Soll das die Alternative zu Sebastian Hartmanns Centraltheater sein? Wolfgang Engels Inszenierung von Uwe Tellkampfs "Der Turm" hatte am Staatsschauspiel Dresden Premiere. Nina May war dabei. Und bescheinigt Engel Entscheidungsfaulheit, als ob er zur bürgerlichen Personage des Romans selbst gehörte, die der "Krankheit Gestern" verfallen sind. Engel illustriere die radikal kondensierte Romanhandlung, ohne eine Haltung zu dem zu finden, was sich im Roman nicht in Dialogen ausdrückt. Der Rest sei redseliges Deklamationstheater. Drei Stunden lang, mit deutlichen Längen. Das einzige Lob, das Nina May äußert, gilt dem Bühnenbild - und der Tatsache, dass "man froh ist, auf der Bühne überhaupt mal wieder Handlung zu sehen".
Und sonst? Burhan Qurbani, Regisseur des Films "Shahada", plant einen Film über die Ereignisse, die sich 1992 in Rostock-Lichtenhagen ereigneten, als ein Asylantenheim in Flammen aufging unter dem Jubel vieler Schaulustiger. Qurbani, der zu diesem Zeitpunkt 12 Jahre alt war und sich damals erstmals "als Ausländer fühlte", findet für den geplanten Film den merkwürdig veralteten Begriff eines "Sittenbildes" der Zeit der Ernüchterung nach der Wende.
Offene Münder, wie sie so gerne beim Kindertheater gesehen werden, gab es am Freitag beim 20. Geburtstag des Theater Titanick. Auf der Open-Air-Bühne auf der Alten Messe machten sie viel kreatives "Kling Klong Zisch", sagt Carolin Baetge. Wenigstens kein "schnödes Theaterstück", sondern "Eine Sinfonie für drei Hochöfen". Was die "Musiker", von Schauspiel ist bei dem "Theater" anscheinend keine Rede, aufführten, klingt bei Baetge allerdings wie der verspätete Soundtrack zu Silvester 1999. Caroline Baetge wünschte zumindest "Happy Birthday".
Ulrich Steinmetzger war anlässlich der Jazztage im UT Connewitz bei Burnt Friedman und Jaki Liebezeit, Der 1965 geborene Elektronikbastler Friedman und der Schamane der Trommeln, der 72-jährige Liebezeit, zauberten eine Musik "rauschhafter Entrückung": "Das ist archaisch und genau deswegen auf der Höhe der Zeit", befindet Steinmetzger hingerissen, und raunt zudem von "Verteidigung der Individualität", aber auch von einer Vitalisierung des Genres, die sich in "neuen Techniken, Grenzüberschreitungen und Kreuz- und Querverbindungen" jenseits der reinen Lehre des Jazz ausdrücke.
Einer tragikomischen Realitätsverblendung hinsichtlich von Meinungs- und Pressefreiheit huldigten lvz Chefredakteur Bernd Hilder und Autorin Brigitte Klump ("Das rote Kloster") im Zeitgeschichtlichen Forum. Hilder konzedierte den lvz Redakteuren nach 1990, dass sie sich "schnell einem freien Journalismus verpflichtet" fühlten und sich "auf die neuen Anforderungen einstellten". Das klingt nach Opportunismus, aber nicht nach gelebter Wahrheitssuche. Stichwortgeber Armin Görtz wollte folgerichtig mehr über "politische Korrektheit" erfahren, Klump sah wegen dieser "das Volk" von den "Volksparteien" entfremdet (und führt natürlich Sarrazin als Beispiel an!), Hilder schwafelte derweil etwas von Erfüllung des "Traums der Pressefreiheit" (für wen?), worauf Görtz wiederum das Stichwort der "Meinungsdiktatur der 68er" in die Bütt warf. Zum Glück konterte Hilder geistesgegenwärtig mit dem Diktum, dass "die meisten Zuhörer, Zuschauer und Leser Kampagnen ziemlich schnell" durchschauten. Wo er recht hat, hat er recht.
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Montag, 27. September 2010
Freitag, 24. September 2010
lvz kultur vom 24.09.10: F/Stop, Museumsschließung
Mit stupendem Wissen, leider gewohnt insiderhaft schreibt der Peter Korfmacher der Bildenden Kunst, Meinhard Michael, über das F/Stop-Fotofestival "Im Verborgenen: 5pm-5am". Nicht ohne gleich zu Beginn auf "hämische Kritik" am vorjährigen Selbstlob hinzuzweisen, mit dem Kristin Dittrich die eigene Ausstellung als "bedeutend, hochqualitativ und international" bezeichnet hatte. Aber eben nur hinzuweisen, nicht zu bestätigen oder zu widerlegen. Ob die diesjährige Foto-Schau qualitativ gelungen sei, wird über die skizzenhafte 'Nacherzählung' vieler einzelner Bilder oder Serien nicht deutlich. Interessant erscheinen sie schon, was vielleicht auch an Wörtern wie "traumhafte, jugendgefährdende Momente" der Fotos Arja Hyytiäinen, "hinterlistige Performances" von Thomas Xaver Dachs, die "tragische Exklusivität" der Bilder Thomas Kerns oder wenn auf Peter Bialobrzeskis Langzeitbelichtungen asiatischer Megastädte "das Licht grell jede Quelle umwölkt" liegen mag, die so wunderhübsch zu raunen vermögen. Von allem gebe es was, von "künstlerischer Fotografie" und von "fotografischer Fotografie", aus "traditionellen" oder auch "angesagten" Richtungen. Also nichts wie hinaus in die "Lange Nacht der Fotografie", morgen im Tapetenwerk, in die Zeit, in der "die Dummheit schlafe", wie Michael Karl Kraus zitiert.
Was in Leipzig das Naturkundemuseum, ist den Hamburgern das Altonaer Museum. Es soll schließen. Um Geld zu sparen. Jenny Tobien zitiert dessen Leiter, Torkild Hinrichsen: "Das geistige Herz von Altona wird herausgerissen" und "Das Gefährliche ist, dass die Schließung eine Kettenreaktion auslösen wird." Der Präsident des Deutschen Museumsbundes, der Leipziger Volker Rodekamp, lässt sich im DLR Kultur nur zu den Worten hinreissen: "Diese Nachricht erfüllt mich mit großer Sorge". Ein Schelm, der Arges dabei denkt. Der Leiter des hiesigen Stadtgeschichtlichen Museums denkt hier wohl eher an sich selbst. So unverblümt wie die Hamburger Opernintendantin Simone Young, die die Einsparforderung von 1,2 Mio Euro an das Hamburger Schauspielhaus als erstes mit der "Erleichterung" kommentiert, dass ihr eigenes Haus noch mal davongekommen sei, macht er das zwar nicht. Aber die trendige Aufkündigung des Solidargedankens steckt hinter manchem Schweigem oder mancher Krokodilsträne, die von Intendanten und Leitern öffentlich gerade vergossen wird. Solange, bis sie selbst an der Reihe sind. "Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus/ zünd andre an."
Nina May ist ganz verzückt über das Frauen-Duo am Theater Gera-Altenburg, Amina Gusner und Anne-Sylvie König. Die Schauspieldirektorin und die Chefdramaturgin werden - anlässlich ihrer bevorstehenden "Faust"-Inszenierung - als erstes mit ihren bei "Kaffeeklatsch und konzentrierter Schöpfung" ausgeheckten "Plänen" zitiert, "wie sie das Theater noch weiter aufmischen könnten". Sie plädieren für "das Zulassen von Emotionen" in der Kunst wie im Leben, und kritisieren Männer in Führungspositionen, die "sich sehr ernst nehmen". Ganz im Stile patriarchaler Unterordnung postuliert May, dass die Geraer Frauen doch "Glück hätten", weil Intendant Matthias Oldag "seine (!) Frauen schätze". Anarchischer und gleichzeitig nüchtern klingen Gusner/König, wenn sie sagen, wie anstrengend der tägliche Kampf in der Männerdomäne Theater und wie verletzlich sie weiterhin seien, bevor sie in raschem Schwenk ihre Sympathien für die mephistophelische Seite des Lebens bekennen: "Unfug braucht das Land". Sympathisch. Hoffentlich auch gut.
Anlässlich der bevorstehenden Premiere von Wolfgang Engels "Der Turm" nach Uwe Tellkamp am Schauspiel Dresden sprach Adina Rieckmann mit dem Autor. Dass sie Tellkamp ständig notwendige "Substanzverluste" bei der Umsetzung auf die Bühne in den Mund legen will, kontert Tellkamp halbwegs charmant, ohne auszuschließen, dass er das Ergebnis eventuell nicht gut finden wird. Die Aktualität der Themen "Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch" sieht der Dresdner Tellkamp allerdings weit über die sächsische Residenzstadt selbst gegeben. In unserer "Biedermeierzeit" finde sich das Bildungsbürgertum auch an vielen anderen Orten in West und Ost. Weg sei es ohnehin nie gewesen, "auch wenn uns die mediale Welt das mitunter glauben machen" wolle. Hoffentlich wird das Schauspielhaus nicht der neue "Turm" des Konservatismus in diesem unseren Lande. Auch ein interessantes Fernduell der beiden (naja, z.T. vormaligen) Leipziger Intendanten um zeitgemäße Konzeptionen aktueller Schauspielkunst.
Was in Leipzig das Naturkundemuseum, ist den Hamburgern das Altonaer Museum. Es soll schließen. Um Geld zu sparen. Jenny Tobien zitiert dessen Leiter, Torkild Hinrichsen: "Das geistige Herz von Altona wird herausgerissen" und "Das Gefährliche ist, dass die Schließung eine Kettenreaktion auslösen wird." Der Präsident des Deutschen Museumsbundes, der Leipziger Volker Rodekamp, lässt sich im DLR Kultur nur zu den Worten hinreissen: "Diese Nachricht erfüllt mich mit großer Sorge". Ein Schelm, der Arges dabei denkt. Der Leiter des hiesigen Stadtgeschichtlichen Museums denkt hier wohl eher an sich selbst. So unverblümt wie die Hamburger Opernintendantin Simone Young, die die Einsparforderung von 1,2 Mio Euro an das Hamburger Schauspielhaus als erstes mit der "Erleichterung" kommentiert, dass ihr eigenes Haus noch mal davongekommen sei, macht er das zwar nicht. Aber die trendige Aufkündigung des Solidargedankens steckt hinter manchem Schweigem oder mancher Krokodilsträne, die von Intendanten und Leitern öffentlich gerade vergossen wird. Solange, bis sie selbst an der Reihe sind. "Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus/ zünd andre an."
Nina May ist ganz verzückt über das Frauen-Duo am Theater Gera-Altenburg, Amina Gusner und Anne-Sylvie König. Die Schauspieldirektorin und die Chefdramaturgin werden - anlässlich ihrer bevorstehenden "Faust"-Inszenierung - als erstes mit ihren bei "Kaffeeklatsch und konzentrierter Schöpfung" ausgeheckten "Plänen" zitiert, "wie sie das Theater noch weiter aufmischen könnten". Sie plädieren für "das Zulassen von Emotionen" in der Kunst wie im Leben, und kritisieren Männer in Führungspositionen, die "sich sehr ernst nehmen". Ganz im Stile patriarchaler Unterordnung postuliert May, dass die Geraer Frauen doch "Glück hätten", weil Intendant Matthias Oldag "seine (!) Frauen schätze". Anarchischer und gleichzeitig nüchtern klingen Gusner/König, wenn sie sagen, wie anstrengend der tägliche Kampf in der Männerdomäne Theater und wie verletzlich sie weiterhin seien, bevor sie in raschem Schwenk ihre Sympathien für die mephistophelische Seite des Lebens bekennen: "Unfug braucht das Land". Sympathisch. Hoffentlich auch gut.
Anlässlich der bevorstehenden Premiere von Wolfgang Engels "Der Turm" nach Uwe Tellkamp am Schauspiel Dresden sprach Adina Rieckmann mit dem Autor. Dass sie Tellkamp ständig notwendige "Substanzverluste" bei der Umsetzung auf die Bühne in den Mund legen will, kontert Tellkamp halbwegs charmant, ohne auszuschließen, dass er das Ergebnis eventuell nicht gut finden wird. Die Aktualität der Themen "Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch" sieht der Dresdner Tellkamp allerdings weit über die sächsische Residenzstadt selbst gegeben. In unserer "Biedermeierzeit" finde sich das Bildungsbürgertum auch an vielen anderen Orten in West und Ost. Weg sei es ohnehin nie gewesen, "auch wenn uns die mediale Welt das mitunter glauben machen" wolle. Hoffentlich wird das Schauspielhaus nicht der neue "Turm" des Konservatismus in diesem unseren Lande. Auch ein interessantes Fernduell der beiden (naja, z.T. vormaligen) Leipziger Intendanten um zeitgemäße Konzeptionen aktueller Schauspielkunst.
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