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Montag, 31. Januar 2011

lvz kultur vom 31.1.11: Dschungelcamp macht faschistoid. Stumph. Braunfels. Academixer.

Die Rubrik „lvz feiert Geburtstag“ hat diesmal einen 65. und einen 90. zu bieten. Dazu ein dpa-Bericht über eine Trauerfeier, selbstverständlich der RTL-Dschungelkönig – nein, nicht auf den Medienseiten – , ein Film mit Sujet aus der DDR und – immerhin – eine Opernausgrabung in Gera/Altenburg.
Die 65 gehört zu „Volksschauspieler“ Wolfgang Stumph. Der souveräne, von Ironie getränkte Artikel von René Römer (chapeau!), der allerdings später rein im Biografischen verbleibt, mündet in der Anerkennung, Stumph habe eine Marke aus seiner Person gemacht. Und das nicht einmal zu Unrecht, denn zum einen hat er sich nie nur aus Marketinggründen ein besonderes Image (und auch keinen Manager) angeeignet, und zum zweiten, weil er eben ein phänomenaler Darsteller seiner eigenen Person gewesen ist, der die Namen seiner Figuren - in Alliteration zu seinem Namen – möglichst mit „St“ anfangen ließ: Strunz, Stubbe, Stankoweit, Steinhoff, Stahnke usw. Römer sieht in der Namenswahl sogar „die Identifikation mit den Problemen, Nöten und Gefühlen seines Publikum“ und resümiert: „Stumph amüsiert ganz Deutschland, wird zum Star, indem er einer aus dem Volk bleibt.“ Das zählt für den lvz redakteur mehr als sein Spiel selbst, an dem „Kritiker gelegentlich mäkeln“. Der als Amateur zum Kabarett gekommene Dresdner, der anschließend die Schauspielschule Ernst-Busch in Berlin besuchte, ist kurioserweise durch Indianerfiguren in Butterpäckchen aus dem Westen auf den Geschmack gekommen.

In ihrer Berichterstattung über das RTL Dschungelcamp kommt Nina May zu dem Schluss, man könne „nach zwei Wochen doch sagen: Ein leider sehr menschliches Verhaltensmuster ließ sich beobachten, die Entstehung von faschistoiden Systemen und Unterdrückung von Andersdenkenden.“ Sie meint die „Lektion in Sachen Mobbing für Fortgeschrittene“, nach der Sarah Knappik „freiwillig“ aus dem Camp gegangen worden ist. An der Hetze beteiligten sich nur der früh ausgeschiedene Rainer Langhans nicht, und ebensowenig der durch „Tränen und „kauzig-tollpatschige Art überzeugende“ spätere Sieger Peer Kusmagk. May warf RTL zudem vor, „durch die Auswahl der Beiträge“ wäre „ganz eindeutig die Wirklichkeit manipuliert“ worden. Dass diese Wirklichkeit selbstverständlich eine inszenierte gewesen ist, betonte May dann aber ebenfalls. Da eine Inszenierung von „Manipulation“ lebt, bzw. von ausgewählten, selektiven, konstruierten Bildern mit einem bestimmten Ziel, bleibt allerdings unklar, worin ihr Vorwurf liegt.

Der im Leben wegen angeblicher Kommerznähe häufig missgünstig behandelte und um seine Anerkennung gebrachte Filmemacher und Produzent Bernd Eichinger, hat im Tod plötzlich nur noch Freunde. So setzten am Wochenende laut dpa 35 Filmschaffende jeweils halbseitige Todesanzeigen in überregionale Zeitungen („Wir haben einen Freund verloren“).

In der Glosse „ausgepresst“ schreibt Nina May über „die unverstandenen Künstler“, bzw. darüber, dass ihr Publikum zu seinem eigenen Wohle von den Kunstwerken ferngehalten werden müsse. Das betrifft den Chinesen Ai Weiwei und dessen 200 Millionen Sonnenblumenkerne in der Londoner Tate Gallery (der Bleigehalt der Porzellankerne sei zu hoch), aber auch einen namenlos bleibenden Plastiker aus Rumänien, dessen im Straßburger Europa-Parlament ausgestellten Werke den angestrebten Beitritt Rumäniens zur grenzkontrollfreien Schengen-Zone „negativ beeinflussen“ könnten – und daher „zurückgezogen“ würden.
Zuletzt hatten zum Beispiel Marcel Walldorfs Plastk „Pinkelnde Polizistin“ in Dresden, aber auch Jan Liedkes Inszenierung „Ultras“ in Halle/Saale Politiker (darunter Sachsens Innenminister und Halles Oberbürgermeisterin) zu teils sehr heftigen Reaktionen veranlasst.

Annett Gehler schreibt über Dreharbeiten zum Film „Sushi in Suhl“, in dem die Geschichte des einzigen japanischen Restaurants in der DDR verfilmt wird. Das privat betriebene Restaurant wurde von DDR-Oberen dazu genutzt, japanische Wirtschaftsdelegationen, Promis und verdiente Genossen zu verköstigen. Normalbürger warteten bis zu zwei Jahre auf einen Platz in dem Restaurant.

Walter Braunfels' 1913 geschriebene Oper „Ulenspiegel“ ist am Theater Gera/Altenburg reanimiert worden. Peter Korfmacher schrieb über eine Aufführung, die vom Publikum „mit ungeteiltem Jubel“ bedacht wurde. Braunfels' Musik sei „sinnlich, gut, dramatisch, im „reizvollen Niemandsland zwischen Wagner-Epigonentum, Strauss-Konkurrenz und eigener Moderne“ angesiedelt. Leider bleibt Korfmacher etwas dürftig darin zu beschreiben, worum es sich bei der Oper überhaupt handelt. Außer, dass der als Schalk bekannte Eulenspiegel „zum tragischen Freiheitskämpfer im spanische-niederländischen Krieg“ gemacht wird, erfährt man weder etwas zur Geschichte und warum die Oper möglicherweise vergessen wurde, noch über die Inszenierung Matthias Oldags, außer dass sie „eindrucksvolle Bilder“ fände für die „Beziehungen zwischen den Hauptfiguren“. Auch über die Wiederentdeckung Braunfels' anderenorts hört man bei Korfmacher wenig, zumindest nicht darüber, was dessen Opern für die heutige Zeit zu sagen haben. Dem lvz redakteur reicht der kulinarische Anteil der Musik als Begründung und mäkelt allein an manchen Sängern und vor allem am Dirigenten Jens Tröster („man hört seinem Orchester die Schwierigkeiten der Partitur allzu ungeschönt an“, Unzulängliches geschähe im Graben „mehr, als eine Ausgrabung verträgt“).

Über den Schweizer Dichter (und Pfarrer) Kurt Marti schreibt Peter Mohr. Der als „Dreiviertelkommunist“ beschimpfte Dichter verlor sogar einen in Aussicht stehenden Lehrstuhl wegen seiner „unangepassten Querdenkerei“ im Sinne von „Zivilcourage und aufklärerischer Nächstenliebe“. Eines seiner Gedichte endet mit den Versen: „Liebe Gemeinde/ wir befehlen zuviel/ wir gehorchen zuviel/ wir leben zu wenig.“

Mark Daniel schreibt über das neue Programm der Academixer, in dem neue Darsteller (Thorsten Giese, Angela Schlabinger, Stefan Bergel) das bekannte Stammpersonal ergänzen und ein „neues Profil eine jüngere Klientel“ anlocken soll. Die „Spielidee“ des Programms sei, dass die Mauer zur anderen Seite „gefallen“ und der Westen dem Osten beigetreten sei. Daniel lobt, dass „die Realität mittels Absurdem oder einem Gegenentwurf auf eine kunstvolle Ebene“ gehoben würde (dass das Publikum zum Skandieren von Parolen „genötigt“ würde, gehört für Daniel nicht dazu), leider schwächeln nach der Pause die Texte, entweiche dem Stück „die Luft“. Insgesamt würden wohl „ein paar Schritte Richtung Neuorientierung“ getan, „zur Unterhaltung, die auch gehobene Satire bietet, sei es allerdings ein weiter Weg.“

Gesa Vollands Tanztheater „Coppe Lia“, das im Lofft Premiere hatte, beschreibt Steffen Georgi als „episodische Reflexion darüber, was mechanisch und menschlich – und darüber, was schön“ sei. Darüber, dass es „natürliche Schönheit“ nicht gebe, sondern immer ein Konstrukt und etwas Künstliches sei, hätte schon Dolly Parton Entscheidendes gesagt. Die sieben Tänzer, drei von ihnen im Rollstuhl, agierten mit „unprätentiöser Selbstverständlichkeit“, wenn auch stellenweise „ohne Biss“, und manche Textpassage vom Band wirke „auf Dauer etwas verplappert“. Dennoch entdeckte Georgi auch „perfide Schönheit“, wenn eine Tänzerin die Spasmen eines der Rollstuhlfahrer in ihren Bewegungen fortsetze, diese also „spielt. Eine heikle Szene, die aufgeht, weil ihr alles Schrille fehlt.“ Und – so schließt Georgi hübsch paradox – auch, weil auf dieses Bild ein „tolles, berührendes“ Schlussbild folge, das „natürliche Schönheit“ zeige. „Auch, wenn es die gar nicht gibt.“

Ulrich Milde berichtet im Lokalen, dass die Stadt wie angekündigt eine Klage gegen die Novellierung des Kulturraumgesetzes vorbereitet. Reichlich distanziert verweist Milde auf die Wahrscheinlichkeit, mit der die Einreichung die Hürde des Leipziger Stadtrats passieren wird sowie die Kosten von ca. 20.000 Euro. Und auch darauf, dass der Leipziger Landtagsabgeordnete Robert Clemen noch einmal darauf verweise, dass Leipzig „trotz der Reduzierung mit 29 Mio Euro den Löwenanteil der gesamten Kulturraumförderung Sachsens von 85 Mio Euro“ erhalte. Was, wie auch längst in der lvz zu lesen war (11. Januar), nur eine äußerst einseitige Version der Wahrheit darstellt. Denn Dresden als andere sächsische Großstadt erhält Landesmittel für die in Dresden befindlichen Kunsteinrichtungen in Höhe von weit über der doppelten Summe wie Leipzig und annähernd so viel wie die Kulturräume insgesamt. Da Semperoper, Kunstsammlungen und anderes aber als Landesinstitute direkt aus dem Sächsischen Landeshaushalt gezahlt werden – die dieses Jahr nicht gekürzt, sondern um etliche Millionen erhöhte Zuschüsse erhalten! - und nicht via Kulturräume, kann Clemen so tun, als würde Leipzig weiterhin große Segnungen aus Dresden erfahren. Perfide.

In seinem „Standpunkt“ schreibt Ulrich Milde dazu, dass in Leipzig nur über die verringerten Zuweisungen aus den Kulturraumgeldern geredet würde und nicht über die eine Million Euro, die Leipzigs Kultur im kommenden Jahr einsparen müsste. Während die geringeren Kulturraumgelder „ans Überleben der Kultur“ (S. Hartmann) gingen, würde über die Leipziger Sparmaßnahmen von Seiten der Hochkultur geschwiegen, die Klage gegen Dresden stelle mithin ein Ablenkungsmanöver dar. Nun ist der verringerte Kulturraumzuschuss kein Sparbeitrag, als den ihn Milde erscheinen lassen möchte, sondern entsteht durch die Auslagerung der Landesbühnen Sachsen in die Kulturräume bei gleichzeitiger Anhebung der Etats für Oper Dresden, Kunstsammlung und anderes mehr in Millionenhöhe (!). Also eine einseitige Bevorzugung von Dresdens Kultur zuungunsten der Leipziger und der der restlichen sächsischen. Andererseits ist bei der Leipziger Kürzung noch überhaupt nicht abzusehen, wo gekürzt wird, außer beim Naturkundemuseum. Und dass Leipzig das Wasser bis Hals steht, weiß sicher jede ihrer Einrichtungen. Leipzigs geplante Kürzungen, sofern sie denn kommen, wären daher von ganz anderer Glaubwürdigkeit.

Dass Milde sogar mit einer Kampagne droht, wenn Leipzigs Kultureinrichtungen nicht „mehr als bisher auf die Wünsche der Bevölkerung eingehen“ ist die zweite massive Angriffserklärung: „Denn sonst fangen die Debatten an, ob es nicht sinnvoller ist, eine Schule oder Straße zu sanieren, anstatt jede Opernkarte mit über 200 Euro zu subventionieren.“

Freitag, 14. Januar 2011

lvz kultur vom 14.1.11: Abstraf-Aktion für Judy Lybke. Lindenberg. Dschungel-Camp. Art Basel

Über 100.000 Karten im Vorverkauf, 35 Darsteller plus achtköpfige Band, mehr als 200 Mitarbeiter hinter den Kulissen. "Hinterm Horizont", das Udo Lindenberg-Musical - "Panical" schreibt Maja Zehrt - ist bereits zur Vorpremiere ein Seite 1-Thema für die lvz. Eine "massentaugliche ... East-West-Side-Story mit Hindernissen", angelehnt an Udos Song vom "Mädchen aus Ostberlin". Thomas Brussig als Autor und Udo Waller als Regisseur wollen neben der Love-Story auch die deutsche Nachkriegsgeschichte erzählen. "Erstaunlicherweise bringen die Macher alles unter einen Hut." Und damit meint Maja Zehrt nicht allein Lindenbergs Markenzeichen, den Hut, den der Ausstatter als 9m breites Bühnenrequisit an Stahlseile gehängt hat. Josephine Busch als Pankow-Mädchen Jessy "ist ne Wucht", Serkan Kaya als Udo-Darsteller "nuschelt und tänzelt sich manchmal eher schlecht als recht durch die Szenen." Lindenberg fasst die mit Unmengen seiner Hits garnierte Story so zusammen: "Ich ging da rüber, ich wollte mal ein bisschen gucken, verlieb mich in das Mädchen, dann steht ne scheiß Mauer da, ich sag: Weg mit dem Schrott!" Die Geschichte sei selbstverständlich "stark konstruiert" (Andreas Rabenstein), die von Lindenberg versprochene "richtige Straßenmusik" gebe es sicher nicht zu hören, doch immerhin seien "liebevoll gestaltete Details" und wider Erwarten immer wieder stattfindende "leise Töne" echte Pluspunkte. Maja Zehrt vermutet, so mancher Zuschauer dürfte "leicht nasse Augen kriegen", Andreas Rabenstein freut sich am "freundlich-satirisch illustrierten Leben in der DDR." Privates und Politisches wird zur fröhlichen Unterhaltungsware, Stage Entertainment hält die Fäden zusammen.

Über ein weiteres "Feuchtgebiet der Unterhaltung", das RTL-Dschungelcamp und die Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!", schreibt Jürgen Kleindienst einen richtig guten Leitartikel. Der lvz redakteur kommt darin zu dem Schluss, dass "auch dank des Privatfernsehens", das die Welt "bevorzugt" durch das Schlüsselloch wahrnehme, "sowohl Privates als auch Politisches weitgehend abgeschafft" seien. "Der Big-Brother-Kosmos" sei insofern "eine Art Kommune 2.0", was Kleindienst angesichts der Teilnahme von Kommune 1-Mitglied Rainer Langhans als "tragische Pointe" deutet - mit Langhans als "Maskottchen intellektuellen Niedergangs." Während sich die Konturen auflösen, Kategorien ineinanderfließen, sieht Kleindienst witzigerweise nur zwei Möglichkeiten als Reaktion: "Moralische Entrüstung oder Humor".
Nun sind diese Art kulturpessimistische Auslassungen ein ganz natürlicher Reflex angesichts des Schrotts, von dem wir dennoch die Augen und Ohren nicht abwenden können. Vielleicht sollte man statt dieses Lamentos lieber die Infiltration unseres Lebens durch andere kulturelle Produkte oder Lebensweisen, diesen Schwebezustand jenseits der festen Weltanschauungen, mit einer Mischung aus Heiterkeit, Ernst und Reflexion annehmen oder unterstützen, wo auch immer wir ihn bemerken.
Janina Fleischers Sache auf der lvz kulturseite ist das nicht, sie sieht auf beiden Seiten der Mattscheibe nur Zynismus und wachsende Schadenfreude am Werke. Diese, im Grunde sich vor lauter schlechtem Gewissen selbst geißelnde Haltung ("ablehnen wollen, aber nicht abschalten können"), muss nicht sein. Vielleicht ist es ja möglich, ähnlich einem Forscher, der die Dinge mit wachem Verstand und wachen Sinnen anschaut, oder einem Künstler, der die Dinge durch sich hindurchfließen lässt, um sie verändert wieder auszuscheiden, zu reagieren. Und bei nächster Gelegenheit ähnliche Sendungen doch links liegen lässt.

Die Berlin-Leipziger Galerie Eigen + Art ist vorausichtlich nicht auf der wichtigen Kunstmesse Art Basel vertreten. Galerist Gerd Harry Lybke versucht, in einem Gespräch mit Peter Korfmacher Haltung zu wahren, schreibt diese Entscheidung einem "Mangel an Professionalität" zu und lässt die Hoffnung gleichwohl nicht fahren. Die Entscheidung zu vertreten haben sechs Jurymitglieder, die über die Teilnahme oder Nichtteilnahme entscheiden. Da drei der sechs Jury-Mitglieder Berliner Galeristen seien, die zudem selbst auf der Art Basel präsent sind, deutet Lybke die Entscheidung eher vorsichtig als getränkt durch "Konkurrenz und persönliche Befindlichkeiten". Er bedauert, dass wichtige Künstler, die sich ja nicht anderswo vertreten lassen, damit von entscheidenden Diskursen abgekoppelt werden.
Auf der online-Seite des Art-Magazins wird Gerd Harry Lybke deutlicher. Er vermutet eine "Abstrafaktion missgünstiger Kollegen". In Amerika würde man das "als Diskriminierung oder Rassismus bezeichnen" - angesichts seiner ostdeutschen Herkunft.

Mit einer neu geordneten Dauerausstellung wartet das Lessingmuseum Kamenz auf, eine der 20 "kulturellen Gedächtnisorte im Osten Deutschlands". So seien einige Neubewertungen vorgenommen worden, darunter einer Italienreise Lessings, u.a. nach Livorno. Dort habe es in friedlicher Koexistenz Synagogen, Moscheen und Kirchen gegeben. Möglicherweise eine Initialzündung für den "Nathan", schreibt Jörg Schurig.
Ai Weiwei hat es kommen sehen, den Abriss seines 2000m² großen Ateliers in Shanghai. Der Künstler glaubt an eine Strafaktion für seine politischen Aktivitäten. Er sei traurig, dass das starke China "keine Kritik vertragen" könne.
Der Leiter der Schaubühne Lindenfels, René Reinhardt, möchte mit Kooperationen mit anderen Kultureinrichtungen wie dem Westflügel, Gewandhaus, Oper und Uni Leipzig neue Stärke entwickeln. Allein durch eine geplante Zusammenarbeit mit dem Lindenfels Westflügel rechnet er mit höheren Fördergeldern von 22.000 Euro. Die Schaubühne, die vor einigen Jahren stolz auf 50.000 Besucher jährlich verweisen konnte, freut sich zur Zeit über die Steigerung von 27.000 (in 2009) auf 29.000 Besucher (in 2010), wie Verena Lutter berichtet.
Die Diskussion über das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig geht weiter. Florian Ibrügger schreibt, Stadträte unterschiedlicher Fraktionen seien enttäuscht von dem eindeutigen Votum (contra Denkmal), das über die Telefone der lvz ausgedrückt wurde. Wie weit die politische Klasse nicht nur in Berlin weg ist von den Meinungen der Menschen vor Ort, beweist Bettina Kudla, ehemalige Finanzdezernentin Leipzigs und nun CDU-MdB, wenn sie pro Denkmal darauf verweist, dass der Region "sowohl ein touristischer Anziehungspunkt als auch Bauaufträge in Millionenhöhe entgehen würden", sollte das Denkmal nicht gebaut werden. Rein ökonomische Argumente können aber niemals die durchaus widersprüchlichen Empfindungen Leipziger Bürger ausdrücken, die bei dem Thema des Freiheitsdenkmals anlässlich 1989 angesprochen werden.

Montag, 3. Januar 2011

lvz kultur vom 3.1.11: Dschungelcamp & Langhans, Märkl, Leonardo & Caravaggio

AngstLust ist ein bekanntes Phänomen. EkelLust spätestens seit dem rtl Dschungelcamp auch. "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" spielt seit Beginn aber auch mit der Lust an der Selbstverstümmelung. Otto Mühl, Hermann Nitsch, Chris Burden, Günter Brus oder Marina Abramovic stehen für Künstler, deren Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, dem Ekel und dem Schmerz immer extremere, auch lebensgefährliche Züge annahm, mit denen sie Gewaltverhältnisse deutlich machten, sich auf rituelle Kulthandlungen bezogen oder in den Extremerfahrungen auch kathartische Erfahrungen bei den Zuschauern auslösen wollten. Rainald Goetz machte 1983 seine Rasierklinge-schlitzt-Schädel-Lesung bei den Bachmann-Tagen in Klagenfurt zur performativen Erweiterung "toter Literatur". Hin zum wirklichen Leben, das blutet. Zum Beispiel. Insofern sind rtl, Dirk Bach und Sonja Zietlow Epigonen der Künstler hin zu einem Massengeschmack. Übrigens setzten von der Straße eingeladene Beteiligte an einer ihrer Kunstaktionen Marina Abramovic eine geladene Pistole an die Stirn und forderten sie auf abzudrücken. Ob dieses - aktiv aggressive - Publikum eine Wahlverwandtschaft mit den Dschungelcampzuschauern bildet, die immerhin Ekelaufgaben vergeben können, steht auf einem anderen Blatt. Rainer Langhans, einziger bisher feststehender Teilnehmer am Dschungelcamp, hat im Gegensatz dazu den potentiell persönlichkeitssteigernden Charakter der Sendung betont: "Genau genommen ist das Dschungelcamp die Urszene der Kommune - und unserer damaligen Bewegung. Es geht darum, in sich zu gehen, sich neu zu erfinden und zu entwickeln."
"Da sprach der alte Häuptling der Indianer, wild ist der Westen, schwer ist der Beruf. Uff."
Christina Zimmermann hat von diesem bewusstseinserweiternden Aspekt der Sendung offenkundig nicht so viel gehalten und schreibt in ihrem Vorbericht für die lvz kultur zur fünften Auflage der Live-Show, "In der rtl Show präsentieren sich die Möchtegern-Stars und Sternchen von ihrer natürlichsten, wohl aber auch würdelosesten Seite." Die Zuschauer auch: "Das Publikum will schließlich nur eines: Sie leiden sehen."

In ausgepresst erkennt Nina May den subversiv solidarischen Charakter der momentanen Schneekatastrophe, erkennt den wahren utopischen Gehalt von "Deutschland. Ein Wintermärchen" und fragt ganz lieb bei chefredakteur Bernd Hilder an, ob der nicht in den Büros der lvz die Heizung ausstellen lassen kann. "Das sorge für kuscheliges Kollegenmiteinander."

Mit zwei Dingen kann Peter Korfmacher nicht gut umgehen: Mit leidenschaftslosem orchestralem Präzisionsspiel und mit Veranstaltungen für Kinder. Da weiß er einfach nicht recht einzuschätzen, ob die lieben Kinderlein denn wirklich Spaß an der Freud haben (dürfen) während unser Peter vor lauter Qual von einer Arschbacke auf die andere rutscht. So wie jüngst bei der Zauberflöte im Centraltheater, bei der er heitere Miene zum bösen Spiel machen wollte(?). Beim mdr Neujahrskonzert unter Leitung von Jun Märkl läßt er zumindest durchscheinen, dass Kritik nicht nur an der Spielweise und der "unbändigen Freude" der Musiker und ihres Chefs Märkl am "virtuosen Fischen im flachen Wasser" angesagt sei, sondern auch, dass "dem langen Abend ein roter Faden" fehle, eine "Dramaturgie in der Kombination von Musik mit Tanz und Puppenspiel" ohnehin nicht zu erkennen sei. Und setzt eine kleine hämische Spitze darin, dass er der Veranstaltung für Kinder einen "außermusikalischen Mehrwert" unterstellt, nämlich, das "Funkorchester und sein Publikum wirklich wieder zueinander" zu führen. Hätte aber nicht so gut geklappt: Das Konzert sei vom "Befund ausverkauft noch ein gutes Stück entfernt."
Am Ende freut sich Korfmacher dafür auf Penderecki, der in der Reiheins des mdr am 15. Januar auftische. Eher seine Kragenweite.

Christoph Driessen nennt die angesagtesten Ausstellungen in 2011: "Das Kunst-Ereignis des kommenden Jahres" sei die Leonardo-da-Vinci-Ausstellung in Londons National Gallery, mit so gut wie allen Originalen, nur die Mona Lisa fehle. In Deutschland finde ebenfalls eine spektakuläre Renaissance-Ausstellung im Bode-Museum mit über 150 Porträts von da Messina bis Botticelli statt. Das Frankfurter Städel wartet zur Wiederöffnung mit "Beckmann und Amerika" auf, die Kunsthallen Hamburg und Bonn mit einer gemeinsamen Liebermann-Ausstellung. Wichtigste Ausstellung zu einem deutschen Künstler der Gegenwart sei eine Retrospektive zu Gerhard Richter in Londons Tate Modern, passenderweise zeigen auch das Bucerius Kunstforum und die Kunsthalle in Hamburg in 2011 zwei Ausstellungen zu Gerhard Richter.

Gerald Felber wiederum berichtet von der "Hommage an Caravaggio 1610/2010" in der Berliner Gemäldegalerie, in der vier Originalen des Dramatikers "des menschlichen Fleisches zwischen Rausch und Ekel, Himmelsekstase und Gosse, Kraft und Hinfälligkeit" eine Fülle von Nachfolgern, Epigonen und Widersachern zur Seite gestellt werden. Bei allen von Felber konzedierten Unterschieden träfen sich diese doch immer wieder darin, dass "sie sich am runzligen Verfall mürben Greisenfleisches delektierten." Ob da Frank Schirrmachers Methusalem-Komplott bereits vorgezeichnet wurde?