Die Rubrik „lvz feiert Geburtstag“ hat diesmal einen 65. und einen 90. zu bieten. Dazu ein dpa-Bericht über eine Trauerfeier, selbstverständlich der RTL-Dschungelkönig – nein, nicht auf den Medienseiten – , ein Film mit Sujet aus der DDR und – immerhin – eine Opernausgrabung in Gera/Altenburg.
Die 65 gehört zu „Volksschauspieler“ Wolfgang Stumph. Der souveräne, von Ironie getränkte Artikel von René Römer (chapeau!), der allerdings später rein im Biografischen verbleibt, mündet in der Anerkennung, Stumph habe eine Marke aus seiner Person gemacht. Und das nicht einmal zu Unrecht, denn zum einen hat er sich nie nur aus Marketinggründen ein besonderes Image (und auch keinen Manager) angeeignet, und zum zweiten, weil er eben ein phänomenaler Darsteller seiner eigenen Person gewesen ist, der die Namen seiner Figuren - in Alliteration zu seinem Namen – möglichst mit „St“ anfangen ließ: Strunz, Stubbe, Stankoweit, Steinhoff, Stahnke usw. Römer sieht in der Namenswahl sogar „die Identifikation mit den Problemen, Nöten und Gefühlen seines Publikum“ und resümiert: „Stumph amüsiert ganz Deutschland, wird zum Star, indem er einer aus dem Volk bleibt.“ Das zählt für den lvz redakteur mehr als sein Spiel selbst, an dem „Kritiker gelegentlich mäkeln“. Der als Amateur zum Kabarett gekommene Dresdner, der anschließend die Schauspielschule Ernst-Busch in Berlin besuchte, ist kurioserweise durch Indianerfiguren in Butterpäckchen aus dem Westen auf den Geschmack gekommen.
In ihrer Berichterstattung über das RTL Dschungelcamp kommt Nina May zu dem Schluss, man könne „nach zwei Wochen doch sagen: Ein leider sehr menschliches Verhaltensmuster ließ sich beobachten, die Entstehung von faschistoiden Systemen und Unterdrückung von Andersdenkenden.“ Sie meint die „Lektion in Sachen Mobbing für Fortgeschrittene“, nach der Sarah Knappik „freiwillig“ aus dem Camp gegangen worden ist. An der Hetze beteiligten sich nur der früh ausgeschiedene Rainer Langhans nicht, und ebensowenig der durch „Tränen und „kauzig-tollpatschige Art überzeugende“ spätere Sieger Peer Kusmagk. May warf RTL zudem vor, „durch die Auswahl der Beiträge“ wäre „ganz eindeutig die Wirklichkeit manipuliert“ worden. Dass diese Wirklichkeit selbstverständlich eine inszenierte gewesen ist, betonte May dann aber ebenfalls. Da eine Inszenierung von „Manipulation“ lebt, bzw. von ausgewählten, selektiven, konstruierten Bildern mit einem bestimmten Ziel, bleibt allerdings unklar, worin ihr Vorwurf liegt.
Der im Leben wegen angeblicher Kommerznähe häufig missgünstig behandelte und um seine Anerkennung gebrachte Filmemacher und Produzent Bernd Eichinger, hat im Tod plötzlich nur noch Freunde. So setzten am Wochenende laut dpa 35 Filmschaffende jeweils halbseitige Todesanzeigen in überregionale Zeitungen („Wir haben einen Freund verloren“).
In der Glosse „ausgepresst“ schreibt Nina May über „die unverstandenen Künstler“, bzw. darüber, dass ihr Publikum zu seinem eigenen Wohle von den Kunstwerken ferngehalten werden müsse. Das betrifft den Chinesen Ai Weiwei und dessen 200 Millionen Sonnenblumenkerne in der Londoner Tate Gallery (der Bleigehalt der Porzellankerne sei zu hoch), aber auch einen namenlos bleibenden Plastiker aus Rumänien, dessen im Straßburger Europa-Parlament ausgestellten Werke den angestrebten Beitritt Rumäniens zur grenzkontrollfreien Schengen-Zone „negativ beeinflussen“ könnten – und daher „zurückgezogen“ würden.
Zuletzt hatten zum Beispiel Marcel Walldorfs Plastk „Pinkelnde Polizistin“ in Dresden, aber auch Jan Liedkes Inszenierung „Ultras“ in Halle/Saale Politiker (darunter Sachsens Innenminister und Halles Oberbürgermeisterin) zu teils sehr heftigen Reaktionen veranlasst.
Annett Gehler schreibt über Dreharbeiten zum Film „Sushi in Suhl“, in dem die Geschichte des einzigen japanischen Restaurants in der DDR verfilmt wird. Das privat betriebene Restaurant wurde von DDR-Oberen dazu genutzt, japanische Wirtschaftsdelegationen, Promis und verdiente Genossen zu verköstigen. Normalbürger warteten bis zu zwei Jahre auf einen Platz in dem Restaurant.
Walter Braunfels' 1913 geschriebene Oper „Ulenspiegel“ ist am Theater Gera/Altenburg reanimiert worden. Peter Korfmacher schrieb über eine Aufführung, die vom Publikum „mit ungeteiltem Jubel“ bedacht wurde. Braunfels' Musik sei „sinnlich, gut, dramatisch, im „reizvollen Niemandsland zwischen Wagner-Epigonentum, Strauss-Konkurrenz und eigener Moderne“ angesiedelt. Leider bleibt Korfmacher etwas dürftig darin zu beschreiben, worum es sich bei der Oper überhaupt handelt. Außer, dass der als Schalk bekannte Eulenspiegel „zum tragischen Freiheitskämpfer im spanische-niederländischen Krieg“ gemacht wird, erfährt man weder etwas zur Geschichte und warum die Oper möglicherweise vergessen wurde, noch über die Inszenierung Matthias Oldags, außer dass sie „eindrucksvolle Bilder“ fände für die „Beziehungen zwischen den Hauptfiguren“. Auch über die Wiederentdeckung Braunfels' anderenorts hört man bei Korfmacher wenig, zumindest nicht darüber, was dessen Opern für die heutige Zeit zu sagen haben. Dem lvz redakteur reicht der kulinarische Anteil der Musik als Begründung und mäkelt allein an manchen Sängern und vor allem am Dirigenten Jens Tröster („man hört seinem Orchester die Schwierigkeiten der Partitur allzu ungeschönt an“, Unzulängliches geschähe im Graben „mehr, als eine Ausgrabung verträgt“).
Über den Schweizer Dichter (und Pfarrer) Kurt Marti schreibt Peter Mohr. Der als „Dreiviertelkommunist“ beschimpfte Dichter verlor sogar einen in Aussicht stehenden Lehrstuhl wegen seiner „unangepassten Querdenkerei“ im Sinne von „Zivilcourage und aufklärerischer Nächstenliebe“. Eines seiner Gedichte endet mit den Versen: „Liebe Gemeinde/ wir befehlen zuviel/ wir gehorchen zuviel/ wir leben zu wenig.“
Mark Daniel schreibt über das neue Programm der Academixer, in dem neue Darsteller (Thorsten Giese, Angela Schlabinger, Stefan Bergel) das bekannte Stammpersonal ergänzen und ein „neues Profil eine jüngere Klientel“ anlocken soll. Die „Spielidee“ des Programms sei, dass die Mauer zur anderen Seite „gefallen“ und der Westen dem Osten beigetreten sei. Daniel lobt, dass „die Realität mittels Absurdem oder einem Gegenentwurf auf eine kunstvolle Ebene“ gehoben würde (dass das Publikum zum Skandieren von Parolen „genötigt“ würde, gehört für Daniel nicht dazu), leider schwächeln nach der Pause die Texte, entweiche dem Stück „die Luft“. Insgesamt würden wohl „ein paar Schritte Richtung Neuorientierung“ getan, „zur Unterhaltung, die auch gehobene Satire bietet, sei es allerdings ein weiter Weg.“
Gesa Vollands Tanztheater „Coppe Lia“, das im Lofft Premiere hatte, beschreibt Steffen Georgi als „episodische Reflexion darüber, was mechanisch und menschlich – und darüber, was schön“ sei. Darüber, dass es „natürliche Schönheit“ nicht gebe, sondern immer ein Konstrukt und etwas Künstliches sei, hätte schon Dolly Parton Entscheidendes gesagt. Die sieben Tänzer, drei von ihnen im Rollstuhl, agierten mit „unprätentiöser Selbstverständlichkeit“, wenn auch stellenweise „ohne Biss“, und manche Textpassage vom Band wirke „auf Dauer etwas verplappert“. Dennoch entdeckte Georgi auch „perfide Schönheit“, wenn eine Tänzerin die Spasmen eines der Rollstuhlfahrer in ihren Bewegungen fortsetze, diese also „spielt. Eine heikle Szene, die aufgeht, weil ihr alles Schrille fehlt.“ Und – so schließt Georgi hübsch paradox – auch, weil auf dieses Bild ein „tolles, berührendes“ Schlussbild folge, das „natürliche Schönheit“ zeige. „Auch, wenn es die gar nicht gibt.“
Ulrich Milde berichtet im Lokalen, dass die Stadt wie angekündigt eine Klage gegen die Novellierung des Kulturraumgesetzes vorbereitet. Reichlich distanziert verweist Milde auf die Wahrscheinlichkeit, mit der die Einreichung die Hürde des Leipziger Stadtrats passieren wird sowie die Kosten von ca. 20.000 Euro. Und auch darauf, dass der Leipziger Landtagsabgeordnete Robert Clemen noch einmal darauf verweise, dass Leipzig „trotz der Reduzierung mit 29 Mio Euro den Löwenanteil der gesamten Kulturraumförderung Sachsens von 85 Mio Euro“ erhalte. Was, wie auch längst in der lvz zu lesen war (11. Januar), nur eine äußerst einseitige Version der Wahrheit darstellt. Denn Dresden als andere sächsische Großstadt erhält Landesmittel für die in Dresden befindlichen Kunsteinrichtungen in Höhe von weit über der doppelten Summe wie Leipzig und annähernd so viel wie die Kulturräume insgesamt. Da Semperoper, Kunstsammlungen und anderes aber als Landesinstitute direkt aus dem Sächsischen Landeshaushalt gezahlt werden – die dieses Jahr nicht gekürzt, sondern um etliche Millionen erhöhte Zuschüsse erhalten! - und nicht via Kulturräume, kann Clemen so tun, als würde Leipzig weiterhin große Segnungen aus Dresden erfahren. Perfide.
In seinem „Standpunkt“ schreibt Ulrich Milde dazu, dass in Leipzig nur über die verringerten Zuweisungen aus den Kulturraumgeldern geredet würde und nicht über die eine Million Euro, die Leipzigs Kultur im kommenden Jahr einsparen müsste. Während die geringeren Kulturraumgelder „ans Überleben der Kultur“ (S. Hartmann) gingen, würde über die Leipziger Sparmaßnahmen von Seiten der Hochkultur geschwiegen, die Klage gegen Dresden stelle mithin ein Ablenkungsmanöver dar. Nun ist der verringerte Kulturraumzuschuss kein Sparbeitrag, als den ihn Milde erscheinen lassen möchte, sondern entsteht durch die Auslagerung der Landesbühnen Sachsen in die Kulturräume bei gleichzeitiger Anhebung der Etats für Oper Dresden, Kunstsammlung und anderes mehr in Millionenhöhe (!). Also eine einseitige Bevorzugung von Dresdens Kultur zuungunsten der Leipziger und der der restlichen sächsischen. Andererseits ist bei der Leipziger Kürzung noch überhaupt nicht abzusehen, wo gekürzt wird, außer beim Naturkundemuseum. Und dass Leipzig das Wasser bis Hals steht, weiß sicher jede ihrer Einrichtungen. Leipzigs geplante Kürzungen, sofern sie denn kommen, wären daher von ganz anderer Glaubwürdigkeit.
Dass Milde sogar mit einer Kampagne droht, wenn Leipzigs Kultureinrichtungen nicht „mehr als bisher auf die Wünsche der Bevölkerung eingehen“ ist die zweite massive Angriffserklärung: „Denn sonst fangen die Debatten an, ob es nicht sinnvoller ist, eine Schule oder Straße zu sanieren, anstatt jede Opernkarte mit über 200 Euro zu subventionieren.“
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Montag, 31. Januar 2011
lvz kultur vom 31.1.11: Dschungelcamp macht faschistoid. Stumph. Braunfels. Academixer.
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Dienstag, 11. Januar 2011
lvz kultur vom 11.1.11: Anne Wills 60-Minuten-Ei. Fuchs, die Thomaner & die lvz
Michael Fuchs kann nichts dafür. Es ist die lvz redakteurin Katrin Henneberg, die diesen überflüssigen Aufmacher auf den Kulturseiten über eine "nicht nur Koryphäe, sondern auch dem Thomanerchor beruflich eng verbundene" Person geschreibselt hat: Einen Facharzt für HNO-Heilkunde, Phoniatrie und Pädaudiologie (von denen der Allgemeinwissende vermutlich nicht den Hauch einer Ahnung hat und erhält). Zum Glück ist die lvz dem Thomanerchor "beruflich eng verbunden" und wer wem noch beruflich und wirtschaftlich eng verbunden ist, möchte man eigentlich garnicht wissen. Zu unappetitlich ist diese Gemengelage. Wenn es nur wenigstens ein interessanter Artikel wäre!! Nichts da. Einen so uninspirierten Schulaufsatz wie ihn Katrin Henneberg da über einen sicher respektablen Mediziner verbrochen hat, leistet man sich nicht mal 10 oder 20 Seiten weiter hinten in der lvz, wo auf den Stadtteilseiten neben den Artikeln über Tomatendiebe auf dem Wochenmarkt sogar immer mal wieder Perlen auftauchen. Es ist nur so quälend, sich durch all den Winterschlussverkauf des Schreibgewerbes zu wühlen. Da kann man dem selbst gesetzten Anspruch, sich über Katzengold zu freuen, doch untreu werden.
Wie Prof. Fuchs als Dötz anfing, täglich fünf Minuten den Staub von den Flügeln der Thomanerschule hinwegzuwedeln, dass ihm der "extrem straff organisierte Tagesablauf im Chor" als Klinikarzt sehr geholfen hätte, dass er schließlich bei Ergreifen eines ordentlichen Berufes das Singen als Hobby weiterführen konnte, heute leider nur noch zu Kinder- und Wiegenliedern komme, dass Prof. Fuchs die Thomaner-Kinder nach der "Mutation", dem Stimmwechsel in der Pubertät, begleite, und nicht zuletzt, dass der gute Professor sich dank seiner Frau "auch populären Stilen geöffnet" habe und was dergleichen überflüssige Informationen mehr sind. Wäre der Artikel auf gut die Hälfte eingekürzt auf der Wissenschaft-/Uniseite erschienen oder in der Rubrik Familienleben, hätten sich sicher ein paar interessierte Leser gefunden. Dieser schmierige, belanglose und langweilige Beitrag zum Thomanerjubiläum (welchem auch immer) ist ein Elend, Pressemissbrauch ohne Rüge, ohne Unterhaltungswert und Mindeststrafe.
Dass Jürgen Kleindienst aus alter Gewohnheit verbunden mit dem Verschlampen der Fernbedienung nach dem Sonntags-Tatort bei Anne Will hängengeblieben ist, lässt er nun unter dem Titel "60-Minuten-Ei" an allen dem Verbalgemetzel hilflos ausgesetzten "ausgepresst"-Lesern aus. Texte, in denen die Wortungetüme Schnittlauch, doof, und Peter Hahne auffällig werden, gehören eh schon unter verschärfte Erziehungsmaßnahmen gesetzt. Wenn diese noch mit Geflügelfunktionär, Respekt vor Mensch und Tier und total scheiße vermengt werden, ist der Untergang des Abendlandes oder die Glosse der lvz nicht weit. Am Ende wirbt jkl sogar noch mit dem Nachfolger des Kolumbus, der womöglich den Seeweg von Indien nach Leipzig gefunden hat. Autogrammjäger finden sich bitte umgehend im Lindenauer Hafen ein.
Das Jugendsinfonieorchester der Musikschule hat mit dem MDR Sinfonieorchester unter Leitung von Jun Märkl Tschaikowskis Vierte aufgeführt. So weit so gut. Dass Birgit Hendrich aus dieser schlichten Tatsache, und dem Umstand, dass dem JSO und seinen Spielern seine "Grenzen" aufgezeigt wurden, eine Baklavaklebrige Textsuppe kocht, in der eine Zeile in die nächste zäh fließt, ist vermutlich immer noch dem Sonntagsnachmittagslikör zu verdanken. Wenn die lvz demnächst die "Un-Sätze" des Jahres prämiert, gehört der folgende sicher zu den ernstzunehmenden Kandidaten: "Im Lento werden die Gefühle mit Müller-Schott dreidimensional, ganz leise und weich, fließen Holz und Streicher parallel, bevor sie im Adagio punktgenaue Akzente setzen." Ähnlich orientierungslos in Raum und Zeit muss Kolumbus' Segler Santa Maria zwischen den Bahamas herumgeirrt sein. Hendrich lässt schließlich mit höchstem Pathos die kulturelle und erzieherische Spitzenleistung des Gohlis-Süd-Nachwuchses in ihrem Text auströpfeln: "Das unbeschreibliche Gefühl, mit Hilfe der Großen über sich hinausgewachsen zu sein."
Ariane Bach, Linda Bögelein, Wiebke Eichler und Marius Emsel haben drei Monate zu spät einen Artikel über die Auswirkungen der Novelle des Kulturraumgesetzes in Dresden respektive Leipzig geschrieben. Er lässt sich kurz und bündig mit "Der Teufel scheißt auf den größten Haufen" umschreiben und gipfelt in der Erkenntnis der Dresdner Kulturstadträtin Crista Müller von der CDU: "Dresden kann doch nichts dafür, dass beispielsweise die Kunstsammlung und die Semperoper nun einmal hier gegründet wurden."
Nina May hat "ergänzend zur herausragenden Halbzeitbilanz der Saison 2010/2011" des Theaters der Jungen Welt (89,2% Platzausnutzung, Silbermedaille für die 25.240 Zuschauer bis Ende Dezember, nur 21 Hundertstel hinter der erstplatzierten Saison 2007/2008), mit Intendant Jürgen Zielinski gesprochen. Aus Gründen der "Entlastung der Schauspieler" sowie aus künstlerischen Gründen, meint Zielinski, brauche das Leipziger Theater dringend eine Spielstätte für 100 Personen.
Das erste Theaterstück der Schauspielerin Marie Bäumer, die Szenencollage "Abschied", bei der sie auch selbst Regie geführt hat, scheint seinen Höhepunkt bereits vor Aufleuchten des ersten Scheinwerfers gehabt zu haben. Ein "Schrei, schrill und verzweifelt", hallte durch die noch dunklen Hamburger Kammerspiele. Die beinahe einzige eindrückliche Szene, die Jenny Tobien in dem Stück über die Trauer nach dem Tod des Liebespartners für die lvz bemerkt hat. Ansonsten: Ein Stück, "nicht wirklich mitreißend und bewegend."
Wie Prof. Fuchs als Dötz anfing, täglich fünf Minuten den Staub von den Flügeln der Thomanerschule hinwegzuwedeln, dass ihm der "extrem straff organisierte Tagesablauf im Chor" als Klinikarzt sehr geholfen hätte, dass er schließlich bei Ergreifen eines ordentlichen Berufes das Singen als Hobby weiterführen konnte, heute leider nur noch zu Kinder- und Wiegenliedern komme, dass Prof. Fuchs die Thomaner-Kinder nach der "Mutation", dem Stimmwechsel in der Pubertät, begleite, und nicht zuletzt, dass der gute Professor sich dank seiner Frau "auch populären Stilen geöffnet" habe und was dergleichen überflüssige Informationen mehr sind. Wäre der Artikel auf gut die Hälfte eingekürzt auf der Wissenschaft-/Uniseite erschienen oder in der Rubrik Familienleben, hätten sich sicher ein paar interessierte Leser gefunden. Dieser schmierige, belanglose und langweilige Beitrag zum Thomanerjubiläum (welchem auch immer) ist ein Elend, Pressemissbrauch ohne Rüge, ohne Unterhaltungswert und Mindeststrafe.
Dass Jürgen Kleindienst aus alter Gewohnheit verbunden mit dem Verschlampen der Fernbedienung nach dem Sonntags-Tatort bei Anne Will hängengeblieben ist, lässt er nun unter dem Titel "60-Minuten-Ei" an allen dem Verbalgemetzel hilflos ausgesetzten "ausgepresst"-Lesern aus. Texte, in denen die Wortungetüme Schnittlauch, doof, und Peter Hahne auffällig werden, gehören eh schon unter verschärfte Erziehungsmaßnahmen gesetzt. Wenn diese noch mit Geflügelfunktionär, Respekt vor Mensch und Tier und total scheiße vermengt werden, ist der Untergang des Abendlandes oder die Glosse der lvz nicht weit. Am Ende wirbt jkl sogar noch mit dem Nachfolger des Kolumbus, der womöglich den Seeweg von Indien nach Leipzig gefunden hat. Autogrammjäger finden sich bitte umgehend im Lindenauer Hafen ein.
Das Jugendsinfonieorchester der Musikschule hat mit dem MDR Sinfonieorchester unter Leitung von Jun Märkl Tschaikowskis Vierte aufgeführt. So weit so gut. Dass Birgit Hendrich aus dieser schlichten Tatsache, und dem Umstand, dass dem JSO und seinen Spielern seine "Grenzen" aufgezeigt wurden, eine Baklavaklebrige Textsuppe kocht, in der eine Zeile in die nächste zäh fließt, ist vermutlich immer noch dem Sonntagsnachmittagslikör zu verdanken. Wenn die lvz demnächst die "Un-Sätze" des Jahres prämiert, gehört der folgende sicher zu den ernstzunehmenden Kandidaten: "Im Lento werden die Gefühle mit Müller-Schott dreidimensional, ganz leise und weich, fließen Holz und Streicher parallel, bevor sie im Adagio punktgenaue Akzente setzen." Ähnlich orientierungslos in Raum und Zeit muss Kolumbus' Segler Santa Maria zwischen den Bahamas herumgeirrt sein. Hendrich lässt schließlich mit höchstem Pathos die kulturelle und erzieherische Spitzenleistung des Gohlis-Süd-Nachwuchses in ihrem Text auströpfeln: "Das unbeschreibliche Gefühl, mit Hilfe der Großen über sich hinausgewachsen zu sein."
Ariane Bach, Linda Bögelein, Wiebke Eichler und Marius Emsel haben drei Monate zu spät einen Artikel über die Auswirkungen der Novelle des Kulturraumgesetzes in Dresden respektive Leipzig geschrieben. Er lässt sich kurz und bündig mit "Der Teufel scheißt auf den größten Haufen" umschreiben und gipfelt in der Erkenntnis der Dresdner Kulturstadträtin Crista Müller von der CDU: "Dresden kann doch nichts dafür, dass beispielsweise die Kunstsammlung und die Semperoper nun einmal hier gegründet wurden."
Nina May hat "ergänzend zur herausragenden Halbzeitbilanz der Saison 2010/2011" des Theaters der Jungen Welt (89,2% Platzausnutzung, Silbermedaille für die 25.240 Zuschauer bis Ende Dezember, nur 21 Hundertstel hinter der erstplatzierten Saison 2007/2008), mit Intendant Jürgen Zielinski gesprochen. Aus Gründen der "Entlastung der Schauspieler" sowie aus künstlerischen Gründen, meint Zielinski, brauche das Leipziger Theater dringend eine Spielstätte für 100 Personen.
Das erste Theaterstück der Schauspielerin Marie Bäumer, die Szenencollage "Abschied", bei der sie auch selbst Regie geführt hat, scheint seinen Höhepunkt bereits vor Aufleuchten des ersten Scheinwerfers gehabt zu haben. Ein "Schrei, schrill und verzweifelt", hallte durch die noch dunklen Hamburger Kammerspiele. Die beinahe einzige eindrückliche Szene, die Jenny Tobien in dem Stück über die Trauer nach dem Tod des Liebespartners für die lvz bemerkt hat. Ansonsten: Ein Stück, "nicht wirklich mitreißend und bewegend."
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Samstag, 18. Dezember 2010
lvz kultur vom 18.12.10: Stuckrad-Barre und Sarrazin, Wikileaks, Kulturraumgesetz & Dario Fo
Late-Nighter Benjamin von Stuckrad-Barre, der ehemals "Spaßliteratur" schrieb und verkaufte, bis das fliegentötende Feuilleton sein Gehirn weich geknetet hatte, sitzt nun da vor seinem Gast Thilo Sarrazin und schwitzt vor Angst. An einer derart wunderbaren, mit dem Modewort authentisch kaum zu fassenden Situation, interessiert Kirsten Baukhake für die lvz einzig und allein, dass Sarrazin mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" Geld verdient hat, viel Geld. Ist das denn verwunderlich? Eine Meldung? Skandalös? Spekuliert die lvz auf die Neidwelle, die die "Musste ja mal gesagt werden"-Welle ablösen soll? Für eine Zeitung, die nicht hauptsächlich mit fetten Schlagzeilen, sondern mit Nachrichten Geld verdienen will, verdammt wenig.
Nina May behelligt den Inhaber der Domain wikileaks.de, Theodor Reppe, mit Hausfrauenfragen, horcht ihn über das Prinzip Petzen aus, will wissen, ob nicht doch wieder nur die Mächtigen..., weiß, dass Wikileaks bösen Fälschern aufgesess..., das Magazin Rolling Stones Julian Assange zum "Rockstar des Jahres" gewählt hat und die WAZ-Gruppe ebenfalls auf das Wiki-Prinzip aufspringen (und bald wie der Spiegel von der US-amerikanischen Luftwaffe durch Sperrung ihrer Website geehrt werden) will. Naja, wie so oft also. Es sind die Fragen, die jedes goldene Blatt auch stellen würde, ohne seine Leser mit irgendwelchen politischen Fragen und Kommentaren zu nerven, die rein beschäftigungsmäßig über die Zeit hinausginge, die ein Chai Latte-Tee zum Ziehen braucht.
Theodor Reppe antwortet in bester Schülersprecher-Manier, dass Politiker, die "realisieren, dass die Bürger mitbekommen können, was sie so treiben, sich deshalb in Zukunft auch eher in deren Interesse verhalten" würden und ähnlichen Schmonzes mehr. Das Idealismus-Groupie befürwortet daher "natürlich" die Freilassung des Julian Assange.
Hallo? Herr Leßmann? Hat Tschaikowski und die Nussknacker-Suite bei ihnen 1,5 Promille ihres Gehirns weich gemacht? Das Konzert des Gewandhausorchesters unter Leitung von Dmitrij Kitajenko, das sie so über den goldenen Klee loben, wenn auch nicht als "mutig", so doch als "groß", charakterisieren Sie mit: "Präzision ist ohnehin das Stichwort für dieses Große Concert" und entblöden sich nicht, wenige Zeilen später zu schreiben, dass "der russische Tanz maßlos über die Stränge schlägt" und "zum Höhepunkt" ausgerechnet den "vielstrapazierten" Blumenwalzer erklären, "bei dem die Geigen so viel zauberisch morbides Parfum in die Phrasen legen, dass man schon arg abgebrüht sein muss, um nicht davon berührt zu werden".
Der "Sparhaushalt" der Landesregierung (u.a. Novellierung des Kulturraumgesetzes), der der Dresdner Semperoper allerdings allein für 2011 mehr als 4,0 Mio € Subvenstions-Erhöhung (!) gewährt, um die anfallenden Tarifsteigerungen bezahlen zu können, beschert der Oper Leipzig 640.000 € geringere Zuschüsse, dem Schauspiel 217.000 €, dem Gewandhaus 246.000 €. Neben den direkten Einbußen fallen die Tarifsteigerungen zusätzlich ins Gewicht. Für das Centraltheater hat Verwaltungsdirektor Ballweg bereits eine Finanzierungslücke von 500.000 € prognostiziert. Das entspricht schnell mal 2-4 Neu-Produktionen. In einem Haus, das kaum "Renner" hat, die häufig angesetzt werden können, ist das nicht auszugleichen, nicht mal durch vermehrte Weihnachtsmärchen oder Konzerte.
Die Wunderwaffe der Gesprächsführung Nina May hat mit den Protagonisten der "Offenen Zweierbeziehung" von Franca Rame und Dario Fo am Theater der Jungen Welt gesprochen und fand kongeniale Partner. Witzig die Vorstellung Mays, Paare mit kriselnder Beziehung würden sich das Stück ansehen, verbunden mit ihrer Frage, wie die "Prognose für die Beziehung" wohl aussähe? Abril-Romero/Kleins Einschätzung: entweder kommt der Standesbeamte ins Spiel, weil das Paar "gemeinsam lachend" einen Neustart wagt, oder der Scheidungsrichter, weil das Paar sich für den Schlussstrich entscheidet. Ansonsten wird viel von "Beziehungsmustern", "allgemeinen Verhaltensmustern" und "Verhalten in Konfliktsituationen" geredet. Einen Geschlechterkampf sieht niemand am oder unterm Horizont, nur Frauen, "die es noch nicht so richtig drauf haben, dem eigenen Verlangen nachzugehen" und Männer, die "etwas Trauriges" an sich haben, "wenn sie partout jüngere Frauen abschleppen" müssten. Und natürlich würde auch "mit Klischees gespielt", wenn "zum Beispiel die Mutti, die zu Hause sitzt" gezeigt würde. Trotzdem: das Foto der glücklich verheirateten SchauspielerInnen (aber nicht miteinander!) ist schön!
Zum 100sten Geburtstag von Jean Genet fällt dem lvz redakteur Ulf Heise nichts anderes ein als die alte Leier des "skandalumwitterten" Schriftstellers, der an der Grenze zum Pathologischen sich selbst stilisiert ("Die Legende Genets, an der zu stricken er sich ziemlich Mühe gab, ist die eines erfolgreichen Verbrechers, eines Außenseiters, der Dieb, Strichjunge und Landstreicher gewesen war") und berühmte Fans (Georges Pompidou, Francois Mitterand, Pierre Boulez, Igor Strawinsky, Jacques Foucault, Michel Derrida) und Widersacher (Albert Camus, Francois Mauriac, Andre Gide) hatte. Warum eigentlich? Statt den zeitlichen Abstand zu nutzen, um den Provokationsgehalt seiner Werke wenigstens halbwegs den realen Fantasien seiner Zeitgenossen gegenüberzustellen, voyeurisiert, skandalisiert und übergeht der redakteur die eigentlichen Leistungen und Werke des ungewöhnlichen Schriftstellers.
Einhundertfünfzig (150!) Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen einer der weltweit wichtigsten Sammlungen surrealistischer Kunst bekommt die Stadt Berlin geschenkt. Das Unternehmerpaar Ulla und Heiner Pietzsch will ihre in 50 Jahren zusammengetragene Sammlung komplett abgeben (wenn ein "signifikanter" Teil davon öffentlich gezeigt würde), um "sicherzugehen, dass die Sammlung nicht wieder auseinandergeht und in alle Welt verteilt wird". Für diesen Fall müsste Berlin, schreibt Nada Weigelt, ein bisher nicht vorhandenes Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts schaffen. Cool ("schmunzelnd") beschreibt der Unternehmer, dass, "wenn die Schenkung den Durchbruch bringt, dass Berlin endlich das bekommt, was es schon so lange braucht, ich recht zufrieden in die Kiste steigen könnte."
Nina May behelligt den Inhaber der Domain wikileaks.de, Theodor Reppe, mit Hausfrauenfragen, horcht ihn über das Prinzip Petzen aus, will wissen, ob nicht doch wieder nur die Mächtigen..., weiß, dass Wikileaks bösen Fälschern aufgesess..., das Magazin Rolling Stones Julian Assange zum "Rockstar des Jahres" gewählt hat und die WAZ-Gruppe ebenfalls auf das Wiki-Prinzip aufspringen (und bald wie der Spiegel von der US-amerikanischen Luftwaffe durch Sperrung ihrer Website geehrt werden) will. Naja, wie so oft also. Es sind die Fragen, die jedes goldene Blatt auch stellen würde, ohne seine Leser mit irgendwelchen politischen Fragen und Kommentaren zu nerven, die rein beschäftigungsmäßig über die Zeit hinausginge, die ein Chai Latte-Tee zum Ziehen braucht.
Theodor Reppe antwortet in bester Schülersprecher-Manier, dass Politiker, die "realisieren, dass die Bürger mitbekommen können, was sie so treiben, sich deshalb in Zukunft auch eher in deren Interesse verhalten" würden und ähnlichen Schmonzes mehr. Das Idealismus-Groupie befürwortet daher "natürlich" die Freilassung des Julian Assange.
Hallo? Herr Leßmann? Hat Tschaikowski und die Nussknacker-Suite bei ihnen 1,5 Promille ihres Gehirns weich gemacht? Das Konzert des Gewandhausorchesters unter Leitung von Dmitrij Kitajenko, das sie so über den goldenen Klee loben, wenn auch nicht als "mutig", so doch als "groß", charakterisieren Sie mit: "Präzision ist ohnehin das Stichwort für dieses Große Concert" und entblöden sich nicht, wenige Zeilen später zu schreiben, dass "der russische Tanz maßlos über die Stränge schlägt" und "zum Höhepunkt" ausgerechnet den "vielstrapazierten" Blumenwalzer erklären, "bei dem die Geigen so viel zauberisch morbides Parfum in die Phrasen legen, dass man schon arg abgebrüht sein muss, um nicht davon berührt zu werden".
Der "Sparhaushalt" der Landesregierung (u.a. Novellierung des Kulturraumgesetzes), der der Dresdner Semperoper allerdings allein für 2011 mehr als 4,0 Mio € Subvenstions-Erhöhung (!) gewährt, um die anfallenden Tarifsteigerungen bezahlen zu können, beschert der Oper Leipzig 640.000 € geringere Zuschüsse, dem Schauspiel 217.000 €, dem Gewandhaus 246.000 €. Neben den direkten Einbußen fallen die Tarifsteigerungen zusätzlich ins Gewicht. Für das Centraltheater hat Verwaltungsdirektor Ballweg bereits eine Finanzierungslücke von 500.000 € prognostiziert. Das entspricht schnell mal 2-4 Neu-Produktionen. In einem Haus, das kaum "Renner" hat, die häufig angesetzt werden können, ist das nicht auszugleichen, nicht mal durch vermehrte Weihnachtsmärchen oder Konzerte.
Die Wunderwaffe der Gesprächsführung Nina May hat mit den Protagonisten der "Offenen Zweierbeziehung" von Franca Rame und Dario Fo am Theater der Jungen Welt gesprochen und fand kongeniale Partner. Witzig die Vorstellung Mays, Paare mit kriselnder Beziehung würden sich das Stück ansehen, verbunden mit ihrer Frage, wie die "Prognose für die Beziehung" wohl aussähe? Abril-Romero/Kleins Einschätzung: entweder kommt der Standesbeamte ins Spiel, weil das Paar "gemeinsam lachend" einen Neustart wagt, oder der Scheidungsrichter, weil das Paar sich für den Schlussstrich entscheidet. Ansonsten wird viel von "Beziehungsmustern", "allgemeinen Verhaltensmustern" und "Verhalten in Konfliktsituationen" geredet. Einen Geschlechterkampf sieht niemand am oder unterm Horizont, nur Frauen, "die es noch nicht so richtig drauf haben, dem eigenen Verlangen nachzugehen" und Männer, die "etwas Trauriges" an sich haben, "wenn sie partout jüngere Frauen abschleppen" müssten. Und natürlich würde auch "mit Klischees gespielt", wenn "zum Beispiel die Mutti, die zu Hause sitzt" gezeigt würde. Trotzdem: das Foto der glücklich verheirateten SchauspielerInnen (aber nicht miteinander!) ist schön!
Zum 100sten Geburtstag von Jean Genet fällt dem lvz redakteur Ulf Heise nichts anderes ein als die alte Leier des "skandalumwitterten" Schriftstellers, der an der Grenze zum Pathologischen sich selbst stilisiert ("Die Legende Genets, an der zu stricken er sich ziemlich Mühe gab, ist die eines erfolgreichen Verbrechers, eines Außenseiters, der Dieb, Strichjunge und Landstreicher gewesen war") und berühmte Fans (Georges Pompidou, Francois Mitterand, Pierre Boulez, Igor Strawinsky, Jacques Foucault, Michel Derrida) und Widersacher (Albert Camus, Francois Mauriac, Andre Gide) hatte. Warum eigentlich? Statt den zeitlichen Abstand zu nutzen, um den Provokationsgehalt seiner Werke wenigstens halbwegs den realen Fantasien seiner Zeitgenossen gegenüberzustellen, voyeurisiert, skandalisiert und übergeht der redakteur die eigentlichen Leistungen und Werke des ungewöhnlichen Schriftstellers.
Einhundertfünfzig (150!) Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen einer der weltweit wichtigsten Sammlungen surrealistischer Kunst bekommt die Stadt Berlin geschenkt. Das Unternehmerpaar Ulla und Heiner Pietzsch will ihre in 50 Jahren zusammengetragene Sammlung komplett abgeben (wenn ein "signifikanter" Teil davon öffentlich gezeigt würde), um "sicherzugehen, dass die Sammlung nicht wieder auseinandergeht und in alle Welt verteilt wird". Für diesen Fall müsste Berlin, schreibt Nada Weigelt, ein bisher nicht vorhandenes Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts schaffen. Cool ("schmunzelnd") beschreibt der Unternehmer, dass, "wenn die Schenkung den Durchbruch bringt, dass Berlin endlich das bekommt, was es schon so lange braucht, ich recht zufrieden in die Kiste steigen könnte."
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Nina May,
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Dienstag, 14. Dezember 2010
lvz kultur vom 14.12.10: Leipziger Erklärung, Michael Jackson, Michael Faber & Stefan Herheim
Für OBM Jung ist die Entscheidung gefallen. Leipzig wird verlieren. Die Novellierung des Kulturraumgesetzes wird kommen. Die schwarz-gelbe Regierungskoalition steht. Doch am Vorabend der bitteren Entscheidung wärmt es das Herz, sich noch einmal bei einer gemeinsamen Aktion der Kultureinrichtungen gegenseitig zu vergewissern beim Verlesen der "Leipziger Erklärung". Jürgen Kleindienst beschreibt dies ironisch als "Moritat vom drohenden Kahlschlag". Auf 11:55 Uhr ist das "apokalyptische Tremolo" angesetzt, das man als "Klientel-Gebarme" abtun könne, wenn sie nicht nahezu sämtliche Leipziger Kultureinrichtungen sowie 137 Unterstützer aus Sachsen umfassen würde.
Einziger substanzieller Mutmacher ist Burkhard Jungs Ankündigung: "Wenn die Novellierung durchgeht, werden wir Verfassungsklage einlegen."
Das nach Michael Jacksons Tod posthum erschienene Album "Michael" ist veröffentlicht. Einerseits, schreibt Roland Mischke, sei die Platte nicht schlecht, andererseits lässt sie mehr das Genie des Musikers ahnen, als es zu zeigen, sei gar ein "Abgesang auf den King of Pop". Nur einen Song hat Jackson wirklich beendet. Alle anderen Titel seien später aufbereitet worden. Jacksons Stimme "mit Tonkunsttricks" bearbeitet worden, möglicherweise sogar "ein Imitator" eingesetzt worden. Bei einem Song würde der senegalesische Sänger Akon seinen Meister förmlich "an die Wand singen". "Aber die Produzenten und der Jackson-Clan wollten noch mal Kasse machen. Keine Zeit fürPietät."
Den Trend zur Mehrfachverwertung der Inszenierungen marktgängiger Regisseure belegt Stefan Herheims Inszenierung von Dvoraks Oper "Rusalka" an der Semperoper Dresden. Nach Brüssel und Graz wird sie nun auch in der sächsischen Hauptstadt gezeigt, die deutsche Neuauflage studierte Therese Schmidt ein. Herheim zeigt keine "ferne Märchenwelt", sondern ein "tödliches Märchen im explodierenden Kopf eines Mannes, der sich von falschem Zauber blenden lässt". Für Boris Michael Gruhl zeigen sich in Herheims Deutung sogar Ähnlichkeiten mit der Figur des Woyzeck von Georg Büchner, nicht zuletzt in der Schilderung als "Kriminalfall". Doch "die Bilderflut der gegen Ende immer zäheren und immer weniger stringenten Inszenierung in dürftig bewältigter Schnitttechnik drängt leider die Musik arg zurück", auch wenn dies "schade" sei wegen Tomás Netopils "fein gewobenen lyrischen Passagen", die der Dirigent der Sächsischen Staatskapelle abringt. Alles in allem sei der Neuaufguss "Schnee von gestern" befindet Gruhl indigniert, auch wenn Herheim bereits zum dritten Mal zum Regisseur des Jahres gekürt worden sei.
Als Scherz bezeichnet Meinhard Michael Timm Rauterts kunstmarktgerechte Idee, auf seinen Bildern der Leipziger Ausstellung "TEXT. Neue Arbeiten" das Geburtsjahr des Käufers anzubringen. Er beschreibt das Vorhaben als "spleenige performative Praxis", die allerdings "einen schönen, frechen Sinn" habe: als Text . Überhaupt Texte. Die haben es Rautert derzeit angetan, er sortiert immer wieder Texte neu und gibt ihnen dadurch "extrem neue Lesarten". Immer wieder kombiniert er Bilder- und Texträume, zu selbst geschossenen Fotos aus dem Pariser Cabaret montiert er etwa Zeitungsausschnitte über den Freitod des Betreibers. Andere Fotoarbeiten zeigen Hubschrauber der amerikanischen Armee in Irak und umspielen den legendären Namen von "Crazy Horse". Sieben schwarze Fotos stellen eine Arbeit über Mehrfachvergewaltingungen an der Richmond School dar, hier bleibt nur noch Text übrig, eine Meldung über die Hilflosigkeit des Opfers.
Die Abwahl des Kulturbürgermeisters Michael Faber sorgt laut Mathias Orbeck und Peter Korfmacher für Nervosität bei den Stadtratsparteien. OBM Jung hat bereits über die Ältesten der Parteien alle - bis auf die Linken und die NPD - auf Linie gebracht, heißt, zur Anwesenheit verdonnert. Es wird ein Kampf um jede Stimme. Bis auf CDU-Fraktionschef Rost wollen alle ihre Stimme abgeben, Rost fährt zu den gleichzeitig stattfindenden Haushaltsberatungen nach Dresden. Doch wichtig ist: Die SPD hat ihr Schäflein scheinbar im Stall, die Abgeordneten "stehen zur Abwahl bereit". Anders als vor einem Jahr. Demokratische Prozesse haben in der Regel andere Abläufe.
Einziger substanzieller Mutmacher ist Burkhard Jungs Ankündigung: "Wenn die Novellierung durchgeht, werden wir Verfassungsklage einlegen."
Das nach Michael Jacksons Tod posthum erschienene Album "Michael" ist veröffentlicht. Einerseits, schreibt Roland Mischke, sei die Platte nicht schlecht, andererseits lässt sie mehr das Genie des Musikers ahnen, als es zu zeigen, sei gar ein "Abgesang auf den King of Pop". Nur einen Song hat Jackson wirklich beendet. Alle anderen Titel seien später aufbereitet worden. Jacksons Stimme "mit Tonkunsttricks" bearbeitet worden, möglicherweise sogar "ein Imitator" eingesetzt worden. Bei einem Song würde der senegalesische Sänger Akon seinen Meister förmlich "an die Wand singen". "Aber die Produzenten und der Jackson-Clan wollten noch mal Kasse machen. Keine Zeit fürPietät."
Den Trend zur Mehrfachverwertung der Inszenierungen marktgängiger Regisseure belegt Stefan Herheims Inszenierung von Dvoraks Oper "Rusalka" an der Semperoper Dresden. Nach Brüssel und Graz wird sie nun auch in der sächsischen Hauptstadt gezeigt, die deutsche Neuauflage studierte Therese Schmidt ein. Herheim zeigt keine "ferne Märchenwelt", sondern ein "tödliches Märchen im explodierenden Kopf eines Mannes, der sich von falschem Zauber blenden lässt". Für Boris Michael Gruhl zeigen sich in Herheims Deutung sogar Ähnlichkeiten mit der Figur des Woyzeck von Georg Büchner, nicht zuletzt in der Schilderung als "Kriminalfall". Doch "die Bilderflut der gegen Ende immer zäheren und immer weniger stringenten Inszenierung in dürftig bewältigter Schnitttechnik drängt leider die Musik arg zurück", auch wenn dies "schade" sei wegen Tomás Netopils "fein gewobenen lyrischen Passagen", die der Dirigent der Sächsischen Staatskapelle abringt. Alles in allem sei der Neuaufguss "Schnee von gestern" befindet Gruhl indigniert, auch wenn Herheim bereits zum dritten Mal zum Regisseur des Jahres gekürt worden sei.
Als Scherz bezeichnet Meinhard Michael Timm Rauterts kunstmarktgerechte Idee, auf seinen Bildern der Leipziger Ausstellung "TEXT. Neue Arbeiten" das Geburtsjahr des Käufers anzubringen. Er beschreibt das Vorhaben als "spleenige performative Praxis", die allerdings "einen schönen, frechen Sinn" habe: als Text . Überhaupt Texte. Die haben es Rautert derzeit angetan, er sortiert immer wieder Texte neu und gibt ihnen dadurch "extrem neue Lesarten". Immer wieder kombiniert er Bilder- und Texträume, zu selbst geschossenen Fotos aus dem Pariser Cabaret montiert er etwa Zeitungsausschnitte über den Freitod des Betreibers. Andere Fotoarbeiten zeigen Hubschrauber der amerikanischen Armee in Irak und umspielen den legendären Namen von "Crazy Horse". Sieben schwarze Fotos stellen eine Arbeit über Mehrfachvergewaltingungen an der Richmond School dar, hier bleibt nur noch Text übrig, eine Meldung über die Hilflosigkeit des Opfers.
Die Abwahl des Kulturbürgermeisters Michael Faber sorgt laut Mathias Orbeck und Peter Korfmacher für Nervosität bei den Stadtratsparteien. OBM Jung hat bereits über die Ältesten der Parteien alle - bis auf die Linken und die NPD - auf Linie gebracht, heißt, zur Anwesenheit verdonnert. Es wird ein Kampf um jede Stimme. Bis auf CDU-Fraktionschef Rost wollen alle ihre Stimme abgeben, Rost fährt zu den gleichzeitig stattfindenden Haushaltsberatungen nach Dresden. Doch wichtig ist: Die SPD hat ihr Schäflein scheinbar im Stall, die Abgeordneten "stehen zur Abwahl bereit". Anders als vor einem Jahr. Demokratische Prozesse haben in der Regel andere Abläufe.
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Montag, 13. Dezember 2010
lvz kultur vom 13.12.10: Abwahl Faber, Chemnitz, Skala & Kultur(räume)
Die Zusammenarbeit Michael Fabers mit OBM Jung sei "eng und vertrauensvoll" gewesen, gegen die Novellierung des Kulturraumgesetzes habe er bereits im März 2010 seine Position in Dresden deutlich gemacht und hoffe auch jetzt noch auf dessen Ablehnung, hätte man ihn auf seinem Kurztrip nach Paris, wo er während der Veröffentlichung des Rechtsgutachtens von Prof. Ossenbühl weilte, erreichen wollen, wäre dies ohne Problem möglich gewesen usw.
In seinem Interview mit Peter Korfmacher konstatiert Noch-Kulturdezernent Michael Faber, dass "man für seine Anschauungen bezahlen muss, auch wenn einen das möglicherweise das Amt kostet." Doch welche seiner Anschauungen ihn das Amt kosten könnte, wird nach seinen Aussagen nicht deutlich. Verfehlungen könne man ihm nicht vorweisen. Auch akzeptierte er jede OBM-Anweisung, die aus Gründen übergeordneter Stadtinteressen auch gegen die Position des Kulturbürgermeisters hätte getroffen werden müssen, anstandslos.
Widerhaken gegen den OBM sind allein in seiner Eigeneinschätzung, er sei "zu wenig homo politicus" und in der Frage der Feierlichkeiten zum 9. Oktober erkennbar, es sei allerdings ein Unterschied, ob er als seinerzeit aktiver Streiter für die "Wiedererlangung der Demokratie" und heute leidenschaftlicher Verfechter des Lichtfestes seine Meinung kundtäte oder jemand - wie der OBM? -, der "das historische Ereignis nur als Event feiert."
Faber ist erkennbar verletzt darüber, dass "interne Vorgänge und Kritik medial vorgetragen" worden seien, statt im Rathaus ausgetragen und dass er selbst zu seiner Abwahl nicht einmal angehört würde, zumal die Vorwürfe gegen ihn widerlegt werden könnten. Also geht er erhobenen Hauptes zur Schlachtbank, im Glauben, dass unterschiedliche Auffassungen über Leipzigs Kultur der Zukunft zu seiner Abwahl führen.
Die Stadt Chemnitz müsse in den kommenden fünf Jahren 50 Mio € einsparen, darunter wird auch die Kultur massiv leiden. Allein das Theater Chemnitz müsse in dieser Zeit 10 Mio € einsparen, betroffen seien auch das Kulturzentrum DAStietz (1,5 Mio € bis 2015), die Chemnitzer Kunstsammlungen (keine Sonderausstellungen mehr im Museum Gunzenhauser ab 2012) und Einsparungen in der freien Kulturförderung, die ohnehin schon seit Jahren sträflich vernachlässigt werde.
Theaterintendant Bernd Hellmich spitzte die Situation für sein Theater auf die Frage zu, bereits bis 2015 werde bei Umsetzung der geplanten Kürzungen eine Entscheidung fallen müssen, ob Oper und Orchester wegfallen oder alles andere zusammen (Schauspiel, Figurentheater und Ballett). Kristin Seelbach, Svenja Vennemann, Dominik Bath, Sören Harder und Ulrike Sauer, die den Bericht verfassten, merkten an, dass die Novellierung des Kulturraumgesetzes der Kultur der Stadt Chemnitz zusätzlich 400.000 € pro Jahr nehmen würde.
In seinen Antworten auf Mathias Wöbkings Fragen zur Novellierung des Kulturraumgesetzes steht heute der CDU-Politiker Sebastian Gemkow Rede und Antwort. Das heißt, wie auch die anderen CDU und teilweise FDP-Vertreter gibt er nichts weiter als gestanzte Antworten, auf die wegen der vorher feststehenden Fragen nicht mehr nachgehakt werden kann, ein großer Nachteil der Interviewreihe, wie man konstatieren muss. Dies erleichtert natürlich den Politikern, Behauptungen in die Welt zu setzen, die man nur schlichtweg als gelogen bezeichnen kann. Der eigentliche Schwachpunkt der Novelle ist: Muss Leipzig, wie die anderen Kulturräume auch, sparen, damit es Dresdens Einrichtungen besser gehen kann?
Wiederkehrendes Muster in den Antworten von Schwarz-Gelb war bisher die Zurückweisung der Behauptung mit der Feststellung, dass Leipzig bei einem Vergleich der Zuwendungen aus den Kulturräumen den bei weitem größten Anteil erhielte, nämlich ca. 30 Mio €, ca. ein Drittel aller Mittel. Dies ist allerdings nicht einmal die Hälfte der Wahrheit.
Aus den Kulturraumgeldern erhält die Stadt Dresden tatsächlich kaum etwas. Das braucht sie aber auch nicht. Denn: Allein für die laufenden Kosten von Staatsoper und Staatsschauspiel, die in Dresden Landesbetriebe sind und keine städtischen, zahlt das Land Sachsen in 2011 insgesamt 58 Mio €, das Doppelte des Anteils, den Dresden via Kulturraumgelder an Leipzig zahlen wird. Die Semperoper wird 2010 mit 40,53 Mio € unterstützt, für 2011 sind 44,57 Mio € geplant (+ 4,0 Mio €) und für 2012 45,700 Mio € (+1,1 Mio €) geplant. Das Staatsschauspiel erhielt vom Land für 2010 insgesamt 17,19 Mio €, für 2011 sollen es 17,05 Mio € und für 2012 17,45 Mio € sein, abzüglich der Überweisungen von 4,0 Mio €, die die Stadt Dresden jährlich (2010/2011/2012) ans Land zahlt, sind das immer noch mehr als 13 Mio €. Alle Zahlen sind nachzulesen im Haushaltsplan des SMWK (Haushaltsplan 12) für 2011/2012. Diese Tatsachen waren allen Abgeordneten des Landes bekannt, die in ihren Antworten bewusst falsche Tatsachen in den Raum stellten und so tun, als sei Leipzig der Schmarotzer.
Steffen Georgi hat in der Skala den Abend "Schlafes Bruder" mit Marina Frenk als "Elias, oder besser - ein Medium, durch das Textfragmente des Romans strömen" gesehen. Nun mag Georgi schon die Vorlage, den Roman von Robert Schneider nicht, eine Mischung aus "Passionsgeschichte voller Mysterien-Raunen, bäuerlichem Archaik-Kunstgewerbe und der Folklore vom sich an schnöder Welt aufreibendem sensiblem Genie." Anfänglich durchaus fesselnd, danach fade ("man mag das süß finden") Interaktionen als Klischees attitüdenhafter experimenteller Inszenierungen der 80er-Jahre ("Delirium"), bevor ein Film die Frenk bei einem Verhör zeigt, das zunehmend irrsinniger und komischer wird, bevor sie endlich "Schlafes Bruder" als 120-strophiges russisches Volkslied auf Rollschuhen zum besten gibt und dabei Salami verteilt. Georgi ertappt sich dabei, als Nörgler an dieser Stelle durch die selbstironische Volte der Performance (Dramaturgie: Anja Nioduschewski) den Stinkefinger gezeigt zu bekommen.
In seinem Interview mit Peter Korfmacher konstatiert Noch-Kulturdezernent Michael Faber, dass "man für seine Anschauungen bezahlen muss, auch wenn einen das möglicherweise das Amt kostet." Doch welche seiner Anschauungen ihn das Amt kosten könnte, wird nach seinen Aussagen nicht deutlich. Verfehlungen könne man ihm nicht vorweisen. Auch akzeptierte er jede OBM-Anweisung, die aus Gründen übergeordneter Stadtinteressen auch gegen die Position des Kulturbürgermeisters hätte getroffen werden müssen, anstandslos.
Widerhaken gegen den OBM sind allein in seiner Eigeneinschätzung, er sei "zu wenig homo politicus" und in der Frage der Feierlichkeiten zum 9. Oktober erkennbar, es sei allerdings ein Unterschied, ob er als seinerzeit aktiver Streiter für die "Wiedererlangung der Demokratie" und heute leidenschaftlicher Verfechter des Lichtfestes seine Meinung kundtäte oder jemand - wie der OBM? -, der "das historische Ereignis nur als Event feiert."
Faber ist erkennbar verletzt darüber, dass "interne Vorgänge und Kritik medial vorgetragen" worden seien, statt im Rathaus ausgetragen und dass er selbst zu seiner Abwahl nicht einmal angehört würde, zumal die Vorwürfe gegen ihn widerlegt werden könnten. Also geht er erhobenen Hauptes zur Schlachtbank, im Glauben, dass unterschiedliche Auffassungen über Leipzigs Kultur der Zukunft zu seiner Abwahl führen.
Die Stadt Chemnitz müsse in den kommenden fünf Jahren 50 Mio € einsparen, darunter wird auch die Kultur massiv leiden. Allein das Theater Chemnitz müsse in dieser Zeit 10 Mio € einsparen, betroffen seien auch das Kulturzentrum DAStietz (1,5 Mio € bis 2015), die Chemnitzer Kunstsammlungen (keine Sonderausstellungen mehr im Museum Gunzenhauser ab 2012) und Einsparungen in der freien Kulturförderung, die ohnehin schon seit Jahren sträflich vernachlässigt werde.
Theaterintendant Bernd Hellmich spitzte die Situation für sein Theater auf die Frage zu, bereits bis 2015 werde bei Umsetzung der geplanten Kürzungen eine Entscheidung fallen müssen, ob Oper und Orchester wegfallen oder alles andere zusammen (Schauspiel, Figurentheater und Ballett). Kristin Seelbach, Svenja Vennemann, Dominik Bath, Sören Harder und Ulrike Sauer, die den Bericht verfassten, merkten an, dass die Novellierung des Kulturraumgesetzes der Kultur der Stadt Chemnitz zusätzlich 400.000 € pro Jahr nehmen würde.
In seinen Antworten auf Mathias Wöbkings Fragen zur Novellierung des Kulturraumgesetzes steht heute der CDU-Politiker Sebastian Gemkow Rede und Antwort. Das heißt, wie auch die anderen CDU und teilweise FDP-Vertreter gibt er nichts weiter als gestanzte Antworten, auf die wegen der vorher feststehenden Fragen nicht mehr nachgehakt werden kann, ein großer Nachteil der Interviewreihe, wie man konstatieren muss. Dies erleichtert natürlich den Politikern, Behauptungen in die Welt zu setzen, die man nur schlichtweg als gelogen bezeichnen kann. Der eigentliche Schwachpunkt der Novelle ist: Muss Leipzig, wie die anderen Kulturräume auch, sparen, damit es Dresdens Einrichtungen besser gehen kann?
Wiederkehrendes Muster in den Antworten von Schwarz-Gelb war bisher die Zurückweisung der Behauptung mit der Feststellung, dass Leipzig bei einem Vergleich der Zuwendungen aus den Kulturräumen den bei weitem größten Anteil erhielte, nämlich ca. 30 Mio €, ca. ein Drittel aller Mittel. Dies ist allerdings nicht einmal die Hälfte der Wahrheit.
Aus den Kulturraumgeldern erhält die Stadt Dresden tatsächlich kaum etwas. Das braucht sie aber auch nicht. Denn: Allein für die laufenden Kosten von Staatsoper und Staatsschauspiel, die in Dresden Landesbetriebe sind und keine städtischen, zahlt das Land Sachsen in 2011 insgesamt 58 Mio €, das Doppelte des Anteils, den Dresden via Kulturraumgelder an Leipzig zahlen wird. Die Semperoper wird 2010 mit 40,53 Mio € unterstützt, für 2011 sind 44,57 Mio € geplant (+ 4,0 Mio €) und für 2012 45,700 Mio € (+1,1 Mio €) geplant. Das Staatsschauspiel erhielt vom Land für 2010 insgesamt 17,19 Mio €, für 2011 sollen es 17,05 Mio € und für 2012 17,45 Mio € sein, abzüglich der Überweisungen von 4,0 Mio €, die die Stadt Dresden jährlich (2010/2011/2012) ans Land zahlt, sind das immer noch mehr als 13 Mio €. Alle Zahlen sind nachzulesen im Haushaltsplan des SMWK (Haushaltsplan 12) für 2011/2012. Diese Tatsachen waren allen Abgeordneten des Landes bekannt, die in ihren Antworten bewusst falsche Tatsachen in den Raum stellten und so tun, als sei Leipzig der Schmarotzer.
Steffen Georgi hat in der Skala den Abend "Schlafes Bruder" mit Marina Frenk als "Elias, oder besser - ein Medium, durch das Textfragmente des Romans strömen" gesehen. Nun mag Georgi schon die Vorlage, den Roman von Robert Schneider nicht, eine Mischung aus "Passionsgeschichte voller Mysterien-Raunen, bäuerlichem Archaik-Kunstgewerbe und der Folklore vom sich an schnöder Welt aufreibendem sensiblem Genie." Anfänglich durchaus fesselnd, danach fade ("man mag das süß finden") Interaktionen als Klischees attitüdenhafter experimenteller Inszenierungen der 80er-Jahre ("Delirium"), bevor ein Film die Frenk bei einem Verhör zeigt, das zunehmend irrsinniger und komischer wird, bevor sie endlich "Schlafes Bruder" als 120-strophiges russisches Volkslied auf Rollschuhen zum besten gibt und dabei Salami verteilt. Georgi ertappt sich dabei, als Nörgler an dieser Stelle durch die selbstironische Volte der Performance (Dramaturgie: Anja Nioduschewski) den Stinkefinger gezeigt zu bekommen.
Donnerstag, 9. Dezember 2010
lvz kultur vom 9.12.10: Friedensnobelpreis, Neo Rauch, Marina Frenk & Kulturräume
Die Angst der chinesischen Führung vor ihren Bürgern und die Angst vor einem Gesichtsverlust in der Weltöffentlichkeit bestimmt deren Handeln nicht erst, seit der Friedensnobelpreis an den inhaftierten Intellektuellen Liu Xiaobo vergeben wurde. Der Gegensatz aber kann kaum größer sein zwischen der Haltung Xiaobos, der als den größten Beitrag der Demokratie zum Wohl der Menschen bezeichnet, "Probleme unter Vermeidung von Gewalt und Blutvergießen zu lösen", und der Intoleranz der chinesischen Regierung gegenüber individueller Meinungsäußerung. Zu diesem Zweck, konkret, um die Teilnahme an der Nobelpreisverleihung zu verhindern, greift China vehement in die Freiheit und Rechte ihrer Bürger ein (Inhaftierung, Einschüchterung, unter Hausarrest stellen, an der Ausreise hindern u.a.). Die Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu und Václav Havel formulieren laut Andreas Landwehr und Thomas Borchert: "China verletzt nicht nur die Menschenrechte seiner Bürger, sondern verhätschelt und unterstützt auch brutale Diktaturen rund um die Welt."
Der großen Neugier der Weltöffentlichkeit auf einen einflussreichen Denker und noch wenig bekannten chinesischen Inellektuellen willen, aber wohl auch dem Geschäftssinn des Bei Ling ist die Biografie über seinen über Nacht berühmt gewordenen Freund Liu Xiaobo zu verdanken, die er in nur zwei Monaten recheriert, geschrieben und hat drucken lassen. Er beschreibt ihn als "eigensinnigen und mutigen Intellektuellen", den Schuldgefühle plagten, weil er die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 im Gegensatz zu vielen seiner Mitstreiter überlebt hat. Er vermittelte seinerzeit zwischen Regierung und Studenten und organisierte aus Angst vor einem Blutbad den friedlichen Abzug der Studenten. Nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens kam auch Xiaobo in Haft, nicht zuletzt wegen eines Geständnisses auf Druck der Familie. Doch kam er bereits 1991 wieder frei, anders als viele andere Anführer der Bewegung. Auch dieses Schuldeingeständnis hat Xiaobo später als innere Schwäche bereut. Wie Andreas Landwehr schreibt, verschweigt Bei Ling aber auch in Schilderungen über Xiaobos Privatleben nicht, dass der heutige Nobelpreisträger eine "zügellose Person, schlechter Vater seines Sohnes und treuloser Ehemann seiner damaligen Frau" gewesen sei. Seine jetzige Frau, eine Künstlerin, die sich zu den politischen Aktivitäten ihres Mannes nicht äußern wollte, steht zur Zeit trotzdem unter Hausarrest und ist ohne jeden Kontakt zur Außenwelt.
Nach der Kurzmeldung gestern nun der ausführliche Bericht. Magdalena Fröhlich schreibt über die Eröffnung der "Schau" dreier Bilder Neo Rauchs im Pariser Palais Beauharnais (Rauch: "dem wohl schönsten Gebäude der Bundesrepublik"), der Residenz des Deutschen Botschafters. Rauch, der den Auftrag für ein großformatiges Bild anfangs eher als Beitrag zu einer neuen Dekoration des Gebäudes verstanden hatte, ist das Aufsehen um seine Bilder (Leihgaben der Galerie eigen+art) angeblich "nicht ganz geheuer". Doch die Veranstaltung und der mediale Wirbel stehen zweifellos in toller Kosten-Nutzen-Relation. Dem Deutschen Botschafter gelingt eine große Aufmerksamkeit auf "das Bild von Deutschland im Ausland", Außenminister Guido Westerwelle, der zur Eröffnung sprach, kann sich glücklich schätzen, als Kunstfreund und vor allem mal wieder mit positiven Meldungen in die (Medien-)Öffentlichkeit zu kommen, Neo Rauch selbst, indem er - gemessen am Aufwand, den er eher als "vorweihnachtliches Intermezzo" bezeichnete - maximale Beachtung in Deutschland, aber auch in Frankreich gefunden hat, sein Galerist kann sich ebenfalls über diesen Türöffner zu einem bisher verschlossenen Kunstmarkt freuen, die Botschaftsreferentin über eine Aufwertung des Deutschlandbildes in Frankreich via Kunst, der ehemalige Direktor des Centre Pompidou und Berater des Projekts im Palais, Werner Spies, über eine gute Vorarbeit für seine kommende Kuratorentätigkeit zu einer bevorstehenden Rauch-Ausstellung in Baden-Baden, die Botschafts-Gäste natürlich, indem sie einem einmaligen Event beiwohnen durften, bei dem sie sich als Kunstkenner erweisen konnten (ließen sich zitieren mit der Aussage über die Rauch-Bilder: "eine fremde Art des scheinbar Bekannten, keinesfalls (!) jedoch eine befremdende"), und nicht zuletzt Magdalena Fröhlich für ein bildungsreisendes Vergnügen und journalistischen Arbeitsurlaub und die lvz für eine nette Story. Wie schließt Magdalena Fröhlich: "Ein Bild sagt mehr als Worte."
"Ausgepresst" beginnt mit Janina Fleischers schönem Bonmot "Nicht nur Unglück kommt selten allein, auch das Glück hat es drauf, paarweise aufzutreten" - und meint die Ehe bzw. die steigende Zahl dieser privaten Geschäftsabschlüsse. Es gehe um eine sensationelle Entwicklung von Berliner Neurowissenschaftlern, die demnächst befähigt sei, ungesagte Gedanken für Außenstehende in Texte umzuwandeln. Ihr Fazit: "Die Welt wäre ehrlicher", wenn man auf diesem Wege vom Ungesagten des Gegenüber erführe. Na wenn das mal nicht zu ebensolchen diplomatischen Verwicklungen führen wird, wie Wikileaks sie derzeit verursacht.
Nina May führte anlässlich der kommenden Premiere des Solostücks "Schlafes Schwester" in der Skala ein Interview mit dem neuen Leipziger Ensemblemitglied des Centraltheaters Marina Frenk. Rolle und Person etwas vorschnell in Zusammenhang zu bringen (hie "Derwisch voller Energie", da "stakkatohafte Antworten wie bereits auf dem Sprung"), kommt May zu dem wenig schmeichelhaften Urteil, dass "selbst wenn Marina Frenk über Persönliches spricht, klingt sie irgendwie abstrakt, als erzählte sie von einer anderen Person." Wer aber auch nur einmal die - zurückhaltend ausgedrückt - hölzerne Art der Gesprächsführung der lvz redakteurin kennt, ahnt, dass an diesem Eindruck vielleicht zwei Seiten beteiligt waren. Interessant sind die Bekenntnisse der jungen Schauspielerin, einerseits als Performerin eine größere Bedeutung zu haben denn als ausführendes Organ einer Regiearbeit, andererseits beim konsequenten Auf die Spitze-treiben des sogenannten Regietheaters, gleich gänzlich auf den Regisseur zu verzichten und stattdessen Dramaturgin und Schauspielerin mit dem Text (Robert Schneiders "Schlafes Bruder") einfach mal wegzusperren und zu sehen, was dabei herauskommt. Und dass Marina Frenk - verständlicherweise - auch weiterhin Angst davor habe, dass das nicht funktioniere.
In der Interviewreihe Mathias Wöbkings' zur Novellierung des Kulturraumgesetzes ist heute Karl-Heinz Gerstenberg (GRÜNE) aus Dresden Gesprächspartner. Gerstenberg lehnt die Novelle ab, für ihn bedeutet der Eingriff, dass künftig mit den Summen der Kulturraumgelder nach Belieben der Regierung verfahren werden könne, die Verlässlichkeit dahin sei, die zu den wichtigsten Merkmalen des Gesetzes zählte. Allerdings sieht er auch in den real erfolgenden Kürzungen eine Gefahr für Leipzigs Kultur, Ort der "Erbepflege und kulturellen Avantgarde" zu bleiben, "der Ausbau der dringend notwendigen kulturellen Bildung" bliebe sogar wohl ganz auf der Strecke. Gerstenberg sieht das Vorhaben der Landesregierung schlicht darin, "dass der Freistaat seine Landesbühnen gegen den Protest der Kulturräume von diesen mit bezahlen lassen will". Die Grünen hätten iherseits Änderungsanträge zum Haushalt eingebracht, um ohne Neuverschuldung und ohne den Schuldenabbau zu bremsen, Kürzungen der Kulturraumgelder zu vermeiden.
Einige zehntausend Unterschriften gegen die geplanten Kürzungen hat Landtagspräsident Matthias Rößler erhalten, die er umgehend an den Petitionsausschuss übergeben wolle, der diese frühestens am 6. Januar entgegennehmen könne. Leider drei Wochen zu spät, um noch Einfluss auf die Abstimmung am 15. Dezember zu nehmen.
Stefan Reisner berichtet über ein Fastfood-Konzert des Forums Zeitgenössische Musik Leipzig beim Bürger-König Burger-King. "Fast Food" war das Thema des Kompositionswettbewerbs, die Beiträge durften jeweils nicht länger als ein Popsong sein. Obwohl die Burger-Kette in den Musikwerken auch reichlich Kritik einstecken muss, scheint sich die Aufmerksamkeit auf dieses Projekt für sie trotzdem zu lohnen, ebenso wie für das FZML, das bereits mehrfach mit ungewöhnlichen Locations und Themen ihrer Konzerte aufgefallen ist. Mit Michael Flatleys "Lord of the Dance" war in der Arena Leipzig wieder ein internationales Großevent zu erleben. Stehende Ovationen für die Stepp- und Showkünstler, doch Fragen an Julia Samt, die in ihrer Kritik weder Kritisches anmerken will, noch sich überhaupt einer Wertung hingibt. Nur als Beispiel: Wenn sich die Stepp-Damenformation in Strings of Fire zunehmend entblößt, "sicher, weil das Feuer so heiß ist", endet sie: Stepptanz als Werbung für ein Unterwäschelabel. Liegt in der Ironie Distanz? Wirkte der Auftritt peinlich? Lächerlich? Abgezockt? Charmant? Kokett? Geschäftstüchtig? Es ist wie es ist? Der in der Türkei wegen Raubüberfalls und Umsturzversuch angeklagte deutsche Autor Dogan Akhanli ist zu Beginn des Gerichtsverfahrens auf freien Fuß gesetzt worden. Der Prozess wird im März 2011 fortgesetzt. Eine wertvolle Privat-Sammlung aus etwa tausend Stücken ist auf dem Weg nach Leipzig, wo sie im Bach-Archiv untersucht werden kann. Das Material dient vor allem der Forschung über die Bachsöhne Carl Philipp Emanuel, Wilhelm Friedemann und Johann Christian, darunter der Autograph der Oper "Zanaide", die im Rahmen des Bachfests 2011 erstmals seit 1763 wieder aufgeführt werden wird.
Der großen Neugier der Weltöffentlichkeit auf einen einflussreichen Denker und noch wenig bekannten chinesischen Inellektuellen willen, aber wohl auch dem Geschäftssinn des Bei Ling ist die Biografie über seinen über Nacht berühmt gewordenen Freund Liu Xiaobo zu verdanken, die er in nur zwei Monaten recheriert, geschrieben und hat drucken lassen. Er beschreibt ihn als "eigensinnigen und mutigen Intellektuellen", den Schuldgefühle plagten, weil er die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 im Gegensatz zu vielen seiner Mitstreiter überlebt hat. Er vermittelte seinerzeit zwischen Regierung und Studenten und organisierte aus Angst vor einem Blutbad den friedlichen Abzug der Studenten. Nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens kam auch Xiaobo in Haft, nicht zuletzt wegen eines Geständnisses auf Druck der Familie. Doch kam er bereits 1991 wieder frei, anders als viele andere Anführer der Bewegung. Auch dieses Schuldeingeständnis hat Xiaobo später als innere Schwäche bereut. Wie Andreas Landwehr schreibt, verschweigt Bei Ling aber auch in Schilderungen über Xiaobos Privatleben nicht, dass der heutige Nobelpreisträger eine "zügellose Person, schlechter Vater seines Sohnes und treuloser Ehemann seiner damaligen Frau" gewesen sei. Seine jetzige Frau, eine Künstlerin, die sich zu den politischen Aktivitäten ihres Mannes nicht äußern wollte, steht zur Zeit trotzdem unter Hausarrest und ist ohne jeden Kontakt zur Außenwelt.
Nach der Kurzmeldung gestern nun der ausführliche Bericht. Magdalena Fröhlich schreibt über die Eröffnung der "Schau" dreier Bilder Neo Rauchs im Pariser Palais Beauharnais (Rauch: "dem wohl schönsten Gebäude der Bundesrepublik"), der Residenz des Deutschen Botschafters. Rauch, der den Auftrag für ein großformatiges Bild anfangs eher als Beitrag zu einer neuen Dekoration des Gebäudes verstanden hatte, ist das Aufsehen um seine Bilder (Leihgaben der Galerie eigen+art) angeblich "nicht ganz geheuer". Doch die Veranstaltung und der mediale Wirbel stehen zweifellos in toller Kosten-Nutzen-Relation. Dem Deutschen Botschafter gelingt eine große Aufmerksamkeit auf "das Bild von Deutschland im Ausland", Außenminister Guido Westerwelle, der zur Eröffnung sprach, kann sich glücklich schätzen, als Kunstfreund und vor allem mal wieder mit positiven Meldungen in die (Medien-)Öffentlichkeit zu kommen, Neo Rauch selbst, indem er - gemessen am Aufwand, den er eher als "vorweihnachtliches Intermezzo" bezeichnete - maximale Beachtung in Deutschland, aber auch in Frankreich gefunden hat, sein Galerist kann sich ebenfalls über diesen Türöffner zu einem bisher verschlossenen Kunstmarkt freuen, die Botschaftsreferentin über eine Aufwertung des Deutschlandbildes in Frankreich via Kunst, der ehemalige Direktor des Centre Pompidou und Berater des Projekts im Palais, Werner Spies, über eine gute Vorarbeit für seine kommende Kuratorentätigkeit zu einer bevorstehenden Rauch-Ausstellung in Baden-Baden, die Botschafts-Gäste natürlich, indem sie einem einmaligen Event beiwohnen durften, bei dem sie sich als Kunstkenner erweisen konnten (ließen sich zitieren mit der Aussage über die Rauch-Bilder: "eine fremde Art des scheinbar Bekannten, keinesfalls (!) jedoch eine befremdende"), und nicht zuletzt Magdalena Fröhlich für ein bildungsreisendes Vergnügen und journalistischen Arbeitsurlaub und die lvz für eine nette Story. Wie schließt Magdalena Fröhlich: "Ein Bild sagt mehr als Worte."
"Ausgepresst" beginnt mit Janina Fleischers schönem Bonmot "Nicht nur Unglück kommt selten allein, auch das Glück hat es drauf, paarweise aufzutreten" - und meint die Ehe bzw. die steigende Zahl dieser privaten Geschäftsabschlüsse. Es gehe um eine sensationelle Entwicklung von Berliner Neurowissenschaftlern, die demnächst befähigt sei, ungesagte Gedanken für Außenstehende in Texte umzuwandeln. Ihr Fazit: "Die Welt wäre ehrlicher", wenn man auf diesem Wege vom Ungesagten des Gegenüber erführe. Na wenn das mal nicht zu ebensolchen diplomatischen Verwicklungen führen wird, wie Wikileaks sie derzeit verursacht.
Nina May führte anlässlich der kommenden Premiere des Solostücks "Schlafes Schwester" in der Skala ein Interview mit dem neuen Leipziger Ensemblemitglied des Centraltheaters Marina Frenk. Rolle und Person etwas vorschnell in Zusammenhang zu bringen (hie "Derwisch voller Energie", da "stakkatohafte Antworten wie bereits auf dem Sprung"), kommt May zu dem wenig schmeichelhaften Urteil, dass "selbst wenn Marina Frenk über Persönliches spricht, klingt sie irgendwie abstrakt, als erzählte sie von einer anderen Person." Wer aber auch nur einmal die - zurückhaltend ausgedrückt - hölzerne Art der Gesprächsführung der lvz redakteurin kennt, ahnt, dass an diesem Eindruck vielleicht zwei Seiten beteiligt waren. Interessant sind die Bekenntnisse der jungen Schauspielerin, einerseits als Performerin eine größere Bedeutung zu haben denn als ausführendes Organ einer Regiearbeit, andererseits beim konsequenten Auf die Spitze-treiben des sogenannten Regietheaters, gleich gänzlich auf den Regisseur zu verzichten und stattdessen Dramaturgin und Schauspielerin mit dem Text (Robert Schneiders "Schlafes Bruder") einfach mal wegzusperren und zu sehen, was dabei herauskommt. Und dass Marina Frenk - verständlicherweise - auch weiterhin Angst davor habe, dass das nicht funktioniere.
In der Interviewreihe Mathias Wöbkings' zur Novellierung des Kulturraumgesetzes ist heute Karl-Heinz Gerstenberg (GRÜNE) aus Dresden Gesprächspartner. Gerstenberg lehnt die Novelle ab, für ihn bedeutet der Eingriff, dass künftig mit den Summen der Kulturraumgelder nach Belieben der Regierung verfahren werden könne, die Verlässlichkeit dahin sei, die zu den wichtigsten Merkmalen des Gesetzes zählte. Allerdings sieht er auch in den real erfolgenden Kürzungen eine Gefahr für Leipzigs Kultur, Ort der "Erbepflege und kulturellen Avantgarde" zu bleiben, "der Ausbau der dringend notwendigen kulturellen Bildung" bliebe sogar wohl ganz auf der Strecke. Gerstenberg sieht das Vorhaben der Landesregierung schlicht darin, "dass der Freistaat seine Landesbühnen gegen den Protest der Kulturräume von diesen mit bezahlen lassen will". Die Grünen hätten iherseits Änderungsanträge zum Haushalt eingebracht, um ohne Neuverschuldung und ohne den Schuldenabbau zu bremsen, Kürzungen der Kulturraumgelder zu vermeiden.
Einige zehntausend Unterschriften gegen die geplanten Kürzungen hat Landtagspräsident Matthias Rößler erhalten, die er umgehend an den Petitionsausschuss übergeben wolle, der diese frühestens am 6. Januar entgegennehmen könne. Leider drei Wochen zu spät, um noch Einfluss auf die Abstimmung am 15. Dezember zu nehmen.
Stefan Reisner berichtet über ein Fastfood-Konzert des Forums Zeitgenössische Musik Leipzig beim Bürger-König Burger-King. "Fast Food" war das Thema des Kompositionswettbewerbs, die Beiträge durften jeweils nicht länger als ein Popsong sein. Obwohl die Burger-Kette in den Musikwerken auch reichlich Kritik einstecken muss, scheint sich die Aufmerksamkeit auf dieses Projekt für sie trotzdem zu lohnen, ebenso wie für das FZML, das bereits mehrfach mit ungewöhnlichen Locations und Themen ihrer Konzerte aufgefallen ist. Mit Michael Flatleys "Lord of the Dance" war in der Arena Leipzig wieder ein internationales Großevent zu erleben. Stehende Ovationen für die Stepp- und Showkünstler, doch Fragen an Julia Samt, die in ihrer Kritik weder Kritisches anmerken will, noch sich überhaupt einer Wertung hingibt. Nur als Beispiel: Wenn sich die Stepp-Damenformation in Strings of Fire zunehmend entblößt, "sicher, weil das Feuer so heiß ist", endet sie: Stepptanz als Werbung für ein Unterwäschelabel. Liegt in der Ironie Distanz? Wirkte der Auftritt peinlich? Lächerlich? Abgezockt? Charmant? Kokett? Geschäftstüchtig? Es ist wie es ist? Der in der Türkei wegen Raubüberfalls und Umsturzversuch angeklagte deutsche Autor Dogan Akhanli ist zu Beginn des Gerichtsverfahrens auf freien Fuß gesetzt worden. Der Prozess wird im März 2011 fortgesetzt. Eine wertvolle Privat-Sammlung aus etwa tausend Stücken ist auf dem Weg nach Leipzig, wo sie im Bach-Archiv untersucht werden kann. Das Material dient vor allem der Forschung über die Bachsöhne Carl Philipp Emanuel, Wilhelm Friedemann und Johann Christian, darunter der Autograph der Oper "Zanaide", die im Rahmen des Bachfests 2011 erstmals seit 1763 wieder aufgeführt werden wird.
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Mittwoch, 8. Dezember 2010
lvz kultur vom 8.12.10: Marc und Klee, Mailänder Scala & Kultur(raum)
Der religiöse, kriegsbegeisterte Franz Marc und der Pazifist Ernst Klee führten von 1912 bis 1916 "eine Postkartenverbindung". Ihre Frauen beschrieben, sie bemalten die Karten. Heute sind sie Mittelpunkt einer Ausstellung in der Moritzburg Halle, die Meinhard Michael durch ihre "Intensität überzeugen" konnte. Während Marc seinem Kartenfreund "ausgereifte Kompositionen in strahlenden Grundfarben schickte", antwortete Klee "überwiegend mit zerschnittenen kleinen Kritzeleien." In Marcs kleinem Postkartenkosmos zeigen sich gleichwohl die "Schwingen" einer "Natur, aus deren Ordnung der Mensch vertrieben worden" sei, während der introvertiertere Klee "musikalische Strukturen als Ausgang für die Bildkunst" erprobte. Marcs Emotionalität und Klees analytische Kraft waren dennoch auf ein ähnliches Ziel gerichtet: Die Suche nach dem unverfälschten Ausdruck.
Marc, der sich vom Krieg ähnlich Ernst Jünger eine "Reinigung der verderbten alten Welt" versprach, aus der es "keinen anderen Durchgang zur Welt des Geistes" gebe, überlebte den Krieg nicht, er starb 1916 in Verdun. Ein großes, bedeutendes Werk Franz Marcs ("Tierschicksale") aus dem Jahr 1913, das 1919 bei einem Brand teilweise zerstört wurde und von Ernst Klee restauriert, aber bewusst mit einem "sichtbaren Riss" versehen wurde, gehörte bis 1937 der Moritzburg. Dieses abwesende, heute gefährdete und transportunfähige Bild bilde in einer "imaginären Anwesenheit" den "Anker" der sehenswerten hallenser Ausstellung.
In ihrer "ausgepresst"-Glosse nimmt sich Janina Fleischer der von Zukunftsforscher Matthias Horx beschriebenen "Skandalokratie" an, die "die Tendenz habe, das feine Gewebe von Debatte, Verständnis, Widerspruchsrecht, Kompromiss und Diskurs in Deutschland zu zerstören." Leider verliert die lvz redakteurin auf den letzten Zeilenmetern ihre Klarheit, wenn sie die "Abgründe der Zivilisation" in der Bedeutungsverschiebung des Begriffs "Sensation" entdeckt, die HGB-Philosoph Christoph Türke postuliert. Von der x-beliebigen Empfindung hin zur Wahrnehmung des Außergewöhnlichen, des Aufsehen Erregenden. Die finde sich in der permanenten Talkshow namens Öffentlichkeit, dem "einig Laberland", in dem "Gerede, Gerede, Gerede" und "Geschrei, Geschrei, Geschrei" dominiere.
Die vier lvz redakteurinnen Yvonne Gabriel, Vera Wolfskämp, Claudia Schittekopp und Barbara Kreuzer bringen den derzeitigen Stand des Vorhabens und der Diskussion zur Novellierung des Kulturraumgesetzes zu Papier. Das Nadelöhr der Neuordnung, auch der Struktur der Landesbühnen Sachsen selbst, liegt in dem massiven Druck auf die Stadt Radebeul, ab 2011 300.000 € Finanzierungsanteil an die Landesbühnen überweisen zu sollen. Schaffe sie das nicht, gingen im Sommer 2011 die Lichter im Theater ohnehin aus. Schaffe sie es, sollen die LBS gänzlich neu ausgerichtet werden. Weg vom heimlichen Stadttheater Radebeuls und Rathens, hin zu einem "Reisetheater" mindestens für die fünf ländlichen Kulturräume. Warum dann ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, wenn die LBS endlich zu einer Institution für den gesamten Freistaat, zu einer echten Landesbühne, werden sollen, das Theater aus der Verantwortung des Landes herausgenommen werden soll, bleibt in der Argumentation ihrer Verfechter ein Rätsel.
Pläne für milliardenschwere "Investitionen in Neubau und Erweiterung staatlicher Kultureinrichtungen" liegen allerdings bereit, auch die Tarifsteigerungen an den Dresdner Einrichtungen Semperoper und Staatskapelle sollen bezahlt werden. Die Zusammenhänge zwischen Kürzungen und benötigten Mitteln für Dresden sind deutlich, auch wenn sie geleugnet werden. Doch die Messen seien gesungen, betont Karl-Heinz Gerstenberg, kulturpolitischer Sprecher der Grünen, die Entscheidung sei bereits gefallen. Leipzigs OBM Jung, der vor wenigen Wochen den Mund garnicht voll genug nehmen konnte, die Kürzungen der Zuschüsse für die Kulturräume zu verhindern, ein Rechtsgutachten aufsetzen ließ und Kulturbürgermeister Faber spektakulär geopfert hat, ist nur noch kleinlaut.
Vielleicht nehmen die Opern- und anderen Kulturfreunde sich ja die Fans der Mailänder Scala zum Vorbild. Aus Anlass ebenfalls drastischer Einsparungen in den Kulturhaushalt hat die Polizei Hunderte von Demonstranten mit Schlagstöcken auseinandertreiben lassen. Die wehrte sich daraufhin mit Feuerwerkskörpern.
Argumente sind genug gewechselt, "lasst uns nun endlich Taten sehen." Bei der Zuschauerkonferenz im Centraltheater wurden laut Steffen Georgi nicht mehr als erwartbare Statements ausgetauscht. CDU-Stadtrat Stephan Billig erhielt sogar Lorbeeren, weil er mit seinem "Vorstoß" einer Zusammenlegung aller Häuser unter einen Kaufmännischen Geschäftsführer eine "Diskussion wieder in Gang gesetzt habe". Wo diese Diskussion tatsächlich stattfindet, ob öffentlich oder nur im verschlossenen Kämmerlein, soll doch jemand mal sagen.
In der lvz bisher jedenfalls nicht.
CDU-Landtagsabgeordneter Oliver Fritzsche will laut Interview mit Mathias Wöbking dem Kulturraumgesetz trotz augenscheinlicher Wissenslücken zum Thema zustimmen. "Der Erhalt der Landesbühnen Sachsen soll langfristig die darstellenden Bühnenkunst gerade in den ländlichen Kulturräumen sichern", meint er und unterschlägt die offensichtliche Not der Kommunen, die zusätzlichen Belastungen, die für die Kommunen aus der Kürzung der Zuschüsse entstehen, die vollendete Unverfrorenheit Dresdens, diese Kürzungen bereits ab 2011 wirksam werden zu lassen und die Konkurrenz der LBS zu anderen, stehenden Theatern der Kulturräume. Ebenso sieht es mit dem Westsächsischen Symphonieorchester aus, deren Bezuschussung Oliver Fritzsche gegen Kulturraumgeldern für die Leipziger Leuchttürme ausspielen möchte. Doch zuallererst erhält der Kulturraum Leipziger Land weniger Gelder und muss daher zur Zeit die Schließung des Orchesters diskutieren, das bereits seit 13 Jahren keine Gehaltsanpassung erhalten hat und deren Musiker 35% unter dem gültigen Tarif arbeiten (Hans-Ulrich Zschoch). Das Orchester steht also in Konkurrenz zu den LBS, die von den gekürzten Kulturräumengeldern z.B. für das Westsächsiche Symphonieorchester profitieren sollen.
Auch der Verweis auf den Löwenanteil an den Kulturraumgeldern, die Leipzig zukommen, ist eine Verhöhnung der Stadt, denn Dresdens Kultur braucht so gut wie garnicht aus den Kulturraumgeldern bezahlt werden, für die ohnehin das Land aufkommt, in weit größerer Höhe als für Leipzig! Usw. Leider ist in dem festen Frageschema des Interviews kein Raum, offensichtlich einseitige oder dezidiert falsche Informationen zu hinterfragen.
Karat rockt das Gewandhaus, Norbert Wehrstedt freut sich an drei Stunden Karatsound, "Romantik verschnitten mit Rauheit, aber immer Poet bleiben." Allein das Aufmotzen der Nummern durch Soli funktioniere nicht, langweile eher. Das Internationale Literaturfestival Berlin hat wenige Tage vor der Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo, dessen Verleihung 18 Nationen auf Druck aus China fernbleiben, für den 20.März zu umfassenden Lesungen der "Charta 08" für Demokratie und Menschenrechte sowie Lius Gedichten aufgerufen. Außenminister Guido Westerwelle hat im Palais des Deutschen Botschafters in Paris eine Schau mit drei Bildern Neo Rauchs eröffnet, sie soll "Rauch auch in den französischen Kunstkreisen zum Durchbruch verhelfen." Wirtschaftsförderung der anderen Art. Das 1. Science-Slam im Horns Erben krankte laut Mark Daniel an Unpünktlichkeit der Zuschauer, Qualitätsmängeln der Teilnehmer, der Nicht-Gültigkeit der Regeln für alle Teilnehmer, schlechter Organisation der Abstimmung durch das Publikum und an der Gestaltung des Finales. Sonst wars klasse, wie meistens in der freien Szene. Beim Werkstatt-Festival im Lofft wünscht sich Steffen Georgi mehr einfache Verständigung darüber, "was zu tun ist: die Geschichte erzählen, die man erzählen will. Und seien es welche vom Scheitern." Was also offensichtlich nicht immer gelingt.
Marc, der sich vom Krieg ähnlich Ernst Jünger eine "Reinigung der verderbten alten Welt" versprach, aus der es "keinen anderen Durchgang zur Welt des Geistes" gebe, überlebte den Krieg nicht, er starb 1916 in Verdun. Ein großes, bedeutendes Werk Franz Marcs ("Tierschicksale") aus dem Jahr 1913, das 1919 bei einem Brand teilweise zerstört wurde und von Ernst Klee restauriert, aber bewusst mit einem "sichtbaren Riss" versehen wurde, gehörte bis 1937 der Moritzburg. Dieses abwesende, heute gefährdete und transportunfähige Bild bilde in einer "imaginären Anwesenheit" den "Anker" der sehenswerten hallenser Ausstellung.
In ihrer "ausgepresst"-Glosse nimmt sich Janina Fleischer der von Zukunftsforscher Matthias Horx beschriebenen "Skandalokratie" an, die "die Tendenz habe, das feine Gewebe von Debatte, Verständnis, Widerspruchsrecht, Kompromiss und Diskurs in Deutschland zu zerstören." Leider verliert die lvz redakteurin auf den letzten Zeilenmetern ihre Klarheit, wenn sie die "Abgründe der Zivilisation" in der Bedeutungsverschiebung des Begriffs "Sensation" entdeckt, die HGB-Philosoph Christoph Türke postuliert. Von der x-beliebigen Empfindung hin zur Wahrnehmung des Außergewöhnlichen, des Aufsehen Erregenden. Die finde sich in der permanenten Talkshow namens Öffentlichkeit, dem "einig Laberland", in dem "Gerede, Gerede, Gerede" und "Geschrei, Geschrei, Geschrei" dominiere.
Die vier lvz redakteurinnen Yvonne Gabriel, Vera Wolfskämp, Claudia Schittekopp und Barbara Kreuzer bringen den derzeitigen Stand des Vorhabens und der Diskussion zur Novellierung des Kulturraumgesetzes zu Papier. Das Nadelöhr der Neuordnung, auch der Struktur der Landesbühnen Sachsen selbst, liegt in dem massiven Druck auf die Stadt Radebeul, ab 2011 300.000 € Finanzierungsanteil an die Landesbühnen überweisen zu sollen. Schaffe sie das nicht, gingen im Sommer 2011 die Lichter im Theater ohnehin aus. Schaffe sie es, sollen die LBS gänzlich neu ausgerichtet werden. Weg vom heimlichen Stadttheater Radebeuls und Rathens, hin zu einem "Reisetheater" mindestens für die fünf ländlichen Kulturräume. Warum dann ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, wenn die LBS endlich zu einer Institution für den gesamten Freistaat, zu einer echten Landesbühne, werden sollen, das Theater aus der Verantwortung des Landes herausgenommen werden soll, bleibt in der Argumentation ihrer Verfechter ein Rätsel.
Pläne für milliardenschwere "Investitionen in Neubau und Erweiterung staatlicher Kultureinrichtungen" liegen allerdings bereit, auch die Tarifsteigerungen an den Dresdner Einrichtungen Semperoper und Staatskapelle sollen bezahlt werden. Die Zusammenhänge zwischen Kürzungen und benötigten Mitteln für Dresden sind deutlich, auch wenn sie geleugnet werden. Doch die Messen seien gesungen, betont Karl-Heinz Gerstenberg, kulturpolitischer Sprecher der Grünen, die Entscheidung sei bereits gefallen. Leipzigs OBM Jung, der vor wenigen Wochen den Mund garnicht voll genug nehmen konnte, die Kürzungen der Zuschüsse für die Kulturräume zu verhindern, ein Rechtsgutachten aufsetzen ließ und Kulturbürgermeister Faber spektakulär geopfert hat, ist nur noch kleinlaut.
Vielleicht nehmen die Opern- und anderen Kulturfreunde sich ja die Fans der Mailänder Scala zum Vorbild. Aus Anlass ebenfalls drastischer Einsparungen in den Kulturhaushalt hat die Polizei Hunderte von Demonstranten mit Schlagstöcken auseinandertreiben lassen. Die wehrte sich daraufhin mit Feuerwerkskörpern.
Argumente sind genug gewechselt, "lasst uns nun endlich Taten sehen." Bei der Zuschauerkonferenz im Centraltheater wurden laut Steffen Georgi nicht mehr als erwartbare Statements ausgetauscht. CDU-Stadtrat Stephan Billig erhielt sogar Lorbeeren, weil er mit seinem "Vorstoß" einer Zusammenlegung aller Häuser unter einen Kaufmännischen Geschäftsführer eine "Diskussion wieder in Gang gesetzt habe". Wo diese Diskussion tatsächlich stattfindet, ob öffentlich oder nur im verschlossenen Kämmerlein, soll doch jemand mal sagen.
In der lvz bisher jedenfalls nicht.
CDU-Landtagsabgeordneter Oliver Fritzsche will laut Interview mit Mathias Wöbking dem Kulturraumgesetz trotz augenscheinlicher Wissenslücken zum Thema zustimmen. "Der Erhalt der Landesbühnen Sachsen soll langfristig die darstellenden Bühnenkunst gerade in den ländlichen Kulturräumen sichern", meint er und unterschlägt die offensichtliche Not der Kommunen, die zusätzlichen Belastungen, die für die Kommunen aus der Kürzung der Zuschüsse entstehen, die vollendete Unverfrorenheit Dresdens, diese Kürzungen bereits ab 2011 wirksam werden zu lassen und die Konkurrenz der LBS zu anderen, stehenden Theatern der Kulturräume. Ebenso sieht es mit dem Westsächsischen Symphonieorchester aus, deren Bezuschussung Oliver Fritzsche gegen Kulturraumgeldern für die Leipziger Leuchttürme ausspielen möchte. Doch zuallererst erhält der Kulturraum Leipziger Land weniger Gelder und muss daher zur Zeit die Schließung des Orchesters diskutieren, das bereits seit 13 Jahren keine Gehaltsanpassung erhalten hat und deren Musiker 35% unter dem gültigen Tarif arbeiten (Hans-Ulrich Zschoch). Das Orchester steht also in Konkurrenz zu den LBS, die von den gekürzten Kulturräumengeldern z.B. für das Westsächsiche Symphonieorchester profitieren sollen.
Auch der Verweis auf den Löwenanteil an den Kulturraumgeldern, die Leipzig zukommen, ist eine Verhöhnung der Stadt, denn Dresdens Kultur braucht so gut wie garnicht aus den Kulturraumgeldern bezahlt werden, für die ohnehin das Land aufkommt, in weit größerer Höhe als für Leipzig! Usw. Leider ist in dem festen Frageschema des Interviews kein Raum, offensichtlich einseitige oder dezidiert falsche Informationen zu hinterfragen.
Karat rockt das Gewandhaus, Norbert Wehrstedt freut sich an drei Stunden Karatsound, "Romantik verschnitten mit Rauheit, aber immer Poet bleiben." Allein das Aufmotzen der Nummern durch Soli funktioniere nicht, langweile eher. Das Internationale Literaturfestival Berlin hat wenige Tage vor der Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo, dessen Verleihung 18 Nationen auf Druck aus China fernbleiben, für den 20.März zu umfassenden Lesungen der "Charta 08" für Demokratie und Menschenrechte sowie Lius Gedichten aufgerufen. Außenminister Guido Westerwelle hat im Palais des Deutschen Botschafters in Paris eine Schau mit drei Bildern Neo Rauchs eröffnet, sie soll "Rauch auch in den französischen Kunstkreisen zum Durchbruch verhelfen." Wirtschaftsförderung der anderen Art. Das 1. Science-Slam im Horns Erben krankte laut Mark Daniel an Unpünktlichkeit der Zuschauer, Qualitätsmängeln der Teilnehmer, der Nicht-Gültigkeit der Regeln für alle Teilnehmer, schlechter Organisation der Abstimmung durch das Publikum und an der Gestaltung des Finales. Sonst wars klasse, wie meistens in der freien Szene. Beim Werkstatt-Festival im Lofft wünscht sich Steffen Georgi mehr einfache Verständigung darüber, "was zu tun ist: die Geschichte erzählen, die man erzählen will. Und seien es welche vom Scheitern." Was also offensichtlich nicht immer gelingt.
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Dienstag, 7. Dezember 2010
lvz kultur vom 7.12.10: Georgette Dee, Tiepelmann, Bär und Krumbiegel & Kultur(raum)
Als nordeutsche Kassandra und keltische Priesterin begeisterte Georgette Dee im Leipziger Centraltheater das "kichernde, jauchzende, tobende" Publikum. Und während sie der Wodka "Schluck für Schluck in die Gegenwart" spült, übt sich die Sängerin im "Altwerden". Zunehmend derangiert, bleiben bekanntlich die Erinnerungen nicht aus, und was Dee nach Meinung von Janina Fleischer dabei vollführt, sei pure "Vergangenheitsüberwältigung". Während derer sie sich, anfangs mit aufwändiger Robe bekleidet, Schritt für Schritt ins "Desolatöse" verabschiedet. Den dunklen Ton hat sie - poetisch, sinnlich, ironisch - und ihr Begleiter Terry Truck schon im Titel des Abends "Lieben Sie Brahms?" angestimmt. In einer Reise entlang wechselnder Städte erlebt sie "Stationen der Illusion, Lust, Depression. Himmel und Helden. Leiden und Liebe." Fleischer bilanziert, "Altwerden kann recht erfüllend sein, solange die Illusionen von gestern sind. Nach Stunden, die wie im Sturzflug vergehen" und nach denen die Sängerin Paula Modersohn-Beckers letztes Wort beweint: "Schade".
Einen Tag nach dem Unfall bei der Show "Wetten, dass..." mit den wild durch die Gegend assoziierenden Kommentaren setzt bereits die Verselbstständigungsmaschine des Fernsehens ein. "Weitermachen, aber rückhaltlos aufklären", ist der Tenor, der vor allem neue Berichte nach sich ziehen wird. Am obszönsten die hemmungslos weiterlaufende Medienmaschinerie bedienend tat sich bisher SPD-Medienexperte Marc Jan Eumann hervor, der eine Gaffer-Sondersendung "zur Aufarbeitung des Unfalls" vorschlägt: "Ich würde es begrüßen, wenn dieses Unglück im Programm selbst kritisch reflektiert würde", sagte Eumann. Bevor es ein anderer Sender macht.
Der Leipziger Maler Johannes Tiepelmann stellt in der Lindenauer Galerie Potemka in der Aurelienstraße 41 noch bis zum 18. Dezember unter dem Titel "Allerseelen" aktuelle Werke aus. Katrin Tominski vergleicht zunächst die Erscheinung des Malers mit seinen Bildern: "zerbrechlich und kraftvoll zugleich." Die Bilder seien eine "Hommage an die Seele" und bei aller Traurigkeit sei "die Hoffnung immer da." Wenn nicht in Motiv oder Komposition, dann wenigstens in ihrer Farbigkeit. Die Bilder in seinem Atelier in der Baumwollspinnerei entstünden gänzlich "ungeplant. Affektiv"; was Farben und Formen bedeuten, wolle er nicht erklären, "das ist einfach ein Gefühl." Fröhlicher stimmt Tiepelmann, wenn Malerkollege Tilo Baumgärtel ihre Wirkung mit einem "Karate-Kick" vergleicht. Auch Galeristin Lu Potemka begründet, warum die Bilder des stets figürlich malenden Tiepelmann ("Ich träume doch nicht abstrakt!") sie so ansprechen: "weil sie emotional sind - weil sie knallen." Gelernt hatte Tiepelmann bei Arno Rink und Neo Rauch.
Während sein Tatort in der ARD lief, trat Dietmar Bär alias Freddy Schenk im Theater der Jungen Welt zur Edgar Allan Poe-Lesung an und sorgte gemeinsam mit "Prinz" Sebastian Krumbiegel am Flügel als "schaurig-starkes Duo" für Gänsehaut. Magdalena Fröhlich formuliert angetan: "Humorvoll-schaurig lässt er das Publikum am Mord an einem alten Mann teilhaben, stiert mit seinen Augen, als wären es die grau verschleierten von Poes Geier, kontrolliert mit seiner Intonation den Pulsschlag in den Zuschauerreihen." Wie in einer effektsicheren Inszenierung des Hausherrn Jürgen Zielinski fliegt am Anschlag des Grauens - eine Fledermaus über die Köpfe der Zuschauer hinweg ins Dunkel. Am Rande: Dietmar Bär war bereits "Pate", seit Sonntag ist auch Sebastian Krumbiegel Botschafter und Fürsprecher des Leipziger Jugendtheaters.
In der Interviewreihe zur Novellierung des Kulturraumgesetzes beantwortet heute Volker Külow (Die Linke) die Fragen von Mathias Wöbking. Külow sieht in der beabsichtigten Teilfinanzierung der Landesbühnen Sachsen aus Kulturraumgeldern "den kulturpolitischen Sündenfall", der "die Axt an das Kulturraumgesetz" lege. Für die Linke sei "der neoliberale Kürzungswahn" ohnehin ungerechtfertigt und ungerecht und treffe Leipzig "mit besonderer Härte", zumal auch noch die "Kürzung der Landesmittel für Musikschulen" hinzukämen. Es sei "definitiv genug Geld da, sowohl Soziales und Bildung, als auch Kultur als eine erklärte Kernkompetenz ausreichend mit Finanzen auszustatten."
Tatjana Böhme-Mehner berichtet über ein Weihnachtsoratorium in der Thomaskirche, in einem "zeitgemäßen Verständnis von historischer Aufführungspraxis" aufgeführt durch die "mehr als einen Geheimtipp" darstellenden Leipziger Vocalensemble und Leipziger Barockorchester. Vom Gewandhaus-Bläserquintett und dem Reinhold-Quartett, zwei Kammermusikensembles im Gewandhaus, schwärmt Anja Jaskowski. Insbesondere "Flötistin Katalin Stefula setzt mit ihren Triolenbewegungen gegen den Rest des Ensembles leuchtende Akzente." Tom Pauls und die Elblandphilharmonie begeistern Jennifer Hochhaus und das Publikum, ebenfalls im Gewandhaus, mit ihrer Lesung von Charles Dickens Weihnachtsgeschichte samt Orchesterbegleitung so sehr, dass der gesamte Saal zum Abschluss noch Weihnachtslieder sang. Und im Werk II siegte bei der nationalen Endausscheidung der Versionale - Sommernachtsträume in 18 Minuten - die Aufführung des Dresdner Regisseurs Jan Gehler, der laut Janna Kagerer eine "herrlich komische Version" mit wortkargem Beziehungschaos und Dosenbier-Synchrontrinken rund ums Campingzelt im Wald inszenierte.
Einen Tag nach dem Unfall bei der Show "Wetten, dass..." mit den wild durch die Gegend assoziierenden Kommentaren setzt bereits die Verselbstständigungsmaschine des Fernsehens ein. "Weitermachen, aber rückhaltlos aufklären", ist der Tenor, der vor allem neue Berichte nach sich ziehen wird. Am obszönsten die hemmungslos weiterlaufende Medienmaschinerie bedienend tat sich bisher SPD-Medienexperte Marc Jan Eumann hervor, der eine Gaffer-Sondersendung "zur Aufarbeitung des Unfalls" vorschlägt: "Ich würde es begrüßen, wenn dieses Unglück im Programm selbst kritisch reflektiert würde", sagte Eumann. Bevor es ein anderer Sender macht.
Der Leipziger Maler Johannes Tiepelmann stellt in der Lindenauer Galerie Potemka in der Aurelienstraße 41 noch bis zum 18. Dezember unter dem Titel "Allerseelen" aktuelle Werke aus. Katrin Tominski vergleicht zunächst die Erscheinung des Malers mit seinen Bildern: "zerbrechlich und kraftvoll zugleich." Die Bilder seien eine "Hommage an die Seele" und bei aller Traurigkeit sei "die Hoffnung immer da." Wenn nicht in Motiv oder Komposition, dann wenigstens in ihrer Farbigkeit. Die Bilder in seinem Atelier in der Baumwollspinnerei entstünden gänzlich "ungeplant. Affektiv"; was Farben und Formen bedeuten, wolle er nicht erklären, "das ist einfach ein Gefühl." Fröhlicher stimmt Tiepelmann, wenn Malerkollege Tilo Baumgärtel ihre Wirkung mit einem "Karate-Kick" vergleicht. Auch Galeristin Lu Potemka begründet, warum die Bilder des stets figürlich malenden Tiepelmann ("Ich träume doch nicht abstrakt!") sie so ansprechen: "weil sie emotional sind - weil sie knallen." Gelernt hatte Tiepelmann bei Arno Rink und Neo Rauch.
Während sein Tatort in der ARD lief, trat Dietmar Bär alias Freddy Schenk im Theater der Jungen Welt zur Edgar Allan Poe-Lesung an und sorgte gemeinsam mit "Prinz" Sebastian Krumbiegel am Flügel als "schaurig-starkes Duo" für Gänsehaut. Magdalena Fröhlich formuliert angetan: "Humorvoll-schaurig lässt er das Publikum am Mord an einem alten Mann teilhaben, stiert mit seinen Augen, als wären es die grau verschleierten von Poes Geier, kontrolliert mit seiner Intonation den Pulsschlag in den Zuschauerreihen." Wie in einer effektsicheren Inszenierung des Hausherrn Jürgen Zielinski fliegt am Anschlag des Grauens - eine Fledermaus über die Köpfe der Zuschauer hinweg ins Dunkel. Am Rande: Dietmar Bär war bereits "Pate", seit Sonntag ist auch Sebastian Krumbiegel Botschafter und Fürsprecher des Leipziger Jugendtheaters.
In der Interviewreihe zur Novellierung des Kulturraumgesetzes beantwortet heute Volker Külow (Die Linke) die Fragen von Mathias Wöbking. Külow sieht in der beabsichtigten Teilfinanzierung der Landesbühnen Sachsen aus Kulturraumgeldern "den kulturpolitischen Sündenfall", der "die Axt an das Kulturraumgesetz" lege. Für die Linke sei "der neoliberale Kürzungswahn" ohnehin ungerechtfertigt und ungerecht und treffe Leipzig "mit besonderer Härte", zumal auch noch die "Kürzung der Landesmittel für Musikschulen" hinzukämen. Es sei "definitiv genug Geld da, sowohl Soziales und Bildung, als auch Kultur als eine erklärte Kernkompetenz ausreichend mit Finanzen auszustatten."
Tatjana Böhme-Mehner berichtet über ein Weihnachtsoratorium in der Thomaskirche, in einem "zeitgemäßen Verständnis von historischer Aufführungspraxis" aufgeführt durch die "mehr als einen Geheimtipp" darstellenden Leipziger Vocalensemble und Leipziger Barockorchester. Vom Gewandhaus-Bläserquintett und dem Reinhold-Quartett, zwei Kammermusikensembles im Gewandhaus, schwärmt Anja Jaskowski. Insbesondere "Flötistin Katalin Stefula setzt mit ihren Triolenbewegungen gegen den Rest des Ensembles leuchtende Akzente." Tom Pauls und die Elblandphilharmonie begeistern Jennifer Hochhaus und das Publikum, ebenfalls im Gewandhaus, mit ihrer Lesung von Charles Dickens Weihnachtsgeschichte samt Orchesterbegleitung so sehr, dass der gesamte Saal zum Abschluss noch Weihnachtslieder sang. Und im Werk II siegte bei der nationalen Endausscheidung der Versionale - Sommernachtsträume in 18 Minuten - die Aufführung des Dresdner Regisseurs Jan Gehler, der laut Janna Kagerer eine "herrlich komische Version" mit wortkargem Beziehungschaos und Dosenbier-Synchrontrinken rund ums Campingzelt im Wald inszenierte.
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Samstag, 4. Dezember 2010
lvz kultur vom 4.12.10: Schirmer vs. Konwitschny, Jirgl & Porsche
Auch Kinder können die Musik Humperdincks samt ihrer "psychologischen Feinzeichnungen" verstehen. Sie machen sich keine Gedanken über die Komplexität, reagieren ganz nach dem Lustprinzip. Wie bei Wagner würde bei Humperdinck in der Musik bereits alles eins zu eins erzählt, anders als beim doppelbödigen Mozart. Peter Korfmacher sprach mit dem GMD der Oper Leipzig, Ulf Schirmer, über Humperdinck, Wagner, Hänsel & Gretel und das Regietheater. Und meint, die Regie habe die Beziehungen zwischen den Protagonisten aufzuzeigen, "auch da, wo die Musik sie gerade nicht erhellt. Ansonsten muss sie zeigen, was die Musik vorgibt." Kein Regisseur dürfe sich über die Musik erheben, auch wenn Herr Konwitschny dies meint. Das Regietheater gehe fehl, wenn sie von einer Kontrapunktik zwischen Musik und den Personen, der Handlung, den Gefühlen ausgehe. Musik und Regie haben sich an ihr Publikum zu richten, was nicht mit Populismus zu tun habe. Aber sie würden schließlich von ihm bezahlt.
Genau genommen, werden Herr Schirmer, die Opernsänger und das Orchester aber eher nur von ca. 15% vom Publikum bezahlt, so gering sind im Verhältnis die Eigeneinnahmen. Größter Geldgeber bleibt der anonyme Steuerzahler. Und was die Geldgeber unter "an ihr Publikum zu richten" verstehen, ist schwer zu sagen. Vielleicht müssen sie die Wahrheiten, die sie in der Partitur entdecken, auch mal nicht nur zur Freude des größtenteils an Traditionen orientierten Publikums freischaufeln, an das sie sich gleichwohl richten?
Büchnerpreisträger Reinhard Jirgl liest in der Handelsbörse vor halbleerem Haus aus seinem jüngsten Roman "Die Stille". Ob die Fans fehlen, die schon immer ihren Autor einmal aus der Nähe sehen, erleben wollen? Aktueller Büchnerpreisträger zu sein, reichte gestern jedenfalls nicht aus. Ist Jirgl vielen Lesern zu schwierig? Sind es die Episoden aus der deutschen Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts, die viele nicht mehr lesen wollen? Schrecken die typografischen Besonderheiten seiner gedruckten Texte ab? Fehlt es ihm an medialer Aufmerksamkeit?
Janina Fleischer zumindest bedauert all jene, die nicht erschienen sind, schwärmt von "Erlebnislandschaften unter den Wortoberflächen" (klingt fatal nach "Freizeitparks", aber unkommerziell). Eine an Arno Schmidt erinnernde Interpunktion, die Rhythmus und Betonungen der Texte strukturiert, lässt schon das stille Lesen, ohne öffentlichen Vortrag, zu einem Hörerlebnis werden. Unglaubliche, niegehörte "Tiefendimensionen" würden erkennbar, wenn Jirgl "den Leib der deutschen Sprache öffne", schreibt der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Klaus Reichert. Die Vater-Sohn-Geschichte selbst scheint hinter der Sprachmächtigkeit zurückstehen zu müssen, immerhin "nimmt sie gefangen", wie Fleischer schreibt.
Der "Küchenporsche" sei derzeit in, da käme kein tiefergelegter Straßen-Porsche mehr dran, meint "ausgepresst"-Autor(in) mf. Und mit ihm/ihr die Tester des "Roten Punkts" für Industriedesign im Red Dot Design Museum Essen. Preislich eher gleich, sprächen nicht nur die geringeren Parkplatzsorgen und die an ein Maschinengewehr erinnernde sexy Bezeichnung P7340 für das Porschedesign der schicken Dunstabzugshaube. Einzige Nachteile: Tieferlegen sollte man die dann nicht, nachher passt kein Kochtopf auf das Induktionsfeld. Also bitte nicht verwechseln! Und: Darf man wirklich bei technischen Problemen am E-Herd oder Spülrohr einen Klempner zur unausgelasteten Frau ins Haus lassen, schließlich seien die fast schon im Ruch, sexueller Dienstleister zu sein. Vielleicht sollte es mann bei E-Herd, Dunstabzugshaube & Co. doch mit dem Elektriker versuchen, die stehen für derlei pornografische Fantasien bisher nicht zur Verfügung - und böten vielleicht sogar Gewähr, dass in der Küche künftig wieder Funken schlügen.
Hat Dogan Akhanli 1989 eine Wechselstube überfallen und ist (mit-)verantwortlich für den Tod des damaligen Besitzers? Oder übt die türkische Justiz Rache an einem unbequemen linken Autor, der es sich mit türkischen Behörden wegen seiner Veröffentlichungen zu den umstrittenen Morden der Türken an den Armeniern verscherzt hat? Carsten Hoffmann schreibt, dass der türkischstämmige, heute deutsche Autor, bei seiner Anfang August erfolgten Einreise in die Türkei festgenommen wurde und ab Mittwoch auf der Anklagebank sitzen wird. Die Beweise gegen ihn sollen auf einer unter Folter erpressten Aussage beruhen sowie einer vom Sohn des damals Getöteten heute bestrittenen und zurückgewiesenen angeblichen Aussage, er hätte Akhanli damals wiedererkannt. Akhanli war bereits in den Achziger Jahren inhaftiert, weil er wegen des Militärputsches von 1980 in den Untergrund gegangen war und die Regierung bekämpft hatte. Akhanlis Projekte, „für einen offenen Umgang mit historischer Gewalt und für Versöhnung“ haben dem Autor in Deutschland mehrere Preise eingetragen.
Bereits Ende November hat die türkische Justiz durch das Urteil gegen die in Berlin lebende Schriftstellerin Pinar Selek, die letztinstanzlich zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, Aufsehen erregt. Auch bei diesem Urteil wurden unter Folter erpresste Aussagen zur Grundlage genommen und lag der Verdacht auf eine Abrechnung mit einer politisch missliebigen Autorin nahe.
Die Besucherzahlen am New Yorker Broadway und am Londoner West End, den führenden Musical-Märkten der Welt, gehen zurück, in Deutschland musste jüngst das Essener Colosseum-Theater schließen. Doch die Musicalveranstalter Stage Entertainment und Mehr! Entertainment wollen weitere Musicaltheater in Hamburg errichten. SE bereits ihr viertes in Hamburg, und M!E ebenfalls ein neues. Das Musical „Sister Act“, das SE in Koproduktion mit Whoopi Goldberg produziert hat, feierte soeben seine Deutschlandpremiere. In London ist es bereits herausgekommen, New York folgt. Der Deutschland-Chef des weltgrößten Musicalveranstalters setzt mit „Sister Act“ erstmals auf eine Eigenproduktion. Die kostet zwar etliche Millionen € Entwicklungskosten (ca. 5-6 Mio € bei „Sister Act“, geschätzte 10-20 Mio € beim geplanten Beatles-Musical), spart aber die sonst fälligen 15% Lizenzkosten vom Einspielerlös. Ob die Produktion den sogenannten Break Even (Zeitpunkt, an dem die Kosten eingespielt werden) in 3 Jahren erreichen wird, ist offen. Christian Forsthoff kommen angesichts „der mit wenig Esprit und platten Witzen dahin dümpelnden Handlung“ zumindest Zweifel.
Zehn Tage vor der geplanten Abstimmung über die Novellierung des Kulturraumgesetzes beginnt die lvz eine Interview-Reihe mit Leipziger Landtagsabgeordneten, die im Ausschuss für Wissenschaft, Hochschule, Kultur und Medien sitzen und einen entscheidenden Einfluss auf das Stimmverhalten ihrer Abgeordnetenkollegen haben. Holger Mann (SPD) stimmt „Entschieden nein“. Begründung: Die Novellierung des Kulturraumgesetzes sei verfassungswidrig. Die verlässliche Basis für die Einrichtungen, die ursprünglich beabsichtigt und auch im Gesetz verankert sei, sei mit der „Kürzung durch die Hintertür“ nicht mehr gegeben. Weiter kritisiert Mann, dass die Kürzung schon zum 1.1.2011 erfolgen soll und gleichzeitig die Mehrkosten für die Dresdner Institutionen ausgleichen solle. Von den Steuermehreinnahmen seien auch die Bereiche Kultur, Soziales und Bildung ausgespart worden, dies würde hohe Folgekosten nach sich ziehen und gleichzeitig viele Sachsen Zukunftschancen rauben.
Genau genommen, werden Herr Schirmer, die Opernsänger und das Orchester aber eher nur von ca. 15% vom Publikum bezahlt, so gering sind im Verhältnis die Eigeneinnahmen. Größter Geldgeber bleibt der anonyme Steuerzahler. Und was die Geldgeber unter "an ihr Publikum zu richten" verstehen, ist schwer zu sagen. Vielleicht müssen sie die Wahrheiten, die sie in der Partitur entdecken, auch mal nicht nur zur Freude des größtenteils an Traditionen orientierten Publikums freischaufeln, an das sie sich gleichwohl richten?
Büchnerpreisträger Reinhard Jirgl liest in der Handelsbörse vor halbleerem Haus aus seinem jüngsten Roman "Die Stille". Ob die Fans fehlen, die schon immer ihren Autor einmal aus der Nähe sehen, erleben wollen? Aktueller Büchnerpreisträger zu sein, reichte gestern jedenfalls nicht aus. Ist Jirgl vielen Lesern zu schwierig? Sind es die Episoden aus der deutschen Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts, die viele nicht mehr lesen wollen? Schrecken die typografischen Besonderheiten seiner gedruckten Texte ab? Fehlt es ihm an medialer Aufmerksamkeit?
Janina Fleischer zumindest bedauert all jene, die nicht erschienen sind, schwärmt von "Erlebnislandschaften unter den Wortoberflächen" (klingt fatal nach "Freizeitparks", aber unkommerziell). Eine an Arno Schmidt erinnernde Interpunktion, die Rhythmus und Betonungen der Texte strukturiert, lässt schon das stille Lesen, ohne öffentlichen Vortrag, zu einem Hörerlebnis werden. Unglaubliche, niegehörte "Tiefendimensionen" würden erkennbar, wenn Jirgl "den Leib der deutschen Sprache öffne", schreibt der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Klaus Reichert. Die Vater-Sohn-Geschichte selbst scheint hinter der Sprachmächtigkeit zurückstehen zu müssen, immerhin "nimmt sie gefangen", wie Fleischer schreibt.
Der "Küchenporsche" sei derzeit in, da käme kein tiefergelegter Straßen-Porsche mehr dran, meint "ausgepresst"-Autor(in) mf. Und mit ihm/ihr die Tester des "Roten Punkts" für Industriedesign im Red Dot Design Museum Essen. Preislich eher gleich, sprächen nicht nur die geringeren Parkplatzsorgen und die an ein Maschinengewehr erinnernde sexy Bezeichnung P7340 für das Porschedesign der schicken Dunstabzugshaube. Einzige Nachteile: Tieferlegen sollte man die dann nicht, nachher passt kein Kochtopf auf das Induktionsfeld. Also bitte nicht verwechseln! Und: Darf man wirklich bei technischen Problemen am E-Herd oder Spülrohr einen Klempner zur unausgelasteten Frau ins Haus lassen, schließlich seien die fast schon im Ruch, sexueller Dienstleister zu sein. Vielleicht sollte es mann bei E-Herd, Dunstabzugshaube & Co. doch mit dem Elektriker versuchen, die stehen für derlei pornografische Fantasien bisher nicht zur Verfügung - und böten vielleicht sogar Gewähr, dass in der Küche künftig wieder Funken schlügen.
Hat Dogan Akhanli 1989 eine Wechselstube überfallen und ist (mit-)verantwortlich für den Tod des damaligen Besitzers? Oder übt die türkische Justiz Rache an einem unbequemen linken Autor, der es sich mit türkischen Behörden wegen seiner Veröffentlichungen zu den umstrittenen Morden der Türken an den Armeniern verscherzt hat? Carsten Hoffmann schreibt, dass der türkischstämmige, heute deutsche Autor, bei seiner Anfang August erfolgten Einreise in die Türkei festgenommen wurde und ab Mittwoch auf der Anklagebank sitzen wird. Die Beweise gegen ihn sollen auf einer unter Folter erpressten Aussage beruhen sowie einer vom Sohn des damals Getöteten heute bestrittenen und zurückgewiesenen angeblichen Aussage, er hätte Akhanli damals wiedererkannt. Akhanli war bereits in den Achziger Jahren inhaftiert, weil er wegen des Militärputsches von 1980 in den Untergrund gegangen war und die Regierung bekämpft hatte. Akhanlis Projekte, „für einen offenen Umgang mit historischer Gewalt und für Versöhnung“ haben dem Autor in Deutschland mehrere Preise eingetragen.
Bereits Ende November hat die türkische Justiz durch das Urteil gegen die in Berlin lebende Schriftstellerin Pinar Selek, die letztinstanzlich zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, Aufsehen erregt. Auch bei diesem Urteil wurden unter Folter erpresste Aussagen zur Grundlage genommen und lag der Verdacht auf eine Abrechnung mit einer politisch missliebigen Autorin nahe.
Die Besucherzahlen am New Yorker Broadway und am Londoner West End, den führenden Musical-Märkten der Welt, gehen zurück, in Deutschland musste jüngst das Essener Colosseum-Theater schließen. Doch die Musicalveranstalter Stage Entertainment und Mehr! Entertainment wollen weitere Musicaltheater in Hamburg errichten. SE bereits ihr viertes in Hamburg, und M!E ebenfalls ein neues. Das Musical „Sister Act“, das SE in Koproduktion mit Whoopi Goldberg produziert hat, feierte soeben seine Deutschlandpremiere. In London ist es bereits herausgekommen, New York folgt. Der Deutschland-Chef des weltgrößten Musicalveranstalters setzt mit „Sister Act“ erstmals auf eine Eigenproduktion. Die kostet zwar etliche Millionen € Entwicklungskosten (ca. 5-6 Mio € bei „Sister Act“, geschätzte 10-20 Mio € beim geplanten Beatles-Musical), spart aber die sonst fälligen 15% Lizenzkosten vom Einspielerlös. Ob die Produktion den sogenannten Break Even (Zeitpunkt, an dem die Kosten eingespielt werden) in 3 Jahren erreichen wird, ist offen. Christian Forsthoff kommen angesichts „der mit wenig Esprit und platten Witzen dahin dümpelnden Handlung“ zumindest Zweifel.
Zehn Tage vor der geplanten Abstimmung über die Novellierung des Kulturraumgesetzes beginnt die lvz eine Interview-Reihe mit Leipziger Landtagsabgeordneten, die im Ausschuss für Wissenschaft, Hochschule, Kultur und Medien sitzen und einen entscheidenden Einfluss auf das Stimmverhalten ihrer Abgeordnetenkollegen haben. Holger Mann (SPD) stimmt „Entschieden nein“. Begründung: Die Novellierung des Kulturraumgesetzes sei verfassungswidrig. Die verlässliche Basis für die Einrichtungen, die ursprünglich beabsichtigt und auch im Gesetz verankert sei, sei mit der „Kürzung durch die Hintertür“ nicht mehr gegeben. Weiter kritisiert Mann, dass die Kürzung schon zum 1.1.2011 erfolgen soll und gleichzeitig die Mehrkosten für die Dresdner Institutionen ausgleichen solle. Von den Steuermehreinnahmen seien auch die Bereiche Kultur, Soziales und Bildung ausgespart worden, dies würde hohe Folgekosten nach sich ziehen und gleichzeitig viele Sachsen Zukunftschancen rauben.
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Samstag, 30. Oktober 2010
lvz kultur vom 30.10.10: Kulturraumgesetz, documenta 2012, Ezra Pound & Leila Josefowicz
Ein Rechtsgutachten im Auftrag von Oper Leipzig, Gewandhaus und Centraltheater und zum Preis von 10.000 € bestätigt dessen Auftraggebern deren Vorbehalte gegen die Rechtsstaatlichkeit der Novellierung des Kulturraumgesetztes Sachsen. In dem Gesetz, das am 15.12.2010 verabschiedet werden soll, geht es insbesondere um die Herauslösung der Landesbühnen Sachsen aus den Landesaufgaben, die fortan zur Hälfte aus den Geldern der acht Kulturräume bezahlt werden sollen. Es geht um mehr als 7 Mio € Mindereinnahmen, 2,5 Mio € beträfen die Stadt Leipzig. Karltheodor Hutter, Sprecher des sächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur (SMWK) gibt sich nach außen gelassen und meinte, ein Jurist sei bereits zur gegenteiligen Einschätzung als der des renommierten Staats- und Kommunalrechtlers Ossenbühl gekommen. Dahinter steckt wohl Zweckoptimismus, denn im gleichen Atemzug geht Hutter davon aus, "dass im Zuge des parlamentarischen Verfahrens finanziell noch "deutlich" nachgebessert werde, wie Peter Korfmacher zu berichten weiß. Alles andere als eine substanzielle Aufstockung der Kulturraumgelder wäre im Falle einer Herauslösung der LBS aus den Landesaufgaben tatsächlich nicht nachvollziehbar. Kurzfristige Einsparungen in sechsstelliger oder gar Millionenhöhe bei den Leipziger Flaggschiffen der Hochkultur, die als Konsequenz bisher drohen, würden das Programm wie das Image der Institute deutlich und wohl unwiederruflich beschädigen. Gewandhausdirektor Schulz fragt, ob er denn Anfang kommenden Jahres einfach 30 Seiten aus dem dann bereits gedruckten Spielzeitheft 11/12 "herausreißen solle"?
Einer hat darauf definitiv keine Antwort: Kulturdezernent Michael Faber, der derzeit Urlaub in Paris macht. Wie Korfmacher weiß, ohne Handy.
Die 13. documenta 2012 in Kassel wird ohne übergreifendes Motto stattfinden. Die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev will die wichtigste deutsche Kunstschau stattdessen "an das digitale Zeitalter und ihre unzähligen Netzwerke anknüpfen". Sogar die Kunstausstellung selbst werde in Frage gestellt. In "Zeiten drahtloser Kommunikation könne sie als anachronistische Erfahrung des 20. Jahrhunderts empfunden werden". Christov-Bakargiev strebt eine Vernetzung der Kunst mit den Feldern von Migration und Quantenphysik an, es seien Projekte zu "Fragen zum Leben in modernen Gesellschaften" geplant. Berater für die Auswahl der ca. 100 einzuladenden Künstler seien u.a. ein Physiker, ein Schriftsteller, ein Immunologe und ein Denkmalpfleger.
Ulf Heise berichtet über den 125-jährigen Geburtstag des großen und politisch umstrittenen Lyrikers Ezra Pound. Der Amerikaner Pound galt als Anhänger Mussolinis und Hitlerverehrer, wurde von italienischen Partisanen gefangengenommen, an die amerikanische Soldaten übergeben und schließlich als unzurechnungsfähig in die Psychiatrie eingewiesen. Als "gefangenen Löwe" haben ihn Besucher empfunden. Er selbst habe später sein"spießbürgerliches Vorurteil des Antisemitismus" als seinen schlimmsten Fehler bezeichnet und arrangierte sich mit "seinem selbstverschuldeten Auf und Ab". Pound, der zu den genialsten Lyrikern der Moderne" zählt, sagte dazu knapp: "Schönheit ist schwierig."
Beim jüngsten Großen Concert, u.a. mit Werken des russischen Komponisten Sergej Prokofjew, war Jungstar und "schöne junge Frau" Leila Josefowicz als Soloviolinistin zu Gast im Gewandhaus. Charlotte Schrimpf sah am Ende des ersten Satzes des Violinkonzerts noch vielsagende irritierte Blicke im Zuschauerraum. "So scharf? So schneidend? Gehört (sich) das so?" Die gebürtige Kanadierin will die "feinen Flötenphrasen und immateriellen Tremoli" "aufschlitzen, zerfetzen". Dirigent George Pehlivanian lässt das Orchester gewähren, Josefowicz "verzieren", bis Solistin, Orchester und Publikum doch noch zu einem gemeinsamen Orgasmus finden: "Als schließlich ihr D in den Obertönen mit Streichern und Flöten verschmilzt, fehlt im Saal eigentlich nur das Seufzen".
Einer hat darauf definitiv keine Antwort: Kulturdezernent Michael Faber, der derzeit Urlaub in Paris macht. Wie Korfmacher weiß, ohne Handy.
Die 13. documenta 2012 in Kassel wird ohne übergreifendes Motto stattfinden. Die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev will die wichtigste deutsche Kunstschau stattdessen "an das digitale Zeitalter und ihre unzähligen Netzwerke anknüpfen". Sogar die Kunstausstellung selbst werde in Frage gestellt. In "Zeiten drahtloser Kommunikation könne sie als anachronistische Erfahrung des 20. Jahrhunderts empfunden werden". Christov-Bakargiev strebt eine Vernetzung der Kunst mit den Feldern von Migration und Quantenphysik an, es seien Projekte zu "Fragen zum Leben in modernen Gesellschaften" geplant. Berater für die Auswahl der ca. 100 einzuladenden Künstler seien u.a. ein Physiker, ein Schriftsteller, ein Immunologe und ein Denkmalpfleger.
Ulf Heise berichtet über den 125-jährigen Geburtstag des großen und politisch umstrittenen Lyrikers Ezra Pound. Der Amerikaner Pound galt als Anhänger Mussolinis und Hitlerverehrer, wurde von italienischen Partisanen gefangengenommen, an die amerikanische Soldaten übergeben und schließlich als unzurechnungsfähig in die Psychiatrie eingewiesen. Als "gefangenen Löwe" haben ihn Besucher empfunden. Er selbst habe später sein"spießbürgerliches Vorurteil des Antisemitismus" als seinen schlimmsten Fehler bezeichnet und arrangierte sich mit "seinem selbstverschuldeten Auf und Ab". Pound, der zu den genialsten Lyrikern der Moderne" zählt, sagte dazu knapp: "Schönheit ist schwierig."
Beim jüngsten Großen Concert, u.a. mit Werken des russischen Komponisten Sergej Prokofjew, war Jungstar und "schöne junge Frau" Leila Josefowicz als Soloviolinistin zu Gast im Gewandhaus. Charlotte Schrimpf sah am Ende des ersten Satzes des Violinkonzerts noch vielsagende irritierte Blicke im Zuschauerraum. "So scharf? So schneidend? Gehört (sich) das so?" Die gebürtige Kanadierin will die "feinen Flötenphrasen und immateriellen Tremoli" "aufschlitzen, zerfetzen". Dirigent George Pehlivanian lässt das Orchester gewähren, Josefowicz "verzieren", bis Solistin, Orchester und Publikum doch noch zu einem gemeinsamen Orgasmus finden: "Als schließlich ihr D in den Obertönen mit Streichern und Flöten verschmilzt, fehlt im Saal eigentlich nur das Seufzen".
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