Posts mit dem Label Michael Faber werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Michael Faber werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 3. Februar 2011

lvz kultur vom 3.2.11: Faber im Haifischbecken. Hindenburg. Sondheim. DJ Ralph D.

Ein reines Prestige-Projekt sei der Fernseh-Zweiteiler „Hindenburg“, zitieren die redakteure Eric Leimann und Carsten Rave (dpa) Barbara Thielen von RTL. Geld könne mit keinem „fiktionalen Film erwirtschaftet“ werden. Das ist sicher etwas eng gedacht. Denn wie die Zeitungen immer auch Redaktionelles für das Anzeigenumfeld produzieren, braucht ein Fernsehsender wie RTL natürlich außer einer Imageauffrischung auch Quotenbringer für das Werbeumfeld. Dafür eignet sich ein Katastrophenfilm wie „Hindenburg“ allemal. Gut 10 Mio. Euro Produktionskosten gönne sich RTL allerdings auch nur etwa alle zwei Jahre. Für eine ebenfalls produzierte Doku zum Thema hat der Sender den Zuschauern ebenfalls ein Leckerli hingehalten: Ein Interview mit dem letzten Überlebenden des Absturzes der „Hindenburg“ im Mai 1937.

Für den Spielfilm selbst haben Produzent Sascha Schwingel und Regisseur Philipp Kadelbach eine Shoppingtour durch die B-Movie-Genres unternommen. Ein bisschen Katastrophe hier, etwas Agenten- und Verschwörungsthriller dort, von Nazi-Glamour und Agatha Christie zu schweigen. Und die „Hindenburg“ als „alles überstrahlender Star“. Dazu eine kurzweilige und professionelle Inszenierung ohne Tiefe. Handlung und ein paar Schauspieler gehören natürlich ebenfalls dazu.

Vier attraktive Damen (im kleinen Schwarzen; mit High-Heels) sorgten im Gewandhaus für Aufmerksamkeit. Das „Hingucker“-Quartett Salut Salon vermengte Klassik, Folklore, Chanson und Kammermusik. „Wer sich prächtig amüsieren will, ist beim geistvollen Humor der Entertainerinnen gut aufgehoben“, schreibt Birgit Hendrich. Allerdings, neben der „hinreißenden Bühnenshow“ verstehen die Vier anscheinend auch viel von Musik. Am Ende „enthemmter Jubel“ des Publikums.

Mathias Wöbking organisiert in „ausgepresst“ derweil einen Diktator-Tourismus und vermittelt nebenbei den 82-jährigen Hosni Mubarak in die nächste leitende Stelle. Frankreich hat beste Aussichten, seit Kaiser Bokassas und „Baby Doc“ Duvaliers Aufenthalte. Saudi-Arabien hätte ebenfalls einiges zu bieten. Tunesien-Ben-Ali ist ohnehin schon dort. Aber „auch Deutschland ist“ - noch - „im Rennen.“ Vox plane eine Spezialausgabe der „Auswanderer“. RTL eine Big Brother-Fortsetzung. Hat schon bei Aristide, Mladic und Imelda Marcos angefragt. Wöbking mit schöner Schlusspointe: „Der Sieger darf ein ostdeutsches Bundesland tyrannisieren.“

In der Galerie Archiv Massiv im Spinnereigelände werden Fotografien von Wednesday Farris gezeigt. “Kühl und doch erhaben“ inszenierte Objekte, die – in klassischem schwarz/weiß fotografiert – zu berückend-entrückten Abstraktionen werden. In den alltäglichen Gegenständen, die jedes einzelne für eine Geschichte stehen, „schlafe jenes Lied“, das auf das Eichendorffsche Zauberwort „warte.“ Dennoch sei, meint Jürgen Kleindienst, nichts in den Fotos „vordergründig ästhetisiert“, vielmehr bergen die Objekte geheimnisvolle Metaphern, die über die Gewissheit des Gegenstands hinausweisen.

Von einer aufsehenerregenden Erstaufführung eines Musicals an der Dresdner Staatsoperette berichtet Boris Michael Gruhl: Stephen Sondheims „Passion“. Dessen Vorlagen sind ein Roman von Tarchetti und der nach ihm entstandene Film von Ettore Scola. Eine Dreiecksgeschichte aus dem Jahr 1862. Junger Offizier wird versetzt, muss seine Geliebte verlassen und wird von der todkranken Tosca verführt. Alle drei sind tragische Figuren auf dem Weg ins Unglück. Eine vordergründig rührselige, doch knallharte, abgründige Geschichte in doppelbödiger Musik. Gruhl erstaunt: „Das alles in einem Musical.“ Die „gefährlich-schöne“ Musik erst „macht diesen unaufhaltsamen Fluss des schönen Unglücks möglich.“ Regisseur Holger Hauer inszeniert ein Kammerspiel mit Gegenwartsbezug. Gruhl vermisst etwas Schroffheit und schärfere „Militanz der Schnitte“, um „der Gefahr schleichender Ermüdung“ zu entgehen.

Im Fotomuseum Mölkau wird in der 6. Folge aus der Reihe „Ästhetik der Lüste“ erotische Fotografie ausgestellt. Von anonymen Fotografien der zugeknöpften Viktorianischen Epoche bis ins Heute hinein dokumentiere die Schau auch den Wandel des Schönheitsbegriffs „von üppig und rund zu schlank und rank.“ lvz redakteurin Christine Hochsteins Favoriten sind allerdings von Hermann Försterling 2006 arrangierte und fotografierte Blüten, die „weibliche Intimzonen suggerieren wollen.“ Hier entstehe das erotische Moment „allein aus der Fantasie des Betrachters. Das war und ist das Geheimnis der Lust.“

Ganz neue Wege der Verteilung der schwindenden Mittel für die Kultur in Leipzig hat der Stadtrat eingeschlagen, lvz redakteur Mark Daniel hat den ersten Feldversuch beobachtet. Beim Überlebens-Training nach Vorbild des Dschungelcamps unter dem Titel „Der Zwang heißt 'Spar' – mobbt mich hier raus“ sind etliche der Big Player der Leipziger Kultur im Leipziger Zoo eingeschlossen. Wer als Letzter übrigbleibt, wird Zookönig und erhält die Gelder aus dem Fördertopf. Latenight-Talker und DJ Ralph D. macht als einziger freiwillig mit und scheint nur dabei zu sein, um den anwesenden Damen (Euro-Scene-W. Und F/Stop-Kristin D.) an die Wäsche zu gehen. Maler Michael F.-A. gerät sofort mit Sebastian H. vom Central-T. in Streit, wird später als erster rausgewählt, weil er unzulässigerweise ein Pferd zum Zebra angemalt hätte. Tragischer Irrtum, dennoch bleibt's dabei. Riccardo C. droht mehrere Male mit Rücktritt, bis er sich in den ständigen Ankündigungen komplett verheddert und tatsächlich irrtümlich geht. Freie-Szene-Falk E. erkämpft sich einen 5%-Vertrag für seine Klientel, der aber hinter seinem Rücken an die Erdmännchen verfüttert wird. Der OBM intrigiert gegen den arglos im Haifischbecken schwimmenden Michael F. , Kristin D. verlässt beleidigt, nach kurzem Erotikintermezzo mit Ralph D., das Camp. Sebastian H. inzeniert im Pongoland Penthesilea, Ann-Elisabeth W. wird von Thorsten W. und Falk E. Gemobbt. Alles läuft auf das Finale zu. Michael F. wird neuer Zoochef und Falk E. heult sich zu guter Letzt endgültig doch noch aus dem Zoo. Moderator Peter D. verkündet den Sieger: Ralph D., der aber mit den 3 Mio Euro nichts anzufangen weiß. Auf Facebook Freundschaftsanfragen von S.H., A.-E. W., Th.W. Und R.C. An Falk E.s Facebookprofil. Nach dem überwältigenden Erfolg des Formats erhält Leipzig Fernsehen die Fernsehrechte für das kommende Jahr. Die 5 Mio. Leipziger Zuschauer können ihre Streichhölzer wieder aus den Augen nehmen.

In einem Interview mit Thomas Mayer gibt Michael Faber zu, dass die mangelnden Reaktionen der Stadt auf Tod und Beisetzungen von Günter Grabbert und auch Joachim Herz ein Versäumnis darstellen. Allerdings sieht Faber die größere Verantwortung beim Centraltheater, das ein so langjähriges Ensemblemitglied „hätte würdigen müssen.“ Weiter zitiert Mayer Faber mit den Worten, den Entzug der Zuständigkeit für die Eigenbetriebe Theater durch OBM Jung „akzeptiert“ er nicht, weil sie „die Entwicklung der Kultur in unserer Stadt beeinträchtigt.“ Ansonsten pocht der von manchen süffisant schon als „Volkshochschuldezernent“ bezeichnete Faber darauf, dass er neben der Zuständigkeit für die freien Trägern und Vereine schließlich auch Aufsichtsratsvorsitzender des Zoos sei, ihm das Marktamt unterstehe, die VHS, die Städtischen Bibliotheken, die Museen und der Thomanerchor. „Ich leide nicht an Langeweile.“ Zum Denkmalsstreit merkt Faber an, dass „in Dresden und anderswo man bereits über unsere Streitereien lacht.“

Freitag, 21. Januar 2011

lvz kultur vom 21.1.11: Confrontainment in Leipzig? Coen-Brüder. Gondwana-Land. Faber.

Norbert Wehrstedt muss früher mal blind gewesen sein, so sehr durchkämmt er heute Sequenz für Sequenz aller Filme, derer er habhaft werden kann. Und will Bilder sehen, große Bilder! Beschimpft alle, die "vom Kino so viel verstehen, wie die Erdmännchen von der Tigerjagd" und den Golden Globe an ein "bilderloses Hörspiel" verleihen: The Social Network. Statt ein harmloses Nickerchen vor der Leinwand einzulegen, will er das Werk an MDR info weggeben. Denn jetzt gibt es ja "True Grit", "das neue Western-Meisterstück" der Coen-Brüder. Bildgewaltig. Und erfolgreich. Nach vier Wochen habe es bereits 130 Mio Dollar eingespielt. Das kann keiner der in den letzten Jahren gedrehten Western von sich behaupten. Wehrstedt trägt die lange Liste der weniger erfolgreichen Western so akkurat vor, als wolle er selbst bei MDR info als Nachtportier anfangen. "True Grit" ist ein Remake von Hathaways Klassiker "Der Marshall", mit dem John Wayne seinen ersten Oscar gewonnen hatte. Das traut Wehrstedt der Neufassung der Coen-Brüder nicht nur ebenfalls zu, sondern erhebt sie gleich in den Stand der "Auferstehung des Western"-Genres.

Feo Aladags Film "Die Fremde" mit Sibel Kekilli ist nicht in die Endrunde um den Oscar für den "besten fremdsprachigen Film" eingezogen. Von der deutschen Jury war er seinerzeit mit viel Vorschusslorbeeren bedacht ins Rennen um die Trophäe geschickt worden.

Janina Fleischer wird langsam ungeduldig. Die Peaceniks im RTL-Dschungelcamp gehen ihr gehörig auf den Senkel. Statt sich gegenseitig zu zoffen, was der australische Regenwald nur hergibt, müssen die Zuschauer diesen hartgesottenen Part übernehmen. Mit Lust an der Niedertracht haben sie "die arme Sarah" bereits zum fünften Mal hintereinander für die Dschungelprüfung ausgewählt. Als ob es zuhause nicht genug Möglichkeiten zum Mobben gäbe. Doch ein ähnlich gelagertes Ausleben niederer Instinkte hat der kluge Roger Willemsen einmal als "Konträr-Faszination" bezeichnet ("Gott sei Dank bin ich nicht so"), Janina Fleischer übersetzt die Wortzusammensetzung glücklicherweise ins Englische, so dass man sie verstehen kann: Als Confrontainment nämlich. Das jüngste lockere Geplänkel im Neuen Rathaus lässt sie allerdings nicht als solches gelten, lieber möchte Fleischer das neu errichtete Gondwanaland als ein heimisches Dschungelcamp nutzen lassen, "alles eine Frage des Marketings". Die Besetzung findet sich.

Im Haus des Buches hat Alexander Osang aus seinem Reportagenband "Im nächsten Leben" gelesen, Claudia Panzner war für die lvz dabei. Während Verleger/Moderator Christoph Links im Gespräch mit Osang ihn als "guten Autor" bezeichnet, bleibt Panzner merkwürdig distanziert. Dessen "viele Typisierungen und Vergleiche" bezeichnet sie allerdings als "schematisches Spiel, das man mögen muss". Warum eigentlich? Sie spekuliert, dass Osang "im nächsten Leben" selbst kein Ostdeutscher sein wolle, stattdessen Amerikaner. Dort"fühlte ich mich wieder wie ein Junge", und hatte das Gefühl, "nicht zu altern". Osang, der Reporter, badet im Jungbrunnen. Auch ne Story.

Jürgen Kleindienst und Mark Daniel entdecken bei dem alten und aus der eigenen Asche wieder emporgestiegenen Kulturbürgermeister Michael Faber Ansätze von Selbstkritik, er wolle sich stärker als Gestalter, Politiker und Kommunikator begreifen als bisher. Sogar ein Handy erwägt er zu kaufen. Zu Hartmann und der freien Szene will er erstmal schweigen, da habe er schon mehr als genug gesagt. "Dass er als handelnder Kulturbürgermeister" nicht anecke, glaube er allerdings nicht. Die Freie Szene mimt den Miniatur-Jung, trägt die Sorgenfalten professionell und "akzeptiert die demokratisch gefällte Entscheidung". Das macht Gewandhaus-Schulz weniger. Er "bedauert die Entscheidung, findet sie sehr problematisch." Ansonsten hat auch er Kreide geschluckt. Und: Faber will die Kompetenz für die Eigenbetriebe wiederhaben.

Im "Musica-Nova"-Programm "Fernblicke" geht der Komponist Steffen Schleiermacher der "zentralen" Frage nach, ob "die Musik des Italieners Giacinto Scelsi" asiatisch zu nennen wäre. "Wise Water", ein anderes seiner Werke, bezeichnet er lieber gleich als "langsam dahinfließende Zeit", an anderer Stelle kommt die Musik "aus dem Nichts" oder das alte Bonmot, dass das nicht noch das Stimmen der Instrumente seien, sondern "schon das Stück". Ob Heike Bronn ihren ganzen Artikel unter leicht ironische Vorzeichen gestellt hat, kann man natürlich investigativ herausfinden.

In der palästinensische Stadt Jenin mit seinen großen Flüchtlingslagern wurde das einzige Kino der Stadt 1987 zur Intifada geschlossen. Mittels vieler Spenden wurde das Kino in dem nahe des Grenzzauns gelegenen Ort wiederaufgebaut, teils gegen den Willen und sogar Drohungen von konservativ-religiösen Bewohnern. Dass jüngst sogar ein Anschlag auf das Kino verübt wurde, sagt Theresa Rentsch zwar nicht, vorerst wird ihm immer häufiger mal ein großes Lob für das preisgekrönte Werk "Das Herz von Jenin" des deutschen Regisseurs Marcus Vetter ausgeteilt. Das Kino selbst ist mittlerweile längst zur Anlaufstelle geworden für ganz alltägliche Probleme.

Freitag, 7. Januar 2011

lvz kultur vom 7.1.11: Wenn die Rose i-a sagt. Yello, ngrams, Twain, Leuze

Yello machen elektronische Musik. Und zwar verdammt gut. Aber sie folgen keinem Businessplan. Arbeiten ohne Projektmanagement. Sogar im Gegenteil, meint Jochen Overbeck. Dennoch müssen sich Blank/Meier den Erfolg vom Leib halten. Zehn Jahre, bevor es Yello gab, machte Dandy Dieter Meier Konzeptkunst. Fing an, dazu zu singen. Boris Blank, der stille Techniker, frickelte derweil an Elektrosounds, über die plötzlich Meier anfing, seinen Wortgesang zu legen. Sehr zum Unwillen des anderen Querkopfs. Doch ohne Gesang keine Platte; pure Erpressung. Also gab es in den Siebzigern eine "Arranged Marriage". 1980 fand die Musik den Weg nach Amerika. Und wurde zu Gold. "Der alte Affe Erfolg saß dem Duo seit jenen Tagen stets auf der Schulter." Doch die beiden Künstler lassen sich nicht korrumpieren. Wenn sie anfangen, eine Rose zu malen, kann daraus plötzlich ein Esel werden. Ob die Rose bei Yello dann auch i-a singt, steht demnächst in der lvz.

In einem sporadisch ironischen Artikel von Gerhard Weinreich wird die neue Google-Suchmaschine Ngrams vorgestellt. Angeblich sei sie ein Barometer für gesellschaftliche Tendenzen, was auch immer das ist. Vier Worte, Liebe, Freiheit, Mann und Frau werden untersucht. Anhand derer wird demonstriert, zu welchen "tiefen Erkenntnisgewinnen" die neueste Google-Such-Maschine in der Lage ist. Wenn das Wörtchen "Liebe" zu Zeiten der Romantik und immer just nach Weltkriegen viermal häufiger erwähnt wird als heute, wird aus der Tatsache ein zeitgenössisches "Jammertal". Wenn das Wörtchen "Frau" zwischen 1848 und heute fünfmal häufiger in Büchern vorkommt als heute, und - horrible dictu - "Mann" immer weniger, wird augenzwinkernd das Matriarchat ausgerufen. Für Weinreich ist das nichts als amüsante Spielerei, der man sich mit dem neuen Programm widmen könne. Für die hat Google 15 Mio. Bücher digitalisiert und analysiert. Dabei steht der von haufenweise Wissenschaftlern begleitete Spaß doch auf tönernen Füßen. Nach einem Krieg, in dem alles Metall, dessen man habhaft werden konnte, verbraucht wurde, wundert sich auch niemand, dass in den 10 Jahren nach dem Krieg weniger Metall- als Holzskulpturen geschaffen werden. Und dass mit der Ausweitung der Vertreibswege für Bücher und Zeitschriften, geschweige der elektronischen Medien, mehr und auch ganz andere Menschen Bücher und Texte veröffentlichen, als vor zweihundert Jahren und demzufolge die romantische Liebe und die politische Freiheit als Themen ganz einfach stärkere Konkurrenz bekommen, ist nicht abwegig. Sagt das etwas über den gesellschaftlichen Stellenwert der Liebe? Der Freiheit? Garnichts. Außer, dass die industrielle Revolution die Fans der Modelleisenbahn mehr werden lassen.

Eine N-Täuschung erlebte Janina Fleischer laut ihrer Glosse "ausgepresst" angesichts Mark Twains jüngst veröffentlichter Memoiren, die 100 Jahre nach seinem Tod erscheinen durften. Twains Worte, dass er testamentarisch eine Veröffentlichung so lange untersagt habe, um "frei reden zu können", ohne Angehörige oder Freunde in Erklärungsnöte zu bringen, erweisen sich als Makulatur. Denn die zeitgleich erfolgte, jüngste Neuübersetzung von Mark Twains "Tom Sawyer" und "Huckleberry Finn", der kulturellen Ursuppe der amerikanischen Zivilisation, hat mehr als nur einen Schönheitsfehler. In ihnen dürfen die Worte "Nigger" und "Injun", das entsprechend pejorative Wort für indianische Eingeborene, nicht vorkommen. Der ganze Quatsch einer dumm gewordenen "political correctness" findet sich in dieser Entscheidung wieder. So stark die rosarote Brille des irischen Bischofs James Ussher war, der die Entstehung der Erde auf 4004 v. Chr. festgelegt hat, und die der amerikanischen Kreationisten, die sie auf ca. 10.000 v. Chr. datierten, so wenig sind die Herausgeber Twains in der Lage, Fiktion von Realität sinnfällig voneinander zu scheiden. Jemand, der nicht lesen kann, warum "Nigger" der einzig richtige Ausdruck in dem Roman war, um ihm eine Wahrheit über die Wirklichkeit seiner Zeit zu verleihen, mag glauben, dass eine Welt, in der "Nigger" nicht vorkommt, eine bessere Welt ist. Sie ist leider nur eine dümmere. Denn ohne die Chance zu begreifen, wieso das Wort "Nigger" von ihren Verwendern rassistisch gemeint ist, ist das Tabu wertlos. So wie im biblischen Hohelied das Lob Gottes in erotischen Texten formuliert wurde, ist auch ein Liebesgedicht allein mit Worten der Fäkalsprache möglich und ebenso ein menschenfreundlicher Text, in dem das Wort "Nigger" 219-mal vorkommt.
Warum aber Janina Fleischer, die diesen ganzen Zusammenhang in wenigen Worten analysiert, Mark Twain als angenommenen zeitgenössischen Blogschreiber vorschiebt, um überhaupt Stellung zu der Verstümmelung seiner Bücher zu beziehen, ist leider nicht einsichtig, Die eigene Intelligenz und Leidenschaft unter den Scheffel zu stellen, zieht postwendend Feigheit nach sich.

Würg kotz schleim. Muss man zu Wolfram Leutze noch etwas sagen? Ein Tiefpunkt politischer Auseinandersetzung ist Leuzes Stellungnahme zur Kultur in Leipzig, wie ihn Ulrich Milde wiedergibt. Die Argumente contra Faber werden nicht substanzvoller, wenn Leuze zum wiederholten Mal angibt, "Faber sei nach anderthalbjähriger Amtszeit nicht in seinem Amt angekommen" und "stochere mit der Stange im schöngeistigen Nebel". Diese wahrhaft nebulösen Anschuldigung sind die eigentliche und permanente Beleidigung des Michael Faber. Und eine Bankrotterklärung politischer Argumentation. Von Opportunismus und Schleimerei ganz zu schweigen. Für diesen Befund muss man nicht einmal ein ausgewiesener Faberfreund sein. Zumal Leuze wenige Sätze später seine Eloge auf Hoch- und freie Kultur mit der "Qualität" der "Politik des Rathauses" in Zusammenhang bringt, allerdings zu Ungunsten des Rathauses. Will Leuze jetzt Jung mit abwählen? Der ist schon länger für die Malaise der Kulturpolitik mitzuständig als Faber. Übrigens auch Herr Leuze selbst! Dass nebenbei die Freie Szene zur vielfältigsten und buntesten in der Republik gekürt wird, zeugt vor allem von Unkenntnis, aber auch von fragwürdigen Maßstäben. Die Stadt muss sicher nicht jeden Farbtopf subventionieren, der im Regal steht. Dass Leuze Selbstkritik am liebsten als degoutant und defaitistisch schmähen möchte, mag man ihm gerne glauben. So viel hohles Schwätzertum, wie Milde allein in diesem einen Artikel aus dem Mund Leuzes zitiert, geht wirklich auf keine Kuhhaut. Ganz egal, ob er "nachfolgende Generationen" gegen alles und jeden ins Feld führt, die "Vision einer Gesellschaft in Solidarität, in der einer für den anderen mit sorgt" herbeischleimt uswusf. Leuze erinnert eher an Reineke Fuchs, der König Nobel einlullt, um ungeschoren seine niederen, dafür ehrlichen und mordlüsternen Triebe ausleben zu können.

Donnerstag, 16. Dezember 2010

lvz kultur vom 17.12.10: Carreras, Marienhof, Henkels & Fieger

In der Kultur gehen wohl nur noch Weihnachtsfeiern ab. Öde. Als ob die Kulturraumgeldkürzungen Wellen schlagen. Einfach nix los in Sachen Kultur.
Die Jose Carreras Stiftung weihnachtet in der Messehalle. Doch die Benefiz-Show war nur "lieblos". Ihr "wurde die Emotionalität ausgetrieben." Blankes Textaufsagen, meint Norbert Wehrstedt. Dann noch der "Auftakt mit einem sehr missglückten 'Stille Nacht'". Erste Zweifel, "ob das gute geht, was da gesanglich passiert." Auf Nummer Sicher wollten die Macher auch in anderer Hinsicht gehen: "Verdrängt aus der Show wurden alle dunklen Geschichten." Hauptsache die Stars waren da. Nena. Unheilig. Xavier Naidoo. Vicky Leandros. usw.

Der Regisseur von "Frühstück bei Tiffany" (1960) und "Der rosarote Panther" (1965), Blake Edwards, ist gestorben, meldet die zeitschrift Variety. Nina May presst "ein kleines Seufzen" wegen der Einstellung der Soap "Marienhof" aus. Der "Maler, der auch schauspielert" (Müller-Stahl), Armin Müller-Stahl, ist 80 Jahre alt geworden. Kurt Henkels, Gründer der Radio Big Band des mdr, wäre 100 Jahre alt geworden. Bernd Locker: "Hier Sucht nach Swing und Rock, da Klassenkampf". Meinhard Michael widmet sich einer Ausstellung der Plastikerin Melanie Fieger in der Leipziger Galerie Kontrapost, und weiß nicht recht, ob "Mimesis heute im Kunstbetrieb wirklich rehabilitiert" sei. Die Galerie zumindest steht voller Figuren. Gestern besuchte Sting Bach-Archiv und Museum, bald gibts in Kooperation mit der naTo einen Künstler-Wettbewerb für junge Leute (14-27 Jahre). Und Volker Külow wirft der Stadtverwaltung "schmutzige Tricks" bei der Abwahl von Kulturbürgermeister Michael Faber vor. Auf den Stimmzetteln hätte es keine Gelegenheit gegeben, sich zu enthalten.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

lvz kultur vom 15.12.10: Extremismus-Klausel, Jolie und Depp, Viertel & Faber

Niederlage für Innenminister Ulbig. Die sogenannte Extremismus-Klausel, mit der der Freistaat Sachsen alle Empfänger staatlicher Fördermittel oder Preisgelder zwingen wollte, ihre Verfassungstreue zu erklären und die ihrer Partner gleich mit, wird überarbeitet. Auch der Kreis der überprüften Organisationen wird laut lvz redakteur Sven Heitkamp reduziert, soll sich nun allein auf sogenannte Demokratieprogramme beschränken, und nicht mehr alle Nutznießer von Zuwendungen von den Freiwilligen Feuerwehren bis zu Sportvereinen umfassen. Ein Gutachten des Berliner Rechtswissenschaftlers Ulrich Battis hatte den Teil der Klausel, der vorschrieb, dass die Empfänger auch für die Verfassungstreue ihre Partner die Hand ins Feuer legen sollten für rechtswidrig gehalten.

Bei der anstehenden Novellierung des Kulturraumgesetzes wurde in einer Expertise des renommierten Rechtswissenschaftler Prof. Fritz Ossenbühl, der seinerzeit an der Ausarbeitung der Kulturraumgesetzgebung beteiligt war, ebenfalls die mögliche Rechtswidrigkeit des aktuellen Vorhabens konstatiert. Ob Staatsministerin Sabine von Schorlemer die Größe besitzt, den Sachverhalt klären zu lassen, bevor die Novelle verabschiedet wird, ist mehr als zweifelhaft. Zu starr hat die Ministerin bisher jede Andeutung eines Eingehens auf die Argumente der Skeptiker oder Kritiker schroff bis arrogant abgewiesen.

Für Hollywoodverhältnisse ist der neue Film von Oscarpreisträger Florian Henckel von Donnersmarck, "Der Tourist", geflopt. Da halfen auch Angela Jolie und Johnny Depp in den Hauptrollen nicht. Süffisant merkt Kritiker Norbert Wehrstedt an, Jolie sei "dummerweise" keine Grace Kelly oder Lauren Bacall, Depp kein Cary Grant. Die Yellow Press alleine ist kein Maßstab, die Protagonisten keine "unglaublich charismatischen Menschen", wie Donnersmarck im Interview äußerte. Donnersmarcks Scheitern sieht Wehrstedt in einer Reihe mit den Versuchen von Wim Wenders, Oliver Hirschbiegel, Mennan Yapo und Robert Schwandtke, Hollywood zu erobern. Erst um den Preis der Selbstaufgabe bzw. des Verzichts auf eine eigene Handschrift sei für deutsche Regisseure dort ein Erfolg denkbar, wie Roland Emmerich und Wolfgang Petersen beweisen. Schöne, glanzvolle Settings allein machten noch keinen Film. Aber um Angela Jolie wenigstens als Femme fatal glänzen zu lassen, dürfe Donnersmarck sie auch nicht in "hemmungslos verklemmten Szenen" agieren lassen. Jérôme Salles "Anthonys Zimmer", die Vorlage für "Der Tourist", hatte immerhin noch eine "erotisch aufgeladene" Sophie Marceau zu bieten, bei der Jolie knisterte allein Venedigs morsches Holz.

Jürgen Kleindienst wird wegen seiner Glosse "Stille-Nacht-Erlass" von der Einzelhändlergemeinschaft Leipzigs sowie dem Verband der Weihnachtsmarktbetreiber auf Schadensersatz verklagt. Zu sehr habe sein Text, in dem er einen verhängten Aufführungs-Stopp für Weihnachtslieder in Kaufhäusern, Glühweinbuden, Fitnessstudios, Arztpraxen und Werbesendungen genüßlich ausbreitete, Zigtausende von Advents-Kunden verunsichert und zu einer regelrechten Kaufzurückhaltung, stellenweise gar Panik animiert. Ohne Weihnachtslieder kein Umsatz, so die Kaufleute, amerikanische Pop-Weihnachtslieder hätten keineswegs die notwendige umsatzsteigernde Wirkung, sechs Wochen Dauerberieselung müsse hingenommen werden. Die lvz spiele ganz entgegen bisheriger Absprachen der Verbände mit lvz chefredakteur Bernd Hilder mit der Zukunft der fragilen Binnennachfrage in Leipzig, da verstünden sie definitiv keinen Spaß.

Thomas Mayer preist die Neuauflage eines Erinnerungsbands von Salka Viertel an, der unter dem Titel "Das unbelehrbare Herz - Erinnerungen an ein Leben mit Künstlern des 20. Jahrhunderts" erschienen und mit einem Nachwort des Professors am Leipziger Literaturinstitut Michael Lentz versehen ist. Die Schauspielerin Salomea Sarah Steuermann, die später den Regisseur und Drehbuchschreiber Berthold Viertel heiratete, der in den Dreißiger Jahren von Hollywood engagiert wurde, lernte in ihrer Villa am Pazifik viele berühmte Künstler kennen, unter ihnen Bertolt Brecht, Sergej Eisenstein, Lion Feuchtwanger und andere. Michael Lentz hält diese Art von "Dokumentarprosa" für legitim. Zumal er selbst in der von Feuchtwanger bewohnten Villa Aurora als Stipendiat lebte und den Roman "Pazifik Exil" geschrieben hat. Mayers Klatsch- und Tratschartikel zieht sogar noch den Bogen zu Salka Viertels Sohn Peter, der das Buch dieser "aufregenden Geschichte" dieser Familie fortgeschrieben habe. Der "Weltbürger" sei sogar - man glaubt es kaum - mit Ernest Hemingway "angeln" gewesen.

Peter Korfmacher analysiert noch einmal kurz vor dem Showdown die Chancen und Risiken der Kontrahenten Faber und Jung. Das Abwahlverfahren zu Ungunsten Michael Fabers, das am 15. auf der Tagesordnung des Stadtrats steht (Punkt sechs der TO), werde keinen Sieger kennen, sondern nur Beschädigte. Zu der definitiv auch die Leipziger Kultur zähle. Die "Verantwortung für diesen Schatz" hatte sich OBM Jung nach der Entmachtung seines Kulturbürgermeisters selbst aufgebürdet. Auf lvz-online wird ein Live-Ticker zum Boxkampf der beiden Gegner geschaltet. Beginn: 14 Uhr.

Montag, 13. Dezember 2010

lvz kultur vom 13.12.10: Abwahl Faber, Chemnitz, Skala & Kultur(räume)

Die Zusammenarbeit Michael Fabers mit OBM Jung sei "eng und vertrauensvoll" gewesen, gegen die Novellierung des Kulturraumgesetzes habe er bereits im März 2010 seine Position in Dresden deutlich gemacht und hoffe auch jetzt noch auf dessen Ablehnung, hätte man ihn auf seinem Kurztrip nach Paris, wo er während der Veröffentlichung des Rechtsgutachtens von Prof. Ossenbühl weilte, erreichen wollen, wäre dies ohne Problem möglich gewesen usw.
In seinem Interview mit Peter Korfmacher konstatiert Noch-Kulturdezernent Michael Faber, dass "man für seine Anschauungen bezahlen muss, auch wenn einen das möglicherweise das Amt kostet." Doch welche seiner Anschauungen ihn das Amt kosten könnte, wird nach seinen Aussagen nicht deutlich. Verfehlungen könne man ihm nicht vorweisen. Auch akzeptierte er jede OBM-Anweisung, die aus Gründen übergeordneter Stadtinteressen auch gegen die Position des Kulturbürgermeisters hätte getroffen werden müssen, anstandslos.
Widerhaken gegen den OBM sind allein in seiner Eigeneinschätzung, er sei "zu wenig homo politicus" und in der Frage der Feierlichkeiten zum 9. Oktober erkennbar, es sei allerdings ein Unterschied, ob er als seinerzeit aktiver Streiter für die "Wiedererlangung der Demokratie" und heute leidenschaftlicher Verfechter des Lichtfestes seine Meinung kundtäte oder jemand - wie der OBM? -, der "das historische Ereignis nur als Event feiert."
Faber ist erkennbar verletzt darüber, dass "interne Vorgänge und Kritik medial vorgetragen" worden seien, statt im Rathaus ausgetragen und dass er selbst zu seiner Abwahl nicht einmal angehört würde, zumal die Vorwürfe gegen ihn widerlegt werden könnten. Also geht er erhobenen Hauptes zur Schlachtbank, im Glauben, dass unterschiedliche Auffassungen über Leipzigs Kultur der Zukunft zu seiner Abwahl führen.

Die Stadt Chemnitz müsse in den kommenden fünf Jahren 50 Mio € einsparen, darunter wird auch die Kultur massiv leiden. Allein das Theater Chemnitz müsse in dieser Zeit 10 Mio € einsparen, betroffen seien auch das Kulturzentrum DAStietz (1,5 Mio € bis 2015), die Chemnitzer Kunstsammlungen (keine Sonderausstellungen mehr im Museum Gunzenhauser ab 2012) und Einsparungen in der freien Kulturförderung, die ohnehin schon seit Jahren sträflich vernachlässigt werde.
Theaterintendant Bernd Hellmich spitzte die Situation für sein Theater auf die Frage zu, bereits bis 2015 werde bei Umsetzung der geplanten Kürzungen eine Entscheidung fallen müssen, ob Oper und Orchester wegfallen oder alles andere zusammen (Schauspiel, Figurentheater und Ballett). Kristin Seelbach, Svenja Vennemann, Dominik Bath, Sören Harder und Ulrike Sauer, die den Bericht verfassten, merkten an, dass die Novellierung des Kulturraumgesetzes der Kultur der Stadt Chemnitz zusätzlich 400.000 € pro Jahr nehmen würde.

In seinen Antworten auf Mathias Wöbkings Fragen zur Novellierung des Kulturraumgesetzes steht heute der CDU-Politiker Sebastian Gemkow Rede und Antwort. Das heißt, wie auch die anderen CDU und teilweise FDP-Vertreter gibt er nichts weiter als gestanzte Antworten, auf die wegen der vorher feststehenden Fragen nicht mehr nachgehakt werden kann, ein großer Nachteil der Interviewreihe, wie man konstatieren muss. Dies erleichtert natürlich den Politikern, Behauptungen in die Welt zu setzen, die man nur schlichtweg als gelogen bezeichnen kann. Der eigentliche Schwachpunkt der Novelle ist: Muss Leipzig, wie die anderen Kulturräume auch, sparen, damit es Dresdens Einrichtungen besser gehen kann?
Wiederkehrendes Muster in den Antworten von Schwarz-Gelb war bisher die Zurückweisung der Behauptung mit der Feststellung, dass Leipzig bei einem Vergleich der Zuwendungen aus den Kulturräumen den bei weitem größten Anteil erhielte, nämlich ca. 30 Mio €, ca. ein Drittel aller Mittel. Dies ist allerdings nicht einmal die Hälfte der Wahrheit.
Aus den Kulturraumgeldern erhält die Stadt Dresden tatsächlich kaum etwas. Das braucht sie aber auch nicht. Denn: Allein für die laufenden Kosten von Staatsoper und Staatsschauspiel, die in Dresden Landesbetriebe sind und keine städtischen, zahlt das Land Sachsen in 2011 insgesamt 58 Mio €, das Doppelte des Anteils, den Dresden via Kulturraumgelder an Leipzig zahlen wird. Die Semperoper wird 2010 mit 40,53 Mio € unterstützt, für 2011 sind 44,57 Mio € geplant (+ 4,0 Mio €) und für 2012 45,700 Mio € (+1,1 Mio €) geplant. Das Staatsschauspiel erhielt vom Land für 2010 insgesamt 17,19 Mio €, für 2011 sollen es 17,05 Mio € und für 2012 17,45 Mio € sein, abzüglich der Überweisungen von 4,0 Mio €, die die Stadt Dresden jährlich (2010/2011/2012) ans Land zahlt, sind das immer noch mehr als 13 Mio €. Alle Zahlen sind nachzulesen im Haushaltsplan des SMWK (Haushaltsplan 12) für 2011/2012. Diese Tatsachen waren allen Abgeordneten des Landes bekannt, die in ihren Antworten bewusst falsche Tatsachen in den Raum stellten und so tun, als sei Leipzig der Schmarotzer.

Steffen Georgi hat in der Skala den Abend "Schlafes Bruder" mit Marina Frenk als "Elias, oder besser - ein Medium, durch das Textfragmente des Romans strömen" gesehen. Nun mag Georgi schon die Vorlage, den Roman von Robert Schneider nicht, eine Mischung aus "Passionsgeschichte voller Mysterien-Raunen, bäuerlichem Archaik-Kunstgewerbe und der Folklore vom sich an schnöder Welt aufreibendem sensiblem Genie." Anfänglich durchaus fesselnd, danach fade ("man mag das süß finden") Interaktionen als Klischees attitüdenhafter experimenteller Inszenierungen der 80er-Jahre ("Delirium"), bevor ein Film die Frenk bei einem Verhör zeigt, das zunehmend irrsinniger und komischer wird, bevor sie endlich "Schlafes Bruder" als 120-strophiges russisches Volkslied auf Rollschuhen zum besten gibt und dabei Salami verteilt. Georgi ertappt sich dabei, als Nörgler an dieser Stelle durch die selbstironische Volte der Performance (Dramaturgie: Anja Nioduschewski) den Stinkefinger gezeigt zu bekommen.

Dienstag, 30. November 2010

lvz kultur vom 30.11.10: Faber, Neuber, Benzin & Timm Thaler

An der steilen Bergab-Fahrt des Michael Faber kann diese angezogene Handbremse wohl nichts mehr ändern. Rettung ist von der Petition Leipziger Autoren, Schauspieler, Maler, Verleger und anderer Kulturarbeiter gegen ein Abwahlverfahren des Kulturbürgermeisters nicht zu erwarten. Es ist mehr eine Art Ehrenrettung, auch vor sich selbst.
Nina May sprach mit Jonas Plöttner, einem der Erstunterzeichner der Petition. Nicht nur Plöttner sitzt zwischen den Stühlen. Der Verleger und Chef des Schauspiel-Freundeskreises setzt sich für Faber ein, der Intendant Hartmann vehement kritisiert. Aber Plöttner kritisiert auch Faber und dessen "Versäumnis, in eineinhalb Jahren im Rathaus anzukommen". Doch Plöttner mag nicht wirklich Position beziehen. Er mag nur die Art nicht, in der Faber "abserviert" wird. Er weiß, dass Faber bei einem Verbleib im Amt "niemand mehr ernst nehmen würde" und kann dennoch nicht akzeptieren, dass sich die Politiker "von der allgemeinen Stimmung leiten" lassen. In seinen Augen machen die Intendanten der Kulturbetriebe ihre Häuser selbst kaputt, sind selbst schuld daran, dass sich das Publikum verweigere. Plöttner möchte sich gerne "einbringen" und "Faber beim Politikmachen beraten". Diese gefühlte Besserwisserei ist leider gar keine Hilfe. Ein Schöngeist kritisiert einen Schöngeist. Aber strikt solidarisch, schließlich "leidet die Kultur unter den politischen Machtspielchen". Diese Petition macht das Vakuum in der Kulturpolitik Leipzigs erst richtig deutlich. Vielleicht ist Fabers Vorschlag, 2014 zum großen Revirement zu nutzen, so schlecht nicht. Bis dahin bliebe Zeit, Strukturen zu hinterfragen, ohne Schnellschüsse zu produzieren, Zeit, zu klären, in welcher Liga Leipzigs Oper spielen soll, Zeit, einen Künstler-Intendanten zu finden, der mit seinem GMD und einem Verwaltungsleiter ein Team bildet. Aber wie dichtete Wilhelm Busch: Eins zwei drei im Sauseschritt, eilt die Zeit, wir eilen mit.

Dem lvz redakteur Jürgen Kleindienst ist Frau Holle und die weiße Pracht aufs Gemüt geschlagen, die Rubrik "ausgepresst" hat sich Kleindienst heute nur so aus den Rippen pressen können. Witzlos. In Kleindiensts wehen Augen ist ganz Sachsen, zumindest der sächsische Kulturraum, eingeschneit. Um dem "Weihnachtsmann" unfallfreies Fahren zu ermöglichen, muss der (Kultur-)Raum "leider etwas" (be-)räumt werden. In ihrem (oder Kleindiensts?) Wahn greifen die "Bühnenarbeiter, Marionettenschnitzer, Schauspieler, Sänger und Regisseure", nun zum Schneeschieber und - räumen sich selbst hinweg, lieber Jürgen Kleindienst, oder was? Ein-Euro-Jobber, die sich selbst auf die Schippe nehmen? Danach bleibt wirklich nur noch das Ehrenamt. Oder der Totengräber. Am besten als Showdown aus Hamlet, an dessen Finale alle reihenweise in die Gräber hüpfen? So, Herr Kleindienst? Oder wars doch zuviel Glühwein?

Der vor 250 Jahren verstorbenen Friederike Caroline Neuber gedenkt Nina May in einem längeren Artikel und zitiert dabei auch brav das Henschel-Theaterlexikon, das der Neuberin "Impulse für eine Professionalisierung und Anerkennung des Schauspielerstandes" zugute hält. Seitdem bewegt sich das deutsche Theater nur zu gerne munter zwischen den Extremen eines "literarisch-lehrhaften", heute hochsubventionierten Theaters und der ins Fernsehen und ins Comedyfach verbannten Hanswurstiade für das Volk. Goethe selbst hatte für die Neuberin und ihren "durch höhere sittliche Ansichten gereinigten Geschmack" auf dem Theater nicht viel übrig. Er bedauerte, dass sie damit "Bestrebungen eines deutschen Nationaltheaters nach dem Vorbild der italienischen Commedia dell'Arte zunichte" gemacht habe. Er war halt doch ein frivoler Anarchist, unser faustischer Volksdichter.

Das Theater Chemnitz hat eine Oper ausgegraben und zur Uraufführung gebracht, von der Peter Korfmacher nicht weiß, ob sie vielleicht besser unter der Erde geblieben wäre. "Benzin" heißt das Werk aus der Feder Emil Nikolaus von Rezniceks und sammelt irgendwo "zwischen Romantik und Moderne" Spielarten des Modetanzes der Zwanziger Jahre. "Professoral und lendenlahm" sei die Musik, gleichwohl "unverbraucht", sie finde zwar "neue Töne", doch nie eine "neue Musiktheaterform". Der durchgeknallten Handlung des Librettos hätte eine ebensolche Regiehandschrift gutgetan, findet Korfmacher, doch Martin Duncan inszenierte "kreuzbrav". Trotzdem: Am Ende erheblicher Jubel im Publikum.

Theresa Wiedemann vermisst an der jüngsten Premiere von "Timm Thaler" im Theater der Jungen Welt "Emotionen" und "Intensität", im "Zick-Zack-Kurs" ruckele sich die Inszenierung durch das ganze Buch. Text (Marion Firlus) und Inszenierung (Katja Lehmann) verknappten an den falschen Stellen (z.B. der Schweigepflicht des Barons Lefuet gegenüber Timm), statt an manchem Schlenker bei der teuflischen Figur selbst. Statt um Timms Lachen gehe es viel zu sehr um Aktienmärkte, maximalen Kapitalertrag und "Heuschrecken-Kritik". Da helfe auch der Slapstick von Susanne Krämer und Gösta Bornschein wenig, der "die Geschichte kaum voran, aber die jüngeren Zuschauer durcheinander" bringe.

Samstag, 27. November 2010

lvz kultur vom 27.11.10: Islam & Gewalt und Michael Triegel,

Islam und Gewalt, ja, geiles Thema! Familienministerin Kristina Schröder musste noch schnell draufspringen, bevor die Sarrazinwelle abebbt. Doch "Integration ist ein Thema, das die Menschen bewegt", sagt Schröder. Nur: Gewalt? Integration? Sind Kriminelle einfach nicht integriert? Eine interessante Fragestellung, wenn man sie auch mal auf Biodeutsche anwendete. Kristina Schröder kann die Frage, was für einen Zusammenhang sie zwischen beiden erkennt, nicht beantworten. Sie will ja auch nur, schreibt Jochen Neumeyer, zwei Studien vorstellen, die den Zusammenhang zwischen islamischer Religiosität und Gewaltanwendung belegen sollen. Doch beide Studien können dies nicht. Jedenfalls nicht, sofern man seriöse Ansprüche stellt.
Kristina Schröder reicht es möglicherweise aus, die Begriffe "Islam" und "Gewalt" überhaupt in einen Zusammenhang zu bringen. Da klingelt es doch bei erfahrenen BILD-Lesern, RTL-Guckern und Alltagsrassisten. Was braucht es Begründungen. Die Synapsen geraten förmlich in einen Massencrashtest auf den Kreuzungen der Nervenzellen im Stammhirn. Die Studien jedenfalls präsentieren Gründe, warum etwas sein könnte, wenn die angenommene Vermutung als wahr angenommen würde. Gründe, warum muslimische Männer gewalttätig sein könnten, wenn man einen solchen Zusammenhang herstellten würde. Aber was sollen Studien mit dergleichen Inhalten? O.k., die Wissenschaftler verdienen Geld. Also tun sies.
Die erste Studie hatte zwei Wochen Zeit, Ergebnisse zu finden. Und gab deshalb nur frühere Studien zu dem Thema wieder. Der Autor der zweiten Studie, der Dortmunder Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak, sagte zu einer Journalistin, die belastbare Zahlen wollte: "Es gibt keine Zahl, wonach Muslime eine höhere Gewaltbereitschaft haben. Ansonsten haben wir keine belastbaren Zahlen." Und wenn Sie nur auf der Suche nach solchen Zahlen sei, "müsse Sie anderweitig berichten oder auf eine Berichterstattung verzichten." Aber diese "Ergebnisse" wollte sich Schröder nicht anhören, sie rauschte davon, zu einer Abstimmung im Bundestag. Dann eben notfalls ohne Zahlen. Passt schon.

Ab morgen ist das Papstporträt von Michael Triegel im Leipziger Bildermuseum zu sehen. Aber dieses Bild ist vor allem Anlass und gleichzeitig "Plakat" der Ausstellung "Verwandlung der Götter", die eine repäsentative Auswahl von etwa 80 Bildern aus der Feder des Leipziger Malers seit 1993 zeigt. Meinhard Michael hat sie gesehen. Der Maler, der sich nicht in die Leipziger Schule eingemeinden lassen will, male sich häufig in der Figur des Prometheus, Christus oder heiliger Michael, und besitze laut Michael eine beinahe messianische, "fulminante, mit Ironie und Bescheidenheit getarnte Hybris". Malerisch jongliere er "zu viel mit allzu strapazierten Symbolen" und befinde sich in den Gedankenspielen seiner Bilder "ganz fern der Gegenwart". Zwar würden Triegels Porträts als "sehr lebensnah" gelobt, doch in seinen Bildern fordere er von sich die "Rührung des Herzens", ohne zu beachten, dass diese selbst in klassischen Formen nur Hüllen eines Rollenspiels darstellten. Triegel, der den seit der Moderne, gar der Postmoderne, gerissenen Faden zu der guten alten Zeit der altmeisterlichen Malerei wieder knüpfen möchte, schöpfe seinen Mut dazu aus "den Bibliotheken und aus der Akademie der schönen Künste". Darin, dass diese "Wahl" eine "Ohnmacht" des Malers ausdrücke, stecke die "Authentizität dieser Malerei". Und dann endet Meinhard Michael mit dem furchtbaren Verriss: "Was an ihr hohl scheint, ist das Echte, der Rest aber ist sehr gut."

In der Glosse "ausgepresst" kanzelt Janina Fleischer Elke Heidenreichs allzu pathetisch-naive Opernliebe ab, weil die Heidenreich ihr eigenes und das Geständnis manch anderer Prominenter als Waffe im Kampf gegen die allerorten grassierenden Sparmaßnahmen bei Opern für wirksamer hält als die ständigen "Appelle, Erklärungen, Demonstrationen". Ein bisschen Liebe...
Peter Korfmacher wirbt mit seiner Begeisterung ("das läßt den Atem stocken" usw.) für den, nein, nicht Pianisten, sondern "Musiker" Arcadi Volodos, der u.a. den Mittelteil des ersten Klavierkonzerts von Peter Tschaikowsky "in die Moderne schubse", abermals für das Benefizkonzert zugunsten der Stiftung "Leipzig hilft Kindern".
Bernd Locker unternimmt seltsame Verrenkungen, etwas nicht als zu benennen, was es selbst durch die Blume formuliert scheint: langweilige und schlechte Comedy. Das gilt der neunten Folge der Dinnershow "Gans ganz anders" des Krystallpalast Varietè (Regie: Volker Insel) unter dem Titel "American Christmas oder Hilfe, die Amis kommen". Die Dinnershow erinnert ein wenig an Karneval für den Osten, irgendwie kein Zirkus, kein Theater, keine Comedy. Ein Unterhaltungs-Klimbim ohne Sexappeal.
Sibylle Peine verreisst Peter Longerichs Biografie über Josef Goebbels, die er nach dem vollständigen Erscheinen von dessen 25-bändigen Tagebüchern verfasst hatte. Longerich habe sich "allzu sehr von den Tagebüchern faszinieren lassen". Das Leben des "zutiefst unsicheren und narzisstischen" Goebbels habe er "fast nur aus den Augen des Propagandaministers erzählt".
Und ein Leserbrief reflektiert die gegenwärtige Entmachtung Michael Fabers als Kulturbürgermeister: "Wer wacht noch über demokratische Normen, Loyalität, die Faber mindestens gegönnt seien, und was für eine Stille unter den Kreativen und Intellektuellen. Nachdenken über Leipzig oder abwenden mit Grausen?"

Samstag, 13. November 2010

lvz kultur vom 13.11.10: Rechtsextremismus, Wagner, Theater im Strafvollzug & Faber vs. Jung

Wer gegen Rechtsextremismus kämpfe und Fördermittel beantrage, habe "selbstverständlich" vorher den Verfassungsschutzbericht zu lesen, ob einer seiner Partner dort gelistet sei, meldet sich Josef Hecken zu Wort, seines Zeichens Staatssekretär im Familienministerium. Mal abgesehen von der Blockwartmentalität, die jetzt gefordert wird, sind damit die Linken als Partner eigentlich auch tabu? Herr Ramelow grüßt von Ferne den Verfassungsschutz...

Merkt eigentlich in den Landes- und Staatsregierungen noch jemand, dass mitunter auch Antifagruppen in Hinsicht auf den Rechtsextremismus durchaus offensiv demokratische Werte und Prozesse in der Gesellschaft einfordern und sich damit couragierter und durchaus staatstragender und affirmativer in Hinsicht auf unsere Verfassung verhalten als so manche daran desinteressierte Person aus der Mitte der Gesellschaft?



Würde irgendjemand die "größte Bildergalerie der Welt" vermissen, wenn sie nicht mit beispiellosem Pomp durch die deutschen Lande und sogar die Welt gekarrt würde? Niemand, garantiert. Doch die Marketingabteilung der lvz fand, dass schon lange kein irgendwie unsinniges oder wenigstens größenwahnsinniges Projekt aus Leipzig gekommen sei und lässt nun in der imperativischen Initiative "MaleLE!" die Bevölkerung nach Herzenslust malen, die zustandegekommene Beliebigkeit der allerneusten Leipziger Schule anschließend von Fachleuten sichten und ins Töpfchen oder Kröpfchen stecken. Der größte Kindergarten Deutschlands findet sich zusammen, selbstverständlich zum guten Zweck, wie Jürgen Kleindienst betont, dem Zweck, das Licht der lvz nicht in Form von Energiesparlampen, sondern von überdimensionalen Flutlichtern ins Weltall hinaus zu senden/verschwenden. Den dümmsten Spruch zur Begründung der Aktion hat dann noch lvz Geschäftsführer Norbert Schmidt zum besten geben müssen, zumindest zitiert ihn Kleindienst so, dass nämlich das Thema Kunst und Kultur ein "wesentliches Alleinstellungsmerkmal der Stadt Leipzig" sei. Das wesentliche Alleinstellungsmerkmal des lvz Geschäftsführers scheint dementsprechend die scheuklappenbewehrte Präpotenz zu sein, wenn man sie - ähnlich Kunst und Kultur - nicht ebenfalls schon mal woanders erlebt hätte.



Benedikt Leßmann ist etwas gespalten. Soll er das Fremdgehen oder zumindest "anbandeln" mit der Ehefrau des Förderers, Freundes etc. moralisch ablehnen oder aus kunstökonomischen Gründen doch lieber befördern? Zumindest seien bei Richard Wagner auf diese Weise der Schatz der Wesendonck-Lieder entstanden. Der sich als Künstler getreu an den guten alten Wahlspruch des "Sex'n Drugs and Rock'n Roll" haltende Wagner habe mit diesem "halbstündigen Zyklus" gar eine perfekte Einstiegsdroge in sein eigenes Werk geschaffen. Im Großen Concert des Gewandhausorchesters unter Leitung von Eliahu Inbal sang Jane Eaglen zwar "etwas zu kühl", dennoch habe sich der Hörer hier "in Schönheit verlieren" können. Schostakowitschs 8. Sinfonie, die musikalisch von den Schrecken des Weltkriegs erzählt, habe anschließend zumindest als "herber Kontrast" gewirkt. Die "Hässlichkeit der Klangmassen" habe Inbal, zumal durch die "unerbittliche Langsamkeit", mit der sich musikalisch die Katastrophe nähere, einfach nicht mildern können - oder wollen. Selbst am Ende nicht, an dem "für gefühlte Ewigkeiten C-Dur erklingt". Kein "jubelheischendes Finale", aber "verdienter Applaus".



Die Theatertage des sächsischen Strafvollzuges, die vom 17.-20. November in Dresdner Theatern, aber auch verschiedenen JVAs Sachsens stattfinden - einschließlich eines "Gastspiels weiblicher Strafgefangener aus der JVA Lubliniec in Polen - gehören zu den besonders eindrucksvollen Ereignissen, die die Kunst hervorbringen kann. Selbstverständlich haben die Theateraufführungen, wie Caren Pfeil schreibt, therapeutische und (re-)sozialisierende Wirkungen auf die Gefangenen, ermöglichen Respekt und Verständnis bei der Begegnung zweier paralleler Gesellschaften, der hinter und der außerhalb von sichtbaren Gittern.

Dass sie aber auch emotionale Situationen der Gefangenen aufnehmen und künstlerisch spiegeln kann, wird am Projekt "Die Rückkehr" von 25 Männern und (!) Frauen der JVA Dresden deutlich, das die Geschichte des griechischen Kriegshelden Odysseus zum Inhalt hat. "Dessen größte Angst darin besteht, nicht zu wissen, was ihn zu Hause erwartet nach seiner langen Abwesenheit." Besucher müssen sich anmelden, Perso mitbringen, aber keine Drogen! Mehr zum Programm unter http://www.festivalimgefaengnis.de/.



In der Serie "Finanzierungsdilemma" über die unterschiedlichen Spielarten europäischer Kürzungsorgien im kulturellen Bereich ist im kurzen Text von Britta Gürke, heute besonders über Großbritannien, eine Ungeheuerlichkeit nach der anderen zu lesen. Mit der eklatantesten schließt die Autorin, der, dass die Einsparungen im UK "wegen der Olympischen Spiele 2012 in London" vorgenommen würden, "denn unter dem dach des Kulturministeriums ist auch der Sport angesiedelt".



Noch-Kulturdezernent Michael Faber wehrt sich gegen OBM Burkhard Jungs Anschuldigungen und die drohende Abwahl. Etwas spät besinnt sich Faber darauf, in Dingen des Kulturraumgesetzes sich mit Vertretern anderer Städte abzustimmen mit dem Ergebnis, die bevorstehende Novellierung doch noch abzuwenden. Jung ließ sich laut Andras Tappert zu der Äußerung hinreißen, er habe mit Fabers Bestallung zum Kulturdezernenten vor einem Jahr "eine falsche Entscheidung getroffen". Auch in diesem Fall eine (zu) späte Erkenntnis und auch keine Bagatelle. Interessant wird der Hickhack darum werden, wer den Abwahlantrag gegen Faber stellen wird. Den Schwarzen Peter will zur Zeit weder die SPD-Fraktion noch der OBM übernehmen.

Mittwoch, 10. November 2010

lvz kultur vom 10.11.10: Straßen für die Kids, Maffay, Triegel und Faber&Jung

155 Mio € mehr für Inverstitionen. Viel Geld? Diese Summe verplant die sächsische Regierung angesichts sprudelnder Steuermehreinnahmen in Höhe von 550 Mio € allein in 2010, 162 Mio € in 2011 und 314 Mio € in 2012, wie Jürgen Kochinke schreibt. Nur(!) 155 Mio € muss man also sagen. Ausgegeben wird das Geld für Straßen, Brücken, den Bau von Krankenhäusern und Schulen. Die Kultur wird mit einer fetten roten Null abgespeist. Im Sozial- und Jugendbereich bleiben die diskutierten Kürzungen erhalten, auch bei der Polizei. Es ist nicht möglich, angesichts der Steuermehreinnahmen noch von Sparmaßnahmen zu reden, sondern nur noch von politisch gewollten Kürzungen. Das macht einen gravierenden Unterschied. Denn dahinter steckt mehr Konzept als es bisher schien. Die Zerschlagung kultureller Freiräume und der Jugend- und Sozialarbeit, wie in Leipzig geplant, ist genau so gewollt. Und seit spätestens Juni, als die geplanten Kürzungen durch Dresdens Landesregierung öffentlich wurden, hat die lvz nahezu sämtliche Gelegenheiten ausgelassen, mit Abgeordneten oder Ministern aus CDU oder FDP zum Thema der Kürzungen zu reden. Warum?

Claus Lochbiehler sprach mit Mick Hucknell über seinen bevorstehenden Abschied von Simply Red. Trennung oder gar Auflösung könne man dazu nicht sagen, schließlich sei er selbst Simply Red. Hucknell hat unterdessen einen anderen Sound im Kopf ("Musik, zu der man tanzen muss oder richtig Durst auf ein Bier bekommt"), die Plattenfirma untersagt ihm aber unter dem Label "Simply Red" Musik, die nicht nach Simply Red klingt. Die Marke zählt, darf nicht verändert werden. Also: Bevor Hucknell dazu verdammt ist, sich selbst zu covern, muss eine neue Marke her. Die Lösung: Nach der Abschiedstournee mit Simply Red tritt er erst solo unter neuem Namen mit neuem Sound auf, anschließend engagiert er die alten Bandmitglieder erneut.

Peter Maffay war für das Konzert "40 Jahre Rock'n'Roll" in der Arena Leipzig. Während ihn das 8000-stimmige Publikum "mit Hingabe, Gefühl und Andacht" verehrte und mitsang, lag Peter Korfmacher dem Klassik-Rocker regelrecht zu Füßen. Nicht nur die von Maffay beharrlich als Lieder bezeichneten "Songs" hätten Qualität, ebenso seine fantastische Band, und allen voran Carl Carlten, Maffays Mann an der Gitarre. Mit dem zusammen spielte Maffay eine "naturbelassene Musik, die unter die Haut geht": "zwei Männer, zwei Gitarren, wenige Akkorde".

Als Papst-Maler hat es Michael Triegel unterdessen zu Bekanntheit gebracht, das Tuch über dem vollendeten Porträt Benedikt XVI. hat Triegel nun erstmals für lvz redakteur Thomas Mayer gelüftet, bevor es ab 26. November im Bildermuseum nebst anderen Werken in der Ausstellung "Michael Triegel - Verwandlung der Götter" zu sehen sein wird. Auf dem Porträt halte Papst Benedikt ein Blatt Papier in der Hand mit den Weisheiten des Heiligen Augustinus. Ehrfürchtig gibt Mayer eine poetisch-religiöse Bildinterpretation zum besten: "Augustinus' Herzschlag schlägt in dieser Brust weiter." Seelenverwandtschaft? Augustinus jedenfalls ist unter anderem für seine autobiografischen "Confessiones/Bekenntnisse" berühmt geworden, in denen er die Wirklichkeit in drei Bereiche teilen will. Die Welt des höchsten Seins sei nur dem Geist zugänglich, das mit den Sinnen erfahrbare Werden sei dem niederen Bereich der Wirklichkeit zugeordnet. Die Trennung in Höheres und Niederes hat bekanntlich in vielerlei Hinsicht heute wieder Konjunktur. Demokratie adé. Es ist ein Kreuz mit sensiblen Künstlern, adeligen Politikern und Päpsten.

Ein Textmeer bei Windstärke Eins über eine Austellung von Carsten Tabel in der Galerie Kleindienst hat Meinhard Michael geschrieben. Aus ihm schwappt keine einzige Welle, kein einziger Satz bis ins Bewusstsein des schlingernden Lesers. Allein Tabels eigene Worte, "Menschen wie Hunde an Leitplanken" und "Er weiß es besser und denkt auch viel schöner als der Müll da unten auf der Straße", bleiben hängen. Vielleicht war jemand aus der heiligen Dreifaltigkeit Augustin - Benedikt - Triegel der Ghostwriter? Beim dritten Zitat wandern die Gedanken allerdings wieder heimwärts: "Kleines bisschen mitmachen bei der Diffusion [gleichmäßige Verteilung, ath.] von Kultur, man wünscht sich eine Untergrundarmee, die aber zu Hause bleiben darf, sich selbst vernebeln." Das hat Michael etwas zu wörtlich genommen. Athene ist schon ganz benommen.

Im Interview mit Mathias Wöbking jammert Freie-Szene-Sprecher Falk Elstermann gewohnt wortreich darüber, dass 5% von 100 Mio € weniger seien als 5% von 110 mio. €. Nun fühlt er sich irgendwie von der Kulturverwaltung über den Tisch gezogen. Sein Matheunterricht ist scheinbar schon sehr lange vorbei. Trotzdem schön, dass ein Seniorenstudium doch noch Früchte tragen kann.

Den täglichen Faber gibt uns heute die lokale variante der Dreifaltigkeit, Orbeck/Staeubert/Korfmacher. OBM Jung, der derzeit in Amerika weilt und dort eine Preisrede auf Kurt Masur hält (warum eigentlich?), hat ihn nur telefonisch von seiner Beschneidung informiert. Von Jung stammt auch die Charakterisierung Fabers als "Kreisklasse". Vergessen sollte er nicht, dass er selbst dem Transfer seinerzeit zugestimmt hat. Und nach Bundesliga, geschweige Champions-League, sieht der gegenwärtige Murks nicht aus, vielmehr nach menschlicher und politischer Führungsschwäche. Faber macht derweil, was er am liebsten macht, schweigen: "Meine Auffassung von Loyalität gebietet es mir, bis zur Rückkehr die Entscheidung nicht zu kommentieren". Bekannt ist nur, dass Faber als Kulturdezernent lieber noch nicht zurücktritt. Verständlich, erhält er doch bei einer Abwahl durch den Stadtrat bis 2016 monatlich 75% seiner gegenwärtigen Bezüge weiter.

Dienstag, 9. November 2010

lvz kultur vom 9.11.10: d'Albert, Kehlmann, Tapetenwerk & ein neuer Kulturdezernent

Eine packende Opernpremiere in Görlitz ist Hauptaufmacher der Dienstagskultur. Boris Michael Gruhl schreibt einen ebenso packenden Bericht der Premiere "Tiefland" von Eugene d'Albert, als sei sie ein Filmereignis. Mindestens aber ist sie großes Gefühl plus schneeweißer Gletscher plus Himmelblau. So kitschig das klingt, so gegenwärtig inszeniert Klaus Arauner die Geschichte über knallharte Firmenmanager, Arbeitskräfte mit der Sehnsucht nach einem kleinen Glück und verzweifelten Frauen zwischen allen Stühlen. Reinheit der Seele und Verderbtheit des Geldes sind die konstruierten Gegensätze, aber nicht die zwischen gestern und heute. Natürlich gibt es kein Entkommen aus dem Tiefland in die Reinheit. Doch dass es kein richtiges Leben im falschen gebe, stimmt halt nicht. Das ist einfach zu evangelisch gedacht plus katholischem Schuldgefühl. Dass der Prozess der Loslösung scheitern wird, ist kein gültiges Argument. Es geht nicht um Ergebnisse. Das Leben ist keine Schule.

Auch am Theater Döbeln ist gutes Theater zu sehen. "Die Vermessung der Welt" nach Daniel Kehlmann. Aber was heißt schon gut. Das Gute wird gleich drei Nummern besser gemacht, so klingt jedenfalls die Besprechung von René Weinhold und Henriette Wemme. Der fanatische Theoretiker Gauß und der feinsinnige, abenteuerlustige Humboldt stellen aufgeklärte Freigeister dar, ohne die eine moderne Staatsform wie unsere Demokratie niemals existieren würde. Mit allen individuellen Abgründen, als "intelligente Humoreske" aufgeführt, bei Kehlmann wie bei Regisseur Lutz Hillmann.

Die Ausstellung eines Kunst- und Forschungsprojekts mit Namen "Zerreißprobe" findet derzeit im Tapetenwerk in der Lütznerstraße statt. Werke von 14 Künstlern sind zu sehen. Hendrik Schäfer schreibt, das Spannungsfeld von Wissenschaft und Kunst sei zugleich eines von Einheit und Trennung. Soll heißen: Es gebe keine reine Dokumentation, sprich: Wissenschaft, denn allein die getroffene Auswahl belege schon eine an der Fiktion, sprich: Kunst, orientierte Vorstellung (Jana Seehusen). Auch in Andrea Pichls Rauminstallation wird die Grenze von Kunst (hier: als Utopie gedachte Bauhausarchitektur) und Wissenschaft/Technik (hier: Das Scheitern der Plattenbauarchitektur) fließend und doch ändert sich der Aggregatzustand.

Nina May verwechselt in der Randspalte "ausgepresst" wieder Selbstmitleid und Humor. Muss sie wirklich Neid empfinden, verbunden mit Berührungsängsten vor Landluft in Zeitschriftenformat? Konstatieren diese doch eine Realitätsflucht geradezu "biedermeierlichen Ausmaßes". Obgleich laut Spiegel Online in der Verbindung von Intellektuellem mit Rustikalem (á la Bratenrezepte) die Zukunft des Journalismus läge. Funktioniert diese Sehnsucht nach geistiger Bohéme, möchte man mit Nina May fragen, eigentlich auch umgekehrt? Kann es Entspannung in grillgeschwärzten, niemals erigierten Kopfzonen geben? Ein LETTRE-Abonnement in der Kleingartenkolonie? Oder heißt es dann nur anders und hat andere Themen?

Im jährlich stattfindenden Konzert des Sinfonieorchesters der Hochschule für Musik und Thaeter, Leitung: Ulrich Windfuhr, herrscht noch "Sommernachtstraum-Stimmung", schreibt Heike Bronn. Was die jungen Musiker als "Grundlage für gefühlvolles und brennendes Musizieren mitbringen", verstehe Windfuhr "nicht zu bündeln" und bleibe ohne jeglichen "emotionalen Gehalt".

Die Galerien Koenitz und Irrgang stellen derzeit Malerinnen aus, die zu den "Gründungsmüttern der Leipziger Schule" zählen können: Gudrun Brüne und Doris Ziegler. In realistischer Manier malt Brüne "Masken, Puppen, Totenköpfe", denen man mehr Lebendigkeit zutraut als den dargestellten Personen, bei aller "Ferne von Individualität und Liebe". Doris Ziegler malt insbesondere Leipziger Stadtbilder mal mit, mal ohne Menschen. Deren Masken entlarven, so Christine Dorothea Hölzig, den manulierten Menschen. Auch der Rest sei Kulisse, die Stille nur da, "um gebrochen zu werden".

Steffen Georgi will über den Abschluss der euro-scene, die Choreographie "Empty Moves" von Angelin Preijocaj, schreiben und unterderhand ein neues Kapitel seiner Diplomarbeit. Georgi sah den Abend als "Reduzierung auf das Grundlegende" und war fasziniert von den "schönen Ruinen des Lautmalerischen". "Empty Moves" zelebriere die "Emanzipation der Form von der Doktrin der Sinngebung", die "Schönheit der Abstraktion". Sekundenbilder entstünden, wenn "einer dem anderen für Augenblicke die Nase zuhält, den Mund öffnet, einen Finger ins Ohr steckt." Wow. "Eine Kunst, wahrhaft frei".

Damit war zu rechnen. OBM Burkhard Jung entzieht dem Kulturdezernenten die Zuständigkeit für die Eigenbetriebe der Stadt Leipzig. Dem ungeschickten, unkommunikativen und seltsam unwilligen Michael Faber wird kaum mehr übrigbleiben als der Rücktritt. Wolfram Leuze, der opportunistische, auf zeitgemäß autoritär setzende Grünen-Fraktionschef souffliert, "ein OBM kann es nicht auf Dauer hinnehmen, wenn einer der Dezernenten seinen Vorgaben öffentlich widerspricht". So? Ein OBM - so unsouverän? Schlimmer ist doch, dass es bei Faber kein Interesse, kein Konzept, kein Engagement für Leipzigs Theater-Kultur gab. Ob Jung mehr Zeit erübrigen wird, wenn die Kultur sich als ebenso renitent erweist wie sein Dezernent? Oder lässt er sie dann ebenfalls gekränkt fallen?
Zumindest herrscht jetzt nicht nur in der Oper, sondern auch in der Kulturpolitik Führungsvakuum und Chaos, verbunden mit der Selbstherrlichkeit eitler Narzissten.

Montag, 8. November 2010

lvz kultur com 8.11.10: Zauberberg, Osteuropa & Streit Faber vs. Jung

Eine Ode an die Langeweile hat Nina May befürchtet - und wurde angenehm überrascht. Sebastian Hartmanns "Zauberberg"-Bearbeitung im Centraltheater dauerte zwar fünf Stunden, sei aber trotz einiger Schwächen seine "vielleicht bisher stärkste Leipziger Inszenierung". Aus Thomas Manns Stoff, angesiedelt in einem im Schweizer Davos gelegenen Sanatorium, einer "romantischen Todessehnsucht und ihrer Überwindung", mache Hartmann eine zunehmend "gespenstische Séance". Mit etwas zu derbem Jux und Actionszenen zu Beginn und Schauspielerinnen, die "mal wieder" nur als "Beiwerk fürs Auge" fungieren, aber alles in allem sinnlich (statt "geistig"), surrealistisch (statt komödiantisch), komisch (statt nur "beredt") und schwülstig (statt "geschwätzig"). Gar "eindrucksvoll" das sich "wild gebärdende Medium" Birgit Unterweger als Geist des Todes und Matthias Hummitzsch als "grotesker Hofrat". Mit diesen Charakterisierungen hat Nina May den gesamten Kanon ihrer Kriterien auch schon abgehandelt. Alles in allem eine pure Entscheidung zwischen gut (sinnlich, komisch, eindrucksvoll) und schlecht (langweilig). An diesem formulierten Anspruch würde ihr eigener Text allerdings durchfallen. Langweiliger als erhofft und unsinnlich, humorfreie Sachlichkeit an Stelle "geistiger Erfahrung".

Weil Cottbus "nicht am Rand der Welt", sondern "mittendrin" liege, reiste Norbert Wehrstedt bis ans östlichste Mittendrin Deutschlands, um dort das Festival des osteuropäischen Films zu sehen. Es hat sich gelohnt. Er hat Filme gesehen, die zu den "fantasievollsten der Welt" zählen und "Perlen" seien im Vergleich zu den "stark geschminkten Billignutten" aus Hollywood. Und zwar, weil sie "mit großer Entdeckerlust soziale Alltags-Geschichten" erzählten. Auch wenn osteuropäische Filme hierzulande aus den Kinos verschwunden seien. Den Hauptpreis erlang der serbische Film "White White World" (Regie: Oleg Novkovic), in dem ein ehemaliger Boxer unwissentlich seine Tochter zur Geliebten nimmt. Bis auf zwei weniger gelungene Filme ("Kajinek" aus Tschechien und "Tilvar Ros" aus Serbien) war Wehrstedt ein ums andere Mal hingerissen: Bei "Pal Adrienne" aus Ungarn ("still-zerquälte Selbstsuche. Ohne Lächeln. Ohne Befreiung"), "Ein anderer Himmel" aus Georgien ("lakonisch, sozial sehr genau"), "Der Dieb des Lichts" aus Kirgisien ("bezaubernd"); "überragend": "Ein Krieg" ("archaische Wucht"), "Mein Glück" ("beklemmend suggestiv") und "Krai" ("großartige Bilder") aus Russland; ein "Ausrufezeichen": "Zirkus Columbia" des Oscar-Preisträgers Danis Tanovics ("einfach wunderbar"). Leider sei ein deutscher Verleih nicht in Sicht, Ministerpräsident Platzeck und OBM Schimansky versprechen trotzdem "weitere Festivalunterstützung". Gratulation!

In der "Langen Nacht des Tanzes" im Rahmen der euro-scene Leipzig sah Steffen Georgi sieben Choreographien, "keine atemberaubend, keine langweilig". Die Kombination mit Mitschnitten alter "Tanzsoli-Gewinner" raubte Georgi allerdings den letzten Nerv. Der starre, allzu vorhersehbare Ablauf der einfachen, plausiblen Konzeption war nur noch eintönig.
Nina Mays Resümee der diesjährigen 20. euro-scene Leipzig fällt hinsichtlich der Zahlen gut aus (7.500 Besucher; 97,8% Auslastung), sie bescheinigt dem Festival zudem, nicht nur aus "Alibigründen" an einem Austausch mit dem östlichen Europa interessiert zu sein. Den Titel der Festschrift "Das Kicht kommt aus dem Osten" sah May schon in Alvis Hermanis' Inszenierung "Sonja" des Neuen Theater Riga eingelöst: "Großes Theater, sehr komisch und unheimlich traurig zugleich". Als "schräge Nummer abseits des Festival-Alltags bezeichnete sie Romeo Castelluccis nur 17-minütige Performance in der Hauptpost: "Geschichte des zeitgenössischen Afrikas, Teil III., von der sie sich allerdings fragt, ob "man bereits ein Star sein muss, um sie sich leisten zu können". Ein skurriles Ritual, das "das Gefühl auslöst, einer religiösen Handlung beigewohnt zu haben."

Aus Anlass ihrer Autobiographie "Und außerdem war es mein Leben" besuchte Rolf Richter die 100 Jahre alt gewordene Berliner Schriftstellerin Elfriede Brüning. In einem Offenen Brief hatte sie Edda Ziegler, Autorin des Bandes "Schriftstellerinnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus" vorgeworfen, darin Mitglieder des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller unterschlagen zu haben. "Wäre es nicht endlich an der Zeit, ehrlich und unverkrampft auf unsere gemeinsame Vergangenheit zurückzublicken"? Die in ihrer Jugend vom Sozialismus träumende Autorin sei nun wieder "in den Kapitalismus zurückgeworfen". Verbittert darüber sein sie allerdings nicht. Sie glaube, dass Menschen immer wieder "nach Veränderungen" strebten, um die Güter der Erde gerecht zu verteilen". Jungen Leuten wolle sie auf den Weg mitgeben, dass eine Arbeit, die Freude und Befriedigung bringt, glücklicher machen kann als die Liebe, beständiger sei als die Leidenschaft und niemals so quälend sei wie die Eifersucht.

Benedikt Leßmann notiert eine "schöne, höchst repräsentative Feierstunde" zum 50. Geburtstag der Oper Leipzig, bei der nicht nur Blümchen an treue Abonnenten verteilt wurden, sondern die auch "vorrangig an der Vergangenheit interessiert" gewesen sei. Er schließt mit der Bemerkung, "Bleibt eine Frage offen: Wo soll es in Zukunft hingehen mit der Oper Leipzig?"
Diese Frage hat sich Kulturdezernent Michael Faber bisher eher weniger gestellt. Weil der nach den jüngsten Signalen, dass der Freistaat Sachsen nur noch rund eine Million € Einsparungen für Leipzig vorsehe, hat durchblicken lassen, dass er "mit diesem Kompromiss durchaus leben könne", drohte ihm der "stinksaure" OBM Jung "Konsequenzen" an. Ob die bis zu einer Abwahl gehen, ist noch fraglich. Doch auch die SPD, die Faber 2009 neben den Linken ebenfalls gewählt haben, seien laut Fraktionschef Axel Dyck nicht mehr geschlossen für ihn. Dyck sei zumindest jetzt "enttäuscht", berichtet Ulrich Milde.

Mathias Wöbking hat im Spinnwerk ein "schlechtes Stück" gesehen, in dem die Schauspieler in anderthalb Stunden "im Minutentakt schreien und flüstern, pathetisch proklamieren und hysterisch lachen, gleichzeitig und abwechselnd". Gerade weil sich in der Jugendspielstätte des Centraltheaters eigentlich schon zu Beginn ihrer Arbeit über das Klischee des Jugendtheaters als "problemüberladen" lustig gemacht wurde, sei es besonders enttäuschend, wenn Ricardo Gehn als Regisseur seines Stücks "Kein Ort" gezeigt hat, wie man es nicht machen sollte. Wöbking schließt seinen Text: "Fast hielt man die Standardkritik an Centraltheater-Intendant Sebastian Hartmann - viel Effekte um wenig Botschaft - für ein Klischee. Aber wenn das nun sogar aufs hauseigene Jugendtheater passt?"