Über 100.000 Karten im Vorverkauf, 35 Darsteller plus achtköpfige Band, mehr als 200 Mitarbeiter hinter den Kulissen. "Hinterm Horizont", das Udo Lindenberg-Musical - "Panical" schreibt Maja Zehrt - ist bereits zur Vorpremiere ein Seite 1-Thema für die lvz. Eine "massentaugliche ... East-West-Side-Story mit Hindernissen", angelehnt an Udos Song vom "Mädchen aus Ostberlin". Thomas Brussig als Autor und Udo Waller als Regisseur wollen neben der Love-Story auch die deutsche Nachkriegsgeschichte erzählen. "Erstaunlicherweise bringen die Macher alles unter einen Hut." Und damit meint Maja Zehrt nicht allein Lindenbergs Markenzeichen, den Hut, den der Ausstatter als 9m breites Bühnenrequisit an Stahlseile gehängt hat. Josephine Busch als Pankow-Mädchen Jessy "ist ne Wucht", Serkan Kaya als Udo-Darsteller "nuschelt und tänzelt sich manchmal eher schlecht als recht durch die Szenen." Lindenberg fasst die mit Unmengen seiner Hits garnierte Story so zusammen: "Ich ging da rüber, ich wollte mal ein bisschen gucken, verlieb mich in das Mädchen, dann steht ne scheiß Mauer da, ich sag: Weg mit dem Schrott!" Die Geschichte sei selbstverständlich "stark konstruiert" (Andreas Rabenstein), die von Lindenberg versprochene "richtige Straßenmusik" gebe es sicher nicht zu hören, doch immerhin seien "liebevoll gestaltete Details" und wider Erwarten immer wieder stattfindende "leise Töne" echte Pluspunkte. Maja Zehrt vermutet, so mancher Zuschauer dürfte "leicht nasse Augen kriegen", Andreas Rabenstein freut sich am "freundlich-satirisch illustrierten Leben in der DDR." Privates und Politisches wird zur fröhlichen Unterhaltungsware, Stage Entertainment hält die Fäden zusammen.
Über ein weiteres "Feuchtgebiet der Unterhaltung", das RTL-Dschungelcamp und die Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!", schreibt Jürgen Kleindienst einen richtig guten Leitartikel. Der lvz redakteur kommt darin zu dem Schluss, dass "auch dank des Privatfernsehens", das die Welt "bevorzugt" durch das Schlüsselloch wahrnehme, "sowohl Privates als auch Politisches weitgehend abgeschafft" seien. "Der Big-Brother-Kosmos" sei insofern "eine Art Kommune 2.0", was Kleindienst angesichts der Teilnahme von Kommune 1-Mitglied Rainer Langhans als "tragische Pointe" deutet - mit Langhans als "Maskottchen intellektuellen Niedergangs." Während sich die Konturen auflösen, Kategorien ineinanderfließen, sieht Kleindienst witzigerweise nur zwei Möglichkeiten als Reaktion: "Moralische Entrüstung oder Humor".
Nun sind diese Art kulturpessimistische Auslassungen ein ganz natürlicher Reflex angesichts des Schrotts, von dem wir dennoch die Augen und Ohren nicht abwenden können. Vielleicht sollte man statt dieses Lamentos lieber die Infiltration unseres Lebens durch andere kulturelle Produkte oder Lebensweisen, diesen Schwebezustand jenseits der festen Weltanschauungen, mit einer Mischung aus Heiterkeit, Ernst und Reflexion annehmen oder unterstützen, wo auch immer wir ihn bemerken.
Janina Fleischers Sache auf der lvz kulturseite ist das nicht, sie sieht auf beiden Seiten der Mattscheibe nur Zynismus und wachsende Schadenfreude am Werke. Diese, im Grunde sich vor lauter schlechtem Gewissen selbst geißelnde Haltung ("ablehnen wollen, aber nicht abschalten können"), muss nicht sein. Vielleicht ist es ja möglich, ähnlich einem Forscher, der die Dinge mit wachem Verstand und wachen Sinnen anschaut, oder einem Künstler, der die Dinge durch sich hindurchfließen lässt, um sie verändert wieder auszuscheiden, zu reagieren. Und bei nächster Gelegenheit ähnliche Sendungen doch links liegen lässt.
Die Berlin-Leipziger Galerie Eigen + Art ist vorausichtlich nicht auf der wichtigen Kunstmesse Art Basel vertreten. Galerist Gerd Harry Lybke versucht, in einem Gespräch mit Peter Korfmacher Haltung zu wahren, schreibt diese Entscheidung einem "Mangel an Professionalität" zu und lässt die Hoffnung gleichwohl nicht fahren. Die Entscheidung zu vertreten haben sechs Jurymitglieder, die über die Teilnahme oder Nichtteilnahme entscheiden. Da drei der sechs Jury-Mitglieder Berliner Galeristen seien, die zudem selbst auf der Art Basel präsent sind, deutet Lybke die Entscheidung eher vorsichtig als getränkt durch "Konkurrenz und persönliche Befindlichkeiten". Er bedauert, dass wichtige Künstler, die sich ja nicht anderswo vertreten lassen, damit von entscheidenden Diskursen abgekoppelt werden.
Auf der online-Seite des Art-Magazins wird Gerd Harry Lybke deutlicher. Er vermutet eine "Abstrafaktion missgünstiger Kollegen". In Amerika würde man das "als Diskriminierung oder Rassismus bezeichnen" - angesichts seiner ostdeutschen Herkunft.
Mit einer neu geordneten Dauerausstellung wartet das Lessingmuseum Kamenz auf, eine der 20 "kulturellen Gedächtnisorte im Osten Deutschlands". So seien einige Neubewertungen vorgenommen worden, darunter einer Italienreise Lessings, u.a. nach Livorno. Dort habe es in friedlicher Koexistenz Synagogen, Moscheen und Kirchen gegeben. Möglicherweise eine Initialzündung für den "Nathan", schreibt Jörg Schurig.
Ai Weiwei hat es kommen sehen, den Abriss seines 2000m² großen Ateliers in Shanghai. Der Künstler glaubt an eine Strafaktion für seine politischen Aktivitäten. Er sei traurig, dass das starke China "keine Kritik vertragen" könne.
Der Leiter der Schaubühne Lindenfels, René Reinhardt, möchte mit Kooperationen mit anderen Kultureinrichtungen wie dem Westflügel, Gewandhaus, Oper und Uni Leipzig neue Stärke entwickeln. Allein durch eine geplante Zusammenarbeit mit dem Lindenfels Westflügel rechnet er mit höheren Fördergeldern von 22.000 Euro. Die Schaubühne, die vor einigen Jahren stolz auf 50.000 Besucher jährlich verweisen konnte, freut sich zur Zeit über die Steigerung von 27.000 (in 2009) auf 29.000 Besucher (in 2010), wie Verena Lutter berichtet.
Die Diskussion über das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig geht weiter. Florian Ibrügger schreibt, Stadträte unterschiedlicher Fraktionen seien enttäuscht von dem eindeutigen Votum (contra Denkmal), das über die Telefone der lvz ausgedrückt wurde. Wie weit die politische Klasse nicht nur in Berlin weg ist von den Meinungen der Menschen vor Ort, beweist Bettina Kudla, ehemalige Finanzdezernentin Leipzigs und nun CDU-MdB, wenn sie pro Denkmal darauf verweist, dass der Region "sowohl ein touristischer Anziehungspunkt als auch Bauaufträge in Millionenhöhe entgehen würden", sollte das Denkmal nicht gebaut werden. Rein ökonomische Argumente können aber niemals die durchaus widersprüchlichen Empfindungen Leipziger Bürger ausdrücken, die bei dem Thema des Freiheitsdenkmals anlässlich 1989 angesprochen werden.
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Freitag, 14. Januar 2011
lvz kultur vom 14.1.11: Abstraf-Aktion für Judy Lybke. Lindenberg. Dschungel-Camp. Art Basel
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Donnerstag, 30. Dezember 2010
lvz kultur vom 30.12.10: Hartmann & Girardet, Hoentjes & Hennig und die Leipziger Schule
Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Sebastian Hartmann hat wie jedes Jahr die Zähne zusammengebissen und und Georg Girardet die Treppen zum Kulturdezernat hochgeholfen. Hartmann und Girardet sind in Jürgen Kleindiensts Jahresrückblick Kultur aus dem Jahr 2020 die letzten Mohikaner, die das Kulturraumgemetzel überlebt haben, da können sich die übrigen Kultureinrichtungen noch so sehr in einer Wagenburg verschanzt haben. Die Leuchtmunitions- und Wasserpistolen der sächsischen Finanzbeamten hat die wasserscheue, lichtempfindliche Kulturschickeria zermürbt, bis die rathengestählte Todesschwadron der Landesbühnen Sachsen ihr den endgültigen Garaus gemacht hat. Sie ist es jetzt, die alle Stadttheater außerhalb der Schlossbühnen Dresdens bespielt, streng rationiert mittels Kulturgutscheinen, die Dresden an willfährige Stadtoberhäupter verteilen lässt. Einen Intendanten ersparen sich die Bühnen ohnehin. Gespielt wird nur, was sich in der Top 30 der aktuellen Statistik des Deutschen Bühnenvereins wiederfindet. "Reclam mit Beleuchtung" heißt das Stichwort im Aufführungsvertrag, mit dem Werktreue und Abtragen alter Funduskostüme gewährleistet werden. Die Rehamaßnahme des Münchner Künstlersozialfonds, aus dem die - laut Kleindienst 250 - Schauspieler der Landesbühnen bezahlt werden, hat die Eigeneinnahmequote der Bühnen auf satte 170% schießen lassen. Was waren das noch Zeiten, als Theater zu den Kostgängern der Kultur gehörte. Heute zahlen sie, wie weiland die Deutsche Bundesbank, die Überschüsse an den Landeshaushalt. Könnte ja sein, dass mal ein Prozess droht, den ein Zuschauer anstrengt, der bei der Uraufführung 1897 doch ein anderes Kostüm auf der Bühne gesehen hat als in der Neuinszenierung 2018.
Und was machen Neualtneualtneudezernent Georg Girardet und Sebastian Hartmann den ganzen lieben langen Tag? Wenn man Jürgen Kleindienst glaubt, ist Georg Girardet der einzige Abonnent, den Hartmanns Ein-Mann-Theater noch hat. Der Blinde hilft dem Lahmen (schließlich hatte Girardet Hartmann nach Leipzig geholt), getreu diesem Motto, das Hartmann erst akzeptieren konnte, als er sich in vollgekifftem Zustand nicht mehr an seine Nietzschelektüre erinnern konnte und versehentlich bei Schopenhauer geblättert hat, was einen energetischen Kollaps erzeugte, für den Neurologen erst anhand des 2. Thermodynamischen Gesetzes eine Erklärung fanden, und von dem sich Hartmann im Nebenjob als Chef seiner eigenen idellen Nachfolgeorganisation der Leipziger Bahnhofsmission gerade mühsam aufpäppelt. Dort wartet er wie stets auf Peter-René Lüdicke, dem, wie Kleindienst formuliert: "Einmannensemble, weil er auch Frauenrollen solide hinbekommt." Lüdecke, der wöchentlich für zwei Vorstellungen nach Leipzig reist, schafft es trotzdem, Girardet stets aufs Neue zu der begeisterten Äußerung hinzureißen, woher er, Hartmann, bloß diese ständigen Neuengagements an Leipzigs Allerneuestem Schauspielhaus herbekäme. Schließlich sei sein Etat ja längst nicht mehr so üppig, seit die Tarifaufwüchse für den einzigen Beschäftigten von der Stiftung 'Lebensrettung für Nachwendewaise' seit 2019 nur noch je zur Hälfte übernommen werden.
Das Lüdickesche Einmannensemble bespielt übrigens den Spielplatz des seinerzeitigen Centraltheaters, das Weiße Haus samt Auslaufgelände des ehemaligen Parkplatzes. Außer Girardet schauen wenigstens auch manche Studenten der benachbarten Hochschule für Musik und Theater aus den Fenstern, um einen Blick auf die letzten lebenden Dinosaurier der Stadt zu werfen, während ihre Kollegen des Fachbereichs Instrumentalmusik abends ab 19:30 Uhr heimlich Abschriften der Noten des Kanons "Freude schöner Götterfunke" für die benachbarten Kitaerzieher malen, um nicht von der Gema erwischt zu werden.
Die niederländische Performance-Künstlerin Anna Hoentjes plant in Reminiszens an die Turn- und Sportfeste im Leipziger Zentralstadion und unter Mitarbeit von Heike Hennig eine Massenchoreografie in der umbenannten Red Bull Arena. "Es soll eine Mischung aus Popkultur, zeitgenössischem Tanz und Elementen sozialistischer Sportveranstaltungen" werden. Anders als zu DDR-Zeiten soll nicht allein das Kollektiv im Vordergrund stehen, sondern eine Individualisierung möglichst vieler der Teilnehmer. Wie Magdalena Fröhlich für lvz berichtet, werden 2000 Teilnehmer gesucht, die sich an dem Projekt "Turn!" beteilign wollen. Die Aufführung soll am 4. Juni 2011 stattfinden. Ein Videoclip mit den Anforderungen kann von der Homepage turn-leipzigdotde heruntergeladen werden.
Einen etwas merkwürdigen Rückblick 2010 samt Ausblick auf 2011 für den Bereich Bildende Kunst in Leipzig, gemeint ist vielmehr die "(Neue) Leipziger Schule" aus dem - heutigen und ehemaligen - Umfeld der Hochschule für Grafik und Buchkunst, schreibt Meinhard Michael. Was sich anfangs liest wie eine witzige Glosse auf den Leipziger Größenwahn, der sich in Form von wiederkehrender "Quartalsdämlichkeit" äußere, wird der Artikel mehr und mehr zu einem who's who der Leipziger Kunstszene und dem Lamento, dass die Halbmillionenstadt ihre Künstler nicht ernähren könne, so dass diese zwangsläufig "für den Export" arbeiten müssten. Als ob nicht das Arbeitszimmer eines Unternehmers aus Sao Paulo oder die Jurte eines Mongolischen Stammesfürsten durch ein Bild Matthias Weischers geadelt werden würde. Freuen tut sich Michael auf die kommende Großausstellung zu 150 Jahren Fotografie in Leipzig, die im Grassimuseum, Stadtgeschichtlichen Museum und Bildermuseum gleichzeitig laufen solle.
Und was machen Neualtneualtneudezernent Georg Girardet und Sebastian Hartmann den ganzen lieben langen Tag? Wenn man Jürgen Kleindienst glaubt, ist Georg Girardet der einzige Abonnent, den Hartmanns Ein-Mann-Theater noch hat. Der Blinde hilft dem Lahmen (schließlich hatte Girardet Hartmann nach Leipzig geholt), getreu diesem Motto, das Hartmann erst akzeptieren konnte, als er sich in vollgekifftem Zustand nicht mehr an seine Nietzschelektüre erinnern konnte und versehentlich bei Schopenhauer geblättert hat, was einen energetischen Kollaps erzeugte, für den Neurologen erst anhand des 2. Thermodynamischen Gesetzes eine Erklärung fanden, und von dem sich Hartmann im Nebenjob als Chef seiner eigenen idellen Nachfolgeorganisation der Leipziger Bahnhofsmission gerade mühsam aufpäppelt. Dort wartet er wie stets auf Peter-René Lüdicke, dem, wie Kleindienst formuliert: "Einmannensemble, weil er auch Frauenrollen solide hinbekommt." Lüdecke, der wöchentlich für zwei Vorstellungen nach Leipzig reist, schafft es trotzdem, Girardet stets aufs Neue zu der begeisterten Äußerung hinzureißen, woher er, Hartmann, bloß diese ständigen Neuengagements an Leipzigs Allerneuestem Schauspielhaus herbekäme. Schließlich sei sein Etat ja längst nicht mehr so üppig, seit die Tarifaufwüchse für den einzigen Beschäftigten von der Stiftung 'Lebensrettung für Nachwendewaise' seit 2019 nur noch je zur Hälfte übernommen werden.
Das Lüdickesche Einmannensemble bespielt übrigens den Spielplatz des seinerzeitigen Centraltheaters, das Weiße Haus samt Auslaufgelände des ehemaligen Parkplatzes. Außer Girardet schauen wenigstens auch manche Studenten der benachbarten Hochschule für Musik und Theater aus den Fenstern, um einen Blick auf die letzten lebenden Dinosaurier der Stadt zu werfen, während ihre Kollegen des Fachbereichs Instrumentalmusik abends ab 19:30 Uhr heimlich Abschriften der Noten des Kanons "Freude schöner Götterfunke" für die benachbarten Kitaerzieher malen, um nicht von der Gema erwischt zu werden.
Die niederländische Performance-Künstlerin Anna Hoentjes plant in Reminiszens an die Turn- und Sportfeste im Leipziger Zentralstadion und unter Mitarbeit von Heike Hennig eine Massenchoreografie in der umbenannten Red Bull Arena. "Es soll eine Mischung aus Popkultur, zeitgenössischem Tanz und Elementen sozialistischer Sportveranstaltungen" werden. Anders als zu DDR-Zeiten soll nicht allein das Kollektiv im Vordergrund stehen, sondern eine Individualisierung möglichst vieler der Teilnehmer. Wie Magdalena Fröhlich für lvz berichtet, werden 2000 Teilnehmer gesucht, die sich an dem Projekt "Turn!" beteilign wollen. Die Aufführung soll am 4. Juni 2011 stattfinden. Ein Videoclip mit den Anforderungen kann von der Homepage turn-leipzigdotde heruntergeladen werden.
Einen etwas merkwürdigen Rückblick 2010 samt Ausblick auf 2011 für den Bereich Bildende Kunst in Leipzig, gemeint ist vielmehr die "(Neue) Leipziger Schule" aus dem - heutigen und ehemaligen - Umfeld der Hochschule für Grafik und Buchkunst, schreibt Meinhard Michael. Was sich anfangs liest wie eine witzige Glosse auf den Leipziger Größenwahn, der sich in Form von wiederkehrender "Quartalsdämlichkeit" äußere, wird der Artikel mehr und mehr zu einem who's who der Leipziger Kunstszene und dem Lamento, dass die Halbmillionenstadt ihre Künstler nicht ernähren könne, so dass diese zwangsläufig "für den Export" arbeiten müssten. Als ob nicht das Arbeitszimmer eines Unternehmers aus Sao Paulo oder die Jurte eines Mongolischen Stammesfürsten durch ein Bild Matthias Weischers geadelt werden würde. Freuen tut sich Michael auf die kommende Großausstellung zu 150 Jahren Fotografie in Leipzig, die im Grassimuseum, Stadtgeschichtlichen Museum und Bildermuseum gleichzeitig laufen solle.
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Dienstag, 14. Dezember 2010
lvz kultur vom 14.12.10: Leipziger Erklärung, Michael Jackson, Michael Faber & Stefan Herheim
Für OBM Jung ist die Entscheidung gefallen. Leipzig wird verlieren. Die Novellierung des Kulturraumgesetzes wird kommen. Die schwarz-gelbe Regierungskoalition steht. Doch am Vorabend der bitteren Entscheidung wärmt es das Herz, sich noch einmal bei einer gemeinsamen Aktion der Kultureinrichtungen gegenseitig zu vergewissern beim Verlesen der "Leipziger Erklärung". Jürgen Kleindienst beschreibt dies ironisch als "Moritat vom drohenden Kahlschlag". Auf 11:55 Uhr ist das "apokalyptische Tremolo" angesetzt, das man als "Klientel-Gebarme" abtun könne, wenn sie nicht nahezu sämtliche Leipziger Kultureinrichtungen sowie 137 Unterstützer aus Sachsen umfassen würde.
Einziger substanzieller Mutmacher ist Burkhard Jungs Ankündigung: "Wenn die Novellierung durchgeht, werden wir Verfassungsklage einlegen."
Das nach Michael Jacksons Tod posthum erschienene Album "Michael" ist veröffentlicht. Einerseits, schreibt Roland Mischke, sei die Platte nicht schlecht, andererseits lässt sie mehr das Genie des Musikers ahnen, als es zu zeigen, sei gar ein "Abgesang auf den King of Pop". Nur einen Song hat Jackson wirklich beendet. Alle anderen Titel seien später aufbereitet worden. Jacksons Stimme "mit Tonkunsttricks" bearbeitet worden, möglicherweise sogar "ein Imitator" eingesetzt worden. Bei einem Song würde der senegalesische Sänger Akon seinen Meister förmlich "an die Wand singen". "Aber die Produzenten und der Jackson-Clan wollten noch mal Kasse machen. Keine Zeit fürPietät."
Den Trend zur Mehrfachverwertung der Inszenierungen marktgängiger Regisseure belegt Stefan Herheims Inszenierung von Dvoraks Oper "Rusalka" an der Semperoper Dresden. Nach Brüssel und Graz wird sie nun auch in der sächsischen Hauptstadt gezeigt, die deutsche Neuauflage studierte Therese Schmidt ein. Herheim zeigt keine "ferne Märchenwelt", sondern ein "tödliches Märchen im explodierenden Kopf eines Mannes, der sich von falschem Zauber blenden lässt". Für Boris Michael Gruhl zeigen sich in Herheims Deutung sogar Ähnlichkeiten mit der Figur des Woyzeck von Georg Büchner, nicht zuletzt in der Schilderung als "Kriminalfall". Doch "die Bilderflut der gegen Ende immer zäheren und immer weniger stringenten Inszenierung in dürftig bewältigter Schnitttechnik drängt leider die Musik arg zurück", auch wenn dies "schade" sei wegen Tomás Netopils "fein gewobenen lyrischen Passagen", die der Dirigent der Sächsischen Staatskapelle abringt. Alles in allem sei der Neuaufguss "Schnee von gestern" befindet Gruhl indigniert, auch wenn Herheim bereits zum dritten Mal zum Regisseur des Jahres gekürt worden sei.
Als Scherz bezeichnet Meinhard Michael Timm Rauterts kunstmarktgerechte Idee, auf seinen Bildern der Leipziger Ausstellung "TEXT. Neue Arbeiten" das Geburtsjahr des Käufers anzubringen. Er beschreibt das Vorhaben als "spleenige performative Praxis", die allerdings "einen schönen, frechen Sinn" habe: als Text . Überhaupt Texte. Die haben es Rautert derzeit angetan, er sortiert immer wieder Texte neu und gibt ihnen dadurch "extrem neue Lesarten". Immer wieder kombiniert er Bilder- und Texträume, zu selbst geschossenen Fotos aus dem Pariser Cabaret montiert er etwa Zeitungsausschnitte über den Freitod des Betreibers. Andere Fotoarbeiten zeigen Hubschrauber der amerikanischen Armee in Irak und umspielen den legendären Namen von "Crazy Horse". Sieben schwarze Fotos stellen eine Arbeit über Mehrfachvergewaltingungen an der Richmond School dar, hier bleibt nur noch Text übrig, eine Meldung über die Hilflosigkeit des Opfers.
Die Abwahl des Kulturbürgermeisters Michael Faber sorgt laut Mathias Orbeck und Peter Korfmacher für Nervosität bei den Stadtratsparteien. OBM Jung hat bereits über die Ältesten der Parteien alle - bis auf die Linken und die NPD - auf Linie gebracht, heißt, zur Anwesenheit verdonnert. Es wird ein Kampf um jede Stimme. Bis auf CDU-Fraktionschef Rost wollen alle ihre Stimme abgeben, Rost fährt zu den gleichzeitig stattfindenden Haushaltsberatungen nach Dresden. Doch wichtig ist: Die SPD hat ihr Schäflein scheinbar im Stall, die Abgeordneten "stehen zur Abwahl bereit". Anders als vor einem Jahr. Demokratische Prozesse haben in der Regel andere Abläufe.
Einziger substanzieller Mutmacher ist Burkhard Jungs Ankündigung: "Wenn die Novellierung durchgeht, werden wir Verfassungsklage einlegen."
Das nach Michael Jacksons Tod posthum erschienene Album "Michael" ist veröffentlicht. Einerseits, schreibt Roland Mischke, sei die Platte nicht schlecht, andererseits lässt sie mehr das Genie des Musikers ahnen, als es zu zeigen, sei gar ein "Abgesang auf den King of Pop". Nur einen Song hat Jackson wirklich beendet. Alle anderen Titel seien später aufbereitet worden. Jacksons Stimme "mit Tonkunsttricks" bearbeitet worden, möglicherweise sogar "ein Imitator" eingesetzt worden. Bei einem Song würde der senegalesische Sänger Akon seinen Meister förmlich "an die Wand singen". "Aber die Produzenten und der Jackson-Clan wollten noch mal Kasse machen. Keine Zeit fürPietät."
Den Trend zur Mehrfachverwertung der Inszenierungen marktgängiger Regisseure belegt Stefan Herheims Inszenierung von Dvoraks Oper "Rusalka" an der Semperoper Dresden. Nach Brüssel und Graz wird sie nun auch in der sächsischen Hauptstadt gezeigt, die deutsche Neuauflage studierte Therese Schmidt ein. Herheim zeigt keine "ferne Märchenwelt", sondern ein "tödliches Märchen im explodierenden Kopf eines Mannes, der sich von falschem Zauber blenden lässt". Für Boris Michael Gruhl zeigen sich in Herheims Deutung sogar Ähnlichkeiten mit der Figur des Woyzeck von Georg Büchner, nicht zuletzt in der Schilderung als "Kriminalfall". Doch "die Bilderflut der gegen Ende immer zäheren und immer weniger stringenten Inszenierung in dürftig bewältigter Schnitttechnik drängt leider die Musik arg zurück", auch wenn dies "schade" sei wegen Tomás Netopils "fein gewobenen lyrischen Passagen", die der Dirigent der Sächsischen Staatskapelle abringt. Alles in allem sei der Neuaufguss "Schnee von gestern" befindet Gruhl indigniert, auch wenn Herheim bereits zum dritten Mal zum Regisseur des Jahres gekürt worden sei.
Als Scherz bezeichnet Meinhard Michael Timm Rauterts kunstmarktgerechte Idee, auf seinen Bildern der Leipziger Ausstellung "TEXT. Neue Arbeiten" das Geburtsjahr des Käufers anzubringen. Er beschreibt das Vorhaben als "spleenige performative Praxis", die allerdings "einen schönen, frechen Sinn" habe: als Text . Überhaupt Texte. Die haben es Rautert derzeit angetan, er sortiert immer wieder Texte neu und gibt ihnen dadurch "extrem neue Lesarten". Immer wieder kombiniert er Bilder- und Texträume, zu selbst geschossenen Fotos aus dem Pariser Cabaret montiert er etwa Zeitungsausschnitte über den Freitod des Betreibers. Andere Fotoarbeiten zeigen Hubschrauber der amerikanischen Armee in Irak und umspielen den legendären Namen von "Crazy Horse". Sieben schwarze Fotos stellen eine Arbeit über Mehrfachvergewaltingungen an der Richmond School dar, hier bleibt nur noch Text übrig, eine Meldung über die Hilflosigkeit des Opfers.
Die Abwahl des Kulturbürgermeisters Michael Faber sorgt laut Mathias Orbeck und Peter Korfmacher für Nervosität bei den Stadtratsparteien. OBM Jung hat bereits über die Ältesten der Parteien alle - bis auf die Linken und die NPD - auf Linie gebracht, heißt, zur Anwesenheit verdonnert. Es wird ein Kampf um jede Stimme. Bis auf CDU-Fraktionschef Rost wollen alle ihre Stimme abgeben, Rost fährt zu den gleichzeitig stattfindenden Haushaltsberatungen nach Dresden. Doch wichtig ist: Die SPD hat ihr Schäflein scheinbar im Stall, die Abgeordneten "stehen zur Abwahl bereit". Anders als vor einem Jahr. Demokratische Prozesse haben in der Regel andere Abläufe.
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Donnerstag, 2. Dezember 2010
lvz kultur vom 02.12.10: von Schorlemer & die Kulturraumgeldkürzungen, Grassi, und Nazikirchen
14 Tage vor der Angst redet Sachsens Kulturministerin von Schorlemer mit Peter Korfmacher und Jürgen Kleindienst über die geplanten Kürzungen bei den Kulturraumgeldern. Ihre Thesen im Schnelldurchlauf:
1. Vorübergehende Steuermehreinnahmen (plus 1 Milliarde €) haben nichts mit dem dauerhaften Ziel einer Haushaltskonsolidierung (minus 1,3 Milliarden €) zu tun. Daher: Kein frisches Geld für die Kultur, d.h., doch: 1,5 Millionen € gibt's zur Entlastung der Kulturräume.
2. Gelder für Tariferhöhungen in Semperoper, Staatsschauspiel und Staatliche Kunstsammlungen sind gesetzlich vorgeschrieben. Die Kommunen müssten selbst sehen, wie sie das schaffen. Bitte kein Neid!
3. Ohne aktiven Strukturwandel kann die reiche Kulturlandschaft Sachsens nicht erhalten werden.
4. Intelligente Strukturanpassung könne bedeuten, die Landesbühnen entlasten die kommunalen Theater und bespielen gleichzeitig die Fläche. Das Land handelt also vorausschauend, indem sie die LBS in kommunale Trägerschaft übergehen lassen.
5. Novellierung des Kulturraumgesetzes bringt keine Kultureinrichtung in finanzielle Schwierigkeiten. Die Stadt Chemnitz spart über 10x mehr Kulturgelder ein (5,8 Mio €) als der Freistaats Sachsen weniger überweist (400.000 €). Und Leipzigs Probleme sind hausgemacht. Der Pro-Sitzplatz-Zuschuss ist doppelt so hoch wie der für die Dresdner Theater.
6. Vielleicht gibt's ja irgendwann mal wieder mehr Geld.
7. Die Städte sind selbst schuld am gegenwärtigen Stress, sie haben 2004 Landesmittel für Kulturräume sachfremd eingesetzt.
7b. Nochmal: Die Kommunen sind selbst schuld, außerdem sollen sie nicht so übertreiben.
8. Prof.Ossenbühls Rechtsgutachten geht von der fehlerhaften Annahme aus, die Landesbühnen Sachsen hätten "überregionale Aufgaben". Das stimmt nicht. Ihre Aufgaben sind kommunal. Die Entlassung aus der Landesverantwortung ist also richtig.
9. Strukturanpassung tut not, dabei geht es nicht um Abbau, es geht um die Wahrung der Vielfalt, es geht um intelligente und kreative Lösungen.
10. Die geplante Mittelabsenkung ist zwar schmerzhaft, dient aber letztlich den Kulturräumen. "Sachsen muss ein Kulturstaat bleiben." Sie, von Schorlemer, habe 2020 im Blick. "Dann wird ein mobiles, flexibles Angebot verstärkt nachgefragt werden".
Zusammengefasst bedeutet das: Die Kommunen müssen selber sehen, wie sie klarkommen. Und vor allem: Die Landesbühnen sind die Springer.
Das ist der neue Gedanke der Ministerin, mit dem sie ihre Argumentation allerdings heillos überfrachtet. Die neue Situation würde für die Landesbühnen Sachsen bedeuten: Vorerst nur mit 3,5 Mio €, später mehr, sollen die Kulturräume die Finanzierung der LBS übernehmen. Nominell werden die LBS aus der Verantwortung des Landes entlassen. Ziel ist eine GmbH mit den Sitzgemeinden im Aufsichtsrat, die auch einen (Groß-)Teil der Finanzierung schultern sollen. Ausweitung des Spielbetriebs in die Fläche, d.h., weniger Radebeul, mehr Klein- und Mittelstädte in Sachsen (auf welchen Bühnen eigentlich?). Darüber hinaus eine Bespielung der kommunalen Theater, Opernhäuser, Konzerthäuser mit Programm, das vor Ort abgebaut werden musste, also Bildung von "mobilen, flexiblen" Kultur-Task-Forces durch die LBS.
Denkbares Szenario: Leipzig spart sein Ballett ein, seine Muko, dünnt sein Opernprogramm aus. In die Bresche springen die LBS. Dem traditionellen, tendenziell konservativen Publikum ist das gleich, vielleicht sogar recht. Klein- und Mittelstädte Sachsens werden zunehmend von den LBS "übernommen", kleinere kommunale Theater immer mehr eingedampft, kooperieren und fusionieren gar, bis sie nur noch kleine halbeigenständige Einheiten im Verbund der LBS darstellen. Potente Kulturliebhaber aus der Region fahren für die Haute Cuisine nach Dresden, Leipzig, Chemnitz oder gleich Berlin. Für den weiter schrumpfenden Rest-Sachsen muss das Angebot aus der lokalen Küche reichen.
Und außerdem: waren die Proteste nicht so stark, dass CDUFDP ihre Position hätten stärker ändern müssen, als nun getan. Das Prinzip: Schmerzgrenze ausloten. Konzessionsbereit zeigen, Summe halbieren, dem Ärger die Spitze nehmen. Durchregieren, der Rest folgt dann später.
Und die Leipziger sollen ihren Ossenbühl ja nicht so hoch hängen. Wers immer noch nicht verstanden hat: "Wenn es zur gerichtlichen Prüfung kommt, weiß keiner, ob Leipzig daraus gestärkt hervorgeht." Alles klar? Die Mafia-Paten könnten es nicht sensibler ausdrücken.
OBM Jung hat sein Maulheldentum längst aufgegeben. Von ihm kommt kein Sterbenswörtchen mehr zur Sache. Das hat sein Kulturbürgermeister schon vor ihm gekonnt.
Caroline Bock schreibt über das neue Berliner Szene-Musical „Mamma Macchiato“. „In einer Mischung aus Revue und Blödelei“ nimmt es den Kiez am Prenzlauer Berg aufs Korn, selbstverständlich lacht die Szene auch schon mal über sich selbst. Die Höhepunkte scheinen wie im richtigen Leben eine Slalomstrecke entlang Bionade, Yogastudios und Kitaplätzen zu absolvieren. Die „eigene Verspießerung“ werde mit Ironie betrachtet.Vielleicht wähnt man sich ja als Komparserie einer jahrzehntelangen Vorabendserie, deren Rhythmus noch von Mainzelmännchen bestimmt wird?
Die „Not“ der Eingeborenen im Blick, entdeckt Janina Fleischer in „ausgepresst“ nicht nur einen Ausweg, sondern in „Mamma Macchiato“ die radikale Lösung, um dem Kiez aus seiner Belagerung zu helfen: Wenn, wie im Musical, die Schwabenmama mit einem iPad erschlagen wird, mache es doch „aus der Not gleich eine Tugend“. Allerdings warnt sie Neukölln schon mal vor. Die Überlebenden der iPad-Anschläge hätten ihren Bezirk längst zur Bionadisierung vorgemerkt.
Im Grassimuseum für Angewandte Kunst machen zwei neue Ausstellungen von sich reden, die dem Kunsthandwerk mit je unterschiedlichen Materialien frönen. Das thüringische Unternehmen Kahla stellt Ergebnisse ihres 5. Internationalen Porzellanworkshops aus. „Junge Gesichter und unbekannte Gestalter“ haben das zerbrechliche Material „spielerisch oder ernst, gewagt oder eher vorsichtig, verträumt oder gelassen“ ausprobiert, auch wenn die Ergebnisse „in der Produktion“ nicht umsetzbar seien, wie Christine Hochstein schreibt.In Kooperation mit der UdK Berlin wurde zudem an zehn StudentInnen die Aufgabe gestellt, sich „experimentell“ mit dem Thema Erbgut in Porzellan auseinanderzusetzen.
In der Pfeilerhalle stellen Ulla und Martin Kaufmann Schmuck, freie Objekte und Gebrauchsgerät aus Edelmetallen wie Gold und Silber aus. Die reichen von Küchenutensilien wie Pizzaschneider bis zur federleichten Kette ohne Verschluss, von denen Museumsleiterin Eva Maria Hoyer eine beinahe täglich selbst trage.
An deutschen Theatern spiele das Thema Migration in zweierlei Hinsicht keine besondere Rolle, schreibt Andreas Rehnolt. Weder habe eine nennenswerte Zahl von Theatern Migranten in ihren Ensembles (Ausnahmen z.B. Köln und Dortmund), noch bestimmen Geschichten aus diesem Stoff, der die Gazetten füllt, die Bühnenstücke. Und wenn, dann seien dies Texte, die noch von Konflikten der ersten Einwanderergeneration handelten, statt z.B. von der Tatsache auszugehen, dass sich viele Kinder von Einwanderern längst als Deutsche fühlten, aber von ihren Mitmenschen als Ausländer wahrgenommen würden.
Lukas Philippi hat sich eines Themas angenommen, das in der Öffentlichkeit eher nicht bekannt ist: Viele der noch heute genutzten Kirchbauten seien in den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erbaut worden und steckten oft noch voller Nazisymbolik. Entfernt wurden nach dem Krieg allein Hakenkreuze. Doch von Soldaten im Stahlhelm oder SA-Stiefeln bis zu Abbildungen der „deutschen Familie“ oder Eiserner Kreuze gebe es haufenweise Bildwerke, die noch in den Kirchen zu sehen seien. Der Leiter des landeskirchlichen Bauamtes, Matthias Hoffmann-Tauschwitz, könne sich Kirchen wie die Berliner Martin-Luther-Gedächtniskirche durchaus als „Zeugnisse dieses Geschichtsabschnittes“ vorstellen, während Andreas Nachama, Leiter der Berliner „Topographie des Terrors“, unter Beibehaltung der historischen Zeugnisse auch eine Neugestaltung des Innenraums vorstellen könne. Wer die Kirche dann nutzt, müsse sich allerdings erst noch erweisen, meint Philippi.
1. Vorübergehende Steuermehreinnahmen (plus 1 Milliarde €) haben nichts mit dem dauerhaften Ziel einer Haushaltskonsolidierung (minus 1,3 Milliarden €) zu tun. Daher: Kein frisches Geld für die Kultur, d.h., doch: 1,5 Millionen € gibt's zur Entlastung der Kulturräume.
2. Gelder für Tariferhöhungen in Semperoper, Staatsschauspiel und Staatliche Kunstsammlungen sind gesetzlich vorgeschrieben. Die Kommunen müssten selbst sehen, wie sie das schaffen. Bitte kein Neid!
3. Ohne aktiven Strukturwandel kann die reiche Kulturlandschaft Sachsens nicht erhalten werden.
4. Intelligente Strukturanpassung könne bedeuten, die Landesbühnen entlasten die kommunalen Theater und bespielen gleichzeitig die Fläche. Das Land handelt also vorausschauend, indem sie die LBS in kommunale Trägerschaft übergehen lassen.
5. Novellierung des Kulturraumgesetzes bringt keine Kultureinrichtung in finanzielle Schwierigkeiten. Die Stadt Chemnitz spart über 10x mehr Kulturgelder ein (5,8 Mio €) als der Freistaats Sachsen weniger überweist (400.000 €). Und Leipzigs Probleme sind hausgemacht. Der Pro-Sitzplatz-Zuschuss ist doppelt so hoch wie der für die Dresdner Theater.
6. Vielleicht gibt's ja irgendwann mal wieder mehr Geld.
7. Die Städte sind selbst schuld am gegenwärtigen Stress, sie haben 2004 Landesmittel für Kulturräume sachfremd eingesetzt.
7b. Nochmal: Die Kommunen sind selbst schuld, außerdem sollen sie nicht so übertreiben.
8. Prof.Ossenbühls Rechtsgutachten geht von der fehlerhaften Annahme aus, die Landesbühnen Sachsen hätten "überregionale Aufgaben". Das stimmt nicht. Ihre Aufgaben sind kommunal. Die Entlassung aus der Landesverantwortung ist also richtig.
9. Strukturanpassung tut not, dabei geht es nicht um Abbau, es geht um die Wahrung der Vielfalt, es geht um intelligente und kreative Lösungen.
10. Die geplante Mittelabsenkung ist zwar schmerzhaft, dient aber letztlich den Kulturräumen. "Sachsen muss ein Kulturstaat bleiben." Sie, von Schorlemer, habe 2020 im Blick. "Dann wird ein mobiles, flexibles Angebot verstärkt nachgefragt werden".
Zusammengefasst bedeutet das: Die Kommunen müssen selber sehen, wie sie klarkommen. Und vor allem: Die Landesbühnen sind die Springer.
Das ist der neue Gedanke der Ministerin, mit dem sie ihre Argumentation allerdings heillos überfrachtet. Die neue Situation würde für die Landesbühnen Sachsen bedeuten: Vorerst nur mit 3,5 Mio €, später mehr, sollen die Kulturräume die Finanzierung der LBS übernehmen. Nominell werden die LBS aus der Verantwortung des Landes entlassen. Ziel ist eine GmbH mit den Sitzgemeinden im Aufsichtsrat, die auch einen (Groß-)Teil der Finanzierung schultern sollen. Ausweitung des Spielbetriebs in die Fläche, d.h., weniger Radebeul, mehr Klein- und Mittelstädte in Sachsen (auf welchen Bühnen eigentlich?). Darüber hinaus eine Bespielung der kommunalen Theater, Opernhäuser, Konzerthäuser mit Programm, das vor Ort abgebaut werden musste, also Bildung von "mobilen, flexiblen" Kultur-Task-Forces durch die LBS.
Denkbares Szenario: Leipzig spart sein Ballett ein, seine Muko, dünnt sein Opernprogramm aus. In die Bresche springen die LBS. Dem traditionellen, tendenziell konservativen Publikum ist das gleich, vielleicht sogar recht. Klein- und Mittelstädte Sachsens werden zunehmend von den LBS "übernommen", kleinere kommunale Theater immer mehr eingedampft, kooperieren und fusionieren gar, bis sie nur noch kleine halbeigenständige Einheiten im Verbund der LBS darstellen. Potente Kulturliebhaber aus der Region fahren für die Haute Cuisine nach Dresden, Leipzig, Chemnitz oder gleich Berlin. Für den weiter schrumpfenden Rest-Sachsen muss das Angebot aus der lokalen Küche reichen.
Und außerdem: waren die Proteste nicht so stark, dass CDUFDP ihre Position hätten stärker ändern müssen, als nun getan. Das Prinzip: Schmerzgrenze ausloten. Konzessionsbereit zeigen, Summe halbieren, dem Ärger die Spitze nehmen. Durchregieren, der Rest folgt dann später.
Und die Leipziger sollen ihren Ossenbühl ja nicht so hoch hängen. Wers immer noch nicht verstanden hat: "Wenn es zur gerichtlichen Prüfung kommt, weiß keiner, ob Leipzig daraus gestärkt hervorgeht." Alles klar? Die Mafia-Paten könnten es nicht sensibler ausdrücken.
OBM Jung hat sein Maulheldentum längst aufgegeben. Von ihm kommt kein Sterbenswörtchen mehr zur Sache. Das hat sein Kulturbürgermeister schon vor ihm gekonnt.
Caroline Bock schreibt über das neue Berliner Szene-Musical „Mamma Macchiato“. „In einer Mischung aus Revue und Blödelei“ nimmt es den Kiez am Prenzlauer Berg aufs Korn, selbstverständlich lacht die Szene auch schon mal über sich selbst. Die Höhepunkte scheinen wie im richtigen Leben eine Slalomstrecke entlang Bionade, Yogastudios und Kitaplätzen zu absolvieren. Die „eigene Verspießerung“ werde mit Ironie betrachtet.Vielleicht wähnt man sich ja als Komparserie einer jahrzehntelangen Vorabendserie, deren Rhythmus noch von Mainzelmännchen bestimmt wird?
Die „Not“ der Eingeborenen im Blick, entdeckt Janina Fleischer in „ausgepresst“ nicht nur einen Ausweg, sondern in „Mamma Macchiato“ die radikale Lösung, um dem Kiez aus seiner Belagerung zu helfen: Wenn, wie im Musical, die Schwabenmama mit einem iPad erschlagen wird, mache es doch „aus der Not gleich eine Tugend“. Allerdings warnt sie Neukölln schon mal vor. Die Überlebenden der iPad-Anschläge hätten ihren Bezirk längst zur Bionadisierung vorgemerkt.
Im Grassimuseum für Angewandte Kunst machen zwei neue Ausstellungen von sich reden, die dem Kunsthandwerk mit je unterschiedlichen Materialien frönen. Das thüringische Unternehmen Kahla stellt Ergebnisse ihres 5. Internationalen Porzellanworkshops aus. „Junge Gesichter und unbekannte Gestalter“ haben das zerbrechliche Material „spielerisch oder ernst, gewagt oder eher vorsichtig, verträumt oder gelassen“ ausprobiert, auch wenn die Ergebnisse „in der Produktion“ nicht umsetzbar seien, wie Christine Hochstein schreibt.In Kooperation mit der UdK Berlin wurde zudem an zehn StudentInnen die Aufgabe gestellt, sich „experimentell“ mit dem Thema Erbgut in Porzellan auseinanderzusetzen.
In der Pfeilerhalle stellen Ulla und Martin Kaufmann Schmuck, freie Objekte und Gebrauchsgerät aus Edelmetallen wie Gold und Silber aus. Die reichen von Küchenutensilien wie Pizzaschneider bis zur federleichten Kette ohne Verschluss, von denen Museumsleiterin Eva Maria Hoyer eine beinahe täglich selbst trage.
An deutschen Theatern spiele das Thema Migration in zweierlei Hinsicht keine besondere Rolle, schreibt Andreas Rehnolt. Weder habe eine nennenswerte Zahl von Theatern Migranten in ihren Ensembles (Ausnahmen z.B. Köln und Dortmund), noch bestimmen Geschichten aus diesem Stoff, der die Gazetten füllt, die Bühnenstücke. Und wenn, dann seien dies Texte, die noch von Konflikten der ersten Einwanderergeneration handelten, statt z.B. von der Tatsache auszugehen, dass sich viele Kinder von Einwanderern längst als Deutsche fühlten, aber von ihren Mitmenschen als Ausländer wahrgenommen würden.
Lukas Philippi hat sich eines Themas angenommen, das in der Öffentlichkeit eher nicht bekannt ist: Viele der noch heute genutzten Kirchbauten seien in den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erbaut worden und steckten oft noch voller Nazisymbolik. Entfernt wurden nach dem Krieg allein Hakenkreuze. Doch von Soldaten im Stahlhelm oder SA-Stiefeln bis zu Abbildungen der „deutschen Familie“ oder Eiserner Kreuze gebe es haufenweise Bildwerke, die noch in den Kirchen zu sehen seien. Der Leiter des landeskirchlichen Bauamtes, Matthias Hoffmann-Tauschwitz, könne sich Kirchen wie die Berliner Martin-Luther-Gedächtniskirche durchaus als „Zeugnisse dieses Geschichtsabschnittes“ vorstellen, während Andreas Nachama, Leiter der Berliner „Topographie des Terrors“, unter Beibehaltung der historischen Zeugnisse auch eine Neugestaltung des Innenraums vorstellen könne. Wer die Kirche dann nutzt, müsse sich allerdings erst noch erweisen, meint Philippi.
Mittwoch, 1. Dezember 2010
lvz kultur vom 01.12.10: Woody Allen, Mark Twain, Nina Hagen & Kulturkonferenz
Wer Sex und Witz und Ernst zusammen denken kann, gehört zu den Großen. Und noch Filme drüber drehen! Woody Allen kann das. Aus Anlass seines 75. Geburtstages schreibt Norbert Wehrstedt einen fast schon als Nachruf durchgehenden Text. Das ist o.k., nicht nur, weil er wunderbar lesbar ist. Der Hype um Allen ist vorbei und trotzdem achtet jeder den kleinen Mann mit dem großen Mut, der sein Inneres nach Außen zu kehren imstande war und ist. Woody Allen wuchs im jüdischen Milieu von Brooklyn auf, jüdischer Witz, der den Schmerz und die Freude am Leben niemals vergisst, gehört zum Päckchen, das das Leben für einen schnürt. Jedes Jahr drehte Allen einen Film, jeden Montag spielte er Jazz-Klarinette im Carlyle Hotel in Manhattan, aber mit nur vier Frauen war er verheiratet (zur Zeit mit seiner Adoptivtochter). Diese unglaubliche Selbstdisziplin ist das Bewundernswerte an dem Regisseur, dessen "schönster Auftritt" als Schauspieler der eines Restaurant-Kassierers ("Der Strohmann") war. Drei Oscars hat er bisher erhalten, aber nie persönlich in Empfang genommen. Woody Allen, dessen großer Held Ingmar Bergman ist, kann Tragik und Schmerz - wie George Tabori - wahrscheinlich nur empfinden, wenn er einen Witz darüber machen kann. Das hält jung. Glückwunsch!
Mark Twain, Autor der unvergesslichen Werke "Tom Sawyers Abenteuer" und "Huckleberry Finn", gehört beinahe zum amerikanischen Gründungsmythos. Twain, an dessen Geburt und an dessem Tod jeweils der spektakuläre Komet Halley zufällig am Firmament vorüberzog, hatte Tausende Seiten Aufzeichnungen für eine Autobiografie hinterlassen. Mark Twain, dessen Künstlername sich von dem Ort herleitete, ab dem der Mississippi für Raddampfer schiffbar wurde ("Mark Twain" entsprach zwei Faden Mindestwassertiefe) hatte bestimmt, dass seine Aufzeichnungen erst 100 Jahre nach seinem Tod erscheinen durften. Die 744 Seiten Buch des ersten von drei Teilen hat der dpa/epd-Schreiber nicht gelesen. Ob die Inhalte die Auflage des Autors rechtfertigt, wird also viele Neugierige noch auf den Plan rufen.
Mit Nina Hagen kann Steffen Georgi scheinbar nicht viel anfangen. Als "Mensch von protestantischer Bescheidenheit" war ihm die Lady, die vom Punk zum Protestantismus wechselte, scheinbar immer etwas zu schrill. Ihre neueste CD "Personal Jesus", die sie in der Peterskirche vorstellte, wirkt dennoch "bodenständig" auf den lvz redakteur, immerhin habe sie sich für ihre Sünden längst entschuldigt (hat sie also nicht nur gebeichtet, auf dass sie ihr verziehen wurden) und freue sich nun auf den Himmel. Musikalischer Höhepunkt war allerdings ein Brecht-Song, sein "Lied - im Gefängnis zu singen". Gerichtet an die Machthaber der Welt, singt sie: "Eines Tages, und das wird bald sein,/ Werden sie sehen, dass ihnen das alles nichts mehr nützt." Mit "einer Kraft, die wirklich berührt." Es scheint auch noch ein Leben vor dem Tod zu geben.
Jürgen Kleindiensts heutiges "ausgepresst" ist wieder nur begrenzt witzig und pointiert, dafür von einem guten Gedanken beseelt: Die Wikileaks-Enthüllungen seien doch mehr als Klatsch zu betrachten. Wird Zeit, dass die Wikier endlich wieder ernsthaft ihren Job machen, meint Kleindienst.
Manfred Präcklein schreibt einen Nachruf auf Peter Hofmann, der mit 66 Jahren an den Folgen von Parkinson gestorben ist. Legendär ist Hofmann geworden für seinen Spagat zwischen klassischer Musik (viele Wagner-Titelrollen in Bayreuth) und Rock-, Pop- und Countrymusik. Er trat im Westen wie im Osten auf, spielte in Musicals und TV ebenso wie bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg (Old Firehand). Seit mehr als zehn Jahren war er immer seltener auf der Bühne zu sehen, 2004 beendete er offiziell seine Karriere.
Mal schauen, ob die Kulturkonferenz von Gewandhaus, mdr Figaro und lvz, die unter dem Titel "Muss sich Kultur rechnen?" am Fr., 3..12. im Mendelssohn-Saal stattfindet, etwas zu sagen hat. Klar ist, dass die Kassen nur "vorgeblich leer" seien. Spürbar ist auch, dass Häuser mit klarem und erfolgreichem Profil weniger von Einsparungen betroffen sind, als Häuser mit schwachen Chefs und Teams. Trotzdem "gerät Kultur als zentrales Kommunikationsmittel unserer Gesellschaft in die Defensive". Druck lastet auf den Einrichtungen so großer wie z.B. auf Bundesligamannschaften. Und das ist prekär. Weniger, dass ein Robert Enke die Schattenseite deutlich macht (und z.B. Friedrich Schirmers Rücktritt, dessen Frau sich vor wenigen Jahren ebenfalls das Leben nahm), eher, dass Kultur nicht wie die Gladiatorspiele der Bundesliga Triebabfuhr bedeutet und sich auch nicht in Mark und Pfennig rechnen lässt, und folglich der Druck nur zu Schäden an der körperlichen und geistigen Substanz führt, wird das Thema sein. Leider sitzt kein aktiver Politiker auf dem Podium. Vielleicht ja im Saal.
Mark Twain, Autor der unvergesslichen Werke "Tom Sawyers Abenteuer" und "Huckleberry Finn", gehört beinahe zum amerikanischen Gründungsmythos. Twain, an dessen Geburt und an dessem Tod jeweils der spektakuläre Komet Halley zufällig am Firmament vorüberzog, hatte Tausende Seiten Aufzeichnungen für eine Autobiografie hinterlassen. Mark Twain, dessen Künstlername sich von dem Ort herleitete, ab dem der Mississippi für Raddampfer schiffbar wurde ("Mark Twain" entsprach zwei Faden Mindestwassertiefe) hatte bestimmt, dass seine Aufzeichnungen erst 100 Jahre nach seinem Tod erscheinen durften. Die 744 Seiten Buch des ersten von drei Teilen hat der dpa/epd-Schreiber nicht gelesen. Ob die Inhalte die Auflage des Autors rechtfertigt, wird also viele Neugierige noch auf den Plan rufen.
Mit Nina Hagen kann Steffen Georgi scheinbar nicht viel anfangen. Als "Mensch von protestantischer Bescheidenheit" war ihm die Lady, die vom Punk zum Protestantismus wechselte, scheinbar immer etwas zu schrill. Ihre neueste CD "Personal Jesus", die sie in der Peterskirche vorstellte, wirkt dennoch "bodenständig" auf den lvz redakteur, immerhin habe sie sich für ihre Sünden längst entschuldigt (hat sie also nicht nur gebeichtet, auf dass sie ihr verziehen wurden) und freue sich nun auf den Himmel. Musikalischer Höhepunkt war allerdings ein Brecht-Song, sein "Lied - im Gefängnis zu singen". Gerichtet an die Machthaber der Welt, singt sie: "Eines Tages, und das wird bald sein,/ Werden sie sehen, dass ihnen das alles nichts mehr nützt." Mit "einer Kraft, die wirklich berührt." Es scheint auch noch ein Leben vor dem Tod zu geben.
Jürgen Kleindiensts heutiges "ausgepresst" ist wieder nur begrenzt witzig und pointiert, dafür von einem guten Gedanken beseelt: Die Wikileaks-Enthüllungen seien doch mehr als Klatsch zu betrachten. Wird Zeit, dass die Wikier endlich wieder ernsthaft ihren Job machen, meint Kleindienst.
Manfred Präcklein schreibt einen Nachruf auf Peter Hofmann, der mit 66 Jahren an den Folgen von Parkinson gestorben ist. Legendär ist Hofmann geworden für seinen Spagat zwischen klassischer Musik (viele Wagner-Titelrollen in Bayreuth) und Rock-, Pop- und Countrymusik. Er trat im Westen wie im Osten auf, spielte in Musicals und TV ebenso wie bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg (Old Firehand). Seit mehr als zehn Jahren war er immer seltener auf der Bühne zu sehen, 2004 beendete er offiziell seine Karriere.
Mal schauen, ob die Kulturkonferenz von Gewandhaus, mdr Figaro und lvz, die unter dem Titel "Muss sich Kultur rechnen?" am Fr., 3..12. im Mendelssohn-Saal stattfindet, etwas zu sagen hat. Klar ist, dass die Kassen nur "vorgeblich leer" seien. Spürbar ist auch, dass Häuser mit klarem und erfolgreichem Profil weniger von Einsparungen betroffen sind, als Häuser mit schwachen Chefs und Teams. Trotzdem "gerät Kultur als zentrales Kommunikationsmittel unserer Gesellschaft in die Defensive". Druck lastet auf den Einrichtungen so großer wie z.B. auf Bundesligamannschaften. Und das ist prekär. Weniger, dass ein Robert Enke die Schattenseite deutlich macht (und z.B. Friedrich Schirmers Rücktritt, dessen Frau sich vor wenigen Jahren ebenfalls das Leben nahm), eher, dass Kultur nicht wie die Gladiatorspiele der Bundesliga Triebabfuhr bedeutet und sich auch nicht in Mark und Pfennig rechnen lässt, und folglich der Druck nur zu Schäden an der körperlichen und geistigen Substanz führt, wird das Thema sein. Leider sitzt kein aktiver Politiker auf dem Podium. Vielleicht ja im Saal.
Donnerstag, 25. November 2010
lvz kultur vom 25.11.10: Hannah-Arendt-Institut, Terror & Hysterie
Haltet den Dieb! Das Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung entlässt, wie Thomas Mayer berichtet, seinen wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Michael Richter, dessen Stasispitzeleien in ihrem ganzen Ausmaß in der vergangenen Woche an die Öffentlichkeit drangen, fristlos. HAIT-Direktor Dr. Heydemann spricht in Roland-Koch'scher Diktion von "brutalst möglicher Aufklärung", dem ersten Satz einer pompöse Wortungetüme ausstoßenden Nebelmaschine, die vor allem Beschwichtigung meint. Und Ablenkung. Denn im Zentrum der öffentlichen Diskussion steht längst das Institut selbst. Wie kann ein Institut, das sich nach der Wende mit dem Ziel gründete, den Totalitarismus in seinen Spielarten zu erforschen, sich selbst von den Konsequenzen ausnehmen? Dem Kuratorium des HAIT bis hinauf in die damalige Landesregierung waren die Spitzeltätigkeiten ihres Mitarbeiters bekannt. Des Mannes, der sich selbst - durchaus verlogen - als Opfer der Verhältnisse des SED-Staates bezeichnete. Das Mißverhältnis zwischen konkreten Hinweisen und dem Versuch des Weißwaschens kann nicht anders als offensichtlich gewesen sein. Man hat über all diese Details gerne den Mantel des Schweigens gelegt, potentielle Kritiker ausgegrenzt.
Das individuelle Versagen des Dr. Michael Richter und seine Beschönigungen, die nun in die fristlose Entlassung münden, sind das eine. Das andere, möglicherweise gravierendere, Verhalten ist das zielgerichtete Verschweigen und Vertuschen des Instituts selber, dessen Direktor sich auf "unsere vielfach anerkannte wissenschaftliche Arbeit" beruft, um von eigenem Fehlverhalten nicht reden zu müssen. Aber was ist eine solche Arbeit wert?
Was bedeutet fleißige, analytische Arbeit, wenn man sein eigenes Tun nicht einmal selbstkritisch betrachtet? Wie kann ein Institut überhaupt Totalitarismusforschung betreiben, wenn seine Leitung und seine Aufsicht Helfershelfer einer Diktatur ohne nähere Prüfung und Aufarbeitung beschäftigt? Wenn politische Opportunitäten sogar das eigene Forschungsgebiet zu beeinträchtigen drohen? Wie unparteiisch kann ein ehemaliger Spitzel eigentlich Ost-CDU-Geschichte aufarbeiten, wenn CDU- und ehemalige Ost-CDU Mitarbeiter es sind, die ihm zu dem Posten verholfen haben? Wie ist eine Institutsleitung zu bewerten, die den Sächsischen Landesbeauftragten für Stasiunterlagen bewusst in Unkenntnis über diesen Fall lassen will? Soll dieser womöglich weder weiter nach Unterlagen forschen noch eine eigene Bewertung abgeben? Wenn Öffentlichkeit schlicht als Gegner gesegen wird?
"Durchstreichen und weitergehen" war das Motto, das August Strindberg seinem Protagonisten im "Totentanz" mitgegeben hat. Das kann nicht für ehemalige Mitarbeiter und Helfer von Diktaturen gelten, wie Dr. Richter oder etwa auch Dr. Külow. Hannah Arendt hätte dem Institut möglicherweise das Tragen ihres Namens untersagt. Und von Herrn Tillich weiter kein Wort zu der Causa.
Jürgen Kleindienst schreibt in lvz kultur über die derzeitigen Terrorwarnungen und Warnungen vor Hysterie. Leider ist sein Artikel nur ein weiteres Bausteinchen einer Mystifikation, die betrieben wird. Wenn Kleindienst seine Analyse gipfeln lässt in der Bemerkung, "die Debatte finde in einem seltsamen Raum zwischen Fiktion und Realität, Ahnen und Wissen statt", steckt in seinen 100 Zeilen auch nur die Gefahr, eine Spielart geistiger Rinderkrankheit zu betreiben, wie es auch die verschiedensten Talkshowformate von Will bis sonstwo tun, wenn sie eine wabernde, oft halbgare Informationsfülle zu einem Hackfleisch-Brei verrühren. Einzig angemessene Auseinandersetzung bei einem Thema wie dem Terror ist doch wohl die konsequente Analyse, ist Sachlichkeit, die ihre eigenen Quellen und Gedanken offenlegt. Und sonst schweigt. Wer gibt welche Informationen? Welche Plausibilität haben diese gegebenenfalls?
Sonst gilt über den Berichterstatter über den Terror das gleiche wie für den Terroristen selbst: "Der Terrorist besetzt das Denken, da er den Raum nicht nehmen kann", wie Kleindienst den Publizisten Franz Wördemann zitiert. Dass Kleindienst kein Freund der Hysterie ist, ist erfreulich und auch, wenn er in Ehrhardt Körtings Aufruf zur "Wachsamkeit" die Nähe zur Denunziation und zur Hysterisierung sieht. Und doch trägt ein solcher Artikel latent zur Hysterie bei, weil er auf keinen konkreten Punkt, keinen Gedanken abzielt.
In der Glosse Szähne schreibt dazu Mathias Wöbking: "Als Thomas de Maizière dazu aufforderte, trotz aller Terror-Warnungen nicht hysterisch zu werden, was dachte er wohl, wie die Medien darauf reagieren?"
Und sonst? Mark Daniel betreibt Werbung für die Kulturpaten, die in Zeiten "drohender Rückgänge öffentlicher Fördermittel" zunehmend bedeutsam würden. Das Europäische Parlament hat sich nach über 20 nationalen und internationalen Preisen, die Feo Aladags Film "Die Fremde" zum Thema Ehrenmord unterdessen erhalten hat, ebenfalls zu dessen Auszeichnung mit dem Prix Lux bequemt. Elke Vogel berichtet über eine steigende Zahl kleiner Filmfestivals, oft zu Sparten- oder Nischenthemen. Thomas Mayer schreibt über das "Genie" des Insektenforschers und Literaten Jean-Henri Fabre, dessen Gesamtausgabe der Verlag Matthes & Seitz betreibt. Britta Gürke bewundert die "Transformation" des Theaters der Royal Shakespeare Copmpany in Stratford upon Avon, das nach jahrelanger Bautätigkeit eröffnet worden ist und Schauspieler und Zuschauer stärker in Kontakt treten lassen soll. Die ukrainische Künstlerin Lada Nakonechna arbeitet derzeit an einem 100 m² großen Wandbild in der Bibliotheca Albertina, das sie ganz mittels Bleistift aufträgt, wie Hendrik Schäfer mitteilt. Ausgerechnet, dass die Kultur in Frankreich Staatsangelegenheit ist, bewahrt sie dort gerade vor massiven Kürzungen, wie es manche andere Länder betreiben, schreibt Sabine Glaubitz. Leipzig, Dresden, Deutschland: Es geht also auch anders! Und Steffen Georgi hat beim Konzert von Giant Sand in der Moritzbastei ein indianisches Rezept gegen den Biss der Klapperschlange probiert: Meskalin. Erst kotzen, dann high werden. Oder wars die Musik? Jedenfalls war er berauscht.
Das individuelle Versagen des Dr. Michael Richter und seine Beschönigungen, die nun in die fristlose Entlassung münden, sind das eine. Das andere, möglicherweise gravierendere, Verhalten ist das zielgerichtete Verschweigen und Vertuschen des Instituts selber, dessen Direktor sich auf "unsere vielfach anerkannte wissenschaftliche Arbeit" beruft, um von eigenem Fehlverhalten nicht reden zu müssen. Aber was ist eine solche Arbeit wert?
Was bedeutet fleißige, analytische Arbeit, wenn man sein eigenes Tun nicht einmal selbstkritisch betrachtet? Wie kann ein Institut überhaupt Totalitarismusforschung betreiben, wenn seine Leitung und seine Aufsicht Helfershelfer einer Diktatur ohne nähere Prüfung und Aufarbeitung beschäftigt? Wenn politische Opportunitäten sogar das eigene Forschungsgebiet zu beeinträchtigen drohen? Wie unparteiisch kann ein ehemaliger Spitzel eigentlich Ost-CDU-Geschichte aufarbeiten, wenn CDU- und ehemalige Ost-CDU Mitarbeiter es sind, die ihm zu dem Posten verholfen haben? Wie ist eine Institutsleitung zu bewerten, die den Sächsischen Landesbeauftragten für Stasiunterlagen bewusst in Unkenntnis über diesen Fall lassen will? Soll dieser womöglich weder weiter nach Unterlagen forschen noch eine eigene Bewertung abgeben? Wenn Öffentlichkeit schlicht als Gegner gesegen wird?
"Durchstreichen und weitergehen" war das Motto, das August Strindberg seinem Protagonisten im "Totentanz" mitgegeben hat. Das kann nicht für ehemalige Mitarbeiter und Helfer von Diktaturen gelten, wie Dr. Richter oder etwa auch Dr. Külow. Hannah Arendt hätte dem Institut möglicherweise das Tragen ihres Namens untersagt. Und von Herrn Tillich weiter kein Wort zu der Causa.
Jürgen Kleindienst schreibt in lvz kultur über die derzeitigen Terrorwarnungen und Warnungen vor Hysterie. Leider ist sein Artikel nur ein weiteres Bausteinchen einer Mystifikation, die betrieben wird. Wenn Kleindienst seine Analyse gipfeln lässt in der Bemerkung, "die Debatte finde in einem seltsamen Raum zwischen Fiktion und Realität, Ahnen und Wissen statt", steckt in seinen 100 Zeilen auch nur die Gefahr, eine Spielart geistiger Rinderkrankheit zu betreiben, wie es auch die verschiedensten Talkshowformate von Will bis sonstwo tun, wenn sie eine wabernde, oft halbgare Informationsfülle zu einem Hackfleisch-Brei verrühren. Einzig angemessene Auseinandersetzung bei einem Thema wie dem Terror ist doch wohl die konsequente Analyse, ist Sachlichkeit, die ihre eigenen Quellen und Gedanken offenlegt. Und sonst schweigt. Wer gibt welche Informationen? Welche Plausibilität haben diese gegebenenfalls?
Sonst gilt über den Berichterstatter über den Terror das gleiche wie für den Terroristen selbst: "Der Terrorist besetzt das Denken, da er den Raum nicht nehmen kann", wie Kleindienst den Publizisten Franz Wördemann zitiert. Dass Kleindienst kein Freund der Hysterie ist, ist erfreulich und auch, wenn er in Ehrhardt Körtings Aufruf zur "Wachsamkeit" die Nähe zur Denunziation und zur Hysterisierung sieht. Und doch trägt ein solcher Artikel latent zur Hysterie bei, weil er auf keinen konkreten Punkt, keinen Gedanken abzielt.
In der Glosse Szähne schreibt dazu Mathias Wöbking: "Als Thomas de Maizière dazu aufforderte, trotz aller Terror-Warnungen nicht hysterisch zu werden, was dachte er wohl, wie die Medien darauf reagieren?"
Und sonst? Mark Daniel betreibt Werbung für die Kulturpaten, die in Zeiten "drohender Rückgänge öffentlicher Fördermittel" zunehmend bedeutsam würden. Das Europäische Parlament hat sich nach über 20 nationalen und internationalen Preisen, die Feo Aladags Film "Die Fremde" zum Thema Ehrenmord unterdessen erhalten hat, ebenfalls zu dessen Auszeichnung mit dem Prix Lux bequemt. Elke Vogel berichtet über eine steigende Zahl kleiner Filmfestivals, oft zu Sparten- oder Nischenthemen. Thomas Mayer schreibt über das "Genie" des Insektenforschers und Literaten Jean-Henri Fabre, dessen Gesamtausgabe der Verlag Matthes & Seitz betreibt. Britta Gürke bewundert die "Transformation" des Theaters der Royal Shakespeare Copmpany in Stratford upon Avon, das nach jahrelanger Bautätigkeit eröffnet worden ist und Schauspieler und Zuschauer stärker in Kontakt treten lassen soll. Die ukrainische Künstlerin Lada Nakonechna arbeitet derzeit an einem 100 m² großen Wandbild in der Bibliotheca Albertina, das sie ganz mittels Bleistift aufträgt, wie Hendrik Schäfer mitteilt. Ausgerechnet, dass die Kultur in Frankreich Staatsangelegenheit ist, bewahrt sie dort gerade vor massiven Kürzungen, wie es manche andere Länder betreiben, schreibt Sabine Glaubitz. Leipzig, Dresden, Deutschland: Es geht also auch anders! Und Steffen Georgi hat beim Konzert von Giant Sand in der Moritzbastei ein indianisches Rezept gegen den Biss der Klapperschlange probiert: Meskalin. Erst kotzen, dann high werden. Oder wars die Musik? Jedenfalls war er berauscht.
Donnerstag, 11. November 2010
lvz kultur vom 11.11.10: Kultur- und Sozialkürzungen, die NPD, Gesine Schwan & Alice Cooper
Der kalte Weg der Enteignung sächsischer Bürger findet bei gleichzeitig blendender Finanzlage statt. Eine Milliarde Mehreinnahmen bis 2012 sind kein Grund, auch nur ein klägliches Prozent davon zur Sicherung ihres mühsam erworbenen gesellschaftlichen Reichtums oder auch einer sozialer Infrastruktur für den Notfall einzusetzen. Die Landesregierung aus CDU und FDP bleibt dabei, die von ihren Steuern finanzierten Einrichtungen der Jugendhilfe, der großen wie kleinen Theater, Kunst- und Kulturhäuser (mit Ausnahme Dresdens), die Sozialarbeit freier und öffentlicher Träger und vieler anderer Bereiche finanziell so zu kürzen, dass viele Einrichtungen ihre Arbeit einstellen werden oder nur noch verstümmelt weiterexistieren. Der Witz ist: Die für den Weiterbetrieb notwendigen Summen stellen nur Bruchteile dessen dar, was anderswo investiert werden soll oder sogar der Summen, die für Rücklagen beiseitegelegt werden. In seinem von Zahlen untersetzten Artikel führt Sven Heitkamp diese bereits gestern erschienene Nachricht weiter aus.
Szenenwechsel. In lvz lokal berichtet Frank Döring über die binnen zweier Jahre erfolgte klammheimliche Etablierung des NPD-Büros in Leipzigs Odermannstraße 8 zu einem "Nationalen Jugendzentrum". Hier finden Freizeitveranstaltungen ebenso wie politische Bildungsveranstaltungen statt, es wird Kampfsport und andere Leibesertüchtigung betrieben, zur rechten Kultur gibt es Parties. Die Betreiber kämpfen alltäglich und beharrlich für ihr Ziel eines "nationalen Sozialismus".
In vollem Bewusstsein kürzt Dresden die Mittel für städtische oder freie Jugendzentren, in vollem Bewusstsein, den national gesinnten Undemokraten und Neonazis das Feld immer weiter zu überlassen.
Szenenwechsel II: In der Dresdner Frauenkirche kritisiert die beinahe zur Bundespräsidentin des deutschen Volkes gewählte Gesine Schwan die sächsische Staatsregierung heftig. Anlass war die Weigerung des Alternativen Kultur- und Bildungszentrums Sächsische Schweiz Akubiz, den Förderpreis für den Einsatz gegen Rechtsextremismus anzunehmen, den ihr verschiedene Stiftungen sowie die Deutsche Bank verliehen haben. Jürgen Kochinke berichtet, die Preisträger hätten eine Klausel unterschreiben sollen, keine extremistischen Gruppen zu unterstützen. Nicht nur die Akubiz fühlt sich damit von der Staatsregierung einem gegen sie gerichteten Verdacht ausgesetzt, auch die Stiftungen sehen sich durch die geforderte Erklärung zum Spielball der Politik degradiert. Die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane: "Wir fühlen uns vom Freistaat missbraucht". Dass eine abstrakte Gleichsetzung extremistischer Positionen im Alltag den Argwohn gegenüber couragierten Menschen erst schürt, nimmt die Politik der Regierung dabei in Kauf. Sie selbst ist allerdings zunehmend weniger in der Lage, für eine Atmosphäre von Respekt und Toleranz in ländlichen Gebieten Sachsens zu sorgen. Wenn Gruppen wie die Akubiz nicht auch anderswo existierten, wären wohl auch die jüngst geplanten Großdemonstrationen der NPD in Leipzig nicht so glimpflich abgelaufen.
Das Verständnis der CDU/FDP-Landesregierung von politischer und kultureller Bildung, das sich in den Meldungen, die allesamt der lvz von heute entnommen sind, darstellt, beginnt, bedrohlich zu werden für die Menschen Sachsens.
Die lvz kultur in Person von Jürgen Kleindienst befasst sich stattdessen mit Alice Coopers Auftritt in der Arena Leipzig und dessen seit 40 Jahren zum besten gegebenen Hits wie "School's Out" und freut sich an der "Parodie eines Rockkonzerts, als Dekonstruktion des Star-Gehabes, ja, des ganzen Geschäfts an sich". Gute Show - schwache Songs - eine Stimme, die Knochen zersägt! So lautet Kleindiensts Resümee von Coopers "Theatre of Death", das den lvz redakteur augenscheinlich eher an Kinderkarneval erinnerte.
Angesichts des Wagnerjahres 2013 wird an der Oper Halle repräsentativ an einem Ring gefeilt; den ersten Teil, Wagners "Rheingold", hat Boris Michael Gruhl gesehen. Hans-Günther Heyme, ein Politaltstar unter den bundesrepublikanischen Regisseuren, ließ die Zuschauer sich teils wie auf einer "Operettenbühne bei Offenbach" vorkommen, "dann wieder in den Fantasiewelten des Comic und der Manga". Gruhl lobte, "eine solche Art des Musiktheaters mit deutlichen Bezügen zu besten Traditionen des Volkstheaters könnte Menschen den Zugang eröffnen, für die bisher Wagner, der Ring besonders, als 'schwere Musik' gilt."
Weiter berichtet lvz kultur über Werke von Claudia Annette Maier und Alexandra Gruhl in der Galerie Post; die Verleihung des mit 10.000 € dotierten Studienpreis des Freundeskreises der HGB an Paul Spehr, Lydia Sachse und Timo Hinze; den angesichts knapper Gelder wiederaufflammenden Disput zwischen Falk "Freie Szene" Elstermann und Leipzigs Kulturamtschefin Susanne Kucharski-Huniat; die Drohung des LINKEN-Chefs Volker Külow gegenüber OBM Burkhard Jung ("Das soll keine Drohung sein"); eine peinliche Geschichte für CDU-MdB Thomas Feist, der augenscheinlich eine von ihm nur geringfügig abgewandelte Idee des Künstlers Tiko Karrasch für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal als seine ausgegeben hat; und die Stimme der GRÜNEN, angesichts der Haushaltslage keine Gelder für Prestigeobjekte wie Kongresshalle, Zoo-Parkhaus oder Lindenauer Hafen auszugeben.
Szenenwechsel. In lvz lokal berichtet Frank Döring über die binnen zweier Jahre erfolgte klammheimliche Etablierung des NPD-Büros in Leipzigs Odermannstraße 8 zu einem "Nationalen Jugendzentrum". Hier finden Freizeitveranstaltungen ebenso wie politische Bildungsveranstaltungen statt, es wird Kampfsport und andere Leibesertüchtigung betrieben, zur rechten Kultur gibt es Parties. Die Betreiber kämpfen alltäglich und beharrlich für ihr Ziel eines "nationalen Sozialismus".
In vollem Bewusstsein kürzt Dresden die Mittel für städtische oder freie Jugendzentren, in vollem Bewusstsein, den national gesinnten Undemokraten und Neonazis das Feld immer weiter zu überlassen.
Szenenwechsel II: In der Dresdner Frauenkirche kritisiert die beinahe zur Bundespräsidentin des deutschen Volkes gewählte Gesine Schwan die sächsische Staatsregierung heftig. Anlass war die Weigerung des Alternativen Kultur- und Bildungszentrums Sächsische Schweiz Akubiz, den Förderpreis für den Einsatz gegen Rechtsextremismus anzunehmen, den ihr verschiedene Stiftungen sowie die Deutsche Bank verliehen haben. Jürgen Kochinke berichtet, die Preisträger hätten eine Klausel unterschreiben sollen, keine extremistischen Gruppen zu unterstützen. Nicht nur die Akubiz fühlt sich damit von der Staatsregierung einem gegen sie gerichteten Verdacht ausgesetzt, auch die Stiftungen sehen sich durch die geforderte Erklärung zum Spielball der Politik degradiert. Die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane: "Wir fühlen uns vom Freistaat missbraucht". Dass eine abstrakte Gleichsetzung extremistischer Positionen im Alltag den Argwohn gegenüber couragierten Menschen erst schürt, nimmt die Politik der Regierung dabei in Kauf. Sie selbst ist allerdings zunehmend weniger in der Lage, für eine Atmosphäre von Respekt und Toleranz in ländlichen Gebieten Sachsens zu sorgen. Wenn Gruppen wie die Akubiz nicht auch anderswo existierten, wären wohl auch die jüngst geplanten Großdemonstrationen der NPD in Leipzig nicht so glimpflich abgelaufen.
Das Verständnis der CDU/FDP-Landesregierung von politischer und kultureller Bildung, das sich in den Meldungen, die allesamt der lvz von heute entnommen sind, darstellt, beginnt, bedrohlich zu werden für die Menschen Sachsens.
Die lvz kultur in Person von Jürgen Kleindienst befasst sich stattdessen mit Alice Coopers Auftritt in der Arena Leipzig und dessen seit 40 Jahren zum besten gegebenen Hits wie "School's Out" und freut sich an der "Parodie eines Rockkonzerts, als Dekonstruktion des Star-Gehabes, ja, des ganzen Geschäfts an sich". Gute Show - schwache Songs - eine Stimme, die Knochen zersägt! So lautet Kleindiensts Resümee von Coopers "Theatre of Death", das den lvz redakteur augenscheinlich eher an Kinderkarneval erinnerte.
Angesichts des Wagnerjahres 2013 wird an der Oper Halle repräsentativ an einem Ring gefeilt; den ersten Teil, Wagners "Rheingold", hat Boris Michael Gruhl gesehen. Hans-Günther Heyme, ein Politaltstar unter den bundesrepublikanischen Regisseuren, ließ die Zuschauer sich teils wie auf einer "Operettenbühne bei Offenbach" vorkommen, "dann wieder in den Fantasiewelten des Comic und der Manga". Gruhl lobte, "eine solche Art des Musiktheaters mit deutlichen Bezügen zu besten Traditionen des Volkstheaters könnte Menschen den Zugang eröffnen, für die bisher Wagner, der Ring besonders, als 'schwere Musik' gilt."
Weiter berichtet lvz kultur über Werke von Claudia Annette Maier und Alexandra Gruhl in der Galerie Post; die Verleihung des mit 10.000 € dotierten Studienpreis des Freundeskreises der HGB an Paul Spehr, Lydia Sachse und Timo Hinze; den angesichts knapper Gelder wiederaufflammenden Disput zwischen Falk "Freie Szene" Elstermann und Leipzigs Kulturamtschefin Susanne Kucharski-Huniat; die Drohung des LINKEN-Chefs Volker Külow gegenüber OBM Burkhard Jung ("Das soll keine Drohung sein"); eine peinliche Geschichte für CDU-MdB Thomas Feist, der augenscheinlich eine von ihm nur geringfügig abgewandelte Idee des Künstlers Tiko Karrasch für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal als seine ausgegeben hat; und die Stimme der GRÜNEN, angesichts der Haushaltslage keine Gelder für Prestigeobjekte wie Kongresshalle, Zoo-Parkhaus oder Lindenauer Hafen auszugeben.
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Samstag, 6. November 2010
lvz kultur vom 6.11.10: Alice Cooper, von Schorlemer, Grimaud & Philipp Neumann
Im Reigen der zehn großen Rocksängerlein gibt sich heute auch Alice Cooper in der Arena Leipzig die Ehre. Claudia Nitsche sprach mit der Legende der Siebziger und Achziger Jahre und heutigen Saturn-Werbeikone Dass hinter der schillernden Fassade von Mr. Hyde ein Dr. Jekyll steckt, ein braver Sonntagskirchgänger und seit 35 Jahren verheirateter, seine Kinder liebende Ehemann, mag erstaunen, wenn man es nicht längst wusste oder wenigstens ahnte. Auch hinter den großen des Showbusiness steckt selbstverständlich die Kunst der (Eigen-)Inszenierung. Inmitten der vielen Rockheroen seiner Zeit, von Mick Jagger, Paul Mac Cartney bis Bowie, besetzte der clevere Schauspieler die Rolle des Dracula des Rock n'Roll und füllte sie lustvoll bis heute. Für den privat unspektakulären Geniesser gehörten „Horror und Humor“ schon immer zusammen. Im Gegensatz zu den vielen Eintagsfliegen, für die die Paarung eher andersherum gilt.
Freifrau von Schorlemer, sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, lässt die Katze aus dem Sack. Die Landesbühnen Sachsen werden von einer landeseigenen Einrichtung in eine gGmbH umgewandelt, an der sich (Abstecher-)Kommunen und Kreise beteiligen können oder besser sollen, allen voran die Sitzgemeinde Radebeul. Alle Beteiligten kamen bisher recht kostengünstig und ohne Verpflichtungen in den Genuss des breiten Kulturangebots der LBS. Ob die infragekommenden Städte und Kreise das Geld aufbringen wollen (oder können), bleibt allerdings vollkommen offen. Bei der chronischen Unterfinanzierung der Kommunen sollte man nicht gerade optimistisch sein. Und ob das Konstrukt, Geld, das bisher an die acht Kulturräume verteilt worden ist, diesen rechtmäßig vorenthalten werden kann zugunsten einer klar definierten, regional begrenzten Gesellschafterversammlung, ist mit dem jüngsten Rechtsgutachten von Prof. Ossenbühl ohnehin die Frage. Auch wenn das Land die Summe, die den Räumen genommen werden soll, auf 3 Mio € reduzieren will. Zumal auch der Kulturrat, der an der Verteilung der Gelder innerhalb der Kulturräume mitzuwirken hat, vom Freistaat nicht mit einbezogen wurde. Konsequent bliebe nach wie vor, die zwei oder drei infragekommenden Kulturräume mit mehr Geld auszustatten, um die Umwidmung der LBS zu ermöglichen.
In einer wieder einmal wundervollen Glosse von Jürgen Kleindienst begeht der lvz redakteur den nur als Hofnarr der Mächtigen erlaubten Frevel, eine Preisverleihung in Worten größter Empörung an den Pranger der Öffentlichkeit zu stellen. Gudrun Krämer, eine schon durch ihr Geburtsjahr im Verdacht einer „multikulti-verblendeten Jung-68erin ohne jeden Bezug zur Lebensrealität“ des Bildzeitung lesenden Deutschlands stehenden Institutsprofessorin, ist sicher längst im Visier des BND. Erdreistet sich die Wissenschaftlerin doch einer „ganz besonders raffinierten Form der Verharmlosung islamistischer Bedrohung“. Sie will partout über Inhalte integrationsfördernder Umstände reden. Und wird dafür sogar ausgezeichnet. Und mit 100.000 € versehen. Wie sagt Kleindienst: „Nicht zu fassen!“
Der Meister des journalistischen double-bind, Peter Korfmacher, schreibt über ein Aufsehen erregendes Großes Concert im Gewandhaus. Beethovens fünftes Klavierkonzert, diese „Rebellion in Tönen“, wurde gegeben, unter der Leitung von Roger Norrington, mit Hélène Grimaud am Flügel. Korfmacher spricht von „Verlusten“ und davon, wie „schwer“ sich die beiden Protagonisten tun, die „Akkordschläge des Kopfsatzes übereinander“ zu bringen. Zu unterschiedlich ihre Interpretationsansätze. Zuspitzung (Grimaud) contra Ausgleich (Norrington). Andererseits vermag der „allumfassende Anspruch“ dieses Beethoven-Konzerts gerade dadurch „hörbar“ werden, dass „man nicht versucht, die Widersprüche in philharmonische Verbindlichkeit aufzulösen“. Auch Korfmacher ist Virtuose in der Kunst, einerseits und andererseits, Zuspitzung und Ausgleich gleichermaßen anzubieten, für jeden das, was er hören oder lesen mag.
Nina May hat noch einen kurzen eineinhalbstündigen Abend in der Schaubühne Lindenfels verbracht. Philipp J. Neumanns Instinkt-Tanz-Theater „Prophezeiung 20/11“ fand als Eigenproduktion der euro-scene Leipzig statt, doch „was zu Beginn noch wohligen Schauer auslöst, lässt bald kalt“. Der Abend verbleibt im „Experiment-Charakter“ und zeigt abgesehen von spannungsvollen Objektinstallationen von Hagen Tilp eher ein „verwirrtes Getaumel der Tänzer“, die sich zunehmend hin zum Animalischen entwickeln, bevor die Tiermenschen durch eine Herde echter Schafe abgelöst und sich von einem artifiziellen Gebilde ins Bockshorn jagen lassen. So wie die Zuschauer, die „Schafsleckerlis“ und später müden Applaus spenden dürfen.
Freifrau von Schorlemer, sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, lässt die Katze aus dem Sack. Die Landesbühnen Sachsen werden von einer landeseigenen Einrichtung in eine gGmbH umgewandelt, an der sich (Abstecher-)Kommunen und Kreise beteiligen können oder besser sollen, allen voran die Sitzgemeinde Radebeul. Alle Beteiligten kamen bisher recht kostengünstig und ohne Verpflichtungen in den Genuss des breiten Kulturangebots der LBS. Ob die infragekommenden Städte und Kreise das Geld aufbringen wollen (oder können), bleibt allerdings vollkommen offen. Bei der chronischen Unterfinanzierung der Kommunen sollte man nicht gerade optimistisch sein. Und ob das Konstrukt, Geld, das bisher an die acht Kulturräume verteilt worden ist, diesen rechtmäßig vorenthalten werden kann zugunsten einer klar definierten, regional begrenzten Gesellschafterversammlung, ist mit dem jüngsten Rechtsgutachten von Prof. Ossenbühl ohnehin die Frage. Auch wenn das Land die Summe, die den Räumen genommen werden soll, auf 3 Mio € reduzieren will. Zumal auch der Kulturrat, der an der Verteilung der Gelder innerhalb der Kulturräume mitzuwirken hat, vom Freistaat nicht mit einbezogen wurde. Konsequent bliebe nach wie vor, die zwei oder drei infragekommenden Kulturräume mit mehr Geld auszustatten, um die Umwidmung der LBS zu ermöglichen.
In einer wieder einmal wundervollen Glosse von Jürgen Kleindienst begeht der lvz redakteur den nur als Hofnarr der Mächtigen erlaubten Frevel, eine Preisverleihung in Worten größter Empörung an den Pranger der Öffentlichkeit zu stellen. Gudrun Krämer, eine schon durch ihr Geburtsjahr im Verdacht einer „multikulti-verblendeten Jung-68erin ohne jeden Bezug zur Lebensrealität“ des Bildzeitung lesenden Deutschlands stehenden Institutsprofessorin, ist sicher längst im Visier des BND. Erdreistet sich die Wissenschaftlerin doch einer „ganz besonders raffinierten Form der Verharmlosung islamistischer Bedrohung“. Sie will partout über Inhalte integrationsfördernder Umstände reden. Und wird dafür sogar ausgezeichnet. Und mit 100.000 € versehen. Wie sagt Kleindienst: „Nicht zu fassen!“
Der Meister des journalistischen double-bind, Peter Korfmacher, schreibt über ein Aufsehen erregendes Großes Concert im Gewandhaus. Beethovens fünftes Klavierkonzert, diese „Rebellion in Tönen“, wurde gegeben, unter der Leitung von Roger Norrington, mit Hélène Grimaud am Flügel. Korfmacher spricht von „Verlusten“ und davon, wie „schwer“ sich die beiden Protagonisten tun, die „Akkordschläge des Kopfsatzes übereinander“ zu bringen. Zu unterschiedlich ihre Interpretationsansätze. Zuspitzung (Grimaud) contra Ausgleich (Norrington). Andererseits vermag der „allumfassende Anspruch“ dieses Beethoven-Konzerts gerade dadurch „hörbar“ werden, dass „man nicht versucht, die Widersprüche in philharmonische Verbindlichkeit aufzulösen“. Auch Korfmacher ist Virtuose in der Kunst, einerseits und andererseits, Zuspitzung und Ausgleich gleichermaßen anzubieten, für jeden das, was er hören oder lesen mag.
Nina May hat noch einen kurzen eineinhalbstündigen Abend in der Schaubühne Lindenfels verbracht. Philipp J. Neumanns Instinkt-Tanz-Theater „Prophezeiung 20/11“ fand als Eigenproduktion der euro-scene Leipzig statt, doch „was zu Beginn noch wohligen Schauer auslöst, lässt bald kalt“. Der Abend verbleibt im „Experiment-Charakter“ und zeigt abgesehen von spannungsvollen Objektinstallationen von Hagen Tilp eher ein „verwirrtes Getaumel der Tänzer“, die sich zunehmend hin zum Animalischen entwickeln, bevor die Tiermenschen durch eine Herde echter Schafe abgelöst und sich von einem artifiziellen Gebilde ins Bockshorn jagen lassen. So wie die Zuschauer, die „Schafsleckerlis“ und später müden Applaus spenden dürfen.
Freitag, 5. November 2010
lvz kultur vom 5.11.10: Dieter Wonka, Guido Knopp, Bekim Lumi & Bernhard Schlink
Einer der wenigen großen Pluspunkte der lvz ist Dieter Wonka. Ein klug analysierender, erfahrener Journalist, dessen Artikel die grundlegenden, die einfachen und deshalb manchmal so schwer zu erkennenden Dinge bemerken und zur Grundlage seiner Interviews, Reportagen und Leitartikel machen. Und es macht Spaß, ihn zu lesen (Wie übrigens seine Nachfolgerin(?), Maja Zehrt, schon jetzt). Heute verblüfft sein Leitartikel "Schuldenabbau für gerechte Steuerpolitik" durch journalistisch formulierte Weisheit. Wonkas These: "Wem nützt das Mantra der Steuersenkung wirklich?". Wonka befindet souverän, "es stimmt etwas nicht, wenn bei jeder Krise die Kommunen finanziell abstürzen. Am Ort entsteht die Bindung an das Gemeinwesen." Wenn die kommunalen Leistungen immer geringer werden, "überfordert das jede Bürgergesellschaft". Einfacher und konkreter kann man es nicht ausdrücken. Das sollte eigentlich jeden professionell oder ehrenamtlich tätigen Politiker überzeugen.
Ein Interview mit Deutschlands Fernsehhistoriker Nummer Eins, Guido Knopp. Jochen Overbeck ist Gesprächspartner. Wie ein Politiker antwortet Knopp auf die Frage, warum er sich in "Die Deutschen II" nicht der Geschichte nach 1933 widmet. Knopp: "Wenn man eine große Geschichte der Deutschen erzählen möchte, darf man sich Themen wie Karl der Große, Hildegard von Bingen oder Friedrich II. nicht entgehen lassen." Hallo? Ist die "große Geschichte" gesetzt? Um welchen Preis? Weil die neueste deutsche Geschichte nicht identifikationsträchtig ist? Warum will man Geschichte auf den Punkt des "großen" hin erzählen? Neues Opium für das Volk? Etwas später sagt Knopp, "dass es in Deutschland ein wachsendes Bedürfnis nach nationaler Identität gibt". Knopp analysiert es nicht, er bedient es, dieses Bedürfnis. Und damit bekennt er sich als politisch unzulässiger Zeitgenosse, der Strömungen bis hin zum rückwärtsgewandten Patriotismus schürt. Dass er die "Wiedervereinigung als Happy-End" begreifen möchte, mag für einen Pubertierenden o.k. sein. Für einen Historiker nicht. "Das dunkle Haus der Nazizeit versperrte vieles" lautet seine Kritik am Zeitgeist der 80er. Leider ähnelt Knopp darin eher der volkspädagogisch gedachten, überheblichen und paternalen Leitbildidee einer verschmiemelten Elite, die manche Seiten der deutschen Geschichte verdrängt und das Nationale als Ersatzreligion der vereinigten "Stämme" Deutschlands betrachtet. Guido Knopp: Schon mal was von Europa gehört?
Jürgen Kleindienst komponiert in "ausgepresst" eine Abschiedssinfonie auf die im Weg herum stehenden Kulturbetriebe, deren "quasi-religiöse Verehrung" einer nüchtern-praktischen Abwicklung im Wege stünden. Er befindet, die Verliebtheit in "ästhetisch-kulturelle Bildung" und deren unumgänglicher kultureller Niedergang habe bereits eine Zwangsneurose herausgebildet, die garnicht mehr wahrnehmen möchte, dass die vielen Millionen Steuermehreinnahmen eine Blüte derselben herufen könnte, sofern man sie denn wirklich wollte. Aber wer denkt das denn jenseits des festgefügten Klagelamentos?
Die Leipziger School of Design gehört zu den interessantesten Neugründungen der Leipziger Kreativszene. Hier werden Bewerber für Designstudiengänge auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet und bereits in den Basisfächern ausgebildet. Nun lädt die Schule zu einer Ausstellung namens "Polygraph B", in der 13 Künstler ein breites Spektrum präsentieren, von Videokunst über Illustration, Malerei bis Grafik und Fotografie. Hendrik Schäfer stellt einige genauer vor, Ort der Ausstellung ist der ehemalige VEB Polygraph in Leipzig Plagwitz.
Im Rahmen der euro-scene führt Regisseur Bekim Lumi vom Nationaltheater Kosova im LOFFT die Inszenierung "Paar Martin" auf Grundlage des Stücks "Die kahle Sängerin" von Ionesco auf. In einem langen Interview mit Nina May erhebt der musikliebende Lumi selbstbewusst eine Art Avantgardefunktion für das Theater des Kosovo. Als Asylbewerber in München musste er insbesondere mit der Herablassung der Menschen klarkommen, die ihm jegliche Erfahrungen und Kenntnisse absprechen wollten. Schlimmer noch war das Image der Albaner als Drogenhändler und Diebe. Lumis Theaterbegriff dreht sich um das Authentische. "Theater ist Atem und Blut". Die Menschen "sollen das Theater in sich finden."
Michael Hametner moderiert im Haus des Buches eine Lesung von Bernhard Schlink. Dort liest er aus der Erzählung "Das Haus im Wald". Hametner, der Schlink als "der mit Vergangenheit beladenste deutsche Autor" vorstellt, beteiligt sich mit dieser Etikettierung an einer Voreingenommenheit des Publikums, der Schlink mit Zurückhaltung und ohne Prätension begegnet. Hametner lenkt im Nachgespräch auch weiter die Einordnung des Publikums, indem er den "Wissenschaftler" vom "Schriftsteller" trennen möchte. Der Autor und Jurist ("Der Vorleser") unterläuft diese Kategorien, indem er fragt, "warum sollen Gestalten in Büchern klarer und eindeutiger sein als im Leben?" Steffen Georgi bemerkt, dass sich Schlink mit dieser Gegenfrage nicht nur der Etikettierung seiner Texte entziehe, sondern auch deren Interpretation.
Ein Interview mit Deutschlands Fernsehhistoriker Nummer Eins, Guido Knopp. Jochen Overbeck ist Gesprächspartner. Wie ein Politiker antwortet Knopp auf die Frage, warum er sich in "Die Deutschen II" nicht der Geschichte nach 1933 widmet. Knopp: "Wenn man eine große Geschichte der Deutschen erzählen möchte, darf man sich Themen wie Karl der Große, Hildegard von Bingen oder Friedrich II. nicht entgehen lassen." Hallo? Ist die "große Geschichte" gesetzt? Um welchen Preis? Weil die neueste deutsche Geschichte nicht identifikationsträchtig ist? Warum will man Geschichte auf den Punkt des "großen" hin erzählen? Neues Opium für das Volk? Etwas später sagt Knopp, "dass es in Deutschland ein wachsendes Bedürfnis nach nationaler Identität gibt". Knopp analysiert es nicht, er bedient es, dieses Bedürfnis. Und damit bekennt er sich als politisch unzulässiger Zeitgenosse, der Strömungen bis hin zum rückwärtsgewandten Patriotismus schürt. Dass er die "Wiedervereinigung als Happy-End" begreifen möchte, mag für einen Pubertierenden o.k. sein. Für einen Historiker nicht. "Das dunkle Haus der Nazizeit versperrte vieles" lautet seine Kritik am Zeitgeist der 80er. Leider ähnelt Knopp darin eher der volkspädagogisch gedachten, überheblichen und paternalen Leitbildidee einer verschmiemelten Elite, die manche Seiten der deutschen Geschichte verdrängt und das Nationale als Ersatzreligion der vereinigten "Stämme" Deutschlands betrachtet. Guido Knopp: Schon mal was von Europa gehört?
Jürgen Kleindienst komponiert in "ausgepresst" eine Abschiedssinfonie auf die im Weg herum stehenden Kulturbetriebe, deren "quasi-religiöse Verehrung" einer nüchtern-praktischen Abwicklung im Wege stünden. Er befindet, die Verliebtheit in "ästhetisch-kulturelle Bildung" und deren unumgänglicher kultureller Niedergang habe bereits eine Zwangsneurose herausgebildet, die garnicht mehr wahrnehmen möchte, dass die vielen Millionen Steuermehreinnahmen eine Blüte derselben herufen könnte, sofern man sie denn wirklich wollte. Aber wer denkt das denn jenseits des festgefügten Klagelamentos?
Die Leipziger School of Design gehört zu den interessantesten Neugründungen der Leipziger Kreativszene. Hier werden Bewerber für Designstudiengänge auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet und bereits in den Basisfächern ausgebildet. Nun lädt die Schule zu einer Ausstellung namens "Polygraph B", in der 13 Künstler ein breites Spektrum präsentieren, von Videokunst über Illustration, Malerei bis Grafik und Fotografie. Hendrik Schäfer stellt einige genauer vor, Ort der Ausstellung ist der ehemalige VEB Polygraph in Leipzig Plagwitz.
Im Rahmen der euro-scene führt Regisseur Bekim Lumi vom Nationaltheater Kosova im LOFFT die Inszenierung "Paar Martin" auf Grundlage des Stücks "Die kahle Sängerin" von Ionesco auf. In einem langen Interview mit Nina May erhebt der musikliebende Lumi selbstbewusst eine Art Avantgardefunktion für das Theater des Kosovo. Als Asylbewerber in München musste er insbesondere mit der Herablassung der Menschen klarkommen, die ihm jegliche Erfahrungen und Kenntnisse absprechen wollten. Schlimmer noch war das Image der Albaner als Drogenhändler und Diebe. Lumis Theaterbegriff dreht sich um das Authentische. "Theater ist Atem und Blut". Die Menschen "sollen das Theater in sich finden."
Michael Hametner moderiert im Haus des Buches eine Lesung von Bernhard Schlink. Dort liest er aus der Erzählung "Das Haus im Wald". Hametner, der Schlink als "der mit Vergangenheit beladenste deutsche Autor" vorstellt, beteiligt sich mit dieser Etikettierung an einer Voreingenommenheit des Publikums, der Schlink mit Zurückhaltung und ohne Prätension begegnet. Hametner lenkt im Nachgespräch auch weiter die Einordnung des Publikums, indem er den "Wissenschaftler" vom "Schriftsteller" trennen möchte. Der Autor und Jurist ("Der Vorleser") unterläuft diese Kategorien, indem er fragt, "warum sollen Gestalten in Büchern klarer und eindeutiger sein als im Leben?" Steffen Georgi bemerkt, dass sich Schlink mit dieser Gegenfrage nicht nur der Etikettierung seiner Texte entziehe, sondern auch deren Interpretation.
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Guido Knopp,
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Donnerstag, 4. November 2010
lvz kultur vom 4.11.10: Landtag, Kulturräume, Philipp Neumann & Mendelssohn
12-13.000 Teilnehmer meldet die anwesende Polizei, 10.000 die lvz. Der Protestmarsch und die anschließende Kundgebung vor dem Dresdner Landtag war so vielfältig und kraftvoll, dass überall Staunen angesagt war. Ob das schicke Mobiliar des Landtages, die Anzugträger, die im durchsichtigen Fahrstuhl hoch und runter fuhren oder hinter der Glasfassade vorsichtig einen Blick riskierten, außer coolem Äußeren und augenscheinlichem Respekt etwas verstanden haben, bleibt offen.
Jürgen Kochinke macht für die lvz aus allem eine launige Bratwurst- und Studentendemoberichterstattung, bemerkt laute Musik und Trillerpfeifen, versucht, die Kundgebung als etwas minderbemittelte Verbandsegoisten erscheinen zu lassen. Ernst und Entschlossenheit, Argumente und Originalität, Emotionalität und Radikalität, Vielfalt und Größe der Kundgebung bleiben bestenfalls Folklore in der Berichterstattung. Dafür, dass die lvz journalistisch kaum jemand ernst nimmt, sorgt sie schon selbst.
Doch auch innerhalb des Landtags gab es viele Stimmen zu den vorsichtigen Rückzugsgefechten der CDU/FDP-Regierung und Änderungen am angekündigten Kürzungskurs. Sven Heitkamp berichtet, dass Linke, Grüne, aber auch SPD die Korrekturen am Sparkurs - 40 Mio € mehr bei Milliardeneinsparungen - für Makulatur halten. Geändert werden sollen Kleinigkeiten. Antje Hermenau: "Die sozialen Grausamkeiten bleiben - offenkundig aus ideologischen Gründen." Es ist erstaunlich. Die politische Klasse verficht weiter einen knallharten neoliberalen Sparkurs, der die Rolle des gestaltenden Staates immer weiter reduziert. Änderungen werden nach Klassenzugehörigkeit schnell (Freie Schulen und Musikschulen) oder weniger schnell bzw. deutlich (Kulturräume) angekündigt. Soziales und Jugend, Kommunen und die Kultur jenseits der Leuchttürme werden größtenteils - und bewusst - übergangen. Leipzigs Unirektor Franz Häuser ist es vorbehalten, die bildungspolitischen Kürzungen in den Zusammenhang einer "Lehre und Forschung nach wirtschaftsnahen Gesichtspunkten" zu stellen. Da sind die Finanzen vorgeschobene Argumente für die politischen Inhalte. Nicht nur dort.
Die Reaktionen auf die angekündigten Ein-klein-wenig-weniger-Einsparungen sind bei Leipzigs Kulturchefs dementsprechend, so Jürgen Kleindienst. Die Hälfte von falsch ist weiter falsch, und nicht halb falsch. Gewandhausdirektor Andreas Schulz sagt klar, "Für uns gibt es keinen Kompromiss, sondern nur ein Ziel, nämlich, dass die Einsparungen auf Null gestellt werden." Zudem sei die Sparvorgabe weiterhin "nicht verfassungskonform", wie ein Rechtsgutachten im Auftrag von Oper, Schauspiel und Gewandhaus ergab. Nur die Politik knickt vorsichtig ein: OBM Jung spricht von "Bewegung in die richtige Richtung", Kulturdezernent Faber will auf der Grundlage der Ankündigungen bereits "vernünftige Politik machen". Auch wenn Politik in der Regel aus Kompromissen besteht, hier sind sie falsch. Dresdens Regierung wartet nur auf solche butterweichen Statements.
Was sagen eigentlich die Leipziger CDU und FDP-Landtagsabgeordneten dazu?
Klaus Stäubert berichtet im Lokalen über einen überraschenden Meinungswandel bei Dezernent Michael Faber. Er will das Naturkundemuseum nun doch offensiver erhalten als bisher. "Es geht um die Wiedereröffnung des Museums mit einer neuen Konzeption an einem voraussichtlich neuen Standort bis 2014".
Einen Vorbericht mit etwas wirren Statements ihres Gesprächspartners hat Nina May über die Eigenproduktion der euro-scene "Prophezeiung 20/11" geschrieben. Vielleicht erscheint ja in der gedruckten Ausgabe doch eine Kritik der Aufführung, ähnlich wie im Gegensatz zur Onlineausgabe in der gestern gedruckten Ausgabe der lvz eine kritische Würdigung des Alain-Olatel-Abends enthalten war. Regisseur Philipp J. Neumann machte also ein Stück über die Prophezeiung eines indischen Mönchs, die besagt, dass Mensch und Tier einander ebenbürtig sein werden. Sein Ziel seiner Arbeit sei, "auf hohem Niveau zu unterhalten". Das hat er leider nicht getan. Mehr als freundlicher Applaus war gestern nicht drin. Neumann ahnte das schon. Wahrscheinlich empfand er nicht nur das Stück als "ziemlich beunruhigend", sondern auch seine eigene Inszenierung.
Des weiteren darf Peter Korfmacher den Ankauf eines Briefes und mancher Erstdrucke aus Felix Mendelssohns Feder loben. Für 10.000 € seien die erworbenen Stücke ein Schnäppchen. Und das Mendelssohn-Haus auf dem Weg vom Museum zu einer Forschungseinrichtung. Bereits jetzt lasse sich schon sagen, dass der Leipziger Komponist in ganz Europa äußerst gut "vernetzt" gewesen sei, weitere brisante Ergebnisse seien zu erwarten, wenn die Widmungen auf den Erstdrucken wissenschaftlich untersucht würden..
Jürgen Kochinke macht für die lvz aus allem eine launige Bratwurst- und Studentendemoberichterstattung, bemerkt laute Musik und Trillerpfeifen, versucht, die Kundgebung als etwas minderbemittelte Verbandsegoisten erscheinen zu lassen. Ernst und Entschlossenheit, Argumente und Originalität, Emotionalität und Radikalität, Vielfalt und Größe der Kundgebung bleiben bestenfalls Folklore in der Berichterstattung. Dafür, dass die lvz journalistisch kaum jemand ernst nimmt, sorgt sie schon selbst.
Doch auch innerhalb des Landtags gab es viele Stimmen zu den vorsichtigen Rückzugsgefechten der CDU/FDP-Regierung und Änderungen am angekündigten Kürzungskurs. Sven Heitkamp berichtet, dass Linke, Grüne, aber auch SPD die Korrekturen am Sparkurs - 40 Mio € mehr bei Milliardeneinsparungen - für Makulatur halten. Geändert werden sollen Kleinigkeiten. Antje Hermenau: "Die sozialen Grausamkeiten bleiben - offenkundig aus ideologischen Gründen." Es ist erstaunlich. Die politische Klasse verficht weiter einen knallharten neoliberalen Sparkurs, der die Rolle des gestaltenden Staates immer weiter reduziert. Änderungen werden nach Klassenzugehörigkeit schnell (Freie Schulen und Musikschulen) oder weniger schnell bzw. deutlich (Kulturräume) angekündigt. Soziales und Jugend, Kommunen und die Kultur jenseits der Leuchttürme werden größtenteils - und bewusst - übergangen. Leipzigs Unirektor Franz Häuser ist es vorbehalten, die bildungspolitischen Kürzungen in den Zusammenhang einer "Lehre und Forschung nach wirtschaftsnahen Gesichtspunkten" zu stellen. Da sind die Finanzen vorgeschobene Argumente für die politischen Inhalte. Nicht nur dort.
Die Reaktionen auf die angekündigten Ein-klein-wenig-weniger-Einsparungen sind bei Leipzigs Kulturchefs dementsprechend, so Jürgen Kleindienst. Die Hälfte von falsch ist weiter falsch, und nicht halb falsch. Gewandhausdirektor Andreas Schulz sagt klar, "Für uns gibt es keinen Kompromiss, sondern nur ein Ziel, nämlich, dass die Einsparungen auf Null gestellt werden." Zudem sei die Sparvorgabe weiterhin "nicht verfassungskonform", wie ein Rechtsgutachten im Auftrag von Oper, Schauspiel und Gewandhaus ergab. Nur die Politik knickt vorsichtig ein: OBM Jung spricht von "Bewegung in die richtige Richtung", Kulturdezernent Faber will auf der Grundlage der Ankündigungen bereits "vernünftige Politik machen". Auch wenn Politik in der Regel aus Kompromissen besteht, hier sind sie falsch. Dresdens Regierung wartet nur auf solche butterweichen Statements.
Was sagen eigentlich die Leipziger CDU und FDP-Landtagsabgeordneten dazu?
Klaus Stäubert berichtet im Lokalen über einen überraschenden Meinungswandel bei Dezernent Michael Faber. Er will das Naturkundemuseum nun doch offensiver erhalten als bisher. "Es geht um die Wiedereröffnung des Museums mit einer neuen Konzeption an einem voraussichtlich neuen Standort bis 2014".
Einen Vorbericht mit etwas wirren Statements ihres Gesprächspartners hat Nina May über die Eigenproduktion der euro-scene "Prophezeiung 20/11" geschrieben. Vielleicht erscheint ja in der gedruckten Ausgabe doch eine Kritik der Aufführung, ähnlich wie im Gegensatz zur Onlineausgabe in der gestern gedruckten Ausgabe der lvz eine kritische Würdigung des Alain-Olatel-Abends enthalten war. Regisseur Philipp J. Neumann machte also ein Stück über die Prophezeiung eines indischen Mönchs, die besagt, dass Mensch und Tier einander ebenbürtig sein werden. Sein Ziel seiner Arbeit sei, "auf hohem Niveau zu unterhalten". Das hat er leider nicht getan. Mehr als freundlicher Applaus war gestern nicht drin. Neumann ahnte das schon. Wahrscheinlich empfand er nicht nur das Stück als "ziemlich beunruhigend", sondern auch seine eigene Inszenierung.
Des weiteren darf Peter Korfmacher den Ankauf eines Briefes und mancher Erstdrucke aus Felix Mendelssohns Feder loben. Für 10.000 € seien die erworbenen Stücke ein Schnäppchen. Und das Mendelssohn-Haus auf dem Weg vom Museum zu einer Forschungseinrichtung. Bereits jetzt lasse sich schon sagen, dass der Leipziger Komponist in ganz Europa äußerst gut "vernetzt" gewesen sei, weitere brisante Ergebnisse seien zu erwarten, wenn die Widmungen auf den Erstdrucken wissenschaftlich untersucht würden..
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Freitag, 22. Oktober 2010
lvz kultur vom 22.10.10: Müller-Westernhagen, Musikschule Leipzig, Thalia 21 & Dokfilme
Hallo? lvz redaktion? Alzheimer? Kurzzeitgedächtnis futsch? Der Artikel zu Marius Müller-Westerhagens Arena-Auftritt erscheint zum zweiten Mal auf der Kulturseite? Oder veröffentlicht die lvz solange, bis ich einen Artikel auch wirklich drannehme? Ich gebs zu, gestern war ich nicht so ganz da. Obwohl, wäre es nach ihm gegangen, hätte Jürgen Kleindienst den willenlosen MMW nach Ende des Konzerts am liebsten im Altersheim abgesetzt. aber er ist ja nicht der Pfleger, sondern nur der Redakteur und so dichtet er dem "dürrbeinigen 61-Jährigen" , dessen gepunktete Goldrandsonnenbrille und seidentuchdekorierter Hemdlatz mit der angenommenen Revoluzzer-Pose so viel zu tun hat wie Papst Benedikt mit den Menschen in Neu Delhis Armenviertel, eine Protestlerhaltung an, die punktgenau auf "Leute, die sich aufregen, wenn im Baumarkt die Akkuschrauber teurer werden" zielt (Bisschen lang der Satz).
Am Ende weiß Kleindienst nicht, wen er mehr bedauern soll, die Menschen im Saal mit phänomenalem Langzeitgedächtnis, die auch nach über 30 Jahren die nämlichen Songs mitträllern wollen, oder den "Johnny Walker" intonierenden Künstler mit "hochklassiger" Begleitband, der warten muss, bis seine Pflegekraft ihm den Asbach Uralt einschenkt.
Leicht bräsig wirkt wie gewohnt Musikschulleiter Frank Mitschke. Während um ihn herum "Leipzigs Kulturszene brennt", wie der Chef der Freiwilligen Feuerwehr Peter Korfmacher diagnostiziert, hat Mitschke den Schlaf der Gerechten gehalten. Es war schon seit dem Frühsommer klar, dass Dresden den Sächsischen Musikschulen den Hahn zudrehen will - von 5 Mio auf 3,5 Mio - aber das ist noch lange kein Grund, Hallo? zu rufen. Oder war sich Mitschke etwa von Anfang an sicher, dass dieses Vorhaben den Landtag nicht passieren wird? Die Klientel der Musikschülereltern wohnt schließlich warm und geborgen in den gleichen Villenvierteln wie die Mehrzahl der Abgeordneten. So ist es fast erstaunlich, dass die in Rufweite befindlichen Elternvertreter sogar Briefe an ihre Abgeordneten schreiben mussten, ehe diese einknickten. Schon ist die Rede davon, dass eher kosmetische Absenkungen in den Etats der Musikschulen erfolgen würden. Wenn überhaupt. Kein gutes Zeichen für die ländlichen Kulturstätten und keines für die Theaterszene in Leipzig und anderswo. Aber noch ist nicht aller Tage Abend, Herr Tillich! Knecht Ruprecht wird den Knüppel schon noch aus dem Sack ziehen, glauben Sie nur...
Interessant in der derzeitigen Spardebatte ist tatsächlich, wie unterschiedlich die Theater- und Kulturchefs mit den drohenden Folterwerkzeugen umgehen. Herr Oldag in Gera-Altenburg steckt wie Halle mit einer geschätzten Million Euro in der Kreide. Dort werden als erste Tänzer des Balletts gehen, und der Leiter wird gegen eine willigere ausgetauscht. Die Geraer Ballett-Tage stehen ohnehin als erste zur Disposition. Es ist so deutsch. So feige. Als erstes die kleinste Sparte zurechtstutzen. In Halle ist es das Kinder- und Jugendtheater. Am "Fünfspartenhaus" Gera gibts das halt nicht. Da ist das fünfte Rad am Wagen das Ballett.
In Halle läuft sich der Widerstand langsam warm. Inszeniert wird er von Shootingstar Dirk Laucke. Der Titel ist schon geboren: Thalia 21. Jetzt braucht Frau Hahn nur noch auf einen Baum zu klettern, und schon wird es kein Wasserwerfer mehr wagen, die Theaterräume durchzukärchern, "nettoyer au kärcher" sagte 2007 der damalige Chef der Putzkolonne Paris 21 dazu, Nicholas Sarkozy. Ob dabei allerdings Lauckes Slogan von der "Re-Zonalisierung Halles" dienlich ist, bleibt abzuwarten. Immerhin ist die Petition des Theaters an die Kulturministerin Birgitta Wolff schon so erfolgreich, dass diese selbst sie bereits unterzeichnet hat. Das nennt man in der Politbranche sicher hart am Wind segeln, Frau Wolff? Landratten vermuten, dass sie den Gegner einfach ins Leere laufen lassen, nicht?
Trotz der im Protest zu Höchstform auflaufenden Kulturbetriebe taucht heute in der lvz tatsächlich sogar Kunst auf. Im Rahmen der Dokfilmwoche läuft der amerikanische Film "Germany Reunified - The Other Side of the Wall". Eine späte Reminiszens auf die Wende, ganz persönlich diesmal. Untypisch und dennoch ostalgisch geht es laut Antonia Rassow um ein DDR-amerikanisches Paar, das wenige Tage vor der Maueröffnung rübergeht, und zwar gleich über den Atlantik. Während sie, Gabriele, in der Folge ganz zufrieden ist, hadert er, Mark, allerdings mit dem Schicksal. Er wäre im Nachhinein doch gerne in der DDR geblieben. Schließlich konnte er jederzeit wieder ausreisen. Der Film, der zu gleichen Teilen aus West- wie Ostperspektive hätte gedreht werden sollen, ist unter der Hand zum Ostfilm geworden. Der Westen habe sich in den 20 Jahren einfach nicht verändert. Ganz so langweilig war der Osten also nicht.
Schließlich berichtet Norbert Wehrstedt noch über drei Filme des Dokfilmfestivals. Der erste, "Goodnight Nobody" von Jacqueline Zünd (CH), handelt von Schlaflosen. Ein Film "wie von Edward Hopper gemalt". Der zweite Film, "Vodka Factory" von Jerzy Sladkowski (PL), besitze nicht die ausgeprägte "Bildkultur" wie der von Zünd, beobachte "vielmehr das Leben wie es ist". Ein merkwürdiges Verständnis von Dokumentarfilmkunst. Ein draufhalten aufs Leben? Und der Zuschauer weiß nicht, "was nun inszeniert, was spontan hervor gebrochen" sei. "So ist Dokfilm eben heute", befindet Oberverallgemeinerer Wehrstedt. In der epischen Breite von "Dreaming Films" von Eric Pauwels (B) ist der Kritiker wohl vollends müde geworden. Seine Bemächtigungsstrategie hat trotzdem nicht gelitten, immerhin vermag er forsch zu formulieren, wie sich angesichts des Bildexerzitiums "der Zuschauer fühlt": "Wie die Spinne im Netz." Klingt bedrohlich.
Am Ende weiß Kleindienst nicht, wen er mehr bedauern soll, die Menschen im Saal mit phänomenalem Langzeitgedächtnis, die auch nach über 30 Jahren die nämlichen Songs mitträllern wollen, oder den "Johnny Walker" intonierenden Künstler mit "hochklassiger" Begleitband, der warten muss, bis seine Pflegekraft ihm den Asbach Uralt einschenkt.
Leicht bräsig wirkt wie gewohnt Musikschulleiter Frank Mitschke. Während um ihn herum "Leipzigs Kulturszene brennt", wie der Chef der Freiwilligen Feuerwehr Peter Korfmacher diagnostiziert, hat Mitschke den Schlaf der Gerechten gehalten. Es war schon seit dem Frühsommer klar, dass Dresden den Sächsischen Musikschulen den Hahn zudrehen will - von 5 Mio auf 3,5 Mio - aber das ist noch lange kein Grund, Hallo? zu rufen. Oder war sich Mitschke etwa von Anfang an sicher, dass dieses Vorhaben den Landtag nicht passieren wird? Die Klientel der Musikschülereltern wohnt schließlich warm und geborgen in den gleichen Villenvierteln wie die Mehrzahl der Abgeordneten. So ist es fast erstaunlich, dass die in Rufweite befindlichen Elternvertreter sogar Briefe an ihre Abgeordneten schreiben mussten, ehe diese einknickten. Schon ist die Rede davon, dass eher kosmetische Absenkungen in den Etats der Musikschulen erfolgen würden. Wenn überhaupt. Kein gutes Zeichen für die ländlichen Kulturstätten und keines für die Theaterszene in Leipzig und anderswo. Aber noch ist nicht aller Tage Abend, Herr Tillich! Knecht Ruprecht wird den Knüppel schon noch aus dem Sack ziehen, glauben Sie nur...
Interessant in der derzeitigen Spardebatte ist tatsächlich, wie unterschiedlich die Theater- und Kulturchefs mit den drohenden Folterwerkzeugen umgehen. Herr Oldag in Gera-Altenburg steckt wie Halle mit einer geschätzten Million Euro in der Kreide. Dort werden als erste Tänzer des Balletts gehen, und der Leiter wird gegen eine willigere ausgetauscht. Die Geraer Ballett-Tage stehen ohnehin als erste zur Disposition. Es ist so deutsch. So feige. Als erstes die kleinste Sparte zurechtstutzen. In Halle ist es das Kinder- und Jugendtheater. Am "Fünfspartenhaus" Gera gibts das halt nicht. Da ist das fünfte Rad am Wagen das Ballett.
In Halle läuft sich der Widerstand langsam warm. Inszeniert wird er von Shootingstar Dirk Laucke. Der Titel ist schon geboren: Thalia 21. Jetzt braucht Frau Hahn nur noch auf einen Baum zu klettern, und schon wird es kein Wasserwerfer mehr wagen, die Theaterräume durchzukärchern, "nettoyer au kärcher" sagte 2007 der damalige Chef der Putzkolonne Paris 21 dazu, Nicholas Sarkozy. Ob dabei allerdings Lauckes Slogan von der "Re-Zonalisierung Halles" dienlich ist, bleibt abzuwarten. Immerhin ist die Petition des Theaters an die Kulturministerin Birgitta Wolff schon so erfolgreich, dass diese selbst sie bereits unterzeichnet hat. Das nennt man in der Politbranche sicher hart am Wind segeln, Frau Wolff? Landratten vermuten, dass sie den Gegner einfach ins Leere laufen lassen, nicht?
Trotz der im Protest zu Höchstform auflaufenden Kulturbetriebe taucht heute in der lvz tatsächlich sogar Kunst auf. Im Rahmen der Dokfilmwoche läuft der amerikanische Film "Germany Reunified - The Other Side of the Wall". Eine späte Reminiszens auf die Wende, ganz persönlich diesmal. Untypisch und dennoch ostalgisch geht es laut Antonia Rassow um ein DDR-amerikanisches Paar, das wenige Tage vor der Maueröffnung rübergeht, und zwar gleich über den Atlantik. Während sie, Gabriele, in der Folge ganz zufrieden ist, hadert er, Mark, allerdings mit dem Schicksal. Er wäre im Nachhinein doch gerne in der DDR geblieben. Schließlich konnte er jederzeit wieder ausreisen. Der Film, der zu gleichen Teilen aus West- wie Ostperspektive hätte gedreht werden sollen, ist unter der Hand zum Ostfilm geworden. Der Westen habe sich in den 20 Jahren einfach nicht verändert. Ganz so langweilig war der Osten also nicht.
Schließlich berichtet Norbert Wehrstedt noch über drei Filme des Dokfilmfestivals. Der erste, "Goodnight Nobody" von Jacqueline Zünd (CH), handelt von Schlaflosen. Ein Film "wie von Edward Hopper gemalt". Der zweite Film, "Vodka Factory" von Jerzy Sladkowski (PL), besitze nicht die ausgeprägte "Bildkultur" wie der von Zünd, beobachte "vielmehr das Leben wie es ist". Ein merkwürdiges Verständnis von Dokumentarfilmkunst. Ein draufhalten aufs Leben? Und der Zuschauer weiß nicht, "was nun inszeniert, was spontan hervor gebrochen" sei. "So ist Dokfilm eben heute", befindet Oberverallgemeinerer Wehrstedt. In der epischen Breite von "Dreaming Films" von Eric Pauwels (B) ist der Kritiker wohl vollends müde geworden. Seine Bemächtigungsstrategie hat trotzdem nicht gelitten, immerhin vermag er forsch zu formulieren, wie sich angesichts des Bildexerzitiums "der Zuschauer fühlt": "Wie die Spinne im Netz." Klingt bedrohlich.
Freitag, 8. Oktober 2010
lvz kultur vom 08.10.10:Streiflicht in der lvz, 50 Jahre Opernhaus & Biganzolis Meistersinger
Was für ein Glück. Dachte schon, die lvz schwächelt, als gestern bis weit nach Mitternacht keine Zeitung online ging. Ob die Buchmesse alle besoffen macht? Der Literatur-Nobelpreis? Die Vorfeiern zum 50. Opernjubiläum? Nichts da. Alles ist wieder gut in am digitalen Vorfreitag. Oder fast. Denn der Berg kreißte und presste, naja, einen tollen Artikel aus: Er ist von Jürgen Kleindienst, diesmal in der Rubrik, die auf gut sächsisch "Halogenscheinwerfer" heissen könnte, solange die lvz das Licht weiterhin nicht in Streifen fallen lassen will. Wie sich jkl über den Islam, seine Besitzergreifung Deutschlands bei gleichzeitiger Verweigerung von Bratwurst-, Sauerkraut- und Grundgesetzeinnahme hermacht, verhält sich zu jeder sarrazinesken Argumentation wie ein Meeresleuchten zu 6V-Taschenlampengefunzel.
Der Rest des lvz kulturteils flacht leider ab.
Skurril der Bericht über die Vorfreude auf den 50. Operngeburtstag, den Stephanie Olivia Schreier in ihrem Text über das Ehepaar Langhammer verfasst. Als eine der wenigen "Zivil-Zuschauer" erlebten die Werktätigen Thea und Günther, sie in cremefarbenem Kleid mit goldenen Fäden, er im Smoking, die damalige Eröffnung des neuen Opernhauses mit Wagners "Meistersinger" und parkten seinerzeit ihren nagelneuen Trabant in einer Reihe mit den Regierungskarossen. Heute, wo die Menschen "in Blaumann" und in "Tennisschuhen" statt Politbürozwirn die Oper besuchten, wären ihnen die Aufführungen vergällt.
Passend zu dieser erhebenden damaligen Erfahrung schildert Thomas Mayer, wie am 9. Oktober 1960 die Eröffnung der Oper vonstatten ging. Generalintendant Karl Kayser etwa trug ein Gedicht aus der Feder Max Zimmerings vor, Gewandhauskapellmeister Franz Konwitschny verglich die phantastische Akustik der Oper mit dem Resonanzboden einer Geige und Theater-Professor Hans Rodenberg fragte rhetorisch, ob "irgendjemandes Phantasie ausreichte, sich vorzustellen, dass nach einem solchen Bau Konrad Adenauer Bauarbeiter einladen könne." Wahrlich nicht, aber Rodenberg selbst wohl auch nicht, denn diese Geste scheint ebenso berichtenswert wie wohlkalkuliert gewesen zu sein, so wie heute jede Mitarbeiterehrung für 30-jährige Betriebszugehörigkeit. Walter Ulbricht liess sich noch zum Bonmot hinreissen, dass "Adenauer schließlich kein Holzarbeiter sei, sondern auf dem Holzwege".
Mayers triumphaler Schlusssatz, dass damals "die Hälfte eines Opernplatzes der Besucher bezahlte, die anderen 50% der Staat", lässt auf einen ungebrochen fortschreitenden Sozialismus schließen, denn die Staatsquote erreicht heute etwa 85%.
Am heutigen 9. Oktober führt Jochen Biganzoli Regie beim Wiedergänger von Wagners "Meistersinger"-Aufführung. Im Gespräch mit Peter Korfmacher erläutert der Regisseur, warum er die "deutsche Nationaloper schlechthin" als "Utopie einer Gesellschaft, in der Kunst und Kultur eine identitätsstiftende Rolle spielen" ansieht. Und gleichzeitig als Kern des Stücks eine kammerspielartige Liebesgeschichte ausmacht, die Dreiecksgeschichte zwischen Sachs, Beckmesser und Walther. Sie zeige "Situationskomik mit Hintersinn, im Loriotschen Sinne". Endlich begreift jemand das wahre deutsche Wesen. Vielleicht gewährt Sebastian Hartmann diesem Vorzeigedeutschen Asyl? Kommt es daraufhin doch noch zur Fusion von Oper und Schauspielhaus? Beim Thema Deutschland bleibt kein Auge trocken und keine Grenze sicher.
Der Rest des lvz kulturteils flacht leider ab.
Skurril der Bericht über die Vorfreude auf den 50. Operngeburtstag, den Stephanie Olivia Schreier in ihrem Text über das Ehepaar Langhammer verfasst. Als eine der wenigen "Zivil-Zuschauer" erlebten die Werktätigen Thea und Günther, sie in cremefarbenem Kleid mit goldenen Fäden, er im Smoking, die damalige Eröffnung des neuen Opernhauses mit Wagners "Meistersinger" und parkten seinerzeit ihren nagelneuen Trabant in einer Reihe mit den Regierungskarossen. Heute, wo die Menschen "in Blaumann" und in "Tennisschuhen" statt Politbürozwirn die Oper besuchten, wären ihnen die Aufführungen vergällt.
Passend zu dieser erhebenden damaligen Erfahrung schildert Thomas Mayer, wie am 9. Oktober 1960 die Eröffnung der Oper vonstatten ging. Generalintendant Karl Kayser etwa trug ein Gedicht aus der Feder Max Zimmerings vor, Gewandhauskapellmeister Franz Konwitschny verglich die phantastische Akustik der Oper mit dem Resonanzboden einer Geige und Theater-Professor Hans Rodenberg fragte rhetorisch, ob "irgendjemandes Phantasie ausreichte, sich vorzustellen, dass nach einem solchen Bau Konrad Adenauer Bauarbeiter einladen könne." Wahrlich nicht, aber Rodenberg selbst wohl auch nicht, denn diese Geste scheint ebenso berichtenswert wie wohlkalkuliert gewesen zu sein, so wie heute jede Mitarbeiterehrung für 30-jährige Betriebszugehörigkeit. Walter Ulbricht liess sich noch zum Bonmot hinreissen, dass "Adenauer schließlich kein Holzarbeiter sei, sondern auf dem Holzwege".
Mayers triumphaler Schlusssatz, dass damals "die Hälfte eines Opernplatzes der Besucher bezahlte, die anderen 50% der Staat", lässt auf einen ungebrochen fortschreitenden Sozialismus schließen, denn die Staatsquote erreicht heute etwa 85%.
Am heutigen 9. Oktober führt Jochen Biganzoli Regie beim Wiedergänger von Wagners "Meistersinger"-Aufführung. Im Gespräch mit Peter Korfmacher erläutert der Regisseur, warum er die "deutsche Nationaloper schlechthin" als "Utopie einer Gesellschaft, in der Kunst und Kultur eine identitätsstiftende Rolle spielen" ansieht. Und gleichzeitig als Kern des Stücks eine kammerspielartige Liebesgeschichte ausmacht, die Dreiecksgeschichte zwischen Sachs, Beckmesser und Walther. Sie zeige "Situationskomik mit Hintersinn, im Loriotschen Sinne". Endlich begreift jemand das wahre deutsche Wesen. Vielleicht gewährt Sebastian Hartmann diesem Vorzeigedeutschen Asyl? Kommt es daraufhin doch noch zur Fusion von Oper und Schauspielhaus? Beim Thema Deutschland bleibt kein Auge trocken und keine Grenze sicher.
Freitag, 10. September 2010
lvz kultur vom 10.09.10: elektrisch orthodox, Grisham, Collins und Shanghai
"elektrisch orthodox", so schreibt Jürgen Kleindienst, sei eines der überraschenden Ateliers auf dem diesjährigen Herbstrundgang in Tapetenwerk und Spinnerei. Sechs Künstlerinnen lassen viel erwarten, wenn man denn den Weg über manche Treppenstufe und entlang manchen Ganges geschafft habe: Sogar "Alles". Hauptsache, es gehe nicht trocken und clean zu wie in anderen Ateliers. Es geht ums Wohlfühlen, um die Überwindung der Distanz zwischen Werk und Betrachter, zwischen Betrachter und Betrachter. "Alles" heißt auch, "man solle sich nicht davor fürchten, ad hoc verheiratet zu werden". Nicht schlimm. Die Ehe halte gegenwärtig eh nicht länger als bis zum nächsten Händewaschen.
Der strenggläubige Baptist, ehemalige Anwalt, gewesene Abgeordnete des US-Bundesstaats Mississippi und heutige Autor John Grisham ("Das Gesetz") meint, sich gegen einen Glaubensfreund und Friedensfeind zu Wort melden zu müssen: Am 11.9. den Koran verbrennen zu wollen, wie es der "christliche" Fanatiker Terry Jones vorhabe, bedeute nur, Hass zu verbreiten. Für diese Absicht sollte er doch nicht soviel Publicity bekommen. Glaubwürdig, seine Haltung, wenn Grisham nicht von dem Rummel auch Publicity abbekommen würde. Es bleibt vertrackt. Man kann sagen, was man will. Hauptsache prominent. Unmöglich, kein Spielball der Medien zu werden.
Phil Collins hat - ähnlich wie Exkollege Peter Gabriel - ein Cover-Album ausschließlich mit fremden Kompositionen rausgebracht. Wo Gabriel den Songs bedeutungsschwanger mit Orchester zu Leibe rücke, meint Mathias Wöbking, nähert sich Collins dem Motown-Studio-Sound der Sixties so weit an, dass der augenzwinkernde Versuch zu entstehen scheine, Collins selbst sei einer der unbekannten Motown-Sänger gewesen. Dazu schnipsen und stampfen die Collinssöhne Nicholas und Matthew mal mit den Fingern, mal den Füßen. Das sei doch mal ne Aufsehen erregende Haltung zur Musik - findet der witzbegabte lvz Redakteur.
In Shanghai zeige sich die rasante Entwicklung derzeit insbesondere an der Architektur, schreibt Nina May. Die immer dichter an die Wolken kratzenden Hochhäuser stünden für diese Entwicklung. Eine Ausstellung des Goethe-Instituts, "Updating China", sieht diese Entwicklung im Update eines Computers simuliert. Dass dabei auch mal alte Programmierungen stehenbleiben können, entdeckte der hallenser Künstler Michael Krenz, der an der Ausstellung teilhat, in einer im Schatten der Türme gelegenen Bibliothek aus dem 18. Jahrhundert, in der es neben alten Kalligraphie-Tischen auch geschmierte Maoparolen an den Säulen zu entdecken gäbe. Gleichwohl hätte der durch nichts zu irritierende Zukunftsoptimismus der Chinesen Elemente des alten "Amerikanischen Traums" kopiert - oder eben upgedated.
Der strenggläubige Baptist, ehemalige Anwalt, gewesene Abgeordnete des US-Bundesstaats Mississippi und heutige Autor John Grisham ("Das Gesetz") meint, sich gegen einen Glaubensfreund und Friedensfeind zu Wort melden zu müssen: Am 11.9. den Koran verbrennen zu wollen, wie es der "christliche" Fanatiker Terry Jones vorhabe, bedeute nur, Hass zu verbreiten. Für diese Absicht sollte er doch nicht soviel Publicity bekommen. Glaubwürdig, seine Haltung, wenn Grisham nicht von dem Rummel auch Publicity abbekommen würde. Es bleibt vertrackt. Man kann sagen, was man will. Hauptsache prominent. Unmöglich, kein Spielball der Medien zu werden.
Phil Collins hat - ähnlich wie Exkollege Peter Gabriel - ein Cover-Album ausschließlich mit fremden Kompositionen rausgebracht. Wo Gabriel den Songs bedeutungsschwanger mit Orchester zu Leibe rücke, meint Mathias Wöbking, nähert sich Collins dem Motown-Studio-Sound der Sixties so weit an, dass der augenzwinkernde Versuch zu entstehen scheine, Collins selbst sei einer der unbekannten Motown-Sänger gewesen. Dazu schnipsen und stampfen die Collinssöhne Nicholas und Matthew mal mit den Fingern, mal den Füßen. Das sei doch mal ne Aufsehen erregende Haltung zur Musik - findet der witzbegabte lvz Redakteur.
In Shanghai zeige sich die rasante Entwicklung derzeit insbesondere an der Architektur, schreibt Nina May. Die immer dichter an die Wolken kratzenden Hochhäuser stünden für diese Entwicklung. Eine Ausstellung des Goethe-Instituts, "Updating China", sieht diese Entwicklung im Update eines Computers simuliert. Dass dabei auch mal alte Programmierungen stehenbleiben können, entdeckte der hallenser Künstler Michael Krenz, der an der Ausstellung teilhat, in einer im Schatten der Türme gelegenen Bibliothek aus dem 18. Jahrhundert, in der es neben alten Kalligraphie-Tischen auch geschmierte Maoparolen an den Säulen zu entdecken gäbe. Gleichwohl hätte der durch nichts zu irritierende Zukunftsoptimismus der Chinesen Elemente des alten "Amerikanischen Traums" kopiert - oder eben upgedated.
Samstag, 4. September 2010
lvz kultur vom 04.09.10: Invisible Empire, Der Schutzraum, Kiwi und Faber & Faber
Im Weißen Haus des Centraltheaters müssen sich zehn "weiße" Menschen wie in einem Zoo von den Besuchern begaffen lassen. Was sich unter dem Titel "Invisible Empire" als heutiger Selbsterfahrungstrip in Sachen Voyeurismus mit Hinweis auf kolonialistische Vorbilder verkauft, erzeugt bei Nina May unangenehme Gefühle (ja, was denn sonst?) und wird für die lvz Redakteurin zum Spießrutenlauf, bei dem sie sich trennende Wände und Gitter wie im echten Zoo herbeiwünscht. Aber über den Augenblick hinaus scheint diese Erfahrung keinerlei nennenswerte analytische Konsequenzen bei ihr hervorzurufen. Außer, dass sie nicht beurteilen möchte, ob das ganze nun als naiver Unfug oder spielerisch-leichte Ouvertüre einzuschätzen sei. Leider etwas banal, weil ohne jegliche Erläuterung, geschweige Begründung.
Meinungsfreudiger entpuppt sich Jürgen Kleindienst in seinem Artikel über eine Film-Klang-Licht-Collage namens "Der Schutzraum". Sie sorge nicht allein für "ästhetische Unruhe" auf dem Richard-Wagner-Platz, sie inszeniere sogar einen "überraschenden Angriff" auf die Stadt. Ins Bewusstsein gerückt werden soll ein ehemaliger Bunker, der in einem oberirdischen, temporären Kubus nachempfunden werde. Der Bezug der einzelnen Beiträge zum Bunker und der umgebenden Großstadt erscheint nicht immer gleich plausibel. Wagners Lohengrin-Vorspiel, wiedergegeben durch "angekratztes Grammophonspiel" als Verweis auf das Geburtshaus des Komponisten nebenan? Oder auch auf den Einfluss Wagners auf den nationalsozialistischen Furor? Ein Fragment Kafkas, projizierte Bunker-Bilder und -Videos, unter der Bezeichnung "Betonfragmente" Bilder des (Luft-)Gegenangriffs auf Deutschland, ein Teppich aus Beats und Wassertropfen. Der Tenor der Collage: Stadt, Angst, Schutt. Schließlich der Bombenangriff von 1943 in Bezug gesetzt zur geplanten städtebaulichen Zerstörung der Gegenwart: Angriff auf den Brühl - Angriff auf die Stadt. Diese "verstörende Collage" der Leipziger KunstRäume e.V. reflektiert und verbindet Stadtgeschichte mit subjektiver und kollektiver Wahrnehmung. Eine scheinbar so subtile wie herausfordernde Arbeit der Künstler René Blümel, Hein-Godehart Petschulat und Manuel G. Richter.
Theresa Wiedemann schreibt über den Spielzeitauftakt am Theater der Jungen Welt, Daniel Danis' Stück "Kiwi" in der Inszenierung von Jürgen Zielinski. Leider deckt die Sprache ihres Textes mehr zu, als Worte oder Bilder zu finden für das, was ihr die Inszenierung gesagt hat. Auch positiv gemeinte Adjektive wie "beklemmend", "stark", "auffällig", "dicht", "eindrucksvoll", "bewegend", "eindringlich" bleiben hilflose Instrumente der eigenen Wahrnehmung. Dass gerade mal zwei Schauspielernamen und der Regisseur selbst erwähnt werden, geschweige denn deren Arbeit/Leistung bewertet wird und nicht einmal die auffälligsten der weiteren Künstler, darunter die für die Ausstattung, die Musik und die Videoprojektionen verantwortlichen, ist ein Armutszeugnis für den Kulturteil der lvz. Dass diese Zeitung gar nicht erst im Zeitungspool enthalten ist, aus dem z.B. der Deutsche Bühnenverein seine Pressemappe zusammenstellt, ist wieder einmal nur zu verständlich. Seitdem sich die lvz auch dem gezielten Hartmannbashing verschrieben hat und sich zudem das Stadtmagazin Kreuzer aus der ernstzunehmenden Premieren-Berichterstattung nahezu verabschiedet hat, hat Leipzig Dresden wohl endgültig den Rang abgelaufen als "Tal der Ahnungslosen". Wann erscheint bloß in der tageszeitung taz ein eigener Leipzig/Dresden-Regionalteil?
Hohe Aufmerksamkeit findet indes eines der seltenen Gastspiele hochrangiger internationaler Orchester in Leipzig. Neben dem sich in ihrem Klang eindrucksvoll vom Gewandhausorchester absetzenden "London Symphony Orchestra" macht Peter Korfmacher insbesondere die Tatsache zu einem Thema seines Artikels, dass der Besucherraum abermals nur mau gefüllt war, und allein "zweitklassige Muggenbataillone" zum Jahresende Preise von 50 € aufwärts verlangen können, nicht jedoch Qualität.
In einem langen Interview Janina Fleischers mit Michael Faber, Inhaber des Verlags Faber & Faber, darf dieser den - nun ja - hundertsten Niedergang des Buch- und Verlagswesens in Deutschland und speziell Leipzig beschreiben und darüber jammern ("sein Weggang war für mich, als würde ich der Hölle ausgeliefert"), dass sein Sohn nun lieber Kulturbürgermeister geworden ist, statt in ihrem gemeinsamen "Traumteam" weiter die Fahne des Verlages hochzuhalten. Statt - wie Faber & Faber - die Nische vornehm illustrierter, bibliophiler Bücher zu pflegen, hat der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf Erfolg mit der Veröffentlichung des Werkes einer 15-jährigen Autorin (nein, heute nicht H. Hegemann!), die eine neue Jugend-Generation, die "Generation Geil", ausgerufen habe. Und die lvz veröffentlicht munter mit, auch wenn Silke Katenkamp befindet:"Keine Analyse, keine Einordnung des Gesagten. Keine Muss-Lektüre". Gilt auch für die lvz.
Meinungsfreudiger entpuppt sich Jürgen Kleindienst in seinem Artikel über eine Film-Klang-Licht-Collage namens "Der Schutzraum". Sie sorge nicht allein für "ästhetische Unruhe" auf dem Richard-Wagner-Platz, sie inszeniere sogar einen "überraschenden Angriff" auf die Stadt. Ins Bewusstsein gerückt werden soll ein ehemaliger Bunker, der in einem oberirdischen, temporären Kubus nachempfunden werde. Der Bezug der einzelnen Beiträge zum Bunker und der umgebenden Großstadt erscheint nicht immer gleich plausibel. Wagners Lohengrin-Vorspiel, wiedergegeben durch "angekratztes Grammophonspiel" als Verweis auf das Geburtshaus des Komponisten nebenan? Oder auch auf den Einfluss Wagners auf den nationalsozialistischen Furor? Ein Fragment Kafkas, projizierte Bunker-Bilder und -Videos, unter der Bezeichnung "Betonfragmente" Bilder des (Luft-)Gegenangriffs auf Deutschland, ein Teppich aus Beats und Wassertropfen. Der Tenor der Collage: Stadt, Angst, Schutt. Schließlich der Bombenangriff von 1943 in Bezug gesetzt zur geplanten städtebaulichen Zerstörung der Gegenwart: Angriff auf den Brühl - Angriff auf die Stadt. Diese "verstörende Collage" der Leipziger KunstRäume e.V. reflektiert und verbindet Stadtgeschichte mit subjektiver und kollektiver Wahrnehmung. Eine scheinbar so subtile wie herausfordernde Arbeit der Künstler René Blümel, Hein-Godehart Petschulat und Manuel G. Richter.
Theresa Wiedemann schreibt über den Spielzeitauftakt am Theater der Jungen Welt, Daniel Danis' Stück "Kiwi" in der Inszenierung von Jürgen Zielinski. Leider deckt die Sprache ihres Textes mehr zu, als Worte oder Bilder zu finden für das, was ihr die Inszenierung gesagt hat. Auch positiv gemeinte Adjektive wie "beklemmend", "stark", "auffällig", "dicht", "eindrucksvoll", "bewegend", "eindringlich" bleiben hilflose Instrumente der eigenen Wahrnehmung. Dass gerade mal zwei Schauspielernamen und der Regisseur selbst erwähnt werden, geschweige denn deren Arbeit/Leistung bewertet wird und nicht einmal die auffälligsten der weiteren Künstler, darunter die für die Ausstattung, die Musik und die Videoprojektionen verantwortlichen, ist ein Armutszeugnis für den Kulturteil der lvz. Dass diese Zeitung gar nicht erst im Zeitungspool enthalten ist, aus dem z.B. der Deutsche Bühnenverein seine Pressemappe zusammenstellt, ist wieder einmal nur zu verständlich. Seitdem sich die lvz auch dem gezielten Hartmannbashing verschrieben hat und sich zudem das Stadtmagazin Kreuzer aus der ernstzunehmenden Premieren-Berichterstattung nahezu verabschiedet hat, hat Leipzig Dresden wohl endgültig den Rang abgelaufen als "Tal der Ahnungslosen". Wann erscheint bloß in der tageszeitung taz ein eigener Leipzig/Dresden-Regionalteil?
Hohe Aufmerksamkeit findet indes eines der seltenen Gastspiele hochrangiger internationaler Orchester in Leipzig. Neben dem sich in ihrem Klang eindrucksvoll vom Gewandhausorchester absetzenden "London Symphony Orchestra" macht Peter Korfmacher insbesondere die Tatsache zu einem Thema seines Artikels, dass der Besucherraum abermals nur mau gefüllt war, und allein "zweitklassige Muggenbataillone" zum Jahresende Preise von 50 € aufwärts verlangen können, nicht jedoch Qualität.
In einem langen Interview Janina Fleischers mit Michael Faber, Inhaber des Verlags Faber & Faber, darf dieser den - nun ja - hundertsten Niedergang des Buch- und Verlagswesens in Deutschland und speziell Leipzig beschreiben und darüber jammern ("sein Weggang war für mich, als würde ich der Hölle ausgeliefert"), dass sein Sohn nun lieber Kulturbürgermeister geworden ist, statt in ihrem gemeinsamen "Traumteam" weiter die Fahne des Verlages hochzuhalten. Statt - wie Faber & Faber - die Nische vornehm illustrierter, bibliophiler Bücher zu pflegen, hat der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf Erfolg mit der Veröffentlichung des Werkes einer 15-jährigen Autorin (nein, heute nicht H. Hegemann!), die eine neue Jugend-Generation, die "Generation Geil", ausgerufen habe. Und die lvz veröffentlicht munter mit, auch wenn Silke Katenkamp befindet:"Keine Analyse, keine Einordnung des Gesagten. Keine Muss-Lektüre". Gilt auch für die lvz.
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Freitag, 3. September 2010
lvz kultur vom 03.09.10: Serdar Somuncu, Venedig & Juliane Banse
Also gut, wieder Sarrazin. Abermals ein erfrischend intelligentes und witziges Interview von Jürgen Kleindienst, heute mit Serdar Somuncu über dessen Buch "Der Antitürke" (weil: "Ich will auch meine Auflage steigern") und - ja - Thilo Sarrazin. Für Somuncu gehe es Sarrazin um "ein dumpfes Gefühl" statt um die Wirklichkeit, es gehe um "einen Schlag in die Fresse all derer, die versuchen zu differenzieren" und - als Reaktion - um "mehr Gelassenheit". Aber: "Das gesamte Thema ist aber viel zu kompliziert, um in TV-Schlagabtäuschen abgehandelt zu werden". Was bedeutet, dass an vielen angerissenen Thesen ein Korn Wahrheit dran ist. Wo aber wird jetzt darüber differenziert geredet? Und wer hört zu oder liest?
Bei den Filmfestspielen von Venedig hat der Film "Miral" von Julian Schnabel Aufsehen erregt, schreibt Hanns-Jochen Kaffsack. Der auf einen Roman von Rula Rebreal zurückgehende Film über das Leiden palästinensischer Frauen handelt von einer Schule, in der Kriegswaisen unterkommen. Fazit: "Bildung ebnet den Weg zum Frieden, nicht Gewalt". Er sei bereits jetzt im Gespräch für einen politischen "Goldenen Löwen".
In Boris Michael Gruhls Artikel über die Premiere des Opernfilms "Hunter's Bride - Der Freischütz" in Dresden mit der Opernsängerin Juliane Banse als Agathe wird nicht nur über die derzeitige Entwicklung der Sängerin mit Hochachtung geschrieben, auch das seltene Genre Filmoper wird voller Faszination dargestellt. "Beide Medien verbinden und verbünden sich". Die verschiedenen realen Schauplätze etwa beflügeln die Fantasie der Sängerin ungemein, wodurch die sprachlichen und darstellerischen Möglichkeiten vielfältiger und intensiver seien als auf der Opernbühne. Und: "Dabei kann es auch drastisch werden, es gibt knallharte Szenen, die nicht immer jugendfrei" seien. Dies sei aber positiv, denn es könne "von befreiender und beglückender Wirkung sein, sich emotional einmal so richtig überrumpeln zu lassen."
Außerdem lobt Ulrich Steinmetzger das Jazzfestival im kleinen Saalfelden in Österreich ("In voller Breitseite gibt es wieder schmutzige Musik am sauberen Ort") und hebt Rob Mazureks Musik - "von hymnischer Kraft" - mit dem Chicagoer Exploding Star Orchestra als Höhepunkt des "bestechend schlüssigen" Festivals hervor, das sich ausschließlich mit zeitgenössischem Jazz auseinandersetze und tatsächlich "Neues erforsche".
Bei den Filmfestspielen von Venedig hat der Film "Miral" von Julian Schnabel Aufsehen erregt, schreibt Hanns-Jochen Kaffsack. Der auf einen Roman von Rula Rebreal zurückgehende Film über das Leiden palästinensischer Frauen handelt von einer Schule, in der Kriegswaisen unterkommen. Fazit: "Bildung ebnet den Weg zum Frieden, nicht Gewalt". Er sei bereits jetzt im Gespräch für einen politischen "Goldenen Löwen".
In Boris Michael Gruhls Artikel über die Premiere des Opernfilms "Hunter's Bride - Der Freischütz" in Dresden mit der Opernsängerin Juliane Banse als Agathe wird nicht nur über die derzeitige Entwicklung der Sängerin mit Hochachtung geschrieben, auch das seltene Genre Filmoper wird voller Faszination dargestellt. "Beide Medien verbinden und verbünden sich". Die verschiedenen realen Schauplätze etwa beflügeln die Fantasie der Sängerin ungemein, wodurch die sprachlichen und darstellerischen Möglichkeiten vielfältiger und intensiver seien als auf der Opernbühne. Und: "Dabei kann es auch drastisch werden, es gibt knallharte Szenen, die nicht immer jugendfrei" seien. Dies sei aber positiv, denn es könne "von befreiender und beglückender Wirkung sein, sich emotional einmal so richtig überrumpeln zu lassen."
Außerdem lobt Ulrich Steinmetzger das Jazzfestival im kleinen Saalfelden in Österreich ("In voller Breitseite gibt es wieder schmutzige Musik am sauberen Ort") und hebt Rob Mazureks Musik - "von hymnischer Kraft" - mit dem Chicagoer Exploding Star Orchestra als Höhepunkt des "bestechend schlüssigen" Festivals hervor, das sich ausschließlich mit zeitgenössischem Jazz auseinandersetze und tatsächlich "Neues erforsche".
Donnerstag, 2. September 2010
lvz kultur vom 02.09.10.: Mendelssohn, Sarrazin und Foucault
Kinder gelten in der Kultur als defizitäre Wesen. Sie haben sich, wenn überhaupt, in der Regel mit minderwertigerer Kunst zufriedenzugeben als ihre Schöpfer/Erzeuger das für sich in Anspruch nehmen. Das will das Mendelssohn-Kammerorchester verändern. Exzellent! Und schütten das Kind gleich mit dem Bade aus. Das MKO setzt die nicht neue Idee einer Kinderbetreuung in die Tat um, alldieweil die Erziehungsberechtigten im gewandhauseigenen Gestühle sitzen. Diese Betreuung findet zudem unter Anleitung von erfahrenen Musikpädagogen statt. Wertvoll, besonders wertvoll! Ganz besonders besonders wertvoll ist, dass den Kindern ein Platz für eine Halbzeit (!) im Konzertsaal freigehalten wird. Ein bisschen Frieden..., wenigstens ein halbes Konzert lang, soll also, ganz im Sinne der Bedürfnisse der Kinder selbstverständlich, den Erwachsenen gegönnt werden. Der Clou dieser - mäßig innovativen, aber kulturelle Bildung in einer Zeit, die nach kultureller Bildung der Jüngsten schreit, praktizierenden - Veranstaltungsreihe mit dem euphemististischen Titel "Konzerte für Neugierige" ist aber deren Motto. Es heißt allen Ernstes "Wunder und Kinder". Eine (gehobene Mittel-)Schicht feiert sich und ihren Nachwuchs in vorausahnender Euphorie selbst. kfm alias Peter Korfmacher feiert mit.
Thilo Sarrazin und kein Ende. Die Medienmaschine erzeugt sich selbst - und funktioniert als Perpetuum Mobile. Wenn doch wenigstens der Teufel auf den größten Haufen scheißen würde. Gestern analysierte Jürgen Kleindienst die Aufregung um TS, dem auch Beckmann den Schwanz lutschen musste, "als inzwischen wohl erfolgreichste Marke im Segment Provokation im Land". Angesichts seines "gefährlichen Stoffs" ein Spiel mit dem Feuer. Doch Callboy lvz gewährt ihm gegen Geld auch diese Befriedigung. Selbst bad news sind good news.
Heute wird via dpa en passant gemeldet, dass das Internationale Literaturfestival in Berlin TS wieder ausgeladen habe, nachdem es ihn erst eingeladen hatte. Schande über das "Literatur"-Festival, das sich angeblich um Einblicke in "neue Entwicklungen der Weltliteratur" bemüht. Wie hat es ihn einladen können? Diese Entwicklungen sind geistig und finanziell korrumpiert. Wer jetzt gegen wen die Ausladung wie und warum begründet, ist einfach nur eklig.
Heute schreibt auch Mathias Wöbking über die Besetzung der Planstelle für Provokation, TS. Unaufgeregt erwähnt er einen vergleichbaren Fall, den des Legationsrates Heindl 1927, der, kein Nazi, doch den Nazis den Weg bereitete. Wöbking zerschreddert seelenruhig die stets auf Neue angeführten Argumente der Pseudo-"Tabubrecher", deren "Bruch" "vor allem die wüste Beschimpfung einer Gesellschaftsgruppe" zum Inhalt habe. Und endet mit: "In den Worten des französischen Denkers Michel Foucault hat man es mit einer Gesellschaft zu tun, die 'lautstark ihre Heuchelei geißelt, redselig von ihrem eigenen Schweigen spricht und leidenschaftlich und detailliert beschreibt, was sie nicht sagt'. Der Clou: Armin Görtz sagte schon vorgestern in einem Kommentar: Sarrazin habe nicht in allem (!) Recht. Die gentechnischen Ausführungen des TS beruhten eventuell auf fehlerhaften Details. Heldenhafte lvz.
Das wunderbare Gespräch mit Peter Gabriel, das Michael Loesl für die lvz von gestern führte, muss hier leider unbesprochen bleiben. Leute, freut euch auf den 14. September!
Thilo Sarrazin und kein Ende. Die Medienmaschine erzeugt sich selbst - und funktioniert als Perpetuum Mobile. Wenn doch wenigstens der Teufel auf den größten Haufen scheißen würde. Gestern analysierte Jürgen Kleindienst die Aufregung um TS, dem auch Beckmann den Schwanz lutschen musste, "als inzwischen wohl erfolgreichste Marke im Segment Provokation im Land". Angesichts seines "gefährlichen Stoffs" ein Spiel mit dem Feuer. Doch Callboy lvz gewährt ihm gegen Geld auch diese Befriedigung. Selbst bad news sind good news.
Heute wird via dpa en passant gemeldet, dass das Internationale Literaturfestival in Berlin TS wieder ausgeladen habe, nachdem es ihn erst eingeladen hatte. Schande über das "Literatur"-Festival, das sich angeblich um Einblicke in "neue Entwicklungen der Weltliteratur" bemüht. Wie hat es ihn einladen können? Diese Entwicklungen sind geistig und finanziell korrumpiert. Wer jetzt gegen wen die Ausladung wie und warum begründet, ist einfach nur eklig.
Heute schreibt auch Mathias Wöbking über die Besetzung der Planstelle für Provokation, TS. Unaufgeregt erwähnt er einen vergleichbaren Fall, den des Legationsrates Heindl 1927, der, kein Nazi, doch den Nazis den Weg bereitete. Wöbking zerschreddert seelenruhig die stets auf Neue angeführten Argumente der Pseudo-"Tabubrecher", deren "Bruch" "vor allem die wüste Beschimpfung einer Gesellschaftsgruppe" zum Inhalt habe. Und endet mit: "In den Worten des französischen Denkers Michel Foucault hat man es mit einer Gesellschaft zu tun, die 'lautstark ihre Heuchelei geißelt, redselig von ihrem eigenen Schweigen spricht und leidenschaftlich und detailliert beschreibt, was sie nicht sagt'. Der Clou: Armin Görtz sagte schon vorgestern in einem Kommentar: Sarrazin habe nicht in allem (!) Recht. Die gentechnischen Ausführungen des TS beruhten eventuell auf fehlerhaften Details. Heldenhafte lvz.
Das wunderbare Gespräch mit Peter Gabriel, das Michael Loesl für die lvz von gestern führte, muss hier leider unbesprochen bleiben. Leute, freut euch auf den 14. September!
Donnerstag, 19. August 2010
lvz kultur vom 19.08.10: Highfield-Festival, Moritzburg und eine Factory nach Andy Warhol in Plagwitz
Wenig los in LE. Die lvz wartet auf das Highfield-Festival, das aus Thüringen an den Störmthaler See umzieht. Jürgen Kleindienst sah sich in Störmthal um und fand vor allem unaufgeregte Einwohner. Früher hätten nur die Bagger gequietscht, jetzt kämen halt die E-Gitarren. Allerdings werden die Dörfler selbst wenig mitbekommen vom 5 Kilometer entfernten Gig, bei dem 48 hochkarätige Bands spielen werden, darunter Placebo, Billy Talent und andere. Sie hoffen, dass die "die jungen Leute" wiederkommen werden, nicht nur zum Festival im nächsten Jahr. Arbeit bringt es auch. Den 100 Helfern, die u.a. den Müll beseitigen werden, werden übrigens gleich viele akkreditierte Presseleute gegenüberstehen, zur Hälfte Fotografen und Journalisten. Erwartet werden 25.000 Zuschauer.
Das Landeskunstmuseum Moritzburg in Halle steht vor dem finanziellen Kollaps, berichtet Bernd Lähne. Das Kultusministerium, das einerseits den Vorsitzenden des Stiftungsrats, andererseits mit der Stiftungsaufsicht selbst betraut ist, hatte lange von Unregelmäßigkeiten gewusst, sie aber vor den Landtagsabgeordneten verschwiegen. Nun legt man Hoffnung in die Stiftung Dome und Schlösser, die seit Anfang 2010 für die Moritzburg zuständig sei. Ob der Verwaltungsumbau rechtzeitig kommen wird, um die Finanzen stabilisieren zu können, sei allerdings ungewiss. Derzeit werden Prüfberichte abgewartet.
Kerstin Leppich berichtet über die jüngst eröffnete Leipzig School of Design in Plagwitz. Sie bereite potentielle StudentInnen in sechs Monaten auf die Aufnahmeprüfung an einer Akademie vor, "die eigentlich nur zu schaffen ist, wenn man die Inhalte des Studiums bereits kennt". "Eine Vorbereitungsfactory frei nach Warhol" schreibt Leppich. Gelehrt werde nicht das Zeichnen, sondern das Verständnis davon, wie das Konstruieren funktioniert, außerdem werde "Schluss gemacht" mit falschen Bildern vom (Industrie-)Design. Aus derzeit sechs Schülern sollen einmal vierzig werden, das Ziel ist, alle an einer Akademie unterzubringen.
Das Landeskunstmuseum Moritzburg in Halle steht vor dem finanziellen Kollaps, berichtet Bernd Lähne. Das Kultusministerium, das einerseits den Vorsitzenden des Stiftungsrats, andererseits mit der Stiftungsaufsicht selbst betraut ist, hatte lange von Unregelmäßigkeiten gewusst, sie aber vor den Landtagsabgeordneten verschwiegen. Nun legt man Hoffnung in die Stiftung Dome und Schlösser, die seit Anfang 2010 für die Moritzburg zuständig sei. Ob der Verwaltungsumbau rechtzeitig kommen wird, um die Finanzen stabilisieren zu können, sei allerdings ungewiss. Derzeit werden Prüfberichte abgewartet.
Kerstin Leppich berichtet über die jüngst eröffnete Leipzig School of Design in Plagwitz. Sie bereite potentielle StudentInnen in sechs Monaten auf die Aufnahmeprüfung an einer Akademie vor, "die eigentlich nur zu schaffen ist, wenn man die Inhalte des Studiums bereits kennt". "Eine Vorbereitungsfactory frei nach Warhol" schreibt Leppich. Gelehrt werde nicht das Zeichnen, sondern das Verständnis davon, wie das Konstruieren funktioniert, außerdem werde "Schluss gemacht" mit falschen Bildern vom (Industrie-)Design. Aus derzeit sechs Schülern sollen einmal vierzig werden, das Ziel ist, alle an einer Akademie unterzubringen.
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