Montag, 21. März 2011

@easyrider auf lvz online: Grenzerfahrungen auf der Buchmesse

Selten so gelacht, liebe Tante Janina, wie über ihren jüngsten Beitrag auf lvz online. Bald, wenn die Rente kommt, dürfen Sie ja frei entscheiden, ob sie diesen Kindern aus der Krachmacherstraße begegnen möchten oder nicht. Aber darf ich mir überhaupt einen Scherz erlauben mit Menschen, die sich lieber 300 Tage im Jahr auf den Redaktionskonferenzen oder -fluren den Mund zubinden lassen, als vier Tage Lesefest-Feste zu verarbeiten? Bekommen Sie nicht doch eher Ausflipper oder Depressionen über die herrschende Praxis der Pressefreiheit, als über die Begegnung mit Kindern? Wenn das tatsächlich nicht so ist, haben sie ja jetzt wieder 360 Tagen der klösterlichen Ruhe, in denen Sie Ihr Buchmessen-Trauma aufarbeiten können. Oder mal einen Gedanken an den Zusammenhang einer gewissen Unreife von 17-jährigen mit scheinliberalen Verhältnissen um uns herum zu verschwenden.
Mit leichtem Bedauern,
athene
P.S. Der Satz mit den Verlagsprogrammen hat mir allerdings ziemlich gut gefallen!

Mittwoch, 16. März 2011

athenes Moratorium

Auch athene hat sich in einem heimlichen Deal mit der Energiewirtschaft zu einem mindestens dreimonatigen Moratorium für das Blog entschieden. Die Streichhölzer zwischen den Augen wurden immer länger, die über ein halbes Jahr dauernde regelmäßige Nachtarbeit bei gleichzeitigem energiefressendem Tagesjob hat spürbar Energiedefizite verursacht. athene bedankt sich bei allen regelmäßigen Lesern (lvz kulturredaktion! paco! u.v.a.) für die Aufmerksamkeit und hat auch die aufmundernden Kommentare durchaus genossen.
Ob der Altreaktor noch einmal ans Netz gehen wird, weiß zur Zeit nur Pythia Merkel oder e-on chef Johannes Teyssen. Eine Gefährdung der Langeweile der lvz Leser war aber zu jedem Zeitpunkt ausgeschlossen und kann auch für jede Zukunft ausgeschlossen werden.
Eure athene

Dienstag, 15. März 2011

lvz kultur vom 15.3.11: Ängste, Träume, Hoffnungen. Lynch. Terzakis. Schulz & Schulz.

Zwei Amerikaner fahren durch Deutschland, hoch und runter, kreuz und quer, und suchen Menschen. Menschen, die mit ihnen sprechen wollen, die sie fragen können, die antworten wollen. Es sind Austin Lynch und Jason S. Sie interessieren sich für die Ängste, Träume und Hoffnungen der Deutschen. Die beiden Filmemacher aus New York stellen für ihr "Interview Project Germany" zufällig ausgesuchten Menschen einfache Fragen: „Wie war deine Kindheit?“, „Was war das einschneidendste Erlebnis in deinem Leben?“ oder „Worauf bist du stolz?“, reagieren aber spontan auf die Menschen, die sie aussuchen. Eine Stunde lang sprechen sie mit ihnen über ihr Leben, ihr Erfolge, Niederlagen, Wünsche. Viele, darunter Rentner, Arbeitssuchende, Teenager, Verlassene, haben harte Schicksalsschläge hinter sich. Es entsteht eine Reihe etwa 5-7-minütiger Kurzfilme fürs Internet mit den „wichtigsten Aussagen“. Lisa Förster, lvz redakteurin, schreibt: „Für die Befragten ist das Interview-Projekt mehr als nur eine Art Vermächtnis an die Nachwelt. Viele hätten sich überhaupt zum ersten Mal jemandem geöffnet, sagten die Regisseure.“ Vielleicht war's ja anders. Vielleicht hat sich zum ersten Mal jemand für sie interessiert? Ihnen zugehört? Vielen Menschen fehlt zunehmend die Sprache. Und oft ein Gegenüber. Selbst im Sportverein wissen viele, die seit Jahren, manchmal Jahrzehnten miteinander spielen, nichts besonderes von ihren Mitspielern zu berichten. Man verbringt Zeit miteinander, ja. Über Schwächen wird sich lustig gemacht. Das ist rauher Humor. Aber fördert keine privaten Gespräche. Umso schöner ein solches Projekt. Den Roadtrip wollen die beiden Amerikaner gerne in anderen Ländern fortsetzen. Sponsoren gesucht!


In Chemnitz hat der emeritierte Kompositionsprofessor der Hochschule für Musik und Theater, Dimitri Terzakis, „ein wunderbar nostalgisches Stück neues Theater aus dem Niemandsland zwischen Dia-Vortrag, Melodram und Oper“ gezogen. In "Die Irrfahrten des Odysseus" wird Terzakis' „neoarchaische“ Musik mit einer „Laterna Magica Performance“ versehen, mit Illustrationen vom Beginn des Industriezeitalters, gleichzeitig male seine „kunstvoll schlichte Musik“ die Texte „klangsinnlich aus.“ Was von der Musik zu halten ist, von den Lichtbild-Illustrationen, dem Erzähler, der Sängerin – Peter Korfmacher ist jedenfalls beeindruckt. Wenn sie dermaleinst in Leipzig spielen sollten, würde sich Peter K glatt ein weiteres Mal die Vorstellung besuchen. Zu der übrigens auch Werke von Giorgos Kyraikakis gehören, vom Jugendkammerorchester der Städtischen Musikschule Chemnitz "fabelhaft" gespielt.

Als kleines Abfallprodukt schreibt Peter Korfmacher die Glosse „ausgeräumt“ und betont, den Olivier Award 2011 in der Kategorie „Beste Operninszenierung“ bekomme das irische Ensemble OperaUpClose. Es inszenierte Puccinis Bohème in einer Kneipe (Cock Taverne in London) vor 35 Zuschauern, natürlich ausverkauft. Die Oper Leipzig ist neidisch, hat die Zeichen der Zeit erkannt und schmeißt bereits ihre ersten Stuhlreihen raus. Vielleicht sollte sie sich die Mühe garnicht machen, stattdessen einfach in die Geschäfte, Museen, Kneipen, auf die Straße gehen. Sprengt die Opernhäuser in die Luft, rief Boulez damals. Soll'n sie doch einfach raus aus den alten Klitschen. Auf den Bühnen ist ohnehin nur Moder.

Und eine weitere Kritik schreibt Peter Korfmacher, diesmal eine Ausstellungsbesprechung. Die beiden in Leipzig ansässigen Architekten Schulz & Schulz sind längst deutschlandweit tätig. Einfachheit und Selbstverständlichkeit seien die zentralen Kategorien, in denen sich die Entwürfe der beiden Schulzes finden werden, schreibt Annette Menting in einer soeben erscheinenden Werkmonografie "Schulz und Schulz. Architektur". Doch Korfmacher fehlt überraschend das Vokabular zur Architektur-Besprechung, etwas wie Beschreibung oder Beurteilung ohnehin. Am Ende kommt der kulturchef sogar mit der recht flachen Erkenntnis daher, dass „Form und Material, Raum und Nutzung, Umfeld und Tradition aufgehen in der baulichen Qualität und Schönheit., die ohne Zutat und Chichi aus sich selbst schöpft.“ Solche Schönheit hat man lange nicht gesehen. Doch die Begriffe und Beobachtungen sind allesamt aus Mentings Buch geborgt. Keine Kunst also. Bei Korfmacher. Nicht bei Schulz und Schulz.

Ein Text, dessen Einordnung schwerfällt. Angela Krauß schreibt mit „Im schönsten Fall“ eine Collage, die Wissenschaft und Naivität mischt. Ein einziger Gedankenfluss ist, bei dem mit „Strömungen mathematischer Philosophie“ gespielt wird. Angela Krauß sucht nach einem verbindlichen, allgemeingültigen Plan, eine hohe Ordnung, Strukturen. Karel sucht die Weltformel und begibt sich in Konkurrenz zu Einstein und Heisenberg. Seine Frau, Grafikerin, versucht der „der Schöpfung und ihrer Schönheit so nah wie möglich zu kommen“. Kai Kollenberg meint, der handlungslose Textfluss sei nicht eben leicht zu lesen, „halle aber umso länger nach.“ Wer allerdings eine Antwort auf den „Kampf zwischen Ratio und Gefühl“ erwarte, wird enttäuscht. Die gibt’s nicht. Stattdessen Hadern und Zögern. Auch vor der Liebe. Schließlich flieht die weibliche Hauptfigur: „Am Ende dieses Jahres habe ich Karel dreizehnmal gesehen. Dreizehn Mondzyklen ergeben 364 Tage. Ich habe Karel 364mal geküsst. Das Weltall ist asymmetrisch und zyklisch: die Liebe ist weder das eine noch das andere.“ Welches Glück.

Montag, 14. März 2011

lvz kultur vom 14.3.11: Auf dem Graben ein Mantel des Schweigens. Ballett. Hodgsons. Feidman.

Eine furchtbare MuKo-Premiere, eine Ballett-Gala in der Oper, ein alternder Rockstar sowie ein Teilchor der Wiener Sängerknaben mit dem Jugend- & Blasorchester Leipzig im Gewandhaus, Premieren im Theater Fact und dem Neuen Schauspiel Leipzig und promotete Auftritte von Marietta Slomka und Giora Feidman im Rahmen der Buchmesse in der lvz arena. Hört sich erstmal nach was an, dürftig bleibt es dennoch, das letzte Wochenende, oder besser: Das, was die lvz davon für berichtenswert hält.


Ob Peter Korfmachers Geduld mit der Muko eigentlich auch ein Ende hat? Anlässlich Kálmáns Operette „Die Zirkusprinzessin“ lässt Korfmacher jede höfliche Maskerade fallen und hat sich diesmal die SängerInnen als vornehmlich Positives ausgesucht, damit wenigstens nicht die gesamte Inszenierung zum Komplettausfall würde. „Schwachsinnige, idiotische, bescheuerte“ Handlung (Julius Brammer, Alfred Grünwald) eine Regie, die sich nicht mal für etwas entscheiden könne, „auf Augenhöhe“ (Beate Vollack, Natascha Ursuliak), „eine schlichte Choreografie“ (Beate Vollack), „quietschbunte, nicht immer vorteilhafte Kostüme“ (Dieter Eisenmann), ein „weitgehend unerhebliches Bühnenbild“, das wie eine „akustische Dunstabzugshaube“ für das Orchester funktioniere, kokette „Hüftschwünge“ des altersschwachen musikalischen Leiters (Roland Seiffarth), ein nicht „ausbalanciertes“ Orchester („lieber gleich den Mantel der Liebe und des Schweigens decken“), dafür ein Glück, das immerhin hüpfen könne (Elisabeth Fues).“ Keine „schöne Revue“, keine „schräge Parodie“, keine „Herzschmerz-Operette.“
Der Applaus „für MuKo-Verhältnisse „eher reserviert.“

Die Ballett-Gala in der Oper Leipzig, mit neben dem heimischen Ballett „großenteils erstklassigen“ Kompanien aus Wien, Paris, Madrid, Rom und Biarritz. Ballettchef Mario Schröder moderierte („Reden, zumindest vor Publikum, ist nicht seine Stärke“) mit „einigem Charme“, heißt die freundliche Sprachregelung. Dabei macht sich neben der „zelebrierten Tradition“ mit einer bloß „technischen Virtuosität“ etwa des Wiener Staatsballetts oder dem „Ballet de l'Opera national de Paris“ die „Lust am Suchen, Ausprobieren“ Schröders wohl ausnehmend gut.

Der kommunikative Roger Hodgsons (Frontmann Supertramp) hat gemeinsam mit Musikfreund Aaron McDonald eine erstmalige Stipvisite in Leipzig (Arena) gemacht, die sich augenscheinlich gelohnt hat. „Tosender Beifall“ nach der zweiten Zugabe.

Eine „Mischung aus Reisebericht („schwärmt vom äthiopischen Latte Macchiato“) und politischer Betrachtung („blickt kritisch auf die westliche Entwicklungshilfepolitik“)“ sei Marietta Slomkas Buch „Mein afrikanisches Tagebuch“ nach der ZDF-Doku „Afrikas Schätze“, mit dem die Nachrichtenfrau „den schwarzen Kontinent von Klischees („Hunger, Slums und Elend“) befreien“ will. Anita Kecke benutzt dazu die etwas peinliche Metapher des „buntes Bildes vom schwarzen Kontinent.“

Auch Giora Feidmans Lebenserinnerungen „Du gehst, du sprichst, du singst, du tanzt“ werden vorgestellt, weil der Gast in der lvz Autorenarena auf der Buchmesse und der Kuppelhalle der lvz auftreten wird. Peter Korfmacher schwelgt in Ausdrücken wie „Feidman ist der perfekte Resonanzboden für die Geheimnisse musikalischer Kommunikation“ und bekennt feimütig: „Ein Ton aus Feidmans Klarinette sagt mehr als alle Worte.“

Folgt man Mark Daniels Premierenbericht über „Alte_eisen.de“ im Theater Fact, eine tantiemesparende Fassung „unter Berufung auf Ähnlichkeiten mit Figuren des österreichischen Dramatikers Werner Schwab“, so war es anscheinend keine gute Idee, das Stück mit jungen darstellerinnen zu besezen. Weder Form noch Entwicklung, geschweige sinnvolle Spannungsbögen konnte Daniel in dem „Präsidentinnen“-Plagiat erkennen, nicht allein „fehlende Glaubwürdigkeit und stereotype Mimik“ bewirkt, dass„hier pure Stagnation die Zuschauer-Lust lähmt, sich rund 60 Minuten lang in das traurig-Komische Dasein der alten Schachteln einzufühlen“. Weder amüsiert es, noch berührt es. Gleichwohl „sehr höflicher Applaus.“

Und im Neuen Schauspiel Leipzig kann Steffen Georgi gar nicht recht sagen, warum unterm Strich „doch vergnügliche 90 Minuten“ herauskämen bei Slawomir Mrozeks Stück „Polizei“. Auf dem sich allerdings „etwas Staub abgelagert“ habe, zudem in Cygan/Raths Inszenierung die Farce zu einer „Klamotte aus einem abstrakten Absurdistan“ verkümmert sei. Doch, am Ende weiß Georgi es nun doch zu berichten, warum der Zuschauer sich gut unterhalten fühlt: Die Spieler „befreien zwar Mrozeks Stück nicht aus seinem Zeitkorsett in unsere Gegenwart hinein, es unterhält aber aus gerade diesem Grund auf eine fast altmodische Art.“

Freitag, 11. März 2011

lvz kultur vom 11.3.11: Chaos unter der Oberfläche. Louisan. Geiger. Schweighöfer.

Heute veröffentlicht Annett Louisan ihr neues Album „In meiner Mitte“ und gibt zugleich ein Konzert im Gewandhaus. Aus diesem Anlass gibt sie der lvz redakteurin Insa van den Berg ein biografisch anekdotisches und gut lesbares Interview. Diesmal interessiert sich van den Berg für die Person, weniger für die Texte Louisans und das, was möglicherweise nicht drin steht. Aber sie interessiert sich eben. Natürlich bestimmt die Musik Louisans Antworten auf die Frage nach Privatem. Ob es die Auswahl eines Wunsch-Duopartners ist (gerne David Bowie, Tom Waits oder Gisbert zu Knyphausen), bei der sie doch die Stimmen entscheiden lassen würde, ob man zusammen passe, oder ihr ganz besonderes Merkmal, das Mädchenhafte, das sie auf der Bühne liebe, selbst wenn es ihr im Privaten vieles schwerer mache (müsse sie aber in Kauf nehmen, wenn es sie andererseits eben glücklich mache) oder auch die Arbeit an „In meiner Mitte“ in Klaus Hoffmanns Studio auf einem Bauernhof bei Lüneburg, das sie an manches aus ihrer ländlichen Kindheit erinnerte. Das Musikmachen dort „war so ein richtiges Hippiegefühl“, viel Live-Eingespieltes, das mit dem Charme des Unzulänglichen, Unbearbeiteten überzeugt. Zuerst mal sie selbst. Die Songs stehen ohnehin „an erster Stelle.“ Über sich selbst denkt das „Mädchen mit dem Puppengesicht“, dass ihr von den Märchenfiguren eher Rumpelstilzchen als Schneewittchen nahekomme.

Janosch, schreibt Jürgen Kleindienst auf Grundlage eines dpa-Artikels, habe in seinen über 300 Kindergeschichten „einen Gegenentwurf“ zu seiner Kindheit geschaffen, deren „erste Jahre die totale Zerstörung meiner Person waren.“ Daraus erklärt er sich seine soziale Phobie, die ihn vor großen Menschenmengen befällt. Mit der Tigerentenbande hat Janosch nicht mehr viel am Hut, er hat sich mit seiner Partnerin nach Teneriffa zurückgezogen, will nur noch reisen und in der Hängematte liegen. „Was jetzt kommt, ist Urlaub!“ sagt Janosch abschließend. Glückwunsch zum 80.

Janina Fleischer schreibt über Arno Geigers neues Buch „Der alte König in seinem Exil“. Es handelt von der Krankheit Demenz und seinem Vater, der daran erkrankte. Das wesentlich (auto-)biografische, mitunter fiktionale, aber immer wieder auch dokumentarische Werk lasse sich in keine Schublade stecken. Zu spät habe Geiger übrigens erkannt, dass er den Vater zu Unrecht kritisiert habe, damals schon Erscheinungen der Krankheit gemeint, aber mit der Person geschimpft hätte (Etwa beim empfundenen Desinteresse des Vaters an ihm). Das Buch dokumentiere Dialoge, die keiner objektiven Wahrheit mehr entsprächen, sondern einer Privatlogik folgen, zeigt den Blick für den Verlust, der mit der Krankheit einhergeht und dennoch davon absieht, seinem Vater in Gesprächen eine Welt aufzuzwingen, die nicht mehr dessen sei. Gedanken über die Unterschiede zwischen Gesunden und Kranken kann Geiger nur mehr nüchtern betrachten. So billige er den Gesunden noch eine größere Fähigkeit zu, das Chaos unter der Oberfläche zu kaschieren, denn die Ordnung im Kopf selbst sei nur eine Fiktion des Verstandes, aber mehr auch nicht. Sein Buch bittet den Vater um Vergebung und ist möglicherweise doch zu nah dran an seinem Gegenstand, denn in seinem Buch „zersplittert am Ende doch, was ein großer Wurf hätte werden können.“

Rundum glücklich war Nina May mit der Inszenierung der Leipziger Schauspielschulstudenten „I Hired a Contract Killer“ in der Regie von Michael Schweighöfer. Poetisch und ungemein athmosphärisch sei die Umsetzung des Film geworden, Aki Kaurismäkis Kameraführung setze er „etwas Eigenes entgegen (die über den Dingen schwebende Pierrot-Figur als Erzähler) und „treffe ins Schwarze.“ Die Schauspielstudenten machten „eine rasante Show mit Musikeinlagen“, ohne auf Witz und Slapstick zu verzichten. „Fazit: sehr unterhaltsame eineinhalb Stunden, ein Besuch lohnt sich.“

Donnerstag, 10. März 2011

lvz kultur vom 10.3.11: Ich beschließe, also bin ich. Heimkinder. Leandros. Kunze.

Die Ungleichbehandlung in der Entschädigungsfrage für Heimkinder, die zwischen ehemaligen West- und Ostkindern gemacht wird, ist ein Skandal. Ob die Summen zwischen 2000 und 5000 Euro, die für Traumabehandlungen, Therapien und einiges andere gezahlt werden sollen, sofern die Landesparlamente und der Bundestag den Zahlungen grundsätzlich überhaupt zustimmen, in der Höhe richtig sind, ist nicht entscheidend. Es war ein Kuhhandel, das hat die Vorsitzende des Runden Tisches Heimerziehung West, Antje Vollmer, bestätigt. In Zeiten, „in denen um 5 Euro bei Hartz IV gestritten werde“, und in Relation zu den Entschädigungen von ehemaligen Zwangsarbeitern des Nazisystems, die bis 7500 Euro erhielten, sei das „zur Zeit Menschenmögliche“ erreicht worden. In Irland sind nach vergleichbaren Berichten über Misshandlungen etwa 64.000 Euro an die einzelnen ehemaligen Kinder gezahlt worden.

Der eigentliche Skandal ist aber, dass die Heime Ost garnicht zur Debatte standen. Und dass in allen Berichten der großen überregionalen Tageszeitungen oder anderer Medien wenn überhaupt, dies nur am Rande erwähnt wurde. Von dem Grund dafür ganz zu schweigen. Niemand hat dieser beschämenden Prozedur, dass nur Heimaufenthalte bis 1975 von Westkindern durch den Fonds entschädigt werden, überhaupt in Frage gestellt.
Umso wichtiger ist nun, dass Andreas Debski in der lvz dieses Frage anlässlich des Erscheinens des Buches „Erziehung hinter Gittern“ von Nicole Glocke thematisiert. Antworten kann er auch keine geben. Auch nicht, warum selbst nach erschütterten Äußerungen der Ministerinnen Schröder und Leutheusser-Schnarrenberger im Anschluss an den Besuch des ehemals geschlossenen Jugendwerkhofes in Torgau das Thema Heimerziehung und Jugendwerkhöfe Ost gesellschaftlich keine Diskussion wert sind. Auch Debski kann nur Fassungslosigkeit über die wiederholte Demütigung, die in dieser Prozedur steckt, durchscheinen lassen.

Warum das so ist, bleibt unklar. Ist es nur die Tatsache, dass den Ostschicksalen keine entsprechende Lobby zur Durchsetzung ihrer Anliegen verhilft? Ist es im Westen die Kirche, die mit ihrer Scham über sexuelle Missbräuche in den von ihnen betriebenen Heimen eine stärkere Rolle bei der Durchsetzung von Forderungen spielt? Oder ist es auch so, wie in Antje Vollmers Worten mitschwingt, dass mit den Problemen von Unterprivilegierten ähnlich wie den von kriminell gewordenen, heute vielleicht generell mit Unterschichtlern und deren Problemen, zudem mit Ostbiografie, einfach 'kein Staat' zu machen ist? Diese Menschen ohnehin kaum relevantes Wählerpotential darstellen? Weil ihnen der Glaube an Gerechtigkeit längst abhanden gekommen ist? Dass angeblich Schwererziehbare von damals auch nach ihrer jahrelangen, vielfältigen Stigmatisierung auch heute noch und wieder unappetitlich sind? Dass unserer Gesellschaft, in der nur die ökonomisch Potenten, und die sie umschwirrende Korona von Nutznießern noch von Interesse sind, diese Menschen genauso fern bleiben wie zum Beispiel Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Europa zu Tausenden verrecken?
„Der Mensch hat keine Moral“ wirft in Büchners „Woyzeck“ der bräsige Hauptmann dem geschundenen, ausgebeuteten, krank werdenden Woyzeck vor, und ist selbst derjenige, dem Moral in beinahe sämtlichen Facetten fehlt. Er hat nur die Position, zu definieren, welche Menschen moralfrei seien.
Dass die lvz überhaupt und nicht zum ersten Mal dabei ist, das Thema „ehemalige Heimkinder Ost“ weiter auf die Tagesordnung zu setzen, ist ihr hoch anzurechnen.

Weitere Themen heute in lvz kultur:

Janina Fleischer schreibt über den Auftritt der Vicky Leandros im Gewandhaus und konstatiert, dass sie gut ist. Dass am Ende auch das Publikum, selbst gegen andere Erwartungen, die an den „Schlagerstar“ gestellt wurden, dies so gesehen und die Sängerin gefeiert hat. Und beinahe rührend Fleischers Satz, dass „neben den singenden Schauspielern, Moderatoren, und Supersternchen, die Nacht für Nacht am Unterhaltungshimmel verglühen, eine singende Sängerin ja ein seltener werdendes Ereignis“ sei. Fleischer schließt ihren Beitrag mit: „'Danke!' ruft jemand in die kurze Stille vor dem allerletzten Jubel.“

Insa van den Berg führt ein Interview mit Heinz Rudolf Kunze, der am 19.3. in Haus Auensee auftreten wird. Und blamiert sich bis auf die Knochen. Hier ist die Kehrseite der anscheinend verrohten Gesellschaft zu erleben, eine Generation, der es insbesondere um Bekenntnisse, um Rechthaben und die allzu simple Vordergründigkeit einer angenommenen Haltung geht. Einem Mann, der 30 Jahre im Showgeschäft steht, der eine Ehrlichkeit an den Tag legt, Songzeilen wie „Ich will nicht in den Himmel/Ich will nur ins Fernsehen/Dafür mach ich mich nackig/Bis unter die Knochen...“ verfasst und singt, vorhalten will, dass er angeblich nicht mehr genügend Sozialkritik in seinen Liedern thematisiert und dass er bei Carmen Nebel auftrete. Der Kunze aber die absoluten basics erklären muss, wie denn das Verhältnis eines Songwriters zu einer angenommenen Ich-Figur in seinen Liedern ist. Wo augenscheinlich Hopfen und Malz verloren ist, das ironische Verhältnis des Künstlers selbst zu einer solchen Ich-Figur zu empfinden, wo er tatsächlich „ehrlich“ ist und wo er sich davon abhebt. Wo das Bewusstsein eines Bekenntnisses die moralingeschwängerte Empörung über den Künstler, wie könne er denn nur..., so viel spielerischer, ehrlicher, komischer, nuancierter übersteigt, dass man sich fragen darf, wer spricht eigentlich mit einer solchen lvz redakteurin über ihr Interview? Oder ist hier alles eins und die Zeilen sind nun mal geschrieben?

Interessante Fragen stellen sich auch zu dem „unaufgeregten“ Bürgerforum zum geplanten Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig, über das Thomas Mayer berichtet. Überrascht waren scheinbar alle über die Abwesenheit der Kritiker, obwohl doch beinahe 99% der lvz-TED Anrufer und der Leserbriefschreiber sich gegen ein solches Denkmal ausgesprochen haben. Die Unfähigkeit, sich einer Diskussion auszusetzen, andere anzuhören, Argumente zählen zu lassen, steigt und steigt. Entscheider sind ja heute gefragt, nicht Erbsenzähler, Schwätzer oder sonstige überkandidelten intellektuellen „Doktores“. Wo unsere Chefs schon selbstherrlich genug sind, niemanden ohne Not neben sich zu dulden, da ist das gefahrlose Besserwissen 'im sicheren Hort', ohne Gegenüber, das antworten kann, natürlich dem eigenen Ego schmeichelnder.
Schade nur, dass OBM Jung meint, auf der anderen Seite den Mister Unantastbar mimen zu müssen, „Meine Auftrag ist es nun, das Denkmal durchzusetzen, weil es politischer Beschluss ist“. Die Stadt Leipzig tut einiges, diese Entscheidung zu moderieren, wie es ja heute gängig zu werden scheint. Doch mit dem hübsch bürokratischen Wort „ergebnisoffen“ kann man diese Formen der Moderation längst nicht immer bezeichnen. Aufmerksam sollte man vielleicht auch in der Hinsicht werden, wenn Herr Jung von der vor ihm stehenden, „spannenden, aber auch schwierigen Aufgabe“ schwadroniert und herumschleimt, „ich kann die Leute verstehen, die da sagen: Da steht ein verrosteter Würfel, an dem Kränze niedergelegt werden. Genau so ein Denkmal brauchen wir nicht.“ In dem Satz steckt so viel Ressentiment gegen moderne Kunst, wenn sie sich erdreistet, abstrakt zu sein, dass man Jung mit der impliziten Forderung nach einem auf den ersten Blick 'verständlichen Denkmal' nur eine gehobene Form des Populismus zubilligen kann.

Dienstag, 8. März 2011

lvz kultur vom 8.3.11: Das zuckt ja noch, das Thalia! 100 Jahre Frauentag. Uwe Scholz. Neo Rauch.

Haben wir es nicht schon immer gewusst? Es gibt ein Feuilleton außerhalb der FAZ und ZEIT! Auf einem Zeitungspäckchen mit der Aufschrift lvz sollen von einem unermüdlichen Alphabeten der Nasa Spuren von Leben entdeckt worden sein. Es sollen "Würmern ähnenelnde kleine Texturen" und "Spuren, die wie Bakterien aussehen" sein, die nun mittels Mikroskop näher auf mögliche zivilisatorische Bestandteile untersucht werden. Der Mitarbeiter der Nasa verstieg sich sogar zu der Behauptung, "dies scheine zu beweisen, dass es überall kulturelles Leben gibt und dass das Leben auf den Seiten der FAZ und ZEIT von anderen Planeten stammen könnte." Hundert Abonnenten der lvz werden nun die Möglichkeit erhalten, die lvz kultur eingehend zu studieren und ihre Befunde in den kommenden drei Tagen in den Leserbriefspalten zu kommentieren.

Das gilt leider nicht für den Aufmacher auf der heutigen lvz kultur, dem der Redakteur vom Dienst sogar noch die Einleitung „100 Jahre Frauentag: Martina Rellin erzählt, weshalb das nicht nur ein Grund zum Augenverdrehen ist.“ Und die Augen bewegen sich doch, allerdings wegen des bieder hausfraulichen Beitrags der ehemaligen Chefredakteurin des „Magazin“ zum Internationalen Frauentag selbst. Vielleicht ist die Rellin etwas zu frühzeitig aus ihrer Ehegattinnenhölle befreit worden, etwas Isolationsehehaft hätte man der Verfasserin des Buches „Göttergatten – und sie reden doch“ gerne noch gegönnt. Und dass sie geschwiegen hätte. Rellin kämpft bevorzugt längst vergangene Schlachten, lässt Clara Zetkin hochleben wegen ihres 1899 aufgebrachten Mutes, als alte Schachtel (mit 42!) einen 24-Jährigen zu heiraten, oder dem der UNO, den Frauentag 1977 offiziell zum Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ zu erheben und ihm jedes Jahr ein neues Motto zu geben. Und immer wieder die Kämpfe Ost gegen West, die stets aufs neue auf den einen Punkt hinauslaufen, wir „selbstbewusste Pragmatikerinnen Ost“ waren doch besser als ihr „kampfverschlissene Sektiererinnen West“! Ganz gegen Bascha Mikas Feigheit-Verdikt wagt sich Rellin sogar mit dem „pragmatischen“ Vorschlag für die Gegenwart hervor, „auch Söhne und Ehemänner räumen ab heute die Spülmaschinen aus!“ Dass sie den längst auch von den Männern gelernten Pragmatismus vor lauter Selbstverliebtheit misszuverstehen neigt, zeigt ihr Schlusssatz: „Jedenfalls klingt mir noch ein sehr schöner Satz von einem männlichen Gesprächspartner für eines meiner Bücher im Ohr, der Mann ist Künstler und bezeichnenderweise aus dem Osten, er formulierte ausgesprochen nonchalant: 'Also für mich ist jeder Tag Frauentag.' Na bitte.“ Na danke.
Schwamm drüber. Denn all das wird weitgehend von Birgit Hendrichs neuer Farbenlehre des Applauses wettgemacht, mit der sie die die Wiederaufnahme des Balletts „Die große Messe“ von Uwe Scholz zu Mozarts Krönungsmesse an der Leipziger Oper beschreibt. Sie erkennt „kühle Blautöne“, wenn er verhalten kommt, „warme Farben“, wenn er dankbar und freundlich klingt und kann „hell“ in Begeisterung lodern oder als Zwischenbeifall leuchten. „Feuerrot“ brandet der Applaus nach den Soli, Pas de deux oder Pas de trois auf, „dunkler“ bei Aarvo Pärts „Credo“. „Erdig und warm“ klingt er, wenn die Gesangssolisten gemeint sind, „hellrot“ für den Chor der Oper Leipzig und der Schlussbeifall sei einfach nur „bunt.“ Bunt wie begeistert. Auch meine Tastatur denke ich mir jetzt bunt.

Auch Nina May widmet heute ihr „ausgepresst“ den unsäglichen Vorkommnissen an der Hallenser Theater, Oper und Orchester GmbH, wo nun klar zu sein scheint, dass der längst vereinbarte, sehr solidarische Haustarifvertrag von der Gewerkschaft Verdi und dem städtischen Gesellschafter der GmbH bzw. von Geschäftsführer Rolf Stiska nicht unterzeichnet werden wird. Das Thalia Theater folglich aufgelöst wird. Nina May, die gleich anfangs in ihrem Text endlich wieder eine wundervoll komische Bemerkung einflicht („Die Eisenbahn-Gewerkschaftler streiken einfach mal wieder (haben sie eigentlich je aufgehört?!),“ wundert sich zu Recht, warum ein solches Gewese um die Gewerkschaft der Lokomotivführer gemacht wird, wo doch die Bürokraten des Arbeitskampfes (hie wie da) sich zur Zeit ein komplettes Kinder- und Jugendtheater auf das Gewissen laden.

Judy Lybke kontert. Wenn seine Galerie Eigen+Art nicht zur Art Basel eingeladen wird, wird es selbstverständlich keine Mauertaktik seiner von ihm vertretenen Künstler geben, vielmehr einen Tempogegenstoß, meint lvz redakteur Jürgen Kleindienst. Die erste fertiggestellte und öffentlich gezeigte Skulptur Neo Rauchs werde nun eben – ätsch – auf der Art Cologne gezeigt. Basel hat den Schaden. Sieg in der Verlängerung. Lybke lässt sich halt nie nicht unterkriegen. Und wo er schon dabei ist. Einen seiner zwei Träume (Auf den Mond fliegen und Schauspieler werden) hat er modifiziert. Hartmann, Zielinski, Schreiber & Co: herhören! Jetzt will Lybke gerne mal Regie bei einem Theaterstück führen. Na, interessiert? Zum ersten, zum zweiten, ...