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Donnerstag, 20. Januar 2011

lvz kultur vom 20.1.11: Glückwunsch, Leipzig! Faber. Second life. Willemsen.

Die Welt stürzt nicht ein. Nicht mal Geld kostet es die Stadt Leipzig, wie vermutlich bei der KWL-Chose. Es wird ein wenig schwierig. Zugegeben. Und Jung hat ne Delle. Aber das ist es auch schon. Dramen sehen anders aus. Gerade die Theater wissen das. Selbst Herr Elstermann wird keinen Herzschrittmacher brauchen. Das schafft Faber schon.
Herzlichen Glückwunsch, Herr Bürgermeister! Jetzt müssen Sie sich mal nen Ruck geben und Politiker werden. Das wirklich Schöne an der Patt-Situation im Moment ist, dass keiner mit seinem Testosteron gewonnen hat. Die, die gewonnen haben, dürfen es nicht so deutlich zeigen. Die, die verloren haben, ebenfalls. Man wird miteinander umgehen müssen. Das zivilisiert. Auch die Politik.

Dass die lvz schwerer mit der Situation wird umgehen können, ist logisch. Andererseits traut man ihr selbstverständlich zu, dass sie an ihrem Feindbild einfach festhält. Mit Michael Faber ist auch OBM Jung beschädigt. Aber nicht so, wie Herr Külow das denkt. Die Stimmen für Faber sind ja nicht automatisch Stimmen für die LINKE. Der Vorsitzende und MdL ist zu sehr oberschlauer Formalist, als dass man ihm Floskeln wie "demokratisch legitimierter Kulturdezernent" abnehmen könnte.

Jeder krasse Voluntarismus gewinnt ad hoc - oder ist sofort danach falsch. So auch Jungs Abwahlwunsch. lvz redakteur Mathias Orbeck bleibt sachlich, Ulrich Milde im Leitartikel weint wie ein Mädchen - wenn man das denn sagen dürfte. Nennt Faber dünkelhaft "eine Art Volkshochschulbeigeordneten", beschädigt sich dabei selbst und merkt es nicht einmal. Drischt ohne Ende auf Jung ein. Und ignoriert die fehlende Mehrheit zur Faber-Abwahl in einer geheimen (!) Wahl. Fehlende Akzente zu monieren ist ein Luxusproblem: Wieviele Jahre war Dr. Girardet Dezernent, ohne dass ihm eine ernstzunehmende Fraktion den "kulturpolitischen Stillstand" als Rücktrittsgrund servierte? Dazu gehört bei den autoritätssüchtigen Deutschen mindestens noch ein weiterer Makel - wie z.B. das Links-Ticket Fabers. "Neuorientierung und Neuordnung", wie sie Milde vorschweben oder gerade nicht, bleibt ein l'art pour l'art des Leine tragenden Hauruck-Befürworters. "Schutzzaun", "Vollkaskoversicherung" usw. sind unsinnige Floskeln, mit denen Milde die Kultur diffamiert. Was solls, er ist ein schlechter Verlierer.

In einem spannenden Artikel über den Massenexodus im "Second Life" schreibt Nina May auch über die "Einsamkeit des Avatars". Die vor sechs Jahren prosperierenden virtuellen Landschaften sind zunehmend entvölkert. Statt 22 Mio sind es nur noch 40.000 Avatare, die ihren Herrchen ein Plagiat einer etwas besseren Welt statt einer puren Fantasiewelt nahelegen. "Da sei das wahre Leben auf Dauer spannender." Mays Avatar Ronja Woodget (Ein Schelm, der hinterm nomen omen sieht) tritt enttäuscht und leicht depressiv dem Second Death bei - und loggt sich aus.Wie May aber ihren Avatar sprechen lässt, ist fantastisch. Sie sollte es wirklich mal mit Literatur versuchen. Da lebt ihr Text bei weitemn stärker als in jeder um kritische Analyse bemühten Gedankenführung.

Es gab ein Treffen der Dinosauriervereinigung namens Intendantengruppe im Bühnenverein , und heraus kam Jammerei über die Jammerei. Sie wollen  einfach nicht mehr, dass ständig die Finanzierungslücken beschrieben werden, dass von der Politik beim Thema Theater nur "Krise kommuniziert" wird, wie Michael Bartsch schreibt. Ein längst fataler Kreislauf. Und sinnlos. Denn eine Idee hat niemand. Von Intendanten erwartet man allerdings, dass sie entscheiden können. Dabei können sie seit beinahe Jahrzehnten nur noch reagieren auf neuerliche Sparvorgaben. Sie haben einfach keine Macht und keine Muße mehr. Reiben sich auf in kulturpolitischen Kämpfen, die zwar eine Weile lang das Ego pinseln, aber ihnen auch die Psychostruktur von Untergebenen verpassen. Mit einem Hauch Absolutismus im eigenen Haus. Um nicht negativ zu wirken, äußern sie ihre tiefe Befriedigung über pillepalle. Denn Wirkungsästheten sind sie allemal. Und dass sie sich selbst Energie entziehen, wenn sie unfruchtbar Probleme wälzen, wissen sie genauso. Aber es gibt kein role model für erfolgreiche krisendurchkreuzende Strategien jenseits beschönigender Rhetorik. Längst wäre in jeder Hinsicht ein Moratorium angesagt.

Roger Willemsen gönnt sich den Luxus, über geografische Enden der Welt und Befindlichkeiten und Erscheinungsweisen des Massentourismus in Zeiten von Aids zu schreiben ("Die Enden der Welt"). Redet dabei die Lage der Sexarbeiter in Thailand schön ("Bordell und Saunaklub seit Jahrhunderten eine Kulturgröße in Thailand"; Sextouristen aus dem Westen "behandeln ... die Menschen in ihrem Gastland gut"). Ist nebenbei tatsächlich klug, weil er Zeit und Gelegenheit dazu hat. Das Gespräch Willemsens mit Michael Dick wirkt, aller tiefschürfenden Attitüde zum Trotz, gelangweilt und dekadent.

Die heute wunderbare szähne-Glosse beginnt mit dem Bonmot: "Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kolumnismus." "Nonchalent" und "volksverbunden" gibt es sich und weicht doch "das tägliche Brot der Informationsaufnahme ein". Ja, deutsche Medien seien "fest in der Hand des Kolumnismus." Geradezu tabubbrechend ist tors  Erkenntnis, dass "irgendwann die Menschheit wieder etwas mehr im täglichen Leben zu lachen haben wird und ihr verfahrenes Dasein anders ertragen kann als mit Humor." Solange muss der Kolumnismus allerdings bekämpft werden, "am besten in einer Kolumne."
Dem kann sich athene ohne jedes ironische Schulterzucken anschließen. Ehrlichkeit vor - noch ein Tor.

Dienstag, 18. Januar 2011

lvz kultur vom 18.1.11: ...und zum letzten! Faber. Hessel. Steiner.

Den stärksten Applaus hat Michael Douglas erhalten. Für den "erfolgreichen Kampf gegen Kehlkopfkrebs." Als Platzhalter dient seine Nebenrolle im Film "Wall Street: Geld schläft nicht", für die Douglas einen Golden Globe erhalten hat. Den Hauptpreis der Globes, für "bestes Filmdrama", und für Regie, Drehbuch und Musik erhält "The Social Network", David Finchers "biografisches Drama über die Entstehung des Netzwerks Facebook". Gegen das sich Marc Zuckerberg, Facebook-Gründer, "heftig gewehrt" haben soll. Ob das mehr für die Galerie geschehen ist, sagt Barbara Munker nicht. Vermutlich weiß sie es nicht. Zuckerberg beginnt eine Legende zu werden, hinter der der Mensch verschwinden kann wie unter einer Tarnkappe. Wie bei Michael Douglas wird mehr über die Person als den Film geredet. Das gleiche bei Florian Henckel von Donnersmarck. Er geht leer aus, kein Preis für Jolie oder Depp. Und auch nicht für die "beste Komödie". All die enttäuschten Erwartungen sind Munker wichtiger als die Preisträger, es sei denn, sie sind noch für eine kleine Geschichte gut, wie die von Nathalie Portman ("beste Hauptdarstellerin" im Psychothriller "Black Swan"), die ein Baby erwartet von dem Mann, der im Film nicht mit ihr ins Bett will. Aber da sollte er ja auch nur spielen. Ach ja, den Globe für den "besten Hauptdarsteller" bekam Colin Firth für seinen Georg VI. in "The King's Speech".

Frankreich bleibt sich treu. Erst das Pamphlet "Der kommende Aufstand", das zum gewaltsamen Widerstand gegen einen Kapitalismus aufruft, der längst jegliche Berechtigung verloren habe und durch einen "modernen" Kommunismus ersetzt werden soll. Verfasser war ein "Unsichtbares Komitee", das für erheblichen Aufruhr unter Geheimdiensten, Buchhändlern und politischem Feuilleton sorgte. Anders der Megaseller "Empört Euch!" Auch ein Pamphlet. Auch aus Frankreich. Aber von einem Menschen mit Gesicht. Stéphane Hessel heißt der Mann. Er wendet sich in seinem 30-seitigen Werk gegen die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, gegen die Behandlung illegaler Einwanderer, gegen die Diktatur der Finanzmärkte. Und vor allem gegen die Gleichgültigkeit des "Was kann ich schon machen?" Stattdessen: "Empört Euch!" Das verhelfe dazu, "engagiert, stark und kämpferisch" zu werden, zitiert Martina Zimmermann den 93-jährigen Autor. Der ehemalige Widerstandskämpfer und KZ-Insasse mit deutschen Wurzeln, der nach dem Krieg daran beteiligt war, die Menschenrechtserklärung der UN auszuarbeiten, ruft heute wegen Israels Antipalästinapolitik zum Boykott israelischer Produkte auf ebenso wie er sich gegen Terrorismus ausspricht, obwohl er begreift, dass "eine Art von Verbitterung" dessen Ursache sei.

Ein angekündigter Abgang. Und ein Verlust an Intellektualität in der Stadt. Barbara Steiner verlässt die Galerie für Zeitgenössische Kunst. Sie wird ein eigenes Ausstellungsbüro gründen. Ein Nachfolger werde, wie die GfZK meldet, bis Mitte des Jahres von einer Findungskommission gesucht und gefunden werden.

Der Musikproduzent Dieter Falk hat für die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 und u.a. den Evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden ein Poporatorium "Die 10 Gebote" geschrieben. Im Gespräch mit Evelyn ter Vehn bezeichnet er es als "interaktives Chorhappening" und "Leuchtturm", wohl der gigantischen Zahl von 2500 Chorsängern wegen. Sein Patentrezept, mit dem er Erfolg hatte: Choräle verpoppen, "das lief schon mit meiner Paul-Gerhard-CD gut." Der studierte Kirchenmusiker ist noch ganz betrunken von seinem Werk und hat es dennoch vorbildlich vermarktet. Nach weiteren Aufführungen in Großarenen hat er die Rechte ab 2013 an ein großes Musicaltheater verkauft.

Ein wenig trotzig klingt es in Imke Hendrichs Artikel über den 110. Geburtstag des deutschen Kabaretts, gegründet exakt am Datum des 200-jährigen Jubiläums der preußischen Monarchie. Otto Julius Bierbaum begann folglich "mit einem Kotau vor dem Kaiser, der doch bitte den Spöttern auf der Bühne gnädig" sein möge. Auf Hendrichs Frage "Gibt es denn heute wirklich etwas zu feiern?" antwortet der Kabarett-Historiker Volker Kühn ausweichend wie ein ixbeliebiger Politiker: "Es wird Kabarett so lange geben, wie sich die Welt dreht - aber es ist eher wieder in den Keller gezogen." Bis auf die Pfeffermühle. Das Massenpublikum, so Kühn, pilgert zu "Wohlfühlveranstaltungen" von Ingo Appelt und Mario Barth. Im Kabarett gehe es aber darum, "unversöhnt mit der Welt zu sein." Es bleibt also eher der Blick zurück auf große Namen. Über einen der größten, der den wahren Abstand zu einer heute längst ebenso zum Wohlfühlfaktor gewordenen Sparte ausdrückt, hat Kühn sogar eine Biografie verfasst: Wolfgang Neuss. Der 1989 verstorbene kiffende Guru und frühere "Mann mit der Pauke" wurde 1946 zu einem halben Jahr Gefängnis für einen Witz verurteilt, in dem er die damalige britische Besatzungsmacht - trotz vorheriger "Verwarnung durch den Theateroffizier" - verächtlich machte. Er könne auf den Witz einfach nicht verzichten. Wer ihn nachlesen will: Neuss' Witz.

Und dann gibts noch die Vorfreude der lvz auf die Abwahl von Kulturdezernent Michael Faber. Noch einmal werden von Klaus Staeubert und Florian Ibrügger sorgsamst alle kolportierten, aus zweiter Hand überlieferten Aussprüche des angeblich "durch Unzuverlässigkeit" auffallenden Bürgermeisters aufgelistet. Journalistisch unterste Schublade, weiß man doch unterdessen um den zweifelhaften Wert dieser nie bestätigten Äußerungen. Dennoch: Faber kann mit erhobenem Kopf gehen. Auf die Anwürfe hat er niemals öffentlich in gleicher Münze heimgezahlt, nie um die Gunst des Parketts oder der Galerie gebuhlt. Die Spielregeln der Medien hat er zu seinem eigenen Schaden unterlaufen (peinlich: Das vielfache "Schweigen" im Kreuzer-Interview). Ob er nicht begriffen hat, dass Politik heute nur als Inszenierung funktioniert, oder ob er so naiv gewesen ist, sich heraushalten zu wollen, ist unklar. Dass er kein Freund der Freien Szene war, hat ihm bei der Hochkultur nicht geholfen. Die sah ohnehin nur sich selbst. Und da dort wenig Überlegungen zu Strukturfragen, geschweige denn Konzepte und Reformen (im ursprünglichen Sinn, nicht nur als Bedrohung) zu erkennen waren und sind, konnte sich inmitten der vielen Vogel Sträuße (oder doch Pfauen?) nicht einmal Realpolitik durchsetzen. Und zu mehr als simpler Realpolitik, die mit den Zwängen des Finanziellen ohne großes Murren bereit war umzugehen, hat es Faber in der kurzen Zeit dann doch nicht gebracht. Schlimm ist nur, dass niemand wirklich Gedanken zu einer einigermaßen konzisen, vernünftigen Kulturpolitik hegt (mit Ausnahme vielleicht der in Babyzeit gehenden Skadi Jennicke, tatsächlich), dass ein verlogenes Dilettantenkonzept wie das der CDUler Billig-Bonew sogar diskutiert wird: Über die Zusammenlegung zu einer GmbH, die einem städtischen Kulturbetrieb rein garnichts bringt und einem Geschäftsführermodell, das nicht einmal die erste halbe Stunde einer sachlichen Auseinandersetzung darüber überleben würde.

Das Letzte ist leider die Leipziger Kulturpolitik selbst. Niemand in Sicht, der auf den Mast klettert und Ausschau hält, gegebenfalls "Land in Sicht" zu rufen vermag.

Samstag, 15. Januar 2011

lvz kultur vom 15.1.11: Hustenwelt hoch zu Ross. Updike. Faber. Hein.

Bald besteht die lvz kultur nur noch aus Geburtstagsständchen. Die Jubiläumsseligkeit ist armselig und tot, auch wenn hin und wieder eine wirkliche Perle der Erinnerung und Wertschätzung dabei sein mag. Heute ist es eine anlässlich des 100sten "Geburtstages" von Gaston Leroux' "Phantom der Oper" dargebotene Gala in der Arena. "Filetstücke von Buch, Musical oder Oper" waren zu hören. "Bloßes Stückwerk", wie Thomas Düll befand, selbst, wenn es in Person von Anna Maria Kaufmann und Ethan Freeman stimmgewaltig daherkam. ("Fastfood"-)Atmosphäre, Geschichte ("zweitrangig"), Bühne ("ein Galakompromiss"), Örtlichkeit ("Die Arena - ein Affront, ein Unding") - nichts stimmte an diesem Abend. Auch nicht die Zuschauerzahl ("Wenige Menschen zwischen leeren Plastikstühlen"). Übrig bleibt, wenn man alles wegdenkt, ein wenig "Magie zwischen den beiden Stars". Zu wenig. Hoffentlich auch für die Veranstalter in der Tasche.

Aus dem Nachlass des vor zwei Jahren verstorbenen US-amerikanischen Schriftstellers John Updike ist der Erzählband "Die Tränen meines Vaters" erschienen. Janina Fleischer hat ihn gelesen.Und ist hingerissen von den 18 Erzählungen, einem "Porträt der weißen US-Mittelstandsgesellschaft". Ohne in Superlative zu verfallen, gibt Fleischer durch ihren eigenen, unaufgeregt ausdrucksvollen, lapidaren Stil etwas von der "Kraft" wieder, die im Text steckt. Die Melancholie der Beschreibungen, die immer wieder die Zärtlichkeit des Vergeblichen, des Zu-späten, des Selbstbetrugs ohne Absicht, des Humors zum Inhalt hat, spürt der Unterströmung des Lebens nach, die den Menschen endlich hinaus ins große Nichts treibt.

Es gibt Texte, da schaut man nach zehn Zeilen ans Artikelende, wo in der Regel der Name des Autors steht. Dieser, "Zu leise für diese Hustenwelt" überschrieben, ist so einer. Wenn einem das Große Concert im Gewandhaus, mit Schostakowitschs Fünfter Sinfonie, mit Mozart und Bolcom, mit Slatkin (Leitung) und Biss (Pianist), noch nicht überzeugt haben sollte, die Rezension von Elisabeth Schwarze schafft das mühelos. Wo andere Kritiker auftrumpfen, selbstverliebt durch die Zeilen tänzeln, Klugheit scharf werden lassen, Sprache mühsam bändigen, erscheint Schwarzes Text wie eine den Leser durch den gesamten Text tragende Melodie, ihr ist die Sprache wie eine gute Freundin, die einen nicht verlässt, die Blüten treibt ohne prunken zu wollen, die genau wiedergibt, dass die Rezensentin zugehört, mitempfunden und all das anschließend in ihrem Herzen, ihrem Verstand, bewegt hat, ohne den Fokus mehr als nötig auf sich zu lenken. Ob für sie auch die eigene Überschrift gilt? Kaum zu glauben.

Die Abwahl von Michael Faber als Kulturdezernent steht in wenigen Tagen bevor (Mittwoch), die lvz lässt von dem bisher wenig beteiligten Meinhard Michael die Situation analysieren. Er bemerkt zwei sich ergänzende, wenn auch mitunter gegenläufige Tendenzen. Zum einen das von Fabers Gegnern maliziös und lustvoll durch bewusstes Verschärfen und Missverstehen von Äußerungen konstruierte fatale Image eines inkompetenten Fettnapftreters. Und zum anderen dessen stoische, geradezu überloyale Natur, verbunden mit einer eher reflektierenden, tendenziell repäsentativen statt tatkräftigen Persönlichkeit. Die im Pulverdampf und Bühnennebel verschwindenden Gegner ("Rampensäue") sind für das Publikum greifbarer. Und Faber für einen Sündenbock wie geschaffen.
Hinzu kommt, dass Maravics und Hartmann und selbst Gewandhaus-Schulz, die Freie Szene und die städtischen Denkmals- und Museumsfreunde in ihm keinen lauten Fürsprecher finden. Und die sind bekanntlich allesamt gut vernetzte Lautsprecher. Meinhard Michael erkennt genau, dass hinter den "blumigen" Vorhaltungen, Faber sei kein "homo politicus" ein die Kreise des OBM und der durchaus heuchlerischen, stark konservativen bzw. egozentrischen Kulturszene durchkreuzender Eigenbrödler steckt, dem man sicher nicht fehlende Überzeugungen nachsagen kann. Nur nicht notwendig zu ihren Gunsten. Fatal bleibt allerdings die oft unhörbare statt unüberhörbare Prägnanz des Michael Faber.

Im Gegensatz zu Meinhard Michael kann Christoph Hein, der ebenfalls von der lvz zur "Causa Faber" befragt wurde, wenig Erhellendes beitragen außer einer persönlichen Bekanntschaft zu den Fabers und einer etwas zusammenhanglosen Sottise auf substanzlose, wendefreudige "Helden" aus der Heldenstadt.
Was von denen zu halten ist, macht übrigens die Auswahl der Zuschriften zum Denkmalstreit deutlich, die eine durch und durch kleinkarierte, dünkelhafte, besserwissende Kaste von scheinbaren Ureinwohnern an die Nörgel- und Oberlehrerfront drängeln sieht.

Donnerstag, 16. Dezember 2010

lvz kultur vom 16.12.10: Faber, mdr und Google Street View

Michael Faber ist aus dem Kulturbürgermeisteramt gemobbt worden. Exakt 48 Stimmen, zu denen auch die des OBM Jung notwendig gehörte, wurden gegen Faber aufgebracht. Keine einzige hätte fehlen dürfen. Noch hält der Rausch des Erfolgs. Doch der Kater wird in schneller als vier Wochen folgen. Denn eins ist klar. Vorzuwerfen ist Michael Faber einfach mangelnde Stromlinienförmigkeit. Alle Äußerungen zeigen ihn als einen eckigen, manchmal an der Grenze des in 'falscher' Gesellschaft unkommunikativen Charakters, der seinerseits die Fahne des Gesprächs und des offenen Worts hochhält. Ob das schon elitär ist, mögen Berufenere bewerten. Und wenn Faber sich in seinem Amt "Motivation, Zuspruch und ein Umfeld, das ihn unterstützt" gewünscht hätte, weiß er sehr genau, dass dies selbst von mittleren Angestellten als Jammerei erscheint, selbst wenn es wahr ist. Ein Großteil von Fabers Abwählern hat schlicht mit den Wölfen geheult. Dabei wird so getan, als sei ein Bürgermeisteramt "kein Ausbildungsplatz" (Wolfram Leuze). Ausgerechnet OBM Jung, der gerade einen heftigen Sturm im Wasserglas provoziert, hat bereits Lehrgeld zahlen müssen, wohl teurer als Faber. Seine Fehleinschätzung des Stadtwerkeverkaufs hatte viel dramatischere Konsequenzen für die Stadt, als jedes naiv geäußerte Wort Fabers. Der angebliche Vertrauensschwund ist pures Herrschaftsinstrument. Und Leuzes Metaphernkitsch, der zwar nicht so feige wie die pure wölfische Machtlogik der anderen Abwahl-Unterzeichner war, war der Ernsthaftigkeit der Situation dennoch nicht angemessen. Er hat auch nicht verdecken können, dass keine "harten" Fehler passiert sind, sondern ein politischer Grabenkampf mit harten Bandagen ausgetragen wurde, und dass keine belastbaren Vorwürfe gegen Faber im Raum standen, außer dem Platzhirschgetue des Oberbürgermeisters. Mangelnde Konzeptionen für die Eigenbetriebe hat bereits Dr. Girardet ausgezeichnet. Der blieb dennoch unantastbar bis zum Ende.


Das Rennen um die Posten beim mdr geht weiter. Norbert Wehrstedt vermutet, dass den Chefredakteursposten der derzeitige Leiter des Hauptstadtbüros, Tim Herden, erhalten wird. Dirk Thärichen, mdr-Sprecher, bezeichnet den Namen als pure Spekulation. Klar.

Der Verkauf des Bildes "Die Madonna mit dem Heiligen Bruno" (Jusepe di Ribera) von der Klassik Stiftung Weimar an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, hat das Theater Altenburg-Gera aus der schlimmsten Notlage geholfen.


Erste Fotos aus Google Street View sind von Jon Rafman für ein Kunstwerk genutzt worden. Für Rafman stellt das Projekt Google Street View, wie Nina May es beschreibt, eine "wahrhaftigere Dokumentation des Lebens" dar. Das "Verlangen des Menschen, Geschichten zu erzählen oder erzählt zu bekommen" läßt in den einzelnen Stills/Fotografien durchaus Freiraum für Kontrolle und Poesie durch den Betrachter. Für Rafman bestimmt das Denken die neue Technologie, nicht Andersherum.
Für Ulrich Khuon wird "Theater immer realitätsnäher", die Politik allerdings "immer theatralischer", wie nicht zuletzt der Afghanistan-Besuch des Verteidigungsministers beweist.

Dienstag, 14. Dezember 2010

lvz kultur vom 14.12.10: Leipziger Erklärung, Michael Jackson, Michael Faber & Stefan Herheim

Für OBM Jung ist die Entscheidung gefallen. Leipzig wird verlieren. Die Novellierung des Kulturraumgesetzes wird kommen. Die schwarz-gelbe Regierungskoalition steht. Doch am Vorabend der bitteren Entscheidung wärmt es das Herz, sich noch einmal bei einer gemeinsamen Aktion der Kultureinrichtungen gegenseitig zu vergewissern beim Verlesen der "Leipziger Erklärung". Jürgen Kleindienst beschreibt dies ironisch als "Moritat vom drohenden Kahlschlag". Auf 11:55 Uhr ist das "apokalyptische Tremolo" angesetzt, das man als "Klientel-Gebarme" abtun könne, wenn sie nicht nahezu sämtliche Leipziger Kultureinrichtungen sowie 137 Unterstützer aus Sachsen umfassen würde.
Einziger substanzieller Mutmacher ist Burkhard Jungs Ankündigung: "Wenn die Novellierung durchgeht, werden wir Verfassungsklage einlegen."

Das nach Michael Jacksons Tod posthum erschienene Album "Michael" ist veröffentlicht. Einerseits, schreibt Roland Mischke, sei die Platte nicht schlecht, andererseits lässt sie mehr das Genie des Musikers ahnen, als es zu zeigen, sei gar ein "Abgesang auf den King of Pop". Nur einen Song hat Jackson wirklich beendet. Alle anderen Titel seien später aufbereitet worden. Jacksons Stimme "mit Tonkunsttricks" bearbeitet worden, möglicherweise sogar "ein Imitator" eingesetzt worden. Bei einem Song würde der senegalesische Sänger Akon seinen Meister förmlich "an die Wand singen". "Aber die Produzenten und der Jackson-Clan wollten noch mal Kasse machen. Keine Zeit fürPietät."

Den Trend zur Mehrfachverwertung der Inszenierungen marktgängiger Regisseure belegt Stefan Herheims Inszenierung von Dvoraks Oper "Rusalka" an der Semperoper Dresden. Nach Brüssel und Graz wird sie nun auch in der sächsischen Hauptstadt gezeigt, die deutsche Neuauflage studierte Therese Schmidt ein. Herheim zeigt keine "ferne Märchenwelt", sondern ein "tödliches Märchen im explodierenden Kopf eines Mannes, der sich von falschem Zauber blenden lässt". Für Boris Michael Gruhl zeigen sich in Herheims Deutung sogar Ähnlichkeiten mit der Figur des Woyzeck von Georg Büchner, nicht zuletzt in der Schilderung als "Kriminalfall". Doch "die Bilderflut der gegen Ende immer zäheren und immer weniger stringenten Inszenierung in dürftig bewältigter Schnitttechnik drängt leider die Musik arg zurück", auch wenn dies "schade" sei wegen Tomás Netopils "fein gewobenen lyrischen Passagen", die der Dirigent der Sächsischen Staatskapelle abringt. Alles in allem sei der Neuaufguss "Schnee von gestern" befindet Gruhl indigniert, auch wenn Herheim bereits zum dritten Mal zum Regisseur des Jahres gekürt worden sei.

Als Scherz bezeichnet Meinhard Michael Timm Rauterts kunstmarktgerechte Idee, auf seinen Bildern der Leipziger Ausstellung "TEXT. Neue Arbeiten" das Geburtsjahr des Käufers anzubringen. Er beschreibt das Vorhaben als "spleenige performative Praxis", die allerdings "einen schönen, frechen Sinn" habe: als Text . Überhaupt Texte. Die haben es Rautert derzeit angetan, er sortiert immer wieder Texte neu und gibt ihnen dadurch "extrem neue Lesarten". Immer wieder kombiniert er Bilder- und Texträume, zu selbst geschossenen Fotos aus dem Pariser Cabaret montiert er etwa Zeitungsausschnitte über den Freitod des Betreibers. Andere Fotoarbeiten zeigen Hubschrauber der amerikanischen Armee in Irak und umspielen den legendären Namen von "Crazy Horse". Sieben schwarze Fotos stellen eine Arbeit über Mehrfachvergewaltingungen an der Richmond School dar, hier bleibt nur noch Text übrig, eine Meldung über die Hilflosigkeit des Opfers.

Die Abwahl des Kulturbürgermeisters Michael Faber sorgt laut Mathias Orbeck und Peter Korfmacher für Nervosität bei den Stadtratsparteien. OBM Jung hat bereits über die Ältesten der Parteien alle - bis auf die Linken und die NPD - auf Linie gebracht, heißt, zur Anwesenheit verdonnert. Es wird ein Kampf um jede Stimme. Bis auf CDU-Fraktionschef Rost wollen alle ihre Stimme abgeben, Rost fährt zu den gleichzeitig stattfindenden Haushaltsberatungen nach Dresden. Doch wichtig ist: Die SPD hat ihr Schäflein scheinbar im Stall, die Abgeordneten "stehen zur Abwahl bereit". Anders als vor einem Jahr. Demokratische Prozesse haben in der Regel andere Abläufe.