Islam und Gewalt, ja, geiles Thema! Familienministerin Kristina Schröder musste noch schnell draufspringen, bevor die Sarrazinwelle abebbt. Doch "Integration ist ein Thema, das die Menschen bewegt", sagt Schröder. Nur: Gewalt? Integration? Sind Kriminelle einfach nicht integriert? Eine interessante Fragestellung, wenn man sie auch mal auf Biodeutsche anwendete. Kristina Schröder kann die Frage, was für einen Zusammenhang sie zwischen beiden erkennt, nicht beantworten. Sie will ja auch nur, schreibt Jochen Neumeyer, zwei Studien vorstellen, die den Zusammenhang zwischen islamischer Religiosität und Gewaltanwendung belegen sollen. Doch beide Studien können dies nicht. Jedenfalls nicht, sofern man seriöse Ansprüche stellt.
Kristina Schröder reicht es möglicherweise aus, die Begriffe "Islam" und "Gewalt" überhaupt in einen Zusammenhang zu bringen. Da klingelt es doch bei erfahrenen BILD-Lesern, RTL-Guckern und Alltagsrassisten. Was braucht es Begründungen. Die Synapsen geraten förmlich in einen Massencrashtest auf den Kreuzungen der Nervenzellen im Stammhirn. Die Studien jedenfalls präsentieren Gründe, warum etwas sein könnte, wenn die angenommene Vermutung als wahr angenommen würde. Gründe, warum muslimische Männer gewalttätig sein könnten, wenn man einen solchen Zusammenhang herstellten würde. Aber was sollen Studien mit dergleichen Inhalten? O.k., die Wissenschaftler verdienen Geld. Also tun sies.
Die erste Studie hatte zwei Wochen Zeit, Ergebnisse zu finden. Und gab deshalb nur frühere Studien zu dem Thema wieder. Der Autor der zweiten Studie, der Dortmunder Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak, sagte zu einer Journalistin, die belastbare Zahlen wollte: "Es gibt keine Zahl, wonach Muslime eine höhere Gewaltbereitschaft haben. Ansonsten haben wir keine belastbaren Zahlen." Und wenn Sie nur auf der Suche nach solchen Zahlen sei, "müsse Sie anderweitig berichten oder auf eine Berichterstattung verzichten." Aber diese "Ergebnisse" wollte sich Schröder nicht anhören, sie rauschte davon, zu einer Abstimmung im Bundestag. Dann eben notfalls ohne Zahlen. Passt schon.
Ab morgen ist das Papstporträt von Michael Triegel im Leipziger Bildermuseum zu sehen. Aber dieses Bild ist vor allem Anlass und gleichzeitig "Plakat" der Ausstellung "Verwandlung der Götter", die eine repäsentative Auswahl von etwa 80 Bildern aus der Feder des Leipziger Malers seit 1993 zeigt. Meinhard Michael hat sie gesehen. Der Maler, der sich nicht in die Leipziger Schule eingemeinden lassen will, male sich häufig in der Figur des Prometheus, Christus oder heiliger Michael, und besitze laut Michael eine beinahe messianische, "fulminante, mit Ironie und Bescheidenheit getarnte Hybris". Malerisch jongliere er "zu viel mit allzu strapazierten Symbolen" und befinde sich in den Gedankenspielen seiner Bilder "ganz fern der Gegenwart". Zwar würden Triegels Porträts als "sehr lebensnah" gelobt, doch in seinen Bildern fordere er von sich die "Rührung des Herzens", ohne zu beachten, dass diese selbst in klassischen Formen nur Hüllen eines Rollenspiels darstellten. Triegel, der den seit der Moderne, gar der Postmoderne, gerissenen Faden zu der guten alten Zeit der altmeisterlichen Malerei wieder knüpfen möchte, schöpfe seinen Mut dazu aus "den Bibliotheken und aus der Akademie der schönen Künste". Darin, dass diese "Wahl" eine "Ohnmacht" des Malers ausdrücke, stecke die "Authentizität dieser Malerei". Und dann endet Meinhard Michael mit dem furchtbaren Verriss: "Was an ihr hohl scheint, ist das Echte, der Rest aber ist sehr gut."
In der Glosse "ausgepresst" kanzelt Janina Fleischer Elke Heidenreichs allzu pathetisch-naive Opernliebe ab, weil die Heidenreich ihr eigenes und das Geständnis manch anderer Prominenter als Waffe im Kampf gegen die allerorten grassierenden Sparmaßnahmen bei Opern für wirksamer hält als die ständigen "Appelle, Erklärungen, Demonstrationen". Ein bisschen Liebe...
Peter Korfmacher wirbt mit seiner Begeisterung ("das läßt den Atem stocken" usw.) für den, nein, nicht Pianisten, sondern "Musiker" Arcadi Volodos, der u.a. den Mittelteil des ersten Klavierkonzerts von Peter Tschaikowsky "in die Moderne schubse", abermals für das Benefizkonzert zugunsten der Stiftung "Leipzig hilft Kindern".
Bernd Locker unternimmt seltsame Verrenkungen, etwas nicht als zu benennen, was es selbst durch die Blume formuliert scheint: langweilige und schlechte Comedy. Das gilt der neunten Folge der Dinnershow "Gans ganz anders" des Krystallpalast Varietè (Regie: Volker Insel) unter dem Titel "American Christmas oder Hilfe, die Amis kommen". Die Dinnershow erinnert ein wenig an Karneval für den Osten, irgendwie kein Zirkus, kein Theater, keine Comedy. Ein Unterhaltungs-Klimbim ohne Sexappeal.
Sibylle Peine verreisst Peter Longerichs Biografie über Josef Goebbels, die er nach dem vollständigen Erscheinen von dessen 25-bändigen Tagebüchern verfasst hatte. Longerich habe sich "allzu sehr von den Tagebüchern faszinieren lassen". Das Leben des "zutiefst unsicheren und narzisstischen" Goebbels habe er "fast nur aus den Augen des Propagandaministers erzählt".
Und ein Leserbrief reflektiert die gegenwärtige Entmachtung Michael Fabers als Kulturbürgermeister: "Wer wacht noch über demokratische Normen, Loyalität, die Faber mindestens gegönnt seien, und was für eine Stille unter den Kreativen und Intellektuellen. Nachdenken über Leipzig oder abwenden mit Grausen?"
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Samstag, 27. November 2010
Freitag, 8. Oktober 2010
lvz kultur vom 08.10.10:Streiflicht in der lvz, 50 Jahre Opernhaus & Biganzolis Meistersinger
Was für ein Glück. Dachte schon, die lvz schwächelt, als gestern bis weit nach Mitternacht keine Zeitung online ging. Ob die Buchmesse alle besoffen macht? Der Literatur-Nobelpreis? Die Vorfeiern zum 50. Opernjubiläum? Nichts da. Alles ist wieder gut in am digitalen Vorfreitag. Oder fast. Denn der Berg kreißte und presste, naja, einen tollen Artikel aus: Er ist von Jürgen Kleindienst, diesmal in der Rubrik, die auf gut sächsisch "Halogenscheinwerfer" heissen könnte, solange die lvz das Licht weiterhin nicht in Streifen fallen lassen will. Wie sich jkl über den Islam, seine Besitzergreifung Deutschlands bei gleichzeitiger Verweigerung von Bratwurst-, Sauerkraut- und Grundgesetzeinnahme hermacht, verhält sich zu jeder sarrazinesken Argumentation wie ein Meeresleuchten zu 6V-Taschenlampengefunzel.
Der Rest des lvz kulturteils flacht leider ab.
Skurril der Bericht über die Vorfreude auf den 50. Operngeburtstag, den Stephanie Olivia Schreier in ihrem Text über das Ehepaar Langhammer verfasst. Als eine der wenigen "Zivil-Zuschauer" erlebten die Werktätigen Thea und Günther, sie in cremefarbenem Kleid mit goldenen Fäden, er im Smoking, die damalige Eröffnung des neuen Opernhauses mit Wagners "Meistersinger" und parkten seinerzeit ihren nagelneuen Trabant in einer Reihe mit den Regierungskarossen. Heute, wo die Menschen "in Blaumann" und in "Tennisschuhen" statt Politbürozwirn die Oper besuchten, wären ihnen die Aufführungen vergällt.
Passend zu dieser erhebenden damaligen Erfahrung schildert Thomas Mayer, wie am 9. Oktober 1960 die Eröffnung der Oper vonstatten ging. Generalintendant Karl Kayser etwa trug ein Gedicht aus der Feder Max Zimmerings vor, Gewandhauskapellmeister Franz Konwitschny verglich die phantastische Akustik der Oper mit dem Resonanzboden einer Geige und Theater-Professor Hans Rodenberg fragte rhetorisch, ob "irgendjemandes Phantasie ausreichte, sich vorzustellen, dass nach einem solchen Bau Konrad Adenauer Bauarbeiter einladen könne." Wahrlich nicht, aber Rodenberg selbst wohl auch nicht, denn diese Geste scheint ebenso berichtenswert wie wohlkalkuliert gewesen zu sein, so wie heute jede Mitarbeiterehrung für 30-jährige Betriebszugehörigkeit. Walter Ulbricht liess sich noch zum Bonmot hinreissen, dass "Adenauer schließlich kein Holzarbeiter sei, sondern auf dem Holzwege".
Mayers triumphaler Schlusssatz, dass damals "die Hälfte eines Opernplatzes der Besucher bezahlte, die anderen 50% der Staat", lässt auf einen ungebrochen fortschreitenden Sozialismus schließen, denn die Staatsquote erreicht heute etwa 85%.
Am heutigen 9. Oktober führt Jochen Biganzoli Regie beim Wiedergänger von Wagners "Meistersinger"-Aufführung. Im Gespräch mit Peter Korfmacher erläutert der Regisseur, warum er die "deutsche Nationaloper schlechthin" als "Utopie einer Gesellschaft, in der Kunst und Kultur eine identitätsstiftende Rolle spielen" ansieht. Und gleichzeitig als Kern des Stücks eine kammerspielartige Liebesgeschichte ausmacht, die Dreiecksgeschichte zwischen Sachs, Beckmesser und Walther. Sie zeige "Situationskomik mit Hintersinn, im Loriotschen Sinne". Endlich begreift jemand das wahre deutsche Wesen. Vielleicht gewährt Sebastian Hartmann diesem Vorzeigedeutschen Asyl? Kommt es daraufhin doch noch zur Fusion von Oper und Schauspielhaus? Beim Thema Deutschland bleibt kein Auge trocken und keine Grenze sicher.
Der Rest des lvz kulturteils flacht leider ab.
Skurril der Bericht über die Vorfreude auf den 50. Operngeburtstag, den Stephanie Olivia Schreier in ihrem Text über das Ehepaar Langhammer verfasst. Als eine der wenigen "Zivil-Zuschauer" erlebten die Werktätigen Thea und Günther, sie in cremefarbenem Kleid mit goldenen Fäden, er im Smoking, die damalige Eröffnung des neuen Opernhauses mit Wagners "Meistersinger" und parkten seinerzeit ihren nagelneuen Trabant in einer Reihe mit den Regierungskarossen. Heute, wo die Menschen "in Blaumann" und in "Tennisschuhen" statt Politbürozwirn die Oper besuchten, wären ihnen die Aufführungen vergällt.
Passend zu dieser erhebenden damaligen Erfahrung schildert Thomas Mayer, wie am 9. Oktober 1960 die Eröffnung der Oper vonstatten ging. Generalintendant Karl Kayser etwa trug ein Gedicht aus der Feder Max Zimmerings vor, Gewandhauskapellmeister Franz Konwitschny verglich die phantastische Akustik der Oper mit dem Resonanzboden einer Geige und Theater-Professor Hans Rodenberg fragte rhetorisch, ob "irgendjemandes Phantasie ausreichte, sich vorzustellen, dass nach einem solchen Bau Konrad Adenauer Bauarbeiter einladen könne." Wahrlich nicht, aber Rodenberg selbst wohl auch nicht, denn diese Geste scheint ebenso berichtenswert wie wohlkalkuliert gewesen zu sein, so wie heute jede Mitarbeiterehrung für 30-jährige Betriebszugehörigkeit. Walter Ulbricht liess sich noch zum Bonmot hinreissen, dass "Adenauer schließlich kein Holzarbeiter sei, sondern auf dem Holzwege".
Mayers triumphaler Schlusssatz, dass damals "die Hälfte eines Opernplatzes der Besucher bezahlte, die anderen 50% der Staat", lässt auf einen ungebrochen fortschreitenden Sozialismus schließen, denn die Staatsquote erreicht heute etwa 85%.
Am heutigen 9. Oktober führt Jochen Biganzoli Regie beim Wiedergänger von Wagners "Meistersinger"-Aufführung. Im Gespräch mit Peter Korfmacher erläutert der Regisseur, warum er die "deutsche Nationaloper schlechthin" als "Utopie einer Gesellschaft, in der Kunst und Kultur eine identitätsstiftende Rolle spielen" ansieht. Und gleichzeitig als Kern des Stücks eine kammerspielartige Liebesgeschichte ausmacht, die Dreiecksgeschichte zwischen Sachs, Beckmesser und Walther. Sie zeige "Situationskomik mit Hintersinn, im Loriotschen Sinne". Endlich begreift jemand das wahre deutsche Wesen. Vielleicht gewährt Sebastian Hartmann diesem Vorzeigedeutschen Asyl? Kommt es daraufhin doch noch zur Fusion von Oper und Schauspielhaus? Beim Thema Deutschland bleibt kein Auge trocken und keine Grenze sicher.
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