Einer der wenigen großen Pluspunkte der lvz ist Dieter Wonka. Ein klug analysierender, erfahrener Journalist, dessen Artikel die grundlegenden, die einfachen und deshalb manchmal so schwer zu erkennenden Dinge bemerken und zur Grundlage seiner Interviews, Reportagen und Leitartikel machen. Und es macht Spaß, ihn zu lesen (Wie übrigens seine Nachfolgerin(?), Maja Zehrt, schon jetzt). Heute verblüfft sein Leitartikel "Schuldenabbau für gerechte Steuerpolitik" durch journalistisch formulierte Weisheit. Wonkas These: "Wem nützt das Mantra der Steuersenkung wirklich?". Wonka befindet souverän, "es stimmt etwas nicht, wenn bei jeder Krise die Kommunen finanziell abstürzen. Am Ort entsteht die Bindung an das Gemeinwesen." Wenn die kommunalen Leistungen immer geringer werden, "überfordert das jede Bürgergesellschaft". Einfacher und konkreter kann man es nicht ausdrücken. Das sollte eigentlich jeden professionell oder ehrenamtlich tätigen Politiker überzeugen.
Ein Interview mit Deutschlands Fernsehhistoriker Nummer Eins, Guido Knopp. Jochen Overbeck ist Gesprächspartner. Wie ein Politiker antwortet Knopp auf die Frage, warum er sich in "Die Deutschen II" nicht der Geschichte nach 1933 widmet. Knopp: "Wenn man eine große Geschichte der Deutschen erzählen möchte, darf man sich Themen wie Karl der Große, Hildegard von Bingen oder Friedrich II. nicht entgehen lassen." Hallo? Ist die "große Geschichte" gesetzt? Um welchen Preis? Weil die neueste deutsche Geschichte nicht identifikationsträchtig ist? Warum will man Geschichte auf den Punkt des "großen" hin erzählen? Neues Opium für das Volk? Etwas später sagt Knopp, "dass es in Deutschland ein wachsendes Bedürfnis nach nationaler Identität gibt". Knopp analysiert es nicht, er bedient es, dieses Bedürfnis. Und damit bekennt er sich als politisch unzulässiger Zeitgenosse, der Strömungen bis hin zum rückwärtsgewandten Patriotismus schürt. Dass er die "Wiedervereinigung als Happy-End" begreifen möchte, mag für einen Pubertierenden o.k. sein. Für einen Historiker nicht. "Das dunkle Haus der Nazizeit versperrte vieles" lautet seine Kritik am Zeitgeist der 80er. Leider ähnelt Knopp darin eher der volkspädagogisch gedachten, überheblichen und paternalen Leitbildidee einer verschmiemelten Elite, die manche Seiten der deutschen Geschichte verdrängt und das Nationale als Ersatzreligion der vereinigten "Stämme" Deutschlands betrachtet. Guido Knopp: Schon mal was von Europa gehört?
Jürgen Kleindienst komponiert in "ausgepresst" eine Abschiedssinfonie auf die im Weg herum stehenden Kulturbetriebe, deren "quasi-religiöse Verehrung" einer nüchtern-praktischen Abwicklung im Wege stünden. Er befindet, die Verliebtheit in "ästhetisch-kulturelle Bildung" und deren unumgänglicher kultureller Niedergang habe bereits eine Zwangsneurose herausgebildet, die garnicht mehr wahrnehmen möchte, dass die vielen Millionen Steuermehreinnahmen eine Blüte derselben herufen könnte, sofern man sie denn wirklich wollte. Aber wer denkt das denn jenseits des festgefügten Klagelamentos?
Die Leipziger School of Design gehört zu den interessantesten Neugründungen der Leipziger Kreativszene. Hier werden Bewerber für Designstudiengänge auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet und bereits in den Basisfächern ausgebildet. Nun lädt die Schule zu einer Ausstellung namens "Polygraph B", in der 13 Künstler ein breites Spektrum präsentieren, von Videokunst über Illustration, Malerei bis Grafik und Fotografie. Hendrik Schäfer stellt einige genauer vor, Ort der Ausstellung ist der ehemalige VEB Polygraph in Leipzig Plagwitz.
Im Rahmen der euro-scene führt Regisseur Bekim Lumi vom Nationaltheater Kosova im LOFFT die Inszenierung "Paar Martin" auf Grundlage des Stücks "Die kahle Sängerin" von Ionesco auf. In einem langen Interview mit Nina May erhebt der musikliebende Lumi selbstbewusst eine Art Avantgardefunktion für das Theater des Kosovo. Als Asylbewerber in München musste er insbesondere mit der Herablassung der Menschen klarkommen, die ihm jegliche Erfahrungen und Kenntnisse absprechen wollten. Schlimmer noch war das Image der Albaner als Drogenhändler und Diebe. Lumis Theaterbegriff dreht sich um das Authentische. "Theater ist Atem und Blut". Die Menschen "sollen das Theater in sich finden."
Michael Hametner moderiert im Haus des Buches eine Lesung von Bernhard Schlink. Dort liest er aus der Erzählung "Das Haus im Wald". Hametner, der Schlink als "der mit Vergangenheit beladenste deutsche Autor" vorstellt, beteiligt sich mit dieser Etikettierung an einer Voreingenommenheit des Publikums, der Schlink mit Zurückhaltung und ohne Prätension begegnet. Hametner lenkt im Nachgespräch auch weiter die Einordnung des Publikums, indem er den "Wissenschaftler" vom "Schriftsteller" trennen möchte. Der Autor und Jurist ("Der Vorleser") unterläuft diese Kategorien, indem er fragt, "warum sollen Gestalten in Büchern klarer und eindeutiger sein als im Leben?" Steffen Georgi bemerkt, dass sich Schlink mit dieser Gegenfrage nicht nur der Etikettierung seiner Texte entziehe, sondern auch deren Interpretation.
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Freitag, 5. November 2010
Donnerstag, 26. August 2010
lvz kultur vom 26.08.10: Bernhard Schlink, Gerhard Uhlig und die Nassrasur
Ulf Heise ist irritiert. In Bernhard Schlinks neuem Erzählband "Sommerlügen" fehle etwas. Heise meint: Glaubwürdigkeit. Und politisches Bewusstsein. Stattdessen: Versuchte Kunst am Text, Allgemeinplätze und schwache Männer. Das Ganze ergebe leichte Kost über Beziehungsgeschichten aus dem Wohlstandsmilieu, thrillerartig verpackt. Doch Schlinks "überschaubares Vokabular und die ständige Verwendung von Hilfsverben" langweilen. Das will Heise auch mit "Anleihen bei Ernest Hemingway" nicht wirklich schönerreden. Zumal - Überraschung! - in den Erzählungen immer wieder starke Frauen die psychischen Dellen ratloser Männer auszubeulen haben. Das Positivste, was er sagen kann: Schlink verbreite - in Fragen zwischenmenschlicher Beziehungen - keine "Hoffnungslosigkeit". In Dingen der Literatur augenscheinlich schon.
Einen fast schon vergessenen Leipziger Maler stellt Meinhard Michael vor: Gerhard Uhlig. Michel hat ihn aufgesucht, und begleitet nun journalistisch seinen Lebensweg von Leipzig ins westfälische Havixbeck, in dem er heute lebt. Dabei sucht Michael in formalen Strukturelementen von dessen Malerei Verbindungen zur damaligen und heutigen Leipziger Schule. Als Soldat flieht Uhlig vor den Russen, als Student vor handfesten Drohungen der neuen Machthaber, als er sich weigert, der malerischen Moderne (Klee, Kandinsky) das Etikett der Dekadenz umzuhängen. Die nur kurze Zeit an der Leipziger Kunstakademie - wichtigster Lehrer dort: Max Schwimmer - setzt er in München und Stuttgart (Willi Baumeister) fort. Seine abstrakten, aus kleinteiligen Modulen bestehenden Bilder werden in den 60ern langsam von schweren kubischen Formen abgelöst, die sich immer weiter in die Farbreduktion bis ins Schwarz-Weiße "hineinfressen". Dass seine "grafische Prägung" allerdings "ein Erbe der grafisch gesinnten Leipziger Kunst" sei, will Uhlig nicht bejahen.
Einen fast schon vergessenen Leipziger Maler stellt Meinhard Michael vor: Gerhard Uhlig. Michel hat ihn aufgesucht, und begleitet nun journalistisch seinen Lebensweg von Leipzig ins westfälische Havixbeck, in dem er heute lebt. Dabei sucht Michael in formalen Strukturelementen von dessen Malerei Verbindungen zur damaligen und heutigen Leipziger Schule. Als Soldat flieht Uhlig vor den Russen, als Student vor handfesten Drohungen der neuen Machthaber, als er sich weigert, der malerischen Moderne (Klee, Kandinsky) das Etikett der Dekadenz umzuhängen. Die nur kurze Zeit an der Leipziger Kunstakademie - wichtigster Lehrer dort: Max Schwimmer - setzt er in München und Stuttgart (Willi Baumeister) fort. Seine abstrakten, aus kleinteiligen Modulen bestehenden Bilder werden in den 60ern langsam von schweren kubischen Formen abgelöst, die sich immer weiter in die Farbreduktion bis ins Schwarz-Weiße "hineinfressen". Dass seine "grafische Prägung" allerdings "ein Erbe der grafisch gesinnten Leipziger Kunst" sei, will Uhlig nicht bejahen.
Ein wenig Ordnung zwischen den Geschlechtern will Steffen Georgi stiften, indem er ein Loblied auf das letzte Residuum des Männlichen singt: Die Nassrasur beim türkischen, arabischen, russischen Barbier, wo sie "in würdevoller Schweigsamkeit" vollzogen würde. Georgi stellt eine Leipziger Renaissance dieser uralten Kulturtechnik fest, die selbstverständlich mit der "zunehmenden multikulturellen Prägung der Stadtlandschaft" zu tun habe. Frauen seien nun, seit sie den ehedem proklamierten Penisneid als Mumpitz erkannt hätten, allein dem Neid der Nassrasur verfallen, erkennt Leipzigs größter Psychoanalytiker seit Sigmund Freud. Während Männer sich im "Gefühl unendlicher Frische und Enspannung" suhlen dürften, sei dem weiblichen Geschlecht das Erlebnis der "Neugeburt" (Georgi!) als glatter Babypo auf ewig versagt - es müsse sich wohl oder übel mit dem Gedanken an den Tod abfinden, schlussfolgert vor solch bahnbrechender Erkenntnis kulturhistorischer Forschung auf die Knie gehend: athene.
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