Gegen die Katholische Kirche ist Hosni Mubarak ein Jungfossil. Versteinert sind sie beide. Parallel zu den Massendemonstrationen in Ägypten gibt es in der Kirche nun einen an Aufruhr erinnernden theologischen Massenprotest. „Die Kirche muss die Zeichen verstehen und selbst aus verknöcherten Strukturen ausziehen, um neue Lebenskraft und Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen“, schreiben 144 katholische Theologieprofessoren in einem Memorandum. Sie protestieren gegen das Zölibat, die erzwungene Ehelosigkeit der Priester, und auch gegen das Verbot weiblicher Priester.
Man darf gespannt sein, ob das orthodoxe Vatikan statt mit Steinen, Gewehren und Schlagstöcken nun mit fürsorglichen Gesprächen und Exkommunikationen auf den Protest reagieren wird oder ob sie bis zum Besuch des Papstes in Deutschland schweigen werden.
Lena Meyer-Landrut gewährte Imre Grimm ein gar nicht mal kurzes Interview. Ob es nun gehalten worden wäre oder nicht, den Unterschied können wohl nur die Erbsenzähler der veröffentlichten Peinlichkeiten ermessen. Der investigative Teil des Interviews endet bei der Frage nach einem Stimmtraining. Ja, schon, meint Lena, bisschen Unterricht, was Stimmeaufwärmen und Abklingenlassen betrifft, hätte sie, aber „bloß leider nicht so viel Bock“ darauf. Lena verweist gefühlte siebzehnmal darauf, dass sie sich – anders als Britney Spears - schließlich weiterentwickle, älter, reifer werde. Das wirkt sich zwar nicht erkennbar aus. Also muss sie noch einen Grund zum Älterwerden nachschieben: Sie hätte ebenso „einfach keinen Bock darauf, jahrelang 18 zu sein“. Deshalb hat sie nun beschlossen, 20 zu werden. Das übrigens auch, weil sie Geburtstage „immer toll finde“, ja, „ich liebe Geburtstage über alles, wirklich“. Auch in Oslo mussten schon alle Leute an ihrem Geburtstag Partyhütchen tragen, das war einfach geil. Ansonsten muss Lena aufpassen, dass Stefan Raab sie künftig nicht an Kehrblech und Wischmob fesselt, denn Lena gibt zu, dass ihr während der Hausarbeit „eine Melodie eingefallen sei und sie sich daraufhin irgendwelche Worthülsen überlegt habe.“ Die hat sie sogleich auf ihr iPhone aufgenommen, hat in einem Akt schieren Wagemuts ihren „inneren Schweinehund überwunden“ und das Lied Stefan Raab vorgespielt. Nun will sie weitermachen mit dem Liederschreiben. Das haben wir nun davon. Eine Hoffnung: Vielleicht muss sie ja noch nebenbei putzen gehen.
Herzlichen Glückwunsch, Frau Grimm, zum Zeilenhonorar!
Tatjana Böhmer-Meine hat ein Großes Concert im Gewandhaus erlebt, und einen „angenehm kurzweiligen“ und zugleich „angenehm fassbaren“ Abend erlebt. Die Musik von Schönberg, Strauss und Mendelssohn hätte sie unter dem Stichwort ‚Traum, Nacht, Tod, Todessehnsucht, Verklärung, Romantisch und postromantisch gesehen und gedeutet. Dirigent Sinaisky trug „glücklicherweise“ nicht „zu dick“ auf, er habe vielmehr „Opulenz ohne Lärm“ erlebt, danach klingt nun das Intro im Theaterhaus „gediegen und gesetzt“.
Spiegel TV ist auf dem besten Weg, die Geschmacklosigkeit des Jahres in den eigenen Reihen zu halten. Es geht um den fleischlosen Führer, dessen Reizdarm, vegetarische Essgewohnheiten und Blähungen Adolf Hitlers, die einfach nicht verschwänden. Jürgen Kleindienst wollte fast schon einen Diätplan nach neusten Errungenschaften für die heutigen Stars und Sternchen kreieren. Bis jkl noch mit halbem Ohr am Fernseher hängend die Schlussspointe mitbekam, dass nach dem vegetarischen Mahl „die Inkarnation des Bösen sich ohne Reue eine Kugel in den Kopf geschossen habe.“ Also lieber doch noch mal abwarten, Nicht, dass der lvz die Promis ausgehen!
Das Krystallpalast Varieté hat nach dem Vorbild der Zaubershow nun ein Konzertvarieté voller singenden, klingender Varietékünstler engagiert. Bernd Locker beurteilt den musikalischen Part als „ganz anständig“, immerhin sei „das Gewandhaus gleich um die Ecke.“ Der Rest, insbesondere „das Szenische, klappert gewaltig“, kein aufregender Rhythmus, kein „flüssiger Handlungsablauf“, Gesichter hinter „italienischen Karnevalsmasken“ gemeinsam mit den artistischen und solistischen Minus-Programmpunkten (…).
Aus Anlass einer Veranstaltung zur Editionsgeschichte von Wolfgang Hilbigs „StimmeStimme“, wird Wolfgang Hilbigs Tod von 2007 Gegenstand eines Gedichts von Thomas Böhme, ein Schriftsteller-Kollege Hilbigs: „Die Finsternis/ hat ihre zärtlichste Stimme verloren“ heißt es in „Wolfgang Hilbig ist tot“. Der Rest der Veranstaltung blieb einigermaßen kryptisch. Claudia Panzner meint, „ein Gesamtüberblick, eine Einführung in den ‚StimmeStimme-Band’ fehlt, Kenntnisse der Zeit und der Zensurvorgänge, der Namen und Ereignisse werden vorausgesetzt. Transparenz fehlt oder geht durch die hohe Erwartungshaltung an das Publikum verloren.“ Nur Referent (und Hilbig-Lektor) Hubert Witt ist überrascht: „Ich konnte nicht ahnen, wie viele genauer Bescheid wissen als ich.“
Elfriede Jelineks „Winterreise“, ein 77-seitiger wortgewaltiger Monolog, hat unter der Regie von Johan Simon Premiere an den Münchner Kammerspielen gefeiert. Von Empörung, der bevorzugten Währung bei Jelinek-Uraufführungen, keine Spur. Tragisch wurde die Komödie wie von Simon versprochen immer dann, wenn Jelinek „persönlich wird“. Also durchaus häufig, wie Britta Schultejans meint, denn die Winterreise „gilt als sehr stark autobiografisch beeinflusst.“
Steffen Georgi hat im Westflügel das Gastspiel von Thalias Kompagnons mit „Kafkas Schloss“ gesehen. Und war nicht nur vom Text hingerissen. „Die schöne, weil dem Stoff bestens angemessene Doppelbödigkeit dieser Inszenierung nun ist, dass Vogt, hinfort der Puppenspieler, seine Performance selbst so anzulegen vermag, als würde er gespielt werden.“ Und: „Vogt beherrscht das so gut, dass er seinen Figuren mitunter fast ein wenig die Show stiehlt.“ Aber nur fast.
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Samstag, 5. Februar 2011
lvz kultur vom 5.2.11: Zwischen Partyhütchen und Wischmob. Lena. Krystallpalast. Hilbig.
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Samstag, 27. November 2010
lvz kultur vom 27.11.10: Islam & Gewalt und Michael Triegel,
Islam und Gewalt, ja, geiles Thema! Familienministerin Kristina Schröder musste noch schnell draufspringen, bevor die Sarrazinwelle abebbt. Doch "Integration ist ein Thema, das die Menschen bewegt", sagt Schröder. Nur: Gewalt? Integration? Sind Kriminelle einfach nicht integriert? Eine interessante Fragestellung, wenn man sie auch mal auf Biodeutsche anwendete. Kristina Schröder kann die Frage, was für einen Zusammenhang sie zwischen beiden erkennt, nicht beantworten. Sie will ja auch nur, schreibt Jochen Neumeyer, zwei Studien vorstellen, die den Zusammenhang zwischen islamischer Religiosität und Gewaltanwendung belegen sollen. Doch beide Studien können dies nicht. Jedenfalls nicht, sofern man seriöse Ansprüche stellt.
Kristina Schröder reicht es möglicherweise aus, die Begriffe "Islam" und "Gewalt" überhaupt in einen Zusammenhang zu bringen. Da klingelt es doch bei erfahrenen BILD-Lesern, RTL-Guckern und Alltagsrassisten. Was braucht es Begründungen. Die Synapsen geraten förmlich in einen Massencrashtest auf den Kreuzungen der Nervenzellen im Stammhirn. Die Studien jedenfalls präsentieren Gründe, warum etwas sein könnte, wenn die angenommene Vermutung als wahr angenommen würde. Gründe, warum muslimische Männer gewalttätig sein könnten, wenn man einen solchen Zusammenhang herstellten würde. Aber was sollen Studien mit dergleichen Inhalten? O.k., die Wissenschaftler verdienen Geld. Also tun sies.
Die erste Studie hatte zwei Wochen Zeit, Ergebnisse zu finden. Und gab deshalb nur frühere Studien zu dem Thema wieder. Der Autor der zweiten Studie, der Dortmunder Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak, sagte zu einer Journalistin, die belastbare Zahlen wollte: "Es gibt keine Zahl, wonach Muslime eine höhere Gewaltbereitschaft haben. Ansonsten haben wir keine belastbaren Zahlen." Und wenn Sie nur auf der Suche nach solchen Zahlen sei, "müsse Sie anderweitig berichten oder auf eine Berichterstattung verzichten." Aber diese "Ergebnisse" wollte sich Schröder nicht anhören, sie rauschte davon, zu einer Abstimmung im Bundestag. Dann eben notfalls ohne Zahlen. Passt schon.
Ab morgen ist das Papstporträt von Michael Triegel im Leipziger Bildermuseum zu sehen. Aber dieses Bild ist vor allem Anlass und gleichzeitig "Plakat" der Ausstellung "Verwandlung der Götter", die eine repäsentative Auswahl von etwa 80 Bildern aus der Feder des Leipziger Malers seit 1993 zeigt. Meinhard Michael hat sie gesehen. Der Maler, der sich nicht in die Leipziger Schule eingemeinden lassen will, male sich häufig in der Figur des Prometheus, Christus oder heiliger Michael, und besitze laut Michael eine beinahe messianische, "fulminante, mit Ironie und Bescheidenheit getarnte Hybris". Malerisch jongliere er "zu viel mit allzu strapazierten Symbolen" und befinde sich in den Gedankenspielen seiner Bilder "ganz fern der Gegenwart". Zwar würden Triegels Porträts als "sehr lebensnah" gelobt, doch in seinen Bildern fordere er von sich die "Rührung des Herzens", ohne zu beachten, dass diese selbst in klassischen Formen nur Hüllen eines Rollenspiels darstellten. Triegel, der den seit der Moderne, gar der Postmoderne, gerissenen Faden zu der guten alten Zeit der altmeisterlichen Malerei wieder knüpfen möchte, schöpfe seinen Mut dazu aus "den Bibliotheken und aus der Akademie der schönen Künste". Darin, dass diese "Wahl" eine "Ohnmacht" des Malers ausdrücke, stecke die "Authentizität dieser Malerei". Und dann endet Meinhard Michael mit dem furchtbaren Verriss: "Was an ihr hohl scheint, ist das Echte, der Rest aber ist sehr gut."
In der Glosse "ausgepresst" kanzelt Janina Fleischer Elke Heidenreichs allzu pathetisch-naive Opernliebe ab, weil die Heidenreich ihr eigenes und das Geständnis manch anderer Prominenter als Waffe im Kampf gegen die allerorten grassierenden Sparmaßnahmen bei Opern für wirksamer hält als die ständigen "Appelle, Erklärungen, Demonstrationen". Ein bisschen Liebe...
Peter Korfmacher wirbt mit seiner Begeisterung ("das läßt den Atem stocken" usw.) für den, nein, nicht Pianisten, sondern "Musiker" Arcadi Volodos, der u.a. den Mittelteil des ersten Klavierkonzerts von Peter Tschaikowsky "in die Moderne schubse", abermals für das Benefizkonzert zugunsten der Stiftung "Leipzig hilft Kindern".
Bernd Locker unternimmt seltsame Verrenkungen, etwas nicht als zu benennen, was es selbst durch die Blume formuliert scheint: langweilige und schlechte Comedy. Das gilt der neunten Folge der Dinnershow "Gans ganz anders" des Krystallpalast Varietè (Regie: Volker Insel) unter dem Titel "American Christmas oder Hilfe, die Amis kommen". Die Dinnershow erinnert ein wenig an Karneval für den Osten, irgendwie kein Zirkus, kein Theater, keine Comedy. Ein Unterhaltungs-Klimbim ohne Sexappeal.
Sibylle Peine verreisst Peter Longerichs Biografie über Josef Goebbels, die er nach dem vollständigen Erscheinen von dessen 25-bändigen Tagebüchern verfasst hatte. Longerich habe sich "allzu sehr von den Tagebüchern faszinieren lassen". Das Leben des "zutiefst unsicheren und narzisstischen" Goebbels habe er "fast nur aus den Augen des Propagandaministers erzählt".
Und ein Leserbrief reflektiert die gegenwärtige Entmachtung Michael Fabers als Kulturbürgermeister: "Wer wacht noch über demokratische Normen, Loyalität, die Faber mindestens gegönnt seien, und was für eine Stille unter den Kreativen und Intellektuellen. Nachdenken über Leipzig oder abwenden mit Grausen?"
Kristina Schröder reicht es möglicherweise aus, die Begriffe "Islam" und "Gewalt" überhaupt in einen Zusammenhang zu bringen. Da klingelt es doch bei erfahrenen BILD-Lesern, RTL-Guckern und Alltagsrassisten. Was braucht es Begründungen. Die Synapsen geraten förmlich in einen Massencrashtest auf den Kreuzungen der Nervenzellen im Stammhirn. Die Studien jedenfalls präsentieren Gründe, warum etwas sein könnte, wenn die angenommene Vermutung als wahr angenommen würde. Gründe, warum muslimische Männer gewalttätig sein könnten, wenn man einen solchen Zusammenhang herstellten würde. Aber was sollen Studien mit dergleichen Inhalten? O.k., die Wissenschaftler verdienen Geld. Also tun sies.
Die erste Studie hatte zwei Wochen Zeit, Ergebnisse zu finden. Und gab deshalb nur frühere Studien zu dem Thema wieder. Der Autor der zweiten Studie, der Dortmunder Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak, sagte zu einer Journalistin, die belastbare Zahlen wollte: "Es gibt keine Zahl, wonach Muslime eine höhere Gewaltbereitschaft haben. Ansonsten haben wir keine belastbaren Zahlen." Und wenn Sie nur auf der Suche nach solchen Zahlen sei, "müsse Sie anderweitig berichten oder auf eine Berichterstattung verzichten." Aber diese "Ergebnisse" wollte sich Schröder nicht anhören, sie rauschte davon, zu einer Abstimmung im Bundestag. Dann eben notfalls ohne Zahlen. Passt schon.
Ab morgen ist das Papstporträt von Michael Triegel im Leipziger Bildermuseum zu sehen. Aber dieses Bild ist vor allem Anlass und gleichzeitig "Plakat" der Ausstellung "Verwandlung der Götter", die eine repäsentative Auswahl von etwa 80 Bildern aus der Feder des Leipziger Malers seit 1993 zeigt. Meinhard Michael hat sie gesehen. Der Maler, der sich nicht in die Leipziger Schule eingemeinden lassen will, male sich häufig in der Figur des Prometheus, Christus oder heiliger Michael, und besitze laut Michael eine beinahe messianische, "fulminante, mit Ironie und Bescheidenheit getarnte Hybris". Malerisch jongliere er "zu viel mit allzu strapazierten Symbolen" und befinde sich in den Gedankenspielen seiner Bilder "ganz fern der Gegenwart". Zwar würden Triegels Porträts als "sehr lebensnah" gelobt, doch in seinen Bildern fordere er von sich die "Rührung des Herzens", ohne zu beachten, dass diese selbst in klassischen Formen nur Hüllen eines Rollenspiels darstellten. Triegel, der den seit der Moderne, gar der Postmoderne, gerissenen Faden zu der guten alten Zeit der altmeisterlichen Malerei wieder knüpfen möchte, schöpfe seinen Mut dazu aus "den Bibliotheken und aus der Akademie der schönen Künste". Darin, dass diese "Wahl" eine "Ohnmacht" des Malers ausdrücke, stecke die "Authentizität dieser Malerei". Und dann endet Meinhard Michael mit dem furchtbaren Verriss: "Was an ihr hohl scheint, ist das Echte, der Rest aber ist sehr gut."
In der Glosse "ausgepresst" kanzelt Janina Fleischer Elke Heidenreichs allzu pathetisch-naive Opernliebe ab, weil die Heidenreich ihr eigenes und das Geständnis manch anderer Prominenter als Waffe im Kampf gegen die allerorten grassierenden Sparmaßnahmen bei Opern für wirksamer hält als die ständigen "Appelle, Erklärungen, Demonstrationen". Ein bisschen Liebe...
Peter Korfmacher wirbt mit seiner Begeisterung ("das läßt den Atem stocken" usw.) für den, nein, nicht Pianisten, sondern "Musiker" Arcadi Volodos, der u.a. den Mittelteil des ersten Klavierkonzerts von Peter Tschaikowsky "in die Moderne schubse", abermals für das Benefizkonzert zugunsten der Stiftung "Leipzig hilft Kindern".
Bernd Locker unternimmt seltsame Verrenkungen, etwas nicht als zu benennen, was es selbst durch die Blume formuliert scheint: langweilige und schlechte Comedy. Das gilt der neunten Folge der Dinnershow "Gans ganz anders" des Krystallpalast Varietè (Regie: Volker Insel) unter dem Titel "American Christmas oder Hilfe, die Amis kommen". Die Dinnershow erinnert ein wenig an Karneval für den Osten, irgendwie kein Zirkus, kein Theater, keine Comedy. Ein Unterhaltungs-Klimbim ohne Sexappeal.
Sibylle Peine verreisst Peter Longerichs Biografie über Josef Goebbels, die er nach dem vollständigen Erscheinen von dessen 25-bändigen Tagebüchern verfasst hatte. Longerich habe sich "allzu sehr von den Tagebüchern faszinieren lassen". Das Leben des "zutiefst unsicheren und narzisstischen" Goebbels habe er "fast nur aus den Augen des Propagandaministers erzählt".
Und ein Leserbrief reflektiert die gegenwärtige Entmachtung Michael Fabers als Kulturbürgermeister: "Wer wacht noch über demokratische Normen, Loyalität, die Faber mindestens gegönnt seien, und was für eine Stille unter den Kreativen und Intellektuellen. Nachdenken über Leipzig oder abwenden mit Grausen?"
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Samstag, 20. November 2010
lvz kultur vom 20.11.10: Tolstoi, Katja Ebstein & die Zaubershow des Stefan Billig
Ist die Zeit gekommen für eine Neuentdeckung des rigorosen Moralisten und Gesellschaftskritikers Lew Tolstoi? Weit über 50 Jahre nach seinem Erscheinen (!) veröffentlicht der Aufbau-Verlag, im Blick den 100. Todestag von Lew Tolstoi, unter dem Titel "Entlasse mich aus deinem Herzen" Aufzeichnungen des russischen Pianisten, Komponisten und Tolstoi-Vertrauten Alexander Goldenweiser, neu ins Deutsche übersetzt. Es geht um Tolstois Streit mit seiner Frau, Vorwürfe und Kränkungen, seinen Tod, die Konflikte um das Erbe. In ihrem Bericht gibt Janina Fleischer ein gutes Beispiel dafür ab, wie das Interesse an einem radikalen und unbestritten genialen Romancier heute zu erwecken ist: Durch Klatsch und Tratsch. Denn dass Goldenweisers Aufzeichnungen - Fleischer verschweigt übrigens den Namen des Übersetzers - durch seine Verehrung für Tolstoi stark gefärbt und von Unparteilichkeit weit entfernt sind, ist ihr klar. "Wer mit Tolstoi war, der war gegen die Tolstaja", schreibt Fleischer. Und versucht, wenigstens als kritische Leserin der biografische Züge besitzenden "Kreutzersonate" von Tolstoi und der literarischen Antwort der Tolstaja ("Eine Frage der Schuld"), die Fronten abzustecken. Ob auf diesem Umweg ein Interesse für den radikalen Denker, Kritiker der Macht und Gottsucher Tolstoi zu wecken ist, bleibt fraglich.
In einem Interview von Wolfgang Jung mit Tolstois Ururenkel Wladimir Tolstoi vermutet dieser, dass Tolstoi heute für jede Macht ein Ärgernis darstellen würde. "Auch im modernen Amerika wäre er eine Art Staatsfeind. Denn politische Korrektheit war ihm völlig fremd."
Durch den Abschluss eines Haustarifvertrages bis 2016 haben die Mitglieder der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle den Erhalt des Thalia Theaters ermöglicht. Die solidarische Aktion bedeutet Lohnverzicht und Verzicht auf Lohnsteigerungen bei gleichzeitig befristetem Schutz vor Kündigung. Damit haben sich die vereinigten Mitarbeiter deutlich gegen eine Schließung des Thalia Theaters im Handstreich ausgesprochen, wie sie sich Oberbürgermeisterin Szabados und Rolf Stiska, Geschäftsführer der TOO Halle, vorgenommen hatten, um die übrigen Sparten vorerst unbehelligt lassen zu können.
Nach dem Vergleich der zwei Einspielungen des Weihnachtsoratoriums von J.S. Bach beschäftigt Peter Korfmacher nun der Vergleich zweier Konzerte von Beethoven-Klavierkonzerten mit dem Gewandhausorchester. Die portugiesische Pianistin Maria Joao Pires wie auch Hélène Grimaud bevorzugen eine moderne Spielweise, die eine "poetisch und ohne jeden pianistischen Effekt", die andere "forsch bis brutal". Die Dirigenten stellten in beiden Fällen "Bannerträger der historischen Aufführungspraxis" dar. Trevor Pinnock begleitete Pires' "atemberaubend schönes Klavierspiel" doch "etwas hemdsärmelig", Roger Norrington Grimauds auftrumpfendem Spiel im Fünften KK Beethovens mit "zurückhaltenden Pastellfarben". Als Partner von Pires zieht Korfmacher wiederum John Eliot Gardiner Pinnock vor, der zwar "schöne Farben", aber "wenig orchestrale Details" aus dem Spiel der Solistin abzuleiten vermochte.
Bernd Locker war sichtlich beeindruckt von der neuen Zaubershow „Illusia“ im Krystallpalast Varieté. Dass allein mittels Zaubereien ein abendfüllendes Programm von zwei Stunden gefüllt werden könne, ohne sich zu erschöpfen, hat er nicht geahnt. Die „flotte Inszenierung“ Stefan Warmuths verbindet unterschiedlichste Spielarten der Zauberei. „Kleine Geschichten entstehen, verbinden sich zu einem magischen Bilderbogen.“ Na gut, der Satz klingt gut und sagt wenig und auch die Bezeichnungen „klassische Manipulationen“, „Mentalmagie“ und „Großillusionen“ werden erst in der näheren Beschreibung lebendig. Aber alles in allem summieren sie sich „zu einer unterhaltsamen Zaubershow“, für die blocker am liebsten den Titel prägen möchte: „Potter live“.
In ihrem Interview mit Katja Ebstein spielt Peter Korfmacher des Deutschen liebstes Spiel: in Schubladen stecken. Interessiert hat ihn der ehemalige Schlagerstar, das Programm „Na und? Wir leben noch“ klingt für ihn „defätistisch“, ernsthaft resignativ, das Programm passe für ihn leider in keine Schublade, also muss er sich von Ebstein erklären lassen, in welche. Irgendwo zwischen Kabarett, Konzert und Lyrik möchte pk eine Entscheidung haben. Er wüsste nicht, ob eher Musik oder Sprache wichtiger sei in ihrem Programm, weiß aber genau, dass Brecht schon lange tot sei, und was der folglich in dem Programm aus vielen Lebenden suche uswusf. Ebstein redet derweil von „ihren Kumpels aus der Zeit der Friedensbewegung“, dass Udo Lindenberg ein „Lyriker“ sei, deutsche Schlager bessere Texte hätten als französische Chansons und sie selbst bereits 1971 als Trendsetter das erste deutsche Öko-Lied gesungen habe: „Diese Welt“. Sie schließt mit der kühnen Behauptung: „Ich bin heute nicht manipulierbar, und war es damals auch nicht“. Ach ja, s ie tritt heute um 20 Uhr in der Michaeliskirche auf. Ein Hoch auf die neue deutsche Unübersichtlichkeit.
Stefan Billig ist in der CDU. Stefan Billig ist kulturpolitischer Sprecher der CDU. Und Stefan Billig hat endlich nicht mehr nur reden wollen, sondern seine gesammelten Ergüsse auch noch zu Papier bringen müssen. Wäre Stefan Billig Ökonom, könnte man ja wenigstens Witze mit seinem Namen machen. Als Arzt, der er ist, und eben kein Ökonom, wie gesagt, traut er sich weit vor auf fremdes Terrain. Hätte er mehr Ahnung von seinem Gegenstand, müsste man Stefan Billig allerdings wegen Verleumdung oder Ehrabschneidung verklagen. Nicht die lvz, gott bewahre, sondern die l-iz hat etwas ausführlicher über den jüngsten Vorstoß der CDU im Stadtrat berichtet, unter anderem mit Billigs Begründung für eine Strukturreform: „Gerade die Oper als größter Ausgabeposten steht in der aktuellen Etatsituation unter akutem Rechtfertigungsdruck. Die Wirtschaftlichkeit der Häuser allgemein muss schnell und merklich verbessert werden, wenn die künstlerische Substanz bewahrt und weiter entwickelt werden soll.“ Billig verwechselt nicht nur die Höhe der Zuschüsse, des Ausgabenpostens, mit Wirtschaftlichkeit oder Unwirtschaftlichkeit des Hauses allgemein, sondern erdreistet sich unter der Hand, Rechtfertigungsdruck aufzubauen ohne jedes Argument, dass da Missmanagement getrieben würde. Oder hat da die Aufsicht der Häuser, der Oper speziell, versagt? Ist Höhe allein ein Kriterium? Ein negatives zumal? Wer weiß, dass die Theater insbesondere aus Personalkosten bestehen, muss gleichzeitig sagen, welche Kunst man mit wieviel Personal schaffen kann oder soll. Leider gibt es von Seiten der CDU, man betrachte derzeit die unsäglich fachfremde Debatte in Dresden, Hamburg und vielen anderen Städten, keine Äußerung dazu, außer: Stellenabbau. Die gesellschaftspolitische Revolution der CDU, die Vision einer hemmungslos durchkapitalisierten Gesellschaft, die Menschen, Institutionen, Einrichtungen, Körperschaften allein aufgrund ihrer ökonomischen Werte und Unwerte berechnen und beurteilen möchte, ist eine negative Utopie. Angeblich möchte sie die „Substanz bewahren“, dabei zerstört sie diese.
Zum konkreten Fall: In Leipzig möchte Billig ein Stiftungsmodell für die Museen und ein GmbH-Modell für die Theater (Oper Leipzig, Centraltheater, Theater der Jungen Welt, evt. Ballett; aber nicht das Gewandhaus Leipzig!) einführen und zwar schon in acht Monaten, ab August 2011. Kann man diesen (Hobby-)Politiker im Leipziger Stadtrat eigentlich ernstnehmen? Muss man wohl. Siehe Landtag in Dresden, Senat in Hamburg etcpp. Billig möchte ein Geschäftsführermodell an der Spitze, also keinen verantwortlichen Künstler. Ein solcher soll den kaufmännischen Geschäftsführer allerdings beraten, alle drei Jahre ein neuer! Die Spartenleitungen unterhalb der Geschäftsführung bezeichnet Billig etikettenschwindlerisch als Intendanten. Das sind sie beileibe nicht, schließlich buhlen sie mit ihren hauseigenen Intendantenkonkurrenten um die Verteilung der Gelder und sind auch keine Herren im eigenen Haus. Schon dieses Modell ist unfruchtbar. Halle/Saale hat sich 2008 eben diese juristische Konstruktion gegeben. Die dortige Geschäftsführung (Rolf Stiska) hat als erstes wesentliche Versprechungen, die zu Beginn der Zusammenlegung gemacht wurden, ignoriert, über den Haufen geworfen, indem er bei erstbester Gelegenheit das Kinder- und Jugendtheater als kleinste und scheinbar am wenigsten von einer Lobby unterstützte Theater schließen wollte. Abgesehen davon, dass Stiska seine Haufaufgaben (Stellenreduzierung, allerdings nicht im künstlerischen Bereich) einfach nicht gemacht hat, dadurch ein Defizit vorprogrammiert und sehenden Auges (man darf vermuten, gewollt) die Schließung des kleinstes Theaters unter perfidem rhetorischen Ausrutscher (eines von zwei Schauspielhäuser wollte er schließen) betrieben hat. Seine Glaubwürdigkeit ist damit hinüber. Niemand wird einem Geschäftsführer einer Theater GmbH künftig abnehmen, dass er bzw. der Aufsichtsrat unparteiisch und nur nach entsprechender Argumentation gravierende Entscheidungen fällt. Es sind immer die haus- oder stadtinternen Machtverhältnisse oder Vorlieben, die entscheiden. Aber das weiß man alles längst vorher. Wie ein kaufmännischer Geschäftsführer eigentlich Richtlinien vorgeben oder Fragen der Kunst abschließend beurteilen soll, ist ohnehin unvorstellbar.
Das, was die CDU in Person von Stefan Billig vorhat, ist eine gewollte Schädigung der Kunst, eine Beschädigung eines wesentlichen Elements der Gesellschaft, einer von der Politik nur schwer kontrollierbaren Einrichtung. Und genau darum geht es scheinbar in diesem wie in vielen anderen Fällen der Beschneidung gesellschaftlich wichtiger Einrichtungen: Die Durchökonomisierung sämtlicher Bereiche der Gesellschaft soll öffentliche Leistungen zu privat zu erwerbenden Leistungen machen, ob Kultur, Bildung, Gesundheit, Wohnen usw. Alles, was ein Staat seinen Bewohnern, sich selbst, zur Verfügung stellt, wird der Bürger nicht mehr teuer privat erwerben. Das ist der CDU ein Dorn im Auge. Nicht die im Vergleich lächerlichen Zuschüsse für Kultur, Soziales, Bildung etc. Man vergleiche die mit den Subventionen an die größten agrarwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland und Europa, an die Subventionen und die Prostituierung der Städte an Großbetriebe, an Banken, an steuerlich absetzbare Verlustabschreibungen und Gewinn-/Verlustrechnungen von Betrieben usw. Die Ausgaben, über die geredet wird, sind lächerlich im Vergleich. Aber es geht ja auch um das Prinzip. Man will diese großteils freiwilligen Leistungen loswerden.Nicht die „unfreiwilligen“ ändern.Dass wie im sächsischen Kulturraumgesetz auch die gesetzlichen Leistungen hinterrücks gekappt werden, gehört zu dieser Strategie. Hoffentlich ist die Unrechtmäßigkeit des Vorhabens, das Professor Ossenbühl der Novellierung bestätigt hat, noch ein Hebel oder Argument und geht nicht in einer puren Erpressung durch das Land Sachsen unter.
Vielleicht sollte Stefan Billig in der Zaubershow des Krystallpalast Varieté auftreten. Wie lasse ich ruckzuck einzweidrei Theater aus der einen Hand (der öffentlichen) verschwinden und tlasse sie in der anderen (der die dem Kapitalmarkt zugehört) wieder erscheinen. Aber Billigs Kunststückchen erinnern eher an das Schrumpfen von erbeuteten Köpfen, das manche alten Stämme mit eroberten Feinden gerne zelebriert haben. Im Moment ist die CDU eine Partei, die Schrumpfköpfe liebt. Im einen wie im anderen Sinne.
In einem Interview von Wolfgang Jung mit Tolstois Ururenkel Wladimir Tolstoi vermutet dieser, dass Tolstoi heute für jede Macht ein Ärgernis darstellen würde. "Auch im modernen Amerika wäre er eine Art Staatsfeind. Denn politische Korrektheit war ihm völlig fremd."
Durch den Abschluss eines Haustarifvertrages bis 2016 haben die Mitglieder der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle den Erhalt des Thalia Theaters ermöglicht. Die solidarische Aktion bedeutet Lohnverzicht und Verzicht auf Lohnsteigerungen bei gleichzeitig befristetem Schutz vor Kündigung. Damit haben sich die vereinigten Mitarbeiter deutlich gegen eine Schließung des Thalia Theaters im Handstreich ausgesprochen, wie sie sich Oberbürgermeisterin Szabados und Rolf Stiska, Geschäftsführer der TOO Halle, vorgenommen hatten, um die übrigen Sparten vorerst unbehelligt lassen zu können.
Nach dem Vergleich der zwei Einspielungen des Weihnachtsoratoriums von J.S. Bach beschäftigt Peter Korfmacher nun der Vergleich zweier Konzerte von Beethoven-Klavierkonzerten mit dem Gewandhausorchester. Die portugiesische Pianistin Maria Joao Pires wie auch Hélène Grimaud bevorzugen eine moderne Spielweise, die eine "poetisch und ohne jeden pianistischen Effekt", die andere "forsch bis brutal". Die Dirigenten stellten in beiden Fällen "Bannerträger der historischen Aufführungspraxis" dar. Trevor Pinnock begleitete Pires' "atemberaubend schönes Klavierspiel" doch "etwas hemdsärmelig", Roger Norrington Grimauds auftrumpfendem Spiel im Fünften KK Beethovens mit "zurückhaltenden Pastellfarben". Als Partner von Pires zieht Korfmacher wiederum John Eliot Gardiner Pinnock vor, der zwar "schöne Farben", aber "wenig orchestrale Details" aus dem Spiel der Solistin abzuleiten vermochte.
Bernd Locker war sichtlich beeindruckt von der neuen Zaubershow „Illusia“ im Krystallpalast Varieté. Dass allein mittels Zaubereien ein abendfüllendes Programm von zwei Stunden gefüllt werden könne, ohne sich zu erschöpfen, hat er nicht geahnt. Die „flotte Inszenierung“ Stefan Warmuths verbindet unterschiedlichste Spielarten der Zauberei. „Kleine Geschichten entstehen, verbinden sich zu einem magischen Bilderbogen.“ Na gut, der Satz klingt gut und sagt wenig und auch die Bezeichnungen „klassische Manipulationen“, „Mentalmagie“ und „Großillusionen“ werden erst in der näheren Beschreibung lebendig. Aber alles in allem summieren sie sich „zu einer unterhaltsamen Zaubershow“, für die blocker am liebsten den Titel prägen möchte: „Potter live“.
In ihrem Interview mit Katja Ebstein spielt Peter Korfmacher des Deutschen liebstes Spiel: in Schubladen stecken. Interessiert hat ihn der ehemalige Schlagerstar, das Programm „Na und? Wir leben noch“ klingt für ihn „defätistisch“, ernsthaft resignativ, das Programm passe für ihn leider in keine Schublade, also muss er sich von Ebstein erklären lassen, in welche. Irgendwo zwischen Kabarett, Konzert und Lyrik möchte pk eine Entscheidung haben. Er wüsste nicht, ob eher Musik oder Sprache wichtiger sei in ihrem Programm, weiß aber genau, dass Brecht schon lange tot sei, und was der folglich in dem Programm aus vielen Lebenden suche uswusf. Ebstein redet derweil von „ihren Kumpels aus der Zeit der Friedensbewegung“, dass Udo Lindenberg ein „Lyriker“ sei, deutsche Schlager bessere Texte hätten als französische Chansons und sie selbst bereits 1971 als Trendsetter das erste deutsche Öko-Lied gesungen habe: „Diese Welt“. Sie schließt mit der kühnen Behauptung: „Ich bin heute nicht manipulierbar, und war es damals auch nicht“. Ach ja, s ie tritt heute um 20 Uhr in der Michaeliskirche auf. Ein Hoch auf die neue deutsche Unübersichtlichkeit.
Stefan Billig ist in der CDU. Stefan Billig ist kulturpolitischer Sprecher der CDU. Und Stefan Billig hat endlich nicht mehr nur reden wollen, sondern seine gesammelten Ergüsse auch noch zu Papier bringen müssen. Wäre Stefan Billig Ökonom, könnte man ja wenigstens Witze mit seinem Namen machen. Als Arzt, der er ist, und eben kein Ökonom, wie gesagt, traut er sich weit vor auf fremdes Terrain. Hätte er mehr Ahnung von seinem Gegenstand, müsste man Stefan Billig allerdings wegen Verleumdung oder Ehrabschneidung verklagen. Nicht die lvz, gott bewahre, sondern die l-iz hat etwas ausführlicher über den jüngsten Vorstoß der CDU im Stadtrat berichtet, unter anderem mit Billigs Begründung für eine Strukturreform: „Gerade die Oper als größter Ausgabeposten steht in der aktuellen Etatsituation unter akutem Rechtfertigungsdruck. Die Wirtschaftlichkeit der Häuser allgemein muss schnell und merklich verbessert werden, wenn die künstlerische Substanz bewahrt und weiter entwickelt werden soll.“ Billig verwechselt nicht nur die Höhe der Zuschüsse, des Ausgabenpostens, mit Wirtschaftlichkeit oder Unwirtschaftlichkeit des Hauses allgemein, sondern erdreistet sich unter der Hand, Rechtfertigungsdruck aufzubauen ohne jedes Argument, dass da Missmanagement getrieben würde. Oder hat da die Aufsicht der Häuser, der Oper speziell, versagt? Ist Höhe allein ein Kriterium? Ein negatives zumal? Wer weiß, dass die Theater insbesondere aus Personalkosten bestehen, muss gleichzeitig sagen, welche Kunst man mit wieviel Personal schaffen kann oder soll. Leider gibt es von Seiten der CDU, man betrachte derzeit die unsäglich fachfremde Debatte in Dresden, Hamburg und vielen anderen Städten, keine Äußerung dazu, außer: Stellenabbau. Die gesellschaftspolitische Revolution der CDU, die Vision einer hemmungslos durchkapitalisierten Gesellschaft, die Menschen, Institutionen, Einrichtungen, Körperschaften allein aufgrund ihrer ökonomischen Werte und Unwerte berechnen und beurteilen möchte, ist eine negative Utopie. Angeblich möchte sie die „Substanz bewahren“, dabei zerstört sie diese.
Zum konkreten Fall: In Leipzig möchte Billig ein Stiftungsmodell für die Museen und ein GmbH-Modell für die Theater (Oper Leipzig, Centraltheater, Theater der Jungen Welt, evt. Ballett; aber nicht das Gewandhaus Leipzig!) einführen und zwar schon in acht Monaten, ab August 2011. Kann man diesen (Hobby-)Politiker im Leipziger Stadtrat eigentlich ernstnehmen? Muss man wohl. Siehe Landtag in Dresden, Senat in Hamburg etcpp. Billig möchte ein Geschäftsführermodell an der Spitze, also keinen verantwortlichen Künstler. Ein solcher soll den kaufmännischen Geschäftsführer allerdings beraten, alle drei Jahre ein neuer! Die Spartenleitungen unterhalb der Geschäftsführung bezeichnet Billig etikettenschwindlerisch als Intendanten. Das sind sie beileibe nicht, schließlich buhlen sie mit ihren hauseigenen Intendantenkonkurrenten um die Verteilung der Gelder und sind auch keine Herren im eigenen Haus. Schon dieses Modell ist unfruchtbar. Halle/Saale hat sich 2008 eben diese juristische Konstruktion gegeben. Die dortige Geschäftsführung (Rolf Stiska) hat als erstes wesentliche Versprechungen, die zu Beginn der Zusammenlegung gemacht wurden, ignoriert, über den Haufen geworfen, indem er bei erstbester Gelegenheit das Kinder- und Jugendtheater als kleinste und scheinbar am wenigsten von einer Lobby unterstützte Theater schließen wollte. Abgesehen davon, dass Stiska seine Haufaufgaben (Stellenreduzierung, allerdings nicht im künstlerischen Bereich) einfach nicht gemacht hat, dadurch ein Defizit vorprogrammiert und sehenden Auges (man darf vermuten, gewollt) die Schließung des kleinstes Theaters unter perfidem rhetorischen Ausrutscher (eines von zwei Schauspielhäuser wollte er schließen) betrieben hat. Seine Glaubwürdigkeit ist damit hinüber. Niemand wird einem Geschäftsführer einer Theater GmbH künftig abnehmen, dass er bzw. der Aufsichtsrat unparteiisch und nur nach entsprechender Argumentation gravierende Entscheidungen fällt. Es sind immer die haus- oder stadtinternen Machtverhältnisse oder Vorlieben, die entscheiden. Aber das weiß man alles längst vorher. Wie ein kaufmännischer Geschäftsführer eigentlich Richtlinien vorgeben oder Fragen der Kunst abschließend beurteilen soll, ist ohnehin unvorstellbar.
Das, was die CDU in Person von Stefan Billig vorhat, ist eine gewollte Schädigung der Kunst, eine Beschädigung eines wesentlichen Elements der Gesellschaft, einer von der Politik nur schwer kontrollierbaren Einrichtung. Und genau darum geht es scheinbar in diesem wie in vielen anderen Fällen der Beschneidung gesellschaftlich wichtiger Einrichtungen: Die Durchökonomisierung sämtlicher Bereiche der Gesellschaft soll öffentliche Leistungen zu privat zu erwerbenden Leistungen machen, ob Kultur, Bildung, Gesundheit, Wohnen usw. Alles, was ein Staat seinen Bewohnern, sich selbst, zur Verfügung stellt, wird der Bürger nicht mehr teuer privat erwerben. Das ist der CDU ein Dorn im Auge. Nicht die im Vergleich lächerlichen Zuschüsse für Kultur, Soziales, Bildung etc. Man vergleiche die mit den Subventionen an die größten agrarwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland und Europa, an die Subventionen und die Prostituierung der Städte an Großbetriebe, an Banken, an steuerlich absetzbare Verlustabschreibungen und Gewinn-/Verlustrechnungen von Betrieben usw. Die Ausgaben, über die geredet wird, sind lächerlich im Vergleich. Aber es geht ja auch um das Prinzip. Man will diese großteils freiwilligen Leistungen loswerden.Nicht die „unfreiwilligen“ ändern.Dass wie im sächsischen Kulturraumgesetz auch die gesetzlichen Leistungen hinterrücks gekappt werden, gehört zu dieser Strategie. Hoffentlich ist die Unrechtmäßigkeit des Vorhabens, das Professor Ossenbühl der Novellierung bestätigt hat, noch ein Hebel oder Argument und geht nicht in einer puren Erpressung durch das Land Sachsen unter.
Vielleicht sollte Stefan Billig in der Zaubershow des Krystallpalast Varieté auftreten. Wie lasse ich ruckzuck einzweidrei Theater aus der einen Hand (der öffentlichen) verschwinden und tlasse sie in der anderen (der die dem Kapitalmarkt zugehört) wieder erscheinen. Aber Billigs Kunststückchen erinnern eher an das Schrumpfen von erbeuteten Köpfen, das manche alten Stämme mit eroberten Feinden gerne zelebriert haben. Im Moment ist die CDU eine Partei, die Schrumpfköpfe liebt. Im einen wie im anderen Sinne.
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Samstag, 7. August 2010
lvz kultur am 07.08.2010: Fotoagentur Magnum, Krystallpalast Varieté und Filmfestival in Locarno
Das Top-Thema auf den Kulturseiten der heutigen LVZ sind die Arbeiten aus der Fotoagentur Magnum, die zum 10. Geburtstag der Galerie C/O in Berlin ausgestellt sind. Auch wenn Gerald Felber beinahe nostalgisch werden mag über die zur Schau gestellten historischen Magazinbilder, es sind auch moderne Arbeiten, die (ihn) faszinieren. Inmitten der "heutigen müllhaldenartigen Flut" von Bildern könnten einzelne sehr wohl etwas bedeuten, auch wenn sich das typische Magnumbild in der Zeit "moderner Persönlichkeits- und Jugendschutzrechte" gewandelt hat. Es sei artifizieller geworden, zeigt mehr Atmosphäre als Action. Die Magnum-Philosophie bestünde aber weiterhin darin, Fotografien von Orten und Menschen zu zeigen, die in anderen Medien einem blinden Fleck zum Opfer fallen.
In dem Gespräch mit Krystallpalast-Varieté-Chef Rüdiger Pusch, das Bernd Locker geführt hat, wird deutlich, wie sehr der ökonomische Druck die Programme bestimmt. Weniger, dass der ehemalige Spielort in der Kongresshalle vor allem "Werbung fürs Varieté", dargestellt habe und die Stadt - sprachregelungsmäßig korrekt - "vereinbarungsgemäß" investierte Gelder rücküberwiesen hat; es sind betriebswirtschaftliche Mechanismen, die das künftige Programm dominieren: der Ausbau der Flexibilität (Erweiterung der Spielstätten, risikofreudigere Spielweisen), der Eventcharakter der Aufführungen (Schifffahrt plus Picknick, Kino im Varieté, die Kombi mit 3-Gänge-Menüs) und marketingrelevante Massnahmen (Logoerneuerung, Evaluierung des Preis-Leistungs-Verhältnisses, Kreierung einer Dachmarke "Vielfalt erleben", Tourneen, Spielstättenvermietung). Faszination und Zauber wird zur kühl berechneten Show. Wir wollen es so.
Peter Claus wiederum berichtet für die LVZ vom "einmaligen Zauber" des Internationalen Filmfestivals in Locarno, das allabendlich auf der Piazza Grande 8000 Menschen anzieht. Typisch für das bisherige Filmprogramm seien "atmosphärisch dichte Bilder voller Brutalität und Sex". Doch wenn die Erwartungen, etwa an Pornodarsteller Francois Sagat im Film "LA. Zombie", der bereits vorab als "Skandal" gehandelt wurde, nicht so recht erfüllt wurden, reagiert das Publikum auch schon mal offen gelangweilt. Ach ja, die Regisseure der Produktionen waren bis dato: Benoit Jacquot ("Au Fond des Bois"), Oleg Novkovic ("Beli beli svet"), Jeanne Balibar ("Im Alter von Ellen"), Bruce LaBruce ("LA. Zombie") und Valdis Oskarsdottir ("Kings Road"). Preisverleihung ist am 14. August.
Und Lars Schmidt war auf der Leipziger Parkbühne bei "Die Pogues" mit dem sturzbetrunkenen Shane MacGowan. Regelrecht hämisch beschreibt er den alkoholgeschwängerten Gig des Maestro, vom Verlust der "Muttersprache" über das "Gelalle" bis zu MacGowans Akrobatiknummer: Werfe das Mikro am Kabel ein Stück in die Höhe und verfehle es beim Fangen um einen halben Meter. Sein Fazit dennoch: Was sind die Pogues ohne Shane MacGowan? "Erstens: eine richtig gute Band. Zweitens: Nichts". Die Stimmung im Publikum sei "oktoberfestmäßig" gewesen, die "Masse hat Spaß". "Götter dürfen eben auch besoffen sein."
In dem Gespräch mit Krystallpalast-Varieté-Chef Rüdiger Pusch, das Bernd Locker geführt hat, wird deutlich, wie sehr der ökonomische Druck die Programme bestimmt. Weniger, dass der ehemalige Spielort in der Kongresshalle vor allem "Werbung fürs Varieté", dargestellt habe und die Stadt - sprachregelungsmäßig korrekt - "vereinbarungsgemäß" investierte Gelder rücküberwiesen hat; es sind betriebswirtschaftliche Mechanismen, die das künftige Programm dominieren: der Ausbau der Flexibilität (Erweiterung der Spielstätten, risikofreudigere Spielweisen), der Eventcharakter der Aufführungen (Schifffahrt plus Picknick, Kino im Varieté, die Kombi mit 3-Gänge-Menüs) und marketingrelevante Massnahmen (Logoerneuerung, Evaluierung des Preis-Leistungs-Verhältnisses, Kreierung einer Dachmarke "Vielfalt erleben", Tourneen, Spielstättenvermietung). Faszination und Zauber wird zur kühl berechneten Show. Wir wollen es so.
Peter Claus wiederum berichtet für die LVZ vom "einmaligen Zauber" des Internationalen Filmfestivals in Locarno, das allabendlich auf der Piazza Grande 8000 Menschen anzieht. Typisch für das bisherige Filmprogramm seien "atmosphärisch dichte Bilder voller Brutalität und Sex". Doch wenn die Erwartungen, etwa an Pornodarsteller Francois Sagat im Film "LA. Zombie", der bereits vorab als "Skandal" gehandelt wurde, nicht so recht erfüllt wurden, reagiert das Publikum auch schon mal offen gelangweilt. Ach ja, die Regisseure der Produktionen waren bis dato: Benoit Jacquot ("Au Fond des Bois"), Oleg Novkovic ("Beli beli svet"), Jeanne Balibar ("Im Alter von Ellen"), Bruce LaBruce ("LA. Zombie") und Valdis Oskarsdottir ("Kings Road"). Preisverleihung ist am 14. August.
Und Lars Schmidt war auf der Leipziger Parkbühne bei "Die Pogues" mit dem sturzbetrunkenen Shane MacGowan. Regelrecht hämisch beschreibt er den alkoholgeschwängerten Gig des Maestro, vom Verlust der "Muttersprache" über das "Gelalle" bis zu MacGowans Akrobatiknummer: Werfe das Mikro am Kabel ein Stück in die Höhe und verfehle es beim Fangen um einen halben Meter. Sein Fazit dennoch: Was sind die Pogues ohne Shane MacGowan? "Erstens: eine richtig gute Band. Zweitens: Nichts". Die Stimmung im Publikum sei "oktoberfestmäßig" gewesen, die "Masse hat Spaß". "Götter dürfen eben auch besoffen sein."
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