoralem Unterton." Dass der gar nicht mainstreamige Comedian sich die Ängste und Nöte seiner Landsleute vorknöpft und schlicht befindet "Die Welt ist schön!" ist nun seinerseits sehr sympathisch, wenngleich sich der Künstler mit dieser Weltsicht eher in einer Reihe mit Geisteskranken und Volksmusikanten wähnt. Der Kunstpädagogik- und Geschichtslehrer passt damit tatsächlich nicht zu seiner übrigen Zunft, die die Lebenslust in der Regel nur insoweit an sich heran ließe, sofern sie ein neues Schulfach würde.

Samstag, 9. Oktober 2010

lvz kultur vom 09.10.10: Jedermann, Blomstedt & Thalia Halle

Wie hält man die Debatte über das Centraltheater am Köcheln? Indem Nina May die Inszenierungen, heute Jürgen Kruses "Jedermann", heftig lobt ("zunehmend packender Rausch"), während die lvz Zuschauer, (Kultur-)Politiker und Gastschreiber gezielt auf Hartmanns Untergang aus schreiben lässt. Nina May wird nicht sehr oft ernst genommen, das verleiht voreingenommenen Schreibern wie Martin Eich umso größere Durchschlagskraft. Schaden können Hartmann aber besonders die ehemaligen Schauspieler, Regisseure und vor allem er sich selbst als einsamer Potentat.
Doch Nina May soll zu Wort kommen. "Mit langem Applaus" ende der Krusesche "Jedermann", Manuel Harder sei "das Beste am Abend", wegen seiner "dämonischen Aura" gar die Idealbesetzung des Jedermann. Hat Harder sie? Kann er was dafür? Ist sie sogar sein Verdienst? Nichts genaues weiß man nicht. "Ironisch" sei die Inszenierung, insbesondere Kruses "Witz", nur die Anspielungen auf Tagesaktualitäten eher "rührend", jedenfalls dann, wenn sie nicht gar zu durchsichtigem Kalkül gehorchten á la "Wir müssen auch mal was zum ... sagen". Aller "düsterer Atmo" mit Witz zum Trotz, May entdeckt statt Kruse "Pollesch-Imitate". Möchte sie mehr von Rosalind Baffoe sehen? Von ihrer "imposanten Erscheinung"? Ihren "Modelschritten"? Oder bleibt die zurecht "sehr im Hintergrund"? Nina May sieht etwas, freut sich dran, aber wertet nicht, bezieht nicht mal deutlich Stellung. Nur dass Hofmannsthals Verse "unfreiwillig aufgesagt" seien, findet sie nicht so gut. Ansonsten hat sie Spaß an der "Party", der "Jahrmarktsposse" als Mysterienspiel, dem (Gothic-)Schauer-Drama mit "Tänzchen und Singspielchen". Schade nur, dass die Schauspieler unentwegt "saufen und rauchen" müssen. Der Jedermann - Hartmanns Goldener Schuss?
Peter Korfmacher haut mal wieder in dreißig Minuten eine Musikkritik in die Tasten. Unnachahmlich vermag er in Blomstedts Version von Bruckners Vierter herauszuhören, dass "die Tutti-Ballungen subtil ausbalanciert und die gewaltigen Steigerungen auch formal in Bezug zueinander" stünden. Ja, alles ist gut. Blomstedt lädt "die Herrlichkeiten von Bruckners Partitur" mit "Wahrheit" und "Bedeutung" auf. "Besser" gehts "kaum", sogar das Blech "rechts" ist "markanter", "links verlässlicher". Als? Umgekehrt? Das Publikum jubelt, laut Korfmacher schwebt zwar über allem Blomstedt-Genialischen "eine Ahnung von Gefährdung", doch schreibt sich Korfmacher lieber in einen Hölderlinschen Rausch. Denn wo der Gefahr sieht, wächst das Rettende bekanntlich auch.
Zu einer regelrecht erpresserischen Formulierung hat sich der Aufsichtsrat der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle aufgeschwungen. Das Thalia Theater Halle solle geschlossen werden, sofern der Abschluss von Haustarifverträgen scheitert. Und die Gefahr ist durchaus groß, die Vertretungen der Kollektive wie Ballett oder Chor neigen nicht zu freiwilligen Einschränkungen, solange nicht ihre eigenen Stellen gefährdet scheinen. Das Orchester hat bereits ganz separat einen abgeschlossen. Solidarität im 5-Sparten-Haus? Nicht einfach. Bei der Reise nach Jerusalem wird das Thalia Theater womöglich die schlechtesten Karten haben. Selbst Halles OBM Szabados spricht mit gespaltener Zunge, wenn sie bekennt, ein "Haustarifvertrag" habe absoluten Vorrang vor einer Thalia-Schließung. Wieso bei Abschluss des GmbH-Vertrages eigentlich das drohende strukturelle Defizit nicht längst erkannt und thematisiert wurde, wissen wohl nur Herr Stiska und Konsorten, die sonst nichts zu verlieren haben. Außer einer unbequemen (und ungeschickten) Annegret Hahn und der einer musiktheaterverliebten Leitung nur wenig Prestige bringenden Sparte. Dass die Geschäftsführerin des Dachverbands der Kinder- und Jugendtheatertheater Deutschlands, Meike Fechner, bisher als einzige den drohenden Verlust beklagt, stellt für Halle und sein Theater ein krasses Armutszeugnis dar. Leipzigs OBM Jung hat übrigens in vergleichbarer Situation genau gegenteilig reagiert, als er dem Theater der Jungen Welt die Garantie gab, bei demnächst drohenden Sparrunden ungeschoren zu bleiben - im Gegensatz zu Oper, Gewandhaus und Centraltheater.

Dienstag, 21. September 2010

lvz kultur vom 21.09.10: Julia Roberts, Eberle, Schiff & Deissler

Die lvz kulturredaktion kratzt zusammen, was noch so grade unter ihren Kulturbegriff zu fassen ist. Die wichtigsten Meldungen: Julia Roberts glaubt an ihre Wiedergeburt.

Aus Anlass seines 75. Geburtstages antwortet Schauspieler Friedhelm Eberle auf langweilige Fragen von Rolf Richter. An Magdeburgs Oper spiele er zur Zeit einen Holocaustüberlebenden, der "seine Traumata aufarbeitet." Richter zitiert Eberle mit dem Satz: "Da geht es auch um eine Liebe, die vergast wurde." In seiner Verquerheit der einzige bemerkenswerte Satz des Interviews.

Thomas Meier berichtet über eine Ausstellung zu Arthur Schopenhauer in Frankfurt, die neue Facetten des Philosophen zeige, von denen Meier keine einzige erwähnt, außer der, dass der vorgebliche Frauenfeind zwar zeitlebens unverheiratet geblieben sei, allerdings durchaus Beziehungen zu Frauen gepflegt habe, wie Matthias Koßler, Leiter der Forschungsstelle an der Uni Mainz, zu wissen glaubt. "Auch zu klugen".

Jürgen Kleindienst berichtet über eine Postkartenedition des "Kulturdienstleisters" Culturtraeger (Kleindienst schreibt ohne Sinn für Distinktion: Culturträger) und der Agentur "Frohe Zukunft Export", in der 80 Hallenser und Leipziger Museen je einen besonderen "Schatz" ihres Hauses auf A6 abbilden und in 260 Postkartenständern nicht nur zeigen, sondern auch zur Mitnahme bereitstellen dürfen.

Der Schumann-Verein, schreibt Peter Korfmacher, hat sich anlässlich der Schumann-Festwoche einen "der Großen", den Pianisten András Schiff, zum Konzert eingekauft. Aus besagtem Anlass habe sich "viel Prominenz eingefunden in der guten Stube" an der Inselstraße. Und: Bei diesem Konzert sei zu "spüren" gewesen, "was das Besondere der Musikstadt Leipzig" ausmache. Ja ja, mein Leipzig lob ich mir!

Glücklicherweise gibts noch das Centraltheater. Beim Konzert von Jóhann Jóhannsson, berichtet Piet Felber, spielte der "kräftig untersetzte", wie "ein Buddha" im "dunklen, zugeknöpften Anzug" auftretende Musiker "traditionell epische Gedichte aus Island", deren raue Schönheit "verletztlich, ehrlich und auch hoffnungsvoll" klängen. Auch seine Musikerkollegen schienen "auf für Kontinentaleuropäer unerreichbare Weise bei sich zu sein". Das Leipziger Musik-Publikum, das gerade nicht im Schumann-Haus verweste, war beeindruckt.

Als kleines Satyrspiel im Anschluss an die täglichen Tragödien darf die besonnene Stimme aus dem Stadtrat nicht fehlen. Heute: Der ausgewiesene Kultur-, Schul- und Jugendpolitiker Dieter Deissler (CDU), der Kulturdezernent Michael Faber als "Totengräber unseres (!) Naturkundemuseums" bezeichnet. Er, der sich schon jahrzehntelang für das einzigartige Museum und dessen "Bildungsauftrag" im Kreise seiner Ratskollegen stark gemacht hatte, nahm seinen gesamten Witz zusammen und höhnte: "In welches Museum können denn Vorschulkinder und auch Schüler der Grundschulen gehen? In das Bildermuseum etwa?" Wo doch schon er selbst, seines Zeichens Vorsitzender des CDU-Ortsverbandes Leipzig-Mitte, sich nicht in der Lage fühle, eine mehr als DIN A4-Seiten lange Bildbeschreibung eines der Werke im dritten Stock zu leisten? Ob das denn etwa Vorschulkinder könnten? Herr Dressler beschloss in einem Akt des zivilen Ungehorsams, eine Unterschriftenliste unter seinen düpierten KollegInnen auszulegen und hofft auf mehrere Unterzeichner, die noch für die Werte wahrer kultureller Bildung einstünden. Auch mehrere pensionierte Musiklehrerinnen hätten ihm bereits in persönlichen Vier-Augen-Gesprächen Unterstützung avisiert.

Sonntag, 19. September 2010

lvz kultur vom 18.09.10: Deutschland im Centraltheater, Ögüt, Pynchon & Kulturetat in LE

Wie sich die Geschmäcker unterscheiden. Wo Tobias Prüwer auf Nachtkritik.de in Martin Laberenz' Inszenierung der "Räuber" nur ein "laues Amalgam" sah, empfand Nina May den ersten Teil des Eröffnungsabends im Centraltheater als deutlich "gelungen". Getreu dem Spielzeitmotto "Deutschland" wähle Laberenz eine Sicht auf die "Räuber", die die "Beziehung der Deutschen zu ihrem Land im Verhältnis von Vater und Sohn spiegeln" möchte. Zwar könne sich die Regie zwischen Slapstick und Pathos nicht recht entscheiden, doch weder hätte sich Regie-Sohn Laberenz vor Autor-Vater Friedrich Schiller "im Staub gesuhlt", noch sich lediglich "an ihm abgearbeitet". "Laberenz bewegt sich irgendwo in der Mitte" der beiden Haltungen, schreibt May. "Frech, aber nicht dreist" sei er, und legt damit ihre persönliche Werteskala sympathisch deutlich offen.
"Frech" sei auch die Verkörperung des Räuberhauptmanns Spiegelberg durch eine Frau. Und dies, wo doch die Zeichnung der Frauenrollen der einzige "Makel" des Vater-Sohn-Konzepts darstelle. Wo unter Männern Wichtiges verhandelt wird, geraten Frauen zwangsläufig zum Beiwerk. Gemeint ist: Lustobjekt. Übrigens hat selbst Schiller, als er anonym sein eigenes Werk rezensierte, über die Figur der Amalie geschrieben: "Ich habe mehr als die Hälfte des Stückes gelesen, und weiß nicht, was das Mädchen will, oder was der Dichter mit dem Mädchen gewollt hat...". Sehr viel weiter sind wir also nicht. Wo Liebe "nur darin besteht, vögeln zu wollen und gevögelt zu werden", und Frauen, die was zu sagen haben wollen, die Männerrolle adaptieren, gehört Eva Herman (bürgerlicher Name: Eva Herrmann) wohl endgültig zum neuen role model.
Überzeugender noch als "Die Räuber" beschreibt May Robert Borgmanns Inszenierung von Bronnens "Vatermord". Er "schaffe krasse, aber sehr poetisch-symbolische Bilder", am Ende etwas viel davon, "aber sei's drum" wie die Kritikerin formuliert, diesen Theater-Sohn "will man jedenfalls wieder sehen".
Über eine Ausstellung von Werken Ahmet Ögüts in der Galerie für Zeitgenössische Kunst schreibt Anna Kaleri. Der jüngst mit dem Preis "Europas Zukunft" ausgezeichnete Künstler versehe seine Objekte "mit Beherztheit und schwebender Ironie", gleichwohl ließen sie sich nicht "im Vorbeigehen" erschließen. Wohl auch von ihr selbst nicht, denn die Berichterstattung surft eher auf der Oberfläche des Dargestellten und Gesehenen. Allein in der Beschreibung des Werks "Puzzle (Rätsel)" gibt sie Hinweise auf den gedanklichen Kosmos der Kunst Ögüts, wenn sie schreibt, er mache die "täglich wachsende Paranoia unserer Zeit" und die Veränderungen, die aus zunehmender Überwachung erwachsen, deutlich. Aber ob "Namen, Zahlen, Buchstaben als Symbol für komplexere Zusammenhänge" benutzt würden oder wenn Kaleri schreibt, "die ausgestellten Werke bleiben dabei Symbole von performativen Akten, von Ideen und Geschichten, die im Hintergrund schweben", ist man so klug als wie zuvor.

Und dann: Wieder eine der wundervollen Buchbesprechungen Janina Fleischers, diesmal schreibt sie über den neuesten Pynchon. Da, wo er bisher "dicke, meist unlesbare Romane" geschrieben habe, überrasche er in "Natürliche Mängel" mit einer Hippie-Detektiv-Komödie. Zwar surfe die Story ein bisschen hierhin, ein bisschen dahin. Doch die liebenswert verschrobenen bis paranoiden Figuren sind in eine wundervoll komplexe und unterhaltsam lesbare Story verwoben, was Fleischer mit dem Zitat "Sie waren alle nur Werkzeuge im Geräteschuppen eines anderen gewesen" versieht. Schwierigkeiten bei der Suche nach einer grundsätzlichen Moral lassen den stets bekifften Detektiv und Helden Doc Sportello in halluzinatorischer Sicherheit zwischen allen Stühlen herumirren. Thomas Pynchons "Leichtigkeit der Ironie" fügt sich im Laufe der 480 Seiten schließlich über einen Blick auf die "latente Bedrohung durch politische Interessen zu einem Blick auf die USA" der ausgehenden 60er Jahre. Die Utopien der damaligen Zeit (eine Figur aus dem Roman, eine Heroin-Braut, heißt 'Hope') enden - ähnlich wie die Energien laut zweitem thermodynamischen Gesetz - im kleinstmöglichen Ausschlag: "Das Verstreichen der Zeit selbst zu leugnen" (Pynchon). Oder wie der Physiker sagen würde: Im ordnungslosen Chaos.
Peter Korfmacher hat in seiner Analyse der geforderten Kultureinsparungen endlich den Finger auf die Wunde gelegt. Zum einen auf die Schwierigkeit, überhaupt ohne Schließungsdebatten realistische Sparressourcen zu benennen. (Was übrigens allen Kulturentwicklungsplänen zum Trotz einem Manko an Kenntnis und formulierten Absichten von Verwaltung, Stadtrat und Dezernat entspricht) Und dann die Reaktion auf die Ankündigungen Dresdens, Gelder für sämtliche Kulturräume um die 7 Mio EUR für die Landesbühnen Sachsen zu kürzen, als arg verspätet zu bezeichnen. Ja, auch Herr Korfmacher ist - wie OBM Jung - spät auf diesen Zug aufgestiegen, obwohl klar war, dass die unterschiedlichen Brandherde in den Städten und Kreisen einen gewaltigen Flächenbrand ergeben werden, wenn sie denn umgesetzt werden. Der kleinste gemeinsame Nenner aller Politiker scheint der zu sein, lieber getrieben zu werden als - in Verantwortung für das Bestehende - selbst zu treiben, oder wenigstens, wenn die Konsequenz der Dinge klar ist, sofort und deutlich zu reagieren. Vielleicht sind die 94% der Stimmen aus der lvz TED-Umfrage, die sich gegen Einsparungen an Leipzigs Kultur aussprechen, ja ein deutlicher Hinweis, sich um eine gemeinsame Interessenvertretung zu kümmmern. Vielleicht sogar in eine Richtung, wie sie ausgerechnet Volker Külow von Seiten der LINKEN in den Raum stellt: Verfassungsrechtlichkeit der Kostenabwälzung zu prüfen, diese verhindern zu wollen, dafür interfraktionelle Absprachen zu treffen. Aber redet nicht nur!

Mittwoch, 15. September 2010

lvz kultur vom 15.09.10: Gewandhaus, Wawerzinek, Centraltheater & Superpunk

Die Musikstadt Wien biete dem Gewandhausorchester eine "zweite Heimat" an, schreibt Peter Korfmacher. "Einen Ritterschlag von der Spitze des Olymp" nennt der Kulturchef in leicht schiefem Bild diese Äußerung des Intendanten Angyan. Und bedauert gleichzeitig, dass die Leipziger nicht in den Genuss des auf seiner Europatournee warmgespielten, noch brillanteren Orchesters kämen. Nach 13 Konzerten in 15 Tagen - interesssant, zu welchen "Belastungen", d.h., Orchesterdiensten Musiker so fähig sind - entdeckt Korfmacher "kristalline Präzision, Schönheit und von jeder Routine freie Inspirationstiefe". Und er findet einen dennoch missgelaunten Gewandhausdirektor. Andreas Schulz ärgern die von Leipziger Stadträten geäußerten Einsparvorschläge und Fusionsideen mächtig. Ist doch der forsche Ikarus der Sonne schon so nah, da soll ihn der flügellahme Dädalus in Gestalt der "Dauerbaustelle Oper" wieder schnurstracks Richtung Heimatboden lenken. Sogar Gott Chailly wedelt besorgt mit seinem Taktstock. Einen Kraftakt, wie die für 2011 geplanten Mahlerfesttage würde er im Wissen um solcherart unplanmäßige Zuschausskürzungen sicher nicht noch einmal angehen.
Vorschusslorbeeren verteilt Janina Fleischer an Peter Wawerzinek für die kommenden Samstag geplante Lesung aus seinem Roman "Rabenliebe" im Piloten. Der "Performancekünstler, Stegreifpoet und Bachmannpreisträger" habe sein Thema der Erinnerung an seine Mutter, die ihn bei ihrer Flucht in den Westen allein zurückgelassen habe, "wie einen Bombengürtel" tragen wollen. Doch "in die Luft" habe er sich nicht gejagt. Stattdessen gelinge ihm in seinem gewaltigen Lebens- und Schmerzensbuch ein Text von so wundervoller Sprache, dass seinem Roman jedenfalls das Etikett "groß" gebühre. Nichts wie hin also.
Ob das auch für die bevorstehende Doppelpremiere am Centraltheater gilt, lässt sich nach dem Gespräch, das Nina May mit den Schauspielbrüdern Manuel und Günther Harder geführt hat, noch nicht sagen. Keine zerstörte Mutter-Sohn-Beziehung wie bei Wawerzinek, sondern zwei gestörte Vater-Sohn-Beziehungen werden zu Spielzeitbeginn mit Schillers "Die Räuber" und Bronnens "Vatermord" auf die Bühne kommen. Schön, dass wenigstens Sebastian Hartmann nach Meinung der Halbbrüder Harder "Wert auf Familiäres" lege. Einige Sätze weiter zitiert May Manuel Harder in einer Reaktion auf die Spannungen im Ensemble allerdings mit dem Satz "Es wird Zeit, dass der Mensch wieder im Mittelpunkt steht." Inszenieren wird übrigens Hartmann keines der Stücke, sondern Martin Laberenz (Schiller) und Robert Borgmann (Bronnen).
Na, da freut athene doch wenigstens, dass die Hamburger Band Superpunk in Ilses Erika einen Superauftritt hingelegt haben samt "des seit langem schönsten Liedes über Lethargie, das man auf dem neuen Album finden" könne. Das schreibt zumindest Anne-Sophie Kretschmer. Die war offensichtlich beim Schreiben noch leicht "verzückt und selig lächelnd". Und während sogar die "Muttersöhnchen im Pullunder ihre wilde Seite" bei den Grooves aus Northern Soul und Punkrock entdeckt hätten, habe "die anwesende Damenwelt" ganz andere, "verwegenere" Ziele im Auge gehabt, nämlich schlicht die "Sahneschnitte" Carsten Friedrich abzuschleppen, seines Zeichens Frontsänger der Superpunk. Zu diesem Zwecke hätten die frivolen Bacchantinnen nicht mal davor zurück- äh, -geschreckt, "erschreckend tief dekolletiert" herumzu"giggeln" und ihrer "Fanliebe" freien Lauf zu lassen. Frau Kretschmer hielt es da lieber mit der Lethargie-Nummer "Ich will heute nicht kämpfen". "Ach, könnte doch nur jeder Montag so schön enden...", seufzt sie, wie gesagt, noch immer leicht verzückt, ganz ohne sich an Sahneschnittchen den Magen verdorben zu haben.

Samstag, 4. September 2010

lvz kultur vom 04.09.10: Invisible Empire, Der Schutzraum, Kiwi und Faber & Faber

Im Weißen Haus des Centraltheaters müssen sich zehn "weiße" Menschen wie in einem Zoo von den Besuchern begaffen lassen. Was sich unter dem Titel "Invisible Empire" als heutiger Selbsterfahrungstrip in Sachen Voyeurismus mit Hinweis auf kolonialistische Vorbilder verkauft, erzeugt bei Nina May unangenehme Gefühle (ja, was denn sonst?) und wird für die lvz Redakteurin zum Spießrutenlauf, bei dem sie sich trennende Wände und Gitter wie im echten Zoo herbeiwünscht. Aber über den Augenblick hinaus scheint diese Erfahrung keinerlei nennenswerte analytische Konsequenzen bei ihr hervorzurufen. Außer, dass sie nicht beurteilen möchte, ob das ganze nun als naiver Unfug oder spielerisch-leichte Ouvertüre einzuschätzen sei. Leider etwas banal, weil ohne jegliche Erläuterung, geschweige Begründung.
Meinungsfreudiger entpuppt sich Jürgen Kleindienst in seinem Artikel über eine Film-Klang-Licht-Collage namens "Der Schutzraum". Sie sorge nicht allein für "ästhetische Unruhe" auf dem Richard-Wagner-Platz, sie inszeniere sogar einen "überraschenden Angriff" auf die Stadt. Ins Bewusstsein gerückt werden soll ein ehemaliger Bunker, der in einem oberirdischen, temporären Kubus nachempfunden werde. Der Bezug der einzelnen Beiträge zum Bunker und der umgebenden Großstadt erscheint nicht immer gleich plausibel. Wagners Lohengrin-Vorspiel, wiedergegeben durch "angekratztes Grammophonspiel" als Verweis auf das Geburtshaus des Komponisten nebenan? Oder auch auf den Einfluss Wagners auf den nationalsozialistischen Furor? Ein Fragment Kafkas, projizierte Bunker-Bilder und -Videos, unter der Bezeichnung "Betonfragmente" Bilder des (Luft-)Gegenangriffs auf Deutschland, ein Teppich aus Beats und Wassertropfen. Der Tenor der Collage: Stadt, Angst, Schutt. Schließlich der Bombenangriff von 1943 in Bezug gesetzt zur geplanten städtebaulichen Zerstörung der Gegenwart: Angriff auf den Brühl - Angriff auf die Stadt. Diese "verstörende Collage" der Leipziger KunstRäume e.V. reflektiert und verbindet Stadtgeschichte mit subjektiver und kollektiver Wahrnehmung. Eine scheinbar so subtile wie herausfordernde Arbeit der Künstler René Blümel, Hein-Godehart Petschulat und Manuel G. Richter.
Theresa Wiedemann schreibt über den Spielzeitauftakt am Theater der Jungen Welt, Daniel Danis' Stück "Kiwi" in der Inszenierung von Jürgen Zielinski. Leider deckt die Sprache ihres Textes mehr zu, als Worte oder Bilder zu finden für das, was ihr die Inszenierung gesagt hat. Auch positiv gemeinte Adjektive wie "beklemmend", "stark", "auffällig", "dicht", "eindrucksvoll", "bewegend", "eindringlich" bleiben hilflose Instrumente der eigenen Wahrnehmung. Dass gerade mal zwei Schauspielernamen und der Regisseur selbst erwähnt werden, geschweige denn deren Arbeit/Leistung bewertet wird und nicht einmal die auffälligsten der weiteren Künstler, darunter die für die Ausstattung, die Musik und die Videoprojektionen verantwortlichen, ist ein Armutszeugnis für den Kulturteil der lvz. Dass diese Zeitung gar nicht erst im Zeitungspool enthalten ist, aus dem z.B. der Deutsche Bühnenverein seine Pressemappe zusammenstellt, ist wieder einmal nur zu verständlich. Seitdem sich die lvz auch dem gezielten Hartmannbashing verschrieben hat und sich zudem das Stadtmagazin Kreuzer aus der ernstzunehmenden Premieren-Berichterstattung nahezu verabschiedet hat, hat Leipzig Dresden wohl endgültig den Rang abgelaufen als "Tal der Ahnungslosen". Wann erscheint bloß in der tageszeitung taz ein eigener Leipzig/Dresden-Regionalteil?
Hohe Aufmerksamkeit findet indes eines der seltenen Gastspiele hochrangiger internationaler Orchester in Leipzig. Neben dem sich in ihrem Klang eindrucksvoll vom Gewandhausorchester absetzenden "London Symphony Orchestra" macht Peter Korfmacher insbesondere die Tatsache zu einem Thema seines Artikels, dass der Besucherraum abermals nur mau gefüllt war, und allein "zweitklassige Muggenbataillone" zum Jahresende Preise von 50 € aufwärts verlangen können, nicht jedoch Qualität.
In einem langen Interview Janina Fleischers mit Michael Faber, Inhaber des Verlags Faber & Faber, darf dieser den - nun ja - hundertsten Niedergang des Buch- und Verlagswesens in Deutschland und speziell Leipzig beschreiben und darüber jammern ("sein Weggang war für mich, als würde ich der Hölle ausgeliefert"), dass sein Sohn nun lieber Kulturbürgermeister geworden ist, statt in ihrem gemeinsamen "Traumteam" weiter die Fahne des Verlages hochzuhalten. Statt - wie Faber & Faber - die Nische vornehm illustrierter, bibliophiler Bücher zu pflegen, hat der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf Erfolg mit der Veröffentlichung des Werkes einer 15-jährigen Autorin (nein, heute nicht H. Hegemann!), die eine neue Jugend-Generation, die "Generation Geil", ausgerufen habe. Und die lvz veröffentlicht munter mit, auch wenn Silke Katenkamp befindet:"Keine Analyse, keine Einordnung des Gesagten. Keine Muss-Lektüre". Gilt auch für die lvz.