Wenns um die heimische Wirtschaft geht, veröffentlicht die lvz sogar einen Artikel über die Möglichkeit einer kompletten Versorgung der Bundesrepublik mit "grüner", nachhaltig erzeugter Energie längst vor 2050. Was bisher utopisch klingt und den konventionellen Energieversorgern Schweißperlen auf die Geschäftsberichte tropfen lässt, weil sie die entsprechenden Unternehmen noch nicht unter Kontrolle haben, hält der wissenschaftliche Geschäftsführer des Deutschen Biomasse-Forschungszentrums in Leipzig, Frank Scholwin, für realistisch. Im Zuge der Energie- und Umweltmessen Terratec und Enertec, die im messeeigenen CongressCentrum von Minister Norbert Röttgen eröffnet wurden, finden nun auch in der lvz in dem Text von Birgit Schöppenthau grüne "Visionen" Platz. Es dauert lange, bis der wirtschaftsfreundliche Aspekt der grünen Energie auch in die Redaktionen Einzug hält, auch wenn längst über die arbeitsplatzschaffende und insbesondere langfristig einzig vernünftige Form der Energieerzeugung Übereinstimmung herrscht. Manche traditionellen Lobbyistengruppen halten nun mal dagegen. Werden aber schwächer.
Und noch ein erstaunlicher Artikel in der dienstags-lvz. Ein Interview der redakteurInnen Ines Christ und Andreas Dunte mit dem früheren kanadischen Botschafter in Deutschland, Paul Dubois. Dabei räumt Dubois mit ein paar gern bis in höchste Ämter gepflegte Stammtischwahrheiten auf. Als erstes meint er, dass Deutschland Einwanderer brauche, nicht Zuwanderer. Den Unterschied macht der deutsche Pass. Einwanderer sollen/können deutsche Staatsbürger werden, Zuwanderer nicht. Zum Unterschied gehört dann auch, dass die Einwanderer Pflichten hätten. Dabei sollten sie "wirklich mit offenen Armen empfangen werden." Deutschland solle sich "von dem Gedanken verabschieden, dass man sich Emigranten aussuchen" könne. Schließlich: "Um das Problem global zu begreifen, sollten sich Politiker in die Rolle von Auswanderern versetzen."
Auch, wenn Dubois aus langjähriger Tätigkeit als Diplomat stets die Blickwinkel der wirtschaftlichen Prosperität, vielleicht besser: prosperierenden Wirtschaftunternehmen, einnimmt, plädiert er aus Vernunft für "nachhaltige Entwicklungspolitik".
In der lvz kultur gönnt man sich derweil einen sorgsam gehegten Spielplatz für die Gefühle und das Kind im Manne. Mark Daniel erinnert voller Wehmut an den soeben verstorbenen, markanten deutschen Schauspieler, der als "Lederstrumpf" nicht zuletzt für Kinder väterliche und abenteuerliche Attribute gleichermaßen verkörperte: Hellmut Lange. Daniel beschreibt seine "wunderbar dunkle, volle" Stimme, die "Raum und Herz füllte", als "tief und warm", "Schutz" gab, "Geborgenheit" vermittelte. Kraftvoll war. Für Entschlossenheit stand. Bis Lange an Demenz erkrankte.
Mit einer aus Wikipedia geplünderten Biografie werden noch Zeilen geschunden. So what. Rührend ist allein das Sentiment, mit dem Daniels eigene Kindheit von neuem golden zu strahlen beginnt. Wer dem lvz redakteur was Gutes tun will, schenkt ihm am besten eine neu aufgelegte Abenteuerhörspiel-CD der Marke Europa. Die, mit der Stimme von Hellmut Lange.
Heute hat die lvz kultur reichlich Platz zu vergeben. Auch die Wintertanzgala der Musikschule Leipzig, präsentiert im prallvollen Centraltheater, findet sich prominent platziert auf der ersten Kulturseite wieder. Nein, man muss kein Spielverderber sein, um zu fragen, ob der Artikel nicht doch ins Lokale gehört. Da kann lvz redakteur Peter Korfmacher noch so nett Klavier spielen, den Ruch der Käuflichkeit im übertragenen Sinn wird man beim Lesen des Artikels von Heike Bronn schwer los. Peinlich.
Die "kind- und themengerechten Choreographien", manche "originellen" Kostüme, die "spielfreudigen" Jugendlichen, die "süßen" Vorschulklassenhühnchen - für eine Kulturberichterstattung fehlen jegliche Kategorien, die mehr als nur wohlmeinend sind, geschweige zu bewerten vermögen. 150 junge Tänzerinnen und Tänzer sollen den "hohen Ausbildungsstand" des Fachbereichs der Musikschule demonstrieren. Und geben gerade keine eigenen, den Jugendlichen oder Kindern selbst entsprungenen Ausdrucksweisen wieder. Und verkörpern vor allem domestizierte Kinder- und Jugendkultur. Die Überbleibsel einer ehemals propperen Bildungsbürgerschaft mögen so etwas.
Es ist nicht allein die "Krokodils-Penis-Prüfung". Nina Mays heutiges "ausgepresst" ist leider nur etwas für Insider. Man muss das RTL-Camp gesehen haben. Und gehört damit anscheinend der Minderheit an, die eine Nominierung zur Liveberichterstattung aus Australien bisher nicht geschafft hat. Aber etwas lustig hätts trotzdem sein dürfen...
Der Mitbegründer der DEFA, Filmregisseur und vieles andere, Kurt Maetzig, ist 100 Jahre alt geworden. Norbert Wehrstedt hat ein Interview mit dem ehemals und auch heute noch überzeugten Propagandisten auf Zelluloid geführt. Eine solche Lebenserfahrung, wie sie Kurt Maetzig verkörpert, hat etwas Erratisches. Mit Meinungen, subjektiven Erwägungen, kritisch gemeinten Nachfragen kommt auch Wehrstedt dem Verfechter "des kleineren Übels" nicht bei. Maetzig pflegte Zeit seiner Karriere seine individuelle, parteiloyale Haltung, zumindest solange, bis einmal, 1965, auch ein Film von ihm verboten wurde. Anders als bei anderen Autoren, Regisseuren, Arbeitern, nahm Walter Ulbricht nach erfolgter "Selbstkritik" des Regisseurs von "Das Kaninchen bin ich" den Künstler "väterlich-verzeihend" in die Arme. Doch vorher hat auch Maetzig erfahren, was Angst bedeutet. Angst vor "Verhaftung und Prozess." Sympathischerweise macht er kein Hehl aus seiner ängstlichen Natur. Folgerichtig bedeutet Maetzig nicht nur heute Solidarität mehr als Freiheit. Bis "die Sache", so sagt er tatsächlich, eingeführt war, durfte die Freiheit eingeschränkt bleiben, auch Gewalt war sinnvoll. Erst danach konnte "die Übergabe" der Freiheit "an alle" erfolgen. Dass Maetzig auch nach seinen eigenen Erfahrungen mit der Staatsmacht, die eine ganz klare Erwartung an den Staatsbürger hatte, bei seiner Überzeugung blieb, ist nur noch mit Idealismus einer betonharten Schale - oder eben Angst vor der Angst - zu erklären. Aber das Leben deformiert viele, die nur "das Gute" wollen.
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Dienstag, 25. Januar 2011
lvz kultur vom 25.1.11: Lieber Solidarität als Freiheit. Paul Dubois. Hellmut Lange. Kurt Maetzig.
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Montag, 15. November 2010
lvz kultur vom 15.11.10: Die lvz hilft Kindern, DEFA-Preise, Haus Auensee, Musikschule & Verlagsfest
Nichts geht über Eigenwerbung. Gewandhaus und drei große Firmen einschließlich der lvz betreiben eine gemeinsame Stiftung namens "Leipzig hilft Kindern", für die nun zu einem Benefizkonzert geladen wird. Riccardo Chailly wird dirigieren, Arcadi Volodos den Solist am Flügel geben, Peter Korfmacher übernimmt Werbung & Marketing. Dem guten Zweck der Stiftung wird ausführlich Raum gegeben, man lasse ihn sich auf der Zunge zergehen: Ziel sei "die Unterstützung und Förderung der Jugendhilfe, insbesondere der Jugendarbeit, der Jugendsozialarbeit, des erzieherischen Jugendschutzes, der Erziehung in der Familie, in Tageseinrichtungen sowie die Förderung von Volks- und Berufsbildung und Erziehung." Jeder einzelne der aufgeführten Punkte wurde in den letzten Monaten, insbesondere von der sächsischen Landesregierung, finanziell gerupft wie ein Brathähnchen, bis dessen nackte Haut durchschien, versehen mit massiver journalistischer Flankendeckung der lvz. Und nun taucht diese Kinder- und Jugendhilfe als konzern-, pardon, stiftungseigene Mildtätigkeit wieder auf, für die der Staat aber erhebliche Steuerbefreiungen an die Firmen zu leisten hat. Der Staat zieht sich aus der Verantwortung zurück, private Sponsoren entdecken das Soziale als verwaistes neues Wirkungsfeld. Und das Gewandhaus hat in diesem lukrativen Eitelkeitszirkus der Sponsoren und deren vermeintlicher Uneigennützigkeit mitzuspielen.
Diese Eigenwerbung wird dem lvz leser in den nächsten Tagen sicher noch ein ums andere Mal in selbstbeweihräuchernder Form begegnen. Auf dem Programm der Benefiznummer wird auch das erste Klavierkonzert Tschaikowskis stehen. Korfmacher zitiert dazu Anton Rubinstein, dem der Komponist das Werk zugedacht hatte: "trivial und vulgär, kurzum: schlecht".
Noch ne Stiftung: Die DEFA-Stiftung verteilt zum zehnten Mal ihre Preise und auch sie feiert sich selbst. Knapp vor Weihnachten wird ein Prachtband über "Die alten DEFA-Märchenfilme" herausgegeben, der von Ex-Kinoweltler Michael Kölmel, nun Zweitausendeins-Besitzer, als Co-Produzent vertrieben wird. Ach ja, die Preise selbst abVerantwortung" geehrt, die er bis 1976 drehte; der Nachwuchspreis ging an Feo Aladag für ihr Ehrenmord-Drama"Die Fremde", der Preis zur Förderung der Filmkunst ging an Florian Koerner von Gustorf und an Michael Weber, die keine "Dutzend-, sondern Herzware" herstellten, wie Norbert Wehrstedt betont.
Das Ensemble der Landesbühnen Sachsen hat im Anschluss an ihre jüngste Premiere (Faust 1) vor dem Theater gegen Kürzungen im Sozial- und Kulturbereich demonstriert. Einen Protest auf der Bühne hatte ihnen das SMWK untersagt. Gleichzeitig hat das Sächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur der Stadt Radebeul die Pistole auf die Brust gesetzt: Wenn sie nicht als Gesellschafter in eine neu zu gründende gGmbh einträte, würde der Spielbetrieb der LBS ab kommenden Sommer 2011 eingestellt. Die grandiose Kommunikationsleistung, die die gegenwärtige Staatsregierung im Rahmen der Steuermehreinnahmen und der angekündigten Kürzungen im Umgang mit ihren Untertanen pflegt, setzt sich damit bruchlos fort.
Die Oldtimerparade der Rockmusik fand am Wochenende im Haus Auensee ihre Fortsetzung. Die Orchestral Monoeuvres in the Dark, die zu den "stilprägenden Ikonen der 80er Jahre" gehörten, haben sich nach 20-jährger Pause wieder "hochenergetisch und formvollendet - der Bryan Ferry des Synthpop" präsentiert. Sie öffneten das "Füllhorn ihrer Hits" u.a. mit dem "wahrscheinlich schönsten langsamen Walzer der Popgeschichte, Maid of Orleans". Mit diesem "ästhetischen Gegenentwurf zum Punk" hätten sie seinerzeit "den Wohnberechtigungsschein im Olymp" erworben, wie Lars Schmidt schreibt.
Unter dem etwas angestrengt klingenden Titel "Gut zum Druck" fand das erste Autoren- und Verlagsfest im Haus des Buches statt. Der sächsische Kulturrat wollte in Erinnerung an große Zeiten Leipzigs als Verlagsstadt die vielen neuen kleinen sächsischen Verlage präsentieren. Leider hat dies das Publikum in eher geringerem Ausmaß interessiert. Aber immerhin war Freifrau von Schorlemer, Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, anwesend, den Preisträger des Literaturförderpreises ihres Ministeriums zu loben. Dies tat die augenscheinlich mit der Kunst fremdelnde Ministerin in betont nüchternen Worten. Mit dem Preisträger wurde zudem bruchlos an bessere Zeiten angeknüpft, denn der Förderpreis ging an den bereits über 50-jährigen Dresdner Jens Wonneberger. Aber auch sonst redete man auf diesem Fest, wie Theresa Wiedemann schrieb, im Gespräch gerne aneinander vorbei.
Neben seinem euphorischen Werbeblock (zum Benefiz) hat sich Peter Korfmacher in einem weiteren Artikel etwas ungnädiger dargestellt. Die "vereinigten Sinfonieorchester der Musikschulen Leipzigs und Zürichs" hatten mit ihrem Konzert den Meister nicht erfreuen können. Für beide Dirigenten, Ron-Dirk Entleutner und Peter Walser, und ihre Orchester wären die Anforderungen ihrer ausgewählten Werke offensichtlich zu groß gewesen, sie selbst hätten sich - so bei Beethoven-Ouvertüren oder Griegs "Peer-Gynt-Suite" - "populären Irrtümern" hingegeben: Schweres durch Langsamkeit leichter zu gestalten und so die Werke glatt unterschätzt. Angemessener wären den jugendlichen Spielern "krachende Showstücke" wie Mussorgskys "Nacht auf dem kahlen Berge", in deren Hexenküche von Tönen man über ein paar falsch gesetzte schon mal "Schwamm drüber" sagen könne. Wenn nicht ohnehin schon "mangelnde Sorgfalt aufs Stimmen" der Instrumente verwendet worden sei.
Diese Eigenwerbung wird dem lvz leser in den nächsten Tagen sicher noch ein ums andere Mal in selbstbeweihräuchernder Form begegnen. Auf dem Programm der Benefiznummer wird auch das erste Klavierkonzert Tschaikowskis stehen. Korfmacher zitiert dazu Anton Rubinstein, dem der Komponist das Werk zugedacht hatte: "trivial und vulgär, kurzum: schlecht".
Noch ne Stiftung: Die DEFA-Stiftung verteilt zum zehnten Mal ihre Preise und auch sie feiert sich selbst. Knapp vor Weihnachten wird ein Prachtband über "Die alten DEFA-Märchenfilme" herausgegeben, der von Ex-Kinoweltler Michael Kölmel, nun Zweitausendeins-Besitzer, als Co-Produzent vertrieben wird. Ach ja, die Preise selbst abVerantwortung" geehrt, die er bis 1976 drehte; der Nachwuchspreis ging an Feo Aladag für ihr Ehrenmord-Drama"Die Fremde", der Preis zur Förderung der Filmkunst ging an Florian Koerner von Gustorf und an Michael Weber, die keine "Dutzend-, sondern Herzware" herstellten, wie Norbert Wehrstedt betont.
Das Ensemble der Landesbühnen Sachsen hat im Anschluss an ihre jüngste Premiere (Faust 1) vor dem Theater gegen Kürzungen im Sozial- und Kulturbereich demonstriert. Einen Protest auf der Bühne hatte ihnen das SMWK untersagt. Gleichzeitig hat das Sächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur der Stadt Radebeul die Pistole auf die Brust gesetzt: Wenn sie nicht als Gesellschafter in eine neu zu gründende gGmbh einträte, würde der Spielbetrieb der LBS ab kommenden Sommer 2011 eingestellt. Die grandiose Kommunikationsleistung, die die gegenwärtige Staatsregierung im Rahmen der Steuermehreinnahmen und der angekündigten Kürzungen im Umgang mit ihren Untertanen pflegt, setzt sich damit bruchlos fort.
Die Oldtimerparade der Rockmusik fand am Wochenende im Haus Auensee ihre Fortsetzung. Die Orchestral Monoeuvres in the Dark, die zu den "stilprägenden Ikonen der 80er Jahre" gehörten, haben sich nach 20-jährger Pause wieder "hochenergetisch und formvollendet - der Bryan Ferry des Synthpop" präsentiert. Sie öffneten das "Füllhorn ihrer Hits" u.a. mit dem "wahrscheinlich schönsten langsamen Walzer der Popgeschichte, Maid of Orleans". Mit diesem "ästhetischen Gegenentwurf zum Punk" hätten sie seinerzeit "den Wohnberechtigungsschein im Olymp" erworben, wie Lars Schmidt schreibt.
Unter dem etwas angestrengt klingenden Titel "Gut zum Druck" fand das erste Autoren- und Verlagsfest im Haus des Buches statt. Der sächsische Kulturrat wollte in Erinnerung an große Zeiten Leipzigs als Verlagsstadt die vielen neuen kleinen sächsischen Verlage präsentieren. Leider hat dies das Publikum in eher geringerem Ausmaß interessiert. Aber immerhin war Freifrau von Schorlemer, Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, anwesend, den Preisträger des Literaturförderpreises ihres Ministeriums zu loben. Dies tat die augenscheinlich mit der Kunst fremdelnde Ministerin in betont nüchternen Worten. Mit dem Preisträger wurde zudem bruchlos an bessere Zeiten angeknüpft, denn der Förderpreis ging an den bereits über 50-jährigen Dresdner Jens Wonneberger. Aber auch sonst redete man auf diesem Fest, wie Theresa Wiedemann schrieb, im Gespräch gerne aneinander vorbei.
Neben seinem euphorischen Werbeblock (zum Benefiz) hat sich Peter Korfmacher in einem weiteren Artikel etwas ungnädiger dargestellt. Die "vereinigten Sinfonieorchester der Musikschulen Leipzigs und Zürichs" hatten mit ihrem Konzert den Meister nicht erfreuen können. Für beide Dirigenten, Ron-Dirk Entleutner und Peter Walser, und ihre Orchester wären die Anforderungen ihrer ausgewählten Werke offensichtlich zu groß gewesen, sie selbst hätten sich - so bei Beethoven-Ouvertüren oder Griegs "Peer-Gynt-Suite" - "populären Irrtümern" hingegeben: Schweres durch Langsamkeit leichter zu gestalten und so die Werke glatt unterschätzt. Angemessener wären den jugendlichen Spielern "krachende Showstücke" wie Mussorgskys "Nacht auf dem kahlen Berge", in deren Hexenküche von Tönen man über ein paar falsch gesetzte schon mal "Schwamm drüber" sagen könne. Wenn nicht ohnehin schon "mangelnde Sorgfalt aufs Stimmen" der Instrumente verwendet worden sei.
Freitag, 22. Oktober 2010
lvz kultur vom 22.10.10: Müller-Westernhagen, Musikschule Leipzig, Thalia 21 & Dokfilme
Hallo? lvz redaktion? Alzheimer? Kurzzeitgedächtnis futsch? Der Artikel zu Marius Müller-Westerhagens Arena-Auftritt erscheint zum zweiten Mal auf der Kulturseite? Oder veröffentlicht die lvz solange, bis ich einen Artikel auch wirklich drannehme? Ich gebs zu, gestern war ich nicht so ganz da. Obwohl, wäre es nach ihm gegangen, hätte Jürgen Kleindienst den willenlosen MMW nach Ende des Konzerts am liebsten im Altersheim abgesetzt. aber er ist ja nicht der Pfleger, sondern nur der Redakteur und so dichtet er dem "dürrbeinigen 61-Jährigen" , dessen gepunktete Goldrandsonnenbrille und seidentuchdekorierter Hemdlatz mit der angenommenen Revoluzzer-Pose so viel zu tun hat wie Papst Benedikt mit den Menschen in Neu Delhis Armenviertel, eine Protestlerhaltung an, die punktgenau auf "Leute, die sich aufregen, wenn im Baumarkt die Akkuschrauber teurer werden" zielt (Bisschen lang der Satz).
Am Ende weiß Kleindienst nicht, wen er mehr bedauern soll, die Menschen im Saal mit phänomenalem Langzeitgedächtnis, die auch nach über 30 Jahren die nämlichen Songs mitträllern wollen, oder den "Johnny Walker" intonierenden Künstler mit "hochklassiger" Begleitband, der warten muss, bis seine Pflegekraft ihm den Asbach Uralt einschenkt.
Leicht bräsig wirkt wie gewohnt Musikschulleiter Frank Mitschke. Während um ihn herum "Leipzigs Kulturszene brennt", wie der Chef der Freiwilligen Feuerwehr Peter Korfmacher diagnostiziert, hat Mitschke den Schlaf der Gerechten gehalten. Es war schon seit dem Frühsommer klar, dass Dresden den Sächsischen Musikschulen den Hahn zudrehen will - von 5 Mio auf 3,5 Mio - aber das ist noch lange kein Grund, Hallo? zu rufen. Oder war sich Mitschke etwa von Anfang an sicher, dass dieses Vorhaben den Landtag nicht passieren wird? Die Klientel der Musikschülereltern wohnt schließlich warm und geborgen in den gleichen Villenvierteln wie die Mehrzahl der Abgeordneten. So ist es fast erstaunlich, dass die in Rufweite befindlichen Elternvertreter sogar Briefe an ihre Abgeordneten schreiben mussten, ehe diese einknickten. Schon ist die Rede davon, dass eher kosmetische Absenkungen in den Etats der Musikschulen erfolgen würden. Wenn überhaupt. Kein gutes Zeichen für die ländlichen Kulturstätten und keines für die Theaterszene in Leipzig und anderswo. Aber noch ist nicht aller Tage Abend, Herr Tillich! Knecht Ruprecht wird den Knüppel schon noch aus dem Sack ziehen, glauben Sie nur...
Interessant in der derzeitigen Spardebatte ist tatsächlich, wie unterschiedlich die Theater- und Kulturchefs mit den drohenden Folterwerkzeugen umgehen. Herr Oldag in Gera-Altenburg steckt wie Halle mit einer geschätzten Million Euro in der Kreide. Dort werden als erste Tänzer des Balletts gehen, und der Leiter wird gegen eine willigere ausgetauscht. Die Geraer Ballett-Tage stehen ohnehin als erste zur Disposition. Es ist so deutsch. So feige. Als erstes die kleinste Sparte zurechtstutzen. In Halle ist es das Kinder- und Jugendtheater. Am "Fünfspartenhaus" Gera gibts das halt nicht. Da ist das fünfte Rad am Wagen das Ballett.
In Halle läuft sich der Widerstand langsam warm. Inszeniert wird er von Shootingstar Dirk Laucke. Der Titel ist schon geboren: Thalia 21. Jetzt braucht Frau Hahn nur noch auf einen Baum zu klettern, und schon wird es kein Wasserwerfer mehr wagen, die Theaterräume durchzukärchern, "nettoyer au kärcher" sagte 2007 der damalige Chef der Putzkolonne Paris 21 dazu, Nicholas Sarkozy. Ob dabei allerdings Lauckes Slogan von der "Re-Zonalisierung Halles" dienlich ist, bleibt abzuwarten. Immerhin ist die Petition des Theaters an die Kulturministerin Birgitta Wolff schon so erfolgreich, dass diese selbst sie bereits unterzeichnet hat. Das nennt man in der Politbranche sicher hart am Wind segeln, Frau Wolff? Landratten vermuten, dass sie den Gegner einfach ins Leere laufen lassen, nicht?
Trotz der im Protest zu Höchstform auflaufenden Kulturbetriebe taucht heute in der lvz tatsächlich sogar Kunst auf. Im Rahmen der Dokfilmwoche läuft der amerikanische Film "Germany Reunified - The Other Side of the Wall". Eine späte Reminiszens auf die Wende, ganz persönlich diesmal. Untypisch und dennoch ostalgisch geht es laut Antonia Rassow um ein DDR-amerikanisches Paar, das wenige Tage vor der Maueröffnung rübergeht, und zwar gleich über den Atlantik. Während sie, Gabriele, in der Folge ganz zufrieden ist, hadert er, Mark, allerdings mit dem Schicksal. Er wäre im Nachhinein doch gerne in der DDR geblieben. Schließlich konnte er jederzeit wieder ausreisen. Der Film, der zu gleichen Teilen aus West- wie Ostperspektive hätte gedreht werden sollen, ist unter der Hand zum Ostfilm geworden. Der Westen habe sich in den 20 Jahren einfach nicht verändert. Ganz so langweilig war der Osten also nicht.
Schließlich berichtet Norbert Wehrstedt noch über drei Filme des Dokfilmfestivals. Der erste, "Goodnight Nobody" von Jacqueline Zünd (CH), handelt von Schlaflosen. Ein Film "wie von Edward Hopper gemalt". Der zweite Film, "Vodka Factory" von Jerzy Sladkowski (PL), besitze nicht die ausgeprägte "Bildkultur" wie der von Zünd, beobachte "vielmehr das Leben wie es ist". Ein merkwürdiges Verständnis von Dokumentarfilmkunst. Ein draufhalten aufs Leben? Und der Zuschauer weiß nicht, "was nun inszeniert, was spontan hervor gebrochen" sei. "So ist Dokfilm eben heute", befindet Oberverallgemeinerer Wehrstedt. In der epischen Breite von "Dreaming Films" von Eric Pauwels (B) ist der Kritiker wohl vollends müde geworden. Seine Bemächtigungsstrategie hat trotzdem nicht gelitten, immerhin vermag er forsch zu formulieren, wie sich angesichts des Bildexerzitiums "der Zuschauer fühlt": "Wie die Spinne im Netz." Klingt bedrohlich.
Am Ende weiß Kleindienst nicht, wen er mehr bedauern soll, die Menschen im Saal mit phänomenalem Langzeitgedächtnis, die auch nach über 30 Jahren die nämlichen Songs mitträllern wollen, oder den "Johnny Walker" intonierenden Künstler mit "hochklassiger" Begleitband, der warten muss, bis seine Pflegekraft ihm den Asbach Uralt einschenkt.
Leicht bräsig wirkt wie gewohnt Musikschulleiter Frank Mitschke. Während um ihn herum "Leipzigs Kulturszene brennt", wie der Chef der Freiwilligen Feuerwehr Peter Korfmacher diagnostiziert, hat Mitschke den Schlaf der Gerechten gehalten. Es war schon seit dem Frühsommer klar, dass Dresden den Sächsischen Musikschulen den Hahn zudrehen will - von 5 Mio auf 3,5 Mio - aber das ist noch lange kein Grund, Hallo? zu rufen. Oder war sich Mitschke etwa von Anfang an sicher, dass dieses Vorhaben den Landtag nicht passieren wird? Die Klientel der Musikschülereltern wohnt schließlich warm und geborgen in den gleichen Villenvierteln wie die Mehrzahl der Abgeordneten. So ist es fast erstaunlich, dass die in Rufweite befindlichen Elternvertreter sogar Briefe an ihre Abgeordneten schreiben mussten, ehe diese einknickten. Schon ist die Rede davon, dass eher kosmetische Absenkungen in den Etats der Musikschulen erfolgen würden. Wenn überhaupt. Kein gutes Zeichen für die ländlichen Kulturstätten und keines für die Theaterszene in Leipzig und anderswo. Aber noch ist nicht aller Tage Abend, Herr Tillich! Knecht Ruprecht wird den Knüppel schon noch aus dem Sack ziehen, glauben Sie nur...
Interessant in der derzeitigen Spardebatte ist tatsächlich, wie unterschiedlich die Theater- und Kulturchefs mit den drohenden Folterwerkzeugen umgehen. Herr Oldag in Gera-Altenburg steckt wie Halle mit einer geschätzten Million Euro in der Kreide. Dort werden als erste Tänzer des Balletts gehen, und der Leiter wird gegen eine willigere ausgetauscht. Die Geraer Ballett-Tage stehen ohnehin als erste zur Disposition. Es ist so deutsch. So feige. Als erstes die kleinste Sparte zurechtstutzen. In Halle ist es das Kinder- und Jugendtheater. Am "Fünfspartenhaus" Gera gibts das halt nicht. Da ist das fünfte Rad am Wagen das Ballett.
In Halle läuft sich der Widerstand langsam warm. Inszeniert wird er von Shootingstar Dirk Laucke. Der Titel ist schon geboren: Thalia 21. Jetzt braucht Frau Hahn nur noch auf einen Baum zu klettern, und schon wird es kein Wasserwerfer mehr wagen, die Theaterräume durchzukärchern, "nettoyer au kärcher" sagte 2007 der damalige Chef der Putzkolonne Paris 21 dazu, Nicholas Sarkozy. Ob dabei allerdings Lauckes Slogan von der "Re-Zonalisierung Halles" dienlich ist, bleibt abzuwarten. Immerhin ist die Petition des Theaters an die Kulturministerin Birgitta Wolff schon so erfolgreich, dass diese selbst sie bereits unterzeichnet hat. Das nennt man in der Politbranche sicher hart am Wind segeln, Frau Wolff? Landratten vermuten, dass sie den Gegner einfach ins Leere laufen lassen, nicht?
Trotz der im Protest zu Höchstform auflaufenden Kulturbetriebe taucht heute in der lvz tatsächlich sogar Kunst auf. Im Rahmen der Dokfilmwoche läuft der amerikanische Film "Germany Reunified - The Other Side of the Wall". Eine späte Reminiszens auf die Wende, ganz persönlich diesmal. Untypisch und dennoch ostalgisch geht es laut Antonia Rassow um ein DDR-amerikanisches Paar, das wenige Tage vor der Maueröffnung rübergeht, und zwar gleich über den Atlantik. Während sie, Gabriele, in der Folge ganz zufrieden ist, hadert er, Mark, allerdings mit dem Schicksal. Er wäre im Nachhinein doch gerne in der DDR geblieben. Schließlich konnte er jederzeit wieder ausreisen. Der Film, der zu gleichen Teilen aus West- wie Ostperspektive hätte gedreht werden sollen, ist unter der Hand zum Ostfilm geworden. Der Westen habe sich in den 20 Jahren einfach nicht verändert. Ganz so langweilig war der Osten also nicht.
Schließlich berichtet Norbert Wehrstedt noch über drei Filme des Dokfilmfestivals. Der erste, "Goodnight Nobody" von Jacqueline Zünd (CH), handelt von Schlaflosen. Ein Film "wie von Edward Hopper gemalt". Der zweite Film, "Vodka Factory" von Jerzy Sladkowski (PL), besitze nicht die ausgeprägte "Bildkultur" wie der von Zünd, beobachte "vielmehr das Leben wie es ist". Ein merkwürdiges Verständnis von Dokumentarfilmkunst. Ein draufhalten aufs Leben? Und der Zuschauer weiß nicht, "was nun inszeniert, was spontan hervor gebrochen" sei. "So ist Dokfilm eben heute", befindet Oberverallgemeinerer Wehrstedt. In der epischen Breite von "Dreaming Films" von Eric Pauwels (B) ist der Kritiker wohl vollends müde geworden. Seine Bemächtigungsstrategie hat trotzdem nicht gelitten, immerhin vermag er forsch zu formulieren, wie sich angesichts des Bildexerzitiums "der Zuschauer fühlt": "Wie die Spinne im Netz." Klingt bedrohlich.
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