Michael Fuchs kann nichts dafür. Es ist die lvz redakteurin Katrin Henneberg, die diesen überflüssigen Aufmacher auf den Kulturseiten über eine "nicht nur Koryphäe, sondern auch dem Thomanerchor beruflich eng verbundene" Person geschreibselt hat: Einen Facharzt für HNO-Heilkunde, Phoniatrie und Pädaudiologie (von denen der Allgemeinwissende vermutlich nicht den Hauch einer Ahnung hat und erhält). Zum Glück ist die lvz dem Thomanerchor "beruflich eng verbunden" und wer wem noch beruflich und wirtschaftlich eng verbunden ist, möchte man eigentlich garnicht wissen. Zu unappetitlich ist diese Gemengelage. Wenn es nur wenigstens ein interessanter Artikel wäre!! Nichts da. Einen so uninspirierten Schulaufsatz wie ihn Katrin Henneberg da über einen sicher respektablen Mediziner verbrochen hat, leistet man sich nicht mal 10 oder 20 Seiten weiter hinten in der lvz, wo auf den Stadtteilseiten neben den Artikeln über Tomatendiebe auf dem Wochenmarkt sogar immer mal wieder Perlen auftauchen. Es ist nur so quälend, sich durch all den Winterschlussverkauf des Schreibgewerbes zu wühlen. Da kann man dem selbst gesetzten Anspruch, sich über Katzengold zu freuen, doch untreu werden.
Wie Prof. Fuchs als Dötz anfing, täglich fünf Minuten den Staub von den Flügeln der Thomanerschule hinwegzuwedeln, dass ihm der "extrem straff organisierte Tagesablauf im Chor" als Klinikarzt sehr geholfen hätte, dass er schließlich bei Ergreifen eines ordentlichen Berufes das Singen als Hobby weiterführen konnte, heute leider nur noch zu Kinder- und Wiegenliedern komme, dass Prof. Fuchs die Thomaner-Kinder nach der "Mutation", dem Stimmwechsel in der Pubertät, begleite, und nicht zuletzt, dass der gute Professor sich dank seiner Frau "auch populären Stilen geöffnet" habe und was dergleichen überflüssige Informationen mehr sind. Wäre der Artikel auf gut die Hälfte eingekürzt auf der Wissenschaft-/Uniseite erschienen oder in der Rubrik Familienleben, hätten sich sicher ein paar interessierte Leser gefunden. Dieser schmierige, belanglose und langweilige Beitrag zum Thomanerjubiläum (welchem auch immer) ist ein Elend, Pressemissbrauch ohne Rüge, ohne Unterhaltungswert und Mindeststrafe.
Dass Jürgen Kleindienst aus alter Gewohnheit verbunden mit dem Verschlampen der Fernbedienung nach dem Sonntags-Tatort bei Anne Will hängengeblieben ist, lässt er nun unter dem Titel "60-Minuten-Ei" an allen dem Verbalgemetzel hilflos ausgesetzten "ausgepresst"-Lesern aus. Texte, in denen die Wortungetüme Schnittlauch, doof, und Peter Hahne auffällig werden, gehören eh schon unter verschärfte Erziehungsmaßnahmen gesetzt. Wenn diese noch mit Geflügelfunktionär, Respekt vor Mensch und Tier und total scheiße vermengt werden, ist der Untergang des Abendlandes oder die Glosse der lvz nicht weit. Am Ende wirbt jkl sogar noch mit dem Nachfolger des Kolumbus, der womöglich den Seeweg von Indien nach Leipzig gefunden hat. Autogrammjäger finden sich bitte umgehend im Lindenauer Hafen ein.
Das Jugendsinfonieorchester der Musikschule hat mit dem MDR Sinfonieorchester unter Leitung von Jun Märkl Tschaikowskis Vierte aufgeführt. So weit so gut. Dass Birgit Hendrich aus dieser schlichten Tatsache, und dem Umstand, dass dem JSO und seinen Spielern seine "Grenzen" aufgezeigt wurden, eine Baklavaklebrige Textsuppe kocht, in der eine Zeile in die nächste zäh fließt, ist vermutlich immer noch dem Sonntagsnachmittagslikör zu verdanken. Wenn die lvz demnächst die "Un-Sätze" des Jahres prämiert, gehört der folgende sicher zu den ernstzunehmenden Kandidaten: "Im Lento werden die Gefühle mit Müller-Schott dreidimensional, ganz leise und weich, fließen Holz und Streicher parallel, bevor sie im Adagio punktgenaue Akzente setzen." Ähnlich orientierungslos in Raum und Zeit muss Kolumbus' Segler Santa Maria zwischen den Bahamas herumgeirrt sein. Hendrich lässt schließlich mit höchstem Pathos die kulturelle und erzieherische Spitzenleistung des Gohlis-Süd-Nachwuchses in ihrem Text auströpfeln: "Das unbeschreibliche Gefühl, mit Hilfe der Großen über sich hinausgewachsen zu sein."
Ariane Bach, Linda Bögelein, Wiebke Eichler und Marius Emsel haben drei Monate zu spät einen Artikel über die Auswirkungen der Novelle des Kulturraumgesetzes in Dresden respektive Leipzig geschrieben. Er lässt sich kurz und bündig mit "Der Teufel scheißt auf den größten Haufen" umschreiben und gipfelt in der Erkenntnis der Dresdner Kulturstadträtin Crista Müller von der CDU: "Dresden kann doch nichts dafür, dass beispielsweise die Kunstsammlung und die Semperoper nun einmal hier gegründet wurden."
Nina May hat "ergänzend zur herausragenden Halbzeitbilanz der Saison 2010/2011" des Theaters der Jungen Welt (89,2% Platzausnutzung, Silbermedaille für die 25.240 Zuschauer bis Ende Dezember, nur 21 Hundertstel hinter der erstplatzierten Saison 2007/2008), mit Intendant Jürgen Zielinski gesprochen. Aus Gründen der "Entlastung der Schauspieler" sowie aus künstlerischen Gründen, meint Zielinski, brauche das Leipziger Theater dringend eine Spielstätte für 100 Personen.
Das erste Theaterstück der Schauspielerin Marie Bäumer, die Szenencollage "Abschied", bei der sie auch selbst Regie geführt hat, scheint seinen Höhepunkt bereits vor Aufleuchten des ersten Scheinwerfers gehabt zu haben. Ein "Schrei, schrill und verzweifelt", hallte durch die noch dunklen Hamburger Kammerspiele. Die beinahe einzige eindrückliche Szene, die Jenny Tobien in dem Stück über die Trauer nach dem Tod des Liebespartners für die lvz bemerkt hat. Ansonsten: Ein Stück, "nicht wirklich mitreißend und bewegend."
Posts mit dem Label Theater der Jungen Welt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Theater der Jungen Welt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Dienstag, 11. Januar 2011
Samstag, 18. Dezember 2010
lvz kultur vom 18.12.10: Stuckrad-Barre und Sarrazin, Wikileaks, Kulturraumgesetz & Dario Fo
Late-Nighter Benjamin von Stuckrad-Barre, der ehemals "Spaßliteratur" schrieb und verkaufte, bis das fliegentötende Feuilleton sein Gehirn weich geknetet hatte, sitzt nun da vor seinem Gast Thilo Sarrazin und schwitzt vor Angst. An einer derart wunderbaren, mit dem Modewort authentisch kaum zu fassenden Situation, interessiert Kirsten Baukhake für die lvz einzig und allein, dass Sarrazin mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" Geld verdient hat, viel Geld. Ist das denn verwunderlich? Eine Meldung? Skandalös? Spekuliert die lvz auf die Neidwelle, die die "Musste ja mal gesagt werden"-Welle ablösen soll? Für eine Zeitung, die nicht hauptsächlich mit fetten Schlagzeilen, sondern mit Nachrichten Geld verdienen will, verdammt wenig.
Nina May behelligt den Inhaber der Domain wikileaks.de, Theodor Reppe, mit Hausfrauenfragen, horcht ihn über das Prinzip Petzen aus, will wissen, ob nicht doch wieder nur die Mächtigen..., weiß, dass Wikileaks bösen Fälschern aufgesess..., das Magazin Rolling Stones Julian Assange zum "Rockstar des Jahres" gewählt hat und die WAZ-Gruppe ebenfalls auf das Wiki-Prinzip aufspringen (und bald wie der Spiegel von der US-amerikanischen Luftwaffe durch Sperrung ihrer Website geehrt werden) will. Naja, wie so oft also. Es sind die Fragen, die jedes goldene Blatt auch stellen würde, ohne seine Leser mit irgendwelchen politischen Fragen und Kommentaren zu nerven, die rein beschäftigungsmäßig über die Zeit hinausginge, die ein Chai Latte-Tee zum Ziehen braucht.
Theodor Reppe antwortet in bester Schülersprecher-Manier, dass Politiker, die "realisieren, dass die Bürger mitbekommen können, was sie so treiben, sich deshalb in Zukunft auch eher in deren Interesse verhalten" würden und ähnlichen Schmonzes mehr. Das Idealismus-Groupie befürwortet daher "natürlich" die Freilassung des Julian Assange.
Hallo? Herr Leßmann? Hat Tschaikowski und die Nussknacker-Suite bei ihnen 1,5 Promille ihres Gehirns weich gemacht? Das Konzert des Gewandhausorchesters unter Leitung von Dmitrij Kitajenko, das sie so über den goldenen Klee loben, wenn auch nicht als "mutig", so doch als "groß", charakterisieren Sie mit: "Präzision ist ohnehin das Stichwort für dieses Große Concert" und entblöden sich nicht, wenige Zeilen später zu schreiben, dass "der russische Tanz maßlos über die Stränge schlägt" und "zum Höhepunkt" ausgerechnet den "vielstrapazierten" Blumenwalzer erklären, "bei dem die Geigen so viel zauberisch morbides Parfum in die Phrasen legen, dass man schon arg abgebrüht sein muss, um nicht davon berührt zu werden".
Der "Sparhaushalt" der Landesregierung (u.a. Novellierung des Kulturraumgesetzes), der der Dresdner Semperoper allerdings allein für 2011 mehr als 4,0 Mio € Subvenstions-Erhöhung (!) gewährt, um die anfallenden Tarifsteigerungen bezahlen zu können, beschert der Oper Leipzig 640.000 € geringere Zuschüsse, dem Schauspiel 217.000 €, dem Gewandhaus 246.000 €. Neben den direkten Einbußen fallen die Tarifsteigerungen zusätzlich ins Gewicht. Für das Centraltheater hat Verwaltungsdirektor Ballweg bereits eine Finanzierungslücke von 500.000 € prognostiziert. Das entspricht schnell mal 2-4 Neu-Produktionen. In einem Haus, das kaum "Renner" hat, die häufig angesetzt werden können, ist das nicht auszugleichen, nicht mal durch vermehrte Weihnachtsmärchen oder Konzerte.
Die Wunderwaffe der Gesprächsführung Nina May hat mit den Protagonisten der "Offenen Zweierbeziehung" von Franca Rame und Dario Fo am Theater der Jungen Welt gesprochen und fand kongeniale Partner. Witzig die Vorstellung Mays, Paare mit kriselnder Beziehung würden sich das Stück ansehen, verbunden mit ihrer Frage, wie die "Prognose für die Beziehung" wohl aussähe? Abril-Romero/Kleins Einschätzung: entweder kommt der Standesbeamte ins Spiel, weil das Paar "gemeinsam lachend" einen Neustart wagt, oder der Scheidungsrichter, weil das Paar sich für den Schlussstrich entscheidet. Ansonsten wird viel von "Beziehungsmustern", "allgemeinen Verhaltensmustern" und "Verhalten in Konfliktsituationen" geredet. Einen Geschlechterkampf sieht niemand am oder unterm Horizont, nur Frauen, "die es noch nicht so richtig drauf haben, dem eigenen Verlangen nachzugehen" und Männer, die "etwas Trauriges" an sich haben, "wenn sie partout jüngere Frauen abschleppen" müssten. Und natürlich würde auch "mit Klischees gespielt", wenn "zum Beispiel die Mutti, die zu Hause sitzt" gezeigt würde. Trotzdem: das Foto der glücklich verheirateten SchauspielerInnen (aber nicht miteinander!) ist schön!
Zum 100sten Geburtstag von Jean Genet fällt dem lvz redakteur Ulf Heise nichts anderes ein als die alte Leier des "skandalumwitterten" Schriftstellers, der an der Grenze zum Pathologischen sich selbst stilisiert ("Die Legende Genets, an der zu stricken er sich ziemlich Mühe gab, ist die eines erfolgreichen Verbrechers, eines Außenseiters, der Dieb, Strichjunge und Landstreicher gewesen war") und berühmte Fans (Georges Pompidou, Francois Mitterand, Pierre Boulez, Igor Strawinsky, Jacques Foucault, Michel Derrida) und Widersacher (Albert Camus, Francois Mauriac, Andre Gide) hatte. Warum eigentlich? Statt den zeitlichen Abstand zu nutzen, um den Provokationsgehalt seiner Werke wenigstens halbwegs den realen Fantasien seiner Zeitgenossen gegenüberzustellen, voyeurisiert, skandalisiert und übergeht der redakteur die eigentlichen Leistungen und Werke des ungewöhnlichen Schriftstellers.
Einhundertfünfzig (150!) Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen einer der weltweit wichtigsten Sammlungen surrealistischer Kunst bekommt die Stadt Berlin geschenkt. Das Unternehmerpaar Ulla und Heiner Pietzsch will ihre in 50 Jahren zusammengetragene Sammlung komplett abgeben (wenn ein "signifikanter" Teil davon öffentlich gezeigt würde), um "sicherzugehen, dass die Sammlung nicht wieder auseinandergeht und in alle Welt verteilt wird". Für diesen Fall müsste Berlin, schreibt Nada Weigelt, ein bisher nicht vorhandenes Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts schaffen. Cool ("schmunzelnd") beschreibt der Unternehmer, dass, "wenn die Schenkung den Durchbruch bringt, dass Berlin endlich das bekommt, was es schon so lange braucht, ich recht zufrieden in die Kiste steigen könnte."
Nina May behelligt den Inhaber der Domain wikileaks.de, Theodor Reppe, mit Hausfrauenfragen, horcht ihn über das Prinzip Petzen aus, will wissen, ob nicht doch wieder nur die Mächtigen..., weiß, dass Wikileaks bösen Fälschern aufgesess..., das Magazin Rolling Stones Julian Assange zum "Rockstar des Jahres" gewählt hat und die WAZ-Gruppe ebenfalls auf das Wiki-Prinzip aufspringen (und bald wie der Spiegel von der US-amerikanischen Luftwaffe durch Sperrung ihrer Website geehrt werden) will. Naja, wie so oft also. Es sind die Fragen, die jedes goldene Blatt auch stellen würde, ohne seine Leser mit irgendwelchen politischen Fragen und Kommentaren zu nerven, die rein beschäftigungsmäßig über die Zeit hinausginge, die ein Chai Latte-Tee zum Ziehen braucht.
Theodor Reppe antwortet in bester Schülersprecher-Manier, dass Politiker, die "realisieren, dass die Bürger mitbekommen können, was sie so treiben, sich deshalb in Zukunft auch eher in deren Interesse verhalten" würden und ähnlichen Schmonzes mehr. Das Idealismus-Groupie befürwortet daher "natürlich" die Freilassung des Julian Assange.
Hallo? Herr Leßmann? Hat Tschaikowski und die Nussknacker-Suite bei ihnen 1,5 Promille ihres Gehirns weich gemacht? Das Konzert des Gewandhausorchesters unter Leitung von Dmitrij Kitajenko, das sie so über den goldenen Klee loben, wenn auch nicht als "mutig", so doch als "groß", charakterisieren Sie mit: "Präzision ist ohnehin das Stichwort für dieses Große Concert" und entblöden sich nicht, wenige Zeilen später zu schreiben, dass "der russische Tanz maßlos über die Stränge schlägt" und "zum Höhepunkt" ausgerechnet den "vielstrapazierten" Blumenwalzer erklären, "bei dem die Geigen so viel zauberisch morbides Parfum in die Phrasen legen, dass man schon arg abgebrüht sein muss, um nicht davon berührt zu werden".
Der "Sparhaushalt" der Landesregierung (u.a. Novellierung des Kulturraumgesetzes), der der Dresdner Semperoper allerdings allein für 2011 mehr als 4,0 Mio € Subvenstions-Erhöhung (!) gewährt, um die anfallenden Tarifsteigerungen bezahlen zu können, beschert der Oper Leipzig 640.000 € geringere Zuschüsse, dem Schauspiel 217.000 €, dem Gewandhaus 246.000 €. Neben den direkten Einbußen fallen die Tarifsteigerungen zusätzlich ins Gewicht. Für das Centraltheater hat Verwaltungsdirektor Ballweg bereits eine Finanzierungslücke von 500.000 € prognostiziert. Das entspricht schnell mal 2-4 Neu-Produktionen. In einem Haus, das kaum "Renner" hat, die häufig angesetzt werden können, ist das nicht auszugleichen, nicht mal durch vermehrte Weihnachtsmärchen oder Konzerte.
Die Wunderwaffe der Gesprächsführung Nina May hat mit den Protagonisten der "Offenen Zweierbeziehung" von Franca Rame und Dario Fo am Theater der Jungen Welt gesprochen und fand kongeniale Partner. Witzig die Vorstellung Mays, Paare mit kriselnder Beziehung würden sich das Stück ansehen, verbunden mit ihrer Frage, wie die "Prognose für die Beziehung" wohl aussähe? Abril-Romero/Kleins Einschätzung: entweder kommt der Standesbeamte ins Spiel, weil das Paar "gemeinsam lachend" einen Neustart wagt, oder der Scheidungsrichter, weil das Paar sich für den Schlussstrich entscheidet. Ansonsten wird viel von "Beziehungsmustern", "allgemeinen Verhaltensmustern" und "Verhalten in Konfliktsituationen" geredet. Einen Geschlechterkampf sieht niemand am oder unterm Horizont, nur Frauen, "die es noch nicht so richtig drauf haben, dem eigenen Verlangen nachzugehen" und Männer, die "etwas Trauriges" an sich haben, "wenn sie partout jüngere Frauen abschleppen" müssten. Und natürlich würde auch "mit Klischees gespielt", wenn "zum Beispiel die Mutti, die zu Hause sitzt" gezeigt würde. Trotzdem: das Foto der glücklich verheirateten SchauspielerInnen (aber nicht miteinander!) ist schön!
Zum 100sten Geburtstag von Jean Genet fällt dem lvz redakteur Ulf Heise nichts anderes ein als die alte Leier des "skandalumwitterten" Schriftstellers, der an der Grenze zum Pathologischen sich selbst stilisiert ("Die Legende Genets, an der zu stricken er sich ziemlich Mühe gab, ist die eines erfolgreichen Verbrechers, eines Außenseiters, der Dieb, Strichjunge und Landstreicher gewesen war") und berühmte Fans (Georges Pompidou, Francois Mitterand, Pierre Boulez, Igor Strawinsky, Jacques Foucault, Michel Derrida) und Widersacher (Albert Camus, Francois Mauriac, Andre Gide) hatte. Warum eigentlich? Statt den zeitlichen Abstand zu nutzen, um den Provokationsgehalt seiner Werke wenigstens halbwegs den realen Fantasien seiner Zeitgenossen gegenüberzustellen, voyeurisiert, skandalisiert und übergeht der redakteur die eigentlichen Leistungen und Werke des ungewöhnlichen Schriftstellers.
Einhundertfünfzig (150!) Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen einer der weltweit wichtigsten Sammlungen surrealistischer Kunst bekommt die Stadt Berlin geschenkt. Das Unternehmerpaar Ulla und Heiner Pietzsch will ihre in 50 Jahren zusammengetragene Sammlung komplett abgeben (wenn ein "signifikanter" Teil davon öffentlich gezeigt würde), um "sicherzugehen, dass die Sammlung nicht wieder auseinandergeht und in alle Welt verteilt wird". Für diesen Fall müsste Berlin, schreibt Nada Weigelt, ein bisher nicht vorhandenes Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts schaffen. Cool ("schmunzelnd") beschreibt der Unternehmer, dass, "wenn die Schenkung den Durchbruch bringt, dass Berlin endlich das bekommt, was es schon so lange braucht, ich recht zufrieden in die Kiste steigen könnte."
Labels:
Benjamin Leßmann,
Benjamin Stuckrad-Barre,
Dario Fo,
Gewandhausorchester,
Heiner Pietzsch,
Jean Genet,
Kulturraumgesetz,
Nina May,
Theater der Jungen Welt,
Thilo Sarrazin,
Tschaikowski,
Wikileaks
Donnerstag, 28. Oktober 2010
lvz kultur vom 28.10.10: Geld im Überfluss, le Carré, Richards vs. Garrett & Thalia-Schließung
Es ist schon kurios: Im sächsischen Haushalt gibt es im Etat für die Freien Schulen nicht abgerufene Mittel aus 2009 in zig-Millionen € Höhe, die als Rücklagen für möglicherweise verloren gehende Prozesse in 2010 bereitstehen. In 2010 selbst werden zusätzlich zu diesen etwa 25 Mio € noch einmal über 40 Millionen € garnicht erst abgerufen werden, wie Sven Heitkamp schreibt. Ob auch sie als Rücklagen in den großen Topf fließen, aus dem später - wenig hinterfragt - zusätzliche Haushaltsgelder verteilt werden, wenn sie für die möglicherweise verloren gehende Prozesse nicht gebraucht werden? Fragt sich nur, in welche Bereiche?
Klar ist, dass der Kultur und Jugendbildung und -hilfe mit einem Bruchteil dieser Summen über die drängendsten Sorgen geholfen werden könnte. Es wird wieder einmal deutlich, dass genügend - auch flüssige - Gelder in den Haushalten existieren, Einsparbeschlüsse sind in allererster Linie politische Prioritätensetzungen.
Noch muss der gesamte Kulturbereich der Städte und Gemeinden Sachsens, z.B. wegen der Androhung, Kulturraumgelder zu kürzen, über Schließungen an allen Ecken und Enden debattieren. Mit dieser Taktik wird insbesondere die Öffentlichkeit in einen Zermürbungskrieg geschickt, durch den sie auf alles gefasst sein wird.
Der 79-jährige John le Carré hat aus Anlass seines neuen Romans "Verräter wie wir" mit Andrej Sokolow gesprochen. Der Roman setzt sich mit dem Einfluss der russischen Unterwelt im Westen auseinander. Le Carré hütet sich aber vor einer moralischen Verurteilung der Russen. Denn nicht nur seine Heimat Großbritannien, der gesamte Westen verfolge eine doppelbödige Moral, indem es einerseits nach außen Menschenrechte hochhält, riesige Summen für Sicherheitbehörden ausgibt und trotzdem Gelder aus Waffenschmuggel, Menschenhandel, Drogenhandel, Erpressungen etc. willig ins Land lässt.
Was die "großen Herausforderungen" der Zeit angehe, seien "wir" gescheitert. Das beträfe den Fluss schmutzigen Geldes ebenso wie die zu "Organisationen der Selbstbereicherung" gewandelten Banken, die Ökologie wie der beginnende Kampf um Ressourcen. Woran es fehle, sei eine "internationale Ethik", das aber vermutlich schon seit Beginn der Geschichte.
Auf seine großen Hoffnungen angesprochen, die er anlässlich der Wahl Barack Obamas hegte, meint le Carré, dass er seinen "Glauben" an Obama noch nicht verloren habe, allerdings an "die Fähigkeit Amerikas, sich selbst zu regieren", schon. "Die Kommunikationsmacht der rechten Lobby ist schlicht beängstigend."
Britta Gürke schreibt über die Autobiographie von Keith Richard, in der er mit mancher Legende aufräume, was Drogen und Musik beträfe, aber zumindest eine neue schaffte, wo es um Sex geht. Richards Liebesleben sei alles andere als wild gewesen, schreibt der nun seit 30 Jahren mit Patti Hansen liierte Rolling Stone. Wie heißt der Titel seines Werks: "Das ist mein Leben. Glaubt es oder nicht".
Ein ganz anderes Kaliber als Womanizer scheint Stargeiger David Garrett zu sein, glaubt man Birgit Hendrich. Ob schulpflichtig oder pensionsberechtigt - in der Arena Leipzig lagen dem Rock-Symphoniker bei seinem Auftaktkonzert zur neuen Tournee alle weiblichen Herzen zu Füßen. Im Unterschied zu Keith Richards sei er sogar Single, die Damenwelt darf also träumen. Zumal er mit "schüchternem Lächeln"und Anekdoten über Schoko- und Hanutaschnitten sich als "netter Junge von nebenan" darzustellen vermochte - nur halt mit einer Zauberfidel.
An die 150 Menschen sind in Lindenau einer Protestkundgebung des Theaters der Jungen Welt gegen die beabsichtigte Schließung des Thalia Theaters Halle gefolgt, darunter viele Vertreter von Hochkultur und Freier Szene sowie Politiker. Intendant Zielinskis Schlusswort, "man lasse sich in der Frage des Kampfes gegen Kulturkürzungen nicht spalten" fand entsprechend Widerhall. In Halle fanden sich zu einer zeitgleichen Kundgebung augenscheinlich nicht mehr Menschen ein als in Leipzig. Dafür kursierte ein Offener Brief des designierten Schauspielchefs Matthias Brenner, in dem er Annegret Hahn vorhielt, die Schließung sei "nicht so plötzlich gekommen, wie dargestellt". Das muss man mit größerem Recht allerdings der Theaterleitung selbst vorhalten. Rolf Stiska, der die scheinbare Alternative "Insolvenz oder Thalia-Schließung" nur wenige Tage vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung vom 8.10. gegenüber der Presse bekanntgab, musste das drohende Defizit spätestens seit 2009 auf sich zukommen gesehen haben. Und hat nichts unternommen.
Klar ist, dass der Kultur und Jugendbildung und -hilfe mit einem Bruchteil dieser Summen über die drängendsten Sorgen geholfen werden könnte. Es wird wieder einmal deutlich, dass genügend - auch flüssige - Gelder in den Haushalten existieren, Einsparbeschlüsse sind in allererster Linie politische Prioritätensetzungen.
Noch muss der gesamte Kulturbereich der Städte und Gemeinden Sachsens, z.B. wegen der Androhung, Kulturraumgelder zu kürzen, über Schließungen an allen Ecken und Enden debattieren. Mit dieser Taktik wird insbesondere die Öffentlichkeit in einen Zermürbungskrieg geschickt, durch den sie auf alles gefasst sein wird.
Der 79-jährige John le Carré hat aus Anlass seines neuen Romans "Verräter wie wir" mit Andrej Sokolow gesprochen. Der Roman setzt sich mit dem Einfluss der russischen Unterwelt im Westen auseinander. Le Carré hütet sich aber vor einer moralischen Verurteilung der Russen. Denn nicht nur seine Heimat Großbritannien, der gesamte Westen verfolge eine doppelbödige Moral, indem es einerseits nach außen Menschenrechte hochhält, riesige Summen für Sicherheitbehörden ausgibt und trotzdem Gelder aus Waffenschmuggel, Menschenhandel, Drogenhandel, Erpressungen etc. willig ins Land lässt.
Was die "großen Herausforderungen" der Zeit angehe, seien "wir" gescheitert. Das beträfe den Fluss schmutzigen Geldes ebenso wie die zu "Organisationen der Selbstbereicherung" gewandelten Banken, die Ökologie wie der beginnende Kampf um Ressourcen. Woran es fehle, sei eine "internationale Ethik", das aber vermutlich schon seit Beginn der Geschichte.
Auf seine großen Hoffnungen angesprochen, die er anlässlich der Wahl Barack Obamas hegte, meint le Carré, dass er seinen "Glauben" an Obama noch nicht verloren habe, allerdings an "die Fähigkeit Amerikas, sich selbst zu regieren", schon. "Die Kommunikationsmacht der rechten Lobby ist schlicht beängstigend."
Britta Gürke schreibt über die Autobiographie von Keith Richard, in der er mit mancher Legende aufräume, was Drogen und Musik beträfe, aber zumindest eine neue schaffte, wo es um Sex geht. Richards Liebesleben sei alles andere als wild gewesen, schreibt der nun seit 30 Jahren mit Patti Hansen liierte Rolling Stone. Wie heißt der Titel seines Werks: "Das ist mein Leben. Glaubt es oder nicht".
Ein ganz anderes Kaliber als Womanizer scheint Stargeiger David Garrett zu sein, glaubt man Birgit Hendrich. Ob schulpflichtig oder pensionsberechtigt - in der Arena Leipzig lagen dem Rock-Symphoniker bei seinem Auftaktkonzert zur neuen Tournee alle weiblichen Herzen zu Füßen. Im Unterschied zu Keith Richards sei er sogar Single, die Damenwelt darf also träumen. Zumal er mit "schüchternem Lächeln"und Anekdoten über Schoko- und Hanutaschnitten sich als "netter Junge von nebenan" darzustellen vermochte - nur halt mit einer Zauberfidel.
An die 150 Menschen sind in Lindenau einer Protestkundgebung des Theaters der Jungen Welt gegen die beabsichtigte Schließung des Thalia Theaters Halle gefolgt, darunter viele Vertreter von Hochkultur und Freier Szene sowie Politiker. Intendant Zielinskis Schlusswort, "man lasse sich in der Frage des Kampfes gegen Kulturkürzungen nicht spalten" fand entsprechend Widerhall. In Halle fanden sich zu einer zeitgleichen Kundgebung augenscheinlich nicht mehr Menschen ein als in Leipzig. Dafür kursierte ein Offener Brief des designierten Schauspielchefs Matthias Brenner, in dem er Annegret Hahn vorhielt, die Schließung sei "nicht so plötzlich gekommen, wie dargestellt". Das muss man mit größerem Recht allerdings der Theaterleitung selbst vorhalten. Rolf Stiska, der die scheinbare Alternative "Insolvenz oder Thalia-Schließung" nur wenige Tage vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung vom 8.10. gegenüber der Presse bekanntgab, musste das drohende Defizit spätestens seit 2009 auf sich zukommen gesehen haben. Und hat nichts unternommen.
Samstag, 4. September 2010
lvz kultur vom 04.09.10: Invisible Empire, Der Schutzraum, Kiwi und Faber & Faber
Im Weißen Haus des Centraltheaters müssen sich zehn "weiße" Menschen wie in einem Zoo von den Besuchern begaffen lassen. Was sich unter dem Titel "Invisible Empire" als heutiger Selbsterfahrungstrip in Sachen Voyeurismus mit Hinweis auf kolonialistische Vorbilder verkauft, erzeugt bei Nina May unangenehme Gefühle (ja, was denn sonst?) und wird für die lvz Redakteurin zum Spießrutenlauf, bei dem sie sich trennende Wände und Gitter wie im echten Zoo herbeiwünscht. Aber über den Augenblick hinaus scheint diese Erfahrung keinerlei nennenswerte analytische Konsequenzen bei ihr hervorzurufen. Außer, dass sie nicht beurteilen möchte, ob das ganze nun als naiver Unfug oder spielerisch-leichte Ouvertüre einzuschätzen sei. Leider etwas banal, weil ohne jegliche Erläuterung, geschweige Begründung.
Meinungsfreudiger entpuppt sich Jürgen Kleindienst in seinem Artikel über eine Film-Klang-Licht-Collage namens "Der Schutzraum". Sie sorge nicht allein für "ästhetische Unruhe" auf dem Richard-Wagner-Platz, sie inszeniere sogar einen "überraschenden Angriff" auf die Stadt. Ins Bewusstsein gerückt werden soll ein ehemaliger Bunker, der in einem oberirdischen, temporären Kubus nachempfunden werde. Der Bezug der einzelnen Beiträge zum Bunker und der umgebenden Großstadt erscheint nicht immer gleich plausibel. Wagners Lohengrin-Vorspiel, wiedergegeben durch "angekratztes Grammophonspiel" als Verweis auf das Geburtshaus des Komponisten nebenan? Oder auch auf den Einfluss Wagners auf den nationalsozialistischen Furor? Ein Fragment Kafkas, projizierte Bunker-Bilder und -Videos, unter der Bezeichnung "Betonfragmente" Bilder des (Luft-)Gegenangriffs auf Deutschland, ein Teppich aus Beats und Wassertropfen. Der Tenor der Collage: Stadt, Angst, Schutt. Schließlich der Bombenangriff von 1943 in Bezug gesetzt zur geplanten städtebaulichen Zerstörung der Gegenwart: Angriff auf den Brühl - Angriff auf die Stadt. Diese "verstörende Collage" der Leipziger KunstRäume e.V. reflektiert und verbindet Stadtgeschichte mit subjektiver und kollektiver Wahrnehmung. Eine scheinbar so subtile wie herausfordernde Arbeit der Künstler René Blümel, Hein-Godehart Petschulat und Manuel G. Richter.
Theresa Wiedemann schreibt über den Spielzeitauftakt am Theater der Jungen Welt, Daniel Danis' Stück "Kiwi" in der Inszenierung von Jürgen Zielinski. Leider deckt die Sprache ihres Textes mehr zu, als Worte oder Bilder zu finden für das, was ihr die Inszenierung gesagt hat. Auch positiv gemeinte Adjektive wie "beklemmend", "stark", "auffällig", "dicht", "eindrucksvoll", "bewegend", "eindringlich" bleiben hilflose Instrumente der eigenen Wahrnehmung. Dass gerade mal zwei Schauspielernamen und der Regisseur selbst erwähnt werden, geschweige denn deren Arbeit/Leistung bewertet wird und nicht einmal die auffälligsten der weiteren Künstler, darunter die für die Ausstattung, die Musik und die Videoprojektionen verantwortlichen, ist ein Armutszeugnis für den Kulturteil der lvz. Dass diese Zeitung gar nicht erst im Zeitungspool enthalten ist, aus dem z.B. der Deutsche Bühnenverein seine Pressemappe zusammenstellt, ist wieder einmal nur zu verständlich. Seitdem sich die lvz auch dem gezielten Hartmannbashing verschrieben hat und sich zudem das Stadtmagazin Kreuzer aus der ernstzunehmenden Premieren-Berichterstattung nahezu verabschiedet hat, hat Leipzig Dresden wohl endgültig den Rang abgelaufen als "Tal der Ahnungslosen". Wann erscheint bloß in der tageszeitung taz ein eigener Leipzig/Dresden-Regionalteil?
Hohe Aufmerksamkeit findet indes eines der seltenen Gastspiele hochrangiger internationaler Orchester in Leipzig. Neben dem sich in ihrem Klang eindrucksvoll vom Gewandhausorchester absetzenden "London Symphony Orchestra" macht Peter Korfmacher insbesondere die Tatsache zu einem Thema seines Artikels, dass der Besucherraum abermals nur mau gefüllt war, und allein "zweitklassige Muggenbataillone" zum Jahresende Preise von 50 € aufwärts verlangen können, nicht jedoch Qualität.
In einem langen Interview Janina Fleischers mit Michael Faber, Inhaber des Verlags Faber & Faber, darf dieser den - nun ja - hundertsten Niedergang des Buch- und Verlagswesens in Deutschland und speziell Leipzig beschreiben und darüber jammern ("sein Weggang war für mich, als würde ich der Hölle ausgeliefert"), dass sein Sohn nun lieber Kulturbürgermeister geworden ist, statt in ihrem gemeinsamen "Traumteam" weiter die Fahne des Verlages hochzuhalten. Statt - wie Faber & Faber - die Nische vornehm illustrierter, bibliophiler Bücher zu pflegen, hat der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf Erfolg mit der Veröffentlichung des Werkes einer 15-jährigen Autorin (nein, heute nicht H. Hegemann!), die eine neue Jugend-Generation, die "Generation Geil", ausgerufen habe. Und die lvz veröffentlicht munter mit, auch wenn Silke Katenkamp befindet:"Keine Analyse, keine Einordnung des Gesagten. Keine Muss-Lektüre". Gilt auch für die lvz.
Meinungsfreudiger entpuppt sich Jürgen Kleindienst in seinem Artikel über eine Film-Klang-Licht-Collage namens "Der Schutzraum". Sie sorge nicht allein für "ästhetische Unruhe" auf dem Richard-Wagner-Platz, sie inszeniere sogar einen "überraschenden Angriff" auf die Stadt. Ins Bewusstsein gerückt werden soll ein ehemaliger Bunker, der in einem oberirdischen, temporären Kubus nachempfunden werde. Der Bezug der einzelnen Beiträge zum Bunker und der umgebenden Großstadt erscheint nicht immer gleich plausibel. Wagners Lohengrin-Vorspiel, wiedergegeben durch "angekratztes Grammophonspiel" als Verweis auf das Geburtshaus des Komponisten nebenan? Oder auch auf den Einfluss Wagners auf den nationalsozialistischen Furor? Ein Fragment Kafkas, projizierte Bunker-Bilder und -Videos, unter der Bezeichnung "Betonfragmente" Bilder des (Luft-)Gegenangriffs auf Deutschland, ein Teppich aus Beats und Wassertropfen. Der Tenor der Collage: Stadt, Angst, Schutt. Schließlich der Bombenangriff von 1943 in Bezug gesetzt zur geplanten städtebaulichen Zerstörung der Gegenwart: Angriff auf den Brühl - Angriff auf die Stadt. Diese "verstörende Collage" der Leipziger KunstRäume e.V. reflektiert und verbindet Stadtgeschichte mit subjektiver und kollektiver Wahrnehmung. Eine scheinbar so subtile wie herausfordernde Arbeit der Künstler René Blümel, Hein-Godehart Petschulat und Manuel G. Richter.
Theresa Wiedemann schreibt über den Spielzeitauftakt am Theater der Jungen Welt, Daniel Danis' Stück "Kiwi" in der Inszenierung von Jürgen Zielinski. Leider deckt die Sprache ihres Textes mehr zu, als Worte oder Bilder zu finden für das, was ihr die Inszenierung gesagt hat. Auch positiv gemeinte Adjektive wie "beklemmend", "stark", "auffällig", "dicht", "eindrucksvoll", "bewegend", "eindringlich" bleiben hilflose Instrumente der eigenen Wahrnehmung. Dass gerade mal zwei Schauspielernamen und der Regisseur selbst erwähnt werden, geschweige denn deren Arbeit/Leistung bewertet wird und nicht einmal die auffälligsten der weiteren Künstler, darunter die für die Ausstattung, die Musik und die Videoprojektionen verantwortlichen, ist ein Armutszeugnis für den Kulturteil der lvz. Dass diese Zeitung gar nicht erst im Zeitungspool enthalten ist, aus dem z.B. der Deutsche Bühnenverein seine Pressemappe zusammenstellt, ist wieder einmal nur zu verständlich. Seitdem sich die lvz auch dem gezielten Hartmannbashing verschrieben hat und sich zudem das Stadtmagazin Kreuzer aus der ernstzunehmenden Premieren-Berichterstattung nahezu verabschiedet hat, hat Leipzig Dresden wohl endgültig den Rang abgelaufen als "Tal der Ahnungslosen". Wann erscheint bloß in der tageszeitung taz ein eigener Leipzig/Dresden-Regionalteil?
Hohe Aufmerksamkeit findet indes eines der seltenen Gastspiele hochrangiger internationaler Orchester in Leipzig. Neben dem sich in ihrem Klang eindrucksvoll vom Gewandhausorchester absetzenden "London Symphony Orchestra" macht Peter Korfmacher insbesondere die Tatsache zu einem Thema seines Artikels, dass der Besucherraum abermals nur mau gefüllt war, und allein "zweitklassige Muggenbataillone" zum Jahresende Preise von 50 € aufwärts verlangen können, nicht jedoch Qualität.
In einem langen Interview Janina Fleischers mit Michael Faber, Inhaber des Verlags Faber & Faber, darf dieser den - nun ja - hundertsten Niedergang des Buch- und Verlagswesens in Deutschland und speziell Leipzig beschreiben und darüber jammern ("sein Weggang war für mich, als würde ich der Hölle ausgeliefert"), dass sein Sohn nun lieber Kulturbürgermeister geworden ist, statt in ihrem gemeinsamen "Traumteam" weiter die Fahne des Verlages hochzuhalten. Statt - wie Faber & Faber - die Nische vornehm illustrierter, bibliophiler Bücher zu pflegen, hat der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf Erfolg mit der Veröffentlichung des Werkes einer 15-jährigen Autorin (nein, heute nicht H. Hegemann!), die eine neue Jugend-Generation, die "Generation Geil", ausgerufen habe. Und die lvz veröffentlicht munter mit, auch wenn Silke Katenkamp befindet:"Keine Analyse, keine Einordnung des Gesagten. Keine Muss-Lektüre". Gilt auch für die lvz.
Labels:
Bunker,
Centraltheater,
Invisible Empire,
Jürgen Kleindienst,
Jürgen Zielinski,
Kiwi,
London Symphony Orchestra,
Nina May,
Peter Korfmacher,
Schutzraum,
Theater der Jungen Welt
Abonnieren
Posts (Atom)