Daniel Hecht. Ein Student noch. Darf der das? Den so gar nicht angesagten Expressionisten rauskehren? Weder der Leipziger noch der konzeptuellen Schule folgen? Vielleicht gar einen neuen Trend vorausahnen? Als Maler, heiter wissend, frontal den Zuschauer betrachtend, sich selbst auf Augenhöhe und beinahe Arm in Arm mit Gevatter Tod porträtieren? Eine beinahe TriegelscheSelbstüberhöhung als Erlöser andeuten? Als Jude dem Grundtopos des Antisemitismus, dem Vorwurf, Christusmörder zu sein, Nahrung zu geben? Die neue Leipziger Galerie Naehring in der Lützner Straße, schräg gegenüber dem Tapetenwerk, startet fulminant, Jens Kassner zeigt sich leicht verunsichert, zumal noch keine große Ausstellung den Maler beglaubigt, kein Name, kein Meisterschülerbonus, der sticht. Immerhin: Die erste Ausstellung einer Galerie mit (Wage-)Mut („Avantgarde“) und Absichten (noch mehr „Avantgarde“).
Über einen Leipzig-Krimi mit begrenzter literarischer Reichweite berichtet Hartwig Hochstein. Es ist Andreas Stammkötters „Messewalzer“, sein fünfter Krimi mit Lokalkolorit. Die Messlatte scheint auf Höhe der „bunten Kneipenszene“ Leipzigs und einem bildschönen Mord auf der Lesebühne bereits ihren höchsten Punkt erreicht zu haben. Da hilft selbst ein die DDR-Vergangenheit aufarbeitender Stasistrang nur begrenzt weiter. Ansonsten machen es nicht nur Szenen „wie aus einem Action-Thriller“ zum Erfolgsbuch, passend zur Buchmesse herausgegeben.
An seinem 200. Todestag ist von Heinrich von Kleists und Henriette Vogels Doppelselbstmord vor allem Kleists Zeile an seine Schwester geblieben: „ Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“ Dass beide ihre Todesstunde voll Heiterkeit regelrecht inszeniert haben, schon weniger. Als „Meister des Scheiterns“ galt und gilt Heinrich von Kleist (sein "erstes wirklich beachtetes und diskutiertes Stück war sein erweiterter Selbstmord") und heute darf Kulturstaatsminister Bernd Neumann das Kleist-Jahr feierlich in Szene setzen. Kleists theatrale Meisterschaft ist unterdessen anerkannt, den Kulturbetrieb werden aber auch weitere Tagungen, Biografien, Ausstellungen und sogar ein Kleist-Festival schmieren. „Seine Texte sind nicht zu fassen“, schreibt Ronald Meyer-Arlt und freut sich darüber. „Deshalb faszinieren sie so.“
Die „düster-elementare Stimmung“, die Regisseur Jürgen Zielinski passend zum Faust-Mythos die Bühne beherrschen lässt, hat es auch Nina May angetan. Doch damit ist auch das Positive beinahe erschöpft, das die lvz redakteurin in der Deutschsprachigen Erstaufführung von Oscar van Woensels „Zerreißprobe Faust“ sehen mag. Hinzu kommt noch Lob für die Bühne Fabian Golds (u.a. die „eindrucksvolle Drehbühne im Feuerkranz“) und das Bemerken einiger „Lacher des jugendlichen Premierenpublikums“, wenn Mephisto und Faust amüsante Streitigkeiten ausfechten. Unberührt haben sie demgegenüber all die vielfältig beschworenen, heftigen Emotionen gelassen. Sie bleiben „behauptet, nur aufgesagt“. „Das Risiko, sich selbst zu verlieren“, nehme man „den Spielern nicht ab.“ Auch „Bachs Musik“ zaubert kein „wahres Gefühl herbei“. Eine „konfuse Szenenaneinanderreihung“ lasse nur ein Gefühl beim Betrachter entstehen: dass „der Abend verläppert.“ May ernüchtert: „Auf eine Zerreißprobe stellt das alles den Zuschauer eher nicht.“
Posts mit dem Label Jürgen Zielinski werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Jürgen Zielinski werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Samstag, 5. März 2011
Mittwoch, 2. März 2011
lvz kultur vom 2.3.11: Geplant: Leipziger Satire-Taskforce. Dimke. Zielinski. Petras. Hildi.
Drei Frauen an der Spitze Leipziger Universitäten und Hochschulen sind viele Extrameldungen wert. Und Interviews. Doch es bleibt dabei: Frauen werden gefragt, ob dies Zufall sei, von einer Frage an gewählte Männer, ob die Besetzung mit ihresgleichen eine bestimmte Bedeutung hätte, habe ich noch nicht gehört. Im Interview von Jürgen Kleindienst mit der neuen Rektorin der Hochschule für Grafik und Buchkunst HGB, Ana Dimke, antwortet die, es sei ein Zufall. Wenn auch ein positiver. Und dann der schlichte Satz: „Außerdem bedeutet es die Herstellung von Normalität.“
Was nichts anderes heißt, als dass die Norm Geschlechtergerechtigkeit heißt, auch wenn sie erst „hergestellt“ werden müsse. Doch der politischen Rhetorik verweigert sich die neue Rektorin scheinbar. Sie sagt zwar, dass es sich „für Frauen lohnt zu kämpfen“, denn vieles sei noch „ungerecht“. Doch ihr, die ein Ziel auf diesem Weg erreicht hat, sind nicht politische Leitlinien zentral, sondern die Vereinbarkeit von (eigenem) Beruf und (eigener) Familie. Sympathisch, klug und geerdet wirkt die 43-Jährige Dekanin der Fakultät Bildende Kunst an der UDK Berlin und derzeitige Geschäftsführende Direktorin des Instituts Kunstdidaktik und Ästhetische Erziehung in diesem Interview. Und wenn Jürgen Kleindienst sie mit fast etwas herablassendem Unterton darauf anspricht, dass sie „aus dem Bereich der Kunstvermittlung, der Didaktik und Pädagogik“ komme, perlt es zurück, dass „es nur ein gradueller Unterschied ist, ob man Fünfjährigen ein schwarzes Bild von Ad Reinhard nahe bringt oder einem Politiker die Konzeption einer Kunsthochschule erklärt.“ Wundervoll! Klar ist damit zumindest, wo ein Schwerpunkt von Ana Dimkes künftiger Arbeit liegen wird.
Für Norbert Wehrstedt ist die soeben verstorbene Schauspielerin Jane Russel vor allem Göttin, Vollweib, Traumfrau und Sexbombe gewesen. Ihre Biografie lässt sich für ihn am ehesten dadurch erzählen, dass sie bei einem Busenwettbewerb entdeckt wurde („96cm Oberweite“) mit welchen Regisseuren sie zusammengearbeitet hat und dass sie vor der Kamera „keine schlechte Figur im Sattel“ machte. Und – dass sie ein wundervoll zwiespältiger Mensch war. Von tiefer Religiosität, erzkonservativer Gesinnung und „flammende Gegnerin“ von Abtreibungen, die gleichwohl „kaum einer Versuchung widersteht“, sich in „lasziven Posterposen“ fotografieren ließ – und sich heftig darüber aufregte, wie ihre „Rundungen“ zur Schau gestellt wurden. Das kann Wehrstedt noch mit eigener Anekdote beglaubigen, denn bei der Berlinale 1991, die u.a. eine Retrospektive von Jane Russel zeigte, „versicherte“ ihm die „Sexgöttin“, dass Howard Hughes, Regisseur von „Geächtet“, ihr einen saumlosen BH schneidern ließ, den sie „empört ablehnte“.
Mit Gryphius' Gedicht „Alles ist eitel“, das nach dem Europa verheerenden Dreißigjährigen Krieg die Vergänglichkeit menschlichen Tuns beschrieb, bringt Jürgen Kleindienst in der Glosse „ausgepresst“ auf den Punkt, dass die Sängerin Nelly Furtado ihre Fähnlein nach dem Winde hängt. Als Dank für 45 Minuten Gesang erhielt sie von dem selbsternannten Revolutionsführer 2007 in einem italienischen Hotel eine Million Dollar – und möchte die nun, wo Gaddhafi „auf sein eigenes Volk“ schießen lässt und das erhaltene Geld einen Geruch annimmt, wieder zurückgeben bzw. spenden. Noch während sich Kleindienst auf der Suche nach einer Pointe dieser „kleinen Gedankenkleckserei“ in Form „einer wiesen blum“ macht (und nicht fündig wird), begreift er, dass auch dieses Ansinnen „nur Eitelkeit auf Erden“ darstellt. Und so verstummt er.
Zwei theatrale Beschäftigungen mit dem Fauststoff sind in den nächsten Tagen in Leipzig zu sehen. Eine „Zerreißprobe Faust“, am Theater der Jungen Welt, inszeniert von Jürgen Zielinski, und ein „theatraler Vortrag“ nach Schleefs „Droge Faust Parzifal“ von Armin Petras in der Skala. Nina May hat beiden ähnliche Fragen gestellt und druckt die Antworten nebeneinander ab.
Für Zielinski eröffnet die „Gretchenfrage“, wie der Doktor es denn mit der Religion halte, heute „zwischen Fortschrittdrang, Jugendwahn und einem ständigen Schneller Weiter Höher“ neue und alte Sinn- und Glaubensfragen, „gerade für das Jugendtheater“. Für Petras versteckt sich in der Gretchenfrage ebenso heutig die „Forderung der Frau an den Mann, für das gemeinsame Leben einzustehen.“ Identifikationskraft mit der Figur, vielmehr, eher mit dem Faust-Stoff, sieht Zielinski darin, dass „eine Suche, eine Reise“ wie die des Faust den Jugendlichen heute selbst bevorsteht, sie gleichzeitig ihr Eigenes mit dem für sie Fremden in Beziehung setzen können und sich dabei eine neue „Lust aufs Leben“ regen könne. Mit Goethe können beide Regisseure wenig anfangen. Während Zielinski große Ablehnung gegenüber der Goetheschen Sprache und ihrer Weitschweifigkeit konstatiert, ist für Petras die Tatsache, dass hier der männliche Hauptdarsteller eines Ensembles „auf eine junge Frau losgelassen wird, furchtbar langweilig“. Heute interessiert ihn nur noch der Punkt kurz vor dem endgültigen Scheitern, an dem Faust stecke. Ähnlich liegt auch für Zielinski die eigentliche „Zerreißprobe“ darin, dass der Stoff „auch eigene Begrenzungen offenlegt“. Typisch Deutsch ist der Stoff für beide Regisseure nicht, für Zielinski ist er „universell“, für Petras ein Stück „mittelalterliche Literatur, die auch von Autoren aus anderen Ländern aufgegriffen“ wurde. Und auch mit dem Faust-Erbe auf dem deutschen Theater wollen sich beide Regisseure kritisch auseinandersetzen. Der eine, indem er das „häufige Hinwegmogeln über die Tiefenauslotung mittels wirkungskräftiger Theatermittel wie Schall, Rauch und Blut“ aufspießt (Zielinski), der andere, indem er mit allen noch so abstrusen Thesen von Einar Schleef den Goethe-Text „sandstrahlen“ und mit der „Faust-Praxis an den Theatern“ abrechnen will (Petras).
Nach Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat auch die designierte Kultursenatorin Hamburgs, Barbara Kisseler, eine Erhöhung ihres Etats durchgesetzt, statt sparen zu müssen. Sie hält etliche Institute ihrer Stadt, darunter mehrere historische Museen und das Schauspielhaus, für „bedenklich unterfinanziert.“
In Freiberg wurde Monteverdis Barockoper „Die Krönung der Poppeia“ inszeniert, allerdings mit zweifelhaften Mitteln („Wackelvideo“, Musiker, die der Partitur nicht gewachsen sind, so dass beinahe „nichts vorhanden ist vom letzten Meisterwerk“ Monteverdis, Solisten, die keine „Barockspezialisten“ sind, und eine Regie (Holger Pototzki), bei der „das Konzept stärker überzeugt als die Realisierung“). Warum die Zuschauer „einen schönen Abend im Theater“ verbracht haben, bleibt Boris Michael Gruhls Geheimnis.
Mark Daniel fragt sich, wie es nach der Oscar-Verleihung wohl mit Opossum Hildi weitergehen wird und kann mit Bestimmtheit nur eins sagen: „dass sich die Popularität des schielenden Kleintiers auf die insgesamt schwächelnde hiesige Kabarettszene auswirken wird.“ Zudem konstatiert der lvz redakteur, dass das weltweite Medieninteresse an H. seltsam kontrastiere mit dem „Abschlachten der Menschen in den arabischen Ländern“. Eine Satire-Taskforce ist aber laut Daniel bereits in Planung. Das lenkt das Auge beinahe unwillkürlich auf das nahe Ende H.s, doch hier vermag er dem Plastinator-Team um Gunter von Hagen vorerst wenig Chancen einräumen, erkennt Daniel doch zu Lebzeiten des Albinos ganz andere Verwertungsabsichten bei Zoochef Jörg Junhold (Neue Serie auf RTL: Zoff im Leipziger Zoo - Lama Horst soll Opossum Hildi die Augen verdreht haben). Wir bleiben am Ball.
Was nichts anderes heißt, als dass die Norm Geschlechtergerechtigkeit heißt, auch wenn sie erst „hergestellt“ werden müsse. Doch der politischen Rhetorik verweigert sich die neue Rektorin scheinbar. Sie sagt zwar, dass es sich „für Frauen lohnt zu kämpfen“, denn vieles sei noch „ungerecht“. Doch ihr, die ein Ziel auf diesem Weg erreicht hat, sind nicht politische Leitlinien zentral, sondern die Vereinbarkeit von (eigenem) Beruf und (eigener) Familie. Sympathisch, klug und geerdet wirkt die 43-Jährige Dekanin der Fakultät Bildende Kunst an der UDK Berlin und derzeitige Geschäftsführende Direktorin des Instituts Kunstdidaktik und Ästhetische Erziehung in diesem Interview. Und wenn Jürgen Kleindienst sie mit fast etwas herablassendem Unterton darauf anspricht, dass sie „aus dem Bereich der Kunstvermittlung, der Didaktik und Pädagogik“ komme, perlt es zurück, dass „es nur ein gradueller Unterschied ist, ob man Fünfjährigen ein schwarzes Bild von Ad Reinhard nahe bringt oder einem Politiker die Konzeption einer Kunsthochschule erklärt.“ Wundervoll! Klar ist damit zumindest, wo ein Schwerpunkt von Ana Dimkes künftiger Arbeit liegen wird.
Für Norbert Wehrstedt ist die soeben verstorbene Schauspielerin Jane Russel vor allem Göttin, Vollweib, Traumfrau und Sexbombe gewesen. Ihre Biografie lässt sich für ihn am ehesten dadurch erzählen, dass sie bei einem Busenwettbewerb entdeckt wurde („96cm Oberweite“) mit welchen Regisseuren sie zusammengearbeitet hat und dass sie vor der Kamera „keine schlechte Figur im Sattel“ machte. Und – dass sie ein wundervoll zwiespältiger Mensch war. Von tiefer Religiosität, erzkonservativer Gesinnung und „flammende Gegnerin“ von Abtreibungen, die gleichwohl „kaum einer Versuchung widersteht“, sich in „lasziven Posterposen“ fotografieren ließ – und sich heftig darüber aufregte, wie ihre „Rundungen“ zur Schau gestellt wurden. Das kann Wehrstedt noch mit eigener Anekdote beglaubigen, denn bei der Berlinale 1991, die u.a. eine Retrospektive von Jane Russel zeigte, „versicherte“ ihm die „Sexgöttin“, dass Howard Hughes, Regisseur von „Geächtet“, ihr einen saumlosen BH schneidern ließ, den sie „empört ablehnte“.
Mit Gryphius' Gedicht „Alles ist eitel“, das nach dem Europa verheerenden Dreißigjährigen Krieg die Vergänglichkeit menschlichen Tuns beschrieb, bringt Jürgen Kleindienst in der Glosse „ausgepresst“ auf den Punkt, dass die Sängerin Nelly Furtado ihre Fähnlein nach dem Winde hängt. Als Dank für 45 Minuten Gesang erhielt sie von dem selbsternannten Revolutionsführer 2007 in einem italienischen Hotel eine Million Dollar – und möchte die nun, wo Gaddhafi „auf sein eigenes Volk“ schießen lässt und das erhaltene Geld einen Geruch annimmt, wieder zurückgeben bzw. spenden. Noch während sich Kleindienst auf der Suche nach einer Pointe dieser „kleinen Gedankenkleckserei“ in Form „einer wiesen blum“ macht (und nicht fündig wird), begreift er, dass auch dieses Ansinnen „nur Eitelkeit auf Erden“ darstellt. Und so verstummt er.
Zwei theatrale Beschäftigungen mit dem Fauststoff sind in den nächsten Tagen in Leipzig zu sehen. Eine „Zerreißprobe Faust“, am Theater der Jungen Welt, inszeniert von Jürgen Zielinski, und ein „theatraler Vortrag“ nach Schleefs „Droge Faust Parzifal“ von Armin Petras in der Skala. Nina May hat beiden ähnliche Fragen gestellt und druckt die Antworten nebeneinander ab.
Für Zielinski eröffnet die „Gretchenfrage“, wie der Doktor es denn mit der Religion halte, heute „zwischen Fortschrittdrang, Jugendwahn und einem ständigen Schneller Weiter Höher“ neue und alte Sinn- und Glaubensfragen, „gerade für das Jugendtheater“. Für Petras versteckt sich in der Gretchenfrage ebenso heutig die „Forderung der Frau an den Mann, für das gemeinsame Leben einzustehen.“ Identifikationskraft mit der Figur, vielmehr, eher mit dem Faust-Stoff, sieht Zielinski darin, dass „eine Suche, eine Reise“ wie die des Faust den Jugendlichen heute selbst bevorsteht, sie gleichzeitig ihr Eigenes mit dem für sie Fremden in Beziehung setzen können und sich dabei eine neue „Lust aufs Leben“ regen könne. Mit Goethe können beide Regisseure wenig anfangen. Während Zielinski große Ablehnung gegenüber der Goetheschen Sprache und ihrer Weitschweifigkeit konstatiert, ist für Petras die Tatsache, dass hier der männliche Hauptdarsteller eines Ensembles „auf eine junge Frau losgelassen wird, furchtbar langweilig“. Heute interessiert ihn nur noch der Punkt kurz vor dem endgültigen Scheitern, an dem Faust stecke. Ähnlich liegt auch für Zielinski die eigentliche „Zerreißprobe“ darin, dass der Stoff „auch eigene Begrenzungen offenlegt“. Typisch Deutsch ist der Stoff für beide Regisseure nicht, für Zielinski ist er „universell“, für Petras ein Stück „mittelalterliche Literatur, die auch von Autoren aus anderen Ländern aufgegriffen“ wurde. Und auch mit dem Faust-Erbe auf dem deutschen Theater wollen sich beide Regisseure kritisch auseinandersetzen. Der eine, indem er das „häufige Hinwegmogeln über die Tiefenauslotung mittels wirkungskräftiger Theatermittel wie Schall, Rauch und Blut“ aufspießt (Zielinski), der andere, indem er mit allen noch so abstrusen Thesen von Einar Schleef den Goethe-Text „sandstrahlen“ und mit der „Faust-Praxis an den Theatern“ abrechnen will (Petras).
Nach Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat auch die designierte Kultursenatorin Hamburgs, Barbara Kisseler, eine Erhöhung ihres Etats durchgesetzt, statt sparen zu müssen. Sie hält etliche Institute ihrer Stadt, darunter mehrere historische Museen und das Schauspielhaus, für „bedenklich unterfinanziert.“
In Freiberg wurde Monteverdis Barockoper „Die Krönung der Poppeia“ inszeniert, allerdings mit zweifelhaften Mitteln („Wackelvideo“, Musiker, die der Partitur nicht gewachsen sind, so dass beinahe „nichts vorhanden ist vom letzten Meisterwerk“ Monteverdis, Solisten, die keine „Barockspezialisten“ sind, und eine Regie (Holger Pototzki), bei der „das Konzept stärker überzeugt als die Realisierung“). Warum die Zuschauer „einen schönen Abend im Theater“ verbracht haben, bleibt Boris Michael Gruhls Geheimnis.
Mark Daniel fragt sich, wie es nach der Oscar-Verleihung wohl mit Opossum Hildi weitergehen wird und kann mit Bestimmtheit nur eins sagen: „dass sich die Popularität des schielenden Kleintiers auf die insgesamt schwächelnde hiesige Kabarettszene auswirken wird.“ Zudem konstatiert der lvz redakteur, dass das weltweite Medieninteresse an H. seltsam kontrastiere mit dem „Abschlachten der Menschen in den arabischen Ländern“. Eine Satire-Taskforce ist aber laut Daniel bereits in Planung. Das lenkt das Auge beinahe unwillkürlich auf das nahe Ende H.s, doch hier vermag er dem Plastinator-Team um Gunter von Hagen vorerst wenig Chancen einräumen, erkennt Daniel doch zu Lebzeiten des Albinos ganz andere Verwertungsabsichten bei Zoochef Jörg Junhold (Neue Serie auf RTL: Zoff im Leipziger Zoo - Lama Horst soll Opossum Hildi die Augen verdreht haben). Wir bleiben am Ball.
Labels:
Ana Dimke,
Armin Petras,
Die Krönung der Poppeia,
Faust,
Hochschule für Grafik und Buchkunst,
Jane Russell,
Jürgen Zielinski,
Nelly Furtado,
Opossum
Montag, 20. Dezember 2010
lvz kultur vom 20.12.10: Lena und Raab, Dieter Bohlen, Streusalz & Romero & Klein
Die lvz kultur fährt eine interessante Doppelstrategie. Auf der einen Seite geriert sie immer stärker zum Boulevard der medialen Quotenhits. Auf der anderen arbeitet sie an ihrer journalistischen Ehrenrettung durch vermehrten Einsatz von Scherz, Satire, Ironie und gelegentlicher Bedeutungssuche. Mark Daniel sprüht geradezu vor Spott und Sprachspielen in seinem Aufmacher über Stephan Raabs Vermarktung der Grand-Prix-Lena und die altehrwürdige Tante dpa schafft es, allein durch Zitate der Moderatoren von "Supertalent 2010" die RTL-Show der Lächerlichkeit preiszugeben. Da will selbst kultur chef Peter Korfmacher nicht nachstehen und schafft es via "ausgepresst", der Straßenreinigung der Stadt die Weisheit von Zen-Buddhisten anzudichten, an die Streusalzhersteller das Gütesiegel der DDR-Planwirtschaft zu vergeben und sich zudem zum Rächer der geschundenen Leipziger Kinderseele aufzuschwingen.
Mit der 28 Jahre währenden musikalischen Bedeutungslosigkeit Deutschlands läßt sich laut Mark Daniel das lustvolle mediale Stöhnen vor und nach Oslo kaum hinlänglich erklären. Da braucht es auch einen magischen Müller-Meister namens Stephan Raab, der sein Lehrmädchen, eine "kesse, zauberhafte Hannoveranerin", in den "Orbit der Unsterblichkeit" zu befördern weiß. Im "Vollrausch" ließ sich der NDR dazu hinreißen, "Lena nazionale" ohne Konkurrenz eines Vorentscheids die Titelverteidigung 2011 zu ermöglichen. Was die Fernsehdirektoren und Rundfunkchefs nicht so witzig fanden, immerhin kostet das quotenträchtige Vorauswahlsendungen. Als Kompromiss fand man nun die salomonische Formel, dass nun doch drei (!) Vorentscheide stattfinden sollen. Sie sollen allerdings nur darüber entscheiden, mit welchem Song Lena beim Contest in Düsseldorf antreten solle.
Am Ende seines wie ein frischer Landregen über giftige Bleiwüsten niedergehenden Artikels setzt sich Daniel noch schnell dem Volkszorn aus, indem er an der Bedeutung zweifelt, mit der sich über eine "durchschnittliche Sängerin" in einem "mittelprächtigen Wettbewerb" auch nur aufzuregen lohne, obwohl er das "Prozedere" für den Wettstreit als "an Absurdität nicht zu überbieten" anmarkert.
Bei der Freakparade von "Supertalent 2010" gewann RTL-Freddy, dessen Doppelname Sahin-Scholl wie auch seine Doppelstimmlagen tiefer Bassbariton und Knaben-Sopran erst Dieter Bohlen und dann das deutsche Volk ergriffen. Im dpa-Bericht werden die hingestammelten Juroren zitiert (In Klammern die wissenschaftlichen Bezeichnungen der Sprachstörungen). Bruce Darnell: "Du bist mehr als ein Talent. Du biss von eine andere Plonet fur müsch" (Amnestische Aphasie verbunden mit Mangel an Sprachkursen im Rahmen der Integrationsbemühungen). Sylvie van der Vaart gab bekannt, dass sie "immer wieder fasziniert mit dieses Wechseln von die beide Stimmen" gewesen sei (Wernicke-Aphasie, ebenfalls verbunden mit Des-Integrationstendenzen), schließlich Dieter Bohlen: "Das ist also Supertalent. Das ist das, was wir hier genau suchen" (Broca-Aphasie auf dem Weg zur Globalen Aphasie). RTL-Deutschland-Chefin Anke Schäferkordt wurde mitgeteilt, dass ihr Antrag auf Verlängerung des Förderschul-Zertifikats Deutsch für die Sprach-Vorschule überdacht werden müsse. Erwogen werden laut Alt-Ministerpräsident Stoiber, neuentwickelte Sprachtests für Inländer, lebenslanges Lernen dürfe nicht zur puren Floskel verkommen, man wolle aber dem Grundsatz "fördern und fordern" nachkommen und hoffe, bis zur nächsten Staffel von "Supertalent 2011" bla...blub...usw.
Peter Korfmacher lobt die Stadtreinigung Leipzigs, die in weiser Voraussicht möglichen mentalen Schockzuständen vorgebeugt habe, indem sie die Bevölkerung sukzessive an ein Leben ohne Streusalz und Split auf Leipzigs Straßen gewöhnt habe, zeichnet darüber hinaus den namhaften Kasseler Streugut-Hersteller K+S dafür aus, unbeirrbar an den 5-Jahres-Planvorgaben des DDR-Staatsrats von 2006 festzuhalten, die eine gleichbleibende Produktionsmenge des Jahresendzeitartikels vorschreibt und sich auch nicht von Bagatellen wie Vorjahreserfahrungen von 4 Quartale alten Lieferengpässen desselben Konsumguts beeinflussen lasse. Leicht überfrachtet wirkt das korfmachersche "ausgepresst", wenn es in den letzten drei Zeilen noch eine Lobeshymne auf konfuzianische Gelassenheit ausspricht, indem die Platzanweiser der Märchen-Eisenbahn auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt erst an den Unfreundlichkeitspranger gestellt werden, dieselbe "erlesene" Eisenbahner-Lerneinheit allerdings im Fortgang als unkonventionelle Integrationsmaßnahme in den Kinder-Alltag verstanden wissen will. Was denn nun, Meister Korfmacher?
"Einstimmigen Applaus" gibt Nina May der Komödie "Offene Zweierbeziehung" von "Dario Fo und Ehefrau Franca" am Theater der Jungen Welt. Die Inszenierung Jürgen Zielinskis zeige, dass "derlei Geschlechterkämpfe nicht zwangsläufig im sattsam bekannten Klischee steckenbleiben" müssten (stattdessen in Wunden gelegte Finger; keine Versöhnung am Ende!), könne vielmehr einem "ausgelutschten Thema" noch manchen Witz entlocken. "Der Charme des Abends besteht vor allem im Spiel von Romero und Roland Klein", die Zielinski "um die Gunst des Publikums buhlen" lässt, während "für ein bisschen Spannung" Susann Fiedler und "der Kurzauftritt eines mysteriösen Atomforschers" sorgen. Auch Bühnenbildner Fabian Gold wird für seine Realisierung des "trauten Heims als gefängnisartige Zelle" in die Lobeshymne einbezogen. Einzig die Überschrift des Artikels ("Im Einheitsbrei des Paarlebens") klingt merkwürdig deplatziert zu Nina Mays Text.
Mit der 28 Jahre währenden musikalischen Bedeutungslosigkeit Deutschlands läßt sich laut Mark Daniel das lustvolle mediale Stöhnen vor und nach Oslo kaum hinlänglich erklären. Da braucht es auch einen magischen Müller-Meister namens Stephan Raab, der sein Lehrmädchen, eine "kesse, zauberhafte Hannoveranerin", in den "Orbit der Unsterblichkeit" zu befördern weiß. Im "Vollrausch" ließ sich der NDR dazu hinreißen, "Lena nazionale" ohne Konkurrenz eines Vorentscheids die Titelverteidigung 2011 zu ermöglichen. Was die Fernsehdirektoren und Rundfunkchefs nicht so witzig fanden, immerhin kostet das quotenträchtige Vorauswahlsendungen. Als Kompromiss fand man nun die salomonische Formel, dass nun doch drei (!) Vorentscheide stattfinden sollen. Sie sollen allerdings nur darüber entscheiden, mit welchem Song Lena beim Contest in Düsseldorf antreten solle.
Am Ende seines wie ein frischer Landregen über giftige Bleiwüsten niedergehenden Artikels setzt sich Daniel noch schnell dem Volkszorn aus, indem er an der Bedeutung zweifelt, mit der sich über eine "durchschnittliche Sängerin" in einem "mittelprächtigen Wettbewerb" auch nur aufzuregen lohne, obwohl er das "Prozedere" für den Wettstreit als "an Absurdität nicht zu überbieten" anmarkert.
Bei der Freakparade von "Supertalent 2010" gewann RTL-Freddy, dessen Doppelname Sahin-Scholl wie auch seine Doppelstimmlagen tiefer Bassbariton und Knaben-Sopran erst Dieter Bohlen und dann das deutsche Volk ergriffen. Im dpa-Bericht werden die hingestammelten Juroren zitiert (In Klammern die wissenschaftlichen Bezeichnungen der Sprachstörungen). Bruce Darnell: "Du bist mehr als ein Talent. Du biss von eine andere Plonet fur müsch" (Amnestische Aphasie verbunden mit Mangel an Sprachkursen im Rahmen der Integrationsbemühungen). Sylvie van der Vaart gab bekannt, dass sie "immer wieder fasziniert mit dieses Wechseln von die beide Stimmen" gewesen sei (Wernicke-Aphasie, ebenfalls verbunden mit Des-Integrationstendenzen), schließlich Dieter Bohlen: "Das ist also Supertalent. Das ist das, was wir hier genau suchen" (Broca-Aphasie auf dem Weg zur Globalen Aphasie). RTL-Deutschland-Chefin Anke Schäferkordt wurde mitgeteilt, dass ihr Antrag auf Verlängerung des Förderschul-Zertifikats Deutsch für die Sprach-Vorschule überdacht werden müsse. Erwogen werden laut Alt-Ministerpräsident Stoiber, neuentwickelte Sprachtests für Inländer, lebenslanges Lernen dürfe nicht zur puren Floskel verkommen, man wolle aber dem Grundsatz "fördern und fordern" nachkommen und hoffe, bis zur nächsten Staffel von "Supertalent 2011" bla...blub...usw.
Peter Korfmacher lobt die Stadtreinigung Leipzigs, die in weiser Voraussicht möglichen mentalen Schockzuständen vorgebeugt habe, indem sie die Bevölkerung sukzessive an ein Leben ohne Streusalz und Split auf Leipzigs Straßen gewöhnt habe, zeichnet darüber hinaus den namhaften Kasseler Streugut-Hersteller K+S dafür aus, unbeirrbar an den 5-Jahres-Planvorgaben des DDR-Staatsrats von 2006 festzuhalten, die eine gleichbleibende Produktionsmenge des Jahresendzeitartikels vorschreibt und sich auch nicht von Bagatellen wie Vorjahreserfahrungen von 4 Quartale alten Lieferengpässen desselben Konsumguts beeinflussen lasse. Leicht überfrachtet wirkt das korfmachersche "ausgepresst", wenn es in den letzten drei Zeilen noch eine Lobeshymne auf konfuzianische Gelassenheit ausspricht, indem die Platzanweiser der Märchen-Eisenbahn auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt erst an den Unfreundlichkeitspranger gestellt werden, dieselbe "erlesene" Eisenbahner-Lerneinheit allerdings im Fortgang als unkonventionelle Integrationsmaßnahme in den Kinder-Alltag verstanden wissen will. Was denn nun, Meister Korfmacher?
"Einstimmigen Applaus" gibt Nina May der Komödie "Offene Zweierbeziehung" von "Dario Fo und Ehefrau Franca" am Theater der Jungen Welt. Die Inszenierung Jürgen Zielinskis zeige, dass "derlei Geschlechterkämpfe nicht zwangsläufig im sattsam bekannten Klischee steckenbleiben" müssten (stattdessen in Wunden gelegte Finger; keine Versöhnung am Ende!), könne vielmehr einem "ausgelutschten Thema" noch manchen Witz entlocken. "Der Charme des Abends besteht vor allem im Spiel von Romero und Roland Klein", die Zielinski "um die Gunst des Publikums buhlen" lässt, während "für ein bisschen Spannung" Susann Fiedler und "der Kurzauftritt eines mysteriösen Atomforschers" sorgen. Auch Bühnenbildner Fabian Gold wird für seine Realisierung des "trauten Heims als gefängnisartige Zelle" in die Lobeshymne einbezogen. Einzig die Überschrift des Artikels ("Im Einheitsbrei des Paarlebens") klingt merkwürdig deplatziert zu Nina Mays Text.
Labels:
Bruce Darnell,
Dieter Bohlen,
Freddy Sahin-Scholl,
Jürgen Zielinski,
K+S,
Lena Meyer-Landrut,
Nina May,
Offene Zweierbeziehung,
Peter Korfmacher,
Stephan Raab,
Sylvie van der Vaart
Samstag, 4. September 2010
lvz kultur vom 04.09.10: Invisible Empire, Der Schutzraum, Kiwi und Faber & Faber
Im Weißen Haus des Centraltheaters müssen sich zehn "weiße" Menschen wie in einem Zoo von den Besuchern begaffen lassen. Was sich unter dem Titel "Invisible Empire" als heutiger Selbsterfahrungstrip in Sachen Voyeurismus mit Hinweis auf kolonialistische Vorbilder verkauft, erzeugt bei Nina May unangenehme Gefühle (ja, was denn sonst?) und wird für die lvz Redakteurin zum Spießrutenlauf, bei dem sie sich trennende Wände und Gitter wie im echten Zoo herbeiwünscht. Aber über den Augenblick hinaus scheint diese Erfahrung keinerlei nennenswerte analytische Konsequenzen bei ihr hervorzurufen. Außer, dass sie nicht beurteilen möchte, ob das ganze nun als naiver Unfug oder spielerisch-leichte Ouvertüre einzuschätzen sei. Leider etwas banal, weil ohne jegliche Erläuterung, geschweige Begründung.
Meinungsfreudiger entpuppt sich Jürgen Kleindienst in seinem Artikel über eine Film-Klang-Licht-Collage namens "Der Schutzraum". Sie sorge nicht allein für "ästhetische Unruhe" auf dem Richard-Wagner-Platz, sie inszeniere sogar einen "überraschenden Angriff" auf die Stadt. Ins Bewusstsein gerückt werden soll ein ehemaliger Bunker, der in einem oberirdischen, temporären Kubus nachempfunden werde. Der Bezug der einzelnen Beiträge zum Bunker und der umgebenden Großstadt erscheint nicht immer gleich plausibel. Wagners Lohengrin-Vorspiel, wiedergegeben durch "angekratztes Grammophonspiel" als Verweis auf das Geburtshaus des Komponisten nebenan? Oder auch auf den Einfluss Wagners auf den nationalsozialistischen Furor? Ein Fragment Kafkas, projizierte Bunker-Bilder und -Videos, unter der Bezeichnung "Betonfragmente" Bilder des (Luft-)Gegenangriffs auf Deutschland, ein Teppich aus Beats und Wassertropfen. Der Tenor der Collage: Stadt, Angst, Schutt. Schließlich der Bombenangriff von 1943 in Bezug gesetzt zur geplanten städtebaulichen Zerstörung der Gegenwart: Angriff auf den Brühl - Angriff auf die Stadt. Diese "verstörende Collage" der Leipziger KunstRäume e.V. reflektiert und verbindet Stadtgeschichte mit subjektiver und kollektiver Wahrnehmung. Eine scheinbar so subtile wie herausfordernde Arbeit der Künstler René Blümel, Hein-Godehart Petschulat und Manuel G. Richter.
Theresa Wiedemann schreibt über den Spielzeitauftakt am Theater der Jungen Welt, Daniel Danis' Stück "Kiwi" in der Inszenierung von Jürgen Zielinski. Leider deckt die Sprache ihres Textes mehr zu, als Worte oder Bilder zu finden für das, was ihr die Inszenierung gesagt hat. Auch positiv gemeinte Adjektive wie "beklemmend", "stark", "auffällig", "dicht", "eindrucksvoll", "bewegend", "eindringlich" bleiben hilflose Instrumente der eigenen Wahrnehmung. Dass gerade mal zwei Schauspielernamen und der Regisseur selbst erwähnt werden, geschweige denn deren Arbeit/Leistung bewertet wird und nicht einmal die auffälligsten der weiteren Künstler, darunter die für die Ausstattung, die Musik und die Videoprojektionen verantwortlichen, ist ein Armutszeugnis für den Kulturteil der lvz. Dass diese Zeitung gar nicht erst im Zeitungspool enthalten ist, aus dem z.B. der Deutsche Bühnenverein seine Pressemappe zusammenstellt, ist wieder einmal nur zu verständlich. Seitdem sich die lvz auch dem gezielten Hartmannbashing verschrieben hat und sich zudem das Stadtmagazin Kreuzer aus der ernstzunehmenden Premieren-Berichterstattung nahezu verabschiedet hat, hat Leipzig Dresden wohl endgültig den Rang abgelaufen als "Tal der Ahnungslosen". Wann erscheint bloß in der tageszeitung taz ein eigener Leipzig/Dresden-Regionalteil?
Hohe Aufmerksamkeit findet indes eines der seltenen Gastspiele hochrangiger internationaler Orchester in Leipzig. Neben dem sich in ihrem Klang eindrucksvoll vom Gewandhausorchester absetzenden "London Symphony Orchestra" macht Peter Korfmacher insbesondere die Tatsache zu einem Thema seines Artikels, dass der Besucherraum abermals nur mau gefüllt war, und allein "zweitklassige Muggenbataillone" zum Jahresende Preise von 50 € aufwärts verlangen können, nicht jedoch Qualität.
In einem langen Interview Janina Fleischers mit Michael Faber, Inhaber des Verlags Faber & Faber, darf dieser den - nun ja - hundertsten Niedergang des Buch- und Verlagswesens in Deutschland und speziell Leipzig beschreiben und darüber jammern ("sein Weggang war für mich, als würde ich der Hölle ausgeliefert"), dass sein Sohn nun lieber Kulturbürgermeister geworden ist, statt in ihrem gemeinsamen "Traumteam" weiter die Fahne des Verlages hochzuhalten. Statt - wie Faber & Faber - die Nische vornehm illustrierter, bibliophiler Bücher zu pflegen, hat der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf Erfolg mit der Veröffentlichung des Werkes einer 15-jährigen Autorin (nein, heute nicht H. Hegemann!), die eine neue Jugend-Generation, die "Generation Geil", ausgerufen habe. Und die lvz veröffentlicht munter mit, auch wenn Silke Katenkamp befindet:"Keine Analyse, keine Einordnung des Gesagten. Keine Muss-Lektüre". Gilt auch für die lvz.
Meinungsfreudiger entpuppt sich Jürgen Kleindienst in seinem Artikel über eine Film-Klang-Licht-Collage namens "Der Schutzraum". Sie sorge nicht allein für "ästhetische Unruhe" auf dem Richard-Wagner-Platz, sie inszeniere sogar einen "überraschenden Angriff" auf die Stadt. Ins Bewusstsein gerückt werden soll ein ehemaliger Bunker, der in einem oberirdischen, temporären Kubus nachempfunden werde. Der Bezug der einzelnen Beiträge zum Bunker und der umgebenden Großstadt erscheint nicht immer gleich plausibel. Wagners Lohengrin-Vorspiel, wiedergegeben durch "angekratztes Grammophonspiel" als Verweis auf das Geburtshaus des Komponisten nebenan? Oder auch auf den Einfluss Wagners auf den nationalsozialistischen Furor? Ein Fragment Kafkas, projizierte Bunker-Bilder und -Videos, unter der Bezeichnung "Betonfragmente" Bilder des (Luft-)Gegenangriffs auf Deutschland, ein Teppich aus Beats und Wassertropfen. Der Tenor der Collage: Stadt, Angst, Schutt. Schließlich der Bombenangriff von 1943 in Bezug gesetzt zur geplanten städtebaulichen Zerstörung der Gegenwart: Angriff auf den Brühl - Angriff auf die Stadt. Diese "verstörende Collage" der Leipziger KunstRäume e.V. reflektiert und verbindet Stadtgeschichte mit subjektiver und kollektiver Wahrnehmung. Eine scheinbar so subtile wie herausfordernde Arbeit der Künstler René Blümel, Hein-Godehart Petschulat und Manuel G. Richter.
Theresa Wiedemann schreibt über den Spielzeitauftakt am Theater der Jungen Welt, Daniel Danis' Stück "Kiwi" in der Inszenierung von Jürgen Zielinski. Leider deckt die Sprache ihres Textes mehr zu, als Worte oder Bilder zu finden für das, was ihr die Inszenierung gesagt hat. Auch positiv gemeinte Adjektive wie "beklemmend", "stark", "auffällig", "dicht", "eindrucksvoll", "bewegend", "eindringlich" bleiben hilflose Instrumente der eigenen Wahrnehmung. Dass gerade mal zwei Schauspielernamen und der Regisseur selbst erwähnt werden, geschweige denn deren Arbeit/Leistung bewertet wird und nicht einmal die auffälligsten der weiteren Künstler, darunter die für die Ausstattung, die Musik und die Videoprojektionen verantwortlichen, ist ein Armutszeugnis für den Kulturteil der lvz. Dass diese Zeitung gar nicht erst im Zeitungspool enthalten ist, aus dem z.B. der Deutsche Bühnenverein seine Pressemappe zusammenstellt, ist wieder einmal nur zu verständlich. Seitdem sich die lvz auch dem gezielten Hartmannbashing verschrieben hat und sich zudem das Stadtmagazin Kreuzer aus der ernstzunehmenden Premieren-Berichterstattung nahezu verabschiedet hat, hat Leipzig Dresden wohl endgültig den Rang abgelaufen als "Tal der Ahnungslosen". Wann erscheint bloß in der tageszeitung taz ein eigener Leipzig/Dresden-Regionalteil?
Hohe Aufmerksamkeit findet indes eines der seltenen Gastspiele hochrangiger internationaler Orchester in Leipzig. Neben dem sich in ihrem Klang eindrucksvoll vom Gewandhausorchester absetzenden "London Symphony Orchestra" macht Peter Korfmacher insbesondere die Tatsache zu einem Thema seines Artikels, dass der Besucherraum abermals nur mau gefüllt war, und allein "zweitklassige Muggenbataillone" zum Jahresende Preise von 50 € aufwärts verlangen können, nicht jedoch Qualität.
In einem langen Interview Janina Fleischers mit Michael Faber, Inhaber des Verlags Faber & Faber, darf dieser den - nun ja - hundertsten Niedergang des Buch- und Verlagswesens in Deutschland und speziell Leipzig beschreiben und darüber jammern ("sein Weggang war für mich, als würde ich der Hölle ausgeliefert"), dass sein Sohn nun lieber Kulturbürgermeister geworden ist, statt in ihrem gemeinsamen "Traumteam" weiter die Fahne des Verlages hochzuhalten. Statt - wie Faber & Faber - die Nische vornehm illustrierter, bibliophiler Bücher zu pflegen, hat der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf Erfolg mit der Veröffentlichung des Werkes einer 15-jährigen Autorin (nein, heute nicht H. Hegemann!), die eine neue Jugend-Generation, die "Generation Geil", ausgerufen habe. Und die lvz veröffentlicht munter mit, auch wenn Silke Katenkamp befindet:"Keine Analyse, keine Einordnung des Gesagten. Keine Muss-Lektüre". Gilt auch für die lvz.
Labels:
Bunker,
Centraltheater,
Invisible Empire,
Jürgen Kleindienst,
Jürgen Zielinski,
Kiwi,
London Symphony Orchestra,
Nina May,
Peter Korfmacher,
Schutzraum,
Theater der Jungen Welt
Samstag, 21. August 2010
lvz kultur vom 21.08.10: Apocalyptica, Günter Grass, Alain Platel und Jürgen Zielinski
Musik kann so einfach sein. Auf dem Hausdach philosophieren Mikku (alias Quasi) und Perttu (alias Modo) über das Leben und tolle Songtitel, geben mit ihrer Instrumentalmusik, einer Mischung aus Metal und Klassik, Folk und Trash, Anstösse, durch die beim Hörer Stories im Kopf entstehen, die dann von der Musik getragen werden, "wohin du willst". "So viele Hörer, so viele Geschichten gibt es". In ihrem Interview mit Claudia Nitsche sprechen die finnischen Bandmitgliedern von Apcalyptica dann über die Auswahl der Gastsänger (mittels Dartpfeilen auf Poster im Proberaum), das Aufregende und Unterhaltsame ihrer Alben (ohne Plan ins Studio gehen) und das Freiwerden beim Musizieren (bis zur Nacktaufnahme eines Songs).
Ach ja, und am Störmthaler See findet das Highfield-Festival nun doch statt, nachdem es wegen Überflutung der Wiese beinahe ausgefallen wäre. Die Stimmung sei, "trotz leicht chaotischer Zustände", schnell angestiegen, als Festival-Opener Frank Turner (Folk-Punk) und die Skatepunker von Millencolin die Fans in Wallung brachten, berichten Robert Nößler und André Hoffmann. Demnächst mehr.
Keine Liebeserklärung ist Peter Korfmachers Verriss von Günter Grass' jüngstem und wahrscheinlich letztem Buch, "Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung". Wer sich bis zur Hälfte des nicht enden wollenden Artikels durchgequält und nicht resigniert hat ob der wirren und exaltierten Schreibe Korfmachers, darf anschließend einer Sottise nach der anderen folgen, die allesamt in den Endreim "oberlehrerhaft, selbstgefällig, eitel" münden. Günter Grass' Liebeserklärung kenne nur einen Gegenstand: Günter Grass. Jetzt sind wir schlauer, Herr Korfmacher!
Choreograf Alain Platel habe zur Eröffnung des größten deutschen Tanzfestes, dem Berliner "Tanz im August", mit "Gardenia" einen hinreißenden Beitrag über Transsexualität und die Sehnsucht nach einem Leben in einem anderen Körper beigesteuert, findet Brita Janssen.
Regisseur und Intendant Jürgen Zielinski kann sich in seinem Beitrag über den persönlichen, lebenslang prägenden Song nicht für einen einzigen entscheiden. Und doch teilt seine Auswahl viel mit über eine Prägung durch die Geräusche des Ruhrpotts, die Hochofenabstiche und BVB-Gesänge, die unweigerlich zur Musik der Einstürzenden Neubauten führten, als Kontrast die ruhigeren Songs von Rio Reiser erforderten ("Komm, schlaf bei mir"), und von der Besessenheit und Perfektion eines Frank Zappa wie notwendig zum "Kopfkinokomponisten" Michael Rodach gelangen ("Seine Musik muss Mann, Frau, Kind hören!"). Alles das ist auch Theater und mündet wiederum am 2. September in die Produktion "Kiwi" im Theater der Jungen Welt. Ganz natürlich.
Ach ja, und am Störmthaler See findet das Highfield-Festival nun doch statt, nachdem es wegen Überflutung der Wiese beinahe ausgefallen wäre. Die Stimmung sei, "trotz leicht chaotischer Zustände", schnell angestiegen, als Festival-Opener Frank Turner (Folk-Punk) und die Skatepunker von Millencolin die Fans in Wallung brachten, berichten Robert Nößler und André Hoffmann. Demnächst mehr.
Keine Liebeserklärung ist Peter Korfmachers Verriss von Günter Grass' jüngstem und wahrscheinlich letztem Buch, "Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung". Wer sich bis zur Hälfte des nicht enden wollenden Artikels durchgequält und nicht resigniert hat ob der wirren und exaltierten Schreibe Korfmachers, darf anschließend einer Sottise nach der anderen folgen, die allesamt in den Endreim "oberlehrerhaft, selbstgefällig, eitel" münden. Günter Grass' Liebeserklärung kenne nur einen Gegenstand: Günter Grass. Jetzt sind wir schlauer, Herr Korfmacher!
Choreograf Alain Platel habe zur Eröffnung des größten deutschen Tanzfestes, dem Berliner "Tanz im August", mit "Gardenia" einen hinreißenden Beitrag über Transsexualität und die Sehnsucht nach einem Leben in einem anderen Körper beigesteuert, findet Brita Janssen.
Regisseur und Intendant Jürgen Zielinski kann sich in seinem Beitrag über den persönlichen, lebenslang prägenden Song nicht für einen einzigen entscheiden. Und doch teilt seine Auswahl viel mit über eine Prägung durch die Geräusche des Ruhrpotts, die Hochofenabstiche und BVB-Gesänge, die unweigerlich zur Musik der Einstürzenden Neubauten führten, als Kontrast die ruhigeren Songs von Rio Reiser erforderten ("Komm, schlaf bei mir"), und von der Besessenheit und Perfektion eines Frank Zappa wie notwendig zum "Kopfkinokomponisten" Michael Rodach gelangen ("Seine Musik muss Mann, Frau, Kind hören!"). Alles das ist auch Theater und mündet wiederum am 2. September in die Produktion "Kiwi" im Theater der Jungen Welt. Ganz natürlich.
Abonnieren
Posts (Atom)