Posts mit dem Label Kultur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kultur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 8. März 2011

lvz kultur vom 8.3.11: Das zuckt ja noch, das Thalia! 100 Jahre Frauentag. Uwe Scholz. Neo Rauch.

Haben wir es nicht schon immer gewusst? Es gibt ein Feuilleton außerhalb der FAZ und ZEIT! Auf einem Zeitungspäckchen mit der Aufschrift lvz sollen von einem unermüdlichen Alphabeten der Nasa Spuren von Leben entdeckt worden sein. Es sollen "Würmern ähnenelnde kleine Texturen" und "Spuren, die wie Bakterien aussehen" sein, die nun mittels Mikroskop näher auf mögliche zivilisatorische Bestandteile untersucht werden. Der Mitarbeiter der Nasa verstieg sich sogar zu der Behauptung, "dies scheine zu beweisen, dass es überall kulturelles Leben gibt und dass das Leben auf den Seiten der FAZ und ZEIT von anderen Planeten stammen könnte." Hundert Abonnenten der lvz werden nun die Möglichkeit erhalten, die lvz kultur eingehend zu studieren und ihre Befunde in den kommenden drei Tagen in den Leserbriefspalten zu kommentieren.

Das gilt leider nicht für den Aufmacher auf der heutigen lvz kultur, dem der Redakteur vom Dienst sogar noch die Einleitung „100 Jahre Frauentag: Martina Rellin erzählt, weshalb das nicht nur ein Grund zum Augenverdrehen ist.“ Und die Augen bewegen sich doch, allerdings wegen des bieder hausfraulichen Beitrags der ehemaligen Chefredakteurin des „Magazin“ zum Internationalen Frauentag selbst. Vielleicht ist die Rellin etwas zu frühzeitig aus ihrer Ehegattinnenhölle befreit worden, etwas Isolationsehehaft hätte man der Verfasserin des Buches „Göttergatten – und sie reden doch“ gerne noch gegönnt. Und dass sie geschwiegen hätte. Rellin kämpft bevorzugt längst vergangene Schlachten, lässt Clara Zetkin hochleben wegen ihres 1899 aufgebrachten Mutes, als alte Schachtel (mit 42!) einen 24-Jährigen zu heiraten, oder dem der UNO, den Frauentag 1977 offiziell zum Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ zu erheben und ihm jedes Jahr ein neues Motto zu geben. Und immer wieder die Kämpfe Ost gegen West, die stets aufs neue auf den einen Punkt hinauslaufen, wir „selbstbewusste Pragmatikerinnen Ost“ waren doch besser als ihr „kampfverschlissene Sektiererinnen West“! Ganz gegen Bascha Mikas Feigheit-Verdikt wagt sich Rellin sogar mit dem „pragmatischen“ Vorschlag für die Gegenwart hervor, „auch Söhne und Ehemänner räumen ab heute die Spülmaschinen aus!“ Dass sie den längst auch von den Männern gelernten Pragmatismus vor lauter Selbstverliebtheit misszuverstehen neigt, zeigt ihr Schlusssatz: „Jedenfalls klingt mir noch ein sehr schöner Satz von einem männlichen Gesprächspartner für eines meiner Bücher im Ohr, der Mann ist Künstler und bezeichnenderweise aus dem Osten, er formulierte ausgesprochen nonchalant: 'Also für mich ist jeder Tag Frauentag.' Na bitte.“ Na danke.
Schwamm drüber. Denn all das wird weitgehend von Birgit Hendrichs neuer Farbenlehre des Applauses wettgemacht, mit der sie die die Wiederaufnahme des Balletts „Die große Messe“ von Uwe Scholz zu Mozarts Krönungsmesse an der Leipziger Oper beschreibt. Sie erkennt „kühle Blautöne“, wenn er verhalten kommt, „warme Farben“, wenn er dankbar und freundlich klingt und kann „hell“ in Begeisterung lodern oder als Zwischenbeifall leuchten. „Feuerrot“ brandet der Applaus nach den Soli, Pas de deux oder Pas de trois auf, „dunkler“ bei Aarvo Pärts „Credo“. „Erdig und warm“ klingt er, wenn die Gesangssolisten gemeint sind, „hellrot“ für den Chor der Oper Leipzig und der Schlussbeifall sei einfach nur „bunt.“ Bunt wie begeistert. Auch meine Tastatur denke ich mir jetzt bunt.

Auch Nina May widmet heute ihr „ausgepresst“ den unsäglichen Vorkommnissen an der Hallenser Theater, Oper und Orchester GmbH, wo nun klar zu sein scheint, dass der längst vereinbarte, sehr solidarische Haustarifvertrag von der Gewerkschaft Verdi und dem städtischen Gesellschafter der GmbH bzw. von Geschäftsführer Rolf Stiska nicht unterzeichnet werden wird. Das Thalia Theater folglich aufgelöst wird. Nina May, die gleich anfangs in ihrem Text endlich wieder eine wundervoll komische Bemerkung einflicht („Die Eisenbahn-Gewerkschaftler streiken einfach mal wieder (haben sie eigentlich je aufgehört?!),“ wundert sich zu Recht, warum ein solches Gewese um die Gewerkschaft der Lokomotivführer gemacht wird, wo doch die Bürokraten des Arbeitskampfes (hie wie da) sich zur Zeit ein komplettes Kinder- und Jugendtheater auf das Gewissen laden.

Judy Lybke kontert. Wenn seine Galerie Eigen+Art nicht zur Art Basel eingeladen wird, wird es selbstverständlich keine Mauertaktik seiner von ihm vertretenen Künstler geben, vielmehr einen Tempogegenstoß, meint lvz redakteur Jürgen Kleindienst. Die erste fertiggestellte und öffentlich gezeigte Skulptur Neo Rauchs werde nun eben – ätsch – auf der Art Cologne gezeigt. Basel hat den Schaden. Sieg in der Verlängerung. Lybke lässt sich halt nie nicht unterkriegen. Und wo er schon dabei ist. Einen seiner zwei Träume (Auf den Mond fliegen und Schauspieler werden) hat er modifiziert. Hartmann, Zielinski, Schreiber & Co: herhören! Jetzt will Lybke gerne mal Regie bei einem Theaterstück führen. Na, interessiert? Zum ersten, zum zweiten, ...

Freitag, 7. Januar 2011

lvz kultur vom 7.1.11: Wenn die Rose i-a sagt. Yello, ngrams, Twain, Leuze

Yello machen elektronische Musik. Und zwar verdammt gut. Aber sie folgen keinem Businessplan. Arbeiten ohne Projektmanagement. Sogar im Gegenteil, meint Jochen Overbeck. Dennoch müssen sich Blank/Meier den Erfolg vom Leib halten. Zehn Jahre, bevor es Yello gab, machte Dandy Dieter Meier Konzeptkunst. Fing an, dazu zu singen. Boris Blank, der stille Techniker, frickelte derweil an Elektrosounds, über die plötzlich Meier anfing, seinen Wortgesang zu legen. Sehr zum Unwillen des anderen Querkopfs. Doch ohne Gesang keine Platte; pure Erpressung. Also gab es in den Siebzigern eine "Arranged Marriage". 1980 fand die Musik den Weg nach Amerika. Und wurde zu Gold. "Der alte Affe Erfolg saß dem Duo seit jenen Tagen stets auf der Schulter." Doch die beiden Künstler lassen sich nicht korrumpieren. Wenn sie anfangen, eine Rose zu malen, kann daraus plötzlich ein Esel werden. Ob die Rose bei Yello dann auch i-a singt, steht demnächst in der lvz.

In einem sporadisch ironischen Artikel von Gerhard Weinreich wird die neue Google-Suchmaschine Ngrams vorgestellt. Angeblich sei sie ein Barometer für gesellschaftliche Tendenzen, was auch immer das ist. Vier Worte, Liebe, Freiheit, Mann und Frau werden untersucht. Anhand derer wird demonstriert, zu welchen "tiefen Erkenntnisgewinnen" die neueste Google-Such-Maschine in der Lage ist. Wenn das Wörtchen "Liebe" zu Zeiten der Romantik und immer just nach Weltkriegen viermal häufiger erwähnt wird als heute, wird aus der Tatsache ein zeitgenössisches "Jammertal". Wenn das Wörtchen "Frau" zwischen 1848 und heute fünfmal häufiger in Büchern vorkommt als heute, und - horrible dictu - "Mann" immer weniger, wird augenzwinkernd das Matriarchat ausgerufen. Für Weinreich ist das nichts als amüsante Spielerei, der man sich mit dem neuen Programm widmen könne. Für die hat Google 15 Mio. Bücher digitalisiert und analysiert. Dabei steht der von haufenweise Wissenschaftlern begleitete Spaß doch auf tönernen Füßen. Nach einem Krieg, in dem alles Metall, dessen man habhaft werden konnte, verbraucht wurde, wundert sich auch niemand, dass in den 10 Jahren nach dem Krieg weniger Metall- als Holzskulpturen geschaffen werden. Und dass mit der Ausweitung der Vertreibswege für Bücher und Zeitschriften, geschweige der elektronischen Medien, mehr und auch ganz andere Menschen Bücher und Texte veröffentlichen, als vor zweihundert Jahren und demzufolge die romantische Liebe und die politische Freiheit als Themen ganz einfach stärkere Konkurrenz bekommen, ist nicht abwegig. Sagt das etwas über den gesellschaftlichen Stellenwert der Liebe? Der Freiheit? Garnichts. Außer, dass die industrielle Revolution die Fans der Modelleisenbahn mehr werden lassen.

Eine N-Täuschung erlebte Janina Fleischer laut ihrer Glosse "ausgepresst" angesichts Mark Twains jüngst veröffentlichter Memoiren, die 100 Jahre nach seinem Tod erscheinen durften. Twains Worte, dass er testamentarisch eine Veröffentlichung so lange untersagt habe, um "frei reden zu können", ohne Angehörige oder Freunde in Erklärungsnöte zu bringen, erweisen sich als Makulatur. Denn die zeitgleich erfolgte, jüngste Neuübersetzung von Mark Twains "Tom Sawyer" und "Huckleberry Finn", der kulturellen Ursuppe der amerikanischen Zivilisation, hat mehr als nur einen Schönheitsfehler. In ihnen dürfen die Worte "Nigger" und "Injun", das entsprechend pejorative Wort für indianische Eingeborene, nicht vorkommen. Der ganze Quatsch einer dumm gewordenen "political correctness" findet sich in dieser Entscheidung wieder. So stark die rosarote Brille des irischen Bischofs James Ussher war, der die Entstehung der Erde auf 4004 v. Chr. festgelegt hat, und die der amerikanischen Kreationisten, die sie auf ca. 10.000 v. Chr. datierten, so wenig sind die Herausgeber Twains in der Lage, Fiktion von Realität sinnfällig voneinander zu scheiden. Jemand, der nicht lesen kann, warum "Nigger" der einzig richtige Ausdruck in dem Roman war, um ihm eine Wahrheit über die Wirklichkeit seiner Zeit zu verleihen, mag glauben, dass eine Welt, in der "Nigger" nicht vorkommt, eine bessere Welt ist. Sie ist leider nur eine dümmere. Denn ohne die Chance zu begreifen, wieso das Wort "Nigger" von ihren Verwendern rassistisch gemeint ist, ist das Tabu wertlos. So wie im biblischen Hohelied das Lob Gottes in erotischen Texten formuliert wurde, ist auch ein Liebesgedicht allein mit Worten der Fäkalsprache möglich und ebenso ein menschenfreundlicher Text, in dem das Wort "Nigger" 219-mal vorkommt.
Warum aber Janina Fleischer, die diesen ganzen Zusammenhang in wenigen Worten analysiert, Mark Twain als angenommenen zeitgenössischen Blogschreiber vorschiebt, um überhaupt Stellung zu der Verstümmelung seiner Bücher zu beziehen, ist leider nicht einsichtig, Die eigene Intelligenz und Leidenschaft unter den Scheffel zu stellen, zieht postwendend Feigheit nach sich.

Würg kotz schleim. Muss man zu Wolfram Leutze noch etwas sagen? Ein Tiefpunkt politischer Auseinandersetzung ist Leuzes Stellungnahme zur Kultur in Leipzig, wie ihn Ulrich Milde wiedergibt. Die Argumente contra Faber werden nicht substanzvoller, wenn Leuze zum wiederholten Mal angibt, "Faber sei nach anderthalbjähriger Amtszeit nicht in seinem Amt angekommen" und "stochere mit der Stange im schöngeistigen Nebel". Diese wahrhaft nebulösen Anschuldigung sind die eigentliche und permanente Beleidigung des Michael Faber. Und eine Bankrotterklärung politischer Argumentation. Von Opportunismus und Schleimerei ganz zu schweigen. Für diesen Befund muss man nicht einmal ein ausgewiesener Faberfreund sein. Zumal Leuze wenige Sätze später seine Eloge auf Hoch- und freie Kultur mit der "Qualität" der "Politik des Rathauses" in Zusammenhang bringt, allerdings zu Ungunsten des Rathauses. Will Leuze jetzt Jung mit abwählen? Der ist schon länger für die Malaise der Kulturpolitik mitzuständig als Faber. Übrigens auch Herr Leuze selbst! Dass nebenbei die Freie Szene zur vielfältigsten und buntesten in der Republik gekürt wird, zeugt vor allem von Unkenntnis, aber auch von fragwürdigen Maßstäben. Die Stadt muss sicher nicht jeden Farbtopf subventionieren, der im Regal steht. Dass Leuze Selbstkritik am liebsten als degoutant und defaitistisch schmähen möchte, mag man ihm gerne glauben. So viel hohles Schwätzertum, wie Milde allein in diesem einen Artikel aus dem Mund Leuzes zitiert, geht wirklich auf keine Kuhhaut. Ganz egal, ob er "nachfolgende Generationen" gegen alles und jeden ins Feld führt, die "Vision einer Gesellschaft in Solidarität, in der einer für den anderen mit sorgt" herbeischleimt uswusf. Leuze erinnert eher an Reineke Fuchs, der König Nobel einlullt, um ungeschoren seine niederen, dafür ehrlichen und mordlüsternen Triebe ausleben zu können.

Mittwoch, 18. August 2010

lvz kultur vom 18.08.10: Sächsischer Hiphop in China, Maultrommelfestival in Taucha & Bauernopfer an der Oper

Mit einem Fuß in Taucha, mit dem anderen in Shanghai. Während Kulturjournalist Mathias Wöbking mittels zweier Artikel souverän den Spagat zwischen moderner regionaler und Weltkultur zu beschreiben vermag, demonstrieren sächsische Provinzpolitiker entschlossenes Maulheldentum anlässlich eines herbeigeschriebenen Eklats und schweigen stattdessen stille zu Kulturverlusten im Freistaat.

Ein Bautzener Sozialarbeiter arbeitet daran, den sächsischen Freistaat gemeinsam mit dem Hiphop-Stützpunkt Berlin auf der Weltausstellung Expo in Shanghai als Heimat urbaner Jugendkultur zu präsentieren. Die chinesische und die deutsche Szene sollen miteinander vernetzt werden, Graffiti, Rap, Beatboxing und Breakdance werden zunehmend auch im Fernen Osten Teil einer globalen Kultur. Doch dies nicht als subkulturelle Bewegung von unten, sondern massiv gefördert von Chinas Staatskommunisten. Die Kreativwirtschaft werde in kapitalistischer Logik als strategisches Feld begriffen, dem auch schon mal mittels Abrisses ganzer Stadtviertel zu neuen Räumen verholfen wird. In Leipzig führen Ordnungsbeamte lieber rechtzeitig so lange Dezibelmessungen durch, bis die Sonntagsruhe auch unter der Woche garantiert bleibt. Eindrucksvoll schildert Wöbking, wie der Deutsche Pavillon zu einem der Publikumsmagneten der Expo avanciert und das herrschende Deutschlandbild aus Bier und Oktoberfest durch Graffitischablonen u.a. mit dem Schriftzug Dresdens einfach übersprüht wird.
In Mathias Wöbkings zweitem Artikel hält die globalisierte Welt stattdessen Einzug in Leipzigs beschaulichen Vorort Taucha. Dort werden am Wochenende bis zu zweieinhalb Tausend maultrommelnde Menschen aus mehreren Kontinenten beim Szene-Festival "Ancient Trance" erwartet, darunter das französisch-algerische Trio Watcha Clan und Dikanda aus Polen. Der in Taucha angesiedelte weltgrößte Online-Versandhändler für Maultrommeln, eines der ältesten Musikgeräte der Welt, hat das Festival erstmals in die Kleinstadt geholt.

Michael Bartsch schreibt über eine Anhörung im sächsischen Landtag, die mit ungewöhnlich hoher Publikumsresonanz stattfand. Es ging um den Haushaltsentwurf der sächsischen Staatsregierung, durch den der Freistaat sieben Millionen Euro sparen und sie den Kulturräumen entziehen will, indem diese künftig mit dem in Dresden eingesparten Batzen Geld selbst weitgehend für die Finanzierung der Landesbühnen Sachsen aufkommen sollen. Dass dadurch viele lokale und regionale Kultureinrichtungen in ihrem Bestand gefährdet sind, nimmt der Freistaat in Kauf. Über eine ins Auge gefasste Verfassungsklage der sächsischen Landräte könne Ministerpräsident Tillich nur lachen.
In Leipzig schreibt man den Eklat lieber selbst herbei. Klaus Staeubert, Lokalredakteur des lokalen Katastrophenfachblatts, ist einmal mehr an populistischer Haudraufkultur interessiert. Heute kann er vermelden, dass Opernpressesprecherin Christine Villinger zurückgetreten sei. Anlass war ein Gespräch mit der LVZ, in der sie die Terminüberschneidung von Opernpremiere und Lichtfest zum 9. Oktober kommentierte und in diesem Zusammenhang den Leipziger Marketingevent etwas lapidar als "großen Bohei" bezeichnete. Angesichts dessen, dass die Pressesprecherin den Spielplan und die Disposition zwar nicht verantworten, aber vertreten muss, bleibt natürlich zu konstatieren, dass die temperamentvolle und im Zweifel aus ihrem Herzen keine Mördergrube machende Villinger ein falsches Wort benutzt hat. Und sofort beginnt das große Geschrei der Heuchler ("Mangel an Sensibilität und Geschichtsbewusstsein", "Konsequenzen"). Wann erlebt man denn mal, dass den Herren Provinzpolitikern der eigene Mangel an Sensibilität und das Schaufenstergehabe ihrer seelenlosen PR-Phrasen selbst auf das Gewissen schlägt? Wie perfide ist denn das, wenn Herr Achminow konstatiert, "Die Öffentlichkeitsarbeit der Oper war erfolglos", "habe sich von Leipzig entfernt (!)" und es "werde immer schwieriger, das Haus zu füllen". Es sind also weniger die sich z.T. gegenseitig blockierenden Personalentscheidungen und das konzeptlose, prestigeversessene Agieren der Kulturchefs und Politiker, die die Probleme der Oper mitverursachen. Stattdessen wird ein Bauernopfer gefunden, dass büßen muss, weil es ein städtisches Marketingevent, das zu einer religiösen Ersatzhandlung hochgejazzt wurde, durch falschen Tonfall zu entweihen drohte. Neben der Kampagne gegen Hartmann (siehe gestern) ein neues Beispiel für die provinzielle, erstickende "Liebe" mancher "wahren" Leipziger zur Kultur, auch Erinnerungskultur.

Sonntag, 1. August 2010

lvz kultur vom 02.08.10: Buchmesse in Kapstadt, Global Space Odyssey & Ferro-Festival

In Süd-, aber auch im restlichen Afrika, in dem politische Elien oft ungebildet seien, hat das Bücherlesen keine Vorbilder und erst recht keine Lobby. Auf der größten afrikanischen Buchmesse 2010 in Kapstadt, schreibt Laszlo Trankovits, verbreiteten mit Wole Soyinka und Desmond Tutu zwar gleich zwei Nobelpreisträger Glanz, doch der Lesekultur helfe das noch lange nicht. Wo z.B. die Förderung unzähliger Fußballinitiativen "in Diskrepanz" zu den "spärlichen Geldern für Lesekultur und Bildung" ständen, gäbe es aber durchaus einen Hunger nach Literatur. Wenn sie bezahlbar ist. In Nigeria werde ein Buch von 20 Menschen gelesen, illegale, "wilde Buchmärkte" in anderen Ländern Afrikas sprechen eine ähnliche Sprache. Und ein Projekt, das Kindern zehn Exemplare eines illustrierten Büchleins zum preiswerten Weiterverkauf schenkt, fördert "Geschäftssinn" ebenso wie "Lesekultur" - und scheint bereits in kurzer Zeit von Erfolg gekrönt.
Die Förderung oder zumindest Legalisierung nichtkommerzieller Kultur, insbesondere der Clubkultur und derem kreativen Selbstverständnis, hatten sich auch die Organisatoren der Global Space Odyssey in Leipzig auf die Fahnen geschrieben. Mathias Wöbking berichtet einmal mehr vom häufigen Unverständnis, wenn nicht gar ordnungspolitischer Willkür auf Seiten städtischer Ämter. Dass kommerzielle Betreiber da auf ganz andere Resonanz stießen, bereite nicht nur dem Sprecher der IG Kultur West, Sven Deichfuß, hörbar Ärger. Dass er allerdings mit Weggang im Fall, dass sich daran in nächster Zeit wenig ändern solle, droht, belegt, wie wenig Zutrauen zu städtischen Stellen tatsächlich besteht, nicht nur in Duisburg. Immerhin: parallel dazu beginnt die Stadt (u.a. Tiefbauamt), vorsichtig mit der Kultur im Westen Leipzigs zu werben, indem ab Leipzigs City eine entsprechende Beschilderung Einheimische wie Touristen den Weg weisen sollen. Das deutet zumindest auf potentielle Unterstützer hin und stimmt insofern vorsichtig optimistisch.
Im Vergleich zu den 3000 tanzenden Demonstrationsteilnehmern der Global Space Odyssey nehmen sich die 10.000 Besucher beim 3-tägigen Ferro-Festival von MDR Jump im ehemaligen Braunkohletagebau bei Gräfenhainichen, für das immerhin eine riesige Werbemaschinerie gelaufen ist, verglichsweise noch spärlich aus. Markus Wittpenn befindet gleichwohl "klein aber fein und mit ausgezeichnetem Preis-Leistungs-Verhältnis" und freut sich - neben vielen anderen Gigs - über einen grandiosen Auftritt von Blue October.
Bei so viel Aufbruch und Lust auf Musik und (Sub-)Kultur nimmt sich Rainer Wagners Bericht über Glucks "Orfeo" bei den Salzburger Festspielen eher deprimierend aus. Weder musikalisch (Wiener Philharmoniker unter Riccardo Muti: "blut- und glutloses Musizieren") noch inszenatorisch (Dieter Dorn, Bühne Jürgen Rose: "allzu braves Nacherzählen") überzeugend, hat sich die Hochkultur an diesem Wochenende statt altmeisterlich nur "altväterlich" präsentiert.

Freitag, 30. Juli 2010

lvz kultur vom 30.07.10: Bouillères "Retro", Julia Gröning und Roland Frenzel

"verstörung" ist das stichwort, unter dem janina fleischer olivier bouillères roman "retro" gelesen hat. der französische autor beschreibt in einer melange aus autobiografischem und fiktionalem die geschichte eines kindesmissbrauchs in den späten 70ern. verstörend machten den roman nicht nur die schilderungen der vergewaltigungsszenen, sondern, dass bouilléres seine haupfigur, die wie er selbst olivier heißt, dies scheinbar freiwillig erleben lässt, stolz darauf, jüngster unter den jungen dieses kinderpornorings zu sein. "nur für erwachsene" schreibt der deutsche verlag matthes & seitz auf seiner internetseite zur deutschen ausgabe dieses romans, der in frankreich für einen skandal gesorgt hat. kunstvoll versucht der autor, im rahmen einer rückerinnerung an das damalige geschehen noch korrekturen für seine damals zehn jahre alte hauptfigur mitzudenken. aussichtslos. die verletzungen würden so oder so ins heute getragen, die persönlichkeit bleibe verloren.
auf andere weise verstörend wirkt die ausstellung "losigkeit" mit arbeiten von julia gröning auf dem leipziger spinnereigelände auf susann buhl. in den überwältigend exhibitionistischen fotos der künstlerin ist sie immer wieder selbst zu sehen, ausnahmslos fragmentarisch. die suche nach dem gesamtbild zieht die betrachterin magisch durch die gesamte ausstellung, doch dieses bild wird es nicht geben. sinnlich bereichert wird der besucher gleichwohl auf sich selbst verwiesen.
verstörend, beinahe ergreifend, scheint die ausstellung mit werken des leipziger malers roland frenzel in der leipziger galerie könitz auf meinhard michael gewirkt zu haben. für den in mehrfacher hinsicht außenseiter unter leipzigs malern scheinen die motive anfangs allein gelegenheiten für den intensiven, beinahe naiven gebrauch von farbe gewesen zu sein. seine zunehmende erkrankung, seine psychotischen schübe, haben frenzels strich immer skizzenhafter, fragmentarischer werden lassen, wohl aus zwangsläufig nachlassender konzentration. aus vormals leichtigkeit wird auflösung und unglück. tragisch erscheint michael dagegen, dass diese von frenzels psychotischer natur und einsamkeit geprägte flüchtigkeit und eingeschriebene hinfälligkeit die bilder ergreifender mache als alle poesie und unmittelbarkeit der frühen phase.
auf der szene leipzig-seite schreibt mathias wöbking über die inszenierung des traumquadrat-ensembles von melvilles "moby dick" im soziokulturellen zentrum "die villa". intelligent, witzig, zeitgemäß und erschütternd - und in keiner hinsicht mit pädagogisch motiviertem laienspiel zu bezeichnen sei die inszenierung des regisseurs marek s. bednarsky.
thomas düll schreibt über die global space odyssey, die morgen von connewitz nach lindenau zieht. der spektakuläre umzug, der auf das selbstbewusstsein, aber auch die gefährdung der vielfältigen subkultur verweist, will auf die notwendigkeit für freiräume bzw. "müßiggang" jenseits von dauernder verfügbarkeit und selbstvermarktung der szene hinweisen, nicht allein zur produktion, sondern als angebot für alle besucher der kulturellen veranstaltungen. allerdings auch: dass es die subkultur für seine nutzer nicht umsonst geben kann.

Dienstag, 27. Juli 2010

lvz kultur vom 28.07.10

das sommerloch dominiert heute die lvz kulturseiten. ronald meyer-arlt schreibt über peter steins schauspielstart der salzburger festspiele mit "ödipus auf kolonos", katrin börner über leonie swanns zweiten schaf-krimi "garou" und kulturchef peter korfmacher verfasste einen reisebericht über den kulinarischen elsass. zu interessieren vermag allein carola frentzens meldung über den selbstmord der österreichischen autorin brigitte schwaiger.
meyer-arlts premierenbericht der letzten sophokles-tragödie beginnt mit übersetzungsproblemen von griechischen klagelauten und endet bei "ovationen im stehen". die können sich stein und hauptdarsteller brandauer allerdings nur abholen, weil viele besucher beim letzten schlussapplaus bereits im gehen begriffen waren und höflich weiterklatschten. ansonsten fand meyer-arlt für die steinsche kasteiung den schönen begriff der "textausstellung", sinnierte über die nützlichkeit des einstreichens und über "oberseminare im seniorenstudium". warumwiesoweshalb die inszenierung so und nicht anders aussah, wurde im multiple choice-verfahren entweder als "marktlücke" oder "museum" offengelassen.
über die fortsetzung des schaf-krimi-bestsellers "glenkill" von leonie swann, den schaf-thriller "garou", weiß katrin börner zu berichten, dass die autorin zwecks einfühlung in die hauptrollen ein schäferpraktikum absolvierte, in ihrem thriller mittels kompliziert verwobener handlungsstränge eine welt "voll mytisch-mystischer düsternis" entwerfe, in der ein geheimnisvoller werwolf im wald und selbst selbst in deckengemälden lauere und dass die schafe zwar für die aufklärung des tierischen kriminalfalles sorgen, aber - schönes bonmot - die lösung selbst nicht mehr verstünden.
in peter korfmachers reisebericht über "die wunderbare ferienregion elsass" und speziell colmar, die "stadt des isenheimer altars im unterlinden-museum", vermag der autor gleichwohl weniger an das kreuz und die letzte ölung zu denken, als ausschließlich an kulinarisches, an wein, sauerkraut, gänseleber, flammkuchen und vladimir spivakovs internationales musikfestival. angesichts untadeliger russischer und französischer solisten befindet pk, dass "gegen die technische versiertheit russischer musiker nach wie vor kein (sauer-)kraut gewachsen" sei und dass man "mit all den akteuren" anschließend leicht ins gespräch komme, ob an der bar, im hotel und selbst auf der straße. es lebe das savoir vivre im gegensatz zur teutonischen gründelei.
brigitte schwaiger, bekanntgeworden durch ihren bestseller "wie kommt das salz ins meer", wurde ihr "nachgrübeln über mein unglückliches leben", über die sexuelle gewalt durch ihren vater, eine unglückliche ehe, psychische erkrankungen, tatsächlich zum verhängnis. "kaputt" sei sie darüber geworden, nach bereits mehreren selbstmordversuchen in den letzten jahren wurde sie am 26. juli tot in einem wiener seitenarm der donau gefunden.