Die Schauspielerin Jutta Hoffmann wird heute 70 und das Geburtstagsfachblatt lvz macht wie üblich einen großen Aufmacher daraus. In dem Fall einen lesenswerten. Eine interessante, selbstbewusste Frau und eine Gesprächspartnerin, Helga Wagner, die ihren Job ernst nimmt und einfache Fragen stellt, nicht nur abhakt. Auffällig: die vielen „ich/mich/meine“ und „wir“ in Hoffmanns Antworten. Es gibt tatsächlich nur 2 ½ Sätze im ganzen Interview, die ohne ein persönliches Fürwort in der ersten Person auskommen, von den zwei Sätzen über ihre Kinder abgesehen. Es sind die Sätze: „Man muss seinen Neigungen folgen und die Konsequenzen tragen, wie Fontane sagt.“ Ein Zitat also. Und ein weiteres Zitat: „Der Thron von England wird durch einen Bastard entweiht...“. Zitat aus Maria Stuart von Schiller , von Jutta Hoffmann („Ich liebe revolutionären Geist“) als Kind vor ihren Eltern deklamiert. Und der dritte, einzig echte: „Es gibt auch Leute, die kamen über das Desaster nicht hinweg.“ Mit Desaster waren die zensierten oder in den Schubladen verschwundenen Filme zu DDR-Zeiten gemeint.
Dass „das Leben immer Kampf bedeutet“, man „nach vorn blicken“ muss und „positiv denken“, ist vielleicht auch dem Kriegsjahrgang 1941 geschuldet. Nach Filmen, die der Zensur zum Opfer fielen, habe sie „einfach weitergearbeitet“. Und so kann sie auf die Frage nach Enttäuschungen auch nur antworten: „Welche Enttäuschungen?“ Im politischen Sinne kennt sie die allerdings doch: „Die große Enttäuschung haben wir ja seit mehr als 20 Jahren hinter uns, dass das mit dem Gesellschaftsentwurf DDR nichts wurde.“ Filme, „die sich über die DDR lustig machen“, hätte sie abgelehnt. Aber ebenso Filme, „die Stasi-Mitarbeiter rehabilitieren.“ Ein komisches Talent war Jutta Hoffmann augenscheinlich nicht eigen. Was nicht bedeuten soll, dass sie keinen Humor hätte. Immerhin glaubt sie, dass sie in ihrem nächsten Leben sicher in der Nähe von Hollywood geboren würde. „Dann habe ich es nicht so weit zu Ruhm und Glamour.“ Etwas gerechter hätte das Leben also doch zu ihr sein können. „Ein Star in der Pappschachtel“ wäre aber das letzte für sie gewesen, stattdessen möchte Jutta Hoffmann am liebsten noch in einem Film von Quentin Tarantino mitmachen. „Der sucht nach Neuem – und das gefällt mir.“
Nada Weigelt berichtet in einem Artikel über den ägyptischen Filmemacher Tamer El Said, der jetzt „auf freie und faire Arbeitsbedingungen hofft“ und auf eine „Demokratisierung der Institution Film-Syndikat.“ Keine Zensoren mehr, nicht mehr „viel Geld für eine generelle Erlaubnis“ zahlen müssen, bevor ein Film gedreht werden könne. Doch er sagt auch, die „Zensur hat die Kreativität bei uns getötet“, es sei „im Augenblick noch zu früh, wieder richtige Visionen zu entwickeln.“ Und bestätigt damit auch Rafael Seligmanns Skepsis, ob sich in den arabischen Ländern bereits in naher Zukunft demokratische Strukturen bilden würden. In Frankreich hätte es über 80 Jahre gebraucht, um wahrhaft republikanische Verhältnisse zu etablieren. In Deutschland nach der 1848er Revolution noch länger, bevor eine den Namen verdienende stabile Demokratie entstanden sei.
Mit Problemen ganz anderer Natur schlägt sich die Leipziger Kultur herum. Heute sollen, schreibt Matthias Puppe, auf der Ratsversammlung neben den Wirtschaftsplänen der kulturellen Eigenbetriebe auch über die Zuschüsse an die euro-scene debattiert werden. Die braucht 50.000 Euro mehr als bisher. Doch die CDU möchte lieber das Centraltheater zwingen, die euro-scene bei sich spielen zu lassen, damit sie keine teuren Einmietungen anderswo benötigt. Ob über den von Jung schon beschlossenen Intendantenwechsel an der Oper überhaupt geredet wird oder nur über Geld, muss sich zeigen. Die externe Beratungsfirma, die Strukturänderungen an den Eigenbetrieben prüfen soll, hat tatsächlich bereits hals über kopf ihre Arbeit aufgenommen. Und wird wohl auch nicht lange brauchen. Eins zwei drei im Sauseschritt, eilt die Zeit, wir eilen mit.
Ausgerechnet Linolschnitte. Im Bildermuseum bekämpft eine Ausstellung mit Werken dreier Künstler den „Erinnerungsschmerz“, der den Rezensenten Jürgen Kleindienst packt, wenn er an eigene Versuche aus Schulzeiten denkt. Die eindrucksvolle Schau von Werken Sebastian Speckmanns, Katharina Immekus' und Jens Schuberts verhilft besagten Schmerzen jedenfalls dazu, nur noch als „Phantomschmerz“ ein virtuelles Dasein zu pflegen. Kuratorin Jeannette Stoschek, Leiterin der Grafischen Sammlung, meint, „wer sich nach dem Besuch nicht für Linolschnitt interessiert, dem ist nicht zu helfen.“
Janina Fleischer hat Vicky Leandros interviewt, die am Frauentag ihr jüngstes Album „Zeitlos“ im Gewandhaus vorstellen wird. Die Sängerin, von der die lvz ein zeitlos attraktives Bild veröffentlicht, hat für den Song „Paroles, Paroles“ statt des Originals Alain Delon nun Ben Becker an ihrer Seite. Ausschlaggebend war, dass der Schauspieler eine „tiefe, erotische Stimme“ habe, auch UdoLindenberg hättee bei der Etscheidung mitgewirkt. Leandros, die bereits in Hamburg und Berlin für höchste Posten in der Kulturverwaltung im Gespräch war, nahm schließlich die Gelegenheit wahr, in Piräus mehrere Jahre Vizebürgermeisterin und Stadträtin für Kultur und internationale Beziehungen zu sein. Dass man „in der Politik Projekte mitgestalten und verwirklichen“ könne, hat sie geprägt. „Dass man sich in der Politik fachlich auskennen muss, war“ für sie „der Reiz“. Eher erstaunt habe sie, dass man sogar lernen müsse, „eine Rede zu halten,“ die Bühnenerfahrung allein hilft noch nicht. Als die Politik zum Fulltimejob zu werden drohte, hat sich Leandros 2008 wieder für die Leidenschaft, die Musik entschieden.
Nach Leipzig und Dresden beglückt Yadegar Asisi auch Berlin mit einem Panometer. Mit der Ausstellung „Pergamon“ will der Leipziger Bühnenbildner „die untergangene griechische Metropole in der heutigen Türkei virtuell wiederaufleben lassen“ und zum Höhepunkt des Berliner Kulturjahres machen. Antikendirektor Andreas Scholl will es mit der Ausstellung „wirklich krachenlassen.“ Erwartet werden 1,8 Millionen Besucher.
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Donnerstag, 3. März 2011
lvz kultur vom 3.3.11: Asisi lässts krachen. Hoffmann. El Said. Leandros.
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Montag, 8. November 2010
lvz kultur com 8.11.10: Zauberberg, Osteuropa & Streit Faber vs. Jung
Eine Ode an die Langeweile hat Nina May befürchtet - und wurde angenehm überrascht. Sebastian Hartmanns "Zauberberg"-Bearbeitung im Centraltheater dauerte zwar fünf Stunden, sei aber trotz einiger Schwächen seine "vielleicht bisher stärkste Leipziger Inszenierung". Aus Thomas Manns Stoff, angesiedelt in einem im Schweizer Davos gelegenen Sanatorium, einer "romantischen Todessehnsucht und ihrer Überwindung", mache Hartmann eine zunehmend "gespenstische Séance". Mit etwas zu derbem Jux und Actionszenen zu Beginn und Schauspielerinnen, die "mal wieder" nur als "Beiwerk fürs Auge" fungieren, aber alles in allem sinnlich (statt "geistig"), surrealistisch (statt komödiantisch), komisch (statt nur "beredt") und schwülstig (statt "geschwätzig"). Gar "eindrucksvoll" das sich "wild gebärdende Medium" Birgit Unterweger als Geist des Todes und Matthias Hummitzsch als "grotesker Hofrat". Mit diesen Charakterisierungen hat Nina May den gesamten Kanon ihrer Kriterien auch schon abgehandelt. Alles in allem eine pure Entscheidung zwischen gut (sinnlich, komisch, eindrucksvoll) und schlecht (langweilig). An diesem formulierten Anspruch würde ihr eigener Text allerdings durchfallen. Langweiliger als erhofft und unsinnlich, humorfreie Sachlichkeit an Stelle "geistiger Erfahrung".
Weil Cottbus "nicht am Rand der Welt", sondern "mittendrin" liege, reiste Norbert Wehrstedt bis ans östlichste Mittendrin Deutschlands, um dort das Festival des osteuropäischen Films zu sehen. Es hat sich gelohnt. Er hat Filme gesehen, die zu den "fantasievollsten der Welt" zählen und "Perlen" seien im Vergleich zu den "stark geschminkten Billignutten" aus Hollywood. Und zwar, weil sie "mit großer Entdeckerlust soziale Alltags-Geschichten" erzählten. Auch wenn osteuropäische Filme hierzulande aus den Kinos verschwunden seien. Den Hauptpreis erlang der serbische Film "White White World" (Regie: Oleg Novkovic), in dem ein ehemaliger Boxer unwissentlich seine Tochter zur Geliebten nimmt. Bis auf zwei weniger gelungene Filme ("Kajinek" aus Tschechien und "Tilvar Ros" aus Serbien) war Wehrstedt ein ums andere Mal hingerissen: Bei "Pal Adrienne" aus Ungarn ("still-zerquälte Selbstsuche. Ohne Lächeln. Ohne Befreiung"), "Ein anderer Himmel" aus Georgien ("lakonisch, sozial sehr genau"), "Der Dieb des Lichts" aus Kirgisien ("bezaubernd"); "überragend": "Ein Krieg" ("archaische Wucht"), "Mein Glück" ("beklemmend suggestiv") und "Krai" ("großartige Bilder") aus Russland; ein "Ausrufezeichen": "Zirkus Columbia" des Oscar-Preisträgers Danis Tanovics ("einfach wunderbar"). Leider sei ein deutscher Verleih nicht in Sicht, Ministerpräsident Platzeck und OBM Schimansky versprechen trotzdem "weitere Festivalunterstützung". Gratulation!
In der "Langen Nacht des Tanzes" im Rahmen der euro-scene Leipzig sah Steffen Georgi sieben Choreographien, "keine atemberaubend, keine langweilig". Die Kombination mit Mitschnitten alter "Tanzsoli-Gewinner" raubte Georgi allerdings den letzten Nerv. Der starre, allzu vorhersehbare Ablauf der einfachen, plausiblen Konzeption war nur noch eintönig.
Nina Mays Resümee der diesjährigen 20. euro-scene Leipzig fällt hinsichtlich der Zahlen gut aus (7.500 Besucher; 97,8% Auslastung), sie bescheinigt dem Festival zudem, nicht nur aus "Alibigründen" an einem Austausch mit dem östlichen Europa interessiert zu sein. Den Titel der Festschrift "Das Kicht kommt aus dem Osten" sah May schon in Alvis Hermanis' Inszenierung "Sonja" des Neuen Theater Riga eingelöst: "Großes Theater, sehr komisch und unheimlich traurig zugleich". Als "schräge Nummer abseits des Festival-Alltags bezeichnete sie Romeo Castelluccis nur 17-minütige Performance in der Hauptpost: "Geschichte des zeitgenössischen Afrikas, Teil III., von der sie sich allerdings fragt, ob "man bereits ein Star sein muss, um sie sich leisten zu können". Ein skurriles Ritual, das "das Gefühl auslöst, einer religiösen Handlung beigewohnt zu haben."
Aus Anlass ihrer Autobiographie "Und außerdem war es mein Leben" besuchte Rolf Richter die 100 Jahre alt gewordene Berliner Schriftstellerin Elfriede Brüning. In einem Offenen Brief hatte sie Edda Ziegler, Autorin des Bandes "Schriftstellerinnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus" vorgeworfen, darin Mitglieder des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller unterschlagen zu haben. "Wäre es nicht endlich an der Zeit, ehrlich und unverkrampft auf unsere gemeinsame Vergangenheit zurückzublicken"? Die in ihrer Jugend vom Sozialismus träumende Autorin sei nun wieder "in den Kapitalismus zurückgeworfen". Verbittert darüber sein sie allerdings nicht. Sie glaube, dass Menschen immer wieder "nach Veränderungen" strebten, um die Güter der Erde gerecht zu verteilen". Jungen Leuten wolle sie auf den Weg mitgeben, dass eine Arbeit, die Freude und Befriedigung bringt, glücklicher machen kann als die Liebe, beständiger sei als die Leidenschaft und niemals so quälend sei wie die Eifersucht.
Benedikt Leßmann notiert eine "schöne, höchst repräsentative Feierstunde" zum 50. Geburtstag der Oper Leipzig, bei der nicht nur Blümchen an treue Abonnenten verteilt wurden, sondern die auch "vorrangig an der Vergangenheit interessiert" gewesen sei. Er schließt mit der Bemerkung, "Bleibt eine Frage offen: Wo soll es in Zukunft hingehen mit der Oper Leipzig?"
Diese Frage hat sich Kulturdezernent Michael Faber bisher eher weniger gestellt. Weil der nach den jüngsten Signalen, dass der Freistaat Sachsen nur noch rund eine Million € Einsparungen für Leipzig vorsehe, hat durchblicken lassen, dass er "mit diesem Kompromiss durchaus leben könne", drohte ihm der "stinksaure" OBM Jung "Konsequenzen" an. Ob die bis zu einer Abwahl gehen, ist noch fraglich. Doch auch die SPD, die Faber 2009 neben den Linken ebenfalls gewählt haben, seien laut Fraktionschef Axel Dyck nicht mehr geschlossen für ihn. Dyck sei zumindest jetzt "enttäuscht", berichtet Ulrich Milde.
Mathias Wöbking hat im Spinnwerk ein "schlechtes Stück" gesehen, in dem die Schauspieler in anderthalb Stunden "im Minutentakt schreien und flüstern, pathetisch proklamieren und hysterisch lachen, gleichzeitig und abwechselnd". Gerade weil sich in der Jugendspielstätte des Centraltheaters eigentlich schon zu Beginn ihrer Arbeit über das Klischee des Jugendtheaters als "problemüberladen" lustig gemacht wurde, sei es besonders enttäuschend, wenn Ricardo Gehn als Regisseur seines Stücks "Kein Ort" gezeigt hat, wie man es nicht machen sollte. Wöbking schließt seinen Text: "Fast hielt man die Standardkritik an Centraltheater-Intendant Sebastian Hartmann - viel Effekte um wenig Botschaft - für ein Klischee. Aber wenn das nun sogar aufs hauseigene Jugendtheater passt?"
Weil Cottbus "nicht am Rand der Welt", sondern "mittendrin" liege, reiste Norbert Wehrstedt bis ans östlichste Mittendrin Deutschlands, um dort das Festival des osteuropäischen Films zu sehen. Es hat sich gelohnt. Er hat Filme gesehen, die zu den "fantasievollsten der Welt" zählen und "Perlen" seien im Vergleich zu den "stark geschminkten Billignutten" aus Hollywood. Und zwar, weil sie "mit großer Entdeckerlust soziale Alltags-Geschichten" erzählten. Auch wenn osteuropäische Filme hierzulande aus den Kinos verschwunden seien. Den Hauptpreis erlang der serbische Film "White White World" (Regie: Oleg Novkovic), in dem ein ehemaliger Boxer unwissentlich seine Tochter zur Geliebten nimmt. Bis auf zwei weniger gelungene Filme ("Kajinek" aus Tschechien und "Tilvar Ros" aus Serbien) war Wehrstedt ein ums andere Mal hingerissen: Bei "Pal Adrienne" aus Ungarn ("still-zerquälte Selbstsuche. Ohne Lächeln. Ohne Befreiung"), "Ein anderer Himmel" aus Georgien ("lakonisch, sozial sehr genau"), "Der Dieb des Lichts" aus Kirgisien ("bezaubernd"); "überragend": "Ein Krieg" ("archaische Wucht"), "Mein Glück" ("beklemmend suggestiv") und "Krai" ("großartige Bilder") aus Russland; ein "Ausrufezeichen": "Zirkus Columbia" des Oscar-Preisträgers Danis Tanovics ("einfach wunderbar"). Leider sei ein deutscher Verleih nicht in Sicht, Ministerpräsident Platzeck und OBM Schimansky versprechen trotzdem "weitere Festivalunterstützung". Gratulation!
In der "Langen Nacht des Tanzes" im Rahmen der euro-scene Leipzig sah Steffen Georgi sieben Choreographien, "keine atemberaubend, keine langweilig". Die Kombination mit Mitschnitten alter "Tanzsoli-Gewinner" raubte Georgi allerdings den letzten Nerv. Der starre, allzu vorhersehbare Ablauf der einfachen, plausiblen Konzeption war nur noch eintönig.
Nina Mays Resümee der diesjährigen 20. euro-scene Leipzig fällt hinsichtlich der Zahlen gut aus (7.500 Besucher; 97,8% Auslastung), sie bescheinigt dem Festival zudem, nicht nur aus "Alibigründen" an einem Austausch mit dem östlichen Europa interessiert zu sein. Den Titel der Festschrift "Das Kicht kommt aus dem Osten" sah May schon in Alvis Hermanis' Inszenierung "Sonja" des Neuen Theater Riga eingelöst: "Großes Theater, sehr komisch und unheimlich traurig zugleich". Als "schräge Nummer abseits des Festival-Alltags bezeichnete sie Romeo Castelluccis nur 17-minütige Performance in der Hauptpost: "Geschichte des zeitgenössischen Afrikas, Teil III., von der sie sich allerdings fragt, ob "man bereits ein Star sein muss, um sie sich leisten zu können". Ein skurriles Ritual, das "das Gefühl auslöst, einer religiösen Handlung beigewohnt zu haben."
Aus Anlass ihrer Autobiographie "Und außerdem war es mein Leben" besuchte Rolf Richter die 100 Jahre alt gewordene Berliner Schriftstellerin Elfriede Brüning. In einem Offenen Brief hatte sie Edda Ziegler, Autorin des Bandes "Schriftstellerinnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus" vorgeworfen, darin Mitglieder des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller unterschlagen zu haben. "Wäre es nicht endlich an der Zeit, ehrlich und unverkrampft auf unsere gemeinsame Vergangenheit zurückzublicken"? Die in ihrer Jugend vom Sozialismus träumende Autorin sei nun wieder "in den Kapitalismus zurückgeworfen". Verbittert darüber sein sie allerdings nicht. Sie glaube, dass Menschen immer wieder "nach Veränderungen" strebten, um die Güter der Erde gerecht zu verteilen". Jungen Leuten wolle sie auf den Weg mitgeben, dass eine Arbeit, die Freude und Befriedigung bringt, glücklicher machen kann als die Liebe, beständiger sei als die Leidenschaft und niemals so quälend sei wie die Eifersucht.
Benedikt Leßmann notiert eine "schöne, höchst repräsentative Feierstunde" zum 50. Geburtstag der Oper Leipzig, bei der nicht nur Blümchen an treue Abonnenten verteilt wurden, sondern die auch "vorrangig an der Vergangenheit interessiert" gewesen sei. Er schließt mit der Bemerkung, "Bleibt eine Frage offen: Wo soll es in Zukunft hingehen mit der Oper Leipzig?"
Diese Frage hat sich Kulturdezernent Michael Faber bisher eher weniger gestellt. Weil der nach den jüngsten Signalen, dass der Freistaat Sachsen nur noch rund eine Million € Einsparungen für Leipzig vorsehe, hat durchblicken lassen, dass er "mit diesem Kompromiss durchaus leben könne", drohte ihm der "stinksaure" OBM Jung "Konsequenzen" an. Ob die bis zu einer Abwahl gehen, ist noch fraglich. Doch auch die SPD, die Faber 2009 neben den Linken ebenfalls gewählt haben, seien laut Fraktionschef Axel Dyck nicht mehr geschlossen für ihn. Dyck sei zumindest jetzt "enttäuscht", berichtet Ulrich Milde.
Mathias Wöbking hat im Spinnwerk ein "schlechtes Stück" gesehen, in dem die Schauspieler in anderthalb Stunden "im Minutentakt schreien und flüstern, pathetisch proklamieren und hysterisch lachen, gleichzeitig und abwechselnd". Gerade weil sich in der Jugendspielstätte des Centraltheaters eigentlich schon zu Beginn ihrer Arbeit über das Klischee des Jugendtheaters als "problemüberladen" lustig gemacht wurde, sei es besonders enttäuschend, wenn Ricardo Gehn als Regisseur seines Stücks "Kein Ort" gezeigt hat, wie man es nicht machen sollte. Wöbking schließt seinen Text: "Fast hielt man die Standardkritik an Centraltheater-Intendant Sebastian Hartmann - viel Effekte um wenig Botschaft - für ein Klischee. Aber wenn das nun sogar aufs hauseigene Jugendtheater passt?"
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Samstag, 6. November 2010
lvz kultur vom 6.11.10: Alice Cooper, von Schorlemer, Grimaud & Philipp Neumann
Im Reigen der zehn großen Rocksängerlein gibt sich heute auch Alice Cooper in der Arena Leipzig die Ehre. Claudia Nitsche sprach mit der Legende der Siebziger und Achziger Jahre und heutigen Saturn-Werbeikone Dass hinter der schillernden Fassade von Mr. Hyde ein Dr. Jekyll steckt, ein braver Sonntagskirchgänger und seit 35 Jahren verheirateter, seine Kinder liebende Ehemann, mag erstaunen, wenn man es nicht längst wusste oder wenigstens ahnte. Auch hinter den großen des Showbusiness steckt selbstverständlich die Kunst der (Eigen-)Inszenierung. Inmitten der vielen Rockheroen seiner Zeit, von Mick Jagger, Paul Mac Cartney bis Bowie, besetzte der clevere Schauspieler die Rolle des Dracula des Rock n'Roll und füllte sie lustvoll bis heute. Für den privat unspektakulären Geniesser gehörten „Horror und Humor“ schon immer zusammen. Im Gegensatz zu den vielen Eintagsfliegen, für die die Paarung eher andersherum gilt.
Freifrau von Schorlemer, sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, lässt die Katze aus dem Sack. Die Landesbühnen Sachsen werden von einer landeseigenen Einrichtung in eine gGmbH umgewandelt, an der sich (Abstecher-)Kommunen und Kreise beteiligen können oder besser sollen, allen voran die Sitzgemeinde Radebeul. Alle Beteiligten kamen bisher recht kostengünstig und ohne Verpflichtungen in den Genuss des breiten Kulturangebots der LBS. Ob die infragekommenden Städte und Kreise das Geld aufbringen wollen (oder können), bleibt allerdings vollkommen offen. Bei der chronischen Unterfinanzierung der Kommunen sollte man nicht gerade optimistisch sein. Und ob das Konstrukt, Geld, das bisher an die acht Kulturräume verteilt worden ist, diesen rechtmäßig vorenthalten werden kann zugunsten einer klar definierten, regional begrenzten Gesellschafterversammlung, ist mit dem jüngsten Rechtsgutachten von Prof. Ossenbühl ohnehin die Frage. Auch wenn das Land die Summe, die den Räumen genommen werden soll, auf 3 Mio € reduzieren will. Zumal auch der Kulturrat, der an der Verteilung der Gelder innerhalb der Kulturräume mitzuwirken hat, vom Freistaat nicht mit einbezogen wurde. Konsequent bliebe nach wie vor, die zwei oder drei infragekommenden Kulturräume mit mehr Geld auszustatten, um die Umwidmung der LBS zu ermöglichen.
In einer wieder einmal wundervollen Glosse von Jürgen Kleindienst begeht der lvz redakteur den nur als Hofnarr der Mächtigen erlaubten Frevel, eine Preisverleihung in Worten größter Empörung an den Pranger der Öffentlichkeit zu stellen. Gudrun Krämer, eine schon durch ihr Geburtsjahr im Verdacht einer „multikulti-verblendeten Jung-68erin ohne jeden Bezug zur Lebensrealität“ des Bildzeitung lesenden Deutschlands stehenden Institutsprofessorin, ist sicher längst im Visier des BND. Erdreistet sich die Wissenschaftlerin doch einer „ganz besonders raffinierten Form der Verharmlosung islamistischer Bedrohung“. Sie will partout über Inhalte integrationsfördernder Umstände reden. Und wird dafür sogar ausgezeichnet. Und mit 100.000 € versehen. Wie sagt Kleindienst: „Nicht zu fassen!“
Der Meister des journalistischen double-bind, Peter Korfmacher, schreibt über ein Aufsehen erregendes Großes Concert im Gewandhaus. Beethovens fünftes Klavierkonzert, diese „Rebellion in Tönen“, wurde gegeben, unter der Leitung von Roger Norrington, mit Hélène Grimaud am Flügel. Korfmacher spricht von „Verlusten“ und davon, wie „schwer“ sich die beiden Protagonisten tun, die „Akkordschläge des Kopfsatzes übereinander“ zu bringen. Zu unterschiedlich ihre Interpretationsansätze. Zuspitzung (Grimaud) contra Ausgleich (Norrington). Andererseits vermag der „allumfassende Anspruch“ dieses Beethoven-Konzerts gerade dadurch „hörbar“ werden, dass „man nicht versucht, die Widersprüche in philharmonische Verbindlichkeit aufzulösen“. Auch Korfmacher ist Virtuose in der Kunst, einerseits und andererseits, Zuspitzung und Ausgleich gleichermaßen anzubieten, für jeden das, was er hören oder lesen mag.
Nina May hat noch einen kurzen eineinhalbstündigen Abend in der Schaubühne Lindenfels verbracht. Philipp J. Neumanns Instinkt-Tanz-Theater „Prophezeiung 20/11“ fand als Eigenproduktion der euro-scene Leipzig statt, doch „was zu Beginn noch wohligen Schauer auslöst, lässt bald kalt“. Der Abend verbleibt im „Experiment-Charakter“ und zeigt abgesehen von spannungsvollen Objektinstallationen von Hagen Tilp eher ein „verwirrtes Getaumel der Tänzer“, die sich zunehmend hin zum Animalischen entwickeln, bevor die Tiermenschen durch eine Herde echter Schafe abgelöst und sich von einem artifiziellen Gebilde ins Bockshorn jagen lassen. So wie die Zuschauer, die „Schafsleckerlis“ und später müden Applaus spenden dürfen.
Freifrau von Schorlemer, sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, lässt die Katze aus dem Sack. Die Landesbühnen Sachsen werden von einer landeseigenen Einrichtung in eine gGmbH umgewandelt, an der sich (Abstecher-)Kommunen und Kreise beteiligen können oder besser sollen, allen voran die Sitzgemeinde Radebeul. Alle Beteiligten kamen bisher recht kostengünstig und ohne Verpflichtungen in den Genuss des breiten Kulturangebots der LBS. Ob die infragekommenden Städte und Kreise das Geld aufbringen wollen (oder können), bleibt allerdings vollkommen offen. Bei der chronischen Unterfinanzierung der Kommunen sollte man nicht gerade optimistisch sein. Und ob das Konstrukt, Geld, das bisher an die acht Kulturräume verteilt worden ist, diesen rechtmäßig vorenthalten werden kann zugunsten einer klar definierten, regional begrenzten Gesellschafterversammlung, ist mit dem jüngsten Rechtsgutachten von Prof. Ossenbühl ohnehin die Frage. Auch wenn das Land die Summe, die den Räumen genommen werden soll, auf 3 Mio € reduzieren will. Zumal auch der Kulturrat, der an der Verteilung der Gelder innerhalb der Kulturräume mitzuwirken hat, vom Freistaat nicht mit einbezogen wurde. Konsequent bliebe nach wie vor, die zwei oder drei infragekommenden Kulturräume mit mehr Geld auszustatten, um die Umwidmung der LBS zu ermöglichen.
In einer wieder einmal wundervollen Glosse von Jürgen Kleindienst begeht der lvz redakteur den nur als Hofnarr der Mächtigen erlaubten Frevel, eine Preisverleihung in Worten größter Empörung an den Pranger der Öffentlichkeit zu stellen. Gudrun Krämer, eine schon durch ihr Geburtsjahr im Verdacht einer „multikulti-verblendeten Jung-68erin ohne jeden Bezug zur Lebensrealität“ des Bildzeitung lesenden Deutschlands stehenden Institutsprofessorin, ist sicher längst im Visier des BND. Erdreistet sich die Wissenschaftlerin doch einer „ganz besonders raffinierten Form der Verharmlosung islamistischer Bedrohung“. Sie will partout über Inhalte integrationsfördernder Umstände reden. Und wird dafür sogar ausgezeichnet. Und mit 100.000 € versehen. Wie sagt Kleindienst: „Nicht zu fassen!“
Der Meister des journalistischen double-bind, Peter Korfmacher, schreibt über ein Aufsehen erregendes Großes Concert im Gewandhaus. Beethovens fünftes Klavierkonzert, diese „Rebellion in Tönen“, wurde gegeben, unter der Leitung von Roger Norrington, mit Hélène Grimaud am Flügel. Korfmacher spricht von „Verlusten“ und davon, wie „schwer“ sich die beiden Protagonisten tun, die „Akkordschläge des Kopfsatzes übereinander“ zu bringen. Zu unterschiedlich ihre Interpretationsansätze. Zuspitzung (Grimaud) contra Ausgleich (Norrington). Andererseits vermag der „allumfassende Anspruch“ dieses Beethoven-Konzerts gerade dadurch „hörbar“ werden, dass „man nicht versucht, die Widersprüche in philharmonische Verbindlichkeit aufzulösen“. Auch Korfmacher ist Virtuose in der Kunst, einerseits und andererseits, Zuspitzung und Ausgleich gleichermaßen anzubieten, für jeden das, was er hören oder lesen mag.
Nina May hat noch einen kurzen eineinhalbstündigen Abend in der Schaubühne Lindenfels verbracht. Philipp J. Neumanns Instinkt-Tanz-Theater „Prophezeiung 20/11“ fand als Eigenproduktion der euro-scene Leipzig statt, doch „was zu Beginn noch wohligen Schauer auslöst, lässt bald kalt“. Der Abend verbleibt im „Experiment-Charakter“ und zeigt abgesehen von spannungsvollen Objektinstallationen von Hagen Tilp eher ein „verwirrtes Getaumel der Tänzer“, die sich zunehmend hin zum Animalischen entwickeln, bevor die Tiermenschen durch eine Herde echter Schafe abgelöst und sich von einem artifiziellen Gebilde ins Bockshorn jagen lassen. So wie die Zuschauer, die „Schafsleckerlis“ und später müden Applaus spenden dürfen.
Donnerstag, 4. November 2010
lvz kultur vom 4.11.10: Landtag, Kulturräume, Philipp Neumann & Mendelssohn
12-13.000 Teilnehmer meldet die anwesende Polizei, 10.000 die lvz. Der Protestmarsch und die anschließende Kundgebung vor dem Dresdner Landtag war so vielfältig und kraftvoll, dass überall Staunen angesagt war. Ob das schicke Mobiliar des Landtages, die Anzugträger, die im durchsichtigen Fahrstuhl hoch und runter fuhren oder hinter der Glasfassade vorsichtig einen Blick riskierten, außer coolem Äußeren und augenscheinlichem Respekt etwas verstanden haben, bleibt offen.
Jürgen Kochinke macht für die lvz aus allem eine launige Bratwurst- und Studentendemoberichterstattung, bemerkt laute Musik und Trillerpfeifen, versucht, die Kundgebung als etwas minderbemittelte Verbandsegoisten erscheinen zu lassen. Ernst und Entschlossenheit, Argumente und Originalität, Emotionalität und Radikalität, Vielfalt und Größe der Kundgebung bleiben bestenfalls Folklore in der Berichterstattung. Dafür, dass die lvz journalistisch kaum jemand ernst nimmt, sorgt sie schon selbst.
Doch auch innerhalb des Landtags gab es viele Stimmen zu den vorsichtigen Rückzugsgefechten der CDU/FDP-Regierung und Änderungen am angekündigten Kürzungskurs. Sven Heitkamp berichtet, dass Linke, Grüne, aber auch SPD die Korrekturen am Sparkurs - 40 Mio € mehr bei Milliardeneinsparungen - für Makulatur halten. Geändert werden sollen Kleinigkeiten. Antje Hermenau: "Die sozialen Grausamkeiten bleiben - offenkundig aus ideologischen Gründen." Es ist erstaunlich. Die politische Klasse verficht weiter einen knallharten neoliberalen Sparkurs, der die Rolle des gestaltenden Staates immer weiter reduziert. Änderungen werden nach Klassenzugehörigkeit schnell (Freie Schulen und Musikschulen) oder weniger schnell bzw. deutlich (Kulturräume) angekündigt. Soziales und Jugend, Kommunen und die Kultur jenseits der Leuchttürme werden größtenteils - und bewusst - übergangen. Leipzigs Unirektor Franz Häuser ist es vorbehalten, die bildungspolitischen Kürzungen in den Zusammenhang einer "Lehre und Forschung nach wirtschaftsnahen Gesichtspunkten" zu stellen. Da sind die Finanzen vorgeschobene Argumente für die politischen Inhalte. Nicht nur dort.
Die Reaktionen auf die angekündigten Ein-klein-wenig-weniger-Einsparungen sind bei Leipzigs Kulturchefs dementsprechend, so Jürgen Kleindienst. Die Hälfte von falsch ist weiter falsch, und nicht halb falsch. Gewandhausdirektor Andreas Schulz sagt klar, "Für uns gibt es keinen Kompromiss, sondern nur ein Ziel, nämlich, dass die Einsparungen auf Null gestellt werden." Zudem sei die Sparvorgabe weiterhin "nicht verfassungskonform", wie ein Rechtsgutachten im Auftrag von Oper, Schauspiel und Gewandhaus ergab. Nur die Politik knickt vorsichtig ein: OBM Jung spricht von "Bewegung in die richtige Richtung", Kulturdezernent Faber will auf der Grundlage der Ankündigungen bereits "vernünftige Politik machen". Auch wenn Politik in der Regel aus Kompromissen besteht, hier sind sie falsch. Dresdens Regierung wartet nur auf solche butterweichen Statements.
Was sagen eigentlich die Leipziger CDU und FDP-Landtagsabgeordneten dazu?
Klaus Stäubert berichtet im Lokalen über einen überraschenden Meinungswandel bei Dezernent Michael Faber. Er will das Naturkundemuseum nun doch offensiver erhalten als bisher. "Es geht um die Wiedereröffnung des Museums mit einer neuen Konzeption an einem voraussichtlich neuen Standort bis 2014".
Einen Vorbericht mit etwas wirren Statements ihres Gesprächspartners hat Nina May über die Eigenproduktion der euro-scene "Prophezeiung 20/11" geschrieben. Vielleicht erscheint ja in der gedruckten Ausgabe doch eine Kritik der Aufführung, ähnlich wie im Gegensatz zur Onlineausgabe in der gestern gedruckten Ausgabe der lvz eine kritische Würdigung des Alain-Olatel-Abends enthalten war. Regisseur Philipp J. Neumann machte also ein Stück über die Prophezeiung eines indischen Mönchs, die besagt, dass Mensch und Tier einander ebenbürtig sein werden. Sein Ziel seiner Arbeit sei, "auf hohem Niveau zu unterhalten". Das hat er leider nicht getan. Mehr als freundlicher Applaus war gestern nicht drin. Neumann ahnte das schon. Wahrscheinlich empfand er nicht nur das Stück als "ziemlich beunruhigend", sondern auch seine eigene Inszenierung.
Des weiteren darf Peter Korfmacher den Ankauf eines Briefes und mancher Erstdrucke aus Felix Mendelssohns Feder loben. Für 10.000 € seien die erworbenen Stücke ein Schnäppchen. Und das Mendelssohn-Haus auf dem Weg vom Museum zu einer Forschungseinrichtung. Bereits jetzt lasse sich schon sagen, dass der Leipziger Komponist in ganz Europa äußerst gut "vernetzt" gewesen sei, weitere brisante Ergebnisse seien zu erwarten, wenn die Widmungen auf den Erstdrucken wissenschaftlich untersucht würden..
Jürgen Kochinke macht für die lvz aus allem eine launige Bratwurst- und Studentendemoberichterstattung, bemerkt laute Musik und Trillerpfeifen, versucht, die Kundgebung als etwas minderbemittelte Verbandsegoisten erscheinen zu lassen. Ernst und Entschlossenheit, Argumente und Originalität, Emotionalität und Radikalität, Vielfalt und Größe der Kundgebung bleiben bestenfalls Folklore in der Berichterstattung. Dafür, dass die lvz journalistisch kaum jemand ernst nimmt, sorgt sie schon selbst.
Doch auch innerhalb des Landtags gab es viele Stimmen zu den vorsichtigen Rückzugsgefechten der CDU/FDP-Regierung und Änderungen am angekündigten Kürzungskurs. Sven Heitkamp berichtet, dass Linke, Grüne, aber auch SPD die Korrekturen am Sparkurs - 40 Mio € mehr bei Milliardeneinsparungen - für Makulatur halten. Geändert werden sollen Kleinigkeiten. Antje Hermenau: "Die sozialen Grausamkeiten bleiben - offenkundig aus ideologischen Gründen." Es ist erstaunlich. Die politische Klasse verficht weiter einen knallharten neoliberalen Sparkurs, der die Rolle des gestaltenden Staates immer weiter reduziert. Änderungen werden nach Klassenzugehörigkeit schnell (Freie Schulen und Musikschulen) oder weniger schnell bzw. deutlich (Kulturräume) angekündigt. Soziales und Jugend, Kommunen und die Kultur jenseits der Leuchttürme werden größtenteils - und bewusst - übergangen. Leipzigs Unirektor Franz Häuser ist es vorbehalten, die bildungspolitischen Kürzungen in den Zusammenhang einer "Lehre und Forschung nach wirtschaftsnahen Gesichtspunkten" zu stellen. Da sind die Finanzen vorgeschobene Argumente für die politischen Inhalte. Nicht nur dort.
Die Reaktionen auf die angekündigten Ein-klein-wenig-weniger-Einsparungen sind bei Leipzigs Kulturchefs dementsprechend, so Jürgen Kleindienst. Die Hälfte von falsch ist weiter falsch, und nicht halb falsch. Gewandhausdirektor Andreas Schulz sagt klar, "Für uns gibt es keinen Kompromiss, sondern nur ein Ziel, nämlich, dass die Einsparungen auf Null gestellt werden." Zudem sei die Sparvorgabe weiterhin "nicht verfassungskonform", wie ein Rechtsgutachten im Auftrag von Oper, Schauspiel und Gewandhaus ergab. Nur die Politik knickt vorsichtig ein: OBM Jung spricht von "Bewegung in die richtige Richtung", Kulturdezernent Faber will auf der Grundlage der Ankündigungen bereits "vernünftige Politik machen". Auch wenn Politik in der Regel aus Kompromissen besteht, hier sind sie falsch. Dresdens Regierung wartet nur auf solche butterweichen Statements.
Was sagen eigentlich die Leipziger CDU und FDP-Landtagsabgeordneten dazu?
Klaus Stäubert berichtet im Lokalen über einen überraschenden Meinungswandel bei Dezernent Michael Faber. Er will das Naturkundemuseum nun doch offensiver erhalten als bisher. "Es geht um die Wiedereröffnung des Museums mit einer neuen Konzeption an einem voraussichtlich neuen Standort bis 2014".
Einen Vorbericht mit etwas wirren Statements ihres Gesprächspartners hat Nina May über die Eigenproduktion der euro-scene "Prophezeiung 20/11" geschrieben. Vielleicht erscheint ja in der gedruckten Ausgabe doch eine Kritik der Aufführung, ähnlich wie im Gegensatz zur Onlineausgabe in der gestern gedruckten Ausgabe der lvz eine kritische Würdigung des Alain-Olatel-Abends enthalten war. Regisseur Philipp J. Neumann machte also ein Stück über die Prophezeiung eines indischen Mönchs, die besagt, dass Mensch und Tier einander ebenbürtig sein werden. Sein Ziel seiner Arbeit sei, "auf hohem Niveau zu unterhalten". Das hat er leider nicht getan. Mehr als freundlicher Applaus war gestern nicht drin. Neumann ahnte das schon. Wahrscheinlich empfand er nicht nur das Stück als "ziemlich beunruhigend", sondern auch seine eigene Inszenierung.
Des weiteren darf Peter Korfmacher den Ankauf eines Briefes und mancher Erstdrucke aus Felix Mendelssohns Feder loben. Für 10.000 € seien die erworbenen Stücke ein Schnäppchen. Und das Mendelssohn-Haus auf dem Weg vom Museum zu einer Forschungseinrichtung. Bereits jetzt lasse sich schon sagen, dass der Leipziger Komponist in ganz Europa äußerst gut "vernetzt" gewesen sei, weitere brisante Ergebnisse seien zu erwarten, wenn die Widmungen auf den Erstdrucken wissenschaftlich untersucht würden..
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Mittwoch, 3. November 2010
lvz kultur vom 3.11.10: euro-scene, Weltmännertag, Johanna Doderer & Günter Grass
Ein bisschen Etikettenschwindel darf schon sein. Nina May tut so, als hätte sie Alain Platels "Out of Context" bereits gesehen. Da geht es ihr wie Ann-Elisabeth Wolff, die die Choreographie des Flamen für das Jubiläumsprogramm der euro-scene ebenfalls blind gebucht hatte. "Es wird schon gutgehen, in unserem 20. Jahr", dachte die Festivalleiterin. Es ist gutgegangen. Der Abend war überwältigend, faszinierend die radikale Körpersprache der Tänzer. Begegnungen im Zeitraffer, ein permanentes Kommen und Gehen, bei der Selbstdarstellungen wie Zweisamkeiten in übergroßer Nacktheit stattfinden. Leicht, humorvoll. Gedanken bleiben ausgeschaltet, die Körpermitte, alles, was Anziehung bedeuten kann, auf sämtliche Extremitäten ausgedehnt. So muss Liebe sein.
Die Choreographie bezeichnet Alain Platel übrigens als "Geschenk" an Pina Bausch. "Wir dürfen nicht aufhören, über sie zu reden", habe er auf der Pressekonferenz gesagt. Dennoch, Zeit, auch über Platel zu reden. Nina May spricht von seiner Körpersprache, die aus "gemein als hässlich charakterisierten Bewegungen wie Zuckungen und Krämpfen zusammengesetzt" sei. Dabei erzählen sie Geschichten ohne Ende, von Augenblicken, Gefühlen, von Aufeinandertreffen. Menschen kommen, entkleiden sich. Treffen aufeinander. Es gibt keine Wertung, keinen Abschied, keinen Tod. Es gibt nur das Wiederankleiden und Verschwinden in der Gegenwart.
In der Glosse "ausgepresst" bedauert Janina Fleischer den Mann, der es zugelassen hat, dass es heute einen Weltmännertag gibt. Nachdem die Grundfrage geklärt ist, wann ein Mann ein Mann sei (wenn er auf dem Rasen eine gute Figur macht), bleibt noch etwas Zeit zum Mitleid. Zum Aufruf via lvz, die Männer "nicht länger in Problemzonen wie Eckkneipen, Chefetagen und Fitnessstudios abzuschieben". Sie sollten "mit offenen Armen aufgenommen" werden - Herzlich willkommen! - in der Mitte der Gesellschaft, der Frau. Darin fühlt sich Mann ohnehin besonders wohl. Vorausgesetzt Mann besteht den Eignungstest, den Kinderwagen beulenfrei in der Küche einzuparken.
Der Erfurter Generalintendant Guy Montavon hat seine jüngste Opernentdeckung, Johanna Doderers "Der leuchtende Fluss", gleich selbst uraufgeführt. Peter Korfmacher hat die Landesgrenze zu Thüringen überschritten und kehrt im Triumphzug heim mit dem erbeuteten Haupt des Librettisten Wolfgang Hermann. Toller Plot. Musik phasenweise auf Schnittke-Niveau (Ouvertüre), die das Publikum - so Korfmacher - mit moderner Oper versöhnen könne, doch die Hoffnung trügt (2. Akt) und nährt nun allein jene auf ein baldiges Ende (3. Akt). Die Geschichte eines indianischstämmigen amerikanischen Soldaten im Pazifik, der an der US-Propaganda zerbricht, habe soziale und politische Sprengkraft. Doch Hermann findet keine Sprache für seine Figuren, seine "Trockenprosa" lähme gar die Komponistin zunehmend bis zur Inspirationslosigkeit. Auch "große Theaterbilder" des Regisseurs halten die Geschichte nicht über Wasser. Die Sänger bewältigen ihre "undankbaren Aufgaben" mit "Anstand und Würde". Am Ende tosender Applaus des Publikums "als Wechsel auf Doderers Opern-Zukunft" und den "Mut" des bis 2017 "verlängerten" Generals.
Hatte Sarkozy doch Recht, als er Angela Merkel mit dem Ausplaudern einer geplanten Rückführung Tausender von Roma aus Deutschland nach Bulgarien und Rumänien in den Rücken fiel, um seine Haut zu retten? Günter Grass jedenfalls warnt vor einer massiven Abschiebung der 8500 in Deutschland lebenden Rom, die auf dem Balkan von neuem in einen Überlebenskampf geraten würden.
Gestern begannen Haustarifverhandlungen für 500 Beschäftigte der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle. Scheitern sie, schließt das Thalia Theater zum Ende der Spielzeit. Scheitern sie nicht, schließt es voraussichtlich ein Jahr später. Im ersten Fall Erpressung. Im zweiten Fall kalkulierte Bösartigkeit. RTL stellt Kinderschänder an den Pranger. Wird Zeit, dass Menschen, die wissentlich dazu beitragen, Kindern ihre Zukunft zu rauben, gesellschaftlicher Positionen enthoben werden. Ja, Sie sind gemeint, Herr Stiska, Frau Szabados!
Die Choreographie bezeichnet Alain Platel übrigens als "Geschenk" an Pina Bausch. "Wir dürfen nicht aufhören, über sie zu reden", habe er auf der Pressekonferenz gesagt. Dennoch, Zeit, auch über Platel zu reden. Nina May spricht von seiner Körpersprache, die aus "gemein als hässlich charakterisierten Bewegungen wie Zuckungen und Krämpfen zusammengesetzt" sei. Dabei erzählen sie Geschichten ohne Ende, von Augenblicken, Gefühlen, von Aufeinandertreffen. Menschen kommen, entkleiden sich. Treffen aufeinander. Es gibt keine Wertung, keinen Abschied, keinen Tod. Es gibt nur das Wiederankleiden und Verschwinden in der Gegenwart.
In der Glosse "ausgepresst" bedauert Janina Fleischer den Mann, der es zugelassen hat, dass es heute einen Weltmännertag gibt. Nachdem die Grundfrage geklärt ist, wann ein Mann ein Mann sei (wenn er auf dem Rasen eine gute Figur macht), bleibt noch etwas Zeit zum Mitleid. Zum Aufruf via lvz, die Männer "nicht länger in Problemzonen wie Eckkneipen, Chefetagen und Fitnessstudios abzuschieben". Sie sollten "mit offenen Armen aufgenommen" werden - Herzlich willkommen! - in der Mitte der Gesellschaft, der Frau. Darin fühlt sich Mann ohnehin besonders wohl. Vorausgesetzt Mann besteht den Eignungstest, den Kinderwagen beulenfrei in der Küche einzuparken.
Der Erfurter Generalintendant Guy Montavon hat seine jüngste Opernentdeckung, Johanna Doderers "Der leuchtende Fluss", gleich selbst uraufgeführt. Peter Korfmacher hat die Landesgrenze zu Thüringen überschritten und kehrt im Triumphzug heim mit dem erbeuteten Haupt des Librettisten Wolfgang Hermann. Toller Plot. Musik phasenweise auf Schnittke-Niveau (Ouvertüre), die das Publikum - so Korfmacher - mit moderner Oper versöhnen könne, doch die Hoffnung trügt (2. Akt) und nährt nun allein jene auf ein baldiges Ende (3. Akt). Die Geschichte eines indianischstämmigen amerikanischen Soldaten im Pazifik, der an der US-Propaganda zerbricht, habe soziale und politische Sprengkraft. Doch Hermann findet keine Sprache für seine Figuren, seine "Trockenprosa" lähme gar die Komponistin zunehmend bis zur Inspirationslosigkeit. Auch "große Theaterbilder" des Regisseurs halten die Geschichte nicht über Wasser. Die Sänger bewältigen ihre "undankbaren Aufgaben" mit "Anstand und Würde". Am Ende tosender Applaus des Publikums "als Wechsel auf Doderers Opern-Zukunft" und den "Mut" des bis 2017 "verlängerten" Generals.
Hatte Sarkozy doch Recht, als er Angela Merkel mit dem Ausplaudern einer geplanten Rückführung Tausender von Roma aus Deutschland nach Bulgarien und Rumänien in den Rücken fiel, um seine Haut zu retten? Günter Grass jedenfalls warnt vor einer massiven Abschiebung der 8500 in Deutschland lebenden Rom, die auf dem Balkan von neuem in einen Überlebenskampf geraten würden.
Gestern begannen Haustarifverhandlungen für 500 Beschäftigte der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle. Scheitern sie, schließt das Thalia Theater zum Ende der Spielzeit. Scheitern sie nicht, schließt es voraussichtlich ein Jahr später. Im ersten Fall Erpressung. Im zweiten Fall kalkulierte Bösartigkeit. RTL stellt Kinderschänder an den Pranger. Wird Zeit, dass Menschen, die wissentlich dazu beitragen, Kindern ihre Zukunft zu rauben, gesellschaftlicher Positionen enthoben werden. Ja, Sie sind gemeint, Herr Stiska, Frau Szabados!
Montag, 1. November 2010
lvz kultur vom 2.11.10: Harry Rowohlt, Joe Cocker, der Ring & Cornelia Funke
Zählt Harry Rowohlt zur deutschen Leitkultur? Ein solches Deutschland wäre Heimat. Der Humor jedenfalls würde gewinnen, die Literatur, die Kunst ganz allgemein. All das liegt an dem Läusekamm, den Rowohlt penibel durch alles Gesagte und Geschriebene zieht und Unrhythmisches und anderes Störende herauskämmt. Andere würden Rowohlt wohl am liebsten selbst einer solchen Prozedur aussetzen.
In seiner Leipziger Poetikvorlesung hadert der Übersetzer aus dem Englischen mit der Langatmigkeit der deutschen Sprache, die er permanent zum Schwingen bringen will. Klang ersetzt Bedeutung, nichts bleibt, wie es scheint. "Die Gans ist heute eine Pute, und Uli heißt aus Quatsch mal Ute." Übrig bleibt Gesang. Und der Tanz der Synapsen. Das Publikum, schreibt Janina Fleischer, lachte herzlich.
Der Sheffielder Straßenjunge und Altrocker Joe Cocker stellt in der Leipziger Arena seine neue CD "Hard Knocks" vor. Im Gespräch mit Dagmar Leischow soll er sich vor allem rechtfertigen. Für den poppigen Sound. Für die Mitarbeit von anderen. Für seine Coverversionen. Ansonsten fragt sie ihn, ob es ihn ärgere, dass... langweile, dass... leid tue, dass... störe, dass... und ob er gerne an Woodstocke zurückdenke, nicht lieber vor kleinerem Publikum spiele, Blumen züchten wolle, Drogen nehmen, verfetten, vom Dach stürzen oder wenigstens - ans Aufhören denkt.
Cocker tut ihr den Gefallen nicht. Solange seine Stimme o.k. sei und er die Kraft habe, zwei Stunden auf der Bühne zu stehen, mache er weiter. Warum auch nicht?
Christian Rupp stellt sich die Frage, ob sich Vera Nemirova mit ihrem "Ring"-Zyklus an der Oper Frankfurt wohl in die Phalanx der Vorgänger einreihen könne, die aus Gielen/Berghaus/Manthey und aus Wernicke bestehe. Fraglich, befindet Rupp, ohne irgend ein Argument zu nennen; das Publikum möge noch so jubeln. Vielleicht liegts an Wotan (Terje Stensvold), der "gramgebeugt", ein "hemdsärmeliges Etwas", für den "Niedergang göttlicher Macht" stehe? Vielleicht auch nicht. Rupp sagt es nicht.
Von der heute beginnenden 20. euro-scene Leipzig vermisst Nina May die Reibung, die von ihr ausgeht, ein Zeichen, das erkennbar würde, Staub, der aufwirbelt. Etabliert und anerkannt, dafür eingefahren und überraschungsarm sei die euro-scene Leipzig geworden. Der Schwerpunkt Osteuropa, den sie als Eigenes pflege, bleibt gewollt, steril. "Das Licht kommt aus dem Osten", titelt die Festschrift zum 20. Jubiläum des Festivals. Kein Polarlicht. Kein Meeresleuchten. Der Strom kommt aus der gleichen Steckdose wie im Westen.
Hat Cornelia Funke ihren Höhepunkt überschritten? Bedient sie sich nur noch eklektisch bei den Großen der Märchen- und Fantasyliteratur? Ihr neuester Roman "Reckless. Steinernes Fleisch" ist im Dresdner Staatsschauspiel auf der Bühne zu erleben, noch vor der Filmpremiere. Dramaturg Robert Koall, der auch Tintenherz für die Bühne bearbeitete, hat wieder das Vorrecht der ersten und aller folgenden Nächte. Frank Panhans, umtriebiger Kinder- und Jugendtheaterregisseur, macht aus der Vorlage "Familientheater", wie Bistra Klunker berichtet. Mehr nicht. Das Potpourri Grimmscher und anderer Motive wird von "geheimnisvollem Märchensound" der Dresdner Band Polarkreis 18 begleitet. Irgendwo im Text steht wohl auch, dass das Publikum begeistert gewesen sei.
In seiner Leipziger Poetikvorlesung hadert der Übersetzer aus dem Englischen mit der Langatmigkeit der deutschen Sprache, die er permanent zum Schwingen bringen will. Klang ersetzt Bedeutung, nichts bleibt, wie es scheint. "Die Gans ist heute eine Pute, und Uli heißt aus Quatsch mal Ute." Übrig bleibt Gesang. Und der Tanz der Synapsen. Das Publikum, schreibt Janina Fleischer, lachte herzlich.
Der Sheffielder Straßenjunge und Altrocker Joe Cocker stellt in der Leipziger Arena seine neue CD "Hard Knocks" vor. Im Gespräch mit Dagmar Leischow soll er sich vor allem rechtfertigen. Für den poppigen Sound. Für die Mitarbeit von anderen. Für seine Coverversionen. Ansonsten fragt sie ihn, ob es ihn ärgere, dass... langweile, dass... leid tue, dass... störe, dass... und ob er gerne an Woodstocke zurückdenke, nicht lieber vor kleinerem Publikum spiele, Blumen züchten wolle, Drogen nehmen, verfetten, vom Dach stürzen oder wenigstens - ans Aufhören denkt.
Cocker tut ihr den Gefallen nicht. Solange seine Stimme o.k. sei und er die Kraft habe, zwei Stunden auf der Bühne zu stehen, mache er weiter. Warum auch nicht?
Christian Rupp stellt sich die Frage, ob sich Vera Nemirova mit ihrem "Ring"-Zyklus an der Oper Frankfurt wohl in die Phalanx der Vorgänger einreihen könne, die aus Gielen/Berghaus/Manthey und aus Wernicke bestehe. Fraglich, befindet Rupp, ohne irgend ein Argument zu nennen; das Publikum möge noch so jubeln. Vielleicht liegts an Wotan (Terje Stensvold), der "gramgebeugt", ein "hemdsärmeliges Etwas", für den "Niedergang göttlicher Macht" stehe? Vielleicht auch nicht. Rupp sagt es nicht.
Von der heute beginnenden 20. euro-scene Leipzig vermisst Nina May die Reibung, die von ihr ausgeht, ein Zeichen, das erkennbar würde, Staub, der aufwirbelt. Etabliert und anerkannt, dafür eingefahren und überraschungsarm sei die euro-scene Leipzig geworden. Der Schwerpunkt Osteuropa, den sie als Eigenes pflege, bleibt gewollt, steril. "Das Licht kommt aus dem Osten", titelt die Festschrift zum 20. Jubiläum des Festivals. Kein Polarlicht. Kein Meeresleuchten. Der Strom kommt aus der gleichen Steckdose wie im Westen.
Hat Cornelia Funke ihren Höhepunkt überschritten? Bedient sie sich nur noch eklektisch bei den Großen der Märchen- und Fantasyliteratur? Ihr neuester Roman "Reckless. Steinernes Fleisch" ist im Dresdner Staatsschauspiel auf der Bühne zu erleben, noch vor der Filmpremiere. Dramaturg Robert Koall, der auch Tintenherz für die Bühne bearbeitete, hat wieder das Vorrecht der ersten und aller folgenden Nächte. Frank Panhans, umtriebiger Kinder- und Jugendtheaterregisseur, macht aus der Vorlage "Familientheater", wie Bistra Klunker berichtet. Mehr nicht. Das Potpourri Grimmscher und anderer Motive wird von "geheimnisvollem Märchensound" der Dresdner Band Polarkreis 18 begleitet. Irgendwo im Text steht wohl auch, dass das Publikum begeistert gewesen sei.
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