Mit den Rhythmus-Boys gegen den allgemeinen Zerfall. "Witz und Eleganz" gegen die "unerbittliche, hässliche Macht des Geldes" setzen und gleichzeitig zusehen, dass seine "Jungs" ein "bisschen was verdienen." Das will Sonnyboy Ulrich Tukur morgen im Gewandhaus, dem Beginn einer Tournee durch Mitteldeutschland. Im Gespräch mit Thomas Düll bewundert er die "Art und Weise, wie sich Menschen in den 20ern und 40ern selbst gesehen und stilisiert" haben, obwohl oder gerade weil die Zeiten hart und die politischen Umstände "grauenhaft" waren. Tukur selbst habe schon als Jugendlicher "immer nach einem Gegenentwurf" gesucht, heute stellt diesen die "großstädtisch-elegante Musik der ausgehenden 30er Jahre" mit ihrer Beschwingtheit und Noblesse dar. Auch wenn er und seine Rhythmus Boys nicht "die weltbesten Musiker" seien, spielten sie "inzwischen fast fast so gut wie sie aussehen." Man solle sich nicht so furchtbar wichtig nehmen, das "Wissen um die Endlichkeit des Spiels", des Lebens, hat Tukur "ein Quäntchen" Demut verliehen. Die Emotionalität und Grandezza des Lebens hat er nicht zuletzt an seinem "surrealen" Wohnsitz Venedig schätzen gelernt. das große Publikum kann Tukur dann demnächst in seinem zweiten "Tatort" begegnen, "hoffentlich couragierter und grotesker" als der erste.
In der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig ist unter dem Titel "Auslöser" eine Fotografie-Ausstellung mit Werken von 21 Künstlern, allesamt Absolventen der Hochschule für Grafik und Buchkunst, zu sehen. Kurator Meinhard Michael will in seiner Auswahl keine direkte Abbildung der Welt an die Kunsthallenwände hängen, sondern - im Gegenteil - "Möglichkeiten oder Scheitern beim Umgang mit der Realität" dokumentieren.Man solle über das Abbild "sinnieren", nicht das "schöne Bild" sei gefragt, sondern die konzeptuelle Herangehensweise. lvz redakteur Jens Kassner fand sie insbesondere bei Falk Messerschmidt. "Yet Another Suppe" sei das Foto eines abgedruckten Fotos, "das als Replik eines berühmten Gemäldes entstand." In dieser fast bruchlos an frühe romantische Konzepte erinnernde reflexive Herangehensweise findet seine Konsequenz in der "hohen Affinität zum Textlichen", die den Fotos anhaftet, und sich im Katalog wiederfindet. Wenn auch nicht im Erläuternden Sinne. Es sind Genre-Grenzen, die verletzt werden sollen, eines der "wichtigsten Werkzeuge der jungen Künstler." Moritz Frei nutzt dies so weitgehend, dass er nicht nur das Erklären verweigert, sondern gleich auch das Abbilden selbst. Er zeigt "schöne Rahmen mit leeren Passepartous", dazu die Frage: "Ist das die richtige Seite?"
Nicht nur Ulrich Tukur wird es warm ums Herz beim Gedanken an Stil und Befindlichkeiten der Italiener, auch Peter Korfmacher sehnt sich in seinem "ausgepresst" nach den Verniedlichungen der italienischen Seele. Aus einer Unordnung mache die ein Casino, die Verkleinerung als "Häuschen" beziehe sich aber nicht auf das Haus, sondern auf die darin herrschende Moral. Silvio Berlusconi, verniedlichend Regierungschef genannt, habe folglich in seiner kleinen Villa keinen Puff, wie man in Deutschland sagen würde, betrieben, sondern ein "Abendessen mit Unterhaltung" gegeben. Genausowenig, wie er aus seiner Mördergrube ein Herz machen konnte.
Um von seinen sinneslustigen Gedanken wieder herunterzukommen, hat Korfmacher dann den simplen Trick "kalte Dusche" angewandt. Versuchte krampfhaft an die deutsche Bundeskanzlerin zu denken. Und - als Steigerung - an Karaoke mit Berlusconi. An dieser Stelle brach kfms Text ab.
Fabian Bursteins Roman-Debüt "Statusmeldungen" fasziniert Janina Fleischer wohl wider Erwarten. Denn dieser Roman, der die Form digitaler Tagebücher und sozialer Netzwerke übernimmt, Kommentare und "Gefällt mir"-Statistiken abbildet, schafft es, trotz des Stichworthaften der Texte ein Beziehungs- und Lebenskrisendrama "nachvollziehbar zu erzählen". In seinem Coming-of-Age-Roman begleite der Autor seinen Ich-Erzähler Julian Kippendorf "aus mitfühlender Distanz." Und der Leser entwickle zunehmend Distanz zu seinen eigenen Kommunikationsmustern. Dem Persönlichen gegenüber und dem persönlichen Gegenüber. Und dem virtuellen.
Fatih Akin an Bernd "Muhammed" Eichinger: "Lieber Bernd, (...) Du warst der Größte. (...) Ich trauere um dich."
Hamburgs Kultursenator Reinhard Stuth möchte Karin Beier, amtierende Intendantin des Kölner Schauspiels ("Theater des Jahres"), für das Hamburger Schauspielhaus abwerben.
Nach den verquasten Äußerungen des Geschäftsführers des Hallenser Theaters, Rolf Stiskas (siehe gestrige lvz), wird die Oberbürgermeisterin der Stadt, Dagmar Szabados, deutlicher. Sie will ihr städtisches Kinder- und Jugendtheater Thalia Theater nun wohl doch schließen. "Es gibt ein breites und gutes Kulturangebot in Halle. Es wird auch weiterhin immer ein gutes Theaterangebot für Kinder geben - in welcher Art und Weise, das ist die Frage", sagte sie in der gestrigen Einwohnerfragestunde auf der Stadtratssitzung.
Kaum hat Autor und Dramatiker Wolfram Lotz zwei Auszeichnungen erhalten (Kleist-Förderpreis, Gewinner Stückemarkt), werden seine bislang als Ladenhüter geltenden Theatertexte immer gefragter. Im Gegensatz zu den postdramatischen "Textflächen"-Verfassern schreibe Loske bewusst an "Zumutungen" für den Regisseur, die den Text angeblich "unbrauchbar für eine Aufführung" machen sollen, zitiert Nina May aus Loskes "Bekenntnis zur Regieanweisung". Seine poetischen Regieanweisungen stellen Kommentare dar, die den Autor als ernstzunehmende Größe wieder im Theater etablieren möchten. Als jemand, der es nicht nur wert ist, als Gegenüber ernstgenommen zu werden, sondern schlau - oftmals rätselhaft bleibende - Reibeflächen für den Regisseur gleich in den Text hinein zu montieren, auf dass der Regisseur, sonst immer auf der Suche nach zusätzlichen Kicks außerhalb der eigentlichen, vom Autor geschriebenen Textebene, die Herausforderung wieder in ihm selbst findet. Es sei "eine Machtspiel". Der selbstbewusst gewordene Autor erobert sich Terrain zurück, das ihm in den letzten Jahrzehnten der Regisseur und "wahre Schöpfer" abgenommen habe. Centraltheater-Hartmann glaubt ja angeblich an die dritte der beiden Möglichkeiten, an die Macht des Schauspielers, der jenseits von Autor und Regisseur die Dominanz über die Aufführung erhalten solle.
In "szähne" singt Mark Daniel einige Strophen des Lobliedes auf das Tricksen. Jeder mache es, die städtischen Bühnen bei der Auslastung, die Stammtischler - sinnierend über den Bierdeckel - bei der Steuererklärung, die Stürmer bei der Strafraum-Schwalbe. Soll sich der lvz redakteur da ins Abseits stellen? Iwo. Wo Tukur alles ganz italienisch "nicht so wichtig nimmt" und Peter Korfmacher in ausgepresst noch mediterranes Kulturgut ausmacht, hobelt Daniel deutsche Späne. Denn wo wahre Kunst zählt, darf eine Stuhl-Verhüllung im Zuschauerraum nicht geistigen Korinthenkackern zum Opfer fallen. Und wo schon jedes Grundschulkind Hirndoping betreibt, wenn es nicht ohnehin bereits ritalinabhängig ist, braucht auch der redaktör, dem früher "nichts zu schwör" war, sein zeitgemäßes Wikidope. Und wir rauchen Friedenspfeife.
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Donnerstag, 27. Januar 2011
lvz kultur vom 27.1.11: Mit Golden 20ies gegen den Zerfall. Tukur. Berlusconi. Wolfram Lotz.
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Donnerstag, 20. Januar 2011
lvz kultur vom 20.1.11: Glückwunsch, Leipzig! Faber. Second life. Willemsen.
Die Welt stürzt nicht ein. Nicht mal Geld kostet es die Stadt Leipzig, wie vermutlich bei der KWL-Chose. Es wird ein wenig schwierig. Zugegeben. Und Jung hat ne Delle. Aber das ist es auch schon. Dramen sehen anders aus. Gerade die Theater wissen das. Selbst Herr Elstermann wird keinen Herzschrittmacher brauchen. Das schafft Faber schon.
Herzlichen Glückwunsch, Herr Bürgermeister! Jetzt müssen Sie sich mal nen Ruck geben und Politiker werden. Das wirklich Schöne an der Patt-Situation im Moment ist, dass keiner mit seinem Testosteron gewonnen hat. Die, die gewonnen haben, dürfen es nicht so deutlich zeigen. Die, die verloren haben, ebenfalls. Man wird miteinander umgehen müssen. Das zivilisiert. Auch die Politik.
Dass die lvz schwerer mit der Situation wird umgehen können, ist logisch. Andererseits traut man ihr selbstverständlich zu, dass sie an ihrem Feindbild einfach festhält. Mit Michael Faber ist auch OBM Jung beschädigt. Aber nicht so, wie Herr Külow das denkt. Die Stimmen für Faber sind ja nicht automatisch Stimmen für die LINKE. Der Vorsitzende und MdL ist zu sehr oberschlauer Formalist, als dass man ihm Floskeln wie "demokratisch legitimierter Kulturdezernent" abnehmen könnte.
Jeder krasse Voluntarismus gewinnt ad hoc - oder ist sofort danach falsch. So auch Jungs Abwahlwunsch. lvz redakteur Mathias Orbeck bleibt sachlich, Ulrich Milde im Leitartikel weint wie ein Mädchen - wenn man das denn sagen dürfte. Nennt Faber dünkelhaft "eine Art Volkshochschulbeigeordneten", beschädigt sich dabei selbst und merkt es nicht einmal. Drischt ohne Ende auf Jung ein. Und ignoriert die fehlende Mehrheit zur Faber-Abwahl in einer geheimen (!) Wahl. Fehlende Akzente zu monieren ist ein Luxusproblem: Wieviele Jahre war Dr. Girardet Dezernent, ohne dass ihm eine ernstzunehmende Fraktion den "kulturpolitischen Stillstand" als Rücktrittsgrund servierte? Dazu gehört bei den autoritätssüchtigen Deutschen mindestens noch ein weiterer Makel - wie z.B. das Links-Ticket Fabers. "Neuorientierung und Neuordnung", wie sie Milde vorschweben oder gerade nicht, bleibt ein l'art pour l'art des Leine tragenden Hauruck-Befürworters. "Schutzzaun", "Vollkaskoversicherung" usw. sind unsinnige Floskeln, mit denen Milde die Kultur diffamiert. Was solls, er ist ein schlechter Verlierer.
In einem spannenden Artikel über den Massenexodus im "Second Life" schreibt Nina May auch über die "Einsamkeit des Avatars". Die vor sechs Jahren prosperierenden virtuellen Landschaften sind zunehmend entvölkert. Statt 22 Mio sind es nur noch 40.000 Avatare, die ihren Herrchen ein Plagiat einer etwas besseren Welt statt einer puren Fantasiewelt nahelegen. "Da sei das wahre Leben auf Dauer spannender." Mays Avatar Ronja Woodget (Ein Schelm, der hinterm nomen omen sieht) tritt enttäuscht und leicht depressiv dem Second Death bei - und loggt sich aus.Wie May aber ihren Avatar sprechen lässt, ist fantastisch. Sie sollte es wirklich mal mit Literatur versuchen. Da lebt ihr Text bei weitemn stärker als in jeder um kritische Analyse bemühten Gedankenführung.
Es gab ein Treffen der Dinosauriervereinigung namens Intendantengruppe im Bühnenverein , und heraus kam Jammerei über die Jammerei. Sie wollen einfach nicht mehr, dass ständig die Finanzierungslücken beschrieben werden, dass von der Politik beim Thema Theater nur "Krise kommuniziert" wird, wie Michael Bartsch schreibt. Ein längst fataler Kreislauf. Und sinnlos. Denn eine Idee hat niemand. Von Intendanten erwartet man allerdings, dass sie entscheiden können. Dabei können sie seit beinahe Jahrzehnten nur noch reagieren auf neuerliche Sparvorgaben. Sie haben einfach keine Macht und keine Muße mehr. Reiben sich auf in kulturpolitischen Kämpfen, die zwar eine Weile lang das Ego pinseln, aber ihnen auch die Psychostruktur von Untergebenen verpassen. Mit einem Hauch Absolutismus im eigenen Haus. Um nicht negativ zu wirken, äußern sie ihre tiefe Befriedigung über pillepalle. Denn Wirkungsästheten sind sie allemal. Und dass sie sich selbst Energie entziehen, wenn sie unfruchtbar Probleme wälzen, wissen sie genauso. Aber es gibt kein role model für erfolgreiche krisendurchkreuzende Strategien jenseits beschönigender Rhetorik. Längst wäre in jeder Hinsicht ein Moratorium angesagt.
Roger Willemsen gönnt sich den Luxus, über geografische Enden der Welt und Befindlichkeiten und Erscheinungsweisen des Massentourismus in Zeiten von Aids zu schreiben ("Die Enden der Welt"). Redet dabei die Lage der Sexarbeiter in Thailand schön ("Bordell und Saunaklub seit Jahrhunderten eine Kulturgröße in Thailand"; Sextouristen aus dem Westen "behandeln ... die Menschen in ihrem Gastland gut"). Ist nebenbei tatsächlich klug, weil er Zeit und Gelegenheit dazu hat. Das Gespräch Willemsens mit Michael Dick wirkt, aller tiefschürfenden Attitüde zum Trotz, gelangweilt und dekadent.
Die heute wunderbare szähne-Glosse beginnt mit dem Bonmot: "Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kolumnismus." "Nonchalent" und "volksverbunden" gibt es sich und weicht doch "das tägliche Brot der Informationsaufnahme ein". Ja, deutsche Medien seien "fest in der Hand des Kolumnismus." Geradezu tabubbrechend ist tors Erkenntnis, dass "irgendwann die Menschheit wieder etwas mehr im täglichen Leben zu lachen haben wird und ihr verfahrenes Dasein anders ertragen kann als mit Humor." Solange muss der Kolumnismus allerdings bekämpft werden, "am besten in einer Kolumne."
Dem kann sich athene ohne jedes ironische Schulterzucken anschließen. Ehrlichkeit vor - noch ein Tor.
Herzlichen Glückwunsch, Herr Bürgermeister! Jetzt müssen Sie sich mal nen Ruck geben und Politiker werden. Das wirklich Schöne an der Patt-Situation im Moment ist, dass keiner mit seinem Testosteron gewonnen hat. Die, die gewonnen haben, dürfen es nicht so deutlich zeigen. Die, die verloren haben, ebenfalls. Man wird miteinander umgehen müssen. Das zivilisiert. Auch die Politik.
Dass die lvz schwerer mit der Situation wird umgehen können, ist logisch. Andererseits traut man ihr selbstverständlich zu, dass sie an ihrem Feindbild einfach festhält. Mit Michael Faber ist auch OBM Jung beschädigt. Aber nicht so, wie Herr Külow das denkt. Die Stimmen für Faber sind ja nicht automatisch Stimmen für die LINKE. Der Vorsitzende und MdL ist zu sehr oberschlauer Formalist, als dass man ihm Floskeln wie "demokratisch legitimierter Kulturdezernent" abnehmen könnte.
Jeder krasse Voluntarismus gewinnt ad hoc - oder ist sofort danach falsch. So auch Jungs Abwahlwunsch. lvz redakteur Mathias Orbeck bleibt sachlich, Ulrich Milde im Leitartikel weint wie ein Mädchen - wenn man das denn sagen dürfte. Nennt Faber dünkelhaft "eine Art Volkshochschulbeigeordneten", beschädigt sich dabei selbst und merkt es nicht einmal. Drischt ohne Ende auf Jung ein. Und ignoriert die fehlende Mehrheit zur Faber-Abwahl in einer geheimen (!) Wahl. Fehlende Akzente zu monieren ist ein Luxusproblem: Wieviele Jahre war Dr. Girardet Dezernent, ohne dass ihm eine ernstzunehmende Fraktion den "kulturpolitischen Stillstand" als Rücktrittsgrund servierte? Dazu gehört bei den autoritätssüchtigen Deutschen mindestens noch ein weiterer Makel - wie z.B. das Links-Ticket Fabers. "Neuorientierung und Neuordnung", wie sie Milde vorschweben oder gerade nicht, bleibt ein l'art pour l'art des Leine tragenden Hauruck-Befürworters. "Schutzzaun", "Vollkaskoversicherung" usw. sind unsinnige Floskeln, mit denen Milde die Kultur diffamiert. Was solls, er ist ein schlechter Verlierer.
In einem spannenden Artikel über den Massenexodus im "Second Life" schreibt Nina May auch über die "Einsamkeit des Avatars". Die vor sechs Jahren prosperierenden virtuellen Landschaften sind zunehmend entvölkert. Statt 22 Mio sind es nur noch 40.000 Avatare, die ihren Herrchen ein Plagiat einer etwas besseren Welt statt einer puren Fantasiewelt nahelegen. "Da sei das wahre Leben auf Dauer spannender." Mays Avatar Ronja Woodget (Ein Schelm, der hinterm nomen omen sieht) tritt enttäuscht und leicht depressiv dem Second Death bei - und loggt sich aus.Wie May aber ihren Avatar sprechen lässt, ist fantastisch. Sie sollte es wirklich mal mit Literatur versuchen. Da lebt ihr Text bei weitemn stärker als in jeder um kritische Analyse bemühten Gedankenführung.
Es gab ein Treffen der Dinosauriervereinigung namens Intendantengruppe im Bühnenverein , und heraus kam Jammerei über die Jammerei. Sie wollen einfach nicht mehr, dass ständig die Finanzierungslücken beschrieben werden, dass von der Politik beim Thema Theater nur "Krise kommuniziert" wird, wie Michael Bartsch schreibt. Ein längst fataler Kreislauf. Und sinnlos. Denn eine Idee hat niemand. Von Intendanten erwartet man allerdings, dass sie entscheiden können. Dabei können sie seit beinahe Jahrzehnten nur noch reagieren auf neuerliche Sparvorgaben. Sie haben einfach keine Macht und keine Muße mehr. Reiben sich auf in kulturpolitischen Kämpfen, die zwar eine Weile lang das Ego pinseln, aber ihnen auch die Psychostruktur von Untergebenen verpassen. Mit einem Hauch Absolutismus im eigenen Haus. Um nicht negativ zu wirken, äußern sie ihre tiefe Befriedigung über pillepalle. Denn Wirkungsästheten sind sie allemal. Und dass sie sich selbst Energie entziehen, wenn sie unfruchtbar Probleme wälzen, wissen sie genauso. Aber es gibt kein role model für erfolgreiche krisendurchkreuzende Strategien jenseits beschönigender Rhetorik. Längst wäre in jeder Hinsicht ein Moratorium angesagt.
Roger Willemsen gönnt sich den Luxus, über geografische Enden der Welt und Befindlichkeiten und Erscheinungsweisen des Massentourismus in Zeiten von Aids zu schreiben ("Die Enden der Welt"). Redet dabei die Lage der Sexarbeiter in Thailand schön ("Bordell und Saunaklub seit Jahrhunderten eine Kulturgröße in Thailand"; Sextouristen aus dem Westen "behandeln ... die Menschen in ihrem Gastland gut"). Ist nebenbei tatsächlich klug, weil er Zeit und Gelegenheit dazu hat. Das Gespräch Willemsens mit Michael Dick wirkt, aller tiefschürfenden Attitüde zum Trotz, gelangweilt und dekadent.
Die heute wunderbare szähne-Glosse beginnt mit dem Bonmot: "Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kolumnismus." "Nonchalent" und "volksverbunden" gibt es sich und weicht doch "das tägliche Brot der Informationsaufnahme ein". Ja, deutsche Medien seien "fest in der Hand des Kolumnismus." Geradezu tabubbrechend ist tors Erkenntnis, dass "irgendwann die Menschheit wieder etwas mehr im täglichen Leben zu lachen haben wird und ihr verfahrenes Dasein anders ertragen kann als mit Humor." Solange muss der Kolumnismus allerdings bekämpft werden, "am besten in einer Kolumne."
Dem kann sich athene ohne jedes ironische Schulterzucken anschließen. Ehrlichkeit vor - noch ein Tor.
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