Über 100.000 Karten im Vorverkauf, 35 Darsteller plus achtköpfige Band, mehr als 200 Mitarbeiter hinter den Kulissen. "Hinterm Horizont", das Udo Lindenberg-Musical - "Panical" schreibt Maja Zehrt - ist bereits zur Vorpremiere ein Seite 1-Thema für die lvz. Eine "massentaugliche ... East-West-Side-Story mit Hindernissen", angelehnt an Udos Song vom "Mädchen aus Ostberlin". Thomas Brussig als Autor und Udo Waller als Regisseur wollen neben der Love-Story auch die deutsche Nachkriegsgeschichte erzählen. "Erstaunlicherweise bringen die Macher alles unter einen Hut." Und damit meint Maja Zehrt nicht allein Lindenbergs Markenzeichen, den Hut, den der Ausstatter als 9m breites Bühnenrequisit an Stahlseile gehängt hat. Josephine Busch als Pankow-Mädchen Jessy "ist ne Wucht", Serkan Kaya als Udo-Darsteller "nuschelt und tänzelt sich manchmal eher schlecht als recht durch die Szenen." Lindenberg fasst die mit Unmengen seiner Hits garnierte Story so zusammen: "Ich ging da rüber, ich wollte mal ein bisschen gucken, verlieb mich in das Mädchen, dann steht ne scheiß Mauer da, ich sag: Weg mit dem Schrott!" Die Geschichte sei selbstverständlich "stark konstruiert" (Andreas Rabenstein), die von Lindenberg versprochene "richtige Straßenmusik" gebe es sicher nicht zu hören, doch immerhin seien "liebevoll gestaltete Details" und wider Erwarten immer wieder stattfindende "leise Töne" echte Pluspunkte. Maja Zehrt vermutet, so mancher Zuschauer dürfte "leicht nasse Augen kriegen", Andreas Rabenstein freut sich am "freundlich-satirisch illustrierten Leben in der DDR." Privates und Politisches wird zur fröhlichen Unterhaltungsware, Stage Entertainment hält die Fäden zusammen.
Über ein weiteres "Feuchtgebiet der Unterhaltung", das RTL-Dschungelcamp und die Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!", schreibt Jürgen Kleindienst einen richtig guten Leitartikel. Der lvz redakteur kommt darin zu dem Schluss, dass "auch dank des Privatfernsehens", das die Welt "bevorzugt" durch das Schlüsselloch wahrnehme, "sowohl Privates als auch Politisches weitgehend abgeschafft" seien. "Der Big-Brother-Kosmos" sei insofern "eine Art Kommune 2.0", was Kleindienst angesichts der Teilnahme von Kommune 1-Mitglied Rainer Langhans als "tragische Pointe" deutet - mit Langhans als "Maskottchen intellektuellen Niedergangs." Während sich die Konturen auflösen, Kategorien ineinanderfließen, sieht Kleindienst witzigerweise nur zwei Möglichkeiten als Reaktion: "Moralische Entrüstung oder Humor".
Nun sind diese Art kulturpessimistische Auslassungen ein ganz natürlicher Reflex angesichts des Schrotts, von dem wir dennoch die Augen und Ohren nicht abwenden können. Vielleicht sollte man statt dieses Lamentos lieber die Infiltration unseres Lebens durch andere kulturelle Produkte oder Lebensweisen, diesen Schwebezustand jenseits der festen Weltanschauungen, mit einer Mischung aus Heiterkeit, Ernst und Reflexion annehmen oder unterstützen, wo auch immer wir ihn bemerken.
Janina Fleischers Sache auf der lvz kulturseite ist das nicht, sie sieht auf beiden Seiten der Mattscheibe nur Zynismus und wachsende Schadenfreude am Werke. Diese, im Grunde sich vor lauter schlechtem Gewissen selbst geißelnde Haltung ("ablehnen wollen, aber nicht abschalten können"), muss nicht sein. Vielleicht ist es ja möglich, ähnlich einem Forscher, der die Dinge mit wachem Verstand und wachen Sinnen anschaut, oder einem Künstler, der die Dinge durch sich hindurchfließen lässt, um sie verändert wieder auszuscheiden, zu reagieren. Und bei nächster Gelegenheit ähnliche Sendungen doch links liegen lässt.
Die Berlin-Leipziger Galerie Eigen + Art ist vorausichtlich nicht auf der wichtigen Kunstmesse Art Basel vertreten. Galerist Gerd Harry Lybke versucht, in einem Gespräch mit Peter Korfmacher Haltung zu wahren, schreibt diese Entscheidung einem "Mangel an Professionalität" zu und lässt die Hoffnung gleichwohl nicht fahren. Die Entscheidung zu vertreten haben sechs Jurymitglieder, die über die Teilnahme oder Nichtteilnahme entscheiden. Da drei der sechs Jury-Mitglieder Berliner Galeristen seien, die zudem selbst auf der Art Basel präsent sind, deutet Lybke die Entscheidung eher vorsichtig als getränkt durch "Konkurrenz und persönliche Befindlichkeiten". Er bedauert, dass wichtige Künstler, die sich ja nicht anderswo vertreten lassen, damit von entscheidenden Diskursen abgekoppelt werden.
Auf der online-Seite des Art-Magazins wird Gerd Harry Lybke deutlicher. Er vermutet eine "Abstrafaktion missgünstiger Kollegen". In Amerika würde man das "als Diskriminierung oder Rassismus bezeichnen" - angesichts seiner ostdeutschen Herkunft.
Mit einer neu geordneten Dauerausstellung wartet das Lessingmuseum Kamenz auf, eine der 20 "kulturellen Gedächtnisorte im Osten Deutschlands". So seien einige Neubewertungen vorgenommen worden, darunter einer Italienreise Lessings, u.a. nach Livorno. Dort habe es in friedlicher Koexistenz Synagogen, Moscheen und Kirchen gegeben. Möglicherweise eine Initialzündung für den "Nathan", schreibt Jörg Schurig.
Ai Weiwei hat es kommen sehen, den Abriss seines 2000m² großen Ateliers in Shanghai. Der Künstler glaubt an eine Strafaktion für seine politischen Aktivitäten. Er sei traurig, dass das starke China "keine Kritik vertragen" könne.
Der Leiter der Schaubühne Lindenfels, René Reinhardt, möchte mit Kooperationen mit anderen Kultureinrichtungen wie dem Westflügel, Gewandhaus, Oper und Uni Leipzig neue Stärke entwickeln. Allein durch eine geplante Zusammenarbeit mit dem Lindenfels Westflügel rechnet er mit höheren Fördergeldern von 22.000 Euro. Die Schaubühne, die vor einigen Jahren stolz auf 50.000 Besucher jährlich verweisen konnte, freut sich zur Zeit über die Steigerung von 27.000 (in 2009) auf 29.000 Besucher (in 2010), wie Verena Lutter berichtet.
Die Diskussion über das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig geht weiter. Florian Ibrügger schreibt, Stadträte unterschiedlicher Fraktionen seien enttäuscht von dem eindeutigen Votum (contra Denkmal), das über die Telefone der lvz ausgedrückt wurde. Wie weit die politische Klasse nicht nur in Berlin weg ist von den Meinungen der Menschen vor Ort, beweist Bettina Kudla, ehemalige Finanzdezernentin Leipzigs und nun CDU-MdB, wenn sie pro Denkmal darauf verweist, dass der Region "sowohl ein touristischer Anziehungspunkt als auch Bauaufträge in Millionenhöhe entgehen würden", sollte das Denkmal nicht gebaut werden. Rein ökonomische Argumente können aber niemals die durchaus widersprüchlichen Empfindungen Leipziger Bürger ausdrücken, die bei dem Thema des Freiheitsdenkmals anlässlich 1989 angesprochen werden.
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Freitag, 14. Januar 2011
lvz kultur vom 14.1.11: Abstraf-Aktion für Judy Lybke. Lindenberg. Dschungel-Camp. Art Basel
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Dienstag, 28. Dezember 2010
lvz kultur vom 28.12.10: Lindenberg, Banksy, Liszt & MuKo
Unter Udo Lindenbergs Tarnkappe wird jedes romantische Gefühl so jung und lebendig, dass Leute unter 25 garantiert wenig Probleme haben, einfach "Hey" zu ihm zu sagen. "Hey", wie "Manu", das junge Mädchen aus Pankow, in das sich Lindenberg unter Schmerzen verliebte, bei ihrer ersten Begegnung. Diese autobiografische (Liebes-)Geschichte ist Thema des Musicals "Hinterm Horizont", das Stage Entertainment und St.Pauli Theater im Berliner Theater am Potsdamer Platz uraufführen. Mit Hits von Udo Lindenberg und Texten von Thomas Brussig. Rolf Richter sprach mit den beiden Hauptdarstellern Josephin Busch und Serkan Kaya. Während Busch das sagt, was man von einem gut 20-jährigen Mädchen erwartet (von "super, mit solchen Profis zu arbeiten" bis "will das natürlich gut machen"), bangt Serkan Kaya um "seine eigene Figur", die kein Doppelgänger Lindenbergs sein soll. Er weiß, dass er da nur baden gehen könnte. Der ehemalige Folkwang-Schüler weiß auch um das Geschenk, "mit solchen Großen" wie Lindenberg und Regisseur Udo Waller zusammenarbeiten zu können. Eine kleine Verbeugung hier ("Der Capitano lebt und hat mehr Energie als wir alle zusammen"), ein Kompliment von Lindenberg dort: "Frische Leute, Top-Besetzung, sehr gute Band, gute Songs", das alles einfach "schön straight" statt "musicalmäßig". Lindenbergs Resümee: "Das kann nur der totale Hammer werden." Auf die Frage: "Ist es ihr Leben?" rückt Lindenberg die Romantik mal kurz grade: "Es ist ein Musical."
Im Jahresrückblick in Sachen Kultur stellt Nada Weigelt eine Top Ten auf, die wenig überrascht: Christoph Schlingensiefs Tod und auch der von Wolfgang Wagner, den Oscar für Christoph Waltz und die Theater heute-Kür des Kölner Schauspielhauses und ihrer Intendantin Karin Beier, die Sandro Botticelli-Ausstellung im Frankfurter Städel noch vor der Kirchner-Retrospektive (ebenfalls Frankfurt/Städel), den Neo Rauch-Schauen in Leipzig und München und Frieda Kahlo in Berlin (Kriterium waren Besucherzahlen und "stundenlanges Schlangestehen", peinlich). Immerhin: Melinda Nadj Abonjis Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis ist vermerkt, Helene Hegemanns zweispältige Feuilleton-Furore aber ebenfalls. Oskar Pastiors Zusammenarbeit mit der Securitate, weit über die in Diktaturen erpressbare Form hinaus, erschreckt weiterhin nicht nur Herta Müller, Christian Thielemanns Wechsel von München nach Dresden schlägt aus Sachsens Sicht ebenfalls bemerkenswerte Wellen, auch weil Kent Nagano München ebenfalls den Rücken kehrt. Und da ist noch die Sparpolitik in Bund und Ländern. Und deren Opfer. Zwar sind vor allem regionale Einrichtungen betroffen, aber die Substanz der Kulturnation Deutschland beruht gerade auf ihnen. Auf der Antistaatswelle surfende Neoliberale betreiben kannibalistischen Raubbau an Kultur, Demokratie und zivilisatorischem Miteinander. Herrschende Leitkultur ist die Frage nach der Verwertbarkeit.
Apropos Verwertung. Jürgen Kleindienst hat sich - selbstverständlich unter Tarnkürzel jkl - in ausgepresst klammheimlicher Freude schuldig bekannt. Die Gesellschaft zur Eindämmung des musikalischen Anarchismus (GEMA) hat dessen letzte widerständige Bastion in Kitas ausgemacht. (Raub-)Kopierte und verteilte Liederzettel standen ja bereits schon einmal am Beginn einer friedlichen Revolution, so billig soll es nun nicht mehr abgehen. Doch die Maßnahme erschreckt bereits neben Kristina Schröder weitere konservative und aufrechte Stützen der Gesellschaft. Selbst im bislang systemtreuen Pinneberger Tageblatt gärt es ob der Verhinderungsbataillone aktueller Popmelodien. Erste Aufrufe, Kindern die Noten der GEMA-freien Lieder "Völker, hört die Signale" oder ökolibertärer Songs á la "Auf einem Baum ein Kuckuck..." zu verteilen, werden allerdings noch als Simsalabim bezeichnet. Da Jürgen laut gut informierten Kreisen ebenfalls ein Signal vernommen hat, überlegt er bereits ernsthaft, in den Untergrund zu gehen und Erzieher zu werden.
Nina May huldigt in ihrem heutigen Artikel ebenfalls einer Ikone "konsumkritischer" Rebellion, dem Street-Art-Künstler Banksy. Banksy, von dem May nicht recht weiß, ob er bereits Teil des Problems geworden ist, erntet allerdings die Sympathie und große Hochachtung Mays angesichts seines selbstironischen Ouevres. Gerade, dass er die Spielregeln des Systems gleichzeitig bedient und verletzt, indem er aus dem Stand neue Künstler hypt (Thierry Guetta) und zu Ausschlägen auf dem Kunstmarkt führt wie sie vordem nur bei Hochrisikopapieren üblich waren, verwirrt Freund und Feind. Wenn nicht der Markt selbst, sondern seine Objekte und Aktien am Börsenrad drehen, scheinen sich die Feldlinien des Kapitalismus möglicherweise unkontrolliert umzupolen ähnlich dem Magnetfeld der Erde selbst.
Naja, mal weg von dem metaphorischen Analysequark will ich einfach nur sagen, dass es diese Groupies des Kunstbetriebs sind, die sich immer mehr ins Zentrum setzen. Im Vergleich zu ihnen ist der Künstler selbst natürlich ein hoffnungslos anachronistischer Typ. Dass der Kunstbetrieb also zwangsläufig auch in Kategorien der Prostitution beschrieben werden kann, in dem wir selbst gleichzeitig Freier und Nutten sind, machts nicht besser, aber fördert den Kollaps. Auch schön.
Zum 200. Geburtstag wird tatsächlich Franz Liszt wieder herausgekramt. Und Thomas Bickelhaupts interessanten Text lesend, glaubt man sofort, dass er direkt an der Wiege der modernen Kunstvermarktung stand, was seine Zeitgenossen vor lauter Glaube an Originalgenies einfach noch nicht wahrnehmen wollten. Er baute auch an einer Strategie für einen "Masterplan 'Neu-Weimar' als ein geistiges und kulturpolitisches Zentrum in Europa". Und wie Banksy protegierte der Meister - ebenfalls kostenlos - begabte Talente. Liszt sah nicht nur kompositorisch über den historischen Horizont, auch in der Nachwuchsförderung war der Vater Cosima Wagners Trendsetter.
Klaus Staeubert fragt sich zu recht, warum die Musikalische Komödie einen schleichenden Tod sterben soll, wo doch Potential und Akzeptanz in der Zuschauerschaft dermaßen hoch seien. Ähnlich dem Naturkundemuseum werden Instandhaltungen, geschweige denn Sanierung und Ausbau (zwecks Effizienzsteigerung) bewusst hintertrieben. Warum kann es für diese künstlerisch wie baulich in Spinnweben gefangene Institution nicht einen "Masterplan" geben, bevor(!) die Einrichtung wie jenes Vorbild den Bach herunter geht? Ob der nun die öffentliche oder private Karte ziehen wird oder eine "public private partnership" darstellt, soll an dieser Stelle mal egal sein. Die Kulturpolitiker Leipzigs sind in Punkto MuKo bequeme und gleichzeitig feige Opportunisten, die sofort hinter den Bäumen verschwinden, wo sie Präsenz und Intelligenz zeigen sollten.
Im Jahresrückblick in Sachen Kultur stellt Nada Weigelt eine Top Ten auf, die wenig überrascht: Christoph Schlingensiefs Tod und auch der von Wolfgang Wagner, den Oscar für Christoph Waltz und die Theater heute-Kür des Kölner Schauspielhauses und ihrer Intendantin Karin Beier, die Sandro Botticelli-Ausstellung im Frankfurter Städel noch vor der Kirchner-Retrospektive (ebenfalls Frankfurt/Städel), den Neo Rauch-Schauen in Leipzig und München und Frieda Kahlo in Berlin (Kriterium waren Besucherzahlen und "stundenlanges Schlangestehen", peinlich). Immerhin: Melinda Nadj Abonjis Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis ist vermerkt, Helene Hegemanns zweispältige Feuilleton-Furore aber ebenfalls. Oskar Pastiors Zusammenarbeit mit der Securitate, weit über die in Diktaturen erpressbare Form hinaus, erschreckt weiterhin nicht nur Herta Müller, Christian Thielemanns Wechsel von München nach Dresden schlägt aus Sachsens Sicht ebenfalls bemerkenswerte Wellen, auch weil Kent Nagano München ebenfalls den Rücken kehrt. Und da ist noch die Sparpolitik in Bund und Ländern. Und deren Opfer. Zwar sind vor allem regionale Einrichtungen betroffen, aber die Substanz der Kulturnation Deutschland beruht gerade auf ihnen. Auf der Antistaatswelle surfende Neoliberale betreiben kannibalistischen Raubbau an Kultur, Demokratie und zivilisatorischem Miteinander. Herrschende Leitkultur ist die Frage nach der Verwertbarkeit.
Apropos Verwertung. Jürgen Kleindienst hat sich - selbstverständlich unter Tarnkürzel jkl - in ausgepresst klammheimlicher Freude schuldig bekannt. Die Gesellschaft zur Eindämmung des musikalischen Anarchismus (GEMA) hat dessen letzte widerständige Bastion in Kitas ausgemacht. (Raub-)Kopierte und verteilte Liederzettel standen ja bereits schon einmal am Beginn einer friedlichen Revolution, so billig soll es nun nicht mehr abgehen. Doch die Maßnahme erschreckt bereits neben Kristina Schröder weitere konservative und aufrechte Stützen der Gesellschaft. Selbst im bislang systemtreuen Pinneberger Tageblatt gärt es ob der Verhinderungsbataillone aktueller Popmelodien. Erste Aufrufe, Kindern die Noten der GEMA-freien Lieder "Völker, hört die Signale" oder ökolibertärer Songs á la "Auf einem Baum ein Kuckuck..." zu verteilen, werden allerdings noch als Simsalabim bezeichnet. Da Jürgen laut gut informierten Kreisen ebenfalls ein Signal vernommen hat, überlegt er bereits ernsthaft, in den Untergrund zu gehen und Erzieher zu werden.
Nina May huldigt in ihrem heutigen Artikel ebenfalls einer Ikone "konsumkritischer" Rebellion, dem Street-Art-Künstler Banksy. Banksy, von dem May nicht recht weiß, ob er bereits Teil des Problems geworden ist, erntet allerdings die Sympathie und große Hochachtung Mays angesichts seines selbstironischen Ouevres. Gerade, dass er die Spielregeln des Systems gleichzeitig bedient und verletzt, indem er aus dem Stand neue Künstler hypt (Thierry Guetta) und zu Ausschlägen auf dem Kunstmarkt führt wie sie vordem nur bei Hochrisikopapieren üblich waren, verwirrt Freund und Feind. Wenn nicht der Markt selbst, sondern seine Objekte und Aktien am Börsenrad drehen, scheinen sich die Feldlinien des Kapitalismus möglicherweise unkontrolliert umzupolen ähnlich dem Magnetfeld der Erde selbst.
Naja, mal weg von dem metaphorischen Analysequark will ich einfach nur sagen, dass es diese Groupies des Kunstbetriebs sind, die sich immer mehr ins Zentrum setzen. Im Vergleich zu ihnen ist der Künstler selbst natürlich ein hoffnungslos anachronistischer Typ. Dass der Kunstbetrieb also zwangsläufig auch in Kategorien der Prostitution beschrieben werden kann, in dem wir selbst gleichzeitig Freier und Nutten sind, machts nicht besser, aber fördert den Kollaps. Auch schön.
Zum 200. Geburtstag wird tatsächlich Franz Liszt wieder herausgekramt. Und Thomas Bickelhaupts interessanten Text lesend, glaubt man sofort, dass er direkt an der Wiege der modernen Kunstvermarktung stand, was seine Zeitgenossen vor lauter Glaube an Originalgenies einfach noch nicht wahrnehmen wollten. Er baute auch an einer Strategie für einen "Masterplan 'Neu-Weimar' als ein geistiges und kulturpolitisches Zentrum in Europa". Und wie Banksy protegierte der Meister - ebenfalls kostenlos - begabte Talente. Liszt sah nicht nur kompositorisch über den historischen Horizont, auch in der Nachwuchsförderung war der Vater Cosima Wagners Trendsetter.
Klaus Staeubert fragt sich zu recht, warum die Musikalische Komödie einen schleichenden Tod sterben soll, wo doch Potential und Akzeptanz in der Zuschauerschaft dermaßen hoch seien. Ähnlich dem Naturkundemuseum werden Instandhaltungen, geschweige denn Sanierung und Ausbau (zwecks Effizienzsteigerung) bewusst hintertrieben. Warum kann es für diese künstlerisch wie baulich in Spinnweben gefangene Institution nicht einen "Masterplan" geben, bevor(!) die Einrichtung wie jenes Vorbild den Bach herunter geht? Ob der nun die öffentliche oder private Karte ziehen wird oder eine "public private partnership" darstellt, soll an dieser Stelle mal egal sein. Die Kulturpolitiker Leipzigs sind in Punkto MuKo bequeme und gleichzeitig feige Opportunisten, die sofort hinter den Bäumen verschwinden, wo sie Präsenz und Intelligenz zeigen sollten.
Montag, 25. Oktober 2010
lvz kultur vom 25.10.10: Dokfilmwoche, Lachmesse & Udo Lindenberg
Norbert Wehrstedt fühlt sich, wie so oft, im falschen Film, zumindest in einem anderen. Denn die Juries für die Preisverleihungen an die verschiedenen Dok- und Animationsfilme haben mal wieder alles ganz anders gesehen als er, ihre "Entscheidungen blieben natürlich mal wieder ein Buch mit sieben Siegeln", daher "klingen manche Begründungen nicht nur forsch, sondern auch fantastisch". Allerallermindestens aber habe es "einige Eierei" gegeben. Den Haupt-Preis im internationalen Wettbewerb, die Goldene Taube (10.000 €), hat zwar "Vodka Factory" von Jerzey Sladkowski (PL) erhalten; Norbert Wehrstedt deutete die zwei Preise an Tomas Kudmas "All That Glitter" (CZ), der den MDR-Preis (3000 €) und den Preis der Agentur für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz (8.000 €) erhalten hat, wegen ihrer 1000 € höheren Gesamtsumme allerdings zum "eigentlichen Gewinner" um. Den Preis im Milchmädchenrechnen hat Wehrstedt jedenfalls verdient.
Das eigentliche Ärgernis für den lvz Filmredakteur aber war die Abwesenheit vieler Preisträger: Nur fünfen der 15 konnte der Preis persönlich übergeben werden. Ärgerlicher zumindest als seine Überzeugung, einen vergleichsweise schwachen Jahrgang ("nicht mit Meisterstücken gespickt") gesehen zu haben. Gar nicht schwach war allerdings die Publikumsbeteiligung beim 53. Dokfilmfest. Die 30.000er Marke - und damit einen Besucherrekord - habe man sicher "geknackt", meinte Chef Claas Danielsen, Rekord bedeuteten auch 1421 Akkreditierungen.
Titel Thesen Temperamente hat übrigens einen außergewöhnlichen Film gesehen, den weder die Jury noch Norbert Wehrstedt in ihren Notizbüchern hatten: Martina Prießners "Wir sitzen im Süden" (D) über Deutsch-Türken in Istanbul, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr in Deutschland leben dürfen, und für die ein Callcenter für deutsche Unternehmen in der türkischen Metropole eine Art Heimatersatz geworden ist. "Wundervoll" (TTT).
Mathias Wöbking war dabei, als 7500 Fans der Band A-ha auf ihrer Abschiedstour zujubelten und sah einer Vollversammlung von 35- bis 45-Jährigen zu, die den "Soundtrack ihrer Kindheit und Jugend" feierte. Beim Finale des Konzert wusste er folglich nicht, ob die vor Heulkrämpfen "zusammenbrechenden" Zuschauerinnen "A-ha oder der eigenen Jugend hinterweinten".
Mark Daniel hat am Wochenende im Centraltheater den Höhepunkten der diesjährigen Lachmesse beigewohnt: Georg Schramm und Bruno Jonas. "Böser, schärfer, anspruchsvoller geht es nicht." Kabarett, dieser possierlich anzusehende Hahnenkampf eines ungefährlich gewordenen, gackernden Geistreichtums, ist ja eigentlich so passé wie der unangreifbare Universalgelehrte oder, z.B., der Chefmaskenbildner der trivialisierten Mittel- und Unterschichten, von der es sich so preiswert distanzieren lässt: Neo Rauch. Bei allem Lob - das insbesondere der "Portion Tragik" gewidmet ist, das Georg Schramm seinen Figuren verleihe - resümiert Daniel: "Besuche bei Jonas und Schramm sind für Bildungsbürger schicke Adressen, um sich zu vergewissern, dass ihre Schicht noch existiert." Gut gebrüllt, Löwe! Und wie lautet Daniels Schlusswort? "Bravo!"
Ballett und Breakdance treten in Heike Hennigs Tanztheater "Zeitsprünge", einer Fortsetzung von "Zeit tanzen seit 1927", in einen bewegenden Dialog. Ältere "Damen und Herren" des Balletts, allesamt Jahrgänge 27 bis 43, sollten im Kellertheater der Oper auf "junge Tänzer" treffen, doch von den vier Alten war leider nur einer anwesend. Dennoch: Für Benedikt Leßmann blieb "dieses Stück stets spontan und leichtfüßig. Tanztheaterkunst, die berührt."
In Peter Korfmachers diestägiger Glosse "ausgepresst" macht sich der lvz Kulturchef über die Verleihung des Jacob-Grimm-Preises für deutsche Sprache an Udo Lindenberg her. In akrobatisch anmutender Sarrazinnachfolge moniert kfm zwar nicht die Selbstabschaffung Deutschlands, aber zumindest die der deutschen Sprache, "die in verstörter Demut der eigenen Abdankung" hinterherschaue. Erst musste Jacob Grimm ungefragt eine schmerzhafte Roman-Behandlung durch Günter Grass erdulden, und nun das. Udo gewohnt cool: "Mit der deutschen Sprache kann man jonglieren wie mit einem Kaugummi."
Das eigentliche Ärgernis für den lvz Filmredakteur aber war die Abwesenheit vieler Preisträger: Nur fünfen der 15 konnte der Preis persönlich übergeben werden. Ärgerlicher zumindest als seine Überzeugung, einen vergleichsweise schwachen Jahrgang ("nicht mit Meisterstücken gespickt") gesehen zu haben. Gar nicht schwach war allerdings die Publikumsbeteiligung beim 53. Dokfilmfest. Die 30.000er Marke - und damit einen Besucherrekord - habe man sicher "geknackt", meinte Chef Claas Danielsen, Rekord bedeuteten auch 1421 Akkreditierungen.
Titel Thesen Temperamente hat übrigens einen außergewöhnlichen Film gesehen, den weder die Jury noch Norbert Wehrstedt in ihren Notizbüchern hatten: Martina Prießners "Wir sitzen im Süden" (D) über Deutsch-Türken in Istanbul, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr in Deutschland leben dürfen, und für die ein Callcenter für deutsche Unternehmen in der türkischen Metropole eine Art Heimatersatz geworden ist. "Wundervoll" (TTT).
Mathias Wöbking war dabei, als 7500 Fans der Band A-ha auf ihrer Abschiedstour zujubelten und sah einer Vollversammlung von 35- bis 45-Jährigen zu, die den "Soundtrack ihrer Kindheit und Jugend" feierte. Beim Finale des Konzert wusste er folglich nicht, ob die vor Heulkrämpfen "zusammenbrechenden" Zuschauerinnen "A-ha oder der eigenen Jugend hinterweinten".
Mark Daniel hat am Wochenende im Centraltheater den Höhepunkten der diesjährigen Lachmesse beigewohnt: Georg Schramm und Bruno Jonas. "Böser, schärfer, anspruchsvoller geht es nicht." Kabarett, dieser possierlich anzusehende Hahnenkampf eines ungefährlich gewordenen, gackernden Geistreichtums, ist ja eigentlich so passé wie der unangreifbare Universalgelehrte oder, z.B., der Chefmaskenbildner der trivialisierten Mittel- und Unterschichten, von der es sich so preiswert distanzieren lässt: Neo Rauch. Bei allem Lob - das insbesondere der "Portion Tragik" gewidmet ist, das Georg Schramm seinen Figuren verleihe - resümiert Daniel: "Besuche bei Jonas und Schramm sind für Bildungsbürger schicke Adressen, um sich zu vergewissern, dass ihre Schicht noch existiert." Gut gebrüllt, Löwe! Und wie lautet Daniels Schlusswort? "Bravo!"
Ballett und Breakdance treten in Heike Hennigs Tanztheater "Zeitsprünge", einer Fortsetzung von "Zeit tanzen seit 1927", in einen bewegenden Dialog. Ältere "Damen und Herren" des Balletts, allesamt Jahrgänge 27 bis 43, sollten im Kellertheater der Oper auf "junge Tänzer" treffen, doch von den vier Alten war leider nur einer anwesend. Dennoch: Für Benedikt Leßmann blieb "dieses Stück stets spontan und leichtfüßig. Tanztheaterkunst, die berührt."
In Peter Korfmachers diestägiger Glosse "ausgepresst" macht sich der lvz Kulturchef über die Verleihung des Jacob-Grimm-Preises für deutsche Sprache an Udo Lindenberg her. In akrobatisch anmutender Sarrazinnachfolge moniert kfm zwar nicht die Selbstabschaffung Deutschlands, aber zumindest die der deutschen Sprache, "die in verstörter Demut der eigenen Abdankung" hinterherschaue. Erst musste Jacob Grimm ungefragt eine schmerzhafte Roman-Behandlung durch Günter Grass erdulden, und nun das. Udo gewohnt cool: "Mit der deutschen Sprache kann man jonglieren wie mit einem Kaugummi."
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