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Freitag, 21. Januar 2011

lvz kultur vom 21.1.11: Confrontainment in Leipzig? Coen-Brüder. Gondwana-Land. Faber.

Norbert Wehrstedt muss früher mal blind gewesen sein, so sehr durchkämmt er heute Sequenz für Sequenz aller Filme, derer er habhaft werden kann. Und will Bilder sehen, große Bilder! Beschimpft alle, die "vom Kino so viel verstehen, wie die Erdmännchen von der Tigerjagd" und den Golden Globe an ein "bilderloses Hörspiel" verleihen: The Social Network. Statt ein harmloses Nickerchen vor der Leinwand einzulegen, will er das Werk an MDR info weggeben. Denn jetzt gibt es ja "True Grit", "das neue Western-Meisterstück" der Coen-Brüder. Bildgewaltig. Und erfolgreich. Nach vier Wochen habe es bereits 130 Mio Dollar eingespielt. Das kann keiner der in den letzten Jahren gedrehten Western von sich behaupten. Wehrstedt trägt die lange Liste der weniger erfolgreichen Western so akkurat vor, als wolle er selbst bei MDR info als Nachtportier anfangen. "True Grit" ist ein Remake von Hathaways Klassiker "Der Marshall", mit dem John Wayne seinen ersten Oscar gewonnen hatte. Das traut Wehrstedt der Neufassung der Coen-Brüder nicht nur ebenfalls zu, sondern erhebt sie gleich in den Stand der "Auferstehung des Western"-Genres.

Feo Aladags Film "Die Fremde" mit Sibel Kekilli ist nicht in die Endrunde um den Oscar für den "besten fremdsprachigen Film" eingezogen. Von der deutschen Jury war er seinerzeit mit viel Vorschusslorbeeren bedacht ins Rennen um die Trophäe geschickt worden.

Janina Fleischer wird langsam ungeduldig. Die Peaceniks im RTL-Dschungelcamp gehen ihr gehörig auf den Senkel. Statt sich gegenseitig zu zoffen, was der australische Regenwald nur hergibt, müssen die Zuschauer diesen hartgesottenen Part übernehmen. Mit Lust an der Niedertracht haben sie "die arme Sarah" bereits zum fünften Mal hintereinander für die Dschungelprüfung ausgewählt. Als ob es zuhause nicht genug Möglichkeiten zum Mobben gäbe. Doch ein ähnlich gelagertes Ausleben niederer Instinkte hat der kluge Roger Willemsen einmal als "Konträr-Faszination" bezeichnet ("Gott sei Dank bin ich nicht so"), Janina Fleischer übersetzt die Wortzusammensetzung glücklicherweise ins Englische, so dass man sie verstehen kann: Als Confrontainment nämlich. Das jüngste lockere Geplänkel im Neuen Rathaus lässt sie allerdings nicht als solches gelten, lieber möchte Fleischer das neu errichtete Gondwanaland als ein heimisches Dschungelcamp nutzen lassen, "alles eine Frage des Marketings". Die Besetzung findet sich.

Im Haus des Buches hat Alexander Osang aus seinem Reportagenband "Im nächsten Leben" gelesen, Claudia Panzner war für die lvz dabei. Während Verleger/Moderator Christoph Links im Gespräch mit Osang ihn als "guten Autor" bezeichnet, bleibt Panzner merkwürdig distanziert. Dessen "viele Typisierungen und Vergleiche" bezeichnet sie allerdings als "schematisches Spiel, das man mögen muss". Warum eigentlich? Sie spekuliert, dass Osang "im nächsten Leben" selbst kein Ostdeutscher sein wolle, stattdessen Amerikaner. Dort"fühlte ich mich wieder wie ein Junge", und hatte das Gefühl, "nicht zu altern". Osang, der Reporter, badet im Jungbrunnen. Auch ne Story.

Jürgen Kleindienst und Mark Daniel entdecken bei dem alten und aus der eigenen Asche wieder emporgestiegenen Kulturbürgermeister Michael Faber Ansätze von Selbstkritik, er wolle sich stärker als Gestalter, Politiker und Kommunikator begreifen als bisher. Sogar ein Handy erwägt er zu kaufen. Zu Hartmann und der freien Szene will er erstmal schweigen, da habe er schon mehr als genug gesagt. "Dass er als handelnder Kulturbürgermeister" nicht anecke, glaube er allerdings nicht. Die Freie Szene mimt den Miniatur-Jung, trägt die Sorgenfalten professionell und "akzeptiert die demokratisch gefällte Entscheidung". Das macht Gewandhaus-Schulz weniger. Er "bedauert die Entscheidung, findet sie sehr problematisch." Ansonsten hat auch er Kreide geschluckt. Und: Faber will die Kompetenz für die Eigenbetriebe wiederhaben.

Im "Musica-Nova"-Programm "Fernblicke" geht der Komponist Steffen Schleiermacher der "zentralen" Frage nach, ob "die Musik des Italieners Giacinto Scelsi" asiatisch zu nennen wäre. "Wise Water", ein anderes seiner Werke, bezeichnet er lieber gleich als "langsam dahinfließende Zeit", an anderer Stelle kommt die Musik "aus dem Nichts" oder das alte Bonmot, dass das nicht noch das Stimmen der Instrumente seien, sondern "schon das Stück". Ob Heike Bronn ihren ganzen Artikel unter leicht ironische Vorzeichen gestellt hat, kann man natürlich investigativ herausfinden.

In der palästinensische Stadt Jenin mit seinen großen Flüchtlingslagern wurde das einzige Kino der Stadt 1987 zur Intifada geschlossen. Mittels vieler Spenden wurde das Kino in dem nahe des Grenzzauns gelegenen Ort wiederaufgebaut, teils gegen den Willen und sogar Drohungen von konservativ-religiösen Bewohnern. Dass jüngst sogar ein Anschlag auf das Kino verübt wurde, sagt Theresa Rentsch zwar nicht, vorerst wird ihm immer häufiger mal ein großes Lob für das preisgekrönte Werk "Das Herz von Jenin" des deutschen Regisseurs Marcus Vetter ausgeteilt. Das Kino selbst ist mittlerweile längst zur Anlaufstelle geworden für ganz alltägliche Probleme.

Mittwoch, 1. Dezember 2010

lvz kultur vom 01.12.10: Woody Allen, Mark Twain, Nina Hagen & Kulturkonferenz

Wer Sex und Witz und Ernst zusammen denken kann, gehört zu den Großen. Und noch Filme drüber drehen! Woody Allen kann das. Aus Anlass seines 75. Geburtstages schreibt Norbert Wehrstedt einen fast schon als Nachruf durchgehenden Text. Das ist o.k., nicht nur, weil er wunderbar lesbar ist. Der Hype um Allen ist vorbei und trotzdem achtet jeder den kleinen Mann mit dem großen Mut, der sein Inneres nach Außen zu kehren imstande war und ist. Woody Allen wuchs im jüdischen Milieu von Brooklyn auf, jüdischer Witz, der den Schmerz und die Freude am Leben niemals vergisst, gehört zum Päckchen, das das Leben für einen schnürt. Jedes Jahr drehte Allen einen Film, jeden Montag spielte er Jazz-Klarinette im Carlyle Hotel in Manhattan, aber mit nur vier Frauen war er verheiratet (zur Zeit mit seiner Adoptivtochter). Diese unglaubliche Selbstdisziplin ist das Bewundernswerte an dem Regisseur, dessen "schönster Auftritt" als Schauspieler der eines Restaurant-Kassierers ("Der Strohmann") war. Drei Oscars hat er bisher erhalten, aber nie persönlich in Empfang genommen. Woody Allen, dessen großer Held Ingmar Bergman ist, kann Tragik und Schmerz - wie George Tabori - wahrscheinlich nur empfinden, wenn er einen Witz darüber machen kann. Das hält jung. Glückwunsch!

Mark Twain, Autor der unvergesslichen Werke "Tom Sawyers Abenteuer" und "Huckleberry Finn", gehört beinahe zum amerikanischen Gründungsmythos. Twain, an dessen Geburt und an dessem Tod jeweils der spektakuläre Komet Halley zufällig am Firmament vorüberzog, hatte Tausende Seiten Aufzeichnungen für eine Autobiografie hinterlassen. Mark Twain, dessen Künstlername sich von dem Ort herleitete, ab dem der Mississippi für Raddampfer schiffbar wurde ("Mark Twain" entsprach zwei Faden Mindestwassertiefe) hatte bestimmt, dass seine Aufzeichnungen erst 100 Jahre nach seinem Tod erscheinen durften. Die 744 Seiten Buch des ersten von drei Teilen hat der dpa/epd-Schreiber nicht gelesen. Ob die Inhalte die Auflage des Autors rechtfertigt, wird also viele Neugierige noch auf den Plan rufen.

Mit Nina Hagen kann Steffen Georgi scheinbar nicht viel anfangen. Als "Mensch von protestantischer Bescheidenheit" war ihm die Lady, die vom Punk zum Protestantismus wechselte, scheinbar immer etwas zu schrill. Ihre neueste CD "Personal Jesus", die sie in der Peterskirche vorstellte, wirkt dennoch "bodenständig" auf den lvz redakteur, immerhin habe sie sich für ihre Sünden längst entschuldigt (hat sie also nicht nur gebeichtet, auf dass sie ihr verziehen wurden) und freue sich nun auf den Himmel. Musikalischer Höhepunkt war allerdings ein Brecht-Song, sein "Lied - im Gefängnis zu singen". Gerichtet an die Machthaber der Welt, singt sie: "Eines Tages, und das wird bald sein,/ Werden sie sehen, dass ihnen das alles nichts mehr nützt." Mit "einer Kraft, die wirklich berührt." Es scheint auch noch ein Leben vor dem Tod zu geben.

Jürgen Kleindiensts heutiges "ausgepresst" ist wieder nur begrenzt witzig und pointiert, dafür von einem guten Gedanken beseelt: Die Wikileaks-Enthüllungen seien doch mehr als Klatsch zu betrachten. Wird Zeit, dass die Wikier endlich wieder ernsthaft ihren Job machen, meint Kleindienst.

Manfred Präcklein schreibt einen Nachruf auf Peter Hofmann, der mit 66 Jahren an den Folgen von Parkinson gestorben ist. Legendär ist Hofmann geworden für seinen Spagat zwischen klassischer Musik (viele Wagner-Titelrollen in Bayreuth) und Rock-, Pop- und Countrymusik. Er trat im Westen wie im Osten auf, spielte in Musicals und TV ebenso wie bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg (Old Firehand). Seit mehr als zehn Jahren war er immer seltener auf der Bühne zu sehen, 2004 beendete er offiziell seine Karriere.

Mal schauen, ob die Kulturkonferenz von Gewandhaus, mdr Figaro und lvz, die unter dem Titel "Muss sich Kultur rechnen?" am Fr., 3..12. im Mendelssohn-Saal stattfindet, etwas zu sagen hat. Klar ist, dass die Kassen nur "vorgeblich leer" seien. Spürbar ist auch, dass Häuser mit klarem und erfolgreichem Profil weniger von Einsparungen betroffen sind, als Häuser mit schwachen Chefs und Teams. Trotzdem "gerät Kultur als zentrales Kommunikationsmittel unserer Gesellschaft in die Defensive". Druck lastet auf den Einrichtungen so großer wie z.B. auf Bundesligamannschaften. Und das ist prekär. Weniger, dass ein Robert Enke die Schattenseite deutlich macht (und z.B. Friedrich Schirmers Rücktritt, dessen Frau sich vor wenigen Jahren ebenfalls das Leben nahm), eher, dass Kultur nicht wie die Gladiatorspiele der Bundesliga Triebabfuhr bedeutet und sich auch nicht in Mark und Pfennig rechnen lässt, und folglich der Druck nur zu Schäden an der körperlichen und geistigen Substanz führt, wird das Thema sein. Leider sitzt kein aktiver Politiker auf dem Podium. Vielleicht ja im Saal.

Montag, 25. Oktober 2010

lvz kultur vom 25.10.10: Dokfilmwoche, Lachmesse & Udo Lindenberg

Norbert Wehrstedt fühlt sich, wie so oft, im falschen Film, zumindest in einem anderen. Denn die Juries für die Preisverleihungen an die verschiedenen Dok- und Animationsfilme haben mal wieder alles ganz anders gesehen als er, ihre "Entscheidungen blieben natürlich mal wieder ein Buch mit sieben Siegeln", daher "klingen manche Begründungen nicht nur forsch, sondern auch fantastisch". Allerallermindestens aber habe es "einige Eierei" gegeben. Den Haupt-Preis im internationalen Wettbewerb, die Goldene Taube (10.000 €), hat zwar "Vodka Factory" von Jerzey Sladkowski (PL) erhalten; Norbert Wehrstedt deutete die zwei Preise an Tomas Kudmas "All That Glitter" (CZ), der den MDR-Preis (3000 €) und den Preis der Agentur für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz (8.000 €) erhalten hat, wegen ihrer 1000 € höheren Gesamtsumme allerdings zum "eigentlichen Gewinner" um. Den Preis im Milchmädchenrechnen hat Wehrstedt jedenfalls verdient.
Das eigentliche Ärgernis für den lvz Filmredakteur aber war die Abwesenheit vieler Preisträger: Nur fünfen der 15 konnte der Preis persönlich übergeben werden. Ärgerlicher zumindest als seine Überzeugung, einen vergleichsweise schwachen Jahrgang ("nicht mit Meisterstücken gespickt") gesehen zu haben. Gar nicht schwach war allerdings die Publikumsbeteiligung beim 53. Dokfilmfest. Die 30.000er Marke - und damit einen Besucherrekord - habe man sicher "geknackt", meinte Chef Claas Danielsen, Rekord bedeuteten auch 1421 Akkreditierungen.
Titel Thesen Temperamente hat übrigens einen außergewöhnlichen Film gesehen, den weder die Jury noch Norbert Wehrstedt in ihren Notizbüchern hatten: Martina Prießners "Wir sitzen im Süden" (D) über Deutsch-Türken in Istanbul, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr in Deutschland leben dürfen, und für die ein Callcenter für deutsche Unternehmen in der türkischen Metropole eine Art Heimatersatz geworden ist. "Wundervoll" (TTT).
Mathias Wöbking war dabei, als 7500 Fans der Band A-ha auf ihrer Abschiedstour zujubelten und sah einer Vollversammlung von 35- bis 45-Jährigen zu, die den "Soundtrack ihrer Kindheit und Jugend" feierte. Beim Finale des Konzert wusste er folglich nicht, ob die vor Heulkrämpfen "zusammenbrechenden" Zuschauerinnen "A-ha oder der eigenen Jugend hinterweinten".

Mark Daniel hat am Wochenende im Centraltheater den Höhepunkten der diesjährigen Lachmesse beigewohnt: Georg Schramm und Bruno Jonas. "Böser, schärfer, anspruchsvoller geht es nicht." Kabarett, dieser possierlich anzusehende Hahnenkampf eines ungefährlich gewordenen, gackernden Geistreichtums, ist ja eigentlich so passé wie der unangreifbare Universalgelehrte oder, z.B., der Chefmaskenbildner der trivialisierten Mittel- und Unterschichten, von der es sich so preiswert distanzieren lässt: Neo Rauch. Bei allem Lob - das insbesondere der "Portion Tragik" gewidmet ist, das Georg Schramm seinen Figuren verleihe - resümiert Daniel: "Besuche bei Jonas und Schramm sind für Bildungsbürger schicke Adressen, um sich zu vergewissern, dass ihre Schicht noch existiert." Gut gebrüllt, Löwe! Und wie lautet Daniels Schlusswort? "Bravo!"

Ballett und Breakdance treten in Heike Hennigs Tanztheater "Zeitsprünge", einer Fortsetzung von "Zeit tanzen seit 1927", in einen bewegenden Dialog. Ältere "Damen und Herren" des Balletts, allesamt Jahrgänge 27 bis 43, sollten im Kellertheater der Oper auf "junge Tänzer" treffen, doch von den vier Alten war leider nur einer anwesend. Dennoch: Für Benedikt Leßmann blieb "dieses Stück stets spontan und leichtfüßig. Tanztheaterkunst, die berührt."

In Peter Korfmachers diestägiger Glosse "ausgepresst" macht sich der lvz Kulturchef über die Verleihung des Jacob-Grimm-Preises für deutsche Sprache an Udo Lindenberg her. In akrobatisch anmutender Sarrazinnachfolge moniert kfm zwar nicht die Selbstabschaffung Deutschlands, aber zumindest die der deutschen Sprache, "die in verstörter Demut der eigenen Abdankung" hinterherschaue. Erst musste Jacob Grimm ungefragt eine schmerzhafte Roman-Behandlung durch Günter Grass erdulden, und nun das. Udo gewohnt cool: "Mit der deutschen Sprache kann man jonglieren wie mit einem Kaugummi."

Freitag, 22. Oktober 2010

lvz kultur vom 22.10.10: Müller-Westernhagen, Musikschule Leipzig, Thalia 21 & Dokfilme

Hallo? lvz redaktion? Alzheimer? Kurzzeitgedächtnis futsch? Der Artikel zu Marius Müller-Westerhagens Arena-Auftritt erscheint zum zweiten Mal auf der Kulturseite? Oder veröffentlicht die lvz solange, bis ich einen Artikel auch wirklich drannehme? Ich gebs zu, gestern war ich nicht so ganz da. Obwohl, wäre es nach ihm gegangen, hätte Jürgen Kleindienst den willenlosen MMW nach Ende des Konzerts am liebsten im Altersheim abgesetzt. aber er ist ja nicht der Pfleger, sondern nur der Redakteur und so dichtet er dem "dürrbeinigen 61-Jährigen" , dessen gepunktete Goldrandsonnenbrille und seidentuchdekorierter Hemdlatz mit der angenommenen Revoluzzer-Pose so viel zu tun hat wie Papst Benedikt mit den Menschen in Neu Delhis Armenviertel, eine Protestlerhaltung an, die punktgenau auf "Leute, die sich aufregen, wenn im Baumarkt die Akkuschrauber teurer werden" zielt (Bisschen lang der Satz).
Am Ende weiß Kleindienst nicht, wen er mehr bedauern soll, die Menschen im Saal mit phänomenalem Langzeitgedächtnis, die auch nach über 30 Jahren die nämlichen Songs mitträllern wollen, oder den "Johnny Walker" intonierenden Künstler mit "hochklassiger" Begleitband, der warten muss, bis seine Pflegekraft ihm den Asbach Uralt einschenkt.

Leicht bräsig wirkt wie gewohnt Musikschulleiter Frank Mitschke. Während um ihn herum "Leipzigs Kulturszene brennt", wie der Chef der Freiwilligen Feuerwehr Peter Korfmacher diagnostiziert, hat Mitschke den Schlaf der Gerechten gehalten. Es war schon seit dem Frühsommer klar, dass Dresden den Sächsischen Musikschulen den Hahn zudrehen will - von 5 Mio auf 3,5 Mio - aber das ist noch lange kein Grund, Hallo? zu rufen. Oder war sich Mitschke etwa von Anfang an sicher, dass dieses Vorhaben den Landtag nicht passieren wird? Die Klientel der Musikschülereltern wohnt schließlich warm und geborgen in den gleichen Villenvierteln wie die Mehrzahl der Abgeordneten. So ist es fast erstaunlich, dass die in Rufweite befindlichen Elternvertreter sogar Briefe an ihre Abgeordneten schreiben mussten, ehe diese einknickten. Schon ist die Rede davon, dass eher kosmetische Absenkungen in den Etats der Musikschulen erfolgen würden. Wenn überhaupt. Kein gutes Zeichen für die ländlichen Kulturstätten und keines für die Theaterszene in Leipzig und anderswo. Aber noch ist nicht aller Tage Abend, Herr Tillich! Knecht Ruprecht wird den Knüppel schon noch aus dem Sack ziehen, glauben Sie nur...

Interessant in der derzeitigen Spardebatte ist tatsächlich, wie unterschiedlich die Theater- und Kulturchefs mit den drohenden Folterwerkzeugen umgehen. Herr Oldag in Gera-Altenburg steckt wie Halle mit einer geschätzten Million Euro in der Kreide. Dort werden als erste Tänzer des Balletts gehen, und der Leiter wird gegen eine willigere ausgetauscht. Die Geraer Ballett-Tage stehen ohnehin als erste zur Disposition. Es ist so deutsch. So feige. Als erstes die kleinste Sparte zurechtstutzen. In Halle ist es das Kinder- und Jugendtheater. Am "Fünfspartenhaus" Gera gibts das halt nicht. Da ist das fünfte Rad am Wagen das Ballett.

In Halle läuft sich der Widerstand langsam warm. Inszeniert wird er von Shootingstar Dirk Laucke. Der Titel ist schon geboren: Thalia 21. Jetzt braucht Frau Hahn nur noch auf einen Baum zu klettern, und schon wird es kein Wasserwerfer mehr wagen, die Theaterräume durchzukärchern, "nettoyer au kärcher" sagte 2007 der damalige Chef der Putzkolonne Paris 21 dazu, Nicholas Sarkozy. Ob dabei allerdings Lauckes Slogan von der "Re-Zonalisierung Halles" dienlich ist, bleibt abzuwarten. Immerhin ist die Petition des Theaters an die Kulturministerin Birgitta Wolff schon so erfolgreich, dass diese selbst sie bereits unterzeichnet hat. Das nennt man in der Politbranche sicher hart am Wind segeln, Frau Wolff? Landratten vermuten, dass sie den Gegner einfach ins Leere laufen lassen, nicht?

Trotz der im Protest zu Höchstform auflaufenden Kulturbetriebe taucht heute in der lvz tatsächlich sogar Kunst auf. Im Rahmen der Dokfilmwoche läuft der amerikanische Film "Germany Reunified - The Other Side of the Wall". Eine späte Reminiszens auf die Wende, ganz persönlich diesmal. Untypisch und dennoch ostalgisch geht es laut Antonia Rassow um ein DDR-amerikanisches Paar, das wenige Tage vor der Maueröffnung rübergeht, und zwar gleich über den Atlantik. Während sie, Gabriele, in der Folge ganz zufrieden ist, hadert er, Mark, allerdings mit dem Schicksal. Er wäre im Nachhinein doch gerne in der DDR geblieben. Schließlich konnte er jederzeit wieder ausreisen. Der Film, der zu gleichen Teilen aus West- wie Ostperspektive hätte gedreht werden sollen, ist unter der Hand zum Ostfilm geworden. Der Westen habe sich in den 20 Jahren einfach nicht verändert. Ganz so langweilig war der Osten also nicht.

Schließlich berichtet Norbert Wehrstedt noch über drei Filme des Dokfilmfestivals. Der erste, "Goodnight Nobody" von Jacqueline Zünd (CH), handelt von Schlaflosen. Ein Film "wie von Edward Hopper gemalt". Der zweite Film, "Vodka Factory" von Jerzy Sladkowski (PL), besitze nicht die ausgeprägte "Bildkultur" wie der von Zünd, beobachte "vielmehr das Leben wie es ist". Ein merkwürdiges Verständnis von Dokumentarfilmkunst. Ein draufhalten aufs Leben? Und der Zuschauer weiß nicht, "was nun inszeniert, was spontan hervor gebrochen" sei. "So ist Dokfilm eben heute", befindet Oberverallgemeinerer Wehrstedt. In der epischen Breite von "Dreaming Films" von Eric Pauwels (B) ist der Kritiker wohl vollends müde geworden. Seine Bemächtigungsstrategie hat trotzdem nicht gelitten, immerhin vermag er forsch zu formulieren, wie sich angesichts des Bildexerzitiums "der Zuschauer fühlt": "Wie die Spinne im Netz." Klingt bedrohlich.

Mittwoch, 20. Oktober 2010

lvz kultur vom 21.10.10: Retro, YouTube & Gewandhaus

Die Dokfilmwoche distanziert sich von ihrer eigenen Filmreihe. Paradox? Eher ein Beispiel alten Denkens. Die Taube will clean, das Gewissen der Dokfilmwoche sauber bleiben und schafft doch nur desinfizierte PR-Oberflächen. Retro nennt sich die Filmreihe "Regie und Regiment", in der 35 militärhistorische Filme von 1914 bis 1989 gezeigt werden - in Zusammenarbeit mit dem bundeswehreigenen Militärhistorischen Museum in Dresden. Das wiederum verstoße laut Claas Danielsen gegen den erklärten Pazifismus des Festivals. Doch Danielsen ist es damit egal, ob die gezeigten Filme über das Militär kritisch sind, auch ob das Museum selbst ungebrochen in militaristischer Tradition stehe. Was es nicht tut, etwa im architektonisch jegliche tradierte Form konterkarierenden Anbau von Daniel Libeskind. Am Ende ist es einfach die Bundeswehr als Institution, die konträr zum erklärten Pazifismus steht, mehr nicht. In seinem Bericht zitiert Norbert Wehrstedt Museumsleiter Jan Kindler, der Danielsens Argumente für "fernab jeglicher Realität" hält. Vielleicht will sich Danielsen ausgerechnet in dem Jahr, in dem das Festival einen weiteren großen Schritt zum Arrivierten geht, keine Blöße geben und schafft doch heilsame Diskussionen. Denn vielleicht wollen die Zuschauer, die den zur Schau gestellten Mystifikationen des Militärischen wohl kaum auf den Leim gehen, einfach die Analyse selbst anstellen und nicht der Festivalleitung überlassen. Misstrauen gegen Eigenverantwortlichkeit ist paternalistisch, ganz egal, ob sie nebenbei auch prinzipienfest ist.

Das Guggenheim Museum New York prämiert die besten 25 Videos auf YouTube. In der Jury sitzen Laurie Anderson, Darren Aronofsky, Douglas Gordon, Stefan Sagmeister und Takashi Murakami.

Der Klaviervirtuose Benyamin Nuss spielt am kommenden Samstag im Gewandhaus Musik des japanischen Komponisten von Videospielmusik Nobuo Uematsu. Der Star der Computerspielmusiker arrangiert Jazz, Popmusik, Schlager und Musik aus der japanischen Kultur. In einem Gespräch mit Burkhard Schäfer hält Nuss Uematsus Musik nicht nur für höchste lebensnahe Kunst. Er will sich auch grundsätzlich nicht vorschreiben lassen, ob er die für ihn existierende Schublade des klassischen Pianisten erweitert oder nicht. Nuss will sich weder einengen lassen noch abhängig sein. Er, der seit er zwölf war, selbst Computerspiele spielt, glaubt, dass die extremen Erscheinungen von Computerspielen da oder partielles Suchtverhalten mancher User das ganze Metier zu Unrecht in Verruf gebracht hätten.

Mittwoch, 22. September 2010

lvz kultur vom 22.09.10: Grass, Osang, F/Stop & Dokfilmwoche

Über eine Lesung aus Günter Grass' jüngstem Werk "Grimms Wörter", die im Gewandhaus stattfand, berichtet Jürgen Kleindienst. Der 83-jährige habe soo einen Bart, doch den lobt Kleindienst ganz brav: "so schön" sei er. Ansonsten wollte Grass nicht reden, nur lesen und seine"geradezu erotische Umkreisung der Quelle aller Dichtung, der Sprache" auf offener Bühne vorführen. Sein Hilfsmittel: Die "satte volle Stimme" mit dem überzeugenden Klang. Das Handikap: Die Grass-typische, antiquierte, von "Barock und Bäuerlichem inspirierte" Sprache. Er sei nun "wirklich auf der Schwelle in den Ruhestand", befindet Kleindienst. Und so ziehen manche Wörter seiner Lesung an ihm "ungehört vorüber".
Janina Fleischer scheint Alexander Osangs neuer Roman "Königstorkinder", den er im Figaro Lesecafé in der Moritzbastei präsentieren wird, nicht besonders inspiriert zu haben. Brav rekapituliert sie die Stationen und Inhalte der Geschichte eines ehemaligen Ost-Journalisten, der auf eine aus dem Westen stammende Mitarbeiterin einer Werbeagentur trifft. Beide nehmen Antidepressiva und halten es vor allem deshalb zusammen aus, weil sie "nicht in ihren langweiligen Leben ertrinken wollen". "Manchmal bitter, oft komisch" sei der Roman, der ebenso das politische Ost-West-Dings meinen soll, und dessen Qualitäten jedenfalls nicht im Aufputschen liegen. Fast wie im richtigen Leben.
Morgen startet unter dem Motto "Im Verborgenen - From 5 to 5" das F/Stop Fotofestival und nutzt dafür unter anderem das leerstehende Ring-Messehaus. Hier sollten zwar, so berichtet Nina May, am Montag bereits die Fotos von Peter Bialobrzeski hängen. Doch seine Bilder von asiatischen Megacities, die "eine Aura aus glühendem Licht" verströmen würden, lägen zum Teil noch beim Zoll. Daher schreibt May mehr über die Aura des derzeit ungenutzen ehemaligen Messehauses, als über die "Wahrnehmungsgesetze dieser anderen Tageshälfte", blickt ansonsten melancholisch aus dem Fenster und fühlt sich "weit weg".
Von kleineren Konflikten zwischen Leipziger Dokwoche und Bundesarchiv/Filmarchiv berichtet Norbert Wehrstedt. Für eine Retrospektive über das Militär in Dokfilmen arbeitete das Archiv mit dem Militärhistorischen Museum Dresden und seinem Leiter Jan Kindler zusammen. Für Claas Danielsen ein Stein des Anstosses. Krieg sei kein Mittel, den Frieden zu erzwingen, meint er, unter dem Logo der Dokfilmwoche, der Friedenstaube, wolle er nicht - offiziell zumindest - gemeinsam mit der Bundeswehr arbeiten.

Montag, 13. September 2010

lvz kultur vom 13.09.10: Spinnerei, Goldene Löwen, Chabrol & abermals die Leipziger Kultur

Nein, diesen Artikel von Meinhard Michael über den Spinnerei-Rundgang zu lesen, ist eine Qual. Ob der lvz redakteur dem Schreiben über Kunst drüssig geworden ist? Beschreibungen von Fressevents, Motorradunfällen und Nachtwächterdiskursen ersetzen das Sprechen von Bildern, Installationen, Performances. Oder besser: Einen realen Unfall als Performance aufzufassen bedeutet ihm mehr Kick als jedes noch so ästhetisierte Ereignis, jede Nachtwächterweisheit verströmt scheinbar mehr Diskursivität als die 250ste, staubgesaugte Kunstabhandlung. Als letzten Beweis, als Faktencheck quasi, nimmt Michael die räumliche Gegenüberstellung einer Motocrossmaschine (die der Künstler Sebastian Gögel einfach "toll" finde und die er "Bertie" nennt), eines rein technischen Artefakts, aber eines "Vollbluts", mit einem tarantelähnlichen unheimlichen ("bösen"?) Kunstdings. Bertie siegt. Denn natürlich sind "performative Plastiken" schon längst wieder "gestrig", befindet der up to date-Kunstkritiker. Ansonsten findet er bevorzugt "Luschen", alten Wein in neuen Schläuchen und Verräter am eigenen Image ("Laden für Nichts"). Die Frage, ob dem Kunst-Betrachter schon "der anhand ästhetischer Indizien eröffnete Diskurs" reiche, oder ob wir "Kunst als intensivierte Form" bräuchten, beantwortet er zwar zugunsten der letzteren, gibts sich aber selbst mit aus "Indizien" gewonnenen Diskursrudimenten zufrieden. Und dann muss Michael sogar noch den im hauseigenen SpinArt Magazin hochgezüchteten Armin Mueller-Stahl gegen seinen Willen hochjazzen, "erstaunlich geschickt" macht er das allerdings nicht.
Die Gewinnerin des Goldenen Löwen bei den 67. Filmfestspielen in Venedig, Sofia Coppola, hatte die lvz in ihren Augurenmeldungen nicht auf dem Zettel, dafür bekam Tom Tykwer für seinen "Drei" aber auch nicht den herbeigeschriebenen Regielöwen. Stattdessen wird geunkt, dass Coppola den Preis erhalten habe, weil sie mal was mit Juryvorsitzendem Tarantino gehabt habe... Klatsch verkauft sich in diesem Metier bekanntlich schneller als Inhalte.
Norbert Wehrstedt darf im Folgenden bittere Tränen über Claude Chabrol vergießen. Der Großmeister des Filmkrimis und der geheuchelten und verlogenen Bürgerfassaden ist gestorben. Kein Moralist sei er gewesen, sondern ein Zyniker, Sarkastiker, Ironiker. Ob die moralische Betrachtung seines Wesens effektiv ist, bleibt dahingestellt. Immerhin sieht sich Wehrstedt plötzlich von zunehmender "Blutleere" im Herzen des Kinos umgeben und endet mit einem Bonmot, auf das es keine Widerrede geben wird: "Am schlimmsten aber ist die Gewissheit: Es gibt nie wieder einen neuen Chabrol."
Dass Musikkritiken immer mal wieder eher an Weinproben denn an Bühnenaufführungen erinnern, weiß jeder, der schon mal eine Korfmacher-Kritik gelesen hat. Heike Bronn kann diesen geschmäcklerischen Duktus aber auch ganz gut. In ihrer Beschreibung eines Mendelssohn-Konzerts für Klavier, Violine und Orchester schreibt sie über das Spiel der beiden Solisten: "Im Allegro Molto konzertiert er sehr agil zu einer duftigen Violine, schlichte Melodien interpretieren beide eindringlich singend", bevor sie allerdings bei der Zugabe wieder zur Burschikosität eines Landweins zurückfindet: "Mit der Zugabe setzen sie an Spielfreude noch einen drauf." Darauf wiederum einen "draufzusetzen" fällt mir natürlich nicht ein.
Das tun gegenseitig die Leipziger Stadträte und Kulturfachleute, die - seit die Seniorenunion der CDU sich vehement contra Kultur zu Wort gemeldet hatte - plötzlich ein Feuerwerk an Vorschlägen zur Neustrukturierung der städtischen Kulturbetriebe loslassen, ganz im Sarrazinschen Sinne, dass dies doch endlich mal gesagt werden dürfe, oder? Leuze (GRÜNE) schlägt eine gemeinsame Intendanz von Gewandhaus und Oper vor, Hesselbarth (FDP) die Zusammenlegung von Schauspiel und Oper, wenn Maravics 2014 aus Altersgründen auf seinen Posten verzichten muss (Hartmann als Opernchef?, juchu), Peter Degner möchte allerdings erst das Unkraut aus den Treppen und Mauern der Oper ziehen lassen (und meint das - ganz ehrlich - nicht symbolisch!). Nur die SPD verhält sich antizyklisch und fordert sich selbst und ihren OBM auf, für eine Bettenabgabe bei Hotelübernachtungen einzutreten. Das mache schon mal die ersten 3,8 Mio, die Hartmann und der Hochkultur zugute kommen sollen. Allein Bonews CDU befürchtet hier einen großen Imageschaden für Leipzig. Nicht, wenn an der Kultur gespart wird, sondern wenn Hotelgäste angezapft werden, versteht sich.