Wenn Kinder spielen, werden aus Barbies oft wirkliche Menschen mit Konflikten, die den Kindern aus der Realität oder ihrer Fantasie bekannt sind. Wenn in Peter Konwitschnys Inszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ die jungen Frauen Fiordiligi und Dorabella ihre Geliebten in Playmobilsoldaten verwandeln, mit denen sie spielen, wie es ihnen gefällt, dann ist das vielleicht pubertär und sicher das Gegenteil eines Kinderspiels. Die Sehnsucht nach einer Spiel- und Traumwelt aus Playmofiguren und Rokokopüppchen gibt es für Konwitschny nicht nur in Berlin, sondern auch in Leipzig. Daher hat er seine Inszenierung aus der Komischen an die Oper Leipzig umgesetzt. Das könnte wenn schon nicht die Kritiker, dann immerhin die Leipziger Operngänger interessieren. Bei Benedikt Leßmann kommen die Zuschauer allerdings nur mit einem einzigen Wort vor: „Applaus.“ Das lässt tief blicken, wenn auch von Buhs nicht einmal die Rede ist. Hat Leipzig bereits mit Konwitschny abgeschlossen? Oder hat ihnen die nur „vordergründig Spaß und Heiterkeit“ vorgaukelnde Inszenierung nicht zugesagt? Konwitschnys „intelligente“ Regie mit einem „fabelhaften Ensemble“ unter „souveräner Leitung“ von Andreas Stoehr zeigt offenkundig, wie man aus einem der 50 totgenudeltsten Opern des gängigen Repertoires doch noch eine lebendige Lesart für heute ziehen kann: Statt die Welt zu erklären oder anzuklagen, wird sie einfach umarmt: „Wir heiraten uns jetzt einfach alle“, beschließen die jungen Leute. Die Welt in solcherart spöttischen Schwebe auszuhalten scheint nun dem Publikum aufgetragen zu sein.
Mathias Wöbking hätte wohl nur zu gerne den Steigbügelhalter des „goldenen Flügelpferdes Pegasus“ gespielt, auf dem Kylie Minogue ihm entgegengeritten ist, wie er sich einen Tag später zu erinnern glaubt. Oder war es doch nur seine Fantasie, die ihm und 5500 weiteren jubelnden Zuschauern bei ihrem Auftritt als „Aphrodite“ in der Arena Leipzig einen göttlichen Streich spielte? „Verwirrung umkreist mich, ich bin in diesem Trugbild verloren“ zitiert der lvz redakteur die 1,53m große Göttin des Dance-Floors, und scheint gar selbst von einem Pfeil Amors getroffen zu sein. Der Rausch der Bilder aus „antiker Mythologie, Karneval in Rio, Moulin-Rouge-Frivolität und Synchronschwimmen“, erotisch aufgeladen nicht zuletzt durch die Diva selbst inmitten einer „postmodern-klassizistischen Bühnenkonstruktion“, macht für Woebking aus der hemmungslosen Kolportage „etwas beeindruckend Eigenes.“ Zudem die Minogue ihre (Bühnen-)Welt nicht allein mit standardisierter Professionalität füllt, sondern „sich einen Rest-Charme bewahrt“ hat. Da er nicht vorhat, über all das Erlebte das Füllhorn der (Pop-)Kritik zu schütten, schließt er seinen Artikel sichtlich bewegt: „Da kann einem weiß Gott Ärgerlicheres passieren.“
In Jürgen Kleindiensts „ausgepresst“ unter dem Titel „Großes Kino“ kann sich der lvz redakteur nur noch resigniert lustig machen über die immense Fallhöhe zwischen den Blitzen, die die Götter früher ausgesandt haben, wenn sie etwas Wichtiges mitzuteilen hatten, und den Videobotschaften per Podcast, in denen heutige (Polit-)Götter etwas Bemerkenswertes zu verbreiten wünschen. Sachsen-Anhalts MP Böhmer jedenfalls hat in seiner „vermutlich letzten Videobotschaft“ die Kulturförderung zum Thema gemacht. Doch mehr als die Botschaft, die Theater mögen doch bitteschön „mehr Kreativität“ walten lassen bei dem Ziel, die Häuser zu füllen, sprich: mehr Eigeneinnahmen zu erzielen, hat er nicht mitzuteilen. Danach folgt der Ansatz einer Drohung. Nur gut, dass die Wählerquote keine Einbußen bei der Sitzverteilung der Mandatsträger zur Folge hat, nicht, Herr Böhmer? Wie man es übrigens mit wahrlich mächtig geschrumpften Schauspiel- und Opernzuschauerrängen schafft, das kleine Kinder- und Jugendtheater (Thalia Theater) zu schließen (das darf man dann sicher als Umwegrentabilität im Sinne der 'wichtigeren' Sparten bezeichnen), dessen Problem nicht so sehr die leeren Stuhlreihen waren, als ignorante Theaterleiter, Oberbürgermeisterinnen und Landespolitiker, ist final in Halle/Saale zu beobachten. Als kleinen Morgengruß an die selbstvergessenen Politiker würde Kleindienst mit seinen Kontakten Böhmers Video sogar Unterstützung bei einer Bewerbung für die Werkleitz-Biennale in Halle angedeihen lassen. Allerdings schließt er leicht süffig mit einem Satz, der so klingt wie „Und wenn sie bis dahin nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“
In Italien häufen sich die Meldungen über Protestaktionen gegen geplante Kulturkürzungen. Berlusconis Regierung hatte letzten Sommer beschlossen, im Kultursektor 280 Mio. Euro einzusparen. Das immerhin hat der deutsche Kulturminister Bernd Neumann, wie in seinem Interview mit der lvz vom 1.3. nachzulesen war, bisher vermeiden können. Sein (Bundes-)Etat sei sogar in der Krise weiter gestiegen. Doch abseits der Repräsentativkultur sieht es auch in Deutschland äußerst mau aus. Siehe nur zum Beispiel den „ausgepresst“-Artikel oben. Nun haben es die Zeitungen leicht, mit dem Finger zu zeigen (und verringern oftmals den Kulturteil ihrer Zeitung im gleichen Stile wie die Kommunen und Länder ihre Einrichtungen).
Fakt ist doch, dass die (Kultur-)Politik viel zu lange der Wehrlosigkeit (verbunden mit Egozentrik und/oder Mittelmäßigkeit) ihrer Intendanten vor Ort sicher sein konnte. Verödete Städte sind aber das letzte, was eine Kommune interessant macht, weder für die Bewohner, noch für Gäste. Die wirtschaftsradikale Gehirnwäsche, gut sei nur, was möglichste Privatisierung zur Folge habe, hat die Köpfe nicht nur von Politikern vernebelt. Die allerorten durchgeführten Kürzungen stellen im Gegenteil eine komplette Sackgasse dar. Was nicht gegen zu beantwortende Strukturfragen spricht. Aber die Geringschätzung eines für die Zukunft bedeutenden Arbeitsfeldes innerhalb Deutschlands, in dem Menschen mit vielen Jahren Ausbildung und beeindruckendem Können (man lasse doch nur mal den Respekt, ja, Neid anderer europäischer Länder auf sich wirken) in ihrem Leben nicht 3000 Euro brutto verdienen, ist allmählich grotesk. Und die Medien tragen mit ihrer Art der Ignoranz dazu bei, indem der Kulturdiskurs, der verantwortlich fast nur noch in wenigen überregionalen Medien erfolgt) nahezu vollkommen an den Lesern von Regionalzeitungen vorbei geführt wird. Also beim eigentlichen Zuschauer nicht ankommt. Am Ende führt es doch nur dazu, dass Politiker vom Schlage eines Böhmer (siehe oben) nichts anderes dazu einfällt, als die Theaterleiter zu vollen Rängen aufzufordern. Dass damit nicht einfach gemeint sein kann, häufiger „Pension Schöller“ oder „Cosí fan tutte“ zu spielen, ist wohl klar. Der Teufelskreis dreht sich nur schneller, wenn man sieht, wie viel Zeit Theaterleiter mittlerweile mit Sitzungen, Networking und PR verbringen müssen, statt sich kreativ Lösungen einfallen zu lassen, die einem Publikum von heute das Theater näherbringen und nicht nur Repräsentationskultur mit viel Geld für angeschaffte Touristen (Semperoper) bedient, und damit einem weiten Publikum einfach eine komplett falsche Vorstellung von zeitgemäßer Kultur vermitteln. Oder via Statistiken faule Politiker auf die Spur setzen, die Eigeneinnahmen von Semperoper und Oper Leipzig kurzzuschließen und süffisant Forderungen nach höherer „Quote“ abzuleiten.
Posts mit dem Label Thalia Theater Halle werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Thalia Theater Halle werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Montag, 7. März 2011
lvz kultur vom 7.3.11: Professionalität und Rest-Charme. Konwitschny. Minogue. Böhmer.
Labels:
ausgepresst,
Bernd Neumann,
Cosí fan tutte,
Kulturkürzungen Hamburg,
Kulturpolitik,
Kylie Minogue,
Ministerpräsident Böhmer,
Mozart,
Peter Konwitschny,
Thalia Theater Halle
Donnerstag, 27. Januar 2011
lvz kultur vom 27.1.11: Mit Golden 20ies gegen den Zerfall. Tukur. Berlusconi. Wolfram Lotz.
Mit den Rhythmus-Boys gegen den allgemeinen Zerfall. "Witz und Eleganz" gegen die "unerbittliche, hässliche Macht des Geldes" setzen und gleichzeitig zusehen, dass seine "Jungs" ein "bisschen was verdienen." Das will Sonnyboy Ulrich Tukur morgen im Gewandhaus, dem Beginn einer Tournee durch Mitteldeutschland. Im Gespräch mit Thomas Düll bewundert er die "Art und Weise, wie sich Menschen in den 20ern und 40ern selbst gesehen und stilisiert" haben, obwohl oder gerade weil die Zeiten hart und die politischen Umstände "grauenhaft" waren. Tukur selbst habe schon als Jugendlicher "immer nach einem Gegenentwurf" gesucht, heute stellt diesen die "großstädtisch-elegante Musik der ausgehenden 30er Jahre" mit ihrer Beschwingtheit und Noblesse dar. Auch wenn er und seine Rhythmus Boys nicht "die weltbesten Musiker" seien, spielten sie "inzwischen fast fast so gut wie sie aussehen." Man solle sich nicht so furchtbar wichtig nehmen, das "Wissen um die Endlichkeit des Spiels", des Lebens, hat Tukur "ein Quäntchen" Demut verliehen. Die Emotionalität und Grandezza des Lebens hat er nicht zuletzt an seinem "surrealen" Wohnsitz Venedig schätzen gelernt. das große Publikum kann Tukur dann demnächst in seinem zweiten "Tatort" begegnen, "hoffentlich couragierter und grotesker" als der erste.
In der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig ist unter dem Titel "Auslöser" eine Fotografie-Ausstellung mit Werken von 21 Künstlern, allesamt Absolventen der Hochschule für Grafik und Buchkunst, zu sehen. Kurator Meinhard Michael will in seiner Auswahl keine direkte Abbildung der Welt an die Kunsthallenwände hängen, sondern - im Gegenteil - "Möglichkeiten oder Scheitern beim Umgang mit der Realität" dokumentieren.Man solle über das Abbild "sinnieren", nicht das "schöne Bild" sei gefragt, sondern die konzeptuelle Herangehensweise. lvz redakteur Jens Kassner fand sie insbesondere bei Falk Messerschmidt. "Yet Another Suppe" sei das Foto eines abgedruckten Fotos, "das als Replik eines berühmten Gemäldes entstand." In dieser fast bruchlos an frühe romantische Konzepte erinnernde reflexive Herangehensweise findet seine Konsequenz in der "hohen Affinität zum Textlichen", die den Fotos anhaftet, und sich im Katalog wiederfindet. Wenn auch nicht im Erläuternden Sinne. Es sind Genre-Grenzen, die verletzt werden sollen, eines der "wichtigsten Werkzeuge der jungen Künstler." Moritz Frei nutzt dies so weitgehend, dass er nicht nur das Erklären verweigert, sondern gleich auch das Abbilden selbst. Er zeigt "schöne Rahmen mit leeren Passepartous", dazu die Frage: "Ist das die richtige Seite?"
Nicht nur Ulrich Tukur wird es warm ums Herz beim Gedanken an Stil und Befindlichkeiten der Italiener, auch Peter Korfmacher sehnt sich in seinem "ausgepresst" nach den Verniedlichungen der italienischen Seele. Aus einer Unordnung mache die ein Casino, die Verkleinerung als "Häuschen" beziehe sich aber nicht auf das Haus, sondern auf die darin herrschende Moral. Silvio Berlusconi, verniedlichend Regierungschef genannt, habe folglich in seiner kleinen Villa keinen Puff, wie man in Deutschland sagen würde, betrieben, sondern ein "Abendessen mit Unterhaltung" gegeben. Genausowenig, wie er aus seiner Mördergrube ein Herz machen konnte.
Um von seinen sinneslustigen Gedanken wieder herunterzukommen, hat Korfmacher dann den simplen Trick "kalte Dusche" angewandt. Versuchte krampfhaft an die deutsche Bundeskanzlerin zu denken. Und - als Steigerung - an Karaoke mit Berlusconi. An dieser Stelle brach kfms Text ab.
Fabian Bursteins Roman-Debüt "Statusmeldungen" fasziniert Janina Fleischer wohl wider Erwarten. Denn dieser Roman, der die Form digitaler Tagebücher und sozialer Netzwerke übernimmt, Kommentare und "Gefällt mir"-Statistiken abbildet, schafft es, trotz des Stichworthaften der Texte ein Beziehungs- und Lebenskrisendrama "nachvollziehbar zu erzählen". In seinem Coming-of-Age-Roman begleite der Autor seinen Ich-Erzähler Julian Kippendorf "aus mitfühlender Distanz." Und der Leser entwickle zunehmend Distanz zu seinen eigenen Kommunikationsmustern. Dem Persönlichen gegenüber und dem persönlichen Gegenüber. Und dem virtuellen.
Fatih Akin an Bernd "Muhammed" Eichinger: "Lieber Bernd, (...) Du warst der Größte. (...) Ich trauere um dich."
Hamburgs Kultursenator Reinhard Stuth möchte Karin Beier, amtierende Intendantin des Kölner Schauspiels ("Theater des Jahres"), für das Hamburger Schauspielhaus abwerben.
Nach den verquasten Äußerungen des Geschäftsführers des Hallenser Theaters, Rolf Stiskas (siehe gestrige lvz), wird die Oberbürgermeisterin der Stadt, Dagmar Szabados, deutlicher. Sie will ihr städtisches Kinder- und Jugendtheater Thalia Theater nun wohl doch schließen. "Es gibt ein breites und gutes Kulturangebot in Halle. Es wird auch weiterhin immer ein gutes Theaterangebot für Kinder geben - in welcher Art und Weise, das ist die Frage", sagte sie in der gestrigen Einwohnerfragestunde auf der Stadtratssitzung.
Kaum hat Autor und Dramatiker Wolfram Lotz zwei Auszeichnungen erhalten (Kleist-Förderpreis, Gewinner Stückemarkt), werden seine bislang als Ladenhüter geltenden Theatertexte immer gefragter. Im Gegensatz zu den postdramatischen "Textflächen"-Verfassern schreibe Loske bewusst an "Zumutungen" für den Regisseur, die den Text angeblich "unbrauchbar für eine Aufführung" machen sollen, zitiert Nina May aus Loskes "Bekenntnis zur Regieanweisung". Seine poetischen Regieanweisungen stellen Kommentare dar, die den Autor als ernstzunehmende Größe wieder im Theater etablieren möchten. Als jemand, der es nicht nur wert ist, als Gegenüber ernstgenommen zu werden, sondern schlau - oftmals rätselhaft bleibende - Reibeflächen für den Regisseur gleich in den Text hinein zu montieren, auf dass der Regisseur, sonst immer auf der Suche nach zusätzlichen Kicks außerhalb der eigentlichen, vom Autor geschriebenen Textebene, die Herausforderung wieder in ihm selbst findet. Es sei "eine Machtspiel". Der selbstbewusst gewordene Autor erobert sich Terrain zurück, das ihm in den letzten Jahrzehnten der Regisseur und "wahre Schöpfer" abgenommen habe. Centraltheater-Hartmann glaubt ja angeblich an die dritte der beiden Möglichkeiten, an die Macht des Schauspielers, der jenseits von Autor und Regisseur die Dominanz über die Aufführung erhalten solle.
In "szähne" singt Mark Daniel einige Strophen des Lobliedes auf das Tricksen. Jeder mache es, die städtischen Bühnen bei der Auslastung, die Stammtischler - sinnierend über den Bierdeckel - bei der Steuererklärung, die Stürmer bei der Strafraum-Schwalbe. Soll sich der lvz redakteur da ins Abseits stellen? Iwo. Wo Tukur alles ganz italienisch "nicht so wichtig nimmt" und Peter Korfmacher in ausgepresst noch mediterranes Kulturgut ausmacht, hobelt Daniel deutsche Späne. Denn wo wahre Kunst zählt, darf eine Stuhl-Verhüllung im Zuschauerraum nicht geistigen Korinthenkackern zum Opfer fallen. Und wo schon jedes Grundschulkind Hirndoping betreibt, wenn es nicht ohnehin bereits ritalinabhängig ist, braucht auch der redaktör, dem früher "nichts zu schwör" war, sein zeitgemäßes Wikidope. Und wir rauchen Friedenspfeife.
In der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig ist unter dem Titel "Auslöser" eine Fotografie-Ausstellung mit Werken von 21 Künstlern, allesamt Absolventen der Hochschule für Grafik und Buchkunst, zu sehen. Kurator Meinhard Michael will in seiner Auswahl keine direkte Abbildung der Welt an die Kunsthallenwände hängen, sondern - im Gegenteil - "Möglichkeiten oder Scheitern beim Umgang mit der Realität" dokumentieren.Man solle über das Abbild "sinnieren", nicht das "schöne Bild" sei gefragt, sondern die konzeptuelle Herangehensweise. lvz redakteur Jens Kassner fand sie insbesondere bei Falk Messerschmidt. "Yet Another Suppe" sei das Foto eines abgedruckten Fotos, "das als Replik eines berühmten Gemäldes entstand." In dieser fast bruchlos an frühe romantische Konzepte erinnernde reflexive Herangehensweise findet seine Konsequenz in der "hohen Affinität zum Textlichen", die den Fotos anhaftet, und sich im Katalog wiederfindet. Wenn auch nicht im Erläuternden Sinne. Es sind Genre-Grenzen, die verletzt werden sollen, eines der "wichtigsten Werkzeuge der jungen Künstler." Moritz Frei nutzt dies so weitgehend, dass er nicht nur das Erklären verweigert, sondern gleich auch das Abbilden selbst. Er zeigt "schöne Rahmen mit leeren Passepartous", dazu die Frage: "Ist das die richtige Seite?"
Nicht nur Ulrich Tukur wird es warm ums Herz beim Gedanken an Stil und Befindlichkeiten der Italiener, auch Peter Korfmacher sehnt sich in seinem "ausgepresst" nach den Verniedlichungen der italienischen Seele. Aus einer Unordnung mache die ein Casino, die Verkleinerung als "Häuschen" beziehe sich aber nicht auf das Haus, sondern auf die darin herrschende Moral. Silvio Berlusconi, verniedlichend Regierungschef genannt, habe folglich in seiner kleinen Villa keinen Puff, wie man in Deutschland sagen würde, betrieben, sondern ein "Abendessen mit Unterhaltung" gegeben. Genausowenig, wie er aus seiner Mördergrube ein Herz machen konnte.
Um von seinen sinneslustigen Gedanken wieder herunterzukommen, hat Korfmacher dann den simplen Trick "kalte Dusche" angewandt. Versuchte krampfhaft an die deutsche Bundeskanzlerin zu denken. Und - als Steigerung - an Karaoke mit Berlusconi. An dieser Stelle brach kfms Text ab.
Fabian Bursteins Roman-Debüt "Statusmeldungen" fasziniert Janina Fleischer wohl wider Erwarten. Denn dieser Roman, der die Form digitaler Tagebücher und sozialer Netzwerke übernimmt, Kommentare und "Gefällt mir"-Statistiken abbildet, schafft es, trotz des Stichworthaften der Texte ein Beziehungs- und Lebenskrisendrama "nachvollziehbar zu erzählen". In seinem Coming-of-Age-Roman begleite der Autor seinen Ich-Erzähler Julian Kippendorf "aus mitfühlender Distanz." Und der Leser entwickle zunehmend Distanz zu seinen eigenen Kommunikationsmustern. Dem Persönlichen gegenüber und dem persönlichen Gegenüber. Und dem virtuellen.
Fatih Akin an Bernd "Muhammed" Eichinger: "Lieber Bernd, (...) Du warst der Größte. (...) Ich trauere um dich."
Hamburgs Kultursenator Reinhard Stuth möchte Karin Beier, amtierende Intendantin des Kölner Schauspiels ("Theater des Jahres"), für das Hamburger Schauspielhaus abwerben.
Nach den verquasten Äußerungen des Geschäftsführers des Hallenser Theaters, Rolf Stiskas (siehe gestrige lvz), wird die Oberbürgermeisterin der Stadt, Dagmar Szabados, deutlicher. Sie will ihr städtisches Kinder- und Jugendtheater Thalia Theater nun wohl doch schließen. "Es gibt ein breites und gutes Kulturangebot in Halle. Es wird auch weiterhin immer ein gutes Theaterangebot für Kinder geben - in welcher Art und Weise, das ist die Frage", sagte sie in der gestrigen Einwohnerfragestunde auf der Stadtratssitzung.
Kaum hat Autor und Dramatiker Wolfram Lotz zwei Auszeichnungen erhalten (Kleist-Förderpreis, Gewinner Stückemarkt), werden seine bislang als Ladenhüter geltenden Theatertexte immer gefragter. Im Gegensatz zu den postdramatischen "Textflächen"-Verfassern schreibe Loske bewusst an "Zumutungen" für den Regisseur, die den Text angeblich "unbrauchbar für eine Aufführung" machen sollen, zitiert Nina May aus Loskes "Bekenntnis zur Regieanweisung". Seine poetischen Regieanweisungen stellen Kommentare dar, die den Autor als ernstzunehmende Größe wieder im Theater etablieren möchten. Als jemand, der es nicht nur wert ist, als Gegenüber ernstgenommen zu werden, sondern schlau - oftmals rätselhaft bleibende - Reibeflächen für den Regisseur gleich in den Text hinein zu montieren, auf dass der Regisseur, sonst immer auf der Suche nach zusätzlichen Kicks außerhalb der eigentlichen, vom Autor geschriebenen Textebene, die Herausforderung wieder in ihm selbst findet. Es sei "eine Machtspiel". Der selbstbewusst gewordene Autor erobert sich Terrain zurück, das ihm in den letzten Jahrzehnten der Regisseur und "wahre Schöpfer" abgenommen habe. Centraltheater-Hartmann glaubt ja angeblich an die dritte der beiden Möglichkeiten, an die Macht des Schauspielers, der jenseits von Autor und Regisseur die Dominanz über die Aufführung erhalten solle.
In "szähne" singt Mark Daniel einige Strophen des Lobliedes auf das Tricksen. Jeder mache es, die städtischen Bühnen bei der Auslastung, die Stammtischler - sinnierend über den Bierdeckel - bei der Steuererklärung, die Stürmer bei der Strafraum-Schwalbe. Soll sich der lvz redakteur da ins Abseits stellen? Iwo. Wo Tukur alles ganz italienisch "nicht so wichtig nimmt" und Peter Korfmacher in ausgepresst noch mediterranes Kulturgut ausmacht, hobelt Daniel deutsche Späne. Denn wo wahre Kunst zählt, darf eine Stuhl-Verhüllung im Zuschauerraum nicht geistigen Korinthenkackern zum Opfer fallen. Und wo schon jedes Grundschulkind Hirndoping betreibt, wenn es nicht ohnehin bereits ritalinabhängig ist, braucht auch der redaktör, dem früher "nichts zu schwör" war, sein zeitgemäßes Wikidope. Und wir rauchen Friedenspfeife.
Labels:
Fabian Burscheid,
Fotografie,
Kunsthalle,
Rhythmus Boys,
Silvio Berlusconi,
Sparkasse leipzig,
Statusmeldungen,
szähne,
tatort,
Thalia Theater Halle,
Ulrich Tukur,
Wolfram Lotz
Mittwoch, 29. Dezember 2010
lvz kultur vom 29.12.10: Sol Gabetta, Frisch, Szabados & Marc Chagall
Die 29-jährige Cellistin Sol Gabetta ist für die lvz interviewt worden, Thomas Joppig hat sich mit seinen Fragen und Stichworten für jedes Gesellschafts-, Klatsch- und Personality-Blatt empfohlen. Natürlich kann man einwenden, erst mittels Themen wie "Bauchmensch oder Analytikerin", David Garrett, CD-Vermarktung via Topmodel-Look, 2-Mio-Euro teueres Cello, 800km zur Cellostunde und die berüchtigte "Jeden Tag in anderem Hotel"-Leier lassen sich den Künstlern interessante Statements entlocken. Was falsch ist. Aber beim quälend kleinbürgerlichen Joppig kommt hinzu, dass ihm auf intelligente Antworten oder Gesprächsangebote keine adäquate Weiterführung einfällt. Die Muschel bleibt geschlossen. Perle verborgen. Nur so viel: Gabetta analysiert selbstverständlich die Musik, die sie spielt (wenn auch nicht so studentenhaft, wie Joppig denkt) und verbindet sie dennoch mit ihrer Persönlichkeit und auch Befindlichkeit. Und sagt, dass kulturelle Bildung ein viel notwendigerer Schatz für den Menschen ist, als sich die meisten Erwachsenen, Kultur- und Bildungspolitiker eingeschlossen, das vorstellen. Was braucht ein Kind? Was ist wichtig im Leben? "Wir arbeiten, um uns etwas kaufen zu können: Einen Fernseher, ein iPhone, eine Reise. Und wir versuchen, uns damit von unseren Gedanken abzulenken." Nur: Wie werden aus gedankenlosen Erwachsenen gedankenvolle Kinder? Frau Gabetta hat nicht nur zu ihrer Musik etwas zu sagen. Herrn Joppig zumindest und die lvz hat das nicht weiter interessiert.
Zwei Biografien über Max Frisch sind erschienen, für Ulf Heise geben beide wenig neuen Aufschluss über das Phänomen Frisch. Die Germanistin Ingeborg Gleichauf hat irritiert, dass der Künstler schon sehr früh nichts anderes im Sinne gehabt hätte, als berühmt zu werden. Nun versucht sie zu erkunden, warum Frisch, als er es denn geworden ist, "nicht endlich zufrieden sein" könne. Sie fragt, "Wozu braucht er das?", als er ihrer Meinung nach im Leben längst hätte ausgefüllt sein müssen. Dass sie mit so vorgefassten Meinungen auf die eigentlichen Antriebe von Künstlern keine Antwort geben kann, liegt nahe. Noch der tote Frisch habe sich ihren Annäherungen verweigert, klagt sie leicht esoterisch.
Auch die Biografie des Journalisten Volker Weidermann konstatiere nicht viel mehr, als dass Max Frisch ein Mensch der vielen Masken gewesen sei, ein Chamäleon, und persönliche Spuren gerne verwischt habe.
Wo Gleichauf versucht, Frisch aus seinem Inneren heraus zu verstehen, schaut Weidermann mehr von außen. Beide scheitern.
Stilistisch haben laut Heise beide zudem nur begrenzte Qualitäten.
Böse Vorahnungen beschleicht, wer Halles OBM Dagmar Szabados (SPD) lamentieren hört, dass für eine "Kulturstadt Halle" 50 Mio Euro sicher nicht notwendig seien, solange "eine Vielzahl von Spielstätten nur zu 60% ausgelastet seien." Immerhin trägt sie als Aufsichtsrat die Politik der Theater, Oper & Orchester GmbH mit. Eine andere Idee als die Schließung des wichtigen und erfindungsreichen Kinder- und Jugendtheaters Thalia Halle hat man bisher nicht von ihr vernommen. Und der Haustarifvertrag, mit dem eine übergangsweise Rettung möglich wäre, ist von ihrer Seite weiterhin nicht unterzeichnet worden.
Erstmals sind viele Gemälde, Zeichnungen und grafische Werke des jüdischen Malers Marc Chagall unter dem Ausstellungs-Titel "Lebenslinien" in Deutschland zu sehen, im Bucerius Kunst Forum Hamburg. Die Ausstellung mit Bildern großteils aus der Sammlung des Israel Museums Jerusalem vermag es, Chagalls "Wirkung, oder besser gesagt, Berührung lebendig zu machen." Zudem zeige sie, wie Chagalls Konfrontation zum Kubismus von Braque und Picasso entstanden ist. Dass der Mythos Chagall, der für diese "gegenständlich formierte Rebellion" gegen die "neuen Sichtweisen der bahnbrechenden Abstrakten" steht, aus "ganz persönlichen Lebenslinien" heraus auf den Fantasiereichtum seiner Jugend in Witebsk zurückzuführen sei, möchte die Hamburger Ausstellung zeigen, wie Rosemarie Fiedler-Winter für die lvz bemerkt.
Zwei Biografien über Max Frisch sind erschienen, für Ulf Heise geben beide wenig neuen Aufschluss über das Phänomen Frisch. Die Germanistin Ingeborg Gleichauf hat irritiert, dass der Künstler schon sehr früh nichts anderes im Sinne gehabt hätte, als berühmt zu werden. Nun versucht sie zu erkunden, warum Frisch, als er es denn geworden ist, "nicht endlich zufrieden sein" könne. Sie fragt, "Wozu braucht er das?", als er ihrer Meinung nach im Leben längst hätte ausgefüllt sein müssen. Dass sie mit so vorgefassten Meinungen auf die eigentlichen Antriebe von Künstlern keine Antwort geben kann, liegt nahe. Noch der tote Frisch habe sich ihren Annäherungen verweigert, klagt sie leicht esoterisch.
Auch die Biografie des Journalisten Volker Weidermann konstatiere nicht viel mehr, als dass Max Frisch ein Mensch der vielen Masken gewesen sei, ein Chamäleon, und persönliche Spuren gerne verwischt habe.
Wo Gleichauf versucht, Frisch aus seinem Inneren heraus zu verstehen, schaut Weidermann mehr von außen. Beide scheitern.
Stilistisch haben laut Heise beide zudem nur begrenzte Qualitäten.
Böse Vorahnungen beschleicht, wer Halles OBM Dagmar Szabados (SPD) lamentieren hört, dass für eine "Kulturstadt Halle" 50 Mio Euro sicher nicht notwendig seien, solange "eine Vielzahl von Spielstätten nur zu 60% ausgelastet seien." Immerhin trägt sie als Aufsichtsrat die Politik der Theater, Oper & Orchester GmbH mit. Eine andere Idee als die Schließung des wichtigen und erfindungsreichen Kinder- und Jugendtheaters Thalia Halle hat man bisher nicht von ihr vernommen. Und der Haustarifvertrag, mit dem eine übergangsweise Rettung möglich wäre, ist von ihrer Seite weiterhin nicht unterzeichnet worden.
Erstmals sind viele Gemälde, Zeichnungen und grafische Werke des jüdischen Malers Marc Chagall unter dem Ausstellungs-Titel "Lebenslinien" in Deutschland zu sehen, im Bucerius Kunst Forum Hamburg. Die Ausstellung mit Bildern großteils aus der Sammlung des Israel Museums Jerusalem vermag es, Chagalls "Wirkung, oder besser gesagt, Berührung lebendig zu machen." Zudem zeige sie, wie Chagalls Konfrontation zum Kubismus von Braque und Picasso entstanden ist. Dass der Mythos Chagall, der für diese "gegenständlich formierte Rebellion" gegen die "neuen Sichtweisen der bahnbrechenden Abstrakten" steht, aus "ganz persönlichen Lebenslinien" heraus auf den Fantasiereichtum seiner Jugend in Witebsk zurückzuführen sei, möchte die Hamburger Ausstellung zeigen, wie Rosemarie Fiedler-Winter für die lvz bemerkt.
Labels:
Bucerius Kunst Forum Hamburg,
Cellistin,
Dagmar Szabados,
Ingeborg Gleichauf,
Marc Chagall,
Max Frisch,
Sol Gabetta,
Thalia Theater Halle,
Volker Wiedermann
Samstag, 20. November 2010
lvz kultur vom 20.11.10: Tolstoi, Katja Ebstein & die Zaubershow des Stefan Billig
Ist die Zeit gekommen für eine Neuentdeckung des rigorosen Moralisten und Gesellschaftskritikers Lew Tolstoi? Weit über 50 Jahre nach seinem Erscheinen (!) veröffentlicht der Aufbau-Verlag, im Blick den 100. Todestag von Lew Tolstoi, unter dem Titel "Entlasse mich aus deinem Herzen" Aufzeichnungen des russischen Pianisten, Komponisten und Tolstoi-Vertrauten Alexander Goldenweiser, neu ins Deutsche übersetzt. Es geht um Tolstois Streit mit seiner Frau, Vorwürfe und Kränkungen, seinen Tod, die Konflikte um das Erbe. In ihrem Bericht gibt Janina Fleischer ein gutes Beispiel dafür ab, wie das Interesse an einem radikalen und unbestritten genialen Romancier heute zu erwecken ist: Durch Klatsch und Tratsch. Denn dass Goldenweisers Aufzeichnungen - Fleischer verschweigt übrigens den Namen des Übersetzers - durch seine Verehrung für Tolstoi stark gefärbt und von Unparteilichkeit weit entfernt sind, ist ihr klar. "Wer mit Tolstoi war, der war gegen die Tolstaja", schreibt Fleischer. Und versucht, wenigstens als kritische Leserin der biografische Züge besitzenden "Kreutzersonate" von Tolstoi und der literarischen Antwort der Tolstaja ("Eine Frage der Schuld"), die Fronten abzustecken. Ob auf diesem Umweg ein Interesse für den radikalen Denker, Kritiker der Macht und Gottsucher Tolstoi zu wecken ist, bleibt fraglich.
In einem Interview von Wolfgang Jung mit Tolstois Ururenkel Wladimir Tolstoi vermutet dieser, dass Tolstoi heute für jede Macht ein Ärgernis darstellen würde. "Auch im modernen Amerika wäre er eine Art Staatsfeind. Denn politische Korrektheit war ihm völlig fremd."
Durch den Abschluss eines Haustarifvertrages bis 2016 haben die Mitglieder der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle den Erhalt des Thalia Theaters ermöglicht. Die solidarische Aktion bedeutet Lohnverzicht und Verzicht auf Lohnsteigerungen bei gleichzeitig befristetem Schutz vor Kündigung. Damit haben sich die vereinigten Mitarbeiter deutlich gegen eine Schließung des Thalia Theaters im Handstreich ausgesprochen, wie sie sich Oberbürgermeisterin Szabados und Rolf Stiska, Geschäftsführer der TOO Halle, vorgenommen hatten, um die übrigen Sparten vorerst unbehelligt lassen zu können.
Nach dem Vergleich der zwei Einspielungen des Weihnachtsoratoriums von J.S. Bach beschäftigt Peter Korfmacher nun der Vergleich zweier Konzerte von Beethoven-Klavierkonzerten mit dem Gewandhausorchester. Die portugiesische Pianistin Maria Joao Pires wie auch Hélène Grimaud bevorzugen eine moderne Spielweise, die eine "poetisch und ohne jeden pianistischen Effekt", die andere "forsch bis brutal". Die Dirigenten stellten in beiden Fällen "Bannerträger der historischen Aufführungspraxis" dar. Trevor Pinnock begleitete Pires' "atemberaubend schönes Klavierspiel" doch "etwas hemdsärmelig", Roger Norrington Grimauds auftrumpfendem Spiel im Fünften KK Beethovens mit "zurückhaltenden Pastellfarben". Als Partner von Pires zieht Korfmacher wiederum John Eliot Gardiner Pinnock vor, der zwar "schöne Farben", aber "wenig orchestrale Details" aus dem Spiel der Solistin abzuleiten vermochte.
Bernd Locker war sichtlich beeindruckt von der neuen Zaubershow „Illusia“ im Krystallpalast Varieté. Dass allein mittels Zaubereien ein abendfüllendes Programm von zwei Stunden gefüllt werden könne, ohne sich zu erschöpfen, hat er nicht geahnt. Die „flotte Inszenierung“ Stefan Warmuths verbindet unterschiedlichste Spielarten der Zauberei. „Kleine Geschichten entstehen, verbinden sich zu einem magischen Bilderbogen.“ Na gut, der Satz klingt gut und sagt wenig und auch die Bezeichnungen „klassische Manipulationen“, „Mentalmagie“ und „Großillusionen“ werden erst in der näheren Beschreibung lebendig. Aber alles in allem summieren sie sich „zu einer unterhaltsamen Zaubershow“, für die blocker am liebsten den Titel prägen möchte: „Potter live“.
In ihrem Interview mit Katja Ebstein spielt Peter Korfmacher des Deutschen liebstes Spiel: in Schubladen stecken. Interessiert hat ihn der ehemalige Schlagerstar, das Programm „Na und? Wir leben noch“ klingt für ihn „defätistisch“, ernsthaft resignativ, das Programm passe für ihn leider in keine Schublade, also muss er sich von Ebstein erklären lassen, in welche. Irgendwo zwischen Kabarett, Konzert und Lyrik möchte pk eine Entscheidung haben. Er wüsste nicht, ob eher Musik oder Sprache wichtiger sei in ihrem Programm, weiß aber genau, dass Brecht schon lange tot sei, und was der folglich in dem Programm aus vielen Lebenden suche uswusf. Ebstein redet derweil von „ihren Kumpels aus der Zeit der Friedensbewegung“, dass Udo Lindenberg ein „Lyriker“ sei, deutsche Schlager bessere Texte hätten als französische Chansons und sie selbst bereits 1971 als Trendsetter das erste deutsche Öko-Lied gesungen habe: „Diese Welt“. Sie schließt mit der kühnen Behauptung: „Ich bin heute nicht manipulierbar, und war es damals auch nicht“. Ach ja, s ie tritt heute um 20 Uhr in der Michaeliskirche auf. Ein Hoch auf die neue deutsche Unübersichtlichkeit.
Stefan Billig ist in der CDU. Stefan Billig ist kulturpolitischer Sprecher der CDU. Und Stefan Billig hat endlich nicht mehr nur reden wollen, sondern seine gesammelten Ergüsse auch noch zu Papier bringen müssen. Wäre Stefan Billig Ökonom, könnte man ja wenigstens Witze mit seinem Namen machen. Als Arzt, der er ist, und eben kein Ökonom, wie gesagt, traut er sich weit vor auf fremdes Terrain. Hätte er mehr Ahnung von seinem Gegenstand, müsste man Stefan Billig allerdings wegen Verleumdung oder Ehrabschneidung verklagen. Nicht die lvz, gott bewahre, sondern die l-iz hat etwas ausführlicher über den jüngsten Vorstoß der CDU im Stadtrat berichtet, unter anderem mit Billigs Begründung für eine Strukturreform: „Gerade die Oper als größter Ausgabeposten steht in der aktuellen Etatsituation unter akutem Rechtfertigungsdruck. Die Wirtschaftlichkeit der Häuser allgemein muss schnell und merklich verbessert werden, wenn die künstlerische Substanz bewahrt und weiter entwickelt werden soll.“ Billig verwechselt nicht nur die Höhe der Zuschüsse, des Ausgabenpostens, mit Wirtschaftlichkeit oder Unwirtschaftlichkeit des Hauses allgemein, sondern erdreistet sich unter der Hand, Rechtfertigungsdruck aufzubauen ohne jedes Argument, dass da Missmanagement getrieben würde. Oder hat da die Aufsicht der Häuser, der Oper speziell, versagt? Ist Höhe allein ein Kriterium? Ein negatives zumal? Wer weiß, dass die Theater insbesondere aus Personalkosten bestehen, muss gleichzeitig sagen, welche Kunst man mit wieviel Personal schaffen kann oder soll. Leider gibt es von Seiten der CDU, man betrachte derzeit die unsäglich fachfremde Debatte in Dresden, Hamburg und vielen anderen Städten, keine Äußerung dazu, außer: Stellenabbau. Die gesellschaftspolitische Revolution der CDU, die Vision einer hemmungslos durchkapitalisierten Gesellschaft, die Menschen, Institutionen, Einrichtungen, Körperschaften allein aufgrund ihrer ökonomischen Werte und Unwerte berechnen und beurteilen möchte, ist eine negative Utopie. Angeblich möchte sie die „Substanz bewahren“, dabei zerstört sie diese.
Zum konkreten Fall: In Leipzig möchte Billig ein Stiftungsmodell für die Museen und ein GmbH-Modell für die Theater (Oper Leipzig, Centraltheater, Theater der Jungen Welt, evt. Ballett; aber nicht das Gewandhaus Leipzig!) einführen und zwar schon in acht Monaten, ab August 2011. Kann man diesen (Hobby-)Politiker im Leipziger Stadtrat eigentlich ernstnehmen? Muss man wohl. Siehe Landtag in Dresden, Senat in Hamburg etcpp. Billig möchte ein Geschäftsführermodell an der Spitze, also keinen verantwortlichen Künstler. Ein solcher soll den kaufmännischen Geschäftsführer allerdings beraten, alle drei Jahre ein neuer! Die Spartenleitungen unterhalb der Geschäftsführung bezeichnet Billig etikettenschwindlerisch als Intendanten. Das sind sie beileibe nicht, schließlich buhlen sie mit ihren hauseigenen Intendantenkonkurrenten um die Verteilung der Gelder und sind auch keine Herren im eigenen Haus. Schon dieses Modell ist unfruchtbar. Halle/Saale hat sich 2008 eben diese juristische Konstruktion gegeben. Die dortige Geschäftsführung (Rolf Stiska) hat als erstes wesentliche Versprechungen, die zu Beginn der Zusammenlegung gemacht wurden, ignoriert, über den Haufen geworfen, indem er bei erstbester Gelegenheit das Kinder- und Jugendtheater als kleinste und scheinbar am wenigsten von einer Lobby unterstützte Theater schließen wollte. Abgesehen davon, dass Stiska seine Haufaufgaben (Stellenreduzierung, allerdings nicht im künstlerischen Bereich) einfach nicht gemacht hat, dadurch ein Defizit vorprogrammiert und sehenden Auges (man darf vermuten, gewollt) die Schließung des kleinstes Theaters unter perfidem rhetorischen Ausrutscher (eines von zwei Schauspielhäuser wollte er schließen) betrieben hat. Seine Glaubwürdigkeit ist damit hinüber. Niemand wird einem Geschäftsführer einer Theater GmbH künftig abnehmen, dass er bzw. der Aufsichtsrat unparteiisch und nur nach entsprechender Argumentation gravierende Entscheidungen fällt. Es sind immer die haus- oder stadtinternen Machtverhältnisse oder Vorlieben, die entscheiden. Aber das weiß man alles längst vorher. Wie ein kaufmännischer Geschäftsführer eigentlich Richtlinien vorgeben oder Fragen der Kunst abschließend beurteilen soll, ist ohnehin unvorstellbar.
Das, was die CDU in Person von Stefan Billig vorhat, ist eine gewollte Schädigung der Kunst, eine Beschädigung eines wesentlichen Elements der Gesellschaft, einer von der Politik nur schwer kontrollierbaren Einrichtung. Und genau darum geht es scheinbar in diesem wie in vielen anderen Fällen der Beschneidung gesellschaftlich wichtiger Einrichtungen: Die Durchökonomisierung sämtlicher Bereiche der Gesellschaft soll öffentliche Leistungen zu privat zu erwerbenden Leistungen machen, ob Kultur, Bildung, Gesundheit, Wohnen usw. Alles, was ein Staat seinen Bewohnern, sich selbst, zur Verfügung stellt, wird der Bürger nicht mehr teuer privat erwerben. Das ist der CDU ein Dorn im Auge. Nicht die im Vergleich lächerlichen Zuschüsse für Kultur, Soziales, Bildung etc. Man vergleiche die mit den Subventionen an die größten agrarwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland und Europa, an die Subventionen und die Prostituierung der Städte an Großbetriebe, an Banken, an steuerlich absetzbare Verlustabschreibungen und Gewinn-/Verlustrechnungen von Betrieben usw. Die Ausgaben, über die geredet wird, sind lächerlich im Vergleich. Aber es geht ja auch um das Prinzip. Man will diese großteils freiwilligen Leistungen loswerden.Nicht die „unfreiwilligen“ ändern.Dass wie im sächsischen Kulturraumgesetz auch die gesetzlichen Leistungen hinterrücks gekappt werden, gehört zu dieser Strategie. Hoffentlich ist die Unrechtmäßigkeit des Vorhabens, das Professor Ossenbühl der Novellierung bestätigt hat, noch ein Hebel oder Argument und geht nicht in einer puren Erpressung durch das Land Sachsen unter.
Vielleicht sollte Stefan Billig in der Zaubershow des Krystallpalast Varieté auftreten. Wie lasse ich ruckzuck einzweidrei Theater aus der einen Hand (der öffentlichen) verschwinden und tlasse sie in der anderen (der die dem Kapitalmarkt zugehört) wieder erscheinen. Aber Billigs Kunststückchen erinnern eher an das Schrumpfen von erbeuteten Köpfen, das manche alten Stämme mit eroberten Feinden gerne zelebriert haben. Im Moment ist die CDU eine Partei, die Schrumpfköpfe liebt. Im einen wie im anderen Sinne.
In einem Interview von Wolfgang Jung mit Tolstois Ururenkel Wladimir Tolstoi vermutet dieser, dass Tolstoi heute für jede Macht ein Ärgernis darstellen würde. "Auch im modernen Amerika wäre er eine Art Staatsfeind. Denn politische Korrektheit war ihm völlig fremd."
Durch den Abschluss eines Haustarifvertrages bis 2016 haben die Mitglieder der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle den Erhalt des Thalia Theaters ermöglicht. Die solidarische Aktion bedeutet Lohnverzicht und Verzicht auf Lohnsteigerungen bei gleichzeitig befristetem Schutz vor Kündigung. Damit haben sich die vereinigten Mitarbeiter deutlich gegen eine Schließung des Thalia Theaters im Handstreich ausgesprochen, wie sie sich Oberbürgermeisterin Szabados und Rolf Stiska, Geschäftsführer der TOO Halle, vorgenommen hatten, um die übrigen Sparten vorerst unbehelligt lassen zu können.
Nach dem Vergleich der zwei Einspielungen des Weihnachtsoratoriums von J.S. Bach beschäftigt Peter Korfmacher nun der Vergleich zweier Konzerte von Beethoven-Klavierkonzerten mit dem Gewandhausorchester. Die portugiesische Pianistin Maria Joao Pires wie auch Hélène Grimaud bevorzugen eine moderne Spielweise, die eine "poetisch und ohne jeden pianistischen Effekt", die andere "forsch bis brutal". Die Dirigenten stellten in beiden Fällen "Bannerträger der historischen Aufführungspraxis" dar. Trevor Pinnock begleitete Pires' "atemberaubend schönes Klavierspiel" doch "etwas hemdsärmelig", Roger Norrington Grimauds auftrumpfendem Spiel im Fünften KK Beethovens mit "zurückhaltenden Pastellfarben". Als Partner von Pires zieht Korfmacher wiederum John Eliot Gardiner Pinnock vor, der zwar "schöne Farben", aber "wenig orchestrale Details" aus dem Spiel der Solistin abzuleiten vermochte.
Bernd Locker war sichtlich beeindruckt von der neuen Zaubershow „Illusia“ im Krystallpalast Varieté. Dass allein mittels Zaubereien ein abendfüllendes Programm von zwei Stunden gefüllt werden könne, ohne sich zu erschöpfen, hat er nicht geahnt. Die „flotte Inszenierung“ Stefan Warmuths verbindet unterschiedlichste Spielarten der Zauberei. „Kleine Geschichten entstehen, verbinden sich zu einem magischen Bilderbogen.“ Na gut, der Satz klingt gut und sagt wenig und auch die Bezeichnungen „klassische Manipulationen“, „Mentalmagie“ und „Großillusionen“ werden erst in der näheren Beschreibung lebendig. Aber alles in allem summieren sie sich „zu einer unterhaltsamen Zaubershow“, für die blocker am liebsten den Titel prägen möchte: „Potter live“.
In ihrem Interview mit Katja Ebstein spielt Peter Korfmacher des Deutschen liebstes Spiel: in Schubladen stecken. Interessiert hat ihn der ehemalige Schlagerstar, das Programm „Na und? Wir leben noch“ klingt für ihn „defätistisch“, ernsthaft resignativ, das Programm passe für ihn leider in keine Schublade, also muss er sich von Ebstein erklären lassen, in welche. Irgendwo zwischen Kabarett, Konzert und Lyrik möchte pk eine Entscheidung haben. Er wüsste nicht, ob eher Musik oder Sprache wichtiger sei in ihrem Programm, weiß aber genau, dass Brecht schon lange tot sei, und was der folglich in dem Programm aus vielen Lebenden suche uswusf. Ebstein redet derweil von „ihren Kumpels aus der Zeit der Friedensbewegung“, dass Udo Lindenberg ein „Lyriker“ sei, deutsche Schlager bessere Texte hätten als französische Chansons und sie selbst bereits 1971 als Trendsetter das erste deutsche Öko-Lied gesungen habe: „Diese Welt“. Sie schließt mit der kühnen Behauptung: „Ich bin heute nicht manipulierbar, und war es damals auch nicht“. Ach ja, s ie tritt heute um 20 Uhr in der Michaeliskirche auf. Ein Hoch auf die neue deutsche Unübersichtlichkeit.
Stefan Billig ist in der CDU. Stefan Billig ist kulturpolitischer Sprecher der CDU. Und Stefan Billig hat endlich nicht mehr nur reden wollen, sondern seine gesammelten Ergüsse auch noch zu Papier bringen müssen. Wäre Stefan Billig Ökonom, könnte man ja wenigstens Witze mit seinem Namen machen. Als Arzt, der er ist, und eben kein Ökonom, wie gesagt, traut er sich weit vor auf fremdes Terrain. Hätte er mehr Ahnung von seinem Gegenstand, müsste man Stefan Billig allerdings wegen Verleumdung oder Ehrabschneidung verklagen. Nicht die lvz, gott bewahre, sondern die l-iz hat etwas ausführlicher über den jüngsten Vorstoß der CDU im Stadtrat berichtet, unter anderem mit Billigs Begründung für eine Strukturreform: „Gerade die Oper als größter Ausgabeposten steht in der aktuellen Etatsituation unter akutem Rechtfertigungsdruck. Die Wirtschaftlichkeit der Häuser allgemein muss schnell und merklich verbessert werden, wenn die künstlerische Substanz bewahrt und weiter entwickelt werden soll.“ Billig verwechselt nicht nur die Höhe der Zuschüsse, des Ausgabenpostens, mit Wirtschaftlichkeit oder Unwirtschaftlichkeit des Hauses allgemein, sondern erdreistet sich unter der Hand, Rechtfertigungsdruck aufzubauen ohne jedes Argument, dass da Missmanagement getrieben würde. Oder hat da die Aufsicht der Häuser, der Oper speziell, versagt? Ist Höhe allein ein Kriterium? Ein negatives zumal? Wer weiß, dass die Theater insbesondere aus Personalkosten bestehen, muss gleichzeitig sagen, welche Kunst man mit wieviel Personal schaffen kann oder soll. Leider gibt es von Seiten der CDU, man betrachte derzeit die unsäglich fachfremde Debatte in Dresden, Hamburg und vielen anderen Städten, keine Äußerung dazu, außer: Stellenabbau. Die gesellschaftspolitische Revolution der CDU, die Vision einer hemmungslos durchkapitalisierten Gesellschaft, die Menschen, Institutionen, Einrichtungen, Körperschaften allein aufgrund ihrer ökonomischen Werte und Unwerte berechnen und beurteilen möchte, ist eine negative Utopie. Angeblich möchte sie die „Substanz bewahren“, dabei zerstört sie diese.
Zum konkreten Fall: In Leipzig möchte Billig ein Stiftungsmodell für die Museen und ein GmbH-Modell für die Theater (Oper Leipzig, Centraltheater, Theater der Jungen Welt, evt. Ballett; aber nicht das Gewandhaus Leipzig!) einführen und zwar schon in acht Monaten, ab August 2011. Kann man diesen (Hobby-)Politiker im Leipziger Stadtrat eigentlich ernstnehmen? Muss man wohl. Siehe Landtag in Dresden, Senat in Hamburg etcpp. Billig möchte ein Geschäftsführermodell an der Spitze, also keinen verantwortlichen Künstler. Ein solcher soll den kaufmännischen Geschäftsführer allerdings beraten, alle drei Jahre ein neuer! Die Spartenleitungen unterhalb der Geschäftsführung bezeichnet Billig etikettenschwindlerisch als Intendanten. Das sind sie beileibe nicht, schließlich buhlen sie mit ihren hauseigenen Intendantenkonkurrenten um die Verteilung der Gelder und sind auch keine Herren im eigenen Haus. Schon dieses Modell ist unfruchtbar. Halle/Saale hat sich 2008 eben diese juristische Konstruktion gegeben. Die dortige Geschäftsführung (Rolf Stiska) hat als erstes wesentliche Versprechungen, die zu Beginn der Zusammenlegung gemacht wurden, ignoriert, über den Haufen geworfen, indem er bei erstbester Gelegenheit das Kinder- und Jugendtheater als kleinste und scheinbar am wenigsten von einer Lobby unterstützte Theater schließen wollte. Abgesehen davon, dass Stiska seine Haufaufgaben (Stellenreduzierung, allerdings nicht im künstlerischen Bereich) einfach nicht gemacht hat, dadurch ein Defizit vorprogrammiert und sehenden Auges (man darf vermuten, gewollt) die Schließung des kleinstes Theaters unter perfidem rhetorischen Ausrutscher (eines von zwei Schauspielhäuser wollte er schließen) betrieben hat. Seine Glaubwürdigkeit ist damit hinüber. Niemand wird einem Geschäftsführer einer Theater GmbH künftig abnehmen, dass er bzw. der Aufsichtsrat unparteiisch und nur nach entsprechender Argumentation gravierende Entscheidungen fällt. Es sind immer die haus- oder stadtinternen Machtverhältnisse oder Vorlieben, die entscheiden. Aber das weiß man alles längst vorher. Wie ein kaufmännischer Geschäftsführer eigentlich Richtlinien vorgeben oder Fragen der Kunst abschließend beurteilen soll, ist ohnehin unvorstellbar.
Das, was die CDU in Person von Stefan Billig vorhat, ist eine gewollte Schädigung der Kunst, eine Beschädigung eines wesentlichen Elements der Gesellschaft, einer von der Politik nur schwer kontrollierbaren Einrichtung. Und genau darum geht es scheinbar in diesem wie in vielen anderen Fällen der Beschneidung gesellschaftlich wichtiger Einrichtungen: Die Durchökonomisierung sämtlicher Bereiche der Gesellschaft soll öffentliche Leistungen zu privat zu erwerbenden Leistungen machen, ob Kultur, Bildung, Gesundheit, Wohnen usw. Alles, was ein Staat seinen Bewohnern, sich selbst, zur Verfügung stellt, wird der Bürger nicht mehr teuer privat erwerben. Das ist der CDU ein Dorn im Auge. Nicht die im Vergleich lächerlichen Zuschüsse für Kultur, Soziales, Bildung etc. Man vergleiche die mit den Subventionen an die größten agrarwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland und Europa, an die Subventionen und die Prostituierung der Städte an Großbetriebe, an Banken, an steuerlich absetzbare Verlustabschreibungen und Gewinn-/Verlustrechnungen von Betrieben usw. Die Ausgaben, über die geredet wird, sind lächerlich im Vergleich. Aber es geht ja auch um das Prinzip. Man will diese großteils freiwilligen Leistungen loswerden.Nicht die „unfreiwilligen“ ändern.Dass wie im sächsischen Kulturraumgesetz auch die gesetzlichen Leistungen hinterrücks gekappt werden, gehört zu dieser Strategie. Hoffentlich ist die Unrechtmäßigkeit des Vorhabens, das Professor Ossenbühl der Novellierung bestätigt hat, noch ein Hebel oder Argument und geht nicht in einer puren Erpressung durch das Land Sachsen unter.
Vielleicht sollte Stefan Billig in der Zaubershow des Krystallpalast Varieté auftreten. Wie lasse ich ruckzuck einzweidrei Theater aus der einen Hand (der öffentlichen) verschwinden und tlasse sie in der anderen (der die dem Kapitalmarkt zugehört) wieder erscheinen. Aber Billigs Kunststückchen erinnern eher an das Schrumpfen von erbeuteten Köpfen, das manche alten Stämme mit eroberten Feinden gerne zelebriert haben. Im Moment ist die CDU eine Partei, die Schrumpfköpfe liebt. Im einen wie im anderen Sinne.
Labels:
Bernd Locker,
janina fleischer,
Katja Ebstein,
Krystallpalast Varieté,
Lew Tolstoi,
Maria Joao Pires,
Peter Korfmacher,
Stefan Billig,
Strukturreform,
Thalia Theater Halle
Mittwoch, 3. November 2010
lvz kultur vom 3.11.10: euro-scene, Weltmännertag, Johanna Doderer & Günter Grass
Ein bisschen Etikettenschwindel darf schon sein. Nina May tut so, als hätte sie Alain Platels "Out of Context" bereits gesehen. Da geht es ihr wie Ann-Elisabeth Wolff, die die Choreographie des Flamen für das Jubiläumsprogramm der euro-scene ebenfalls blind gebucht hatte. "Es wird schon gutgehen, in unserem 20. Jahr", dachte die Festivalleiterin. Es ist gutgegangen. Der Abend war überwältigend, faszinierend die radikale Körpersprache der Tänzer. Begegnungen im Zeitraffer, ein permanentes Kommen und Gehen, bei der Selbstdarstellungen wie Zweisamkeiten in übergroßer Nacktheit stattfinden. Leicht, humorvoll. Gedanken bleiben ausgeschaltet, die Körpermitte, alles, was Anziehung bedeuten kann, auf sämtliche Extremitäten ausgedehnt. So muss Liebe sein.
Die Choreographie bezeichnet Alain Platel übrigens als "Geschenk" an Pina Bausch. "Wir dürfen nicht aufhören, über sie zu reden", habe er auf der Pressekonferenz gesagt. Dennoch, Zeit, auch über Platel zu reden. Nina May spricht von seiner Körpersprache, die aus "gemein als hässlich charakterisierten Bewegungen wie Zuckungen und Krämpfen zusammengesetzt" sei. Dabei erzählen sie Geschichten ohne Ende, von Augenblicken, Gefühlen, von Aufeinandertreffen. Menschen kommen, entkleiden sich. Treffen aufeinander. Es gibt keine Wertung, keinen Abschied, keinen Tod. Es gibt nur das Wiederankleiden und Verschwinden in der Gegenwart.
In der Glosse "ausgepresst" bedauert Janina Fleischer den Mann, der es zugelassen hat, dass es heute einen Weltmännertag gibt. Nachdem die Grundfrage geklärt ist, wann ein Mann ein Mann sei (wenn er auf dem Rasen eine gute Figur macht), bleibt noch etwas Zeit zum Mitleid. Zum Aufruf via lvz, die Männer "nicht länger in Problemzonen wie Eckkneipen, Chefetagen und Fitnessstudios abzuschieben". Sie sollten "mit offenen Armen aufgenommen" werden - Herzlich willkommen! - in der Mitte der Gesellschaft, der Frau. Darin fühlt sich Mann ohnehin besonders wohl. Vorausgesetzt Mann besteht den Eignungstest, den Kinderwagen beulenfrei in der Küche einzuparken.
Der Erfurter Generalintendant Guy Montavon hat seine jüngste Opernentdeckung, Johanna Doderers "Der leuchtende Fluss", gleich selbst uraufgeführt. Peter Korfmacher hat die Landesgrenze zu Thüringen überschritten und kehrt im Triumphzug heim mit dem erbeuteten Haupt des Librettisten Wolfgang Hermann. Toller Plot. Musik phasenweise auf Schnittke-Niveau (Ouvertüre), die das Publikum - so Korfmacher - mit moderner Oper versöhnen könne, doch die Hoffnung trügt (2. Akt) und nährt nun allein jene auf ein baldiges Ende (3. Akt). Die Geschichte eines indianischstämmigen amerikanischen Soldaten im Pazifik, der an der US-Propaganda zerbricht, habe soziale und politische Sprengkraft. Doch Hermann findet keine Sprache für seine Figuren, seine "Trockenprosa" lähme gar die Komponistin zunehmend bis zur Inspirationslosigkeit. Auch "große Theaterbilder" des Regisseurs halten die Geschichte nicht über Wasser. Die Sänger bewältigen ihre "undankbaren Aufgaben" mit "Anstand und Würde". Am Ende tosender Applaus des Publikums "als Wechsel auf Doderers Opern-Zukunft" und den "Mut" des bis 2017 "verlängerten" Generals.
Hatte Sarkozy doch Recht, als er Angela Merkel mit dem Ausplaudern einer geplanten Rückführung Tausender von Roma aus Deutschland nach Bulgarien und Rumänien in den Rücken fiel, um seine Haut zu retten? Günter Grass jedenfalls warnt vor einer massiven Abschiebung der 8500 in Deutschland lebenden Rom, die auf dem Balkan von neuem in einen Überlebenskampf geraten würden.
Gestern begannen Haustarifverhandlungen für 500 Beschäftigte der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle. Scheitern sie, schließt das Thalia Theater zum Ende der Spielzeit. Scheitern sie nicht, schließt es voraussichtlich ein Jahr später. Im ersten Fall Erpressung. Im zweiten Fall kalkulierte Bösartigkeit. RTL stellt Kinderschänder an den Pranger. Wird Zeit, dass Menschen, die wissentlich dazu beitragen, Kindern ihre Zukunft zu rauben, gesellschaftlicher Positionen enthoben werden. Ja, Sie sind gemeint, Herr Stiska, Frau Szabados!
Die Choreographie bezeichnet Alain Platel übrigens als "Geschenk" an Pina Bausch. "Wir dürfen nicht aufhören, über sie zu reden", habe er auf der Pressekonferenz gesagt. Dennoch, Zeit, auch über Platel zu reden. Nina May spricht von seiner Körpersprache, die aus "gemein als hässlich charakterisierten Bewegungen wie Zuckungen und Krämpfen zusammengesetzt" sei. Dabei erzählen sie Geschichten ohne Ende, von Augenblicken, Gefühlen, von Aufeinandertreffen. Menschen kommen, entkleiden sich. Treffen aufeinander. Es gibt keine Wertung, keinen Abschied, keinen Tod. Es gibt nur das Wiederankleiden und Verschwinden in der Gegenwart.
In der Glosse "ausgepresst" bedauert Janina Fleischer den Mann, der es zugelassen hat, dass es heute einen Weltmännertag gibt. Nachdem die Grundfrage geklärt ist, wann ein Mann ein Mann sei (wenn er auf dem Rasen eine gute Figur macht), bleibt noch etwas Zeit zum Mitleid. Zum Aufruf via lvz, die Männer "nicht länger in Problemzonen wie Eckkneipen, Chefetagen und Fitnessstudios abzuschieben". Sie sollten "mit offenen Armen aufgenommen" werden - Herzlich willkommen! - in der Mitte der Gesellschaft, der Frau. Darin fühlt sich Mann ohnehin besonders wohl. Vorausgesetzt Mann besteht den Eignungstest, den Kinderwagen beulenfrei in der Küche einzuparken.
Der Erfurter Generalintendant Guy Montavon hat seine jüngste Opernentdeckung, Johanna Doderers "Der leuchtende Fluss", gleich selbst uraufgeführt. Peter Korfmacher hat die Landesgrenze zu Thüringen überschritten und kehrt im Triumphzug heim mit dem erbeuteten Haupt des Librettisten Wolfgang Hermann. Toller Plot. Musik phasenweise auf Schnittke-Niveau (Ouvertüre), die das Publikum - so Korfmacher - mit moderner Oper versöhnen könne, doch die Hoffnung trügt (2. Akt) und nährt nun allein jene auf ein baldiges Ende (3. Akt). Die Geschichte eines indianischstämmigen amerikanischen Soldaten im Pazifik, der an der US-Propaganda zerbricht, habe soziale und politische Sprengkraft. Doch Hermann findet keine Sprache für seine Figuren, seine "Trockenprosa" lähme gar die Komponistin zunehmend bis zur Inspirationslosigkeit. Auch "große Theaterbilder" des Regisseurs halten die Geschichte nicht über Wasser. Die Sänger bewältigen ihre "undankbaren Aufgaben" mit "Anstand und Würde". Am Ende tosender Applaus des Publikums "als Wechsel auf Doderers Opern-Zukunft" und den "Mut" des bis 2017 "verlängerten" Generals.
Hatte Sarkozy doch Recht, als er Angela Merkel mit dem Ausplaudern einer geplanten Rückführung Tausender von Roma aus Deutschland nach Bulgarien und Rumänien in den Rücken fiel, um seine Haut zu retten? Günter Grass jedenfalls warnt vor einer massiven Abschiebung der 8500 in Deutschland lebenden Rom, die auf dem Balkan von neuem in einen Überlebenskampf geraten würden.
Gestern begannen Haustarifverhandlungen für 500 Beschäftigte der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle. Scheitern sie, schließt das Thalia Theater zum Ende der Spielzeit. Scheitern sie nicht, schließt es voraussichtlich ein Jahr später. Im ersten Fall Erpressung. Im zweiten Fall kalkulierte Bösartigkeit. RTL stellt Kinderschänder an den Pranger. Wird Zeit, dass Menschen, die wissentlich dazu beitragen, Kindern ihre Zukunft zu rauben, gesellschaftlicher Positionen enthoben werden. Ja, Sie sind gemeint, Herr Stiska, Frau Szabados!
Donnerstag, 28. Oktober 2010
lvz kultur vom 28.10.10: Geld im Überfluss, le Carré, Richards vs. Garrett & Thalia-Schließung
Es ist schon kurios: Im sächsischen Haushalt gibt es im Etat für die Freien Schulen nicht abgerufene Mittel aus 2009 in zig-Millionen € Höhe, die als Rücklagen für möglicherweise verloren gehende Prozesse in 2010 bereitstehen. In 2010 selbst werden zusätzlich zu diesen etwa 25 Mio € noch einmal über 40 Millionen € garnicht erst abgerufen werden, wie Sven Heitkamp schreibt. Ob auch sie als Rücklagen in den großen Topf fließen, aus dem später - wenig hinterfragt - zusätzliche Haushaltsgelder verteilt werden, wenn sie für die möglicherweise verloren gehende Prozesse nicht gebraucht werden? Fragt sich nur, in welche Bereiche?
Klar ist, dass der Kultur und Jugendbildung und -hilfe mit einem Bruchteil dieser Summen über die drängendsten Sorgen geholfen werden könnte. Es wird wieder einmal deutlich, dass genügend - auch flüssige - Gelder in den Haushalten existieren, Einsparbeschlüsse sind in allererster Linie politische Prioritätensetzungen.
Noch muss der gesamte Kulturbereich der Städte und Gemeinden Sachsens, z.B. wegen der Androhung, Kulturraumgelder zu kürzen, über Schließungen an allen Ecken und Enden debattieren. Mit dieser Taktik wird insbesondere die Öffentlichkeit in einen Zermürbungskrieg geschickt, durch den sie auf alles gefasst sein wird.
Der 79-jährige John le Carré hat aus Anlass seines neuen Romans "Verräter wie wir" mit Andrej Sokolow gesprochen. Der Roman setzt sich mit dem Einfluss der russischen Unterwelt im Westen auseinander. Le Carré hütet sich aber vor einer moralischen Verurteilung der Russen. Denn nicht nur seine Heimat Großbritannien, der gesamte Westen verfolge eine doppelbödige Moral, indem es einerseits nach außen Menschenrechte hochhält, riesige Summen für Sicherheitbehörden ausgibt und trotzdem Gelder aus Waffenschmuggel, Menschenhandel, Drogenhandel, Erpressungen etc. willig ins Land lässt.
Was die "großen Herausforderungen" der Zeit angehe, seien "wir" gescheitert. Das beträfe den Fluss schmutzigen Geldes ebenso wie die zu "Organisationen der Selbstbereicherung" gewandelten Banken, die Ökologie wie der beginnende Kampf um Ressourcen. Woran es fehle, sei eine "internationale Ethik", das aber vermutlich schon seit Beginn der Geschichte.
Auf seine großen Hoffnungen angesprochen, die er anlässlich der Wahl Barack Obamas hegte, meint le Carré, dass er seinen "Glauben" an Obama noch nicht verloren habe, allerdings an "die Fähigkeit Amerikas, sich selbst zu regieren", schon. "Die Kommunikationsmacht der rechten Lobby ist schlicht beängstigend."
Britta Gürke schreibt über die Autobiographie von Keith Richard, in der er mit mancher Legende aufräume, was Drogen und Musik beträfe, aber zumindest eine neue schaffte, wo es um Sex geht. Richards Liebesleben sei alles andere als wild gewesen, schreibt der nun seit 30 Jahren mit Patti Hansen liierte Rolling Stone. Wie heißt der Titel seines Werks: "Das ist mein Leben. Glaubt es oder nicht".
Ein ganz anderes Kaliber als Womanizer scheint Stargeiger David Garrett zu sein, glaubt man Birgit Hendrich. Ob schulpflichtig oder pensionsberechtigt - in der Arena Leipzig lagen dem Rock-Symphoniker bei seinem Auftaktkonzert zur neuen Tournee alle weiblichen Herzen zu Füßen. Im Unterschied zu Keith Richards sei er sogar Single, die Damenwelt darf also träumen. Zumal er mit "schüchternem Lächeln"und Anekdoten über Schoko- und Hanutaschnitten sich als "netter Junge von nebenan" darzustellen vermochte - nur halt mit einer Zauberfidel.
An die 150 Menschen sind in Lindenau einer Protestkundgebung des Theaters der Jungen Welt gegen die beabsichtigte Schließung des Thalia Theaters Halle gefolgt, darunter viele Vertreter von Hochkultur und Freier Szene sowie Politiker. Intendant Zielinskis Schlusswort, "man lasse sich in der Frage des Kampfes gegen Kulturkürzungen nicht spalten" fand entsprechend Widerhall. In Halle fanden sich zu einer zeitgleichen Kundgebung augenscheinlich nicht mehr Menschen ein als in Leipzig. Dafür kursierte ein Offener Brief des designierten Schauspielchefs Matthias Brenner, in dem er Annegret Hahn vorhielt, die Schließung sei "nicht so plötzlich gekommen, wie dargestellt". Das muss man mit größerem Recht allerdings der Theaterleitung selbst vorhalten. Rolf Stiska, der die scheinbare Alternative "Insolvenz oder Thalia-Schließung" nur wenige Tage vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung vom 8.10. gegenüber der Presse bekanntgab, musste das drohende Defizit spätestens seit 2009 auf sich zukommen gesehen haben. Und hat nichts unternommen.
Klar ist, dass der Kultur und Jugendbildung und -hilfe mit einem Bruchteil dieser Summen über die drängendsten Sorgen geholfen werden könnte. Es wird wieder einmal deutlich, dass genügend - auch flüssige - Gelder in den Haushalten existieren, Einsparbeschlüsse sind in allererster Linie politische Prioritätensetzungen.
Noch muss der gesamte Kulturbereich der Städte und Gemeinden Sachsens, z.B. wegen der Androhung, Kulturraumgelder zu kürzen, über Schließungen an allen Ecken und Enden debattieren. Mit dieser Taktik wird insbesondere die Öffentlichkeit in einen Zermürbungskrieg geschickt, durch den sie auf alles gefasst sein wird.
Der 79-jährige John le Carré hat aus Anlass seines neuen Romans "Verräter wie wir" mit Andrej Sokolow gesprochen. Der Roman setzt sich mit dem Einfluss der russischen Unterwelt im Westen auseinander. Le Carré hütet sich aber vor einer moralischen Verurteilung der Russen. Denn nicht nur seine Heimat Großbritannien, der gesamte Westen verfolge eine doppelbödige Moral, indem es einerseits nach außen Menschenrechte hochhält, riesige Summen für Sicherheitbehörden ausgibt und trotzdem Gelder aus Waffenschmuggel, Menschenhandel, Drogenhandel, Erpressungen etc. willig ins Land lässt.
Was die "großen Herausforderungen" der Zeit angehe, seien "wir" gescheitert. Das beträfe den Fluss schmutzigen Geldes ebenso wie die zu "Organisationen der Selbstbereicherung" gewandelten Banken, die Ökologie wie der beginnende Kampf um Ressourcen. Woran es fehle, sei eine "internationale Ethik", das aber vermutlich schon seit Beginn der Geschichte.
Auf seine großen Hoffnungen angesprochen, die er anlässlich der Wahl Barack Obamas hegte, meint le Carré, dass er seinen "Glauben" an Obama noch nicht verloren habe, allerdings an "die Fähigkeit Amerikas, sich selbst zu regieren", schon. "Die Kommunikationsmacht der rechten Lobby ist schlicht beängstigend."
Britta Gürke schreibt über die Autobiographie von Keith Richard, in der er mit mancher Legende aufräume, was Drogen und Musik beträfe, aber zumindest eine neue schaffte, wo es um Sex geht. Richards Liebesleben sei alles andere als wild gewesen, schreibt der nun seit 30 Jahren mit Patti Hansen liierte Rolling Stone. Wie heißt der Titel seines Werks: "Das ist mein Leben. Glaubt es oder nicht".
Ein ganz anderes Kaliber als Womanizer scheint Stargeiger David Garrett zu sein, glaubt man Birgit Hendrich. Ob schulpflichtig oder pensionsberechtigt - in der Arena Leipzig lagen dem Rock-Symphoniker bei seinem Auftaktkonzert zur neuen Tournee alle weiblichen Herzen zu Füßen. Im Unterschied zu Keith Richards sei er sogar Single, die Damenwelt darf also träumen. Zumal er mit "schüchternem Lächeln"und Anekdoten über Schoko- und Hanutaschnitten sich als "netter Junge von nebenan" darzustellen vermochte - nur halt mit einer Zauberfidel.
An die 150 Menschen sind in Lindenau einer Protestkundgebung des Theaters der Jungen Welt gegen die beabsichtigte Schließung des Thalia Theaters Halle gefolgt, darunter viele Vertreter von Hochkultur und Freier Szene sowie Politiker. Intendant Zielinskis Schlusswort, "man lasse sich in der Frage des Kampfes gegen Kulturkürzungen nicht spalten" fand entsprechend Widerhall. In Halle fanden sich zu einer zeitgleichen Kundgebung augenscheinlich nicht mehr Menschen ein als in Leipzig. Dafür kursierte ein Offener Brief des designierten Schauspielchefs Matthias Brenner, in dem er Annegret Hahn vorhielt, die Schließung sei "nicht so plötzlich gekommen, wie dargestellt". Das muss man mit größerem Recht allerdings der Theaterleitung selbst vorhalten. Rolf Stiska, der die scheinbare Alternative "Insolvenz oder Thalia-Schließung" nur wenige Tage vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung vom 8.10. gegenüber der Presse bekanntgab, musste das drohende Defizit spätestens seit 2009 auf sich zukommen gesehen haben. Und hat nichts unternommen.
Freitag, 22. Oktober 2010
lvz kultur vom 22.10.10: Müller-Westernhagen, Musikschule Leipzig, Thalia 21 & Dokfilme
Hallo? lvz redaktion? Alzheimer? Kurzzeitgedächtnis futsch? Der Artikel zu Marius Müller-Westerhagens Arena-Auftritt erscheint zum zweiten Mal auf der Kulturseite? Oder veröffentlicht die lvz solange, bis ich einen Artikel auch wirklich drannehme? Ich gebs zu, gestern war ich nicht so ganz da. Obwohl, wäre es nach ihm gegangen, hätte Jürgen Kleindienst den willenlosen MMW nach Ende des Konzerts am liebsten im Altersheim abgesetzt. aber er ist ja nicht der Pfleger, sondern nur der Redakteur und so dichtet er dem "dürrbeinigen 61-Jährigen" , dessen gepunktete Goldrandsonnenbrille und seidentuchdekorierter Hemdlatz mit der angenommenen Revoluzzer-Pose so viel zu tun hat wie Papst Benedikt mit den Menschen in Neu Delhis Armenviertel, eine Protestlerhaltung an, die punktgenau auf "Leute, die sich aufregen, wenn im Baumarkt die Akkuschrauber teurer werden" zielt (Bisschen lang der Satz).
Am Ende weiß Kleindienst nicht, wen er mehr bedauern soll, die Menschen im Saal mit phänomenalem Langzeitgedächtnis, die auch nach über 30 Jahren die nämlichen Songs mitträllern wollen, oder den "Johnny Walker" intonierenden Künstler mit "hochklassiger" Begleitband, der warten muss, bis seine Pflegekraft ihm den Asbach Uralt einschenkt.
Leicht bräsig wirkt wie gewohnt Musikschulleiter Frank Mitschke. Während um ihn herum "Leipzigs Kulturszene brennt", wie der Chef der Freiwilligen Feuerwehr Peter Korfmacher diagnostiziert, hat Mitschke den Schlaf der Gerechten gehalten. Es war schon seit dem Frühsommer klar, dass Dresden den Sächsischen Musikschulen den Hahn zudrehen will - von 5 Mio auf 3,5 Mio - aber das ist noch lange kein Grund, Hallo? zu rufen. Oder war sich Mitschke etwa von Anfang an sicher, dass dieses Vorhaben den Landtag nicht passieren wird? Die Klientel der Musikschülereltern wohnt schließlich warm und geborgen in den gleichen Villenvierteln wie die Mehrzahl der Abgeordneten. So ist es fast erstaunlich, dass die in Rufweite befindlichen Elternvertreter sogar Briefe an ihre Abgeordneten schreiben mussten, ehe diese einknickten. Schon ist die Rede davon, dass eher kosmetische Absenkungen in den Etats der Musikschulen erfolgen würden. Wenn überhaupt. Kein gutes Zeichen für die ländlichen Kulturstätten und keines für die Theaterszene in Leipzig und anderswo. Aber noch ist nicht aller Tage Abend, Herr Tillich! Knecht Ruprecht wird den Knüppel schon noch aus dem Sack ziehen, glauben Sie nur...
Interessant in der derzeitigen Spardebatte ist tatsächlich, wie unterschiedlich die Theater- und Kulturchefs mit den drohenden Folterwerkzeugen umgehen. Herr Oldag in Gera-Altenburg steckt wie Halle mit einer geschätzten Million Euro in der Kreide. Dort werden als erste Tänzer des Balletts gehen, und der Leiter wird gegen eine willigere ausgetauscht. Die Geraer Ballett-Tage stehen ohnehin als erste zur Disposition. Es ist so deutsch. So feige. Als erstes die kleinste Sparte zurechtstutzen. In Halle ist es das Kinder- und Jugendtheater. Am "Fünfspartenhaus" Gera gibts das halt nicht. Da ist das fünfte Rad am Wagen das Ballett.
In Halle läuft sich der Widerstand langsam warm. Inszeniert wird er von Shootingstar Dirk Laucke. Der Titel ist schon geboren: Thalia 21. Jetzt braucht Frau Hahn nur noch auf einen Baum zu klettern, und schon wird es kein Wasserwerfer mehr wagen, die Theaterräume durchzukärchern, "nettoyer au kärcher" sagte 2007 der damalige Chef der Putzkolonne Paris 21 dazu, Nicholas Sarkozy. Ob dabei allerdings Lauckes Slogan von der "Re-Zonalisierung Halles" dienlich ist, bleibt abzuwarten. Immerhin ist die Petition des Theaters an die Kulturministerin Birgitta Wolff schon so erfolgreich, dass diese selbst sie bereits unterzeichnet hat. Das nennt man in der Politbranche sicher hart am Wind segeln, Frau Wolff? Landratten vermuten, dass sie den Gegner einfach ins Leere laufen lassen, nicht?
Trotz der im Protest zu Höchstform auflaufenden Kulturbetriebe taucht heute in der lvz tatsächlich sogar Kunst auf. Im Rahmen der Dokfilmwoche läuft der amerikanische Film "Germany Reunified - The Other Side of the Wall". Eine späte Reminiszens auf die Wende, ganz persönlich diesmal. Untypisch und dennoch ostalgisch geht es laut Antonia Rassow um ein DDR-amerikanisches Paar, das wenige Tage vor der Maueröffnung rübergeht, und zwar gleich über den Atlantik. Während sie, Gabriele, in der Folge ganz zufrieden ist, hadert er, Mark, allerdings mit dem Schicksal. Er wäre im Nachhinein doch gerne in der DDR geblieben. Schließlich konnte er jederzeit wieder ausreisen. Der Film, der zu gleichen Teilen aus West- wie Ostperspektive hätte gedreht werden sollen, ist unter der Hand zum Ostfilm geworden. Der Westen habe sich in den 20 Jahren einfach nicht verändert. Ganz so langweilig war der Osten also nicht.
Schließlich berichtet Norbert Wehrstedt noch über drei Filme des Dokfilmfestivals. Der erste, "Goodnight Nobody" von Jacqueline Zünd (CH), handelt von Schlaflosen. Ein Film "wie von Edward Hopper gemalt". Der zweite Film, "Vodka Factory" von Jerzy Sladkowski (PL), besitze nicht die ausgeprägte "Bildkultur" wie der von Zünd, beobachte "vielmehr das Leben wie es ist". Ein merkwürdiges Verständnis von Dokumentarfilmkunst. Ein draufhalten aufs Leben? Und der Zuschauer weiß nicht, "was nun inszeniert, was spontan hervor gebrochen" sei. "So ist Dokfilm eben heute", befindet Oberverallgemeinerer Wehrstedt. In der epischen Breite von "Dreaming Films" von Eric Pauwels (B) ist der Kritiker wohl vollends müde geworden. Seine Bemächtigungsstrategie hat trotzdem nicht gelitten, immerhin vermag er forsch zu formulieren, wie sich angesichts des Bildexerzitiums "der Zuschauer fühlt": "Wie die Spinne im Netz." Klingt bedrohlich.
Am Ende weiß Kleindienst nicht, wen er mehr bedauern soll, die Menschen im Saal mit phänomenalem Langzeitgedächtnis, die auch nach über 30 Jahren die nämlichen Songs mitträllern wollen, oder den "Johnny Walker" intonierenden Künstler mit "hochklassiger" Begleitband, der warten muss, bis seine Pflegekraft ihm den Asbach Uralt einschenkt.
Leicht bräsig wirkt wie gewohnt Musikschulleiter Frank Mitschke. Während um ihn herum "Leipzigs Kulturszene brennt", wie der Chef der Freiwilligen Feuerwehr Peter Korfmacher diagnostiziert, hat Mitschke den Schlaf der Gerechten gehalten. Es war schon seit dem Frühsommer klar, dass Dresden den Sächsischen Musikschulen den Hahn zudrehen will - von 5 Mio auf 3,5 Mio - aber das ist noch lange kein Grund, Hallo? zu rufen. Oder war sich Mitschke etwa von Anfang an sicher, dass dieses Vorhaben den Landtag nicht passieren wird? Die Klientel der Musikschülereltern wohnt schließlich warm und geborgen in den gleichen Villenvierteln wie die Mehrzahl der Abgeordneten. So ist es fast erstaunlich, dass die in Rufweite befindlichen Elternvertreter sogar Briefe an ihre Abgeordneten schreiben mussten, ehe diese einknickten. Schon ist die Rede davon, dass eher kosmetische Absenkungen in den Etats der Musikschulen erfolgen würden. Wenn überhaupt. Kein gutes Zeichen für die ländlichen Kulturstätten und keines für die Theaterszene in Leipzig und anderswo. Aber noch ist nicht aller Tage Abend, Herr Tillich! Knecht Ruprecht wird den Knüppel schon noch aus dem Sack ziehen, glauben Sie nur...
Interessant in der derzeitigen Spardebatte ist tatsächlich, wie unterschiedlich die Theater- und Kulturchefs mit den drohenden Folterwerkzeugen umgehen. Herr Oldag in Gera-Altenburg steckt wie Halle mit einer geschätzten Million Euro in der Kreide. Dort werden als erste Tänzer des Balletts gehen, und der Leiter wird gegen eine willigere ausgetauscht. Die Geraer Ballett-Tage stehen ohnehin als erste zur Disposition. Es ist so deutsch. So feige. Als erstes die kleinste Sparte zurechtstutzen. In Halle ist es das Kinder- und Jugendtheater. Am "Fünfspartenhaus" Gera gibts das halt nicht. Da ist das fünfte Rad am Wagen das Ballett.
In Halle läuft sich der Widerstand langsam warm. Inszeniert wird er von Shootingstar Dirk Laucke. Der Titel ist schon geboren: Thalia 21. Jetzt braucht Frau Hahn nur noch auf einen Baum zu klettern, und schon wird es kein Wasserwerfer mehr wagen, die Theaterräume durchzukärchern, "nettoyer au kärcher" sagte 2007 der damalige Chef der Putzkolonne Paris 21 dazu, Nicholas Sarkozy. Ob dabei allerdings Lauckes Slogan von der "Re-Zonalisierung Halles" dienlich ist, bleibt abzuwarten. Immerhin ist die Petition des Theaters an die Kulturministerin Birgitta Wolff schon so erfolgreich, dass diese selbst sie bereits unterzeichnet hat. Das nennt man in der Politbranche sicher hart am Wind segeln, Frau Wolff? Landratten vermuten, dass sie den Gegner einfach ins Leere laufen lassen, nicht?
Trotz der im Protest zu Höchstform auflaufenden Kulturbetriebe taucht heute in der lvz tatsächlich sogar Kunst auf. Im Rahmen der Dokfilmwoche läuft der amerikanische Film "Germany Reunified - The Other Side of the Wall". Eine späte Reminiszens auf die Wende, ganz persönlich diesmal. Untypisch und dennoch ostalgisch geht es laut Antonia Rassow um ein DDR-amerikanisches Paar, das wenige Tage vor der Maueröffnung rübergeht, und zwar gleich über den Atlantik. Während sie, Gabriele, in der Folge ganz zufrieden ist, hadert er, Mark, allerdings mit dem Schicksal. Er wäre im Nachhinein doch gerne in der DDR geblieben. Schließlich konnte er jederzeit wieder ausreisen. Der Film, der zu gleichen Teilen aus West- wie Ostperspektive hätte gedreht werden sollen, ist unter der Hand zum Ostfilm geworden. Der Westen habe sich in den 20 Jahren einfach nicht verändert. Ganz so langweilig war der Osten also nicht.
Schließlich berichtet Norbert Wehrstedt noch über drei Filme des Dokfilmfestivals. Der erste, "Goodnight Nobody" von Jacqueline Zünd (CH), handelt von Schlaflosen. Ein Film "wie von Edward Hopper gemalt". Der zweite Film, "Vodka Factory" von Jerzy Sladkowski (PL), besitze nicht die ausgeprägte "Bildkultur" wie der von Zünd, beobachte "vielmehr das Leben wie es ist". Ein merkwürdiges Verständnis von Dokumentarfilmkunst. Ein draufhalten aufs Leben? Und der Zuschauer weiß nicht, "was nun inszeniert, was spontan hervor gebrochen" sei. "So ist Dokfilm eben heute", befindet Oberverallgemeinerer Wehrstedt. In der epischen Breite von "Dreaming Films" von Eric Pauwels (B) ist der Kritiker wohl vollends müde geworden. Seine Bemächtigungsstrategie hat trotzdem nicht gelitten, immerhin vermag er forsch zu formulieren, wie sich angesichts des Bildexerzitiums "der Zuschauer fühlt": "Wie die Spinne im Netz." Klingt bedrohlich.
Samstag, 16. Oktober 2010
lvz kultur vom 16.10.10:Thalia Theater, Mario Barth, Franzen & Der blaue Engel
Hoffentlich wird das Verbot neonazistischer Demonstrationen in Leipzig kein Pyrrhussieg, der den vielen vielen Gegnern zwar ein gutes Gefühl, aber auch mehr als nur sportliche Rangeleien einhandeln wird, wenn frustrierte Polithooligans die Sau rauslassen.
Ein Meilenstein auf dem Weg zu noch mehr Rechtsradikalismus ist die beabsichtigte Schließung des Thalia Theaters Halle. In ihrem Interview mit Nina May redet Intendantin Annegret Hahn offen, ehrlich und durchaus emotional über die Situation ihrer Mitarbeiter wie über ihre ernst gemeinten Versuche, verkrustete Theaterstrukturen zu überwinden. Das einzige erkennbare Konzept der Geschäftsführung der Theater GmbH wie der politischen Spitze Halles ist es, ein unbequemes, um Inhalte statt um Repräsentation bemühtes Theater schließen zu wollen. Die Heuchelei von OBM Szabados wie von Geschäftsführer Stiska sind da nur zu durchsichtig. "Tatsachen schaffen", ohne erst Diskussionen zuzulassen. Vielleicht täuschen sie sich ja tatsächlich und die betroffene Bevölkerung - und das sind mehr, als es den Anschein hat - lassen sich das in ihrem eigenen Interesse nicht gefallen.
Auf die Frage, ob die erfolgte Fusion und beabsichtigte Schließung zu einer "Verwischung der Profile" der einzelnen Sparten führt, antwortet Annegret Hahn ganz klar: "Ja." Auch die Scheinalternative, mehr Kindertheater an den anderen Sparten (Schauspiel, Puppentheater, Oper) anzubieten, beantwortet sie deutlich mit "Mir stehen die Haare zu Berge" und "Unverfrorenheit". Das Schlimme ist, dass sie auf die folgenden Argumente und Beispiele, wie am Thalia Zielgruppenarbeit gemacht und (!) "andere Formen von Theaterarbeit" ausprobiert wurden, kaum je eine sachliche Antwort, sondern einsame administrative Entscheidungen ernten wird.
Zentral ist Hahns Haltung, dass das "Stadttheaterprinzip an sich zur Disposition steht". Vielleicht argumentiert sie aus anderer Position als Sebastian Hartmann, der in Leipzig zum nämlichen Befund gerade eine Operation ohne Narkose durchführt und vermutlich von der weiterhin dominanten bürgerlichen Schicht geschasst werden wird. Aber mit ähnlichem Background, ähnlicher Konsequenz und ähnlicher Verbohrtheit arbeitet, die mitunter an selbstherrliche Don Quichotterie erinnert. Und dennoch keinen echten Einwand gegen die verschiedenen Versuche, neue Wege zu gehen, darstellt.
In einem Kommentar benennt Nina May das Problem mit den Worten, "Kürzungsdebatten zeigen, dass die erkämpfte Wertschätzung von Kinder- und Jugendtheater in Zeiten der Krise schnell passé ist. Was absurd ist angesichts all der Debatten über frühkindliche Bildung oder Kulturmüdigkeit nachwachsender Generationen." All das darf keinen Freifahrtschein für das Genre bedeuten, aber die Verpflichtung, dessen Leistungen, die künstlerischen und gesamtgesellschaftlichen, zu registrieren und tatsächlich ernstzunehmen.
Ganz andere Probleme hat da Mario Barth. Wohin bloß mit all den Zuschauern? Jürgen Kleindienst rechnet schnell mal im Kopf zusammen und - kommt allein für 2010 bei den drei Shows von "Männer sind peinlich, Frauen manchmal auch" in der Arena Leipzig auf eine Summe, die die Zuschauerzahl der gesamten Lachmesse 2010 übertreffen wird. Das formuliert Kleindienst mehr mit horrortrainiertem Schauder in der Stimme als positiv beeindruckt. Etwas selbstquälerisch befindet er jedoch, "Mario Barth ist die verdiente Rache für das Projekt der Emanzipation, die aus Männern Weicheier gemacht und Frauen Hosen angezogen hat." Ob der kulturelle Fortschritt von ohne Not tiefergelegten männlichen Hirnzellen, über sich selbst lachen zu können, wirklich aufwiegt, dass sie über anderes gar nicht mehr lachen können? Perfide und ebenfalls mit einem Hauch von Rache versehen, endet Kleindienst damit, Männern leuchtende Augen nachzusagen, wenn Barth den Flaschenöffner zum unverzichtbaren Gebrauchsgegenstand erklärt, während Frauen als solchen eher ihren Partner selbst sehen - und dies möglichst ohne allzu deutlichen Triumph in der Stimme.
Laut dpa kritisiert der Historiker Wolfgang Wippermann die neue Hitler-Ausstellung in Berlin. Er verstehe überhaupt nicht, warum man bei der Konzeption erkennbar so viel Angst vor einer möglichen Hitlerverehrung hatte, der sei tot und insofern ungefährlich. Stattdessen gehörten die Opfer des Nationalsozialismus, insbesondere die der Rom, thematisiert und beachtet, ebenso wie heutige rechtsradikale Erscheinungen.
Norbert Wehrstedts Besprechung der Revue "Der blaue Engel" im Spiegelzelt auf dem Burgplatz gehört in die Rubrik "Die lvz präsentiert jeden Scheiß und jazzt ihn dementsprechend hoch". Folgerichtig spricht Wehrstedt lieber über Filme als über die Revue und begnügt sich mit der demaskierenden Sottise, "Anästhesistin Globisch aus der Sachsenklinik (In aller Freundschaft) tanzt, singt und verführt als fesche Lola im Spiegelzelt auf dem Leipziger Burgplatz." Den finden die amüsierwilligen Sachsen wenigstens im Schlaf.
Dass Jonathan Franzen im wiederbelebten Literarischen Herbst im Haus des Buches aus seinem neuen Roman "Freiheit" liest - sogar auf Deutsch! -, gehört sicher zu den bemerkenswerten Ereignissen in der Buchmessestadt. Theresa Wiedemann beschreibt die Lesung etwas zu hölzern vor lauter Ehrfurcht. Allerdings macht die lapidare wie schöne Bemerkung "Die Linie, die Grausamkeit eigentlich von Alltäglichem trennt, hebt Jonathan Franzen einfach auf" zumindest Lust auf das Buch.
"Die begeisternde Lachmesse-Eröffnung" mit dem Düsseldorfer Kommödchen, die Mark Daniel besuchte und bei der es im Anschluss keine Sushigelage sondern Bemmen gab, soll zumindest nicht nichterwähnt werden.
Ein Meilenstein auf dem Weg zu noch mehr Rechtsradikalismus ist die beabsichtigte Schließung des Thalia Theaters Halle. In ihrem Interview mit Nina May redet Intendantin Annegret Hahn offen, ehrlich und durchaus emotional über die Situation ihrer Mitarbeiter wie über ihre ernst gemeinten Versuche, verkrustete Theaterstrukturen zu überwinden. Das einzige erkennbare Konzept der Geschäftsführung der Theater GmbH wie der politischen Spitze Halles ist es, ein unbequemes, um Inhalte statt um Repräsentation bemühtes Theater schließen zu wollen. Die Heuchelei von OBM Szabados wie von Geschäftsführer Stiska sind da nur zu durchsichtig. "Tatsachen schaffen", ohne erst Diskussionen zuzulassen. Vielleicht täuschen sie sich ja tatsächlich und die betroffene Bevölkerung - und das sind mehr, als es den Anschein hat - lassen sich das in ihrem eigenen Interesse nicht gefallen.
Auf die Frage, ob die erfolgte Fusion und beabsichtigte Schließung zu einer "Verwischung der Profile" der einzelnen Sparten führt, antwortet Annegret Hahn ganz klar: "Ja." Auch die Scheinalternative, mehr Kindertheater an den anderen Sparten (Schauspiel, Puppentheater, Oper) anzubieten, beantwortet sie deutlich mit "Mir stehen die Haare zu Berge" und "Unverfrorenheit". Das Schlimme ist, dass sie auf die folgenden Argumente und Beispiele, wie am Thalia Zielgruppenarbeit gemacht und (!) "andere Formen von Theaterarbeit" ausprobiert wurden, kaum je eine sachliche Antwort, sondern einsame administrative Entscheidungen ernten wird.
Zentral ist Hahns Haltung, dass das "Stadttheaterprinzip an sich zur Disposition steht". Vielleicht argumentiert sie aus anderer Position als Sebastian Hartmann, der in Leipzig zum nämlichen Befund gerade eine Operation ohne Narkose durchführt und vermutlich von der weiterhin dominanten bürgerlichen Schicht geschasst werden wird. Aber mit ähnlichem Background, ähnlicher Konsequenz und ähnlicher Verbohrtheit arbeitet, die mitunter an selbstherrliche Don Quichotterie erinnert. Und dennoch keinen echten Einwand gegen die verschiedenen Versuche, neue Wege zu gehen, darstellt.
In einem Kommentar benennt Nina May das Problem mit den Worten, "Kürzungsdebatten zeigen, dass die erkämpfte Wertschätzung von Kinder- und Jugendtheater in Zeiten der Krise schnell passé ist. Was absurd ist angesichts all der Debatten über frühkindliche Bildung oder Kulturmüdigkeit nachwachsender Generationen." All das darf keinen Freifahrtschein für das Genre bedeuten, aber die Verpflichtung, dessen Leistungen, die künstlerischen und gesamtgesellschaftlichen, zu registrieren und tatsächlich ernstzunehmen.
Ganz andere Probleme hat da Mario Barth. Wohin bloß mit all den Zuschauern? Jürgen Kleindienst rechnet schnell mal im Kopf zusammen und - kommt allein für 2010 bei den drei Shows von "Männer sind peinlich, Frauen manchmal auch" in der Arena Leipzig auf eine Summe, die die Zuschauerzahl der gesamten Lachmesse 2010 übertreffen wird. Das formuliert Kleindienst mehr mit horrortrainiertem Schauder in der Stimme als positiv beeindruckt. Etwas selbstquälerisch befindet er jedoch, "Mario Barth ist die verdiente Rache für das Projekt der Emanzipation, die aus Männern Weicheier gemacht und Frauen Hosen angezogen hat." Ob der kulturelle Fortschritt von ohne Not tiefergelegten männlichen Hirnzellen, über sich selbst lachen zu können, wirklich aufwiegt, dass sie über anderes gar nicht mehr lachen können? Perfide und ebenfalls mit einem Hauch von Rache versehen, endet Kleindienst damit, Männern leuchtende Augen nachzusagen, wenn Barth den Flaschenöffner zum unverzichtbaren Gebrauchsgegenstand erklärt, während Frauen als solchen eher ihren Partner selbst sehen - und dies möglichst ohne allzu deutlichen Triumph in der Stimme.
Laut dpa kritisiert der Historiker Wolfgang Wippermann die neue Hitler-Ausstellung in Berlin. Er verstehe überhaupt nicht, warum man bei der Konzeption erkennbar so viel Angst vor einer möglichen Hitlerverehrung hatte, der sei tot und insofern ungefährlich. Stattdessen gehörten die Opfer des Nationalsozialismus, insbesondere die der Rom, thematisiert und beachtet, ebenso wie heutige rechtsradikale Erscheinungen.
Norbert Wehrstedts Besprechung der Revue "Der blaue Engel" im Spiegelzelt auf dem Burgplatz gehört in die Rubrik "Die lvz präsentiert jeden Scheiß und jazzt ihn dementsprechend hoch". Folgerichtig spricht Wehrstedt lieber über Filme als über die Revue und begnügt sich mit der demaskierenden Sottise, "Anästhesistin Globisch aus der Sachsenklinik (In aller Freundschaft) tanzt, singt und verführt als fesche Lola im Spiegelzelt auf dem Leipziger Burgplatz." Den finden die amüsierwilligen Sachsen wenigstens im Schlaf.
Dass Jonathan Franzen im wiederbelebten Literarischen Herbst im Haus des Buches aus seinem neuen Roman "Freiheit" liest - sogar auf Deutsch! -, gehört sicher zu den bemerkenswerten Ereignissen in der Buchmessestadt. Theresa Wiedemann beschreibt die Lesung etwas zu hölzern vor lauter Ehrfurcht. Allerdings macht die lapidare wie schöne Bemerkung "Die Linie, die Grausamkeit eigentlich von Alltäglichem trennt, hebt Jonathan Franzen einfach auf" zumindest Lust auf das Buch.
"Die begeisternde Lachmesse-Eröffnung" mit dem Düsseldorfer Kommödchen, die Mark Daniel besuchte und bei der es im Anschluss keine Sushigelage sondern Bemmen gab, soll zumindest nicht nichterwähnt werden.
Labels:
Annegret Hahn,
Der blaue Engel,
Hitler und die Deutschen,
Jonathan Franzen,
Lachmesse,
Mario Barth,
Nina May,
Thalia Theater Halle,
Wolfgang Wippermann
Montag, 11. Oktober 2010
lvz kultur vom 11.10.10: 50 Jahre Opernhaus, Lichterfest, Precht, Grossman & Thalia Halle
20 Years After strahlt der 9. Oktober 1989 vor allem virtuell. Als Laserstrahl leuchtete das Datum am gestrigen nächtlichen Himmel und erlosch anschließend vor den Augen von 40.000 Menschen. Das riesige Auditorium nutzte OBM Jung für den Protest gegen die angekündigten NPD-Demonstationen am 16. Oktober.
Zeitgleich mit dem Marketing-Event Lichterfest feierte die Oper das 50-jährige Bestehen des Hauses am Opernplatz. Leider mit dem falschen Regisseur: Jochen Biganzoli. "Brav, farb- und hilflos" sei der überwiegende Teil des Ganzen, "selbstgefälliges Mittelmaß und behauptete Bedeutsamkeit" findet Peter Korfmacher. Dramaturgisch hänge die ganze Veranstaltung in der Luft. "Gemessen am Anspruch" sei das "Ergebnis ernüchternd". Bestenfalls.
In der Arena gastierten am 9. Oktober die Puhdys. Hendrik Schäfer entdeckte in ihrem Auftritt den "Glanz der Vergangenheit": "Eine Ode ans Gestern, ein Zeichen fürs Morgen." Vor ihnen spielte Renft seine neue CD. Angekündigt wurden sie als "irgendwie verboten und mysteriös". Sowas ist 20 Jahre nach 1989 irgendwie verbotene und mysteriöse Produktwerbung.
Richard David Precht hat ein neues Buch geschrieben: "DieKunst, kein Egoist zu sein". Precht kritisiert die gegenwärtige Ausrichtung auf das Materielle und dass der "soziale Zusammenhalt unserer Gesellschaft immer schlechter" werde. Interviewerin Karolin Köcher lockt den Wohlfühlphilosophen mehrere Mal mit direkten Fragen in die Enge. Ob Nasenspray mit dem Wohlfühlhormon Oxytocin gegen gierige Manager helfe, und ob Precht "komplizierte Themen zu populärwissenschaftlich" aufbereite? Precht konnte (?) oder wollte die Fragerin charmant beruhigen. Auf die letzte Frage, ob es ihn ärgere, gelegentlich als "Pop-Philosoph" bezeichnet zu werden, antwortete der Bestsellerautor: "Ich habe gar keine Ahnung von Pop. Ich höre fast gar keine Musik". Im Bürgerlichen Recht schützt Nichtwissen allerdings keinesfalls bei unrechtmäßigem Tun.
Der Abend des 9. Oktober ist derweil noch nicht erschöpft vor lauter stilisierter Selbstfeierei. Joachim Gauck feierte laut Janina Fleischer den Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, David Grossman, als Mann, "dessen pure Existenz unserer ewigen Sorge, ob Leben gelingen kann", eine Antwort gebe: Ja. "Menschen können sich selbst noch angesichts von Willkür und Diktatur eine Bewegungsfreiheit erschaffen." 1989 hätte bewiesen, dass es "ein wahres Leben im falschen" gebe. Im übrigen, so Gauck mit Blick auf israelisch-palästinensische Prozesse, dürfe "Kritik nicht als Feindschaft ausgelegt werden."
In Gera inszenierte Anne Habermehl ihr eigenes Stück "Narbengelände". Ute Grundmann beschreibt den "gescheiten" Text als "leichtfüßig", von der Regisseurin in einem "kleinen, aber sehr feinen Theaterabend" mit "wunderbaren Schauspielern" und "beiläufiger Tragik" inszeniert. Wovon das Stück, ein "bitterer Ausflug ins alte Leben", handelt, wird leider nicht ganz deutlich. Das Stück spiele "vor und nach der Wende". Ein "Fluchtversuch", bei dem Marc erschossen werde, spielt ebenfalls eine Rolle. Es handele von "Menschen und ihren Verletzungen, über das, was sie aus dem bisherigen Leben mitnehmen in ein anderes, neues."
Erstmals äußert sich die korrekt wohl "ehemalige" Intendantin des Thalia Theaters Halle, Annegret Hahn, über die bevorstehenden Einsparpläne gegen ihr Theater. Resigniert befindet sie, dass "diese Arbeit nicht gebraucht wird, und unsere Angebote austauschbar sind". Was natürlich nicht stimmt. Denn das Thalia Theater hat stets für außergewöhnliche und vielfältige Angebote und produktive Unruhe ("Ultras") gesorgt. Aber warum äußert sie sich nicht früher? Und deutlicher?
Immerhin wird in unmittelbarer Nachbarschaft dieser Meldung ein positives Resümee der 17. Werkstatt-Tage am Theater der Jungen Welt gezogen. Der "erstmals unternommene Austausch aller regionalen Gruppierungen des Dachverbands ASSITEJ habe gezeigt, wie notwendig - angesichts im Raum stehender möglicher Schließungen des Jungen Schauspielhauses Hamburg und des Thalia Theaters Halle - eine länderübergreifende Kommunikation" der Theater sei.
Nach langen Verzögerungen ist am Samstag, 9.10., das Neue Schauspiel Leipzig mit der "Revue im Niemandsland" in der Lütznerstraße in Lindenau eröffnet worden. In seiner Eröffnungsrede sprach Kabarettist Mathias Tretter u.a. davon, dass "das NPD-Büro" in der Odermannstraße nun außer von "Theater der Jungen Welt, LOFFT, Musikalischer Komödie und all den Galerien" auch von einem weiteren "weltoffenen Nachbarn" umzingelt sei.
Zeitgleich mit dem Marketing-Event Lichterfest feierte die Oper das 50-jährige Bestehen des Hauses am Opernplatz. Leider mit dem falschen Regisseur: Jochen Biganzoli. "Brav, farb- und hilflos" sei der überwiegende Teil des Ganzen, "selbstgefälliges Mittelmaß und behauptete Bedeutsamkeit" findet Peter Korfmacher. Dramaturgisch hänge die ganze Veranstaltung in der Luft. "Gemessen am Anspruch" sei das "Ergebnis ernüchternd". Bestenfalls.
In der Arena gastierten am 9. Oktober die Puhdys. Hendrik Schäfer entdeckte in ihrem Auftritt den "Glanz der Vergangenheit": "Eine Ode ans Gestern, ein Zeichen fürs Morgen." Vor ihnen spielte Renft seine neue CD. Angekündigt wurden sie als "irgendwie verboten und mysteriös". Sowas ist 20 Jahre nach 1989 irgendwie verbotene und mysteriöse Produktwerbung.
Richard David Precht hat ein neues Buch geschrieben: "DieKunst, kein Egoist zu sein". Precht kritisiert die gegenwärtige Ausrichtung auf das Materielle und dass der "soziale Zusammenhalt unserer Gesellschaft immer schlechter" werde. Interviewerin Karolin Köcher lockt den Wohlfühlphilosophen mehrere Mal mit direkten Fragen in die Enge. Ob Nasenspray mit dem Wohlfühlhormon Oxytocin gegen gierige Manager helfe, und ob Precht "komplizierte Themen zu populärwissenschaftlich" aufbereite? Precht konnte (?) oder wollte die Fragerin charmant beruhigen. Auf die letzte Frage, ob es ihn ärgere, gelegentlich als "Pop-Philosoph" bezeichnet zu werden, antwortete der Bestsellerautor: "Ich habe gar keine Ahnung von Pop. Ich höre fast gar keine Musik". Im Bürgerlichen Recht schützt Nichtwissen allerdings keinesfalls bei unrechtmäßigem Tun.
Der Abend des 9. Oktober ist derweil noch nicht erschöpft vor lauter stilisierter Selbstfeierei. Joachim Gauck feierte laut Janina Fleischer den Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, David Grossman, als Mann, "dessen pure Existenz unserer ewigen Sorge, ob Leben gelingen kann", eine Antwort gebe: Ja. "Menschen können sich selbst noch angesichts von Willkür und Diktatur eine Bewegungsfreiheit erschaffen." 1989 hätte bewiesen, dass es "ein wahres Leben im falschen" gebe. Im übrigen, so Gauck mit Blick auf israelisch-palästinensische Prozesse, dürfe "Kritik nicht als Feindschaft ausgelegt werden."
In Gera inszenierte Anne Habermehl ihr eigenes Stück "Narbengelände". Ute Grundmann beschreibt den "gescheiten" Text als "leichtfüßig", von der Regisseurin in einem "kleinen, aber sehr feinen Theaterabend" mit "wunderbaren Schauspielern" und "beiläufiger Tragik" inszeniert. Wovon das Stück, ein "bitterer Ausflug ins alte Leben", handelt, wird leider nicht ganz deutlich. Das Stück spiele "vor und nach der Wende". Ein "Fluchtversuch", bei dem Marc erschossen werde, spielt ebenfalls eine Rolle. Es handele von "Menschen und ihren Verletzungen, über das, was sie aus dem bisherigen Leben mitnehmen in ein anderes, neues."
Erstmals äußert sich die korrekt wohl "ehemalige" Intendantin des Thalia Theaters Halle, Annegret Hahn, über die bevorstehenden Einsparpläne gegen ihr Theater. Resigniert befindet sie, dass "diese Arbeit nicht gebraucht wird, und unsere Angebote austauschbar sind". Was natürlich nicht stimmt. Denn das Thalia Theater hat stets für außergewöhnliche und vielfältige Angebote und produktive Unruhe ("Ultras") gesorgt. Aber warum äußert sie sich nicht früher? Und deutlicher?
Immerhin wird in unmittelbarer Nachbarschaft dieser Meldung ein positives Resümee der 17. Werkstatt-Tage am Theater der Jungen Welt gezogen. Der "erstmals unternommene Austausch aller regionalen Gruppierungen des Dachverbands ASSITEJ habe gezeigt, wie notwendig - angesichts im Raum stehender möglicher Schließungen des Jungen Schauspielhauses Hamburg und des Thalia Theaters Halle - eine länderübergreifende Kommunikation" der Theater sei.
Nach langen Verzögerungen ist am Samstag, 9.10., das Neue Schauspiel Leipzig mit der "Revue im Niemandsland" in der Lütznerstraße in Lindenau eröffnet worden. In seiner Eröffnungsrede sprach Kabarettist Mathias Tretter u.a. davon, dass "das NPD-Büro" in der Odermannstraße nun außer von "Theater der Jungen Welt, LOFFT, Musikalischer Komödie und all den Galerien" auch von einem weiteren "weltoffenen Nachbarn" umzingelt sei.
Samstag, 9. Oktober 2010
lvz kultur vom 09.10.10: Jedermann, Blomstedt & Thalia Halle
Wie hält man die Debatte über das Centraltheater am Köcheln? Indem Nina May die Inszenierungen, heute Jürgen Kruses "Jedermann", heftig lobt ("zunehmend packender Rausch"), während die lvz Zuschauer, (Kultur-)Politiker und Gastschreiber gezielt auf Hartmanns Untergang aus schreiben lässt. Nina May wird nicht sehr oft ernst genommen, das verleiht voreingenommenen Schreibern wie Martin Eich umso größere Durchschlagskraft. Schaden können Hartmann aber besonders die ehemaligen Schauspieler, Regisseure und vor allem er sich selbst als einsamer Potentat.
Doch Nina May soll zu Wort kommen. "Mit langem Applaus" ende der Krusesche "Jedermann", Manuel Harder sei "das Beste am Abend", wegen seiner "dämonischen Aura" gar die Idealbesetzung des Jedermann. Hat Harder sie? Kann er was dafür? Ist sie sogar sein Verdienst? Nichts genaues weiß man nicht. "Ironisch" sei die Inszenierung, insbesondere Kruses "Witz", nur die Anspielungen auf Tagesaktualitäten eher "rührend", jedenfalls dann, wenn sie nicht gar zu durchsichtigem Kalkül gehorchten á la "Wir müssen auch mal was zum ... sagen". Aller "düsterer Atmo" mit Witz zum Trotz, May entdeckt statt Kruse "Pollesch-Imitate". Möchte sie mehr von Rosalind Baffoe sehen? Von ihrer "imposanten Erscheinung"? Ihren "Modelschritten"? Oder bleibt die zurecht "sehr im Hintergrund"? Nina May sieht etwas, freut sich dran, aber wertet nicht, bezieht nicht mal deutlich Stellung. Nur dass Hofmannsthals Verse "unfreiwillig aufgesagt" seien, findet sie nicht so gut. Ansonsten hat sie Spaß an der "Party", der "Jahrmarktsposse" als Mysterienspiel, dem (Gothic-)Schauer-Drama mit "Tänzchen und Singspielchen". Schade nur, dass die Schauspieler unentwegt "saufen und rauchen" müssen. Der Jedermann - Hartmanns Goldener Schuss?
Peter Korfmacher haut mal wieder in dreißig Minuten eine Musikkritik in die Tasten. Unnachahmlich vermag er in Blomstedts Version von Bruckners Vierter herauszuhören, dass "die Tutti-Ballungen subtil ausbalanciert und die gewaltigen Steigerungen auch formal in Bezug zueinander" stünden. Ja, alles ist gut. Blomstedt lädt "die Herrlichkeiten von Bruckners Partitur" mit "Wahrheit" und "Bedeutung" auf. "Besser" gehts "kaum", sogar das Blech "rechts" ist "markanter", "links verlässlicher". Als? Umgekehrt? Das Publikum jubelt, laut Korfmacher schwebt zwar über allem Blomstedt-Genialischen "eine Ahnung von Gefährdung", doch schreibt sich Korfmacher lieber in einen Hölderlinschen Rausch. Denn wo der Gefahr sieht, wächst das Rettende bekanntlich auch.
Zu einer regelrecht erpresserischen Formulierung hat sich der Aufsichtsrat der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle aufgeschwungen. Das Thalia Theater Halle solle geschlossen werden, sofern der Abschluss von Haustarifverträgen scheitert. Und die Gefahr ist durchaus groß, die Vertretungen der Kollektive wie Ballett oder Chor neigen nicht zu freiwilligen Einschränkungen, solange nicht ihre eigenen Stellen gefährdet scheinen. Das Orchester hat bereits ganz separat einen abgeschlossen. Solidarität im 5-Sparten-Haus? Nicht einfach. Bei der Reise nach Jerusalem wird das Thalia Theater womöglich die schlechtesten Karten haben. Selbst Halles OBM Szabados spricht mit gespaltener Zunge, wenn sie bekennt, ein "Haustarifvertrag" habe absoluten Vorrang vor einer Thalia-Schließung. Wieso bei Abschluss des GmbH-Vertrages eigentlich das drohende strukturelle Defizit nicht längst erkannt und thematisiert wurde, wissen wohl nur Herr Stiska und Konsorten, die sonst nichts zu verlieren haben. Außer einer unbequemen (und ungeschickten) Annegret Hahn und der einer musiktheaterverliebten Leitung nur wenig Prestige bringenden Sparte. Dass die Geschäftsführerin des Dachverbands der Kinder- und Jugendtheatertheater Deutschlands, Meike Fechner, bisher als einzige den drohenden Verlust beklagt, stellt für Halle und sein Theater ein krasses Armutszeugnis dar. Leipzigs OBM Jung hat übrigens in vergleichbarer Situation genau gegenteilig reagiert, als er dem Theater der Jungen Welt die Garantie gab, bei demnächst drohenden Sparrunden ungeschoren zu bleiben - im Gegensatz zu Oper, Gewandhaus und Centraltheater.
Doch Nina May soll zu Wort kommen. "Mit langem Applaus" ende der Krusesche "Jedermann", Manuel Harder sei "das Beste am Abend", wegen seiner "dämonischen Aura" gar die Idealbesetzung des Jedermann. Hat Harder sie? Kann er was dafür? Ist sie sogar sein Verdienst? Nichts genaues weiß man nicht. "Ironisch" sei die Inszenierung, insbesondere Kruses "Witz", nur die Anspielungen auf Tagesaktualitäten eher "rührend", jedenfalls dann, wenn sie nicht gar zu durchsichtigem Kalkül gehorchten á la "Wir müssen auch mal was zum ... sagen". Aller "düsterer Atmo" mit Witz zum Trotz, May entdeckt statt Kruse "Pollesch-Imitate". Möchte sie mehr von Rosalind Baffoe sehen? Von ihrer "imposanten Erscheinung"? Ihren "Modelschritten"? Oder bleibt die zurecht "sehr im Hintergrund"? Nina May sieht etwas, freut sich dran, aber wertet nicht, bezieht nicht mal deutlich Stellung. Nur dass Hofmannsthals Verse "unfreiwillig aufgesagt" seien, findet sie nicht so gut. Ansonsten hat sie Spaß an der "Party", der "Jahrmarktsposse" als Mysterienspiel, dem (Gothic-)Schauer-Drama mit "Tänzchen und Singspielchen". Schade nur, dass die Schauspieler unentwegt "saufen und rauchen" müssen. Der Jedermann - Hartmanns Goldener Schuss?
Peter Korfmacher haut mal wieder in dreißig Minuten eine Musikkritik in die Tasten. Unnachahmlich vermag er in Blomstedts Version von Bruckners Vierter herauszuhören, dass "die Tutti-Ballungen subtil ausbalanciert und die gewaltigen Steigerungen auch formal in Bezug zueinander" stünden. Ja, alles ist gut. Blomstedt lädt "die Herrlichkeiten von Bruckners Partitur" mit "Wahrheit" und "Bedeutung" auf. "Besser" gehts "kaum", sogar das Blech "rechts" ist "markanter", "links verlässlicher". Als? Umgekehrt? Das Publikum jubelt, laut Korfmacher schwebt zwar über allem Blomstedt-Genialischen "eine Ahnung von Gefährdung", doch schreibt sich Korfmacher lieber in einen Hölderlinschen Rausch. Denn wo der Gefahr sieht, wächst das Rettende bekanntlich auch.
Zu einer regelrecht erpresserischen Formulierung hat sich der Aufsichtsrat der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle aufgeschwungen. Das Thalia Theater Halle solle geschlossen werden, sofern der Abschluss von Haustarifverträgen scheitert. Und die Gefahr ist durchaus groß, die Vertretungen der Kollektive wie Ballett oder Chor neigen nicht zu freiwilligen Einschränkungen, solange nicht ihre eigenen Stellen gefährdet scheinen. Das Orchester hat bereits ganz separat einen abgeschlossen. Solidarität im 5-Sparten-Haus? Nicht einfach. Bei der Reise nach Jerusalem wird das Thalia Theater womöglich die schlechtesten Karten haben. Selbst Halles OBM Szabados spricht mit gespaltener Zunge, wenn sie bekennt, ein "Haustarifvertrag" habe absoluten Vorrang vor einer Thalia-Schließung. Wieso bei Abschluss des GmbH-Vertrages eigentlich das drohende strukturelle Defizit nicht längst erkannt und thematisiert wurde, wissen wohl nur Herr Stiska und Konsorten, die sonst nichts zu verlieren haben. Außer einer unbequemen (und ungeschickten) Annegret Hahn und der einer musiktheaterverliebten Leitung nur wenig Prestige bringenden Sparte. Dass die Geschäftsführerin des Dachverbands der Kinder- und Jugendtheatertheater Deutschlands, Meike Fechner, bisher als einzige den drohenden Verlust beklagt, stellt für Halle und sein Theater ein krasses Armutszeugnis dar. Leipzigs OBM Jung hat übrigens in vergleichbarer Situation genau gegenteilig reagiert, als er dem Theater der Jungen Welt die Garantie gab, bei demnächst drohenden Sparrunden ungeschoren zu bleiben - im Gegensatz zu Oper, Gewandhaus und Centraltheater.
Abonnieren
Posts (Atom)