Vielen Dank, Frau Steiner, für Ihre Arbeit in der GfZK! Die kluge und beharrliche Ernsthaftigkeit, mit der Sie Ihre Ziele und Ansichten vertreten und sich nicht wichtiger nehmen als für die Dinge gut ist, hat manchem in der Kultur Leipzigs imponiert. Dafür spricht auch das Interview, das Sie mit lvz redakteur Jürgen Kleindienst geführt haben.
Barbara Steiners Sicht, dass auch die Stadt von Zeit zu Zeit eine neue Herausforderung und neues Nachdenken in Hinsicht auf ihre Institutionen brauche, ist ungewöhnlich genug. Aber solange sie Leiterin der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig war, hat sie dies auch selbst geboten. Denn einfach zu sein, hat sie den Leipzigern nie versprochen. Auch wenn ihr „eine Art Abgehobenheit“, als die sie „elitär zu sein“ begreift, nicht gefällt. Sie wolle nicht zusätzlich zur Spaltung der Gesellschaft beitragen. Dem hat sie entgegengewirkt in ihrer täglichen Arbeit, indem das GfZK mit vielen Projekten raus aus seinem Kunsttempel in der Tauchnitz-Straße ging. In die Kleinstädte der Region, sogar nach Nordafrika, und – fast noch weiter entfernt – in die Kindergärten.
Auf Leipzig angesprochen, meint Barbara Steiner, dass der Kulturpolitik nicht nur überzeugende Konzepte fehlten, sondern vor allem ein neues Denken, wie die Institutionen in Krisen betrieben werden können. Dabei machte eine handfeste Krise kreativ - oder man gehe unter. Das Klammern an alte Rezepte, verbunden mit einer Vogel-Strauss-Politik „ist die eigentliche Krise“, sie führe zu Inaktivität. Von Seiten der Politik zu erwarten, dass mit immer weniger Geld das gleiche erzeugt werden könne, trage allerdings zum Dilemma bei. Als wegweisend in seiner Arbeit empfindet Steiner etwas das Forum zeitgenössische Musik oder die DOK Leipzig, aber auch die GfZK selbst.
Mark Daniel kann es immer noch nicht fassen. Nein, nicht, dass das zeitweise Mitglied von Thin Lizzy, Gary Moore, 58-jährig gestorben ist, sondern schlicht dessen Gitarrenspiel selbst. Mit dem habe er insbesondere live „pure Fassungslosigkeit“ erzeugte. Moore, der zu Thin Lizzy's Kopf Phil Lynott ein enges Verhältnis hatte, brachte besonders durch seine überraschenden musikalischen Kehrtwendungen und Neuorientierungen viele seiner Musikerkollegen ins Grübeln. Sein Wechsel vom Rock- ins Bluesfach etwa hatte bei manchen sogar Verratvorwürfe laut werden lassen. Lynotts Tod hatte Moore selbst sehr mitgenommen. Jetzt, anlässlich seines eigenen Tods, so kalauert Daniel, bekämen etliche seiner Rocker-Kollegen doch den Blues. Daniel tröstet sich mindestens selbst damit, dass bei der Vorstellung, im Himmel käme es zu einer Wiedervereinigung der beiden Musiker, dort wohl die Hölle los sei dürfte.
Erich Loest räumt weiter auf. In seinem Furor rechnet der 85-Jährige nun mit Schriftstellerkollegin Christa Wolf ab, wie die dpa vermeldet. Wolf gehörte gerade nicht zu denjenigen, die in der DDR „nicht mehr mitgespielt hätten“, sondern im Gegenteil noch 1989 zu den „engagiertesten“ Vertretern für ein „Weiterbestehen der DDR“. Er selbst, der bekennt, bis zuletzt „glühender Nazi“ gewesen zu sein, wirft nun allen an „rote Utopien und Mythen“ Glaubende „religiösen Fundamentalismus“ vor. Wann jemand anderer aus seiner Lebenserfahrung die richtigen Schlüsse ziehen müsse – und welche sind das? – ist aber schwer zu sagen. Den Besserwisser legen wir Deutschen halt ungern ab. (Ohne diese Rechthabereien gäbe es vermutlich auch dieses Blog nicht schon so lange.) Vielleicht hat sogar Christa Wolf manchen treuen Kommunisten oder manche treue Kommunistin oder sogar Mitläufer erst zum Nachdenken über die DDR gebracht? Vielleicht steht ja in Loests demnächst erscheinendem Tagebuch genauer, warum die Wolf wegen ihres politischen „Glaubens“, was denn eigentlich sonst?, angezählt werden müsse.
Fast hätte Janina Fleischer mit der Autorität des ältesten Gewerbes der Welt alle im poetry-slam den Weltgeist überwintern-Glaubenden ein Kondom über die nassforsche Spätpubertät gezogen. Doch so alt ist „der Literaturbetrieb“ dann doch wieder nicht. Dennoch, die Verlautbarung des Slammers Ko Bylanzky, „junge Leute für Kultur zu interessieren und an Sprache heranzuführen“, verbunden mit der vergifteten Spitze, der Slammer sei „authentischer“ als der Poet (Spitzweg!) bei „klassischen Lesungen“, klingt tatsächlich etwas modisch selbstüberzeugt. Ob Janina Fleischer in „ausgepresst“ mit ihrem Spott den Bogen nicht etwas überspannt? Immerhin haben die Slammer unter den Poeten tatsächlich ein paar Jahrhunderte mehr Tradition auf dem Buckel als die verbürgerlichte romantische Dichterseele. War denn nicht der Rhapsoden-Wettstreit Homer gegen Hesiod der erste verbürgte Poetry Slam der Kulturgeschichte? Da braucht Fleischer gar nicht erst angeberisch anzubringen, dass Cornelia Funke oder David Kehlmann noch etwas zeitgemäßer als die Slammmer seien, schließlich läsen beide bereits nur noch Playback! Was übrigens auch Fleischer noch nicht restlos überzeugte, denn sie fragt berechtigterweise, warum die denn nicht schon Karaoke-Lesungen abhielten? Fast schade um diese kleinen Eifersüchteleien. Aber vielleicht erleben wir ja dieses Jahr zur Buchmesse am lvz forum noch eine Überraschung.
Ulf Heise hat Margriet de Moors neuen Roman „Der Maler und das Mädchen“ gelesen. Mehr, als eine Stimmung erzeugt zu haben, „die einen die dramatischen historischen Momente förmlich atmen lassen“ (was ist Helmut Kohls Mantel der Geschichte gegen diese Formulierung?), wäre ihr allerdings nicht geglückt. Der Roman verbindet die Geschichte des alternden, im Alter erfolglos werdenden Rembrandt („Maler“) mit der einer jungen Frau, die von Dänemark nach Amsterdam auswandert, auf der Suche nach Arbeit und Leben, und die in einen Streit hineingezogen wird, der mit Totschlag endet. Und darauf mit der Hinrichtung der Elsje, des „Mädchens.“ Das heißt, es verbindet diese beiden Geschichten oder Stränge eben nicht. Genau das ist Heises Vorwurf an die Autorin, dass sie nur parallel liefen, sich kaum berührten. Außerdem passe ihr Stil, der zwar das Idiom beherrscht, aber zu Manierismen neige, nicht zur Schilderung des Lebens der Elsje.
Das Stelldichein deutscher Filmgrößen in der Münchner Michaelskirche, auch Abschied von Bernd Eichinger genannt, sei würdevoll gewesen, berichtet Ralf Isermann. Tykwer, der eine der Trauer-Ansprachen hielt, merkte in einer Inszenierungsanalyse an, E.s plötzlicher Tod hätte „wie ein falscher Schnitt“ gewirkt. Aber „vielleicht hätte Eichinger genau dies gewollt.“ Filmakademie-Präsident Rohrbach merkte in seiner „bewegenden“ Rede an, die Todesnachricht sei „ein eiskalter Schlag wie mit dem Fallbeil“ geworden. Er hätte sich von Eichinger „wenigstens ein Zeichen, ein diskretes Signal auf seinen bevorstehenden Tod“ gewünscht. Nach zwei Stunden wurde zum Beatles-Hit „Let it be“ die Urne aus der Kirche geleitet, die Trauergemeinde zum Leichenschmaus in den Kaisersaal der Münchner Residenz geführt, bevor die „engsten“ Gefährten „noch einen Abschiedstrunk bei Schumann's am Odeonplatz“ zu sich nehmen wollten. Das hätte Eichinger wohl wirklich gefallen.
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Dienstag, 8. Februar 2011
Montag, 31. Januar 2011
lvz kultur vom 31.1.11: Dschungelcamp macht faschistoid. Stumph. Braunfels. Academixer.
Die Rubrik „lvz feiert Geburtstag“ hat diesmal einen 65. und einen 90. zu bieten. Dazu ein dpa-Bericht über eine Trauerfeier, selbstverständlich der RTL-Dschungelkönig – nein, nicht auf den Medienseiten – , ein Film mit Sujet aus der DDR und – immerhin – eine Opernausgrabung in Gera/Altenburg.
Die 65 gehört zu „Volksschauspieler“ Wolfgang Stumph. Der souveräne, von Ironie getränkte Artikel von René Römer (chapeau!), der allerdings später rein im Biografischen verbleibt, mündet in der Anerkennung, Stumph habe eine Marke aus seiner Person gemacht. Und das nicht einmal zu Unrecht, denn zum einen hat er sich nie nur aus Marketinggründen ein besonderes Image (und auch keinen Manager) angeeignet, und zum zweiten, weil er eben ein phänomenaler Darsteller seiner eigenen Person gewesen ist, der die Namen seiner Figuren - in Alliteration zu seinem Namen – möglichst mit „St“ anfangen ließ: Strunz, Stubbe, Stankoweit, Steinhoff, Stahnke usw. Römer sieht in der Namenswahl sogar „die Identifikation mit den Problemen, Nöten und Gefühlen seines Publikum“ und resümiert: „Stumph amüsiert ganz Deutschland, wird zum Star, indem er einer aus dem Volk bleibt.“ Das zählt für den lvz redakteur mehr als sein Spiel selbst, an dem „Kritiker gelegentlich mäkeln“. Der als Amateur zum Kabarett gekommene Dresdner, der anschließend die Schauspielschule Ernst-Busch in Berlin besuchte, ist kurioserweise durch Indianerfiguren in Butterpäckchen aus dem Westen auf den Geschmack gekommen.
In ihrer Berichterstattung über das RTL Dschungelcamp kommt Nina May zu dem Schluss, man könne „nach zwei Wochen doch sagen: Ein leider sehr menschliches Verhaltensmuster ließ sich beobachten, die Entstehung von faschistoiden Systemen und Unterdrückung von Andersdenkenden.“ Sie meint die „Lektion in Sachen Mobbing für Fortgeschrittene“, nach der Sarah Knappik „freiwillig“ aus dem Camp gegangen worden ist. An der Hetze beteiligten sich nur der früh ausgeschiedene Rainer Langhans nicht, und ebensowenig der durch „Tränen und „kauzig-tollpatschige Art überzeugende“ spätere Sieger Peer Kusmagk. May warf RTL zudem vor, „durch die Auswahl der Beiträge“ wäre „ganz eindeutig die Wirklichkeit manipuliert“ worden. Dass diese Wirklichkeit selbstverständlich eine inszenierte gewesen ist, betonte May dann aber ebenfalls. Da eine Inszenierung von „Manipulation“ lebt, bzw. von ausgewählten, selektiven, konstruierten Bildern mit einem bestimmten Ziel, bleibt allerdings unklar, worin ihr Vorwurf liegt.
Der im Leben wegen angeblicher Kommerznähe häufig missgünstig behandelte und um seine Anerkennung gebrachte Filmemacher und Produzent Bernd Eichinger, hat im Tod plötzlich nur noch Freunde. So setzten am Wochenende laut dpa 35 Filmschaffende jeweils halbseitige Todesanzeigen in überregionale Zeitungen („Wir haben einen Freund verloren“).
In der Glosse „ausgepresst“ schreibt Nina May über „die unverstandenen Künstler“, bzw. darüber, dass ihr Publikum zu seinem eigenen Wohle von den Kunstwerken ferngehalten werden müsse. Das betrifft den Chinesen Ai Weiwei und dessen 200 Millionen Sonnenblumenkerne in der Londoner Tate Gallery (der Bleigehalt der Porzellankerne sei zu hoch), aber auch einen namenlos bleibenden Plastiker aus Rumänien, dessen im Straßburger Europa-Parlament ausgestellten Werke den angestrebten Beitritt Rumäniens zur grenzkontrollfreien Schengen-Zone „negativ beeinflussen“ könnten – und daher „zurückgezogen“ würden.
Zuletzt hatten zum Beispiel Marcel Walldorfs Plastk „Pinkelnde Polizistin“ in Dresden, aber auch Jan Liedkes Inszenierung „Ultras“ in Halle/Saale Politiker (darunter Sachsens Innenminister und Halles Oberbürgermeisterin) zu teils sehr heftigen Reaktionen veranlasst.
Annett Gehler schreibt über Dreharbeiten zum Film „Sushi in Suhl“, in dem die Geschichte des einzigen japanischen Restaurants in der DDR verfilmt wird. Das privat betriebene Restaurant wurde von DDR-Oberen dazu genutzt, japanische Wirtschaftsdelegationen, Promis und verdiente Genossen zu verköstigen. Normalbürger warteten bis zu zwei Jahre auf einen Platz in dem Restaurant.
Walter Braunfels' 1913 geschriebene Oper „Ulenspiegel“ ist am Theater Gera/Altenburg reanimiert worden. Peter Korfmacher schrieb über eine Aufführung, die vom Publikum „mit ungeteiltem Jubel“ bedacht wurde. Braunfels' Musik sei „sinnlich, gut, dramatisch, im „reizvollen Niemandsland zwischen Wagner-Epigonentum, Strauss-Konkurrenz und eigener Moderne“ angesiedelt. Leider bleibt Korfmacher etwas dürftig darin zu beschreiben, worum es sich bei der Oper überhaupt handelt. Außer, dass der als Schalk bekannte Eulenspiegel „zum tragischen Freiheitskämpfer im spanische-niederländischen Krieg“ gemacht wird, erfährt man weder etwas zur Geschichte und warum die Oper möglicherweise vergessen wurde, noch über die Inszenierung Matthias Oldags, außer dass sie „eindrucksvolle Bilder“ fände für die „Beziehungen zwischen den Hauptfiguren“. Auch über die Wiederentdeckung Braunfels' anderenorts hört man bei Korfmacher wenig, zumindest nicht darüber, was dessen Opern für die heutige Zeit zu sagen haben. Dem lvz redakteur reicht der kulinarische Anteil der Musik als Begründung und mäkelt allein an manchen Sängern und vor allem am Dirigenten Jens Tröster („man hört seinem Orchester die Schwierigkeiten der Partitur allzu ungeschönt an“, Unzulängliches geschähe im Graben „mehr, als eine Ausgrabung verträgt“).
Über den Schweizer Dichter (und Pfarrer) Kurt Marti schreibt Peter Mohr. Der als „Dreiviertelkommunist“ beschimpfte Dichter verlor sogar einen in Aussicht stehenden Lehrstuhl wegen seiner „unangepassten Querdenkerei“ im Sinne von „Zivilcourage und aufklärerischer Nächstenliebe“. Eines seiner Gedichte endet mit den Versen: „Liebe Gemeinde/ wir befehlen zuviel/ wir gehorchen zuviel/ wir leben zu wenig.“
Mark Daniel schreibt über das neue Programm der Academixer, in dem neue Darsteller (Thorsten Giese, Angela Schlabinger, Stefan Bergel) das bekannte Stammpersonal ergänzen und ein „neues Profil eine jüngere Klientel“ anlocken soll. Die „Spielidee“ des Programms sei, dass die Mauer zur anderen Seite „gefallen“ und der Westen dem Osten beigetreten sei. Daniel lobt, dass „die Realität mittels Absurdem oder einem Gegenentwurf auf eine kunstvolle Ebene“ gehoben würde (dass das Publikum zum Skandieren von Parolen „genötigt“ würde, gehört für Daniel nicht dazu), leider schwächeln nach der Pause die Texte, entweiche dem Stück „die Luft“. Insgesamt würden wohl „ein paar Schritte Richtung Neuorientierung“ getan, „zur Unterhaltung, die auch gehobene Satire bietet, sei es allerdings ein weiter Weg.“
Gesa Vollands Tanztheater „Coppe Lia“, das im Lofft Premiere hatte, beschreibt Steffen Georgi als „episodische Reflexion darüber, was mechanisch und menschlich – und darüber, was schön“ sei. Darüber, dass es „natürliche Schönheit“ nicht gebe, sondern immer ein Konstrukt und etwas Künstliches sei, hätte schon Dolly Parton Entscheidendes gesagt. Die sieben Tänzer, drei von ihnen im Rollstuhl, agierten mit „unprätentiöser Selbstverständlichkeit“, wenn auch stellenweise „ohne Biss“, und manche Textpassage vom Band wirke „auf Dauer etwas verplappert“. Dennoch entdeckte Georgi auch „perfide Schönheit“, wenn eine Tänzerin die Spasmen eines der Rollstuhlfahrer in ihren Bewegungen fortsetze, diese also „spielt. Eine heikle Szene, die aufgeht, weil ihr alles Schrille fehlt.“ Und – so schließt Georgi hübsch paradox – auch, weil auf dieses Bild ein „tolles, berührendes“ Schlussbild folge, das „natürliche Schönheit“ zeige. „Auch, wenn es die gar nicht gibt.“
Ulrich Milde berichtet im Lokalen, dass die Stadt wie angekündigt eine Klage gegen die Novellierung des Kulturraumgesetzes vorbereitet. Reichlich distanziert verweist Milde auf die Wahrscheinlichkeit, mit der die Einreichung die Hürde des Leipziger Stadtrats passieren wird sowie die Kosten von ca. 20.000 Euro. Und auch darauf, dass der Leipziger Landtagsabgeordnete Robert Clemen noch einmal darauf verweise, dass Leipzig „trotz der Reduzierung mit 29 Mio Euro den Löwenanteil der gesamten Kulturraumförderung Sachsens von 85 Mio Euro“ erhalte. Was, wie auch längst in der lvz zu lesen war (11. Januar), nur eine äußerst einseitige Version der Wahrheit darstellt. Denn Dresden als andere sächsische Großstadt erhält Landesmittel für die in Dresden befindlichen Kunsteinrichtungen in Höhe von weit über der doppelten Summe wie Leipzig und annähernd so viel wie die Kulturräume insgesamt. Da Semperoper, Kunstsammlungen und anderes aber als Landesinstitute direkt aus dem Sächsischen Landeshaushalt gezahlt werden – die dieses Jahr nicht gekürzt, sondern um etliche Millionen erhöhte Zuschüsse erhalten! - und nicht via Kulturräume, kann Clemen so tun, als würde Leipzig weiterhin große Segnungen aus Dresden erfahren. Perfide.
In seinem „Standpunkt“ schreibt Ulrich Milde dazu, dass in Leipzig nur über die verringerten Zuweisungen aus den Kulturraumgeldern geredet würde und nicht über die eine Million Euro, die Leipzigs Kultur im kommenden Jahr einsparen müsste. Während die geringeren Kulturraumgelder „ans Überleben der Kultur“ (S. Hartmann) gingen, würde über die Leipziger Sparmaßnahmen von Seiten der Hochkultur geschwiegen, die Klage gegen Dresden stelle mithin ein Ablenkungsmanöver dar. Nun ist der verringerte Kulturraumzuschuss kein Sparbeitrag, als den ihn Milde erscheinen lassen möchte, sondern entsteht durch die Auslagerung der Landesbühnen Sachsen in die Kulturräume bei gleichzeitiger Anhebung der Etats für Oper Dresden, Kunstsammlung und anderes mehr in Millionenhöhe (!). Also eine einseitige Bevorzugung von Dresdens Kultur zuungunsten der Leipziger und der der restlichen sächsischen. Andererseits ist bei der Leipziger Kürzung noch überhaupt nicht abzusehen, wo gekürzt wird, außer beim Naturkundemuseum. Und dass Leipzig das Wasser bis Hals steht, weiß sicher jede ihrer Einrichtungen. Leipzigs geplante Kürzungen, sofern sie denn kommen, wären daher von ganz anderer Glaubwürdigkeit.
Dass Milde sogar mit einer Kampagne droht, wenn Leipzigs Kultureinrichtungen nicht „mehr als bisher auf die Wünsche der Bevölkerung eingehen“ ist die zweite massive Angriffserklärung: „Denn sonst fangen die Debatten an, ob es nicht sinnvoller ist, eine Schule oder Straße zu sanieren, anstatt jede Opernkarte mit über 200 Euro zu subventionieren.“
Die 65 gehört zu „Volksschauspieler“ Wolfgang Stumph. Der souveräne, von Ironie getränkte Artikel von René Römer (chapeau!), der allerdings später rein im Biografischen verbleibt, mündet in der Anerkennung, Stumph habe eine Marke aus seiner Person gemacht. Und das nicht einmal zu Unrecht, denn zum einen hat er sich nie nur aus Marketinggründen ein besonderes Image (und auch keinen Manager) angeeignet, und zum zweiten, weil er eben ein phänomenaler Darsteller seiner eigenen Person gewesen ist, der die Namen seiner Figuren - in Alliteration zu seinem Namen – möglichst mit „St“ anfangen ließ: Strunz, Stubbe, Stankoweit, Steinhoff, Stahnke usw. Römer sieht in der Namenswahl sogar „die Identifikation mit den Problemen, Nöten und Gefühlen seines Publikum“ und resümiert: „Stumph amüsiert ganz Deutschland, wird zum Star, indem er einer aus dem Volk bleibt.“ Das zählt für den lvz redakteur mehr als sein Spiel selbst, an dem „Kritiker gelegentlich mäkeln“. Der als Amateur zum Kabarett gekommene Dresdner, der anschließend die Schauspielschule Ernst-Busch in Berlin besuchte, ist kurioserweise durch Indianerfiguren in Butterpäckchen aus dem Westen auf den Geschmack gekommen.
In ihrer Berichterstattung über das RTL Dschungelcamp kommt Nina May zu dem Schluss, man könne „nach zwei Wochen doch sagen: Ein leider sehr menschliches Verhaltensmuster ließ sich beobachten, die Entstehung von faschistoiden Systemen und Unterdrückung von Andersdenkenden.“ Sie meint die „Lektion in Sachen Mobbing für Fortgeschrittene“, nach der Sarah Knappik „freiwillig“ aus dem Camp gegangen worden ist. An der Hetze beteiligten sich nur der früh ausgeschiedene Rainer Langhans nicht, und ebensowenig der durch „Tränen und „kauzig-tollpatschige Art überzeugende“ spätere Sieger Peer Kusmagk. May warf RTL zudem vor, „durch die Auswahl der Beiträge“ wäre „ganz eindeutig die Wirklichkeit manipuliert“ worden. Dass diese Wirklichkeit selbstverständlich eine inszenierte gewesen ist, betonte May dann aber ebenfalls. Da eine Inszenierung von „Manipulation“ lebt, bzw. von ausgewählten, selektiven, konstruierten Bildern mit einem bestimmten Ziel, bleibt allerdings unklar, worin ihr Vorwurf liegt.
Der im Leben wegen angeblicher Kommerznähe häufig missgünstig behandelte und um seine Anerkennung gebrachte Filmemacher und Produzent Bernd Eichinger, hat im Tod plötzlich nur noch Freunde. So setzten am Wochenende laut dpa 35 Filmschaffende jeweils halbseitige Todesanzeigen in überregionale Zeitungen („Wir haben einen Freund verloren“).
In der Glosse „ausgepresst“ schreibt Nina May über „die unverstandenen Künstler“, bzw. darüber, dass ihr Publikum zu seinem eigenen Wohle von den Kunstwerken ferngehalten werden müsse. Das betrifft den Chinesen Ai Weiwei und dessen 200 Millionen Sonnenblumenkerne in der Londoner Tate Gallery (der Bleigehalt der Porzellankerne sei zu hoch), aber auch einen namenlos bleibenden Plastiker aus Rumänien, dessen im Straßburger Europa-Parlament ausgestellten Werke den angestrebten Beitritt Rumäniens zur grenzkontrollfreien Schengen-Zone „negativ beeinflussen“ könnten – und daher „zurückgezogen“ würden.
Zuletzt hatten zum Beispiel Marcel Walldorfs Plastk „Pinkelnde Polizistin“ in Dresden, aber auch Jan Liedkes Inszenierung „Ultras“ in Halle/Saale Politiker (darunter Sachsens Innenminister und Halles Oberbürgermeisterin) zu teils sehr heftigen Reaktionen veranlasst.
Annett Gehler schreibt über Dreharbeiten zum Film „Sushi in Suhl“, in dem die Geschichte des einzigen japanischen Restaurants in der DDR verfilmt wird. Das privat betriebene Restaurant wurde von DDR-Oberen dazu genutzt, japanische Wirtschaftsdelegationen, Promis und verdiente Genossen zu verköstigen. Normalbürger warteten bis zu zwei Jahre auf einen Platz in dem Restaurant.
Walter Braunfels' 1913 geschriebene Oper „Ulenspiegel“ ist am Theater Gera/Altenburg reanimiert worden. Peter Korfmacher schrieb über eine Aufführung, die vom Publikum „mit ungeteiltem Jubel“ bedacht wurde. Braunfels' Musik sei „sinnlich, gut, dramatisch, im „reizvollen Niemandsland zwischen Wagner-Epigonentum, Strauss-Konkurrenz und eigener Moderne“ angesiedelt. Leider bleibt Korfmacher etwas dürftig darin zu beschreiben, worum es sich bei der Oper überhaupt handelt. Außer, dass der als Schalk bekannte Eulenspiegel „zum tragischen Freiheitskämpfer im spanische-niederländischen Krieg“ gemacht wird, erfährt man weder etwas zur Geschichte und warum die Oper möglicherweise vergessen wurde, noch über die Inszenierung Matthias Oldags, außer dass sie „eindrucksvolle Bilder“ fände für die „Beziehungen zwischen den Hauptfiguren“. Auch über die Wiederentdeckung Braunfels' anderenorts hört man bei Korfmacher wenig, zumindest nicht darüber, was dessen Opern für die heutige Zeit zu sagen haben. Dem lvz redakteur reicht der kulinarische Anteil der Musik als Begründung und mäkelt allein an manchen Sängern und vor allem am Dirigenten Jens Tröster („man hört seinem Orchester die Schwierigkeiten der Partitur allzu ungeschönt an“, Unzulängliches geschähe im Graben „mehr, als eine Ausgrabung verträgt“).
Über den Schweizer Dichter (und Pfarrer) Kurt Marti schreibt Peter Mohr. Der als „Dreiviertelkommunist“ beschimpfte Dichter verlor sogar einen in Aussicht stehenden Lehrstuhl wegen seiner „unangepassten Querdenkerei“ im Sinne von „Zivilcourage und aufklärerischer Nächstenliebe“. Eines seiner Gedichte endet mit den Versen: „Liebe Gemeinde/ wir befehlen zuviel/ wir gehorchen zuviel/ wir leben zu wenig.“
Mark Daniel schreibt über das neue Programm der Academixer, in dem neue Darsteller (Thorsten Giese, Angela Schlabinger, Stefan Bergel) das bekannte Stammpersonal ergänzen und ein „neues Profil eine jüngere Klientel“ anlocken soll. Die „Spielidee“ des Programms sei, dass die Mauer zur anderen Seite „gefallen“ und der Westen dem Osten beigetreten sei. Daniel lobt, dass „die Realität mittels Absurdem oder einem Gegenentwurf auf eine kunstvolle Ebene“ gehoben würde (dass das Publikum zum Skandieren von Parolen „genötigt“ würde, gehört für Daniel nicht dazu), leider schwächeln nach der Pause die Texte, entweiche dem Stück „die Luft“. Insgesamt würden wohl „ein paar Schritte Richtung Neuorientierung“ getan, „zur Unterhaltung, die auch gehobene Satire bietet, sei es allerdings ein weiter Weg.“
Gesa Vollands Tanztheater „Coppe Lia“, das im Lofft Premiere hatte, beschreibt Steffen Georgi als „episodische Reflexion darüber, was mechanisch und menschlich – und darüber, was schön“ sei. Darüber, dass es „natürliche Schönheit“ nicht gebe, sondern immer ein Konstrukt und etwas Künstliches sei, hätte schon Dolly Parton Entscheidendes gesagt. Die sieben Tänzer, drei von ihnen im Rollstuhl, agierten mit „unprätentiöser Selbstverständlichkeit“, wenn auch stellenweise „ohne Biss“, und manche Textpassage vom Band wirke „auf Dauer etwas verplappert“. Dennoch entdeckte Georgi auch „perfide Schönheit“, wenn eine Tänzerin die Spasmen eines der Rollstuhlfahrer in ihren Bewegungen fortsetze, diese also „spielt. Eine heikle Szene, die aufgeht, weil ihr alles Schrille fehlt.“ Und – so schließt Georgi hübsch paradox – auch, weil auf dieses Bild ein „tolles, berührendes“ Schlussbild folge, das „natürliche Schönheit“ zeige. „Auch, wenn es die gar nicht gibt.“
Ulrich Milde berichtet im Lokalen, dass die Stadt wie angekündigt eine Klage gegen die Novellierung des Kulturraumgesetzes vorbereitet. Reichlich distanziert verweist Milde auf die Wahrscheinlichkeit, mit der die Einreichung die Hürde des Leipziger Stadtrats passieren wird sowie die Kosten von ca. 20.000 Euro. Und auch darauf, dass der Leipziger Landtagsabgeordnete Robert Clemen noch einmal darauf verweise, dass Leipzig „trotz der Reduzierung mit 29 Mio Euro den Löwenanteil der gesamten Kulturraumförderung Sachsens von 85 Mio Euro“ erhalte. Was, wie auch längst in der lvz zu lesen war (11. Januar), nur eine äußerst einseitige Version der Wahrheit darstellt. Denn Dresden als andere sächsische Großstadt erhält Landesmittel für die in Dresden befindlichen Kunsteinrichtungen in Höhe von weit über der doppelten Summe wie Leipzig und annähernd so viel wie die Kulturräume insgesamt. Da Semperoper, Kunstsammlungen und anderes aber als Landesinstitute direkt aus dem Sächsischen Landeshaushalt gezahlt werden – die dieses Jahr nicht gekürzt, sondern um etliche Millionen erhöhte Zuschüsse erhalten! - und nicht via Kulturräume, kann Clemen so tun, als würde Leipzig weiterhin große Segnungen aus Dresden erfahren. Perfide.
In seinem „Standpunkt“ schreibt Ulrich Milde dazu, dass in Leipzig nur über die verringerten Zuweisungen aus den Kulturraumgeldern geredet würde und nicht über die eine Million Euro, die Leipzigs Kultur im kommenden Jahr einsparen müsste. Während die geringeren Kulturraumgelder „ans Überleben der Kultur“ (S. Hartmann) gingen, würde über die Leipziger Sparmaßnahmen von Seiten der Hochkultur geschwiegen, die Klage gegen Dresden stelle mithin ein Ablenkungsmanöver dar. Nun ist der verringerte Kulturraumzuschuss kein Sparbeitrag, als den ihn Milde erscheinen lassen möchte, sondern entsteht durch die Auslagerung der Landesbühnen Sachsen in die Kulturräume bei gleichzeitiger Anhebung der Etats für Oper Dresden, Kunstsammlung und anderes mehr in Millionenhöhe (!). Also eine einseitige Bevorzugung von Dresdens Kultur zuungunsten der Leipziger und der der restlichen sächsischen. Andererseits ist bei der Leipziger Kürzung noch überhaupt nicht abzusehen, wo gekürzt wird, außer beim Naturkundemuseum. Und dass Leipzig das Wasser bis Hals steht, weiß sicher jede ihrer Einrichtungen. Leipzigs geplante Kürzungen, sofern sie denn kommen, wären daher von ganz anderer Glaubwürdigkeit.
Dass Milde sogar mit einer Kampagne droht, wenn Leipzigs Kultureinrichtungen nicht „mehr als bisher auf die Wünsche der Bevölkerung eingehen“ ist die zweite massive Angriffserklärung: „Denn sonst fangen die Debatten an, ob es nicht sinnvoller ist, eine Schule oder Straße zu sanieren, anstatt jede Opernkarte mit über 200 Euro zu subventionieren.“
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Mittwoch, 26. Januar 2011
lvz kultur vom 26.1.11.: Wutbürger im Konzertsaal. Bernd Eichinger. Siegfried Matthus. Peter Paul Zahl.
Ist was? Guttenberg läßt noch nachdenken. Droht ein Karrieresturz? zu G. erinnert sich nun doch an Rosenheim. Kleine Quälspiele, nichts Schlimmes. Findet er. Reicht das nicht sogar für eine Mitleidstour? Oder spricht das wieder nur gegen ihn? "Wenn BILD nur meine Nacktfotos nicht findet." Ach was. Macht alles hart.
Das können die letzten, zum 3. Januar gezogenen Wehrpflichtigen in Anita Keckes Reportage auch brauchen. So ein wenig knackige Adelshärte. "Haben hier gerade die erste Nacht im Freien verbracht." Tagebucheintrag von Rekrut T. "Das war schon hart. Winterkälte." War Rekrut T. am K2? Am Nanga Parbat? Am deutschen Schick-sals-berg? Ach, was. Der Fran-ken-berg in Sachsen wars. "Aber wir haben das gut überstanden." RTL wird einen Fünfteiler draus machen. Besonders der soziale Aspekt, "da helfe man sich gegenseitig", gibt den letzten Kick - nix isses mit fiesen Vorgesetzten und "Mast entern, Toppsegel hissen". Höhenangst am Frankenberg endet nicht tot auf Deck. Sie endet weich in einer Sandkuhle. Wie beim Franken zu Guttenberg.
Der Produzent Bernd Eichinger ist gestorben. An Herzinfarkt beim Essen, im Kreis der Familie. Mit 61 Jahren. Das ist es, was uns Angst macht. Und Norbert Wehrstedt? Macht daraus Literatur. Denkt er. "Der Tod kam aus heiterem Himmel." Das ist ungefähr die Baumgrenze beim Zauberberg. Danach wirds nur noch öde. Und merkwürdig. "Der Tod kam wie aus einem Filmskript." Nichts da. Wehrstedt missbraucht den Tod Eichingers für eine feuilletonistische Anekdote, selbstbezüglich, egozentrisch, manisch. Schließlich: "Der Abgang eines Zampanos. Der opernreife Abtritt..." Gruselig. Das ja gerade nicht! Eher das kleine Kammerspiel. Sinkt seiner Frau, von der er sich gerade scheiden lassen will, sterbend in den Arm. Oder doch: Kopf in der Soßenschüssel. Groteske. Bratenspieß im Arm der Nichte? Farce. Oper? Hätte große Dramaturgie draus gemacht. Tochter enterbt. Flieht nach Gewehrschüssen auf als schwul erkannten Ehemann. Vater bricht zusammen. Aber hier bahnte sich garnichts an, Wehrstedt!
Leider versteht er von Dramaturgie wenig bis nix. Aber von Bildern. Großen Bildern. Und Sentiment. Wie Bernd Eichinger. "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", "Im Namen der Rose", "Das Geisterhaus" und und und. Am Ende wollte er noch an jedem Rad drehen. Schade drum.
Nina May presst. Aber Witz quetscht sich nicht zwischen den Zeilen hindurch. Aus der "Traum vom Gönner". Eine Million eines anonym bleibenden Spenders für Görlitz. Wie jedes Jahr. Und jedes Jahr gibts auch andere Bedürftige. Die Stadt Leipzig. Das Literaturarchiv Marbach. Denen, ja, fehlt das Geld. Nicht dem Museumsdorf Gööörlitz. So weit so lasch. Doch Mays Text schwächelt. Zum letzten Absatz. Der switch vom brav Referierenden zum Dramatischen, Situativen gelingt nicht.
Zur Abwechslung ein Jubiläum. 100 Jahre Rosenkavalier. Vorabend des Ersten Weltkriegs. Ende einer Epoche. Ein genialer Hofmannsthal schreibt, Richard Strauss "komponiert wie Öl und Butterschmalz". Eine heitere Spieloper. Scheinbar. Uraufführung an der Semperoper. Musikalisch keine "radikale Abkehr von der Moderne", bei "genauem Hinhörten" ist der Rosenkavalier "ein ziemlich gnadenloses Zeitbild einer Gesellschaft, die sich in narzisstischem Taumel um sich selbst dreht." Sagt Boris Michael Gruhl. Und Hugo von Hofmannsthal? Schreibt: "Strauss tut mir so leid, der große starke grobe und halb überfeinerte Mensch, der dem Weinen so nahe war." Und Clemens Meyer?
Bürgerwut in Sachsen: Bonbonpapier. Reißverschlüsse. Husten. Missmut in der Pause. In der sächsischen Musikstadt ist das Neue nicht Stuttgart 21, sondern "ein geistvolles Stück für Saxophonquartett und Orchester" von Siegfried Matthus. Das Volk erschrickt vor einem "keinesfalls erschreckenden saxophonischen Märchen", das "unterhaltsam, pointiert, geistvoll und hochgradig musikantisch" ist, wie Tatjana Böhme-Mehner schreibt. Das Akademische Orchester, Stefan Stoporas Schlagzeugklasse, die Solisten des sonic.art Saxophonquartett. Pianistin Kiveli Dörken. Alle phantastisch. Das Leipziger Publikum? Durchgefallen.
Der Schriftsteller Peter Paul Zahl ist tot. Freiheit und Glück waren seine Maximen. In Deutschland fand er sie nicht. Statt in Zahls Lebenslauf einen roten Faden zu finden, finden zu wollen, kolportieren Wolfgang Harms und Klaus Blume auf billigste Weise möglichst reißerische Versatzstücke aus einem abenteuerlichen Leben. Mehr als primitivste kleinbürgerliche Fantasien lockt die Vielzahl der in Bildschlagzeilen längst massakrierten Worte nicht hervor. Passfälscher, 2.Juni, Schießerei mit Polizisten, antiautoritär, Aussteiger, Jamaika, Reiseführer, Kochbuch, Abgründe der guten Gesellschaft, setzte Gesetzesbrechern ein Denkmal, floh vor dem Wehrdienst, Häftling, Regie-Volontariat, Georg Elser, Hans Martin Schleyer, Skandal, Krimiautor , alles, um am Ende bei einem modernen Robin Hood zu landen.
Ein einziger Absatz liest sich interessant:
"Während der Terroristen-Fahndung geriet Zahl 1972 in eine Polizeikontrolle, wollte fliehen, und griff zur Waffe. Zwar wollte er zur Seite geschossen haben, doch ein Beamter wurde getroffen. "Ich war kein Terrorist", sagte der Autor 2002 in einem Zeitungsinterview. Von den vom Gericht verhängten 15 Jahren Haft rechnete er zwölf als "Polit-Zuschlag."
Intendantin Kirsten Harms inszenierte an der Deutschen Oper Berlin ihre letzte Oper: Richard Strauss' "Liebe der Danae". Gerald Felber schreibt, "Am Ende kann der Besucher freundlich nicken, weiß aber dennoch, dass das keiner jener Abende ist, an die man noch nach Jahrzehnten denkt; auch das steht, pars pro toto, ein wenig für die gesamte Harms-Zeit." Allein die Darstellerin der Danae, Manuela Uhl, riskiert "lieber eine ungleichmäßige Linie, als in ihrer Intensität nachzulassen" und "dreht die Bilanz des Abends ins Plus."
"Schiffe versenken"-Spieler Rolf Stiska mäandert in gallertartigen Sätzen um sein Thema und kommt zu dem Schluss: "Noch ist das Thalia Theater Halle nicht gerettet."
Comedian Oliver Polak in Horns Erben: "Irgendwelche Minderheiten hier? Schwule? Schwarze? Ossis mit Job? Ich verstehe ja, dass ihr sauer seid auf uns Juden. Ihr habt ja nicht mal einen eigenen Staat."
Das können die letzten, zum 3. Januar gezogenen Wehrpflichtigen in Anita Keckes Reportage auch brauchen. So ein wenig knackige Adelshärte. "Haben hier gerade die erste Nacht im Freien verbracht." Tagebucheintrag von Rekrut T. "Das war schon hart. Winterkälte." War Rekrut T. am K2? Am Nanga Parbat? Am deutschen Schick-sals-berg? Ach, was. Der Fran-ken-berg in Sachsen wars. "Aber wir haben das gut überstanden." RTL wird einen Fünfteiler draus machen. Besonders der soziale Aspekt, "da helfe man sich gegenseitig", gibt den letzten Kick - nix isses mit fiesen Vorgesetzten und "Mast entern, Toppsegel hissen". Höhenangst am Frankenberg endet nicht tot auf Deck. Sie endet weich in einer Sandkuhle. Wie beim Franken zu Guttenberg.
Der Produzent Bernd Eichinger ist gestorben. An Herzinfarkt beim Essen, im Kreis der Familie. Mit 61 Jahren. Das ist es, was uns Angst macht. Und Norbert Wehrstedt? Macht daraus Literatur. Denkt er. "Der Tod kam aus heiterem Himmel." Das ist ungefähr die Baumgrenze beim Zauberberg. Danach wirds nur noch öde. Und merkwürdig. "Der Tod kam wie aus einem Filmskript." Nichts da. Wehrstedt missbraucht den Tod Eichingers für eine feuilletonistische Anekdote, selbstbezüglich, egozentrisch, manisch. Schließlich: "Der Abgang eines Zampanos. Der opernreife Abtritt..." Gruselig. Das ja gerade nicht! Eher das kleine Kammerspiel. Sinkt seiner Frau, von der er sich gerade scheiden lassen will, sterbend in den Arm. Oder doch: Kopf in der Soßenschüssel. Groteske. Bratenspieß im Arm der Nichte? Farce. Oper? Hätte große Dramaturgie draus gemacht. Tochter enterbt. Flieht nach Gewehrschüssen auf als schwul erkannten Ehemann. Vater bricht zusammen. Aber hier bahnte sich garnichts an, Wehrstedt!
Leider versteht er von Dramaturgie wenig bis nix. Aber von Bildern. Großen Bildern. Und Sentiment. Wie Bernd Eichinger. "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", "Im Namen der Rose", "Das Geisterhaus" und und und. Am Ende wollte er noch an jedem Rad drehen. Schade drum.
Nina May presst. Aber Witz quetscht sich nicht zwischen den Zeilen hindurch. Aus der "Traum vom Gönner". Eine Million eines anonym bleibenden Spenders für Görlitz. Wie jedes Jahr. Und jedes Jahr gibts auch andere Bedürftige. Die Stadt Leipzig. Das Literaturarchiv Marbach. Denen, ja, fehlt das Geld. Nicht dem Museumsdorf Gööörlitz. So weit so lasch. Doch Mays Text schwächelt. Zum letzten Absatz. Der switch vom brav Referierenden zum Dramatischen, Situativen gelingt nicht.
Zur Abwechslung ein Jubiläum. 100 Jahre Rosenkavalier. Vorabend des Ersten Weltkriegs. Ende einer Epoche. Ein genialer Hofmannsthal schreibt, Richard Strauss "komponiert wie Öl und Butterschmalz". Eine heitere Spieloper. Scheinbar. Uraufführung an der Semperoper. Musikalisch keine "radikale Abkehr von der Moderne", bei "genauem Hinhörten" ist der Rosenkavalier "ein ziemlich gnadenloses Zeitbild einer Gesellschaft, die sich in narzisstischem Taumel um sich selbst dreht." Sagt Boris Michael Gruhl. Und Hugo von Hofmannsthal? Schreibt: "Strauss tut mir so leid, der große starke grobe und halb überfeinerte Mensch, der dem Weinen so nahe war." Und Clemens Meyer?
Bürgerwut in Sachsen: Bonbonpapier. Reißverschlüsse. Husten. Missmut in der Pause. In der sächsischen Musikstadt ist das Neue nicht Stuttgart 21, sondern "ein geistvolles Stück für Saxophonquartett und Orchester" von Siegfried Matthus. Das Volk erschrickt vor einem "keinesfalls erschreckenden saxophonischen Märchen", das "unterhaltsam, pointiert, geistvoll und hochgradig musikantisch" ist, wie Tatjana Böhme-Mehner schreibt. Das Akademische Orchester, Stefan Stoporas Schlagzeugklasse, die Solisten des sonic.art Saxophonquartett. Pianistin Kiveli Dörken. Alle phantastisch. Das Leipziger Publikum? Durchgefallen.
Der Schriftsteller Peter Paul Zahl ist tot. Freiheit und Glück waren seine Maximen. In Deutschland fand er sie nicht. Statt in Zahls Lebenslauf einen roten Faden zu finden, finden zu wollen, kolportieren Wolfgang Harms und Klaus Blume auf billigste Weise möglichst reißerische Versatzstücke aus einem abenteuerlichen Leben. Mehr als primitivste kleinbürgerliche Fantasien lockt die Vielzahl der in Bildschlagzeilen längst massakrierten Worte nicht hervor. Passfälscher, 2.Juni, Schießerei mit Polizisten, antiautoritär, Aussteiger, Jamaika, Reiseführer, Kochbuch, Abgründe der guten Gesellschaft, setzte Gesetzesbrechern ein Denkmal, floh vor dem Wehrdienst, Häftling, Regie-Volontariat, Georg Elser, Hans Martin Schleyer, Skandal, Krimiautor , alles, um am Ende bei einem modernen Robin Hood zu landen.
Ein einziger Absatz liest sich interessant:
"Während der Terroristen-Fahndung geriet Zahl 1972 in eine Polizeikontrolle, wollte fliehen, und griff zur Waffe. Zwar wollte er zur Seite geschossen haben, doch ein Beamter wurde getroffen. "Ich war kein Terrorist", sagte der Autor 2002 in einem Zeitungsinterview. Von den vom Gericht verhängten 15 Jahren Haft rechnete er zwölf als "Polit-Zuschlag."
Intendantin Kirsten Harms inszenierte an der Deutschen Oper Berlin ihre letzte Oper: Richard Strauss' "Liebe der Danae". Gerald Felber schreibt, "Am Ende kann der Besucher freundlich nicken, weiß aber dennoch, dass das keiner jener Abende ist, an die man noch nach Jahrzehnten denkt; auch das steht, pars pro toto, ein wenig für die gesamte Harms-Zeit." Allein die Darstellerin der Danae, Manuela Uhl, riskiert "lieber eine ungleichmäßige Linie, als in ihrer Intensität nachzulassen" und "dreht die Bilanz des Abends ins Plus."
"Schiffe versenken"-Spieler Rolf Stiska mäandert in gallertartigen Sätzen um sein Thema und kommt zu dem Schluss: "Noch ist das Thalia Theater Halle nicht gerettet."
Comedian Oliver Polak in Horns Erben: "Irgendwelche Minderheiten hier? Schwule? Schwarze? Ossis mit Job? Ich verstehe ja, dass ihr sauer seid auf uns Juden. Ihr habt ja nicht mal einen eigenen Staat."
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