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Donnerstag, 17. Februar 2011

lvz kultur vom 17.2.11: Kinderkreuzzüge und Lesedünen. Abigail Jaye. Erich Loest. Berlinale

Evita ist schon wieder auferstanden. Bob Tomson und Bill Kenwright haben 2008 mit Abigail Jaye als Titelheldin eine Neuinszenierung unternommen. Dienstagabend feierte es Leipzigpremiere. Stimmlich stark und vielseitig und Kampfesalust verströmend – das ist Jaye, die eine Frau verkörpert, deren Ehrgeiz und Machtstreben so kalkuliert wie kühl wirkt, und dennoch als Ikone der fürsorglichen Wohltäterin gilt. Der angedeutete Heiligenschein durch einen einzelnen Scheinwerfer zeigt, wie sehr das Kalkül doppelt inszeniert ist: Im Leben wie im Musical. So nacherzählend, wie Insa van den Bug das Musical verhandelt, so kritiklos scheint das Musical diese Tatsache unter den Tisch kehren wollen.

Loest hat keinen neuen Roman sondern ein Tagebuch der vergangenen zwei Jahre veröffentlicht. In Ermangelung schriftstellerischer Konzentration traut sich der 85-jährige Erich Loest kurze gedanklichen Bögen, wie sie das Tagebuch erfordert, noch zu, kokett bezeichnet er das Buch allerdings als „Letztbuch“. Unwesentliche Anekdoten sind darin von Thomas Mayer ebenso versammelt wie die Tatsache, dass auch Loest 1944 noch Parteimitglied der NSDAP geworden ist. Milde in der Abrechnung sei geworden, kann sogar Kulturdezernent Faber noch etwas abgewinnen, und wenn es das Benimm einer Verabschiedung geht, bleibt athene. Umständliche Strukturveränderungen sind seine Sache nicht. Langweilige Filme gab es schon vorher.

Victor und Rudi who? Ein weiteres Mal ist auf der Berlinale ein Nazifilm geglückt, der bewusst auf dem Grenzgängertum zwischen Komik und Ernst balanciert – gekonnt. Anlässlich einer Michelangelo-Zeichnung, die dem einen Freund aus einem Museum hervorgeholt werden soll, reagiert das Berlinale-Publikum begeistert. Als kürzeste Distanz zweier Punkte nennt es den Mail? Den Rückweg? Der Rest dieser „Berlinale der miserablen Filme“ ist Schweigen. Seyfi Teomans „Our Grand Despair“ ist Kino für Gutmütige, langweilt, Rodrigo Morenos „Rätselhafte Welt“ ist langatmig und verquast.

Nach Agnes Kraus wird mit Herbert Köfer schnell noch ein weiterer „Volksschauspieler“ bejubelt, weil er 90 geworden ist. Auch ne Leistung. Für Statistiker: Er hat die erste und die letzte Sendung des DDR-Fernsehens moderiert, wie Jörg Schurig schreibt.

Der erste Superman, der „das Phantom“ hieß, war eine attraktive Mischung von Genres, i.e. Mystery- und Dschungelabenteuer. Künstlerisch habe heute in Deutschland die Comic mächtig aufgeholt. Was früher die Brüder Grimm mit ihren faszinierenden, gruseligen und mitunter grausamen Geschichten waren, sind heute oft die Comic. Selbst wissenschaftlich und ethisch zumeist on top. Chris Melzer hat sich für die lvz richtig warmgelesen.

Die Amerikanerin Debra Pearlman und der Leipziger Jürgen Raiber haben in Leipzigs Westen, das neuerdings auf Straßenschildern als Westkultur firmiert, zwei Ausstellungen eröffnet: Im Delikatessenhaus und in der Galerie Hoch & Partner. Während die Amerikanerin sich dem Thema der Kreuzzüge und insbesondere der Kinderkreuzzüge widmete, geht Jürgen Raiber „geradezu energisch gegen seinen eigenen Körper vor“, schreibt Meinhard Michael. Ihm gehe es um den menschlichen Korpus und seine Verletzlichkeit.

Eine witzige Leseperformance unter dem Titel Lesedüne fand in der Moritzbastei statt. Helden der zweieinhalbstündigen, „unglaublichen“ Stunden waren es, die witzig und poetisch, politisch und intellektuell einen Streifen nehmen können.

Dienstag, 15. Februar 2011

lvz kultur vom 15.2.11: Augen zu und lächeln. Alfred Brendel. Grammys. Belafonte.

Alfred Brendels Finger laufen nicht mehr über die Tasten des Konzertflügels, sie blättern in den Seiten eines Buches. „Seines Buches“, wie Charlotte Schrimpf in ihrem Artikel schreibt. Und wie sie es schreibt. Mit federleichten Bemerkungen und rhythmisch fließenden Satzmelodien, die fast an Brendels seinerzeitige Töne auf dem Klavier erinnern. Leider betreibt die Schrimpf mit ihren feuilletonistischen Phrasen mitunter auch Etikettenschwindel. Denn was Brendels Part betrifft, bleibt es tatsächlich beim Etikett. Zum Inhalt der Texte, die er vorträgt, nur soviel, dass man kaum etwas wirklich verstehen kann. Was bedeutet es denn, wenn darüber „gekichert wird“, dass Brendel erzähle, „wie Mozart von Beethoven ermordet worden“ sei, „weil Beethoven ein Neger war und Mozart davon gewusst hat.“ Ob man dies als feine Ironie des „Überpianisten und Malers, des Essayisten, Dichters und Komponisten“ begreifen solle, bleibt ungewiss. Auch von Brendels Geschichte über „über das Gegenteil des Gegenteils“erfährt der Leser nicht mehr als den Titel. Dafür hat das Szymanowski-Quartett so lange phantastisch gespielt, bis Alfred Brendel die Augen schließt und lächelt.

Die diesjährige Grammy-Vergabe war wieder berüchtigt unkalkulierbar. Ein Country-Trio gewann für ihren Song „Need You Now“ fünf Grammys (darunter bester Song: Lady Antebellum), Lady Gaga („u.a. Brecht erhielt drei, Eminem konnte mit zwei Grammys fast schon zufrieden sein. Dabei hatte er sich um 10 Grammys beworben. In Wirklichkeit war es für ihn ein Schock, nur zweimal im Winterprogramm ausgewählt worden zu sein. Immerhin ein Grammy, der der für klassische Musik, geht nach Berlin.

Norbert Wehrstedt holt auf der diesjährigen Berlinale sein Schlafdefizit auf. So langweilig wie heuer waren Filme selten. „Coriolanus“ schafft es, die Geschichte um den römischen Feldherrn so unfreiwillig komisch zu gestalten, dass es den Filmkritiker der lvz tatsächlich an verfilmtes Theater erinnert. „Bisschen wenig“, findet er. Alexander Mindadzes Film „An einem Sonnabend!“, der sich um den Tag dreht, an dem Tschernobyl in die Luft fliegt, „trat 99 Minuten lang vor allem auf der Stzelle.“ Der Französische Beitrag „Die Frauen aus der 6. Etage“hat Wehrstedt mehr überzeugt: „Endlich mal wieder richtiges Kino.“ Diesmal nicht „außer Konkurrenz“ lief ein „amüsanter und unterhaltsamer“ Film namens „Letzte Etage links“. Eine soziale Lehrgeschichte ist das, „sehr handfest. Sehr humorvoll.“ Chen Kaige, „Meister des chinesischen Filmopus“ malt in „Sacrifice“ „wieder prächtige Bilder“, bei der Kostümprozedur helfen dessen „erstklassigen Kampfchoreographien.“.

Maja Zehrt hat auf der Berlinale eine Doku über Harry Belafonte gesehen, doch der will bei dem Filmprojekt „über Armut und Rassismus“ hurtig noch manche Leute nach Leipzig karren. Eine Erzählrunde macht deutlich, wie lange Harry Belafonte sich bereits als Sänger, Tänzer und Menschenrechtsaktivist politisch einmischt. Er marschierte mit Martin Luther Kings nach Washington und besorgte John F. Kennedy Stimmen der Schwarzen. Auch heute mischt sich Harry ein, beeinflusst Barack Obama und fängt an, sich zu schagen.

Eine angekündigte Ausstellung Ai WeiWeis wurde vom Künstler abgesagt, nachdem ihm von Seiten der chinesischen Zensur mitgeteilt wurde, dass sie im vorgesehenen Zeitraum im März wegen „der laufenden Jahrestagung des Volkskongresses“ nicht abgehalten werden könne. Daraufhin sagte Ai Weiwei die Schau gleich ab. „Es ist sinnlos“, meint der Regimekritiker.

Rainald Grebe erobert nach dem Centraltheater nun auch das Gewandhaus. Allerdings finden sich sogar manche Songs seiner Produktion „WildeWeiteWeltSchau“ im Gewandhaus wieder. Seine etwas hektische Überfülle an Ideen ist dabei nicht mal allen Recht. Jürgen Kleindienst schreibt von der Verwirrung, die „aus der Überfülle seiner neuen Ideen“ resultierten. „Langjährige Grebe-Fans werden angesichts eines solche zirzensischen Klimbims nostalgisch. Theatralische und musikalische Erweiterung haben Intensität, Poesie und Schärfe nicht immer gutgetan.“ Kleindienst schließt mit der Bemerkung: „'Es ist gut', heißt das Schlüssellied nach drei ereignisreichen Stunden inklusive Pause. Es ist ein älterer, intimer Titel, und er ist wirklich gut.“

Einen Comic-Kurs für Erwachsene bietet in den Winterferien die Galerie für zeitgenössische Kunst. Anregungen holen sich die Teilnehmer bei der diesjährigen Sammlungs-Ausstellung Puzzle.

Elfriede Jelineks Stück „Rechnitz“ über ein Nazi-Massaker an 180 Juden wurde in einer Inszenierung der Münchner Kammerspiele in Israel aufgeführt.Erschütterung, Gänsehaut und Atemlosigkeit registrierte Hannes Vollmuthz im Zuschauerraum, „viele Sätze überschreiten fast die Grenze des Erträglichen.“

In einer Presseschau zu „Pension Schöller“ am Centraltheater und „Deutsches Miserere“ von Brecht/Dessau an der Oper Leipzig sammeln Nina May und nvm Besprechungen überregionaler Zeitungen. Während „Pension Schöller“ von der Chemnitzer Freien Presse nur in der zweiten Hälfte die „Abgründigkeiten, Szenen von funkelndem Witz und inspiriertes selbstreflexives Theatermachertheater“ erkennen ließ, während die MZ die Leipziger Fassung mit des Hallenser Neuen Theaters verglich. Es erscheine zwar viel zu groß, aber sei zuallererst „burleskes, intelligentes Spiel“.Die Frankfurter Rundschau zeigte sich begeistert, nachtkritik.de ebenfalls.

Das Deutsche Miserere kommt nich so gut weg. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung fand das Stück gleich „unfassbar“ und „entsetzlich“ und postuliert: „Nie wieder nach Leipzig.“
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezeichnete es als „verantwortungslos“ und „wohlfeiles Empörungstheater“. Der Tagesspiegel hatte Dietrich Hilsdorf, den „Virtuosen der differenzierten Personenregie“, bei dessen Ausbau zur „expressionistischen Revue“ auf der Bühne zugesehen.

Montag, 14. Februar 2011

Lvz kultur vom 14.2.11: So kompromisslos muss Theater sein. Alexander. Wenders. Hilsdorf.

Seit Peter Alexander 1947 in London Frank Sinatra erlebte, war für den jungen Schauspielschüler am Max-Reinhardt-Seminar klar, was er wollte: Spielen und singen in einer eigenen Mischung aus Charme und Schüchternheit – so wie sein großes Vorbild. Das ist dem Schauspieler, Sänger und Showmaster in mehr als 45 Jahren Bühnenkarriere gelungen. Jürgen Kleindienst schreibt anlässlich des Todes des 84-Jährigen ohne Überheblichkeit gegenüber dem Superstar des „TV-Biedermeier“: „Mit Wiener Schmäh und Lausbubencharme eroberte er die Herzen von Generationen.“ Das Publikum betrachtete ihn als „einen von ihnen“. Kleindienst resümiert: „Die neue Fernsehwelt war nicht mehr seine. Das Fernsehen, sagte Alexander, sei 'so brutal, ordinär und billig geworden. In wenigen Jahren sind so ziemlich alle Tabus gefallen, und er gute Geschmack ist auf der Strecke geblieben.' Auch für diesen Satz sagen wir: Dankeschön!“

Die Berlinale geht enttäuschend weiter. Norbert Wehrstedt, an dem bereits zuletzt die Neigung zum Einschlafen bemerkt wurde, gibt nun zu: Nicht nur bei dem Entwicklungshilfedrama namens „Schlafkrankheit“ (Regie: Ulrich Köhler) wurde aus dem nomen ein omen. Auch Wim Wenders lang erwarteter Tanzfilm, die Hommage „Pina“, war alles andere als aufregend: „Gefühlte Länge: 25 Stunden“. Für Wehrstedt bereits die zweite „Nullnummer“ nach „Palermo Shooting“. Bei Wenders angekündigtem nächsten Film, einem Thriller, spürt Wehrstedt bereits „vorher schon ein gewisses Grausen.“ Endgültig eingeschlafen sei er beim „Brillentag“, dem Tag der 3D-Filme. Michael Ocelots „Tales of the Night“ begann bereits vergleichsweise altbacken („altes Kino“, „noch ältere Legenden“), die Spannungslosigkeit steigerte sich allerdings bis zum Eingeständnis: „dann bin ich, tut mir leid, vor lauter Spannung entschlummert.“ Ein einziges Gegenbeispiel im vorgeblichen A-Festival, das sich zunehmend als C-Festival entpuppt: Yasemin Samderells „Almanya – Willkommen in Deutschland“. Der allerdings läuft „außer Konkurrenz“ im Wettbewerb. Bisher dachte man, nur man selbst habe keine Ahnung von den Usancen des Wettbewerbs. Aber auch Wehrstedt gab zu: „Eine Kategorie, die kein Mensch versteht.“ Den peinlichen Höhepunkt („ganz fettes Sozialbrot“) brachte Victoria Mahoneys „Yelling to the Sky“, die „hölzerne Karikatur eines Sozialdramas“.

In „ausgepresst“ wundert sich Janina Fleischer über eine Auftragsumfrage der „Apotheken-Umschau“ zum Fremd-Flirten. Einen unmittelbaren Zusammenhang zu umsatzträchtigen Medikamenten konnte die lvz redakteurin nicht erkennen. Vielleicht muss ja das werbliche Umfeld der Umfrage näher betrachtet werden? Immerhin 25% der Frauen sahen das Fremd-Flirten“ ihres Partners als Belästigung. Dank aufopferungsvoller Mithilfe des Blumenhandels und der Pralinenindustrie wird diesem Trend wenigsten heute ein „Ruhetag“ verpasst: der Valentinstag für den „heimischen“ Partner. Wem der Sinn nicht so nach Blumen und Mon Cherie steht, könne ja immer noch in der Apotheke shoppen gehen.

Laut Wikipedia ist das Wort „Miserere“ dem Anfangsvers des 51. Psalms entnommen, dem heute als Bußgebet liturgische Bedeutung zukommt, außerdem ist es auch der medizinische Terminus für „Koterbrechen“. Das „Deutsche Miserere“ von Bertolt Brecht und Paul Dessau (Musik), das an der Leipziger Oper am Wochenende erstmals als Theatertext Premiere feierte, war laut lvz redakteur Peter Korfmacher ein „düsterer Abend, beklemmend, verstörend, gewalttätig.“ Ursprünglich konzipiert, den Deutschen nach dem Krieg Hilfe zu geben „beim Verstehen, Verarbeiten des Unvorstellbaren“, läßt Regisseur Dietrich Hilsdorf die einfache Botschaft des Werks, „Krieg tötet. Sonst nichts“, weniger mit Blick in die Vergangenheit, sondern durchaus auf die Gegenwart des Afghanistan-Krieges bezogen enden. Auch wenn Korfmacher von einer „wenig subtilen, plakativen Agit-Prop-Überdeutlichkeit“ spricht, schreibt er selbst, dass im Orchester „das weitaus beklemmendere Leise überwiegt“. Selbst das „Paradoxon“ eines „Kammerspiel für Chor“ sei gelungen. Die Bilder allerdings, die Hilsdorf über die Auswirkungen es Krieges zeigt, seien „sehr drastisch, so drastisch, dass man die Altersbeschränkung ab 16 ernst nehmen sollte.“ Insbesondere die Figur der „bleichen Mutter“, dargestellt von Gabi Dauerhauer, die nach „erotischem Tänzchen mit dem großen Führer“ später „nackt und geschändet“ am Boden liegt, geht „unmittelbar an die Nieren“. Doch nicht nur sie überzeugt. Neben anderen Solisten sind es insbesondere die beiden Chöre (Chor und Kinderchor), die Korfmacher hervorhebt. Auch der „emotionalen Wucht“ des Gewandhausorchesters und Leitung von Alejo Pérez könne man sich „kaum entziehen“. Die Inszenierung „geht an die Substanz, löst bei manchem im Saal erkennbar Abscheu aus“. Am Ende trotzdem kaum Buhs, überwiegend Applaus. Und: „So kompromisslos hat in der Oper lange keine Produktion mehr gezeigt, was Theater leisten kann – auch muss.“

Im Gewandhaus wurde zum 40. Todestag des Komponisten und langjährigen Kantors des Dresdner Kreuzchores, Rudolf Mauersberger, das Dresdner Requiem und der Trauerhymnus „Wie liegt die Stadt so wüst“erstmalig seit 1971 wieder aufgeführt. Es spielten der Gewandhauschor, das Vocalconsort Leipzig und das Ensemble Concerto Sacro. Bedrückende Stille am Schluss des Konzerts, schreibt Anja Jaskowski, in dem die Chöre „ausgezeichnet“ sangen und sich klanglich ergänzten, „bis im Choral auch das Publikum als Gemeinde mitsingt und mit Blechbläsern, Schlagzeugern und dem Organisten monumentale Klangwelten entstehen.“ Am Ende folgte dann doch noch der „gebührende Beifallssturm“.

Alvis Hermanis, dessen Inszenierungen am lettischen Theater Riga im Rahmen der euro-scene mehrfach zu Gast in Leipzig waren, hat nun mit einer Inszenierung am Kölner Schauspielhaus überzeugt. Im Stück nach Gontscharows „Oblomow“ bleibt der Titelheld einfach im Bett liegen, statt sich den Erfordernissen seines Gutshofes zu widmen. Der dickliche adlige Träumer („großartig“: Gundars Abolins), „zu sensibel für das Leben – und die Liebe“, fürchtet seine eigenen Gefühle und wechselt nur noch zwischen Essen und Schlafen. „Hermanis ist es gelungen, das Innenleben eines am Leben Verzweifelten auf die Bühne zu bringen, ohne zu langweilen“, schreibt Alexandra Stahl.

In einer Inszenierungskritik von Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ in der Theaterfabrik fragt Stefanie Olivia Schreier zu Beginn berechtigt: „Wie wichtig ist heute, mehr als 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, das Thema Nachkriegszeit“, und meint, gerade dieser Frage gehe die Inszenierung nach. Leider beantwortet die Schreiberin sie nicht, ja, schreibt nicht einmal, wer der Regisseur der Aufführung ist. Sie resümiert schließlich: „Mit seinem Tiefgang berührt das Stück sehr und lässt die relativ lange Spielzeit keinesfalls langweilig werden.“

Samstag, 12. Februar 2011

Lvz kultur vom 11.2.11: Ich bin die Revolution! Gianna Nannini, Berlinale, Pension Schöller

Eine oxytocinüberdosierte Gianna Nannini lallt ihr Mutterglück in die Welt – und hält sich prompt für die fleischgewordene (Frauen-)Revolution. Ist das nichts als Werbung für ihre neue Platte „Io e te“? Seit dreißig Jahren kämpfe die nunmehr 54-jährige frischgebackene Mutter für das Selbstbestimmungsrecht der Frau darüber, wann sie schwanger werden wolle. Ob diese Revolution bedeuten soll, dass künftig Frauen mit 50+ schwanger werden sollten, bleibt besser unbeantwortet. Aber gönnen wir Frau Nannini ihr häusliches Glück, auf welchem Wege auch immer dies zustandegekommen ist. Im Interview mit Sebastian Weber bezeichnet Nannini die Mutterschaft als eine Art Droge, die ihre Gesangsfähigkeiten enorm verbessert hätten, und stellt die Liebe zum Neugeborenen („Einheit, Person und Energie“) der Liebe in einer Partnerschaft („seltsam“, „immer mit Ängsten, Problemen oder sogar Krisen verbunden“) entgegen. In der Partnerschaft fühle sie sich in der Regel “nicht wirklich eins“ mit dem Beziehungspartner. „Anders die Geburt. In diesem Moment schenkst du die Liebe. Es ist die Geburt der Liebe..., die Geburt einer Einheit, einer Energie“.
Diese durchaus eitle und überhebliche Sichtweise, die das Werk bestimmter chemischer Hormone wie Oxytocin, die Liebe und Bindungen fördern, in  metaphysische Sphären heben will, macht sich selbst zum Muster statt zum Einzelfall, erhöht damit noch den Liebeszwang der Mütter, und schließt Personen aus, für die dieses Erlebnis - ohne eigene Schuld - nicht gilt. Nannini mystifiziert, wie es zu ihrer eigenen, späten Mutterschaft gekommen ist („Es war ein Engel, der mir das sagte“). Ihre Geschichte klingt tatsächlich wie eine neue jungfräuliche Mariengeburt. Männer waren scheinbar in keiner Phase im Spiel. Dazu kommt, dass sie selbst klingt wie die Erlöserin höchstpersönlich („Ich bin die Revolution“). Was viele 50-Jährige neugierig, wenn nicht neidisch werden lässt, wie sie z.B. zu dieser Schwangerschaft gekommen ist, von all dem kein Wort. Stattdessen Mystifikationen. Wie sagte Sebastian Weber anfangs: „Herzlichen Glückwunsch.“

Norbert Wehrstedt ist noch regelrecht trunken von seinem Erlebnis der Coen-Brüder auf der Berlinale, schon möchte er sich am liebsten zum Schlafen niederlegen. Doch zuvor muss er noch „Der Preis“ von Paula Markovitch sehen, der den müden Wehrstedt scheinbar nicht vom Schlafen abhalten konnte. So kommen dann – ich kann das gut nachvollziehen – Sätze heraus wie einer seiner Eingangssätze: „Die 42-jährige Argentinierin Paula Markovitch traf eine Krux, die auch andere Filmemacher jenseits der Filmindustrien trifft.“ Abgesehen davon, dass eine Krux nicht „trifft“, sie liegt möglicherweise irgendwo. Bei Wehrstedt  liegt sie darin, dass sein Satz weder verständlich ist,  noch überhaupt einen Sinn ergibt. Zudem muss man auch wegen dessen Unverständlichkeit geradezu raten, ob der Satz transitiv oder intransitiv gemeint ist. All das ermuntert nicht zum Weiterlesen. Wenn man überhaupt bis dorthin gelangt ist. Wehrstedt, dem Markovitch' Satz „Kino ist die Kunst, in Bildern zu erzählen“, so sehr gefällt, leistet dies selbst kaum. Schon das erste Bild in seinem ersten Satz, „Die Berlinale probt im Wettbewerb das Wechselbad“, ist so schief, dass es Wehrstedt gleich auf die Füße fällt.
Den Film „Margin Call“ von JC Chandor beschreibt Wehrstedt als „energiegeladenes Kammerspiel“ über die Gier der Menschen. Allein schon Demi Moore („unheimlich streng und sexy“) hat Wehrstedt diesmal wachgehalten. Außerdem scheint er Chandor gern darin übereinzustimmen, „dass wir eine neue Moral brauchen“. Und als drittes, möglicherweise entscheidendes Plus des Films nennt er das „menschlich aufwühlende“ Bild, wie einer der Banker im Film „seinen toten Hund begräbt“. Von den ganzen Finanztransaktionen im Film hat Wehrstedt daraufhin ruhigen Gewissens nichts verstanden.

Lesbarer und bezügereicher ist Maja Zehrts Artikel über „Leerstellen“ auf der Berlinale, die es eigentlich garnicht geben dürfte. Tut es aber doch. Die kalkulierte Leerstelle auf der Eröffnungsgala für den inhaftierten iranischen Regisseur Jafar Panahi ist nicht das einzige Beispiel. Ein schmerzender und gleichzeitig visionärer Brief Panahis wurde verlesen, den er aus dem Gefängnis schmuggeln konnte. „Niemand weiß, welchen Preis der Regisseur für seinen Mut bezahlen wird.“ Im Vergleich dazu sind die anderen Leerstellen, von denen Zehrt spricht, eher anekdotischer Natur. Das Fernbleiben des Coen-Teams bei ihrem eigenen Film etwa oder auch die Meldung, dass Madonna sich auf einen dreiminütigen Ausschnitt aus ihrem Film begrenzen wird. „Davo und danach gibt es: Leere.“

In einem so bissigen wie witzigen Beitrag für „ausgepresst“ stellt Jürgen Kleindienst den Antrag, dass die Schule erst um 9 Uhr beginnen, stattdessen Kinderarbeit in Theater und Fußball bis mindestens Mitternacht erlaubt werden solle.Nicht zuletzt unter dem Hinweis, dass „die jungen Menschen“ in der Zeit, in der sie auf der Bühne oder dem Platz stünden, sich nicht mit Nintendo oder Super RTL beschäftigen können.

Nina May hat ihren Besuch der "Pension Schöller" im Centraltheater wie gewohnt nicht mit einer einheitlichen Meinung abschließen können. „Ärger, Genervtheit und Langeweile“ empfindet sie im ersten, noch schwankhaften Teil der Inszenierung. Ihr missfällt die Masche, die Schauspieler „herumzappeln“ zu lassen (Maximilian Brauer), „abgehackt quäkend schreien“ zu lassen (Peter René Lüdicke) oder dem Text alle Leichtigkeit zu nehmen, indem es „mit allerlei Zusatzszenen aufgebläht“ werde. Da bricht sie schon mal den Stab über die Hartmann-Kunst („Künstler gerieren sich auf der Bühne in ihrem von Kirschgarten bis Prozess überstrapazierten Leerlauf – in der Annahme, innovatives Theater zu machen“), um ihn gleich anschließend wieder zusammenzuleimen. Die Figuren der vorgeblichen Irrenanstalt seien schlicht „großartig“: Birgit Unterweger, Ingolf Müller-Beck, Barbara Trommer, Hagen Oechel, Holger Stockhaus und auch Matthias Hummitzsch. Kehrtwende nach der Pause: Zwischen Thriller und Mafiosi-Film changiert das Genre nun, das auf der Bühne anzusehen sei. Einige aktuelle Anspielungen bis hin zu „Agit-Prop“ bleiben selbstverständlich nicht aus. Das einzige, was der May fehlt, worauf sie sich wohl gefreut hatte, ist der im Programmheft versprochene „Kommentar über das nervöse Zeitalter“. Scheint fast wieder vergessen, als Linda Pöppel nach annähernd vier Stunden in einem furiosen Schlussmonolog das Publikum zum Ab- oder Ausklatschen herausfordert, allerdings erst bei deftigeren Zitaten aus den Rängen sich wirklich zum Aufhören überreden lassen kann.

Mit ein wenig Etikettenschwindel, oder besser, typisch Leipziger Großmannssucht wurde mal wieder der Leipziger Theaterpreis vergeben. Nicht, dass die ausgezeichneten Schauspieler Guido Lambrecht und Hagen Oechel den Preis nicht verdienen würden. Das tun sie allerdings. Es wird nur wie schon in den Vorjahren der Eindruck erweckt, als seien die einzigen, in Frage kommenden  Schauspieler, Tänzer, Sänger etc. für den „Leipziger Theaterpreis“ am Centraltheater beschäftigt. Die Freunde des Schauspiel Leipzig e.V. haben sich allerdings in anderen Spielstätten der Stadt bisher nicht umgesehen. Leipziger Centraltheaterpreis wäre also bis auf weiteres die korrektere Bezeichnung. Nichtsdestotrotz, mit Sebastian Weber zu sprechen, „Herzlichen Glückwunsch.“

Donnerstag, 10. Februar 2011

lvz kultur vom 10.2.11: Dornröschenschloss Oper? Hilsdorf. Selek. Deimel.

Nicht Peter Konwitschny, Dietrich Hilsdorf macht die wichtigen Inszenierungen an der Oper Leipzig, die artifiziell sind, psychologisch und sehr lebendig und mitten hinein in den Gefühlshaushalt vieler Menschen treffen. Hilsdorf, der in Leipzig Mozarts „Entführung“ und Janaceks „Jenufa“ inszeniert hat, wäre eine Intendanz wert gewesen. Schade, dass man sich so schnell für den Spatz in der Hand entschieden hat.

Morgen hat abermals eine Hilsdorf-Inszenierung Premiere, Brecht/Dessaus „Deutsches Miserere“. Eine Premiere, auf die Leipzig tatsächlich zu warten scheint, so ungewöhnlich, herausfordernd und möglicherweise emotional aufwühlend sie zu werden verspricht („Da ist eine gewisse Grausamkeit, aber auch eine notwendige Bewusstmachung“). Peter Korfmacher sprach mit Hilsdorf. Der erklärt ihm sehr genau, warum dieses Requiem in Collagenform dennoch Theater ist. Den Bildern und Texten muss er natürlich noch das Szenische hinzufügen. Der dramatische Bogen scheint sich am ehesten über die Dramaturgie des Ortswechsels zu ergeben: Er verbindet Faustische Walpurgisnachtsymbolik (interessanterweise die dritte Faust-Auseinandersetzung demnächst in Leipzig neben Petras „Droge Faust Parsifal“-Inszenierung nach Schleef und Zielinskis „Zerreißprobe Faust“ nach van Woensel) und afghanisches Kriegsleiden mit deutscher Geschichte, einem antiken Chorstück über den Krieg (Äschylos' Perser) und schließlich einer Öffnung der Szene in Richtung Publikum.Das strömte bereits zu den Hauptproben, zumindest das ältere. Aber wo wirklich was los ist, kommen die jungen schon nach.

Zweimal hat das oberste türkische Gericht eine Entscheidung untergeordneter Stellen aufgehoben und eine Verurteilung der Angeklagten nahegelegt („lebenslang unter erschwerten Bedingungen“). Jetzt ist Pinar Selek, in Deutschland lebende türkische Soziologin, der die Beteiligung an einem gänzlich unbewiesenen Bombenanschlag in Istanbul zum Vorwurf gemacht wird, zum dritten Mal freigesprochen worden, wie Carsten Hoffmann berichtet. Das oberste Gericht stützte seine Haltung auf eine unter Folter gemachte Aussage eines Mitangeklagten. Selek galt allein schon durch ihre kritische Haltung zur Kurdenfrage und zu Geschlechterthemen in der politischen Diskussion der Türkei als enfant terrible und wurde entsprechend verfolgt.

Ein ungemein charmantes „Dornhäuschen“ hat Nina May in „ausgepresst“ zum Thema gemacht. Der Franzose Louis Mantin hatte testamentarisch verfügt, dass sein Haus in der Auvergne nach seinem Tod für 100 Jahre nicht verändert werden dürfte. Nach Ablauf der Frist ist es jetzt als Museum geöffnet worden. Nina May hat sichtlich Freude an der Vorstellung, dass die Leipziger Oper vielleicht unbewusst eine ähnliche Verfügung befolgt: Wieviele Jahre dem Publikum bereits nicht auffällt, dass die Oper hinter virtueller Dornröschenhecke einen seligen Schlaf schläft, in der höchstens ein armer Koch hin und wieder mal für versalzene Speisen sorgt, ist ihr eine spannende wie amüsante Vorstellung. Ob Ulf Schirmer der Prinz ist, der sie wachküsst? Nina May registrierte nebenbei bewundernd, dass in Mantins Haus die Glühbirne das modernste Element gewesen sei. Elektronisch gesteuerte Scheinwerfer hat die Oper heute auch vorzuweisen. Darf's auch etwas mehr sein?

Claus Deimel, Direktor mehrerer sächsischer Museen zur Völkerkunde, plant einen ungewöhnlichen Ausstellungstausch. Bis zu 300 Jahre alte indianische Kunst aus einem kleinen Museum im kanadischen Vancouver (U'mista Cultural Centre, Alert Bay) kommt nach Dresden, dafür werden etliche barocke Schätze der Dresdner Kunstsammlungen den Weg nach Kanada antreten. Die Doppel-Ausstellung „Die Macht des Schenkens“ stellt dann auf Dresdner Seite ausführlich den indianischen Ritus des Potlatchs dar, in dem bis 1884 Stammeshäuptlinge sich gegenseitig durch zeremonielle Geschenke zu übertrumpfen suchten. Der ursprünglich spirituelle Charakter des Festes ist durch den Einfluss materialistischer Gesinnung durch weiße Händler seines Inhalt beraubt worden, viele Stämme wurden so in den Ruin getrieben. Die kanadische Regierung verbot daraufhin den Potlatch bis in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein. Heute bemüht man sich um die Wiederbelebung dieser indianischen Tradition. Die Ausstellung wird über das Schenken als sozialen Akt dessen politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Grundlagen darzustellen versuchen, wie lvz redakteur Thomas Mayer schreibt.

Mit dem Beginn der Berlinale bricht wieder die Zeit der großen europäischen Filmfestivals an, die traditionellerweise stärker die Filmkunst ins Zentrum stellen als die am Massengeschmack orientierte Oscar-Preisverleihung. Auch wenn Berlin, Cannes und Venedig für manche bereits auf dem absterbenden Ast sitzen (die Zukunft läge in den Entwicklungen in arabischen, südamerikanischen und asiatischen Ländern oder dem Festival in Toronto, schreibt Gregor Tholl), ist der Glamourfaktor der drei doch außergewöhnlich. In einem augenzwinkernden Vergleich billigt Tholl der Berlinale den politischsten, dabei ästhetisch längst nicht auf Europa fixierten Stellenwert zu. Cannes hätte den größten Prestigefaktor während Venedig als romantisch und weniger geschäftsorientiert als die anderen gelte. Eine Prognose auf den Bären-Gewinner gibt Gregor Tholl aber nicht ab, außer, dass der Gewinner und der Titel des Film vermutlich wieder Zungenbrecher sein werden.

In einem Artikel voller abgestandener Redewendungen schreibt Tatjana Böhme-Mehner über die „Night of the Dance“ im Gewandhaus. Alles, was sie sagen will, geht unter in der inflationären Verwendung von Begriffen wie „im ursprünglichsten Wortsinne“, „ein Paket voller leckerer Appetithappen“, „was gegenwärtig so angesagt ist“, „und das kommt an“, „frisch serviert“, „Leckerbissen“, „mit unverwechselbarem Charme“, „sorgen für verblüffende Kurzweil“, „Kultnummern“ etc. Mit Böhme-Mehner zu sprechen, „am frischesten rüberkommen“ tut die ungemein wichtige, beim Leser entscheidende Floskel am Artikelende: „Ein echter Knaller.“