Alles in Ordnung. Alle Jahre wieder das Christuskind, und alle halben der Rundgang durch die Spinnerei. Da es diesmal keine neue Ausstellungen zu sehen gibt, geht Meinhard Michael seiner Chronistenpflicht insofern nach, als er im journalistischen Schweinsgalopp nichts weiter als einen Touristenwegweiser durch die Galerienszene aufstellt, zu jeder Galerie ein Sätzchen, jedem Künstler eine nette Bemerkung. Nur schade, dass Michael sich dort, wo es spannend werden könnte, verweigert. "Gerade über dieses Diskussionswürdige ... sollte bei anderer Gelegenheit noch die Rede sein." Stattdessen ein wenig Szeneklatsch mit insiderhaftem Raunen ("Weiterer Rückgang der Aufmerksamkeit?" für die Galerie eigen + art, wegen der Nichtberücksichtigung bei der Art Basel. Aha? Deutete sich da schon früher etwas an?) samt Orakel á la Pythia ("Wenn selbstverständlich wäre, dass Qualiät den Ausschlag gibt, müsste man in der Spinnerei nicht Bange sein") oder Bemerkungen, die der Leser wohl nicht so souverän wie der Schreiber einordnen kann ("Die maßvolle Veranstaltung macht den Rundgang vom letzten Mal souverän vergessen"). Was war denn so vergessenswert? Und ist diesmal ganz anders? Wichtig war es Michael mitzuteilen, dass der Rundgang "allgemein zu gefallen schien." Und ihm? Solange die lvz über die Postille SpinArt - und vermutlich weit mehr - in den Rundgang involviert ist, kein imageschädigendes Wort? Genau das macht die lvz tendenziell überflüssig.
Laut dpa Bericht befürchtet der ungarische Pianist András Schiff, dass er nach seinem Offenen Brief gegen das ungarische Mediengesetz keine Auftritte mehr in Ungarn haben wird. "Was in Ungarn geschieht, erinnert mich an manche schlimme Diktaturen." Offene Worte haben tatsächlich in vielen Ländern in zunehmendem Maße Konsequenzen, ohne dass dabei Gerichte bemüht werden. Paulo Coelho und der Iran war das jüngste, möglicherweise gerade noch abgewendete Beispiel, aber auch die maßlose Kriegsführung gegen Wikileaks in den USA ist frei von jedem Versuch einer juristischen Klärung, ob die Veröffentlichung von Dokumenten ungesetzlich sei.
Jürgen Kleindienst will die jubiläumsselige Praxis der lvz redaktion stärker unterstrichen sehen , indem er bitteschön weitere jährlich - oder in kürzeren Abständen - zu vergebende Auszeichnungen einfordert. Animiert durch die Vergabe des "Fossils des Jahres" ("Joopi Heesters leider leer ausgegangen") an alte Haiskelette, fordert jkl den "Lebensmittelskandal des Monats" oder die "kulturpolitische Gurke der Woche". Für die hat er allerdings bereits eine starken Kandidaten: die geplante Abwahl des Kulturbürgermeisters Michael Fabers am Mittwoch dieser Woche.
Eine Beschimpfung geht nicht ohne Talk und ein Talk nicht ohne Beschimpfung. Diese aufsehenerregende Erkenntnis war Grundlage für Sebastian Hartmanns "fließende Fusion" von Publikumsbeschimpfung und Centraltalk. Steffen Georgi fragt sich, bei aller offenkundigen Absicht, das Theater als Kunstform zu befragen, ob "das Theater eigentlich immer schon so masochistisch war?" Und das war noch nicht mal auf die vierstündige Dauer der Veranstaltung gemünzt. Georgi scheute sich nicht, "Stadttheater-Gulag" als Bild zu bemühen (für Maximilian Bauer, Guido Lambrecht und Peter René Lüdicke in Handkes Werk) und einen im nachfolgenden Talk "grenzdebilen Moderator" zu outen. Ob das Publikum eine Rolle spielte, was konkrete Inhalte des Talks waren, erschließt sich aus Georgis Beitrag nicht. Der fasst den Abend als "gewohnt überkandidelt" zusammen. Klingt so, als sei es eher eine Performance geblieben. Beeindruckt haben ihn allerdings die spielerische Intensität oder Vehemenz oder Energie, je nach dem, was sein Synonymwörterbuch hergab, und dann Fosses Text "Tod in Theben", aus dessen "gescheiterter" Salzburger Inszenierung Text-Ausschnitte zu sehen bzw. hören waren ("Scheitern als Chance"). An dem grandiosen Brocken ("Echt nichts für Schisser") könne man tatsächlich schon mal scheitern.
Zweimal Opium fürs Volk besprechen Heike Bronn und Thomas Düll, beidemale in der Arena. Einmal André Rieu ("Entertainment im besten Sinne"), dann Schlagersängerin Andrea Berg ("Ich entführe euch, hex und weg, in ein - nein, in mein Märchenland. Voller Magie. Mit ganz viel Liebe"). Spaß, gute Laune und schmachtende, schunkelnde Paare im Saal waren das Ergebnis. Bronn und Düll sind garnicht mal unkritisch. Doch sie beherrschen beide die Kunst, jedem - dem begeisterten Zuschauer wie dem konsternierten Kritiker - zitierfähige Sätze nach seiner Fasson anzubieten.
Über Krzystof Pendereckis "Polnisches Requiem" in der Reiheins des MDR berichtet Benedikt Leßmann und weiß selbst nicht, ob er den geläuterten Revolutionär und Avantgardisten oder den zu Dur und Moll und geistlicher Musik konvertierten Komponisten bejubeln soll. Im Gegensatz zu Penderecki, der es geschafft habe, erst die "Reaktionäre" und anschließend die "Progressisten" zu verärgern, möchte Leßmann niemandem zu nahe treten, niemandem seinen Penderecki madig machen. Für alles findet er - wie oben Bronn und Düll - anerkennende Worte, wenn nicht mehr. Das größte Lob erhält allerdings dasMDR-Sinfonieorchester, es leiste "Gewaltiges".
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Montag, 17. Januar 2011
Donnerstag, 30. Dezember 2010
lvz kultur vom 30.12.10: Hartmann & Girardet, Hoentjes & Hennig und die Leipziger Schule
Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Sebastian Hartmann hat wie jedes Jahr die Zähne zusammengebissen und und Georg Girardet die Treppen zum Kulturdezernat hochgeholfen. Hartmann und Girardet sind in Jürgen Kleindiensts Jahresrückblick Kultur aus dem Jahr 2020 die letzten Mohikaner, die das Kulturraumgemetzel überlebt haben, da können sich die übrigen Kultureinrichtungen noch so sehr in einer Wagenburg verschanzt haben. Die Leuchtmunitions- und Wasserpistolen der sächsischen Finanzbeamten hat die wasserscheue, lichtempfindliche Kulturschickeria zermürbt, bis die rathengestählte Todesschwadron der Landesbühnen Sachsen ihr den endgültigen Garaus gemacht hat. Sie ist es jetzt, die alle Stadttheater außerhalb der Schlossbühnen Dresdens bespielt, streng rationiert mittels Kulturgutscheinen, die Dresden an willfährige Stadtoberhäupter verteilen lässt. Einen Intendanten ersparen sich die Bühnen ohnehin. Gespielt wird nur, was sich in der Top 30 der aktuellen Statistik des Deutschen Bühnenvereins wiederfindet. "Reclam mit Beleuchtung" heißt das Stichwort im Aufführungsvertrag, mit dem Werktreue und Abtragen alter Funduskostüme gewährleistet werden. Die Rehamaßnahme des Münchner Künstlersozialfonds, aus dem die - laut Kleindienst 250 - Schauspieler der Landesbühnen bezahlt werden, hat die Eigeneinnahmequote der Bühnen auf satte 170% schießen lassen. Was waren das noch Zeiten, als Theater zu den Kostgängern der Kultur gehörte. Heute zahlen sie, wie weiland die Deutsche Bundesbank, die Überschüsse an den Landeshaushalt. Könnte ja sein, dass mal ein Prozess droht, den ein Zuschauer anstrengt, der bei der Uraufführung 1897 doch ein anderes Kostüm auf der Bühne gesehen hat als in der Neuinszenierung 2018.
Und was machen Neualtneualtneudezernent Georg Girardet und Sebastian Hartmann den ganzen lieben langen Tag? Wenn man Jürgen Kleindienst glaubt, ist Georg Girardet der einzige Abonnent, den Hartmanns Ein-Mann-Theater noch hat. Der Blinde hilft dem Lahmen (schließlich hatte Girardet Hartmann nach Leipzig geholt), getreu diesem Motto, das Hartmann erst akzeptieren konnte, als er sich in vollgekifftem Zustand nicht mehr an seine Nietzschelektüre erinnern konnte und versehentlich bei Schopenhauer geblättert hat, was einen energetischen Kollaps erzeugte, für den Neurologen erst anhand des 2. Thermodynamischen Gesetzes eine Erklärung fanden, und von dem sich Hartmann im Nebenjob als Chef seiner eigenen idellen Nachfolgeorganisation der Leipziger Bahnhofsmission gerade mühsam aufpäppelt. Dort wartet er wie stets auf Peter-René Lüdicke, dem, wie Kleindienst formuliert: "Einmannensemble, weil er auch Frauenrollen solide hinbekommt." Lüdecke, der wöchentlich für zwei Vorstellungen nach Leipzig reist, schafft es trotzdem, Girardet stets aufs Neue zu der begeisterten Äußerung hinzureißen, woher er, Hartmann, bloß diese ständigen Neuengagements an Leipzigs Allerneuestem Schauspielhaus herbekäme. Schließlich sei sein Etat ja längst nicht mehr so üppig, seit die Tarifaufwüchse für den einzigen Beschäftigten von der Stiftung 'Lebensrettung für Nachwendewaise' seit 2019 nur noch je zur Hälfte übernommen werden.
Das Lüdickesche Einmannensemble bespielt übrigens den Spielplatz des seinerzeitigen Centraltheaters, das Weiße Haus samt Auslaufgelände des ehemaligen Parkplatzes. Außer Girardet schauen wenigstens auch manche Studenten der benachbarten Hochschule für Musik und Theater aus den Fenstern, um einen Blick auf die letzten lebenden Dinosaurier der Stadt zu werfen, während ihre Kollegen des Fachbereichs Instrumentalmusik abends ab 19:30 Uhr heimlich Abschriften der Noten des Kanons "Freude schöner Götterfunke" für die benachbarten Kitaerzieher malen, um nicht von der Gema erwischt zu werden.
Die niederländische Performance-Künstlerin Anna Hoentjes plant in Reminiszens an die Turn- und Sportfeste im Leipziger Zentralstadion und unter Mitarbeit von Heike Hennig eine Massenchoreografie in der umbenannten Red Bull Arena. "Es soll eine Mischung aus Popkultur, zeitgenössischem Tanz und Elementen sozialistischer Sportveranstaltungen" werden. Anders als zu DDR-Zeiten soll nicht allein das Kollektiv im Vordergrund stehen, sondern eine Individualisierung möglichst vieler der Teilnehmer. Wie Magdalena Fröhlich für lvz berichtet, werden 2000 Teilnehmer gesucht, die sich an dem Projekt "Turn!" beteilign wollen. Die Aufführung soll am 4. Juni 2011 stattfinden. Ein Videoclip mit den Anforderungen kann von der Homepage turn-leipzigdotde heruntergeladen werden.
Einen etwas merkwürdigen Rückblick 2010 samt Ausblick auf 2011 für den Bereich Bildende Kunst in Leipzig, gemeint ist vielmehr die "(Neue) Leipziger Schule" aus dem - heutigen und ehemaligen - Umfeld der Hochschule für Grafik und Buchkunst, schreibt Meinhard Michael. Was sich anfangs liest wie eine witzige Glosse auf den Leipziger Größenwahn, der sich in Form von wiederkehrender "Quartalsdämlichkeit" äußere, wird der Artikel mehr und mehr zu einem who's who der Leipziger Kunstszene und dem Lamento, dass die Halbmillionenstadt ihre Künstler nicht ernähren könne, so dass diese zwangsläufig "für den Export" arbeiten müssten. Als ob nicht das Arbeitszimmer eines Unternehmers aus Sao Paulo oder die Jurte eines Mongolischen Stammesfürsten durch ein Bild Matthias Weischers geadelt werden würde. Freuen tut sich Michael auf die kommende Großausstellung zu 150 Jahren Fotografie in Leipzig, die im Grassimuseum, Stadtgeschichtlichen Museum und Bildermuseum gleichzeitig laufen solle.
Und was machen Neualtneualtneudezernent Georg Girardet und Sebastian Hartmann den ganzen lieben langen Tag? Wenn man Jürgen Kleindienst glaubt, ist Georg Girardet der einzige Abonnent, den Hartmanns Ein-Mann-Theater noch hat. Der Blinde hilft dem Lahmen (schließlich hatte Girardet Hartmann nach Leipzig geholt), getreu diesem Motto, das Hartmann erst akzeptieren konnte, als er sich in vollgekifftem Zustand nicht mehr an seine Nietzschelektüre erinnern konnte und versehentlich bei Schopenhauer geblättert hat, was einen energetischen Kollaps erzeugte, für den Neurologen erst anhand des 2. Thermodynamischen Gesetzes eine Erklärung fanden, und von dem sich Hartmann im Nebenjob als Chef seiner eigenen idellen Nachfolgeorganisation der Leipziger Bahnhofsmission gerade mühsam aufpäppelt. Dort wartet er wie stets auf Peter-René Lüdicke, dem, wie Kleindienst formuliert: "Einmannensemble, weil er auch Frauenrollen solide hinbekommt." Lüdecke, der wöchentlich für zwei Vorstellungen nach Leipzig reist, schafft es trotzdem, Girardet stets aufs Neue zu der begeisterten Äußerung hinzureißen, woher er, Hartmann, bloß diese ständigen Neuengagements an Leipzigs Allerneuestem Schauspielhaus herbekäme. Schließlich sei sein Etat ja längst nicht mehr so üppig, seit die Tarifaufwüchse für den einzigen Beschäftigten von der Stiftung 'Lebensrettung für Nachwendewaise' seit 2019 nur noch je zur Hälfte übernommen werden.
Das Lüdickesche Einmannensemble bespielt übrigens den Spielplatz des seinerzeitigen Centraltheaters, das Weiße Haus samt Auslaufgelände des ehemaligen Parkplatzes. Außer Girardet schauen wenigstens auch manche Studenten der benachbarten Hochschule für Musik und Theater aus den Fenstern, um einen Blick auf die letzten lebenden Dinosaurier der Stadt zu werfen, während ihre Kollegen des Fachbereichs Instrumentalmusik abends ab 19:30 Uhr heimlich Abschriften der Noten des Kanons "Freude schöner Götterfunke" für die benachbarten Kitaerzieher malen, um nicht von der Gema erwischt zu werden.
Die niederländische Performance-Künstlerin Anna Hoentjes plant in Reminiszens an die Turn- und Sportfeste im Leipziger Zentralstadion und unter Mitarbeit von Heike Hennig eine Massenchoreografie in der umbenannten Red Bull Arena. "Es soll eine Mischung aus Popkultur, zeitgenössischem Tanz und Elementen sozialistischer Sportveranstaltungen" werden. Anders als zu DDR-Zeiten soll nicht allein das Kollektiv im Vordergrund stehen, sondern eine Individualisierung möglichst vieler der Teilnehmer. Wie Magdalena Fröhlich für lvz berichtet, werden 2000 Teilnehmer gesucht, die sich an dem Projekt "Turn!" beteilign wollen. Die Aufführung soll am 4. Juni 2011 stattfinden. Ein Videoclip mit den Anforderungen kann von der Homepage turn-leipzigdotde heruntergeladen werden.
Einen etwas merkwürdigen Rückblick 2010 samt Ausblick auf 2011 für den Bereich Bildende Kunst in Leipzig, gemeint ist vielmehr die "(Neue) Leipziger Schule" aus dem - heutigen und ehemaligen - Umfeld der Hochschule für Grafik und Buchkunst, schreibt Meinhard Michael. Was sich anfangs liest wie eine witzige Glosse auf den Leipziger Größenwahn, der sich in Form von wiederkehrender "Quartalsdämlichkeit" äußere, wird der Artikel mehr und mehr zu einem who's who der Leipziger Kunstszene und dem Lamento, dass die Halbmillionenstadt ihre Künstler nicht ernähren könne, so dass diese zwangsläufig "für den Export" arbeiten müssten. Als ob nicht das Arbeitszimmer eines Unternehmers aus Sao Paulo oder die Jurte eines Mongolischen Stammesfürsten durch ein Bild Matthias Weischers geadelt werden würde. Freuen tut sich Michael auf die kommende Großausstellung zu 150 Jahren Fotografie in Leipzig, die im Grassimuseum, Stadtgeschichtlichen Museum und Bildermuseum gleichzeitig laufen solle.
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Samstag, 27. November 2010
lvz kultur vom 27.11.10: Islam & Gewalt und Michael Triegel,
Islam und Gewalt, ja, geiles Thema! Familienministerin Kristina Schröder musste noch schnell draufspringen, bevor die Sarrazinwelle abebbt. Doch "Integration ist ein Thema, das die Menschen bewegt", sagt Schröder. Nur: Gewalt? Integration? Sind Kriminelle einfach nicht integriert? Eine interessante Fragestellung, wenn man sie auch mal auf Biodeutsche anwendete. Kristina Schröder kann die Frage, was für einen Zusammenhang sie zwischen beiden erkennt, nicht beantworten. Sie will ja auch nur, schreibt Jochen Neumeyer, zwei Studien vorstellen, die den Zusammenhang zwischen islamischer Religiosität und Gewaltanwendung belegen sollen. Doch beide Studien können dies nicht. Jedenfalls nicht, sofern man seriöse Ansprüche stellt.
Kristina Schröder reicht es möglicherweise aus, die Begriffe "Islam" und "Gewalt" überhaupt in einen Zusammenhang zu bringen. Da klingelt es doch bei erfahrenen BILD-Lesern, RTL-Guckern und Alltagsrassisten. Was braucht es Begründungen. Die Synapsen geraten förmlich in einen Massencrashtest auf den Kreuzungen der Nervenzellen im Stammhirn. Die Studien jedenfalls präsentieren Gründe, warum etwas sein könnte, wenn die angenommene Vermutung als wahr angenommen würde. Gründe, warum muslimische Männer gewalttätig sein könnten, wenn man einen solchen Zusammenhang herstellten würde. Aber was sollen Studien mit dergleichen Inhalten? O.k., die Wissenschaftler verdienen Geld. Also tun sies.
Die erste Studie hatte zwei Wochen Zeit, Ergebnisse zu finden. Und gab deshalb nur frühere Studien zu dem Thema wieder. Der Autor der zweiten Studie, der Dortmunder Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak, sagte zu einer Journalistin, die belastbare Zahlen wollte: "Es gibt keine Zahl, wonach Muslime eine höhere Gewaltbereitschaft haben. Ansonsten haben wir keine belastbaren Zahlen." Und wenn Sie nur auf der Suche nach solchen Zahlen sei, "müsse Sie anderweitig berichten oder auf eine Berichterstattung verzichten." Aber diese "Ergebnisse" wollte sich Schröder nicht anhören, sie rauschte davon, zu einer Abstimmung im Bundestag. Dann eben notfalls ohne Zahlen. Passt schon.
Ab morgen ist das Papstporträt von Michael Triegel im Leipziger Bildermuseum zu sehen. Aber dieses Bild ist vor allem Anlass und gleichzeitig "Plakat" der Ausstellung "Verwandlung der Götter", die eine repäsentative Auswahl von etwa 80 Bildern aus der Feder des Leipziger Malers seit 1993 zeigt. Meinhard Michael hat sie gesehen. Der Maler, der sich nicht in die Leipziger Schule eingemeinden lassen will, male sich häufig in der Figur des Prometheus, Christus oder heiliger Michael, und besitze laut Michael eine beinahe messianische, "fulminante, mit Ironie und Bescheidenheit getarnte Hybris". Malerisch jongliere er "zu viel mit allzu strapazierten Symbolen" und befinde sich in den Gedankenspielen seiner Bilder "ganz fern der Gegenwart". Zwar würden Triegels Porträts als "sehr lebensnah" gelobt, doch in seinen Bildern fordere er von sich die "Rührung des Herzens", ohne zu beachten, dass diese selbst in klassischen Formen nur Hüllen eines Rollenspiels darstellten. Triegel, der den seit der Moderne, gar der Postmoderne, gerissenen Faden zu der guten alten Zeit der altmeisterlichen Malerei wieder knüpfen möchte, schöpfe seinen Mut dazu aus "den Bibliotheken und aus der Akademie der schönen Künste". Darin, dass diese "Wahl" eine "Ohnmacht" des Malers ausdrücke, stecke die "Authentizität dieser Malerei". Und dann endet Meinhard Michael mit dem furchtbaren Verriss: "Was an ihr hohl scheint, ist das Echte, der Rest aber ist sehr gut."
In der Glosse "ausgepresst" kanzelt Janina Fleischer Elke Heidenreichs allzu pathetisch-naive Opernliebe ab, weil die Heidenreich ihr eigenes und das Geständnis manch anderer Prominenter als Waffe im Kampf gegen die allerorten grassierenden Sparmaßnahmen bei Opern für wirksamer hält als die ständigen "Appelle, Erklärungen, Demonstrationen". Ein bisschen Liebe...
Peter Korfmacher wirbt mit seiner Begeisterung ("das läßt den Atem stocken" usw.) für den, nein, nicht Pianisten, sondern "Musiker" Arcadi Volodos, der u.a. den Mittelteil des ersten Klavierkonzerts von Peter Tschaikowsky "in die Moderne schubse", abermals für das Benefizkonzert zugunsten der Stiftung "Leipzig hilft Kindern".
Bernd Locker unternimmt seltsame Verrenkungen, etwas nicht als zu benennen, was es selbst durch die Blume formuliert scheint: langweilige und schlechte Comedy. Das gilt der neunten Folge der Dinnershow "Gans ganz anders" des Krystallpalast Varietè (Regie: Volker Insel) unter dem Titel "American Christmas oder Hilfe, die Amis kommen". Die Dinnershow erinnert ein wenig an Karneval für den Osten, irgendwie kein Zirkus, kein Theater, keine Comedy. Ein Unterhaltungs-Klimbim ohne Sexappeal.
Sibylle Peine verreisst Peter Longerichs Biografie über Josef Goebbels, die er nach dem vollständigen Erscheinen von dessen 25-bändigen Tagebüchern verfasst hatte. Longerich habe sich "allzu sehr von den Tagebüchern faszinieren lassen". Das Leben des "zutiefst unsicheren und narzisstischen" Goebbels habe er "fast nur aus den Augen des Propagandaministers erzählt".
Und ein Leserbrief reflektiert die gegenwärtige Entmachtung Michael Fabers als Kulturbürgermeister: "Wer wacht noch über demokratische Normen, Loyalität, die Faber mindestens gegönnt seien, und was für eine Stille unter den Kreativen und Intellektuellen. Nachdenken über Leipzig oder abwenden mit Grausen?"
Kristina Schröder reicht es möglicherweise aus, die Begriffe "Islam" und "Gewalt" überhaupt in einen Zusammenhang zu bringen. Da klingelt es doch bei erfahrenen BILD-Lesern, RTL-Guckern und Alltagsrassisten. Was braucht es Begründungen. Die Synapsen geraten förmlich in einen Massencrashtest auf den Kreuzungen der Nervenzellen im Stammhirn. Die Studien jedenfalls präsentieren Gründe, warum etwas sein könnte, wenn die angenommene Vermutung als wahr angenommen würde. Gründe, warum muslimische Männer gewalttätig sein könnten, wenn man einen solchen Zusammenhang herstellten würde. Aber was sollen Studien mit dergleichen Inhalten? O.k., die Wissenschaftler verdienen Geld. Also tun sies.
Die erste Studie hatte zwei Wochen Zeit, Ergebnisse zu finden. Und gab deshalb nur frühere Studien zu dem Thema wieder. Der Autor der zweiten Studie, der Dortmunder Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak, sagte zu einer Journalistin, die belastbare Zahlen wollte: "Es gibt keine Zahl, wonach Muslime eine höhere Gewaltbereitschaft haben. Ansonsten haben wir keine belastbaren Zahlen." Und wenn Sie nur auf der Suche nach solchen Zahlen sei, "müsse Sie anderweitig berichten oder auf eine Berichterstattung verzichten." Aber diese "Ergebnisse" wollte sich Schröder nicht anhören, sie rauschte davon, zu einer Abstimmung im Bundestag. Dann eben notfalls ohne Zahlen. Passt schon.
Ab morgen ist das Papstporträt von Michael Triegel im Leipziger Bildermuseum zu sehen. Aber dieses Bild ist vor allem Anlass und gleichzeitig "Plakat" der Ausstellung "Verwandlung der Götter", die eine repäsentative Auswahl von etwa 80 Bildern aus der Feder des Leipziger Malers seit 1993 zeigt. Meinhard Michael hat sie gesehen. Der Maler, der sich nicht in die Leipziger Schule eingemeinden lassen will, male sich häufig in der Figur des Prometheus, Christus oder heiliger Michael, und besitze laut Michael eine beinahe messianische, "fulminante, mit Ironie und Bescheidenheit getarnte Hybris". Malerisch jongliere er "zu viel mit allzu strapazierten Symbolen" und befinde sich in den Gedankenspielen seiner Bilder "ganz fern der Gegenwart". Zwar würden Triegels Porträts als "sehr lebensnah" gelobt, doch in seinen Bildern fordere er von sich die "Rührung des Herzens", ohne zu beachten, dass diese selbst in klassischen Formen nur Hüllen eines Rollenspiels darstellten. Triegel, der den seit der Moderne, gar der Postmoderne, gerissenen Faden zu der guten alten Zeit der altmeisterlichen Malerei wieder knüpfen möchte, schöpfe seinen Mut dazu aus "den Bibliotheken und aus der Akademie der schönen Künste". Darin, dass diese "Wahl" eine "Ohnmacht" des Malers ausdrücke, stecke die "Authentizität dieser Malerei". Und dann endet Meinhard Michael mit dem furchtbaren Verriss: "Was an ihr hohl scheint, ist das Echte, der Rest aber ist sehr gut."
In der Glosse "ausgepresst" kanzelt Janina Fleischer Elke Heidenreichs allzu pathetisch-naive Opernliebe ab, weil die Heidenreich ihr eigenes und das Geständnis manch anderer Prominenter als Waffe im Kampf gegen die allerorten grassierenden Sparmaßnahmen bei Opern für wirksamer hält als die ständigen "Appelle, Erklärungen, Demonstrationen". Ein bisschen Liebe...
Peter Korfmacher wirbt mit seiner Begeisterung ("das läßt den Atem stocken" usw.) für den, nein, nicht Pianisten, sondern "Musiker" Arcadi Volodos, der u.a. den Mittelteil des ersten Klavierkonzerts von Peter Tschaikowsky "in die Moderne schubse", abermals für das Benefizkonzert zugunsten der Stiftung "Leipzig hilft Kindern".
Bernd Locker unternimmt seltsame Verrenkungen, etwas nicht als zu benennen, was es selbst durch die Blume formuliert scheint: langweilige und schlechte Comedy. Das gilt der neunten Folge der Dinnershow "Gans ganz anders" des Krystallpalast Varietè (Regie: Volker Insel) unter dem Titel "American Christmas oder Hilfe, die Amis kommen". Die Dinnershow erinnert ein wenig an Karneval für den Osten, irgendwie kein Zirkus, kein Theater, keine Comedy. Ein Unterhaltungs-Klimbim ohne Sexappeal.
Sibylle Peine verreisst Peter Longerichs Biografie über Josef Goebbels, die er nach dem vollständigen Erscheinen von dessen 25-bändigen Tagebüchern verfasst hatte. Longerich habe sich "allzu sehr von den Tagebüchern faszinieren lassen". Das Leben des "zutiefst unsicheren und narzisstischen" Goebbels habe er "fast nur aus den Augen des Propagandaministers erzählt".
Und ein Leserbrief reflektiert die gegenwärtige Entmachtung Michael Fabers als Kulturbürgermeister: "Wer wacht noch über demokratische Normen, Loyalität, die Faber mindestens gegönnt seien, und was für eine Stille unter den Kreativen und Intellektuellen. Nachdenken über Leipzig oder abwenden mit Grausen?"
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Mittwoch, 10. November 2010
lvz kultur vom 10.11.10: Straßen für die Kids, Maffay, Triegel und Faber&Jung
155 Mio € mehr für Inverstitionen. Viel Geld? Diese Summe verplant die sächsische Regierung angesichts sprudelnder Steuermehreinnahmen in Höhe von 550 Mio € allein in 2010, 162 Mio € in 2011 und 314 Mio € in 2012, wie Jürgen Kochinke schreibt. Nur(!) 155 Mio € muss man also sagen. Ausgegeben wird das Geld für Straßen, Brücken, den Bau von Krankenhäusern und Schulen. Die Kultur wird mit einer fetten roten Null abgespeist. Im Sozial- und Jugendbereich bleiben die diskutierten Kürzungen erhalten, auch bei der Polizei. Es ist nicht möglich, angesichts der Steuermehreinnahmen noch von Sparmaßnahmen zu reden, sondern nur noch von politisch gewollten Kürzungen. Das macht einen gravierenden Unterschied. Denn dahinter steckt mehr Konzept als es bisher schien. Die Zerschlagung kultureller Freiräume und der Jugend- und Sozialarbeit, wie in Leipzig geplant, ist genau so gewollt. Und seit spätestens Juni, als die geplanten Kürzungen durch Dresdens Landesregierung öffentlich wurden, hat die lvz nahezu sämtliche Gelegenheiten ausgelassen, mit Abgeordneten oder Ministern aus CDU oder FDP zum Thema der Kürzungen zu reden. Warum?
Claus Lochbiehler sprach mit Mick Hucknell über seinen bevorstehenden Abschied von Simply Red. Trennung oder gar Auflösung könne man dazu nicht sagen, schließlich sei er selbst Simply Red. Hucknell hat unterdessen einen anderen Sound im Kopf ("Musik, zu der man tanzen muss oder richtig Durst auf ein Bier bekommt"), die Plattenfirma untersagt ihm aber unter dem Label "Simply Red" Musik, die nicht nach Simply Red klingt. Die Marke zählt, darf nicht verändert werden. Also: Bevor Hucknell dazu verdammt ist, sich selbst zu covern, muss eine neue Marke her. Die Lösung: Nach der Abschiedstournee mit Simply Red tritt er erst solo unter neuem Namen mit neuem Sound auf, anschließend engagiert er die alten Bandmitglieder erneut.
Peter Maffay war für das Konzert "40 Jahre Rock'n'Roll" in der Arena Leipzig. Während ihn das 8000-stimmige Publikum "mit Hingabe, Gefühl und Andacht" verehrte und mitsang, lag Peter Korfmacher dem Klassik-Rocker regelrecht zu Füßen. Nicht nur die von Maffay beharrlich als Lieder bezeichneten "Songs" hätten Qualität, ebenso seine fantastische Band, und allen voran Carl Carlten, Maffays Mann an der Gitarre. Mit dem zusammen spielte Maffay eine "naturbelassene Musik, die unter die Haut geht": "zwei Männer, zwei Gitarren, wenige Akkorde".
Als Papst-Maler hat es Michael Triegel unterdessen zu Bekanntheit gebracht, das Tuch über dem vollendeten Porträt Benedikt XVI. hat Triegel nun erstmals für lvz redakteur Thomas Mayer gelüftet, bevor es ab 26. November im Bildermuseum nebst anderen Werken in der Ausstellung "Michael Triegel - Verwandlung der Götter" zu sehen sein wird. Auf dem Porträt halte Papst Benedikt ein Blatt Papier in der Hand mit den Weisheiten des Heiligen Augustinus. Ehrfürchtig gibt Mayer eine poetisch-religiöse Bildinterpretation zum besten: "Augustinus' Herzschlag schlägt in dieser Brust weiter." Seelenverwandtschaft? Augustinus jedenfalls ist unter anderem für seine autobiografischen "Confessiones/Bekenntnisse" berühmt geworden, in denen er die Wirklichkeit in drei Bereiche teilen will. Die Welt des höchsten Seins sei nur dem Geist zugänglich, das mit den Sinnen erfahrbare Werden sei dem niederen Bereich der Wirklichkeit zugeordnet. Die Trennung in Höheres und Niederes hat bekanntlich in vielerlei Hinsicht heute wieder Konjunktur. Demokratie adé. Es ist ein Kreuz mit sensiblen Künstlern, adeligen Politikern und Päpsten.
Ein Textmeer bei Windstärke Eins über eine Austellung von Carsten Tabel in der Galerie Kleindienst hat Meinhard Michael geschrieben. Aus ihm schwappt keine einzige Welle, kein einziger Satz bis ins Bewusstsein des schlingernden Lesers. Allein Tabels eigene Worte, "Menschen wie Hunde an Leitplanken" und "Er weiß es besser und denkt auch viel schöner als der Müll da unten auf der Straße", bleiben hängen. Vielleicht war jemand aus der heiligen Dreifaltigkeit Augustin - Benedikt - Triegel der Ghostwriter? Beim dritten Zitat wandern die Gedanken allerdings wieder heimwärts: "Kleines bisschen mitmachen bei der Diffusion [gleichmäßige Verteilung, ath.] von Kultur, man wünscht sich eine Untergrundarmee, die aber zu Hause bleiben darf, sich selbst vernebeln." Das hat Michael etwas zu wörtlich genommen. Athene ist schon ganz benommen.
Im Interview mit Mathias Wöbking jammert Freie-Szene-Sprecher Falk Elstermann gewohnt wortreich darüber, dass 5% von 100 Mio € weniger seien als 5% von 110 mio. €. Nun fühlt er sich irgendwie von der Kulturverwaltung über den Tisch gezogen. Sein Matheunterricht ist scheinbar schon sehr lange vorbei. Trotzdem schön, dass ein Seniorenstudium doch noch Früchte tragen kann.
Den täglichen Faber gibt uns heute die lokale variante der Dreifaltigkeit, Orbeck/Staeubert/Korfmacher. OBM Jung, der derzeit in Amerika weilt und dort eine Preisrede auf Kurt Masur hält (warum eigentlich?), hat ihn nur telefonisch von seiner Beschneidung informiert. Von Jung stammt auch die Charakterisierung Fabers als "Kreisklasse". Vergessen sollte er nicht, dass er selbst dem Transfer seinerzeit zugestimmt hat. Und nach Bundesliga, geschweige Champions-League, sieht der gegenwärtige Murks nicht aus, vielmehr nach menschlicher und politischer Führungsschwäche. Faber macht derweil, was er am liebsten macht, schweigen: "Meine Auffassung von Loyalität gebietet es mir, bis zur Rückkehr die Entscheidung nicht zu kommentieren". Bekannt ist nur, dass Faber als Kulturdezernent lieber noch nicht zurücktritt. Verständlich, erhält er doch bei einer Abwahl durch den Stadtrat bis 2016 monatlich 75% seiner gegenwärtigen Bezüge weiter.
Claus Lochbiehler sprach mit Mick Hucknell über seinen bevorstehenden Abschied von Simply Red. Trennung oder gar Auflösung könne man dazu nicht sagen, schließlich sei er selbst Simply Red. Hucknell hat unterdessen einen anderen Sound im Kopf ("Musik, zu der man tanzen muss oder richtig Durst auf ein Bier bekommt"), die Plattenfirma untersagt ihm aber unter dem Label "Simply Red" Musik, die nicht nach Simply Red klingt. Die Marke zählt, darf nicht verändert werden. Also: Bevor Hucknell dazu verdammt ist, sich selbst zu covern, muss eine neue Marke her. Die Lösung: Nach der Abschiedstournee mit Simply Red tritt er erst solo unter neuem Namen mit neuem Sound auf, anschließend engagiert er die alten Bandmitglieder erneut.
Peter Maffay war für das Konzert "40 Jahre Rock'n'Roll" in der Arena Leipzig. Während ihn das 8000-stimmige Publikum "mit Hingabe, Gefühl und Andacht" verehrte und mitsang, lag Peter Korfmacher dem Klassik-Rocker regelrecht zu Füßen. Nicht nur die von Maffay beharrlich als Lieder bezeichneten "Songs" hätten Qualität, ebenso seine fantastische Band, und allen voran Carl Carlten, Maffays Mann an der Gitarre. Mit dem zusammen spielte Maffay eine "naturbelassene Musik, die unter die Haut geht": "zwei Männer, zwei Gitarren, wenige Akkorde".
Als Papst-Maler hat es Michael Triegel unterdessen zu Bekanntheit gebracht, das Tuch über dem vollendeten Porträt Benedikt XVI. hat Triegel nun erstmals für lvz redakteur Thomas Mayer gelüftet, bevor es ab 26. November im Bildermuseum nebst anderen Werken in der Ausstellung "Michael Triegel - Verwandlung der Götter" zu sehen sein wird. Auf dem Porträt halte Papst Benedikt ein Blatt Papier in der Hand mit den Weisheiten des Heiligen Augustinus. Ehrfürchtig gibt Mayer eine poetisch-religiöse Bildinterpretation zum besten: "Augustinus' Herzschlag schlägt in dieser Brust weiter." Seelenverwandtschaft? Augustinus jedenfalls ist unter anderem für seine autobiografischen "Confessiones/Bekenntnisse" berühmt geworden, in denen er die Wirklichkeit in drei Bereiche teilen will. Die Welt des höchsten Seins sei nur dem Geist zugänglich, das mit den Sinnen erfahrbare Werden sei dem niederen Bereich der Wirklichkeit zugeordnet. Die Trennung in Höheres und Niederes hat bekanntlich in vielerlei Hinsicht heute wieder Konjunktur. Demokratie adé. Es ist ein Kreuz mit sensiblen Künstlern, adeligen Politikern und Päpsten.
Ein Textmeer bei Windstärke Eins über eine Austellung von Carsten Tabel in der Galerie Kleindienst hat Meinhard Michael geschrieben. Aus ihm schwappt keine einzige Welle, kein einziger Satz bis ins Bewusstsein des schlingernden Lesers. Allein Tabels eigene Worte, "Menschen wie Hunde an Leitplanken" und "Er weiß es besser und denkt auch viel schöner als der Müll da unten auf der Straße", bleiben hängen. Vielleicht war jemand aus der heiligen Dreifaltigkeit Augustin - Benedikt - Triegel der Ghostwriter? Beim dritten Zitat wandern die Gedanken allerdings wieder heimwärts: "Kleines bisschen mitmachen bei der Diffusion [gleichmäßige Verteilung, ath.] von Kultur, man wünscht sich eine Untergrundarmee, die aber zu Hause bleiben darf, sich selbst vernebeln." Das hat Michael etwas zu wörtlich genommen. Athene ist schon ganz benommen.
Im Interview mit Mathias Wöbking jammert Freie-Szene-Sprecher Falk Elstermann gewohnt wortreich darüber, dass 5% von 100 Mio € weniger seien als 5% von 110 mio. €. Nun fühlt er sich irgendwie von der Kulturverwaltung über den Tisch gezogen. Sein Matheunterricht ist scheinbar schon sehr lange vorbei. Trotzdem schön, dass ein Seniorenstudium doch noch Früchte tragen kann.
Den täglichen Faber gibt uns heute die lokale variante der Dreifaltigkeit, Orbeck/Staeubert/Korfmacher. OBM Jung, der derzeit in Amerika weilt und dort eine Preisrede auf Kurt Masur hält (warum eigentlich?), hat ihn nur telefonisch von seiner Beschneidung informiert. Von Jung stammt auch die Charakterisierung Fabers als "Kreisklasse". Vergessen sollte er nicht, dass er selbst dem Transfer seinerzeit zugestimmt hat. Und nach Bundesliga, geschweige Champions-League, sieht der gegenwärtige Murks nicht aus, vielmehr nach menschlicher und politischer Führungsschwäche. Faber macht derweil, was er am liebsten macht, schweigen: "Meine Auffassung von Loyalität gebietet es mir, bis zur Rückkehr die Entscheidung nicht zu kommentieren". Bekannt ist nur, dass Faber als Kulturdezernent lieber noch nicht zurücktritt. Verständlich, erhält er doch bei einer Abwahl durch den Stadtrat bis 2016 monatlich 75% seiner gegenwärtigen Bezüge weiter.
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Freitag, 24. September 2010
lvz kultur vom 24.09.10: F/Stop, Museumsschließung
Mit stupendem Wissen, leider gewohnt insiderhaft schreibt der Peter Korfmacher der Bildenden Kunst, Meinhard Michael, über das F/Stop-Fotofestival "Im Verborgenen: 5pm-5am". Nicht ohne gleich zu Beginn auf "hämische Kritik" am vorjährigen Selbstlob hinzuzweisen, mit dem Kristin Dittrich die eigene Ausstellung als "bedeutend, hochqualitativ und international" bezeichnet hatte. Aber eben nur hinzuweisen, nicht zu bestätigen oder zu widerlegen. Ob die diesjährige Foto-Schau qualitativ gelungen sei, wird über die skizzenhafte 'Nacherzählung' vieler einzelner Bilder oder Serien nicht deutlich. Interessant erscheinen sie schon, was vielleicht auch an Wörtern wie "traumhafte, jugendgefährdende Momente" der Fotos Arja Hyytiäinen, "hinterlistige Performances" von Thomas Xaver Dachs, die "tragische Exklusivität" der Bilder Thomas Kerns oder wenn auf Peter Bialobrzeskis Langzeitbelichtungen asiatischer Megastädte "das Licht grell jede Quelle umwölkt" liegen mag, die so wunderhübsch zu raunen vermögen. Von allem gebe es was, von "künstlerischer Fotografie" und von "fotografischer Fotografie", aus "traditionellen" oder auch "angesagten" Richtungen. Also nichts wie hinaus in die "Lange Nacht der Fotografie", morgen im Tapetenwerk, in die Zeit, in der "die Dummheit schlafe", wie Michael Karl Kraus zitiert.
Was in Leipzig das Naturkundemuseum, ist den Hamburgern das Altonaer Museum. Es soll schließen. Um Geld zu sparen. Jenny Tobien zitiert dessen Leiter, Torkild Hinrichsen: "Das geistige Herz von Altona wird herausgerissen" und "Das Gefährliche ist, dass die Schließung eine Kettenreaktion auslösen wird." Der Präsident des Deutschen Museumsbundes, der Leipziger Volker Rodekamp, lässt sich im DLR Kultur nur zu den Worten hinreissen: "Diese Nachricht erfüllt mich mit großer Sorge". Ein Schelm, der Arges dabei denkt. Der Leiter des hiesigen Stadtgeschichtlichen Museums denkt hier wohl eher an sich selbst. So unverblümt wie die Hamburger Opernintendantin Simone Young, die die Einsparforderung von 1,2 Mio Euro an das Hamburger Schauspielhaus als erstes mit der "Erleichterung" kommentiert, dass ihr eigenes Haus noch mal davongekommen sei, macht er das zwar nicht. Aber die trendige Aufkündigung des Solidargedankens steckt hinter manchem Schweigem oder mancher Krokodilsträne, die von Intendanten und Leitern öffentlich gerade vergossen wird. Solange, bis sie selbst an der Reihe sind. "Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus/ zünd andre an."
Nina May ist ganz verzückt über das Frauen-Duo am Theater Gera-Altenburg, Amina Gusner und Anne-Sylvie König. Die Schauspieldirektorin und die Chefdramaturgin werden - anlässlich ihrer bevorstehenden "Faust"-Inszenierung - als erstes mit ihren bei "Kaffeeklatsch und konzentrierter Schöpfung" ausgeheckten "Plänen" zitiert, "wie sie das Theater noch weiter aufmischen könnten". Sie plädieren für "das Zulassen von Emotionen" in der Kunst wie im Leben, und kritisieren Männer in Führungspositionen, die "sich sehr ernst nehmen". Ganz im Stile patriarchaler Unterordnung postuliert May, dass die Geraer Frauen doch "Glück hätten", weil Intendant Matthias Oldag "seine (!) Frauen schätze". Anarchischer und gleichzeitig nüchtern klingen Gusner/König, wenn sie sagen, wie anstrengend der tägliche Kampf in der Männerdomäne Theater und wie verletzlich sie weiterhin seien, bevor sie in raschem Schwenk ihre Sympathien für die mephistophelische Seite des Lebens bekennen: "Unfug braucht das Land". Sympathisch. Hoffentlich auch gut.
Anlässlich der bevorstehenden Premiere von Wolfgang Engels "Der Turm" nach Uwe Tellkamp am Schauspiel Dresden sprach Adina Rieckmann mit dem Autor. Dass sie Tellkamp ständig notwendige "Substanzverluste" bei der Umsetzung auf die Bühne in den Mund legen will, kontert Tellkamp halbwegs charmant, ohne auszuschließen, dass er das Ergebnis eventuell nicht gut finden wird. Die Aktualität der Themen "Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch" sieht der Dresdner Tellkamp allerdings weit über die sächsische Residenzstadt selbst gegeben. In unserer "Biedermeierzeit" finde sich das Bildungsbürgertum auch an vielen anderen Orten in West und Ost. Weg sei es ohnehin nie gewesen, "auch wenn uns die mediale Welt das mitunter glauben machen" wolle. Hoffentlich wird das Schauspielhaus nicht der neue "Turm" des Konservatismus in diesem unseren Lande. Auch ein interessantes Fernduell der beiden (naja, z.T. vormaligen) Leipziger Intendanten um zeitgemäße Konzeptionen aktueller Schauspielkunst.
Was in Leipzig das Naturkundemuseum, ist den Hamburgern das Altonaer Museum. Es soll schließen. Um Geld zu sparen. Jenny Tobien zitiert dessen Leiter, Torkild Hinrichsen: "Das geistige Herz von Altona wird herausgerissen" und "Das Gefährliche ist, dass die Schließung eine Kettenreaktion auslösen wird." Der Präsident des Deutschen Museumsbundes, der Leipziger Volker Rodekamp, lässt sich im DLR Kultur nur zu den Worten hinreissen: "Diese Nachricht erfüllt mich mit großer Sorge". Ein Schelm, der Arges dabei denkt. Der Leiter des hiesigen Stadtgeschichtlichen Museums denkt hier wohl eher an sich selbst. So unverblümt wie die Hamburger Opernintendantin Simone Young, die die Einsparforderung von 1,2 Mio Euro an das Hamburger Schauspielhaus als erstes mit der "Erleichterung" kommentiert, dass ihr eigenes Haus noch mal davongekommen sei, macht er das zwar nicht. Aber die trendige Aufkündigung des Solidargedankens steckt hinter manchem Schweigem oder mancher Krokodilsträne, die von Intendanten und Leitern öffentlich gerade vergossen wird. Solange, bis sie selbst an der Reihe sind. "Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus/ zünd andre an."
Nina May ist ganz verzückt über das Frauen-Duo am Theater Gera-Altenburg, Amina Gusner und Anne-Sylvie König. Die Schauspieldirektorin und die Chefdramaturgin werden - anlässlich ihrer bevorstehenden "Faust"-Inszenierung - als erstes mit ihren bei "Kaffeeklatsch und konzentrierter Schöpfung" ausgeheckten "Plänen" zitiert, "wie sie das Theater noch weiter aufmischen könnten". Sie plädieren für "das Zulassen von Emotionen" in der Kunst wie im Leben, und kritisieren Männer in Führungspositionen, die "sich sehr ernst nehmen". Ganz im Stile patriarchaler Unterordnung postuliert May, dass die Geraer Frauen doch "Glück hätten", weil Intendant Matthias Oldag "seine (!) Frauen schätze". Anarchischer und gleichzeitig nüchtern klingen Gusner/König, wenn sie sagen, wie anstrengend der tägliche Kampf in der Männerdomäne Theater und wie verletzlich sie weiterhin seien, bevor sie in raschem Schwenk ihre Sympathien für die mephistophelische Seite des Lebens bekennen: "Unfug braucht das Land". Sympathisch. Hoffentlich auch gut.
Anlässlich der bevorstehenden Premiere von Wolfgang Engels "Der Turm" nach Uwe Tellkamp am Schauspiel Dresden sprach Adina Rieckmann mit dem Autor. Dass sie Tellkamp ständig notwendige "Substanzverluste" bei der Umsetzung auf die Bühne in den Mund legen will, kontert Tellkamp halbwegs charmant, ohne auszuschließen, dass er das Ergebnis eventuell nicht gut finden wird. Die Aktualität der Themen "Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch" sieht der Dresdner Tellkamp allerdings weit über die sächsische Residenzstadt selbst gegeben. In unserer "Biedermeierzeit" finde sich das Bildungsbürgertum auch an vielen anderen Orten in West und Ost. Weg sei es ohnehin nie gewesen, "auch wenn uns die mediale Welt das mitunter glauben machen" wolle. Hoffentlich wird das Schauspielhaus nicht der neue "Turm" des Konservatismus in diesem unseren Lande. Auch ein interessantes Fernduell der beiden (naja, z.T. vormaligen) Leipziger Intendanten um zeitgemäße Konzeptionen aktueller Schauspielkunst.
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Dienstag, 14. September 2010
lvz kultur vom 14.09.10: Neuer Chef de Ballet Leipzig, die Schumanns & Louise Bourgeois
Mit Mario Schröder tritt ein Chef als neuer Direktor des Leipziger Ballettensembles an, der die Liebe zum Ensemble mit dem Feuer für die Inhalte, die Premieren verbinde, schreibt Tobias Wolff. Im Zentrum der kommenden Spielzeit stünden die Biografien von Jim Morrison und Charlie Chaplin. Leitmotive für seine neue Tätigkeit seien die Begriffe "Erleben, Fliegen, Bewegen". Der "Teamworker" war früher Solotänzer im Leipziger Ballett, bevor er außerhalb Leipzigs selbst zum Choreografen wurde. Anders als Paul Chalmer, der das Erbe des verstorbenen Uwe Scholz mehr bewahren als erneuern sollte, will Mario Schröder beginnen, Fragen zu stellen, mit Scholz in eigenständige Kommunikation treten. Das heißt aber auch, das Ballett dreht sich weiterhin um ein Gravitationszentrum, das eher einem "Black Hole", einem Schwarzen Loch, ähnelt, das unentrinnbar die Bahnen der Tänzer bestimmen wird. Vielleicht interessanter als diese Tatsache ist, dass der neue Ballettchef zwar neues, insbesondere junges, Publikum generieren will, wie jeder neue Chef jedes neuen Ensembles, aber sein Vorhaben, "authentisch zu bleiben" doch mit dem erklärten Willen, "Emotionen zu erzeugen" kollidieren wird. Kunst, die etwas bewirken will, überwältigen will, spielt sich in althergebrachter Weise als Kunstleithammel auf, die statt Fragen doch eher Antworten im Gepäck hat.
Eine schon durch die Beschreibung Olivia Schreiers faszinierende Annäherung an die Musiker Robert und Clara Schumann war augenscheinlich die unter den romantisierenden Titel "Blütenmond" gestellte Veranstaltung zum 170. Hochzeitstag des Paares im Zweinaundorfer Park und - abends - im Werk II. Romantische Lieder durch den Kammerchor encore, ein Hornquartett, eine Installation Erwin Staches, eine Choreografie von Yoshiko Waki und Marlen Schumann (!) und ein Streichquartett wurden open air auf dem Gelände des Guts Mölkau dargeboten, Zuhörer teils in Heuballen unter einer Eiche liegend. Von dem Ort, an dem die Schumanns ihren Hochzeits"nachmittag" verlebten, ging es per Rad zur Traukirche, wo das Leipziger Vokalconsort spielte und Briefe gelesen wurden. Abends, im Werk II, ging die Veranstaltung mit dem Tanztheater "Blütenmond - Der Unvollendenich" der Company Bodytalk aus Bonn weiter, die zu Musik von Led Zeppelin Clara Schumann zwischen ihrem Mann Robert und dem "Dritten", dem Freund Johannes Brahms, zeigt, sowie das qualvolle Ende Robert Schumanns in der Nervenheilanstalt in Bonn-Endenich. Mit Videosequenzen von Alexandra Czok aus dem Gut Mölkau schließt sich der Bogen wieder zum Beginn.
Die Kunstsammlungen Jena zeigen das Werk der Bildhauerin und Zeichnerin Louise Bourgeois, Meinhard Michael berichtet von der Ausstellung dieser "Legende der Moderne", die der Markt sehr spät zu den teuersten Künstlern überhaupt "katapultierte". Sie habe, insbesondere in ihren "semi-abstrakten" Zeichnungen, "dem Gefühl für den eigenen Körper zeichnerischen Ausdruck" gegeben. Darin sei sie "grandios" gewesen, "weil die Unvollkommenheit ganz und gar ehrlich, leibhaftig, erfühlt und wahr klingt." Klingt eher fast zu klischeehaft auf Topoi herkömmlicher weiblicher Rollenzuschreibungen hin konstruiert, auch, wenn man den stammelnden Duktus Michaels liest, mit dem er seinen Bericht enden lässt: "Mit immer wieder betasteten, ergänzten Linien (...) zittern sich Bilder zusammen. Leiber, Hände, Organe, suchend, stützend, bittend, in Freude. (...) Auch wenn es nur Kerne, Zellen, Blätter sind, (...) - mehr braucht sie nicht." Geht mir ähnlich.
Eine schon durch die Beschreibung Olivia Schreiers faszinierende Annäherung an die Musiker Robert und Clara Schumann war augenscheinlich die unter den romantisierenden Titel "Blütenmond" gestellte Veranstaltung zum 170. Hochzeitstag des Paares im Zweinaundorfer Park und - abends - im Werk II. Romantische Lieder durch den Kammerchor encore, ein Hornquartett, eine Installation Erwin Staches, eine Choreografie von Yoshiko Waki und Marlen Schumann (!) und ein Streichquartett wurden open air auf dem Gelände des Guts Mölkau dargeboten, Zuhörer teils in Heuballen unter einer Eiche liegend. Von dem Ort, an dem die Schumanns ihren Hochzeits"nachmittag" verlebten, ging es per Rad zur Traukirche, wo das Leipziger Vokalconsort spielte und Briefe gelesen wurden. Abends, im Werk II, ging die Veranstaltung mit dem Tanztheater "Blütenmond - Der Unvollendenich" der Company Bodytalk aus Bonn weiter, die zu Musik von Led Zeppelin Clara Schumann zwischen ihrem Mann Robert und dem "Dritten", dem Freund Johannes Brahms, zeigt, sowie das qualvolle Ende Robert Schumanns in der Nervenheilanstalt in Bonn-Endenich. Mit Videosequenzen von Alexandra Czok aus dem Gut Mölkau schließt sich der Bogen wieder zum Beginn.
Die Kunstsammlungen Jena zeigen das Werk der Bildhauerin und Zeichnerin Louise Bourgeois, Meinhard Michael berichtet von der Ausstellung dieser "Legende der Moderne", die der Markt sehr spät zu den teuersten Künstlern überhaupt "katapultierte". Sie habe, insbesondere in ihren "semi-abstrakten" Zeichnungen, "dem Gefühl für den eigenen Körper zeichnerischen Ausdruck" gegeben. Darin sei sie "grandios" gewesen, "weil die Unvollkommenheit ganz und gar ehrlich, leibhaftig, erfühlt und wahr klingt." Klingt eher fast zu klischeehaft auf Topoi herkömmlicher weiblicher Rollenzuschreibungen hin konstruiert, auch, wenn man den stammelnden Duktus Michaels liest, mit dem er seinen Bericht enden lässt: "Mit immer wieder betasteten, ergänzten Linien (...) zittern sich Bilder zusammen. Leiber, Hände, Organe, suchend, stützend, bittend, in Freude. (...) Auch wenn es nur Kerne, Zellen, Blätter sind, (...) - mehr braucht sie nicht." Geht mir ähnlich.
Montag, 13. September 2010
lvz kultur vom 13.09.10: Spinnerei, Goldene Löwen, Chabrol & abermals die Leipziger Kultur
Nein, diesen Artikel von Meinhard Michael über den Spinnerei-Rundgang zu lesen, ist eine Qual. Ob der lvz redakteur dem Schreiben über Kunst drüssig geworden ist? Beschreibungen von Fressevents, Motorradunfällen und Nachtwächterdiskursen ersetzen das Sprechen von Bildern, Installationen, Performances. Oder besser: Einen realen Unfall als Performance aufzufassen bedeutet ihm mehr Kick als jedes noch so ästhetisierte Ereignis, jede Nachtwächterweisheit verströmt scheinbar mehr Diskursivität als die 250ste, staubgesaugte Kunstabhandlung. Als letzten Beweis, als Faktencheck quasi, nimmt Michael die räumliche Gegenüberstellung einer Motocrossmaschine (die der Künstler Sebastian Gögel einfach "toll" finde und die er "Bertie" nennt), eines rein technischen Artefakts, aber eines "Vollbluts", mit einem tarantelähnlichen unheimlichen ("bösen"?) Kunstdings. Bertie siegt. Denn natürlich sind "performative Plastiken" schon längst wieder "gestrig", befindet der up to date-Kunstkritiker. Ansonsten findet er bevorzugt "Luschen", alten Wein in neuen Schläuchen und Verräter am eigenen Image ("Laden für Nichts"). Die Frage, ob dem Kunst-Betrachter schon "der anhand ästhetischer Indizien eröffnete Diskurs" reiche, oder ob wir "Kunst als intensivierte Form" bräuchten, beantwortet er zwar zugunsten der letzteren, gibts sich aber selbst mit aus "Indizien" gewonnenen Diskursrudimenten zufrieden. Und dann muss Michael sogar noch den im hauseigenen SpinArt Magazin hochgezüchteten Armin Mueller-Stahl gegen seinen Willen hochjazzen, "erstaunlich geschickt" macht er das allerdings nicht.
Die Gewinnerin des Goldenen Löwen bei den 67. Filmfestspielen in Venedig, Sofia Coppola, hatte die lvz in ihren Augurenmeldungen nicht auf dem Zettel, dafür bekam Tom Tykwer für seinen "Drei" aber auch nicht den herbeigeschriebenen Regielöwen. Stattdessen wird geunkt, dass Coppola den Preis erhalten habe, weil sie mal was mit Juryvorsitzendem Tarantino gehabt habe... Klatsch verkauft sich in diesem Metier bekanntlich schneller als Inhalte.
Norbert Wehrstedt darf im Folgenden bittere Tränen über Claude Chabrol vergießen. Der Großmeister des Filmkrimis und der geheuchelten und verlogenen Bürgerfassaden ist gestorben. Kein Moralist sei er gewesen, sondern ein Zyniker, Sarkastiker, Ironiker. Ob die moralische Betrachtung seines Wesens effektiv ist, bleibt dahingestellt. Immerhin sieht sich Wehrstedt plötzlich von zunehmender "Blutleere" im Herzen des Kinos umgeben und endet mit einem Bonmot, auf das es keine Widerrede geben wird: "Am schlimmsten aber ist die Gewissheit: Es gibt nie wieder einen neuen Chabrol."
Dass Musikkritiken immer mal wieder eher an Weinproben denn an Bühnenaufführungen erinnern, weiß jeder, der schon mal eine Korfmacher-Kritik gelesen hat. Heike Bronn kann diesen geschmäcklerischen Duktus aber auch ganz gut. In ihrer Beschreibung eines Mendelssohn-Konzerts für Klavier, Violine und Orchester schreibt sie über das Spiel der beiden Solisten: "Im Allegro Molto konzertiert er sehr agil zu einer duftigen Violine, schlichte Melodien interpretieren beide eindringlich singend", bevor sie allerdings bei der Zugabe wieder zur Burschikosität eines Landweins zurückfindet: "Mit der Zugabe setzen sie an Spielfreude noch einen drauf." Darauf wiederum einen "draufzusetzen" fällt mir natürlich nicht ein.
Das tun gegenseitig die Leipziger Stadträte und Kulturfachleute, die - seit die Seniorenunion der CDU sich vehement contra Kultur zu Wort gemeldet hatte - plötzlich ein Feuerwerk an Vorschlägen zur Neustrukturierung der städtischen Kulturbetriebe loslassen, ganz im Sarrazinschen Sinne, dass dies doch endlich mal gesagt werden dürfe, oder? Leuze (GRÜNE) schlägt eine gemeinsame Intendanz von Gewandhaus und Oper vor, Hesselbarth (FDP) die Zusammenlegung von Schauspiel und Oper, wenn Maravics 2014 aus Altersgründen auf seinen Posten verzichten muss (Hartmann als Opernchef?, juchu), Peter Degner möchte allerdings erst das Unkraut aus den Treppen und Mauern der Oper ziehen lassen (und meint das - ganz ehrlich - nicht symbolisch!). Nur die SPD verhält sich antizyklisch und fordert sich selbst und ihren OBM auf, für eine Bettenabgabe bei Hotelübernachtungen einzutreten. Das mache schon mal die ersten 3,8 Mio, die Hartmann und der Hochkultur zugute kommen sollen. Allein Bonews CDU befürchtet hier einen großen Imageschaden für Leipzig. Nicht, wenn an der Kultur gespart wird, sondern wenn Hotelgäste angezapft werden, versteht sich.
Die Gewinnerin des Goldenen Löwen bei den 67. Filmfestspielen in Venedig, Sofia Coppola, hatte die lvz in ihren Augurenmeldungen nicht auf dem Zettel, dafür bekam Tom Tykwer für seinen "Drei" aber auch nicht den herbeigeschriebenen Regielöwen. Stattdessen wird geunkt, dass Coppola den Preis erhalten habe, weil sie mal was mit Juryvorsitzendem Tarantino gehabt habe... Klatsch verkauft sich in diesem Metier bekanntlich schneller als Inhalte.
Norbert Wehrstedt darf im Folgenden bittere Tränen über Claude Chabrol vergießen. Der Großmeister des Filmkrimis und der geheuchelten und verlogenen Bürgerfassaden ist gestorben. Kein Moralist sei er gewesen, sondern ein Zyniker, Sarkastiker, Ironiker. Ob die moralische Betrachtung seines Wesens effektiv ist, bleibt dahingestellt. Immerhin sieht sich Wehrstedt plötzlich von zunehmender "Blutleere" im Herzen des Kinos umgeben und endet mit einem Bonmot, auf das es keine Widerrede geben wird: "Am schlimmsten aber ist die Gewissheit: Es gibt nie wieder einen neuen Chabrol."
Dass Musikkritiken immer mal wieder eher an Weinproben denn an Bühnenaufführungen erinnern, weiß jeder, der schon mal eine Korfmacher-Kritik gelesen hat. Heike Bronn kann diesen geschmäcklerischen Duktus aber auch ganz gut. In ihrer Beschreibung eines Mendelssohn-Konzerts für Klavier, Violine und Orchester schreibt sie über das Spiel der beiden Solisten: "Im Allegro Molto konzertiert er sehr agil zu einer duftigen Violine, schlichte Melodien interpretieren beide eindringlich singend", bevor sie allerdings bei der Zugabe wieder zur Burschikosität eines Landweins zurückfindet: "Mit der Zugabe setzen sie an Spielfreude noch einen drauf." Darauf wiederum einen "draufzusetzen" fällt mir natürlich nicht ein.
Das tun gegenseitig die Leipziger Stadträte und Kulturfachleute, die - seit die Seniorenunion der CDU sich vehement contra Kultur zu Wort gemeldet hatte - plötzlich ein Feuerwerk an Vorschlägen zur Neustrukturierung der städtischen Kulturbetriebe loslassen, ganz im Sarrazinschen Sinne, dass dies doch endlich mal gesagt werden dürfe, oder? Leuze (GRÜNE) schlägt eine gemeinsame Intendanz von Gewandhaus und Oper vor, Hesselbarth (FDP) die Zusammenlegung von Schauspiel und Oper, wenn Maravics 2014 aus Altersgründen auf seinen Posten verzichten muss (Hartmann als Opernchef?, juchu), Peter Degner möchte allerdings erst das Unkraut aus den Treppen und Mauern der Oper ziehen lassen (und meint das - ganz ehrlich - nicht symbolisch!). Nur die SPD verhält sich antizyklisch und fordert sich selbst und ihren OBM auf, für eine Bettenabgabe bei Hotelübernachtungen einzutreten. Das mache schon mal die ersten 3,8 Mio, die Hartmann und der Hochkultur zugute kommen sollen. Allein Bonews CDU befürchtet hier einen großen Imageschaden für Leipzig. Nicht, wenn an der Kultur gespart wird, sondern wenn Hotelgäste angezapft werden, versteht sich.
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Samstag, 28. August 2010
Lvz kultur vom 28.08.10: Runde Ecke, Bunker, Lichterfest und Pornografie
„Immer mehr“, „immer mehr“. Es klingt wie „stich, stich“, Woyzecks böse Stimmen, die er nicht aus seinem Kopf verbannen kann, dieses „immer mehr“. Immer mehr Besucher sollen die ehemalige Leipziger Stasizentrale in der Runden Ecke besuchen, sagen Armin Görtz und die lvz-Schlagzeile. Ob sie stimmt, ist eine andere Frage. Bisher gibt es nur Halbjahreszahlen. Die Prognose geht von einer „ähnlichen Besucherzahl wie 2009“ aus. Allein die Werbebotschaft greift zum Rekord – und zur Lüge. Die Wahrheit über die Besucher wird auch im Artikel eher versteckt, als sei sie den Bürgern nicht zumutbar. Die Bundeswehr, politische Stiftungen und ausländische Besucher von Südkorea bis Israel machen einen Großteil der Besucher aus. An Schulbesuchen aus Leipzig und Umgebung allerdings mangelt es. Ein großer Teil der Bildungseinrichtungen zeige kein Interesse. Alles hänge an den Lehrern, seufz. Stopp und Schluss der Analyse. Ähnlich lautete der Befund jüngst beim Theater der Jungen Welt, die dem Mangel an Schulbesuchen bei Themen wie Zivilcourage und Rechtsextremismus allerdings über Recherchen und Interviews eines mdr-Journalisten auf den Pelz zu rücken versuchte.
Stattdessen rüstet Armin Görtz auf der folgenden Seite gleich mit einem sensationsheischenden Artikel auf, in dem er von einem – „der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten“ - Bunker unter der Ex-Stasizentrale berichtet. Es klingt fast investigativ. Auch der Stil ist beinahe reportagehaft. Doch wer denn hatte bislang kein Interesse an Aufklärung? Stattdessen: Eine Reise wie die des Jules Verne zum Mittelpunkt der Erde, Meter um Meter, Stahltür um Stahltür legt der kletternde lvz Reporter in die Tiefe zurück und resümiert mit hörbarem Vibrato: „Selbst nach einem Atomschlag sollte aus diversen Schutzräumen heraus die Bespitzelung und Unterdrückung der Überlebenden fortgesetzt werden.“ Allerdings fragt Görtz selbst, wie „die Tschekisten aus solch einer Gruft heraus wieder aktiv werden wollten?“ In den lebensfeindlichen Bunkerräumen angekommen, entdeckt der lvz Redakteur aber nichts weiter als die spießige Welt der DDR. An den Wänden Kacheln, die einen Blumenstrauß formen, den Warteraum der bunkereigenen Poliklinik, das Dienstzimmer des Stasi-Bezirkschefs. In ihm Neonlampen, Gardinen, eine Schrankwand in vollendet schlichtem Geschmack: Mit Holzmaserungen umhülltes Sperrholz in Kaufhausqualität. Augenscheinlich gruselig. Statt zu fragen, was diese Bunker tatsächlich beinhalteten, was sie von denen anderer Regierungen unterscheidet, ob es vielleicht eine Qualität von Machthabern darstellt, in der Not sogar ohne Volk gerne weiter den Bestimmer spielen zu wollen? Stattdessen eine fulminante Entdeckung, zig Meter unter der Erdoberfläche ein echter Höhepunkt (oder doch nur Tiefpunkt?): „Eine - sorgfältig abgewischte – Tafel für Planspiele kommt zum Vorschein. Eine Packung Kreide aus dem VEB Harzer Gipswerke Rottleberode liegt noch immer bereit.“ Sorgfältig von André Kempner für die Nachwelt fotografiert. Kinderspiele machen mehr Sinn. Wohl auch als solche Artikel.
Ein weiterer in diesem Zusammenhang, diesmal von Klaus Staeubert, berichtet über das kommende Lichterfest zum 9. Oktober, über Laserprojektionen an der Opermauer, über Klang- und Videoinstallationen, eine Orgel-Performance und manch weiteren Chichi, der „den Bogen spannt zur deutschen Wiedervereinigung, die sich am 3. Oktober zum 20. Mal jährt“. Wo auf den vorderen Seiten der lvz schon früh das Fragen und Recherchieren eingestellt wird, setzt im Lokalen nun allerdings die Vernebelung ein. Nach der Ouvertüre folgt der Mittelteil, die Stars der Veranstaltung. Es treten auf: Rolf Stahlhofen, „einer der bekanntesten deutschen Popsänger“, Gründer der „Söhne Mannheims“. Und schließlich: „Nicht zuletzt sind alle Bürger eingeladen, mit Kerzen zu kommen und daraus eine leuchtende „89“ zu formen“, fast wie früher im Zentralstadion. Auch dort war das Publikum, in den heutigen Worten des Stadtmarketing-Chefs Volker Bremer, sicher „der Hauptakteur“, der historische Ort die machtvolle Kulisse, nein, der „Aktionsraum“. Solche gelenkten Ergüsse ähneln pornografischen. Bemerkenswert: Die Hälfte der Kosten für das geplante „Kunst- und Bürgerprojekt“, 100.000 Euro, sponsern Firmen. Mit ihm bewirbt sich Leipzig nicht zufällig um den „Kulturmarken Award“ und den „Preis der Großstädte-Vereinigung Eurocities“. Ein Schelm, der Arges dabei denkt? Weit gefehlt. Bremer lügt sich und uns die steuersparende Marketingkampagne der Unternehmen lieber zum Sinnbild für „wahres Mäzenatentum“ zurecht. Und die lvz entblödet sich nicht, dieses handfeste Standortmarketing durch einen authentischen Bürgerrechtler zur nichtkommerziellen Veranstaltung zu adeln: „Die Menschen in der DDR“ seien „für Freiheit und Demokratie auf die Straßen gegangen, nicht für Bananen und Aldi.“ Und der dazugehörige Bildband zum Lichtfest wird sicher über die Leipziger Volkszeitung vertrieben.
Zu so viel Kunst und Obszönität hat die Kultur kaum noch Unterhaltsameres beizutragen. Meinhard Michael berichtet über die kommende Foto-Ausstellung „Nude Visions“ im Bildermuseum, die die vorgestrigen Gunter-Sachs-Privatelaborate schnell noch kunsthistorisch verbrämen darf. Und hier will endlich auch mal die lvz den Pornografieverdacht erheben, natürlich nur für die längst vergangenen Zeiten, in denen Kunst noch nicht alles durfte. Und lobt, dass – neben viel nackter Haut - der „neuere Teil der Ausstellung“ die „Kritik am erotischen Bild, an seiner Benutzung, an seinen Lügen“ ebenfalls erzählen darf. Das schließt leider die Kritik an der Obszönität manch anderer Elaborate nicht ein.
Stattdessen rüstet Armin Görtz auf der folgenden Seite gleich mit einem sensationsheischenden Artikel auf, in dem er von einem – „der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten“ - Bunker unter der Ex-Stasizentrale berichtet. Es klingt fast investigativ. Auch der Stil ist beinahe reportagehaft. Doch wer denn hatte bislang kein Interesse an Aufklärung? Stattdessen: Eine Reise wie die des Jules Verne zum Mittelpunkt der Erde, Meter um Meter, Stahltür um Stahltür legt der kletternde lvz Reporter in die Tiefe zurück und resümiert mit hörbarem Vibrato: „Selbst nach einem Atomschlag sollte aus diversen Schutzräumen heraus die Bespitzelung und Unterdrückung der Überlebenden fortgesetzt werden.“ Allerdings fragt Görtz selbst, wie „die Tschekisten aus solch einer Gruft heraus wieder aktiv werden wollten?“ In den lebensfeindlichen Bunkerräumen angekommen, entdeckt der lvz Redakteur aber nichts weiter als die spießige Welt der DDR. An den Wänden Kacheln, die einen Blumenstrauß formen, den Warteraum der bunkereigenen Poliklinik, das Dienstzimmer des Stasi-Bezirkschefs. In ihm Neonlampen, Gardinen, eine Schrankwand in vollendet schlichtem Geschmack: Mit Holzmaserungen umhülltes Sperrholz in Kaufhausqualität. Augenscheinlich gruselig. Statt zu fragen, was diese Bunker tatsächlich beinhalteten, was sie von denen anderer Regierungen unterscheidet, ob es vielleicht eine Qualität von Machthabern darstellt, in der Not sogar ohne Volk gerne weiter den Bestimmer spielen zu wollen? Stattdessen eine fulminante Entdeckung, zig Meter unter der Erdoberfläche ein echter Höhepunkt (oder doch nur Tiefpunkt?): „Eine - sorgfältig abgewischte – Tafel für Planspiele kommt zum Vorschein. Eine Packung Kreide aus dem VEB Harzer Gipswerke Rottleberode liegt noch immer bereit.“ Sorgfältig von André Kempner für die Nachwelt fotografiert. Kinderspiele machen mehr Sinn. Wohl auch als solche Artikel.
Ein weiterer in diesem Zusammenhang, diesmal von Klaus Staeubert, berichtet über das kommende Lichterfest zum 9. Oktober, über Laserprojektionen an der Opermauer, über Klang- und Videoinstallationen, eine Orgel-Performance und manch weiteren Chichi, der „den Bogen spannt zur deutschen Wiedervereinigung, die sich am 3. Oktober zum 20. Mal jährt“. Wo auf den vorderen Seiten der lvz schon früh das Fragen und Recherchieren eingestellt wird, setzt im Lokalen nun allerdings die Vernebelung ein. Nach der Ouvertüre folgt der Mittelteil, die Stars der Veranstaltung. Es treten auf: Rolf Stahlhofen, „einer der bekanntesten deutschen Popsänger“, Gründer der „Söhne Mannheims“. Und schließlich: „Nicht zuletzt sind alle Bürger eingeladen, mit Kerzen zu kommen und daraus eine leuchtende „89“ zu formen“, fast wie früher im Zentralstadion. Auch dort war das Publikum, in den heutigen Worten des Stadtmarketing-Chefs Volker Bremer, sicher „der Hauptakteur“, der historische Ort die machtvolle Kulisse, nein, der „Aktionsraum“. Solche gelenkten Ergüsse ähneln pornografischen. Bemerkenswert: Die Hälfte der Kosten für das geplante „Kunst- und Bürgerprojekt“, 100.000 Euro, sponsern Firmen. Mit ihm bewirbt sich Leipzig nicht zufällig um den „Kulturmarken Award“ und den „Preis der Großstädte-Vereinigung Eurocities“. Ein Schelm, der Arges dabei denkt? Weit gefehlt. Bremer lügt sich und uns die steuersparende Marketingkampagne der Unternehmen lieber zum Sinnbild für „wahres Mäzenatentum“ zurecht. Und die lvz entblödet sich nicht, dieses handfeste Standortmarketing durch einen authentischen Bürgerrechtler zur nichtkommerziellen Veranstaltung zu adeln: „Die Menschen in der DDR“ seien „für Freiheit und Demokratie auf die Straßen gegangen, nicht für Bananen und Aldi.“ Und der dazugehörige Bildband zum Lichtfest wird sicher über die Leipziger Volkszeitung vertrieben.
Zu so viel Kunst und Obszönität hat die Kultur kaum noch Unterhaltsameres beizutragen. Meinhard Michael berichtet über die kommende Foto-Ausstellung „Nude Visions“ im Bildermuseum, die die vorgestrigen Gunter-Sachs-Privatelaborate schnell noch kunsthistorisch verbrämen darf. Und hier will endlich auch mal die lvz den Pornografieverdacht erheben, natürlich nur für die längst vergangenen Zeiten, in denen Kunst noch nicht alles durfte. Und lobt, dass – neben viel nackter Haut - der „neuere Teil der Ausstellung“ die „Kritik am erotischen Bild, an seiner Benutzung, an seinen Lügen“ ebenfalls erzählen darf. Das schließt leider die Kritik an der Obszönität manch anderer Elaborate nicht ein.
Freitag, 27. August 2010
lvz kultur vom 27.08.10: Lachmesse, Schumann, Sean Scully
20 Jahre Lachmesse seien Grund genug, all die Großen des Kabaretts, der Kleinkunst und Comedians wie in einer Schatzbüchse zu versammeln und vom 14. bis 24. Oktober gekonnt den Deckel der Pandora zu lüften. Vielleicht reicht ja tatsächlich das geistvolle Benennen des vielgestaltigen Unheils, es wirkungsvoll zu bannen? Mark Daniel jedenfalls verfällt allein durch die Aufzählung der Stars in eine Glücksstarre, die wohl erst durch das Liveerlebnis wieder von ihm weichen wird, sicher zum ebensolchen Vergnügen der vielen anderen Zuhörer: Es sind Georg Schramm, Bruno Jonas, Jürgen Becker, Richard Rogler, Christoph Sieber, das Erste Deutsche Zwangsensemble, Erwin Grosche, Leo Bassi, Joesi Prokopetz, Ferruccio Cainero, Ohne Rolf, Alfons und Mark Britton. Neukommer wie Ken Bardowicks, Nepo Fitz und Jens Neutag stünden für die kommende Generation der "geistvollen Politunterhaltung". Die Geburtstagsgala vollenden Josef Hader, Hagen Rether und Tom Pauls übrigens erst nach offiziellem Ende der Messe.
In ähnlich buchhalterischer Emphase reiht Peter Korfmacher feierliche Adjek- und Substantive auf, die den beinahe himmlischen Klangkosmos des jüngsten Großen Konzertes unter Ricardo Chailly im Gewandhaus ahnen lassen sollen. Es gab Schumanns a-moll-Klavierkonzert, der 18-jährige Solist Kit Armstrong polarisierte allerdings die Menge. Poesie und Klarheit, ja, aber wo bleibt die Emphase und Leuchtkraft des Spiels? Die bringe als Mitgift das Orchester des Gewandhauses hinzu, "intimes Miteinander" nennt es der lvz Kulturchef und fertig scheint die Hochzeitsnacht in all ihren Höhen, Lyrismen und Erregungen. Den orgiastischen Jubel darf dann das Publikum beisteuern. Und in neun Monaten wachsen viele kleine neue Abonnenten nach.
Amerikanische Moderne mit europäischer Malereitradition zu vereinen, wird dem Iren Sean Scully nachgesagt. Die Kunstsammlungen Chemnitz widmen dem internationalen Star eine überwältigend schöne Ausstellung, findet Meinhard Michael. Ähnlich einem "Whisky, in dem große Gefühle lauern" entzünde die abstrakte Sprache von Scullys Gemälden einen schonungslos subjektiven emotionaler Furor. Der stark abstrahierend und philosophierend denkende Künstler habe der Malerei eine "Tiefe der Bedeutung zurückgegeben", die - verglichen mit seinem noch 1981 bevorzugten Minimalismus - "halsbrecherisch mutwillig" gewirkt haben müsse. Die deutsche Romantik und der Expressionismus stünden Pate, wenn er "an seine einfachen Strukturen Emotionen, Moral und Entsetzen" gebunden habe. Faszinierend sei zwar auch die Kombination von europäischen Malereitraditionen mit "nostalgischer Technik", wenn er Farbe statt auf Leinwand auf Kupfer und Aluminium gebe, deren ungleich glattere Oberflächen gänzlich andere Tiefen zu erzeugen vermöchten. Die Einbußen allerdings, die in der Abkühlung jener Flächen zu verzeichnen seien, könnten den Gewinn nicht ausgleichen, bleibt Michael skeptisch, ohne doch sicher zu sein, dass er nicht, voreingenommen, die "kühlere modernere Bildlichkeit" gemäß "europäischer - und östlicher - Nostalgie" der "alten Handarbeit" gegenüber hintanstellt.
In ähnlich buchhalterischer Emphase reiht Peter Korfmacher feierliche Adjek- und Substantive auf, die den beinahe himmlischen Klangkosmos des jüngsten Großen Konzertes unter Ricardo Chailly im Gewandhaus ahnen lassen sollen. Es gab Schumanns a-moll-Klavierkonzert, der 18-jährige Solist Kit Armstrong polarisierte allerdings die Menge. Poesie und Klarheit, ja, aber wo bleibt die Emphase und Leuchtkraft des Spiels? Die bringe als Mitgift das Orchester des Gewandhauses hinzu, "intimes Miteinander" nennt es der lvz Kulturchef und fertig scheint die Hochzeitsnacht in all ihren Höhen, Lyrismen und Erregungen. Den orgiastischen Jubel darf dann das Publikum beisteuern. Und in neun Monaten wachsen viele kleine neue Abonnenten nach.
Amerikanische Moderne mit europäischer Malereitradition zu vereinen, wird dem Iren Sean Scully nachgesagt. Die Kunstsammlungen Chemnitz widmen dem internationalen Star eine überwältigend schöne Ausstellung, findet Meinhard Michael. Ähnlich einem "Whisky, in dem große Gefühle lauern" entzünde die abstrakte Sprache von Scullys Gemälden einen schonungslos subjektiven emotionaler Furor. Der stark abstrahierend und philosophierend denkende Künstler habe der Malerei eine "Tiefe der Bedeutung zurückgegeben", die - verglichen mit seinem noch 1981 bevorzugten Minimalismus - "halsbrecherisch mutwillig" gewirkt haben müsse. Die deutsche Romantik und der Expressionismus stünden Pate, wenn er "an seine einfachen Strukturen Emotionen, Moral und Entsetzen" gebunden habe. Faszinierend sei zwar auch die Kombination von europäischen Malereitraditionen mit "nostalgischer Technik", wenn er Farbe statt auf Leinwand auf Kupfer und Aluminium gebe, deren ungleich glattere Oberflächen gänzlich andere Tiefen zu erzeugen vermöchten. Die Einbußen allerdings, die in der Abkühlung jener Flächen zu verzeichnen seien, könnten den Gewinn nicht ausgleichen, bleibt Michael skeptisch, ohne doch sicher zu sein, dass er nicht, voreingenommen, die "kühlere modernere Bildlichkeit" gemäß "europäischer - und östlicher - Nostalgie" der "alten Handarbeit" gegenüber hintanstellt.
Donnerstag, 26. August 2010
lvz kultur vom 26.08.10: Bernhard Schlink, Gerhard Uhlig und die Nassrasur
Ulf Heise ist irritiert. In Bernhard Schlinks neuem Erzählband "Sommerlügen" fehle etwas. Heise meint: Glaubwürdigkeit. Und politisches Bewusstsein. Stattdessen: Versuchte Kunst am Text, Allgemeinplätze und schwache Männer. Das Ganze ergebe leichte Kost über Beziehungsgeschichten aus dem Wohlstandsmilieu, thrillerartig verpackt. Doch Schlinks "überschaubares Vokabular und die ständige Verwendung von Hilfsverben" langweilen. Das will Heise auch mit "Anleihen bei Ernest Hemingway" nicht wirklich schönerreden. Zumal - Überraschung! - in den Erzählungen immer wieder starke Frauen die psychischen Dellen ratloser Männer auszubeulen haben. Das Positivste, was er sagen kann: Schlink verbreite - in Fragen zwischenmenschlicher Beziehungen - keine "Hoffnungslosigkeit". In Dingen der Literatur augenscheinlich schon.
Einen fast schon vergessenen Leipziger Maler stellt Meinhard Michael vor: Gerhard Uhlig. Michel hat ihn aufgesucht, und begleitet nun journalistisch seinen Lebensweg von Leipzig ins westfälische Havixbeck, in dem er heute lebt. Dabei sucht Michael in formalen Strukturelementen von dessen Malerei Verbindungen zur damaligen und heutigen Leipziger Schule. Als Soldat flieht Uhlig vor den Russen, als Student vor handfesten Drohungen der neuen Machthaber, als er sich weigert, der malerischen Moderne (Klee, Kandinsky) das Etikett der Dekadenz umzuhängen. Die nur kurze Zeit an der Leipziger Kunstakademie - wichtigster Lehrer dort: Max Schwimmer - setzt er in München und Stuttgart (Willi Baumeister) fort. Seine abstrakten, aus kleinteiligen Modulen bestehenden Bilder werden in den 60ern langsam von schweren kubischen Formen abgelöst, die sich immer weiter in die Farbreduktion bis ins Schwarz-Weiße "hineinfressen". Dass seine "grafische Prägung" allerdings "ein Erbe der grafisch gesinnten Leipziger Kunst" sei, will Uhlig nicht bejahen.
Einen fast schon vergessenen Leipziger Maler stellt Meinhard Michael vor: Gerhard Uhlig. Michel hat ihn aufgesucht, und begleitet nun journalistisch seinen Lebensweg von Leipzig ins westfälische Havixbeck, in dem er heute lebt. Dabei sucht Michael in formalen Strukturelementen von dessen Malerei Verbindungen zur damaligen und heutigen Leipziger Schule. Als Soldat flieht Uhlig vor den Russen, als Student vor handfesten Drohungen der neuen Machthaber, als er sich weigert, der malerischen Moderne (Klee, Kandinsky) das Etikett der Dekadenz umzuhängen. Die nur kurze Zeit an der Leipziger Kunstakademie - wichtigster Lehrer dort: Max Schwimmer - setzt er in München und Stuttgart (Willi Baumeister) fort. Seine abstrakten, aus kleinteiligen Modulen bestehenden Bilder werden in den 60ern langsam von schweren kubischen Formen abgelöst, die sich immer weiter in die Farbreduktion bis ins Schwarz-Weiße "hineinfressen". Dass seine "grafische Prägung" allerdings "ein Erbe der grafisch gesinnten Leipziger Kunst" sei, will Uhlig nicht bejahen.
Ein wenig Ordnung zwischen den Geschlechtern will Steffen Georgi stiften, indem er ein Loblied auf das letzte Residuum des Männlichen singt: Die Nassrasur beim türkischen, arabischen, russischen Barbier, wo sie "in würdevoller Schweigsamkeit" vollzogen würde. Georgi stellt eine Leipziger Renaissance dieser uralten Kulturtechnik fest, die selbstverständlich mit der "zunehmenden multikulturellen Prägung der Stadtlandschaft" zu tun habe. Frauen seien nun, seit sie den ehedem proklamierten Penisneid als Mumpitz erkannt hätten, allein dem Neid der Nassrasur verfallen, erkennt Leipzigs größter Psychoanalytiker seit Sigmund Freud. Während Männer sich im "Gefühl unendlicher Frische und Enspannung" suhlen dürften, sei dem weiblichen Geschlecht das Erlebnis der "Neugeburt" (Georgi!) als glatter Babypo auf ewig versagt - es müsse sich wohl oder übel mit dem Gedanken an den Tod abfinden, schlussfolgert vor solch bahnbrechender Erkenntnis kulturhistorischer Forschung auf die Knie gehend: athene.
Sonntag, 15. August 2010
lvz kultur vom 14.08.10: Neo Rauch
Und auch der kultur vom 14. soll noch Referenz erwiesen werden. Meinhard Michel meint, das gegenwärtige deutsche Ausstellungsranking führe die Doppelausstellung "Begleiter" von Neo Rauch in Leipzig und München (zwei Mal Ausstellungsrekord) noch vor Frieda Kahlo in Berlin an. Vorsichtig optimistisch schätzt Michel die mehrfach geäußerte Befürchtung ein, die Leipziger Schule löse sich in der internationalen Kunstszene ("hauptberufliche Claqueure des Kunstbetriebs") in Rauch auf. Mehrere geplante Ausstellungen von Leipziger Schülern (u.a. David Schnell) sprächen dagegen, auch die sonst dem Trend huldigende "Kunstzeitung" habe Bilder eines jungen unbekannten Künstlers gelobt, der "konventionell und voller Farbe" male. Rauch male besser, jedenfalls so gut, ja, grandios, dass niemand an ihm vorbei käme. Insbesondere das dem Bildermuseum geschenkte Gemälde ("Unter Feuer") sei voller bislang zu wenig wahrgenommener Qualitäten. Der auffällig "unverbunden" in der Ecke stehende Kanister dürfe dagegen nicht negativ gesehen werden, immerhin sei es bis vor kurzem nahezu ausgeschlossen gewesen, "so einen Kanister" überhaupt zu malen!
Freitag, 30. Juli 2010
lvz kultur vom 30.07.10: Bouillères "Retro", Julia Gröning und Roland Frenzel
"verstörung" ist das stichwort, unter dem janina fleischer olivier bouillères roman "retro" gelesen hat. der französische autor beschreibt in einer melange aus autobiografischem und fiktionalem die geschichte eines kindesmissbrauchs in den späten 70ern. verstörend machten den roman nicht nur die schilderungen der vergewaltigungsszenen, sondern, dass bouilléres seine haupfigur, die wie er selbst olivier heißt, dies scheinbar freiwillig erleben lässt, stolz darauf, jüngster unter den jungen dieses kinderpornorings zu sein. "nur für erwachsene" schreibt der deutsche verlag matthes & seitz auf seiner internetseite zur deutschen ausgabe dieses romans, der in frankreich für einen skandal gesorgt hat. kunstvoll versucht der autor, im rahmen einer rückerinnerung an das damalige geschehen noch korrekturen für seine damals zehn jahre alte hauptfigur mitzudenken. aussichtslos. die verletzungen würden so oder so ins heute getragen, die persönlichkeit bleibe verloren.
auf andere weise verstörend wirkt die ausstellung "losigkeit" mit arbeiten von julia gröning auf dem leipziger spinnereigelände auf susann buhl. in den überwältigend exhibitionistischen fotos der künstlerin ist sie immer wieder selbst zu sehen, ausnahmslos fragmentarisch. die suche nach dem gesamtbild zieht die betrachterin magisch durch die gesamte ausstellung, doch dieses bild wird es nicht geben. sinnlich bereichert wird der besucher gleichwohl auf sich selbst verwiesen.
verstörend, beinahe ergreifend, scheint die ausstellung mit werken des leipziger malers roland frenzel in der leipziger galerie könitz auf meinhard michael gewirkt zu haben. für den in mehrfacher hinsicht außenseiter unter leipzigs malern scheinen die motive anfangs allein gelegenheiten für den intensiven, beinahe naiven gebrauch von farbe gewesen zu sein. seine zunehmende erkrankung, seine psychotischen schübe, haben frenzels strich immer skizzenhafter, fragmentarischer werden lassen, wohl aus zwangsläufig nachlassender konzentration. aus vormals leichtigkeit wird auflösung und unglück. tragisch erscheint michael dagegen, dass diese von frenzels psychotischer natur und einsamkeit geprägte flüchtigkeit und eingeschriebene hinfälligkeit die bilder ergreifender mache als alle poesie und unmittelbarkeit der frühen phase.
auf der szene leipzig-seite schreibt mathias wöbking über die inszenierung des traumquadrat-ensembles von melvilles "moby dick" im soziokulturellen zentrum "die villa". intelligent, witzig, zeitgemäß und erschütternd - und in keiner hinsicht mit pädagogisch motiviertem laienspiel zu bezeichnen sei die inszenierung des regisseurs marek s. bednarsky.
thomas düll schreibt über die global space odyssey, die morgen von connewitz nach lindenau zieht. der spektakuläre umzug, der auf das selbstbewusstsein, aber auch die gefährdung der vielfältigen subkultur verweist, will auf die notwendigkeit für freiräume bzw. "müßiggang" jenseits von dauernder verfügbarkeit und selbstvermarktung der szene hinweisen, nicht allein zur produktion, sondern als angebot für alle besucher der kulturellen veranstaltungen. allerdings auch: dass es die subkultur für seine nutzer nicht umsonst geben kann.
auf andere weise verstörend wirkt die ausstellung "losigkeit" mit arbeiten von julia gröning auf dem leipziger spinnereigelände auf susann buhl. in den überwältigend exhibitionistischen fotos der künstlerin ist sie immer wieder selbst zu sehen, ausnahmslos fragmentarisch. die suche nach dem gesamtbild zieht die betrachterin magisch durch die gesamte ausstellung, doch dieses bild wird es nicht geben. sinnlich bereichert wird der besucher gleichwohl auf sich selbst verwiesen.
verstörend, beinahe ergreifend, scheint die ausstellung mit werken des leipziger malers roland frenzel in der leipziger galerie könitz auf meinhard michael gewirkt zu haben. für den in mehrfacher hinsicht außenseiter unter leipzigs malern scheinen die motive anfangs allein gelegenheiten für den intensiven, beinahe naiven gebrauch von farbe gewesen zu sein. seine zunehmende erkrankung, seine psychotischen schübe, haben frenzels strich immer skizzenhafter, fragmentarischer werden lassen, wohl aus zwangsläufig nachlassender konzentration. aus vormals leichtigkeit wird auflösung und unglück. tragisch erscheint michael dagegen, dass diese von frenzels psychotischer natur und einsamkeit geprägte flüchtigkeit und eingeschriebene hinfälligkeit die bilder ergreifender mache als alle poesie und unmittelbarkeit der frühen phase.
auf der szene leipzig-seite schreibt mathias wöbking über die inszenierung des traumquadrat-ensembles von melvilles "moby dick" im soziokulturellen zentrum "die villa". intelligent, witzig, zeitgemäß und erschütternd - und in keiner hinsicht mit pädagogisch motiviertem laienspiel zu bezeichnen sei die inszenierung des regisseurs marek s. bednarsky.
thomas düll schreibt über die global space odyssey, die morgen von connewitz nach lindenau zieht. der spektakuläre umzug, der auf das selbstbewusstsein, aber auch die gefährdung der vielfältigen subkultur verweist, will auf die notwendigkeit für freiräume bzw. "müßiggang" jenseits von dauernder verfügbarkeit und selbstvermarktung der szene hinweisen, nicht allein zur produktion, sondern als angebot für alle besucher der kulturellen veranstaltungen. allerdings auch: dass es die subkultur für seine nutzer nicht umsonst geben kann.
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