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Montag, 17. Januar 2011

lvz kultur vom 17.1.11: Schisser in der lvz. Spinnereirundgang. Rieu&Berg. Penderecki.

Alles in Ordnung. Alle Jahre wieder das Christuskind, und alle halben der Rundgang durch die Spinnerei. Da es diesmal keine neue Ausstellungen zu sehen gibt, geht Meinhard Michael seiner Chronistenpflicht insofern nach, als er im journalistischen Schweinsgalopp nichts weiter als einen Touristenwegweiser durch die Galerienszene aufstellt, zu jeder Galerie ein Sätzchen, jedem Künstler eine nette Bemerkung. Nur schade, dass Michael sich dort, wo es spannend werden könnte, verweigert. "Gerade über dieses Diskussionswürdige ... sollte bei anderer Gelegenheit noch die Rede sein." Stattdessen ein wenig Szeneklatsch mit insiderhaftem Raunen ("Weiterer Rückgang der Aufmerksamkeit?" für die Galerie eigen + art, wegen der Nichtberücksichtigung bei der Art Basel. Aha? Deutete sich da schon früher etwas an?) samt Orakel á la Pythia ("Wenn selbstverständlich wäre, dass Qualiät den Ausschlag gibt, müsste man in der Spinnerei nicht Bange sein") oder Bemerkungen, die der Leser wohl nicht so souverän wie der Schreiber einordnen kann ("Die maßvolle Veranstaltung macht den Rundgang vom letzten Mal souverän vergessen"). Was war denn so vergessenswert? Und ist diesmal ganz anders? Wichtig war es Michael mitzuteilen, dass der Rundgang "allgemein zu gefallen schien." Und ihm? Solange die lvz über die Postille SpinArt - und vermutlich weit mehr - in den Rundgang involviert ist, kein imageschädigendes Wort? Genau das macht die lvz tendenziell überflüssig.

Laut dpa Bericht befürchtet der ungarische Pianist András Schiff, dass er nach seinem Offenen Brief gegen das ungarische Mediengesetz keine Auftritte mehr in Ungarn haben wird. "Was in Ungarn geschieht, erinnert mich an manche schlimme Diktaturen." Offene Worte haben tatsächlich in vielen Ländern in zunehmendem Maße Konsequenzen, ohne dass dabei Gerichte bemüht werden. Paulo Coelho und der Iran war das jüngste, möglicherweise gerade noch abgewendete Beispiel, aber auch die maßlose Kriegsführung gegen Wikileaks in den USA ist frei von jedem Versuch einer juristischen Klärung, ob die Veröffentlichung von Dokumenten ungesetzlich sei.

Jürgen Kleindienst will die jubiläumsselige Praxis der lvz redaktion stärker unterstrichen sehen , indem er bitteschön weitere jährlich - oder in kürzeren Abständen - zu vergebende Auszeichnungen einfordert. Animiert durch die Vergabe des "Fossils des Jahres" ("Joopi Heesters leider leer ausgegangen") an alte Haiskelette, fordert jkl den "Lebensmittelskandal des Monats" oder die "kulturpolitische Gurke der Woche". Für die hat er allerdings bereits eine starken Kandidaten: die geplante Abwahl des Kulturbürgermeisters Michael Fabers am Mittwoch dieser Woche.

Eine Beschimpfung geht nicht ohne Talk und ein Talk nicht ohne Beschimpfung. Diese aufsehenerregende Erkenntnis war Grundlage für Sebastian Hartmanns "fließende Fusion" von Publikumsbeschimpfung und Centraltalk. Steffen Georgi fragt sich, bei aller offenkundigen Absicht, das Theater als Kunstform zu befragen, ob "das Theater eigentlich immer schon so masochistisch war?" Und das war noch nicht mal auf die vierstündige Dauer der Veranstaltung gemünzt. Georgi scheute sich nicht, "Stadttheater-Gulag" als Bild zu bemühen (für Maximilian Bauer, Guido Lambrecht und Peter René Lüdicke in Handkes Werk) und einen im nachfolgenden Talk "grenzdebilen Moderator" zu outen. Ob das Publikum eine Rolle spielte, was konkrete Inhalte des Talks waren, erschließt sich aus Georgis Beitrag nicht. Der fasst den Abend als "gewohnt überkandidelt" zusammen. Klingt so, als sei es eher eine Performance geblieben. Beeindruckt haben ihn allerdings die spielerische Intensität oder Vehemenz oder Energie, je nach dem, was sein Synonymwörterbuch hergab, und dann Fosses Text "Tod in Theben", aus dessen "gescheiterter" Salzburger Inszenierung Text-Ausschnitte zu sehen bzw. hören waren ("Scheitern als Chance"). An dem grandiosen Brocken ("Echt nichts für Schisser") könne man tatsächlich schon mal scheitern.

Zweimal Opium fürs Volk besprechen Heike Bronn und Thomas Düll, beidemale in der Arena. Einmal André Rieu ("Entertainment im besten Sinne"), dann Schlagersängerin Andrea Berg ("Ich entführe euch, hex und weg, in ein - nein, in mein Märchenland. Voller Magie. Mit ganz viel Liebe"). Spaß, gute Laune und schmachtende, schunkelnde Paare im Saal waren das Ergebnis. Bronn und Düll sind garnicht mal unkritisch. Doch sie beherrschen beide die Kunst, jedem - dem begeisterten Zuschauer wie dem konsternierten Kritiker - zitierfähige Sätze nach seiner Fasson anzubieten.

Über Krzystof Pendereckis "Polnisches Requiem" in der Reiheins des MDR berichtet Benedikt Leßmann und weiß selbst nicht, ob er den geläuterten Revolutionär und Avantgardisten oder den zu Dur und Moll und geistlicher Musik konvertierten Komponisten bejubeln soll. Im Gegensatz zu Penderecki, der es geschafft habe, erst die "Reaktionäre" und anschließend die "Progressisten" zu verärgern, möchte Leßmann niemandem zu nahe treten, niemandem seinen Penderecki madig machen. Für alles findet er - wie oben Bronn und Düll - anerkennende Worte, wenn nicht mehr. Das größte Lob erhält allerdings dasMDR-Sinfonieorchester, es leiste "Gewaltiges".

Donnerstag, 13. Januar 2011

lvz kultur vom 13.1.11: Dennis Hopper schießt auf Mao. Valente. Bach. Breakdance

Dass Catarina Valente von ihren deutschen Produzenten aufs Schlagerfach festgelegt wurde, war wohl ein Missverständnis. Auch wenn das Genre in den Fünfziger Jahren musikalisch erheblich mehr zu bieten hatte, als man heute denkt, textlich war und ist es grausam. Dabei war Catarina Valente, die in Paris geborene Italienerin, im Grunde eine Jazzsängerin. Zudem "professionell, ehrgeizig, perfektionistisch - und mit Hingabe." In Amerika sang sie, so schreibt Peter Korfmacher, mit den Größten: "Dean Martin, Louis Armstrong, Chet Baker, Bing Crosby, Sammy Davis Jr., Ella Fitzgerald, Sy Oliver und Quincy Jones; Jerry Lewis paodierte sie." Zur gleichen Zeit schrieb man ihr in Deutschland einen "harmlosen Schlager nach dem anderen." Nach 60 Jahren im Showgeschäft gab sie ihren letzten Auftritt in Europa 1996 in Leipzig, damals überredete sie Peter Degner zu einem Auftritt in der Oper. Die Valente interessierte die Orte der Friedlichen Revolution sehr. Seit 2003 lebt sie zurückgezogen von der Öffentlichkeit - und genießt, ganz privat, die einfachen Dinge des Lebens: Zeit mit ihrer Familie, Reisen - und Jazz. Morgen wird Catarina Valente 80 Jahre alt.

Eine Ausstellung für Menschen, die sich einlassen und beteiligen, die Lust aufs Entdecken haben, bietet die Galerie für Zeitgenössische Kunst. "Puzzle" erschließt sich, ganz gemäß ihrem Namen, weniger dem Flaneur als dem Forscher. Dabei verändert sich die Ausstellung immer wieder. In der Ausstellungszeit werden in den zehn "Raumzonen" etwa 30 unterschiedliche Projekte zu sehen gewesen sein. Alle beschäftigen sich mit dem Bestand der Sammlung der GfZK, setzen sich ins Verhältnis, erarbeiten selbst künstlerische Bezüge. Die Ausstellungsmacher, für jede "Zone" einer, gehören zum erweiterten Umfeld der Galerie. So "offenbart 'Puzzle' mehr über den Charakter und die Methoden der Arbeit an der GfZK, als über die Substanz dessen, was in ihrem Depot lagert."

Eine Sehnsuchtsmetapher, die farbe Blau, steht im Mittelpunkt der Erzählung "Adana" aus dem Jahr 1988, die Gunter Preuß für die Lesung im Haus des Buches noch einmal überarbeitet hat. Die Antiquiertheit der Spache schreckt nicht ab, lädt den Hörer ein in die Geschichte von Raimund, einem "aus der Art geschlagenen, wunderlichen Kind", der bis ins Greisenalter ein Außenseiter bleiben wird. Claudia Panzner zitiert später einen Satz Preuß', dass die "Bestimmung des Menschen sei, auf der Suche zu sein." Der Künstler gibt seiner Suche "eine Form." Doch zuallererst möchte Preuß verstanden werden. Ihn interessiert, ob die Zuhörer und Leser "individuelle Lesarten" entwickeln - und unterhält sich mit ihnen darüber.

Viel Fotografie und "erhabene Düsternis" sind beim jüngsten Winterrundgang in der Baumwollspinnerei zu erleben. Videokunst aus Israel (Yehudit Sasportas; Israelischer Pavillion in Venedig), Schwarz-Weiß-Fotografien als klassische Stillleben (Wednesday Farris; "erhabene Licht-Schatten-Landschaften"), auch in anderen Galerien wird vornehmlich Fotografie ausgestelllt: Bertram Kober, Peter Riedlinger (Filipp Rosbach), b2 (Stefan Fischer) und Maerzgalerie (Yamamato Masao). Wie Jürgen Kleindienst schreibt, wird zum Winterrundgang auch die zweite Ausgabe der lvz Edelgazette SpinArt erscheinen.

Ein Warhol-Gemälde, auf das Dennis Hopper in geistiger Umnachtung einmal zwei Schüsse abgefeuert hatte, ist zum Zehnfachen des Schätzwertes verkauft worden (mehr als 230.000 €). Der Druck ist aus der Serie der Mao-Bilder, Hopper glaubte angeblich, auf Mao selbst zu schießen. Warhol erklärte daraufhin, das Bild sei nun "eine Kollektivarbeit" zweier Künstler. Ob die Wertsteigerung wohl mit der besonderen Erzählung zu diesem Bild zu tun hat, oder allein dem Glamour des "Easy-Rider"-Stars zu verdanken ist, bleibt offen.

Eine Breakdance-Performance zu Bachmusik wird es beim diesjährigen Bachfest zu sehen geben. Der künstlerische Leiter des Projekts, der Dirigent und Opernregisseur Christoph Hagel, hält Bach unter den klassischen Komponisten für besonders geeignet, in HipHop umgesetzt zu werden, weil Bachs Musik viele Rhythmusänderungen und Motivwechsel habe, die der Kleinteiligkeit des Breakdance entgegenkommen würde. Vartan Bassil, der "Kopf" der sechs Breakdancer, hat eine Geschichte choreografiert, die sich "um Freundschaft, Hass, Streit und Liebe dreht". Wie Claudia Panzner schreibt, könne man einen 20-minütigen Ausschnitt des Tanzes am 12. Juni open air auf dem Leipziger Markt erleben.

Die Kunstmesse Art Stage in Singapur zeigt unter anderem einen Gemäldezyklus von Ronald Manullang (Indonesien), in denen Hitler auf groteske Weise verfremdet werde. So wird er als halbnackter Schwangerer, später mit Baby auf dem Schoß dargestellt. Der Maler wolle Hitler damit "lächerlich machen", es sei eine Vorstellung, wie Hitler "für seine Sünden bestraft werden könne, wenn er vor dem Jüngsten Gericht" stünde. Auf der Kunstmesse werden vornehmlich Künstler aus dem asiatisch-pazifischen Raum ausgestellt, darunter auch Ai Weiwei, dessen Atelier jüngst auf Veranlassung der chinesischen Behörden zerstört wurde.

Steffen Georgi hat beim Wiedersehen von Filmen, die in einer Werkschau von Filmen Pier Paolo Pasolinis in der Schaubühne Lindenfels zu sehen sind, zwiespältige Empfindungen. Einerseits drängten sich manche Werke dem Zuschauer "in ihrer antibürgerlichen Emphase" in einer "nur noch obskur wirkenden Bedürftigkeit nach 'Archaik und Ursprünglichkeit' auf" (Teorema). Andere spielten in "Klarheit und Schönheit" mit antagonistischen Elementen wie "Marxismus und Christentum, Revolte und Demut, Verheißung und Leid" (Das 1. Evangelium Matthäus). Pasolini verbände Heiliges mit Profanem. Verstörend wirkte allerdings auch heute noch sein letzter Film, "Saló oder Die 120 Tage von Sodom."

Ist Lärmempfindlichkeit spießig? Oder erst das Rufen nach Ordnungshütern, wenn der lvz redakteur im fünften Stock mitten in der Nacht durch Lautstärke vom Nachbarn aus dem Schlaf geschreckt wird? Mit sich uneins, will sich Mark Daniel sein schlechtes Gewissen wenigstens abhandeln lassen: Zum Beispiel durch die nette Offerte einer Tüte Oropax durch die Kellerclubbetreiber. Das wär "o.k.", bekennt der konfliktscheue, keineswegs Zähne zeigende szähne-redakteur.

Im Gegensatz zu den meisten lvz Anrufern aus Leipzig, plädiert der Direktor des Zeitgeschichtlichen Museums, Rainer Eckert, im Gespräch mit lvz redakteur Thomas Mayer für das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal. Zum einen hätten die mutigen Bürger durch die Friedliche Revolution ihre Freiheit erlangt, diese sei die zudem der erste gelungene antidiktatorische Aufstand in Deutschland und bereitete darüber hinaus der späteren europäischen Einigung den Weg. Anlässe genug für ein Denkmal auf dem Augustusplatz. Die Anrufer möchten, wie Mathias Orbeck mitschreibt, das Geld lieber in die Schlaglöcher auf Leipzigs Straßen verfüllen oder gleich in die Finanzlöcher des Bundes-Etats. Reisefreiheit stand bei den Leipziger Bürgern schon immer hoch im Kurs. Wenn aus dem ganzen demokratischen Diskussionsmäntelchen nicht der geldwerte Vorteil einer aus Tourismusgründen aufgefrischten Fassadensanierung für Leipzig hervorlugen würde, wäre die Entscheidung wohl klar: pro Erinnerung, contra grauem, bröckelndem Mauerputz. Aber so?

Mittwoch, 22. Dezember 2010

lvz kultur vom 22.12.10: Cirque du Soleil, Gewandhaus, Halle 14 & Detlef Vitzthum

Ein modernes Konzept von Zirkus verkörpert der Cirque du Soleil, Menschen, ohne Tiere und weitgehend ohne Sensationen. Dafür ein "Musical-Touch", ein "Hauch von Schauspiel" , Künstler, die früher Sportler waren und Multi-Kulti in Multi-Funktionsarenen. Eine Show ohne Zelt. Die Bühne ständig belebt, von Akrobaten und Clowns. Davon aber gleich 55 und beileibe nicht nur als jugendliche Athleten. Antonia Rassow hat für die lvz im amerikanischen Houston die Show besucht, die im September 2011 nach Leipzig kommen wird, in die Arena. Dann ist sie bereits 16 Jahre alt. 21 solcher Shows gibt es derzeit weltweit, aus 3800 Mitarbeitern besteht der Cirque. Wirklich sensationell und nie gesehen, wie von Artistik-Direktor Tim Smith versprochen, ist nur die Darbietung der Aerial High Bars. "Glück, Freude und Begeisterung" wollen sie versprühen. In den modernen Arenen durchaus ein "Drahtseilakt", wie Rassow vermerkt.

Hortensia Völckers, künstlerische Leiterin der Bundeskulturstiftung, fordert die Bürger in Deutschland auf, für den Erhalt ihrer Kulturstätten zu kämpfen. Die Kommunen allein seien mit der Finanzlast für ihre kulturelle Infrastruktur überfordert, letztlich könne nur der Bund Steuern anders verteilen. Bürgerliches Engagement sei nun wichtig, als Beispiel nennt Völkers die vielfältigen Aktionen gegen die Schließung des Thalia Theaters Halle, in Leipzig unter anderem vom Theater der Jungen Welt. Die Hallenser Kinder- und Jugendbühne ist entgegen voreiligen Meldungen längst noch nicht über den Berg. Der Aufsichtsrat, voran die Stadt, will die Haustarifverträge nicht unterzeichnen, weil er befürchtet, nach neuen Verhandlungen über die Höhe der Landeszuschüsse, die nach der Wahl des Landtags Sachsen-Anhalt erfolgen, könnten auf die Stadt Halle höhere Kosten zukommen, auf denen sie dann möglicherweise sitzenblieben.

Im August 2010 hatte das Gewandhaus Leipzig eine Verlustwarnung herausgegeben, wie es in der Regel börsennotierte Betriebe tun. Grund war vor allem, dass Sponsoren wichtige Zusagen möglicherweise nicht einhalten würden. Zwar hat sich die Befürchtung dann doch nicht in größerem Ausmaß bestätigt, doch ein Minus von 141.000 €, das in 2009/10 angefallen ist, muss ausgeglichen werden. Angeblich seien der Ausfall dreier Konzerte und eine IT-Havarie Schuld am Ergebnis.

Mathias Wöbking schreibt in "ausgepresst" über neue Mittel und Wege von Oper, Gewandhaus und Schauspiel Leipzigs, Einnahmen zu generieren ("Produktdifferenzierung"). Möglichst sogar die 640.000 € zu erwirtschaften, die durch gesunkene Kulturraumzuschüsse ausbleiben. Ganz klar wird zwar nicht, wodurch, aber Wöbking baut auf die gute Erfahrung mit der Beschallung von klassischer Musik über Bahnhofslautsprecher. "Niemand hält die Beschallung lange aus, Obdachlose und Junkies verschwinden von selbst", stellte Wirtschaftsberater Mark Eting fest. Bei Paul Potts im Hauptbahnhof waren es insbesondere Konsumverweigerer, die bei seinem Auftritt schleunigst das Weite suchten. Ob man sogar zum äußersten greifen sollte und neben "Vivaldi, Mozart und Tschaikowski" (Eting) noch andere Komponisten einmal nicht im Bahnhof, sondern in Opern- und Gewandhaus darbieten sollte? Dann würden folglich sämtliche Zuschauer fluchtartig das Haus verlassen. Bekannt sei ja, dass jede Aufführung immense Zuschüsse erfordere und der einzig sichere Weg, keine Unkosten zu erzielen, nur die nicht stattfindende Vorstellung sei. Ob die vertriebenen Opernjunkies im Publikum dann wieder retour zum Einkaufsparadies Bahnhof schlendern und CDs in ihren Handtäschchen verschwinden lassen, ist allerdings offen.

Zeitgenössische Kunst aus Ghanas Hauptstadt Accra ist derzeit in Halle 14 der Baumwollspinnerei zu sehen. Magdalena Fröhlich berichtet von der Ausstellung "Pause the Pulse", in der das Leben der Stadt in unterschiedlichsten Formaten eingefangen würde. Kunst, die nicht traditionellen Klischees entspreche, die nicht tourimuskompatibel sei, gäbe es kaum in Ghana, doch dies sei nicht der Grund für die Schwierigkeiten, die die Ausstellung hatte. Es war das Geld, die Akquise sei schwerer als erwartet gewesen. Den 14 Künstlern, kuratiert von Frank Motz, können daher nur Summen von 300 € gezahlt werden (statt 700 bis 1000 €, wie sonst üblich). In der 4-Millionenstadt Accra, dessen Stadtteile mitunter einer einzigen großen Müllhalde glichen, würden Künstler häufig aus Altmaterialien neue Werke schaffen.

Drei Tage nach Weihnachten verlässt der bald 65-jährige Detlef Vitzthum das feste Ensemble des Theaters der Jungen Welt. 38 jahre lang war er Schauspieler, später auch Regisseur an Leipzigs Kinder- und Jugendtheater. Dennoch. Der Abschied fällt ihm nicht schwer. Heimat sei sie für ihn nicht mehr, die Bühne am Lindenauer Markt, "die Heimat ist vor geraumer Zeit schon von mir gegangen" beschreibt der "Kumpeltyp mit Lust am Einmischen und Mitreden" das Dilemma. Egal in welcher Funktion, zitiert ihn Nina May, nicht nur am Theater, schon zu DDR-Zeiten in der Partei habe er "immer versucht, diese Gesellschaftsordnung, an die ich nie den Glauben verloren habe, zu verbessern." Als "störrisch-liebenswerter Oberzwerg" agiert er derzeit im Weihnachtsstück "Schneewittchen lebt!" auf der Bühne, als Steinchen auf dem Spielbrett mag er sich nicht länger hin- und herschieben lassen.

Montag, 30. August 2010

lvz kultur vom 30.08.10: Armin Mueller-Stahl, John Grisham & Oi Division mit Bodytalk

Ja, die Schauspielergröße Armin Mueller-Stahl hat familiäre Beziehungen zu Leipzig, zudem malt er selbst. Hinreichende Gründe für die lvz, in ihrer Edelgazette SpinArt aus Anlass des kommenden Spinnereirundgangs mit besagtem Künstler ein groß beworbenes Exklusivinterview zu führen. Die in lvz Kultur erscheinenden Fragen Ingo Rosendahls sind Ausschnitte aus dem kompletten Interview, klingen allerdings zu sehr nach Stargeschleime und Bravo für die Kunst. Gleich zu Beginn wird die Dichotomie hie gute Kunst - da schlechte Politik aufgemacht, und die Kunst sei selbstredend in viel zu schwacher Position gegenüber der Politik, "kein Kraftpol". Zuwenige Mueller-Stahls, der zu Zeiten der DDR als Volksbühnenschauspieler gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterschrieb? Zudem könnten mit "so viel Freiheit" wie heute in Deutschland viele Autoren "nichts mehr anfangen". Zu viele verlören ohne sichtbare Gegener "ihr Thema". Was durchaus nach Blickfeldverengung und verstärktem Kreisen um sich selbst aussieht, ignoriert die Rolle des Publikums, der Bürger. Dieses müsste doch künstlerische Impulse, sofern vorhanden, der Politik um die Ohren hauen, nicht die Kunst selbst (Auch wenn der Stimme von Künstlern - wie im Falle Biermanns - durchaus Gewicht zufallen kann, wie das heute an anderem Orte der lvz wiedergegebene Beispiel israelischer Bühnen- und anderer Künstler verdeutlicht, die den Boykott eines neuen Gastspieltheaters in einer israelischen Siedlerstadt im Westjordanland und wütende Reaktionen rechter Politiker meldet). Ansonsten verbleiben Mueller-Stahls Antworten - nicht mal unsympathisch - auf einer persönlichen Ebene, die insbesondere sein Älterwerden reflektiert.
Über eine bemerkenswerte Geschichtensammlung John Grishams mit dem Titel "Das Gesetz" schreibt Peter Korfmacher und verleiht ihr das Etikett "große Literatur". Interessanterweise habe das mit der gewählten kleinen Form zu tun, die den Geschichten Suspense oder Thrill erst garnicht hineinzuschreiben erlaube. Es sind die genau und mit warmer Sympathie beschriebenen Menschen, allesamt Gesetzesbrecher, und die Verhältnisse einer Kleinstadt in Mississippi, die deutlich machen, dass es weder einfache Antworten noch Gerechtigkeit für solcherart, in der Regel kleinkriminelle Fälle gebe, aber ein Schicksal, das so gut wie keinem mehr einen Ausweg aus dem Kosmos lässt, in den diese Menschen einmal eingetaucht seien.
Steffen Georgi schreibt über eine Tanztheaterpremiere im LOFFT. Die Bonner Bodytalk-Company zeigte "Zig Leiber/Oi Division" und Georgi fand all seine bösen Vorahnungen nicht bestätigt. Keine "getanzte Gesellschaftskritik". Kein "Tanz stößt auf Realität-Blabla". Keine "piefige Militanz-Kungelei" für Bildungsbürger oder Erstsemester. Stattdessen "sexuell aufgeladene Aggressionslust", die nicht diskreditiert werde, "Destruktivität" die endlich als "verlockend" und "geil im wahrsten Sinne" gezeigt würde. Überhaupt zeige das Stück das "Schwein im Menschen" und lasse dabei "auch mal die Sau raus". Dionysisch sei dies, "immer klug kanalisiert" - ohne zu sagen, in welche Bahnen - und mit großartiger, live gebotener Musik der Joy Division zumal. Endlich werde gezeigt, dass in allen "die Bombe ticke". Und dass dies Spaß macht.